Warum Amerika nicht aufhören kann


von Michail Khasin

Aus dem Russischen von Roobit, erschienen am 29.12.2014
Aus dem Englischen von James B.

Oder: Versuch einer Beschreibung der Korrelation von US-Problemen und internationaler Sicherheit.

 

Schon zu früheren Gelegenheiten schrieb ich, daß die USA absichtlich das gesamte internationale Sicherheitssystem zerstören.  Das gleiche System, das sie zusammen mit der UdSSR aufgebaut hatten. Warum sie überhaupt anfingen, dieses System auseinanderzunehmen, ist ebenfalls unbegreiflich.  In den 1990ern kam in den USA die Generation der »Sieger« an die Macht.  Diese Leute sind der Meinung, sie hätten die UdSSR »besiegt« (unsere Theorie erklärt, warum dem nicht so ist [ru]) und eben weil sie »Sieger« sind, können sie tun und lassen, was sie wollen.  Sie fanden, daß kollektive Sicherheitsarrangements beschwerlich sind und daß sie ihr eigenes Sicherheitssystem brauchten, eines, worüber nur sie alleine die Kontrolle ausübten.

Wenn wir uns bemühen, die individuelle Rhetorik derer zu analysieren, die die Staaten regieren, die in den letzten 20 Jahren von der Nato aufgenommen wurden, können wir nachvollziehen, welche Logik hinter der Erweiterung steckt: ›Wir werden bedroht und die USA sind unsere einzigen möglichen Beschützer, deshalb müssen wir in eine US-zentrische Sicherheitsstruktur integriert werden!

All das geschah während Rußland sich aus Prinzip nicht in die Angelegenheiten dieser Staaten einmischte (nicht einmal in die der Ukraine, die auf sich allein gestellt war, was wiederum großteils mitverantwortlich ist für die jüngsten Ereignisse dort).  Rußland war für niemanden eine Bedrohung, und das ist es auch jetzt nicht.  Das Ziel ist die absichtliche Zerstörung des alten globalen Sicherheitssystems, in dem Rußland eine Schlüsselrolle spielte.

Die von Grund auf neue Schaffung eines neuen Sicherheitssystems ist ein äußerst kostspieliges und zeitaufwendiges Unterfangen, und das ist der Hauptgrund, warum die USA in einigen Punkten doch noch die Gespräche mit Rußland fortgeführt haben, etwa zur atomaren Abrüstung.  Der Hintergrund dieser Gespräche läßt sich am besten durch eine Formel ausdrücken: ›Wir reden nur über Fragen, die wir selbst für wichtig halten, da sie in unserem Interesse sind — und der Rest geht Dich nichts an.

Das Problem mit solchen Plänen, die in den 90ern entworfen und in den 2000ern implementiert wurden (recht wahrscheinlich wurden die Ereignisse vom 11. September 2001 [ru] organisiert um die Ausführung dieser Pläne einzuleiten, so wie Pearl Harbor inszeniert wurde, um die USA aus den Fängen des Isolationismus zu befreien, ist, daß sie auf Annahme des stetig anhaltenden Wirtschaftswachstums basierten; diese Annahme wiederum auf dem Primat amerikanischer Ressourcen.  Statt dessen endete die Planumsetzung in Krisen, die diese verfügbaren »Ressourcen« beträchtlich schmälerten.

Ich muß anmerken, daß die Periode der Vereinnahme der Märkte in der früheren sozialistischen Staatengemeinschaft in der Tat zum »goldenen Zeitalter« für die amerikanische Wirtschaft wurde, sogar der Staatshaushalt erzielte einen Überschuß.  Aber unsere Arbeit von 2001, in der wir das Gleichgewicht zwischen verschiedenen Branchen der US-Wirtschaft im Jahre 1998 untersuchten [ru], kam zum Schluß, daß die USA am Rande des wirtschaftlichen Abgrund standen, vergleichbar mit der Situation in den frühen 1930ern.  Das heutige Bild ist weitaus beunruhigender und was dagegen getan werden könnte gleichsam unklar.  Das alte Sicherheitsmodell wurde zerstört.  Vertrauen kann nicht wiederhergestellt werden, denn ein neues Modell existiert nicht.  Es gibt hier und da einige verbliebene Einzelteile, aber sie funktionieren nur, wenn die USA es wollen.  Eine derartige Intervention der USA besteht faktisch aus der Bereitstellung großer Geldsummen an alle Teilnehmer des Prozesses, und der ist fehlerhaft: Palästina, ISIS, etc.

Dies geschieht während sich die Situation innerhalb der USA verschlechtert.  Das Problem ist eine schon seit langem bestehende Barriere zwischen den Eliten und dem Rest der Gesellschaft; eine solche Barriere entsteht auch hier in Rußland.

Das amerikanische Bildungssystem — und ich meine das, das gesellschaftliche Führer vorbereitet — wurde schon in den 1960ern zerstört: Ein Durchschnittsbürger (in der Mundart der Elite: »das Schaf«) hat keine Chance auf das Erreichen einer höheren »elitären« Ebene, die Ebene, von der die Gesellschaft regiert wird.  Eine erfolgreiche Heirat könnte die theoretische Ausnahme sein, aber dieser soziale Fortschrittsmechanismus kann nicht in systemischer Art angewandt werden.  Trotzdem gibt es für diejenigen, die aktiv geboren sind (und im zarten Alter von der Strafpsychiatrie verschont bleiben oder nicht dem Jugendstrafrecht zum Opfer fallen) Mechanismen für eine nach oben gerichtete soziale Durchlässigkeit, die sie in die Ebene der technokratischen Elite befördern könnte.

Problematisch in dieser Hälfte des Jahrhunderts ist die Häufung von Leuten, die auf einen scharfen Rückgang ihres Lebensstandards völlig unvorbereitet sind.  Vor dem Hintergrund der Verschärfung der Wirtschaftskrise mußte der Lebensstandard dieser Bevölkerungsschichten der amerikanischen Gesellschaft definitiv reduziert werden, damit die »eigentliche Elite« ihren Status und ihre Macht behält.  Dies kann das System an die kritische Belastbarkeitsgrenze der gegenseitigen Widersprüche fahren.  Weil die internen Ressourcen aufgezehrt sind, die der sogenannten »oberen Mittelschicht« ihren Lebensstandard sichern, müssen externe Ressourcen als Ersatz gefunden werden.  Anders gesagt: Die USA können ihre innere soziale Stabilität nur auf Kosten eines anderen beibehalten.

Hier stolpern wir nun über die Reste des alten Sicherheitssystems. Das Bretton-Woods-System basierte auf der Annahme, daß alle Güter der teilnehmenden Staaten in Dollar geführt werden.  Mit der Einführung neuer Güter ins System wurden frische Dollar gedruckt, und die US-Eliten konnten ausklamüsern, mit welchen Eliten diese Dollar geteilt werden sollten, in den neuen Staaten (oder Regionen), die dieser Dollar-Zone zuteil werden würden.  Wie diese regionalen Eliten diese Dollar mit ihrer Bevölkerung aufteilten war deren Sache.  Aber dann gab es keine neuen Güter mehr, die in dieses System hätten eingebracht werden können — folglich konnten keine neuen Dollar gedruckt werden, und, schlimmer noch, bereits existierende Dollar wurden zugunsten der USA durch das US-kontrollierte Welt-Dollar-System verteilt.  Dies machte interne Konflikte in vielen Staaten der Welt alles andere als unvermeidlich.

Einige dieser Konflikte beginnen erst zu schwelen, andere sind schon brandheiß, aber deren Essenz ist dieselbe: Kontereliten. Die, die nicht an die sprichwörtliche Dollar-Keksdose herangelassen wurden, machen nun ihre Ansprüche gegenüber der vorhandenen Elite geltend, beanspruchen entweder die Wiederherstellung der Unterstützung für sich selbst (d. h. die alten Eliten müssen die Erstfinanzierung ihrer Wirtschaft aus eigener Tasche zahlen) oder gleich die Macht.  Offensichtlich sind die betroffenen existierenden Eliten pro-amerikanisch, also hat das sich entwickelnde Szenario den Beiklang einer zunehmend anti-amerikanischen Rhetorik.

Ich möchte Sie daran erinnern, daß ähnliche Prozesse schon in Lateinamerika stattgefunden haben, nachdem der Investitionsstrom aus den USA in der Folge des Zweiten Weltkrieges seine Richtung änderte.  Das Finale dort war entweder ein Zusammenbruch der Wirtschaft oder die Entstehung neuer Kräfte an den Schaltstellen der fraglichen Staaten, oft personifiziert durch brutale Diktatoren, und manchmal — wie in Chile — eine Kombination aus beidem.  Was mit den Weltregionen passieren wird, ist eine offene Frage, aber die Auswahlmöglichkeiten, die Amerika zur Erlangung der Kontrolle über die Situation hat, schrumpfen gewaltig.

Die USA werden offenkundig Zeuge dieser Prozesse und sie sind außerstande, etwas dagegen zu tun.  Von dieser Warte sind Obamas Spitzenbeamte nicht anders als die Putins: Er mag vielleicht nicht Nabiullinas Politik, aber er kann sie nicht einfach feuern, weil das den vorherrschenden Konsens mit den Eliten (zer-)stören würde (und er traut sich nicht, sich mit den Eliten anzulegen); genau wie das Regierungsteam in Washington nicht in der Lage ist, seinen Eliten entgegenzutreten, die unnachgiebig alles ablehnen, was ihren Status gefährden könnte.  Das wiederum heißt: Staub aufwirbeln ist verboten!

Mit dieser Definition sind alle Manöver verboten, die das Spiel wenden könnten, was wiederum alles verbietet, was die Regeln ändern könnte, die die USA im Jahrzehnt der 2000er eingeführt hat.  Etwa kann man nicht einfach so Grenzen verändern.  Möglicherweise hätten die USA nicht die Büchse der Pandora geöffnet, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnten, und hätten nicht den Kosovo von Serbien amputiert.  Aber getan ist getan, und das geschah ja in den blühenden 90ern.  Nun ist allerdings das Phänomen der Krim (oder etwas ähnliches) schlichtweg unzulässig.  Denn wenn wir Grenzveränderungen auf regionaler Ebene zulassen, dann verwandeln sich Osteuropa, der Nahe Osten und viele andere potentielle und tatsächliche Krisenherde in ernste Kriegsschauplätze.

Im Wesentlichen sind wir diejenigen, die verstehen, daß das unvermeidlich ist, aber die amerikanischen Eliten werden das nie begreifen (und deshalb werden sie unserer Wirtschaftstheorie nie zustimmen können) und deshalb wiederum werden sie alles tun, um ihr eigenes Ende hinauszuzögern.  Koste es, was es wolle.  Sie werden ihr Ende verschleppen, bis die gesamte Struktur in sich zusammenfällt, und auch sie begraben wird.  In diesem Sinne ist es verwegen, anzunehmen, sie würden die Sanktionen lockern oder gar uns [Russen] selbständiges Handeln zugestehen.  Vielleicht hätten sie sogar tief im Innern nichts dagegen.  Aber sie sind Gefangene ihres eigenen Systems.

 

* * *

Michail Leonidowitsch Khasin, Jahrgang 1962, ist russischer Ökonom und Publizist.  2003 veröffentlichte er das Buch »Sunset of the Dollar Empire and the End of the Pax Americana«.  Herr Khasin ist bekannt für seine Theorie der letzten Wirtschaftskrise.  Die Ursachen benannte er lange vor Eintritt dieser Krise.  Seine Themen sind auch globale wirtschaftliche Katastrophen und natürliche Monopole.  Er ist Autor einer Vielzahl von Büchern und wissenschaftlichen Arbeiten über globale Wirtschaftskrisen, staatliche Regulierung und politische Themen.  Er moderiert Sendungen bei Radio Echo Moskau und im RBK-Fernsehen.  Er gründete worldcrisis.ru, wo er regelmäßig schreibt. 

Herr Khasin absolvierte die Fakultät für Mechanik und Mathematik an der Moskauer Staatsuniversität.  Eine Zeitlang arbeitete er bei der Russischen Akademie der Wissenschaften.  Zwischen 1995 und 1997 leitete Khasin die Abteilung Kreditvergaberichtlinien im russischen Wirtschaftsministerium.  1997/98 war er stellvertretender Leiter der Wirtschaftsabteilung im russischen Präsidialamt.

Quelle: http://www.vineyardsaker.de/analyse/america-cant-stop-khazin/

Gruß an Wladimir  Putin

TA KI

2 Kommentare zu “Warum Amerika nicht aufhören kann

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