So verändern Sonnenfinsternisse die Geschichte


An die Sonnenverdunkelung am 20. März knüpfen sich dunkle Zukunftserwartungen. Schon die Politikberater des Altertums sahen große Veränderungen voraus. Die Frage ist immer nur: Wer ist das Opfer?

Gustave-Dore-Die-Finsternis

Das Nachdenken über die Aussagekraft einer Sonnenfinsternis ist so alt wie die Geschichtswissenschaft. Im ersten Buch seiner „Historien“ berichtet der Grieche Herodot (um 490–424), der nicht umsonst „Vater der Geschichtsschreibung“ genannt wird, von dem lange unentschiedenen Krieg zwischen den kleinasiatischen Lydern und den Medern, die ihr Reich im Iran errichtet hatten. Sechs Jahre dauerte der Konflikt bereits, als sich in einer Schlacht etwas Merkwürdiges ereignete: Bei Tage wurde es plötzlich Nacht.

„Diese Sonnenfinsternis“, schreibt Herodot, „hatte Thales den Ioniern vorausgesagt, und zwar gerade für das Jahr, in dem sie wirklich eintrat. Wie die Lyder und die Meder sahen, dass es bei Tage Nacht wurden, stellten sie den Kampf ein und hatten nichts Eiligeres zu tun, als miteinander Frieden zu schließen.“

Diese Nachricht ist für moderne Historiker gleich aus mehreren Gründen von großer Bedeutung. Zum einen liefert sie ein wichtiges Datum für die Chronologie. Denn bei dem Himmelszeichen muss es sich um die Sonnenfinsternis vom 28. Mai 585 v. Chr. gehandelt haben. Zum anderen bietet Herodot, der selbst aus Ionien (westliches Kleinasien) stammte, ein Hinweis auf den geistesgeschichtlichen Hintergrund, in dem Naturforscher wie Thales wirkten. Der gilt nicht nur als erster Philosoph des Abendlandes, auf den der nach ihm benannte geometrische Satz benannt ist. Sondern er war auch ein Politikberater, der tief in das Wissen mesopotamischer Zukunftsdeuter eingedrungen war.

thales von miletNicht umsonst galten die Chaldäer des Zweistromlandes als begnadete Astronomen, die (fast) alles über den Lauf der Sterne erforscht hatten. Dabei trieb sie allerdings weniger naturwissenschaftliche Neugier als vielmehr die Hoffnung, aus Konstellationen der Sterne Rückschlüsse auf die Zukunft auf der Erde ziehen zu können.

So haben sich in den Keilschriftarchiven altorientalischer Herrscher regelrechte Handbücher erhalten, die astrologische Fallsammlungen enthielten und ihre möglichen Deutungen dafür. So lieferte ein gewisser Akkullanu, ein Priester aus Assur, dem assyrischen Großkönig in Ninive eine Liste von möglichen Ereignissen, die nach einer „Finsternis des Mondes und der Sonne stattfinden“ könnten. Selbstredend, dass eine derart seltene Himmelserscheinung größtes Unglück bedeutete: „Ein großer König wird sterben.“

Wer und wo das sein würde, ließen die Kommentatoren allerdings offen. Da gelte es, die Richtung, welche die Mondsichel nehmen würde, zu analysieren und ihren Ort am Firmament und ob zur gleichen Zeit vielleicht ein weißes Lamm mit ungewöhnlicher Leber geboren wurde. Schließlich wollten sich die Priester nicht allzu sehr festlegen für den Fall, dass ihr König doch überleben würde. „Auf diese Weise taten sich immer wieder neue Möglichkeiten auf, im astralen Geschehen ein Spiegelbild von globalen politischen, wirtschaftlichen oder militärischen Wechselbeziehungen zu sehen“, beschreibt der Heidelberger Assyriologe Stefan M. Maul den Diskurs der „Wahrsagekunst im Alten Orient“.

Weil die altorientalischen Herrscher ihre Politik nach derartigen Orakeln ausrichteten, war es für ihre Berater geradezu lebenswichtig, außergewöhnliche Erscheinungen wenn nicht zu deuten, so doch wenigstens vorhersagen zu können. Aus diesem Grunde hatten die Babylonier schon früh die sogenannten Saroszyklen entdeckt, mit denen aufeinanderfolgende Sonnen- und Mondfinsternisse einigermaßen präzise terminiert werden konnten. Der Ionier Thales muss sich beizeiten dieses Wissen angeeignet haben.

Dass sich die Griechen in Kleinasien schon früh mit außergewöhnlichen Himmelsphänomenen beschäftigten, zeigt eine Stelle in der „Odyssee“, deren Autor (Homer und/oder andere) gemeinhin in Ionien verortet wird. Darin beobachtet Odysseus eine seltene Himmelskonstellation, welche die Sonnenfinsternis vom 16. April 1178 über der Ägäis gewesen sein könnte. Anschließend kehrte der Held in sein Königreich zurück und brachte alle Konkurrenten um.

Recke deine Hand gen Himmel, dass eine solche Finsternis werde in Ägypten, dass man sie greifen kann. Und Mose reckte seine Hand gen Himmel

Mose 2.10

Welche Folgen es für Astrologen haben konnte, wenn sie ihren Herrscher nicht rechtzeitig über die plötzliche Verdunkelung der Sonne in Kenntnis setzten, mussten zwei hohe Beamte am Hof eines chinesischen Fürsten erleben. Da sie die Finsternis vom 13. Oktober 2128 v. Chr. nicht vorhergesagt hatten, wurden sie umgehend hingerichtet. Das berichtet zumindest eine alte Chronik.

In der Bibel spielt eine Sonnenfinsternis eine wichtige Rolle. Im Streit über den Auszug der Juden aus Ägypten sprach Jahwe zu Mose: „Recke deine Hand gen Himmel, dass eine solche Finsternis werde in Ägypten, dass man sie greifen kann. Und Mose reckte seine Hand gen Himmel.“ (Mose 2.10). Der entsetzte Pharao aber rief: „Ziehet hin und dienet dem Herrn.“ Leider verzog sich der Schrecken mit der Rückkehr des Lichts, sodass es noch der zehnten Plage der Erstgeburt-Tötung bedurfte, bis die Israeliten endlich die Sklaverei fliehen durften.

Der Trick, mit dem Wissen um den rechten Zeitpunkt einer Sonnenfinsternis die Geschichte zu verändern, hat Schule gemacht, als Tragödie und als Farce. Am 16. Juni 1806 nutzte der Shawnee-Häuptling Tecumseh die Information, dass die Weißen an jenem Tag eine Verdunkelung der Sonne erwarteten, um seine Autorität gegenüber seinen Stammesbrüdern zu stärken. Als Führer der indianischen Truppen im Krieg gegen die USA geriet er aber auf die Seite der Verlierer.

Ähnlich erging es dem schwarzen Sklaven Nat Turner im US-Bundesstaat Virginia. Der sah in der Sonnenfinsternis vom Februar 1831 ein Zeichen Gottes, dass er zum Anführer einer Revolte bestimmt sei. Allerdings endete sein Aufstand am Galgen, was Turner in der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre eine bemerkenswerte Renaissance bescherte.

Vermutlich kannte der Schriftsteller Mark Twain die Geschichten von Tecumseh und Turner. In seinem Buch „Ein Yankee am Hof des Königs Artus“ kann sich die Hauptfigur vor der Hinrichtung retten, weil er eine Sonnenfinsternis als Zeichen seiner magischen Fähigkeiten ausgibt. Umgehend wird er zum Chefberater des Königs mit dem schönen Titel „Sir Boss“.

ludwig der frommeAuch in der deutschen Geschichte haben Verdunkelungen der Sonne ihre Spuren hinterlassen. So soll die Finsternis vom Mai 840 den Sohn Karls des Großen, Ludwig den Frommen, so entsetzt haben, dass er umgehend starb. Nüchterne Historiker vermuten allerdings eine Krebserkrankung als Todesursache. Auf jeden Fall wurde danach das Frankenreich unter den drei Söhnen des Kaisers aufgeteilt, wobei das östliche Los Ludwigs des Deutschen zur Grundlage des Heiligen Römischen Reiches wurde.

Nach dessen Untergang sorgte der Schriftsteller Adalbert Stifter dafür, dass sich eine Sonnenfinsternis in die deutsche Literaturgeschichte einschrieb. Was er am 8. Juli 1842 „bei günstigstem Himmel“ in Wien erlebte, hat er in einem berühmten Bericht beschrieben:

„Es war ein so einfach Ding. Ein Körper leuchtet einen andern an, und dieser wirft seinen Schatten auf einen dritten: aber die Körper stehen in solchen Abständen, das wir in unserer Vorstellung kein Maß mehr dafür haben, sie sind so riesengroß, dass sie über alles, was wir groß heißen, hinausschwellen – ein solcher Komplex von Erscheinungen ist mit diesem einfachen Dinge verbunden, eine solche moralische Gewalt ist in diesen physischen Hergang gelegt, dass er sich unserem Herzen zum unbegreiflichen Wunder auftürmt.“

So viel Aufklärung war vielen Zeugen der Sonnenfinsternis abhanden gekommen, die am 11. August 1999 die Gemüter vieler Mitteleuropäer bewegte. Von bösen Vorzeichen für das dritte Jahrtausend bis zum Kollaps der Computeroberfläche Windows war die Rede. Dieser blieb aus, und die Kapriolen der Finanzmärkte hatten damals nicht einmal überzeugte Apokalyptiker auf dem Zettel. Immerhin folgt die Menschheit immer noch dem Rat der alten Babylonier. Es ist immer gut zu wissen, wann es dunkel wird. Das nächste Mal am 20. März 2015. Den Rest wissen die Sterne.

Quelle: http://www.welt.de/geschichte/article138487057/So-veraendern-Sonnenfinsternisse-die-Geschichte.html

Gruß an die Mystiker

TA KI

3 Kommentare zu “So verändern Sonnenfinsternisse die Geschichte

  1. Pingback: So verändern Sonnenfinsternisse die Geschichte | meinfreundhawey.wordpress.com

  2. Ja auch in der russischen Geschichte von Igor und Yaroslawna gibt es soetwas. Beide wussten, dass er in der Schlacht verlieren wird. Sie bittet nochmal die Ahnengötter das sich das Schicksal ändern möge. Doch das Zeichen der Sonnenfinsternis war wohl eindeutig. Jetzt schaut mal auf die Flagge und Standarte hinter ihm. Das Bild ist über 40 Jahre alt und Konstantin wusste schon was kommt. Die Geschichte wiederholt sich, wenn den menschen die Einsicht und Besserung fehlt. Nach dieser Schlacht ist die wedische Kultur eingeschlafen und heute ist ihr Wiedererwachen,

    Seine Gemahlin Yaroslawna bittet, doch die Schwäne als Zeichen ihrer treuen Ehe stürzen

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