Katastrophenjournalismus heute — eine Anleitung


Sie sind ein deutsches Medium und fragen sich, wie Sie nach einem schweren Unglück trotz der Undurchsichtigkeit und Hektik in kurzer Zeit möglichst viele relevante Informationen liefern Klicks abstauben?

Da können wir helfen.

Wir haben uns die Berichterstattung nach dem Zugunglück in Bad Aibling genauer angeschaut und daraus ein paar hilfreiche Regeln abgeleitet. Wenn also das nächste Mal eine Katastrophe eintritt:

1. Atmen Sie auf keinen Fall tief durch. Beeilen Sie sich. Hauen Sie sofort alles raus, was Sie in die Finger kriegen. Alles. Sofort!


(maz-online.de, Dienstag)


(maz-online.de, Mittwoch)

***

2. Schildern Sie immer wieder ganz ausführlich und in riesiger Aufmachung die grausamen Details.

Wenn der Polizeisprecher sagt:


(n24.de)

… dann besorgen Sie sie woanders.


(„Focus Online“)


(n24.de)


(ovb-online.de)


(tz.de)

***

3. Sie sind ein Fachmedium, das thematisch eigentlich nichts mit der Sache zu tun hat? Egal.


(„Sport 1“)


(„Focus Money“)

***

4. Fangen Sie möglichst früh an, über die Ursachen und Hintergründe zu spekulieren. Raten Sie einfach drauflos.


(Bild.de)


(stuttgarter-zeitung.de)


(Bild.de)

***

5. Benutzen Sie die Spekulationen über die Ursache als Clickbait.

***

6. Benutzen Sie alles als Clickbait.


(„Focus Online“)


(„Huffington Post“)


(„Huffington Post“)

***

7. Ein Augenzeugenvideo vom Unglück taucht auf? Clickbait!


(Bild.de)


(abendzeitung-muenchen.de)


(express.de)

***

8. Ausschnitte! Zeigen Sie Ausschnitte!


(mopo24.de, Unkenntlichmachung von uns)


(„Tagesschau“, Unkenntlichmachung von uns)


(RTL, Unkenntlichmachung von uns)


(„Bild“, Unkenntlichmachung von uns)

Pro-Tipp: Laden Sie das Video auf ihre eigene Seite hoch und schalten Sie Werbung davor. So verdienen Sie jedes Mal mit, wenn sich jemand das Schock-Video angucken will.


(welt.de)

Um die Nörgler wegen des Videos zu besänftigen, schwurbeln Sie sich eine Rechtfertigung zusammen oder denken Sie sich irgendeinen Vorwand aus, warum Sie die Bilder zeigen.


(merkur.de, Unkenntlichmachung von uns)


(Unkenntlichmachung von uns)

***

9. Empören Sie sich über Medien, die die Bilder gezeigt haben. Ignorieren Sie die Tatsache, dass Sie sie selbst gezeigt haben.

***

10. Lassen Sie Beinahe-Opfer zu Wort kommen, die zwar überhaupt nicht dabei waren, aber fast.


(tz.de, Unkenntlichmachung von uns)

***

11. Fotografieren Sie Trauernde.


(Bild.de, Unkenntlichmachung von uns)

***

12. Wühlen Sie im Privatleben der Opfer und veröffentlichen Sie alles, was Sie finden können.


(tz.de)


(merkur.de, Unkenntlichmachung von uns)


(„Focus Online“)


(„Bild“, Unkenntlichmachung von uns)


(Bild.de, Unkenntlichmachung von uns)


(Bild.de, Unkenntlichmachung von uns)


(Bild.de, Unkenntlichmachung von uns)


(Bild.de, Unkenntlichmachung von uns)


(Bild.de, Unkenntlichmachung von uns)


(„Bild am Sonntag“, Unkenntlichmachung von uns)

***

13. Bedrängen Sie die Angehörigen, Freunde, Nachbarn und Kollegen der Opfer. Nehmen Sie keine Rücksicht.


(„Bild am Sonntag“, Unkenntlichmachung von uns)


(Bild.de, Unkenntlichmachung von uns)

***

Alles beherzigt? Glückwunsch! Damit dürften Sie Ihre Reichweite erheblich vergrößert haben. Und das Leid vieler Menschen. Aber so ist das eben.

Mit Dank auch an Matthias K. und Michael H.

Quelle: http://www.bildblog.de/76421/katastrophenjournalismus-heute-eine-anleitung/

Gruß an die Denkenden

TA KI

5 Kommentare zu “Katastrophenjournalismus heute — eine Anleitung

  1. Es soll ja auch ständig Leid erzeugt werden und wenn sich so ein schreckliches Unglück ereignet, dann legt man kräftig nach und schürt die Emotionen. Und die „Schuldfrage“ ist immer gaaanz wichtig. Die Medienhuren eben. Da existiert kein Mitgefühl, kein Anstand, null Respekt, da werden niedrigste Instinkte angesprochen. Wer sich als Leser oder Zuseher in diesem Dreck suhlt tut mir leid. Der hat noch nichts kapiert.

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