Beschädigt Botox die Seele?


Neue Studie zeigt: Botox-Behandlung kann Empathiefähigkeit einschränken

Den Einstich spürt man kaum. Wird das Nervengift in einen Muskel gespritzt, wird dieser für Monate gelähmt. Durch das Erlahmen der Muskeln glättet sich die Haut. Bekannt wurde Botulinum toxin unter dem Markennamen Botox. Es ist seit Beginn der 1980er Jahre auf dem Markt und wurde zunächst gegen Schielen, Schiefhals, Analfissur und Scheidenkrampf angewandt.

In den letzten zehn Jahren wurde Botox verstärkt zur Faltenglättung im Gesicht eingesetzt. Werden in Zukunft alle 60-Jährigen wie 40 aussehen? Botox-Anwendungen sind in Mode. Milliarden werden damit verdient. Der Trend steigt weiter: ein Wachstumsmarkt.

War man früher darum bemüht, Eingriffe in die Natur zu verbergen, ist Botox heute ein gesellschaftliches Phänomen. Man schämt sich nicht dafür. Im Gegenteil, man ist stolz darauf, auf der Seite der Gewinner zu stehen. Hier fließt zwar nicht Milch und Honig, aber zumindest Geld. Man kann sie sich leisten: die glatte Stirn.

Seele aus Plastik

Doch nun hat sich gezeigt, dass die Wirkung des Nervengifts tiefer geht. Botox hat nicht nur einen Effekt auf Gesichtsfalten, sondern auch auf unser Gefühlsleben. Frauen, deren Gesichtsmuskeln durch Botox gelähmt wurden, konnten emotionale Sätze schlechter verstehen (Havas, et al., 2010). Eine andere Studie zeigte, dass das Lähmen der Muskeln, die für das Zusammenziehen der Augenbrauen verantwortlich sind, Depressionen abmildern kann (Kruger & Wollmer, 2015).

Bild: Iris Brosch

Wurden Gesichtsmuskeln gelähmt, die bei einem bestimmten Gefühl angesprochen werden, war offensichtlich nicht nur der Muskel, sondern auch das Gefühl selbst blockiert. Einen ähnlichen Effekt hatte man bereits früher festgestellt: In einer Studie sollte eine Versuchsperson, während sie auf einen Bleistift biss, das positive Gefühl eines anderen erkennen. Dadurch, dass die Versuchsperson das Lächeln des anderen nicht nachahmen konnte, konnte sie das Gefühl der anderen Person schlechter erkennen (Oberman, et al., 2007). Um also ein bestimmtes Gefühl wirklich zu empfinden, müssen wir es ausdrücken. Oder ist es umgekehrt? Ahmen wir den Gesichtsausdruck des anderen zuerst nach und empfinden dann erst das Gefühl?

Das menschliche Gesicht erscheint uns als so ausdruckstark, dass uns ein kurzer Blick genügt, dem anderen entsprechende Gefühle zuzuschreiben. Dieser Ausdruck wird mit Hilfe der mimischen Muskulatur kodiert, die wie dafür geschaffen ist, die Gefühle eines Menschen zu signalisieren. Acht der sechsundzwanzig Gesichtsmuskeln haben allein die Funktion, die inneren geistigen und emotionalen Zustände zu übermitteln, und sind kaum kontrollierbar.

Diese Unkontrollierbarkeit unserer minimischen Signale zeigt sich bei Schauspielern: Professionelle Schauspieler, die in einem Film möglichst überzeugend ein bestimmtes inneres Erlebnis übermitteln wollen, beschäftigen sich nicht direkt mit ihrer Mimik, sondern arbeiten an der Vorstellung einer Situation, die dann das entsprechende Gefühl auslöst. Das Gesicht des Menschen ist also wie dafür geschaffen, ehrliche Informationen über sein Innenleben zu übermitteln. Gleichzeitig besitzen Menschen die Fähigkeit, entsprechende Informationen aufzunehmen und zu interpretieren.

Diese erstaunliche Fähigkeit des Menschen wird nun, wie eine neue Studie zeigen konnte, durch Botox-Injektionen merklich eingeschränkt. Jenny Baumeister von einem Triester Neuroscience-Institut konnte zeigen, dass die Fähigkeit, die Gefühle in einem Gesicht zu lesen, durch Botox-Anwendungen behindert wird (Baumeister, et al., 2016). Während sehr starke Gesichtsausdrücke weiterhin verständlich blieben, konnten subtilere Unterschiede nach einer Botox-Behandlung sehr viel schlechter erkannt werden. Damit war die Fähigkeit eingeschränkt, Stimmungen zu erkennen und mit anderen mitzufühlen. Was erzählt uns dies darüber, wie wir mitfühlen?

Wer verstehen will, warum Botox unsere Empathiefähigkeit einschränkt, muss zunächst ein wenig über das Spiegelneuronensystem wissen und darüber, wie unsere Gesichtsmuskeln mit unseren Gefühlen verbunden sind.

Spiegelneuronen – Fenster zur Seele

Im Jahre 2000 machte der charismatische indische Neurowissenschaftler Vilayanur Ramachandra eine unglaubliche Vorhersage: „Spiegelneuronen werden für die Psychologie die Rolle spielen, die die DNA für die Biologie spielt: sie werden einen einheitlichen Rahmen bilden, innerhalb dessen man eine Vielzahl mentaler Fähigkeiten erklären kann, die bisher rätselhaft und für empirische Untersuchungen unzugänglich waren.“

Ramachandra sieht im Spiegelneuronensystem die neurologische Grundlage für die Wahrheit der Vedanta-Philosophie, dass alle Menschen (oder vielleicht sogar alle Lebewesen) auf einer „höheren Ebene des Bewusstseins“ verbunden sind. – Natürlich ist das religiöser Unsinn. Spiegelneuronen geraten nicht in direkte Resonanz. Dennoch können Gefühle übertragen werden. Wie funktioniert dieser an ein Wunder grenzende Prozess?

Bild: Elvira Kolerova

In Zusammenhang mit der Entdeckung der Spiegelneuronen (Rizzolatti & Craighero, 2004) wird mitunter ein Interview mit Peter Brook zitiert, in dem er der Wissenschaft dazu gratuliert, nun endlich – nämlich mit der Entdeckung der Spiegelneuronen – zu den Erkenntnissen gekommen zu sein, die für das Theater immer schon selbstverständlich gewesen seien (Rizzolatti & Sinigaglia, 2008, p. 11).

Was allerdings weniger bekannt ist, ist, dass es zwei Arten von Schauspieltechnik gibt: Mit der einen Art wird die theatralische Realität von innen nach außen hergestellt und mit der anderen umgekehrt: von außen nach innen. Das eine Mal beginnt man mit inneren Vorgängen (beispielsweise Imaginationen, Bedürfnissen, Substituten, Zielen und dem Gedankenband) und lässt diese Gestalt werden und sich in Verhalten ausdrücken, und das andere Mal beginnt man mit Imitation und lässt diese auf die Gefühle wirken. Es ist erstaunlich, wie viel uns Körperlichkeit und Bewegung über einen Menschen sagen.

Ein gutes Beispiel hierfür zeigt sich in der Technik, die angeblich Alec Guinness als Jugendlicher entwickelt hat und der er auch später als einer Art Freizeitbeschäftigung nachging. Diese bestand darin, Passanten zu verfolgen und sie körperlich zu kopieren. Das Ergebnis ist, dass die Nachahmung dazu führt, dass eine innere Haltung und ein entsprechendes Gedankenband entstehen. Die durch die physische Nachahmung hervorgerufenen unwillkürlichen Gedanken können selbst den Übenden überraschen: Es ist, als wenn man den inneren Monolog eines Romans verschluckt hätte.

Die Praxis des Schauspiels bestätigt die These, dass Nachahmung und Einfühlungsvermögen eng miteinander verknüpft sind. Das heißt, ein bestimmtes Gefühl verändert nicht nur die Körperhaltung und den Gesichtsausdruck, sondern umgekehrt führt das Nachspielen einer bestimmten Körperhaltung oder eines bestimmten Gesichtsausdrucks zum entsprechenden Gefühl.

Die Äußerlichkeit der Innerlichkeit

Hierfür spricht auch, dass Emotionen durch Gesichtsausdrücke übertragen werden können. Wir können nicht traurig sein, ohne traurig auszusehen. Oder anders: Wir können unsere Traurigkeit nicht wirklich ganz und gar erleben, ohne dass sich die Gesichtsmuskeln in entsprechender Weise spannen und entspannen. Das heißt, dass unsere Mimik unsere Gefühle nicht nur überträgt, sondern auch ein Stück weit dafür verantwortlich ist, dass wir unsere Gefühle überhaupt erleben. Diese enge Verknüpfung von Gefühl und Ausdruck ist die Grundlage der Übertragung von Gefühlen zwischen Menschen. Natürlich werden Gefühle nicht direkt übertragen, sondern durch einen visuellen Kanal. Dieser operiert mit Hilfe unbewusster Nachahmung. Wenn sich zwei Menschen gegenseitig ins Gesicht sehen, kommt es zu einer wechselseitigen Übertragung und es kann – wenn sich beide aufeinander einlassen – zu einer Angleichung von Gefühlen kommen.

Bild: Elvira Kolerova

Das Erstaunliche an diesem Prozess besteht in der Äußerlichkeit der Innerlichkeit und der Subtilität der Übertragung: Die ‚Übertragung von Gefühlen‘, die dadurch zustande kommt, dass wir den Gesichtsausdruck unbewusst nachahmen und diese Nachahmung wiederum mit dem entsprechenden Gefühl zusammenhängt, läuft ab, ohne dass wir es merken (Meltzoff & Moore, 1977). Die Unsichtbarkeit liegt einerseits in der Subtilität, denn selbst wenn sich die Gesichtsmuskulatur kaum eigentlich verändert, können wir die entsprechenden Gefühle lesen, und andererseits darin, dass die Nachahmung spontan abläuft und das Gefühl von der Motorik der eigenen Gesichtsmuskulatur erzeugt wird.

Es ist also nicht so, dass wir zunächst jemanden sehen und verstehen, dass er traurig ist, und dann auch traurig werden und schließlich unser Gefühl im Gesicht ausdrücken, sondern zunächst kommt es zu einer unbewussten Nachahmung, deren Resultat dann das Gefühl der Traurigkeit ist. Die Übertragung beginnt nicht mit einem Bewusstseinsprozess, sondern mit der Nachahmung des beobachteten Gesichtsausdrucks.

Die Seelen und der Kanal

Wenn wir etwa 100 Millisekunden (Adolphs, 2002) bis 300 Millisekunden (Sripada & Goldman, 2005) das Gesicht eines anderen Menschen betrachten, beginnen wir den Gesichtsausdruck des anderen nachzuahmen. Die Mimesis der Gesichtsmuskulatur und die dazugehörigen Emotionen werden durch den Motorcortex aktiviert (Luppino & Rizzolatti, 2001). Dies alles kann unterhalb der Wahrnehmungsschwelle erfolgen. Da selbst kaum merkliche Veränderungen der Gesichtsmuskulatur gelesen werden können, können sich Gefühle selbst dann übertragen, wenn uns nicht ins Bewusstsein dringt, welche Gefühle ein anderer hat.

Das eigentliche Wunder besteht nicht darin, dass einige Menschen, die zum autistischen Spektrum gehören, Gesichter nicht lesen können, sondern darin, dass die meisten Menschen dieses Vermögen besitzen. Da diese Prozesse zum großen Teil unbewusst ablaufen, ist es möglich, dass psychische Zustände anderer Menschen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, auf uns übertragen werden. Dies führt dazu, dass wir eine Stimmung oder Atmosphäre erkennen können, ohne die Signale, die uns gegeben sind, bewusst wahrzunehmen.

Bild: Iris Brosch

Es handelt sich hier um einen universellen Code: Das Erkennen eines glücklichen oder wütenden oder traurigen Gesichtsausdrucks ist angeboren und muss nicht erlernt werden. Warum sollte man dieses wunderbare Erbe der Natur gefährden und die eigene Fähigkeit einschränken, die Gefühle der anderen zu verstehen?

Fragen wir Frau Dr. Baumeister!

Auch Jenny Baumeister würde sich genau aus diesen Gründen keiner Botox-Behandlung unterziehen: „Man würde sich selbst damit behindern.“ Und doch gibt die junge Forscherin zu, dass es gewisse Umstände gibt, in denen es von Vorteil sein kann, sich Botox spritzen zu lassen, nämlich dann, wenn es darum geht, eine spezifische Form der Depressionen zu behandeln. „Bei einigen Formen der Depression sind die Augenbrauen ständig angespannt. Dies hat die Konsequenzen, dass der Depressive glaubt, dass die anderen Menschen ihn böser angucken, als sie es tatsächlich tun.“

Zu diesem psychischen Feedbackloop kommt der soziale hinzu: Wenn man ständig einen miesepetrigen Gesichtsausdruck hat, kopieren einen die anderen unbewusst und gucken dann wirklich weniger freundlich. „Wenn man da zu einer Entspannung in den betreffenden Muskelgruppen mit Botox beitragen kann, kann man den Teufelskreis durchbrechen. In diesem Fall würde ich Botox empfehlen und zwar auch deshalb, weil Depressive ja sowieso die Gefühle der anderen nicht richtig einschätzen können. In einem solchen Fall würde ich mir das persönlich auch einspritzen lassen“, sagt Baumeister. „Allerdings rate ich davon ab, schon bei einer leichten Verstimmungen Botox zu verwenden.“

Warum sollte man sich für eine glatte Stirn in der Fähigkeit behindern, die Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen? Warum sollte man auf das unbändige Glück der Empathie verzichten und damit auf das Wagnis, sich auf einem anderen Menschen ganz und gar einzulassen? Zwar sind Bewusstseine nicht verbunden; aber immerhin: Wir Menschen können einander begegnen.

Literaturverzeichnis

Adolphs, R., 2002. Recognizing emotion from facial expressions: psychological and neurological mechanisms. Behav Cogn Neurosci Rev, Mar, pp. 21-62.

Baumeister, J., Papab, G. & Foronia, F., 2016. Deeper than skin deep – The effect of botulinum toxin-A on emotion processing. Toxicon, August, p. 86-90.

Havas, D. A. et al., 2010. Cosmetic use of botulinum toxin-A affects processing of emotional language. Psychol Sci., 21 Jul, p. 895-900.

Kruger, T. & Wollmer, M., 2015. An emerging indication for botulinum toxin treatment. Toxicon, pp. 154-157.

Luppino, G. & Rizzolatti, G., 2001. The cortical motor system. Neuron.

Meltzoff, A. N. & Moore, K., 1977. Imitation of Facial and Manual Gestures by Human Neonates. Science, Oct, Volume 198, pp. 75-78.

Oberman, L., Winkielman, P. & Ramachandran, V., 2007. Face to face: blocking facial mimicry can selectively impair recognition of emotional expressions. Soc. Neurosci., pp. 167-178.

Rizzolatti, G. & Craighero, L., 2004. The Mirrorneuron System.

Rizzolatti, G. & Sinigaglia, C., 2008. Empathie und Spiegelneuronen. Frankfurt am Main: s.n.

Sripada, C. & Goldman, A., 2005. Simulation and the Evolution of Mindreading. In: A. Zilhão, ed.

Evolution, Rationality and Cognition: A Cognitive Science for the Twenty-First Century. s.l.:s.n., pp. 148 – 161.

Sripada, C. & Goldman, A., 2005. Simulationist Models of Face-Based Emotion Recognition. Cognition, Volume 94, pp. 193-213.

Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/49/49482/1.html

Gruß an die, deren Gesichter Bände sprechen

TA KI

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