SCHÖPFUNG UND EVOLUTION.


Als ein Gedicht erdachte Gott die Welt,

darin der Zeiten Ablauf rhythmisch steigt und fallt,

der Reim das Ähnliche im Gleichklang bindet,

der Sinn, zum Sein verdichtet, sich verwirklicht findet.

So aber kam der hehre Bau ins Wanken:

Die Worte lösten sich und traten aus den Schranken,

die Reimzerstörung nannten sie Gewinn,

zum Selbstzweck ward das Sein, und es vergaß den Sinn.

Die reimentlaufnen Worte seh ich leiden

und Gleichklang suchen. Einst wird auch bescheiden

das letzte froh an seiner Stelle stehn im Licht,

ein tragend Pfeiler nun im ew’gen Gottgedicht.

Heiliges Leben! Unzählbare Formen erfüllend,

.Formen verwandelnd, zerbrechend und neu Dich umhüllend,

strömst Du, o Atem der Gottheit, durchs endlose All!

Deiner Geschöpfe vereinigtes Rufen und Ringen,

weltenumwälzender Taten gigantisch Vollbringen

ist Deines mächtigen Rufes rückkehrender Schall.

Tragt behutsam und in reinen Händen

des Bewußtseins kleine Öllaterne.

Fürchtet nicht ihr Leuchten zu verschwenden –

alle Wesen warten nah und ferne.

Die im tiefen Schlaf in Felsenklüften:

Auch in ihnen glüht ein Funke Leben.

Träumend rufen Blumen euch mit Düften,

doch am meisten sollt ihr Tieren geben.

Alle mühn sich auf der Stufenleiter,

um gleich euch Bewußtsein zu erreichen.

Laßt das Licht erstrahlen, weit und weiter;

mehr und mehr sollt ihr den Engeln gleichen!

Sieh an die Berge, die gen Himmel steigen,

Sieh an die Sterne, die sich zu dir neigen,

sieh an die ganze Welt, die Gott gemacht,

und sinne nach, was Er dabei gedacht.

Dann findest du in allem einen Schein

von Wahrheit. Denn es ist ja alles Sein

Gedankenbild, das Er vor dich gestellt:

Du lebst in ihm, und in dir lebt die Welt.

O des Lebens wunderhelle Silberquelle!

Ungestüm drängt Well‘ um Welle

pulsend aus geborgnen Tiefen,

drin die Himmelswasser schliefen

lange, lange…

bis im Sehnsuchtsüberschwange

selig sie dem Stein entstiegen.

Sie, die lange, lange schwiegen,

wollen reden, raunen, rauschen,

mit dem Echo Grüße tauschen

in der morgenfrischen Kühle

und in Sommermittagsschwüle

Blumen tränken,

Labsal schenken.

Kommt der Abend dann, der immer

seinen Dämmerteppich breitet,

daß die Nacht im Sternenschimmer

unhörbar darüberschreitet,

hebt die Quelle an zu singen …

bis die schlafbefangnen Seelen

unbewußt im Miterklingen

sich dem Himmelsglanz vermählen.

Du, von allen Wundern helle

Silberquelle!

Wer wie du aus Nacht gekommen,

weiß zur Nacht mit fröhlich frommen

Silberstimmen süß zu trösten,

mit dem Wissen der Erlösten.

Es ist das Kleinste nicht zu klein,

um Gottes Abbild dir zu sein.

Und Gottes Wirken tut dir kund

Kristall und Blüte, Stern und Mund.

Was braucht es mehr, um Gott zu sehn?

Kannst du an Ihm vorübergehn?

Zittert schon ein Frühlingsbeben,

l spürst du schon das neue Leben,

hörst du schon den fernen Klang?

Alle die Geschwisterseelen

warten dein, du sollst nicht fehlen

in der Engel Chorgesang.

Aus der alten Tage Mühen

wollen schönre Blumen blühen,

als die Erde tragen mag.

Aufwärts recken sich die Ranken

deiner suchenden Gedanken

in den lichten Frühlingstag.

Deines Wachstums Wunderwerke

sind nicht Zeugnis deiner Stärke,

denn dich trägt des Schöpfers Kraft.

Dank mit Farbensymphonien,

dank mit Jubelharmonien,

danke Ihm, der alles schafft.

Sei tausendmal gegrüßt, mein Bruder Baum!

Es ist nicht viel, was ich voraus dir habe.

Die Freiheit falschen Tuns ist keine Gabe,

die glücklich macht. In deinem sanften Traum,

geborgen in der Erdenmutter Schoß,

bist, was du sein sollst, ganz und sündenlos

und spürst die Schwere deiner Krone kaum.

Doch ich, der Mensch – erfülle ich den Rahmen?

Trag ich wie du als Krone meinen Namen?

Die stolze Demut lehre mich, mein Baum!

Du gehst an uns vorbei, die deinen Weg wir säumen,

‚beredter Bruder du, an uns, den stummen Bäumen.

Du wanderst nach dem Ziel, und unser ist das Warten

auf den in deinem Geiste schon Geoffenbarten.

Vergiß es nicht, die Sehnsucht geht mit dir

von all den Blühenden und all des Blühens Segen.

Und wenn du ruhen willst von Wetter, Wind und Regen,

so komm, viel grüne Zelte weben wir!

Des Himmels Vögel fliegen ein und aus, Gedanken,

von Gott erdacht, vielfingrig tasten unsre Ranken

ins Licht. Doch dir nur ist gegeben, es zu fassen.

Wird einstens Gott in deine Freiheit uns entlassen?

Wie wird das Herz ruhig und stark in der Natur! Umgeben von den starken, hohen Bäumen wächst auch euer Kleinmut und Kleinglaube auf zu der Höhe, die ihr sucht und immer wieder verlassen müßt. Die Bäume sind Leben, das in gesetzten Bahnen, in reiner, ruhevoller Kraft sich entwickelt ohne Wirrnis und ohne Zwiespalt. In euch aber ist Wirrnis, in euch ist Zwiespalt, und darum drängt es euch zu dem reinen, klaren Leben der Natur, zu der reinen, starken, geraden Linie ihres Seins.

Ihr seid aus der Harmonie gefallen, in der die Geschöpfe der Natur noch stehen; aber ihr kommt nicht in die Harmonie zurück, indem ihr wieder werdet wie die Geschöpfe der Natur, die gesetzesgebundenen, sondern ihr müßt vielmehr hinauswachsen über euch selbst und zurückkehren auf jenem großen, weiten Weg, dem Weg der Freiheit. Die Freiheit ist ein Geschenk und eine verantwortungsvolle Aufgabe. Die Freiheit macht euch über den Geschöpfen der Natur stehend, aber durch sie könnt ihr auch unter die Geschöpfe der Natur herabsinken. Die Freiheit läßt euch das weite Land zu beiden Seiten des Gesetzesweges sehen und lässt euch alle Wege, aber auch alle Irrwege frei. Wenn der Geist des Irrweges bedarf, um dadurch zu seinem eigenen Gesetz, seinem von ihm gesetzten Weg zu kommen, dann hat auch der Irrweg seinen Sinn und seine Bedeutung und wird dadurch zum Weg des Gesetzes.

Gott führt euch auf dem Weg der Freiheit in die gesetzmäßigen Bahnen zurück, daß ihr in der Harmonie anders, reicher, reiner und bewußter stehen werdet, als es die Wesen, die ihr heute noch um ihre Reinheit beneidet, in Unbewußtheit tun.

HELLA ZAHRADA

EPHIDES

Ein Dichter des Transzendenten

Quelle

Gruß an die Begreifenden

TA KI