Ateriogenese: Bewegung schafft biologischen Bypass


Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems zählen zu den häufigsten Krankheiten mit Todesfolge. Meist verursacht ein arterieller Verschluss einen Herzinfarkt oder Gehirnschlag. Versuchte die Medizin bisher Engstellen im Gefäßsystem durch Katheter oder künstliche Bypässe zu beheben, haben jetzt deutsche Forscher entdeckt, dass der menschliche Körper in der Lage ist, selbst Bypässe zu schaffen. Die Zauberformel dafür lautet: Mehr Bewegung!

Dafür wird ein biologisches Phänomen genutzt, das es im Körper eines jeden Menschen gibt. Neben den großen Arterien verlaufen kleine Blutgefäße – sogenannte Kollaterale. Wird ein großes Gefäß allmählich enger, sucht sich das Blut neue Wege und strömt vermehrt durch die Kollateralen. Diese „Umgehungskreisläufe“ können sich auf den Reiz durch den vermehrten Blutdruck zu vollwertigen Arterien entwickeln, berichtet das deutsche Magazin „Der Spiegel“ (3/10). Der Vorgang wird Arteriogenese genannt.

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Biologische Bypässe

Der deutsche Gefäßmediziner Dr. Ivo Buschmann von der Berliner Charité ist überzeugt, dass diese natürlichen Brücken ein bisher unterschätztes Potential zur Selbstheilung besitzen. „Mit Hilfe der Arteriogenese können wir uns biologischen Bypässe legen“, so der Mediziner gegenüber dem Spiegel. „Es gibt Patienten, die komplette Gefäßverschlüsse haben, aber davon nichts wissen, weil sie natürliche Bypässe gebildet haben“, berichtet der Spezialist einem deutschen online-Magazin (http:// www.gesund-magazin.de/biologischer-bypass).

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Ersatz für Skalpell und Katheter?

Derzeit greifen Ärzte entweder zum Skalpell, um verstopfte Gefäße zu überbrücken. Aus dem Körper des Patienten wird ein Stück einer Vene entnommen und damit der Verschluss überbrückt. Nach der Operation bildet die Vene ihre Gefäßwände um und wird zu einer richtigen Arterie. Oder sie schieben einen winzigen Ballon bis zur arteriellen Engstelle und blasen ihn auf. Dadurch soll die Verengung wieder geweitet werden. Der natürliche Bypass bietet sich nach Buschmann als billigere und nebenwirkungsfreie Alternative an, die eine natürliche Heilung verspricht.

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Bewegung als Mittel der Arteriogenese

Dass sich kleine Kollateralkreisläufe zu vollwertigen Arterien umbilden, gehorcht einem biologischen Gesetz, so der Spiegel. Fließt in einem Blutgefäß das Blut schneller und damit mit mehr Druck, verweitert sich ihr Querschnitt. „Die beschleunigte Bewegung des Blutes löst Wachstumsprozesse aus“, sagt Buschmann gegenüber dem Spiegel. Und das ist auch der Grund, warum regelmäßige Belastung dem Herzen so gut tut, und Hobbysportler statistisch gesehen länger leben. Zwar haben viele Hobbyläufer im Greisenalter Verkalkungen in den Herzkranzgefäßen, sind aber völlig beschwerdefrei: „Die haben sich selbst mit biologischen Bypässen versorgt“, erklärt Buschmann.

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Wirkt nicht nur im Herzen

Die biologischen Bypässe haben Ärzte nicht nur im Herzen nachgewiesen. Auch in den Beinen, im Becken und im Gehirn sind sie zu finden. Durch den erhöhten Durchfluss und damit Druck in den Gefäßen werden die Zellen der Gefäßwände angeregt: In ihren Kernen werden bestimmte Gene angeschaltet. Die wiederum locken Proteine an, die Wachstumsfaktoren abgeben und die Kollateralen zur Umwandlung in vollwertige Arterien anregen. Allerdings braucht das alles seine Zeit: Als Mittel nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt wirkt die Arteriogenese nicht schnell genug.

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Künstlich nicht zu bewerkstelligen

Die Forschung bemühte sich, diese Wachstumsanregung auch von außen zuzuführen, indem sie Patienten bestimmte Arteriogenese-Wachstumsfaktoren injizierten. Diese Versuche führten aber nicht zum gewünschten Erfolg: Die von außen zugeführten Stoffe wirkten im Körper wie eine Entzündung und verursachten in einigen Fällen sogar Herzinfarkte oder eine Verschlimmerung des Grundleidens.

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Wenn keine Bewegung mehr möglich ist

Einen anderen Weg versuchen die Forscher um Buschmann und seine Frau Eva von der Berliner Charité. Sie versuchen die Arteriogenese durch eine künstliche „Strömungserhöhung“ anzuregen.

Dazu haben die Forscher eine von ihnen so genannte „Herz-Hose“ entwickelt. Patienten, denen es nicht mehr möglich ist, selbständig ausreichend Bewegung zu machen, werden in eine Plastikhose gesteckt, die für sie die Kreislaufaktivierung übernimmt. Von den Knöcheln bis zu den Oberschenkeln stecken die Beine in Plastikmanschetten, die – auf die Pulsfrequenz abgestimmt – aufgeblasen und wieder entleert werden. Auf diese Weise wird körperliche Aktivität simuliert und dem Oberkörper mehr Blut zugeführt. Es geht hauptsächlich darum, die Schubkraft des Herzens zu erhöhen, um dadurch die Arteriogenese anzuregen, hält der Spiegel fest.

Die Verbesserung der Umgehungskreisläufe konnten die Berliner Forschern auch messen. Sieben Wochen lang wurden 16 Patienten fünf Mal pro Woche die Hose eine Stunde lang angelegt. „Die Leistung der Umgehungskreisläufe hat sich um 87 Prozent verbessert“, so Dr. Eva Buschmann. Bei immerhin sechs der 16 Patienten sind die Beschwerden merklich zurück gegangen. Die Forscher suchen für weitere Studien gerade Patienten mit manifesten Verschlüssen in verschiedenen Körperregionen.

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Kein Ersatz für selbständige Bewegung

Die Herz-Hose soll aber keinesfalls als Ersatz für körperliche Bewegung verstanden werden. „Sich von der Herz-Hose durcharbeiten lassen und dabei vor dem Fernseher zu liegen – genau das möchten wir nicht“, betont Ivo Buschmann. Dauerhaft zum Einsatz kommen könne die Hose nur bei Patienten, die sich auf Grund von Amputationen oder anderer Behinderungen nicht mehr ausreichend selbst bewegen können. Bei anderen Patienten soll die Herz-Hose lediglich „Anschubhilfe“ leisten. Sobald die Arteriogenese in Schwung gekommen ist, sollen die Patienten die Pumpleistung ihres Herzens selber erhöhen: durch regelmäßige körperliche Bewegung – nach eingehender ärztlicher Untersuchung. Besonders Menschen mit bestehenden Gefäßverengungen sollten das Training jedoch mit einem Facharzt für Angiologie abklären, so der Spiegel. Engstellen müssen vorher beseitigt werden, damit das Training überhaupt die beabsichtigte Wirkung zeigen kann.

Mag. Christian Boukal
Februar 2010

Quelle

Gruß an die Wissenden

TA KI

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