USA verlassen Afghanistan und haben alle Fehler der UdSSR wiederholt.


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Die Militärstreitkräfte der NATO und der USA haben ihre Kampfmission in Afghanistan beendet. Der dreizehnjährige Krieg ist für beendet erklärt worden. Erstaunlich aber die westliche Allianz hat es irgendwie geschafft alle Fehler der UdSSR in den Jahren 1979-1989 zu kopieren. Es ist nicht auszuschließen, dass die Nuss namens Afghanistan, so wichtig aus der Perspektive des „Großen Spiels“, überhaupt von niemanden geknackt werden kann und die Geschichte dieses Landes sich schon bald wiederholt.

Der Kampfmission der NATO in Afghanistan ist offiziell beendet: am Montag haben die letzten westlichen Truppenteile, die an Kampfhandlungen teilgenommen haben, das Territorium der islamischen Republik verlassen. „Der längste Krieg in der Geschichte Amerikas ist beendet“, sagte Barak Obama. Klar ist, in Afghanistan verbleiben unzählige Militärberater, die eigentlich selbst eine kleine Armee darstellen könnten. Dabei wurden keinerlei politische Ergebnisse durch „den längsten Krieg Amerikas“ erzielt, die NATO ist es weder gelungen sich in Afghanistan festzusetzen, noch ein neues Machtsystem zu etablieren, noch nicht einmal die Regierbarkeit der Provinzen zu erhöhen. Die Allianz erlitt Verluste, die denen der sowjetischen Streitkräften entsprechen, hat aber keine eigene Taktik entwickelt, sondern die sowjetische kopiert mit all den positiven und negativen Merkmalen. Manchmal kam es einem sogar vor, als ob die Führung der NATO bei ihren Handlungen eine Kopie des Politbüros der ZK d. KPSU (Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Anm. d. Ü.) in ihrem „gerontologischen Stadium“ (altersschwachen, Anm. d. Ü.) war.

In den 80ern waren die Kampfhandlungen zwischen der sowjetischen Armee und den Mudschahidin in Ihrer Intensität um Größenordnungen kleiner als z.B. die heutige auf dem Donbass oder vor nicht allzu langer Zeit in Jugoslawien. Mudschahidin haben nie über Luftwaffe, Panzer und Schwerartillerie verfügt und konnten, einfach aufgrund der ethnischen, religiösen und politischen Unterschiede, ihre Kampfhandlungen nie über das ganze Land koordinieren. Der Großteil der Verluste des „begrenzten Kontingents“ (d. russ. Armee, Anm. d. Ü.) kam nicht durch offene Kampfhandlungen mit dem Gegner, sondern durch Hinterhalte und Angriffe auf isolierte Basislager und Vorposten.

Seitens der UdSSR gab es auch Großoffensiven, viele davon erfolgreich und im Wesentlichen für die Verluste auf Seiten der Mudschahidin, die offensichtlich nicht auf die Initiative der „Shuravi“ (Sowjets, Anm. d. Ü.) vorbereitet waren, verantwortlich. Die erste Hälfte der 80er hat die Afghanen gelehrt, dass die sowjetische Armee in ihren Garnisonen sitzt und bemüht ist die Vorposten entlang der ausschweifenden Kommunikationslinien möglichst eng zu platzieren. Sie waren gewohnt Hinterhalte und Angriffe zu organisieren, bei derer Vorbereitung sie sich über Wochen hinweg auf einen Punkt konzentrieren konnten, dabei eine um das Vielfache höhere zahlenmäßige Überlegenheit herstellen und den Überraschungseffekt für sich nutzen. Aber sobald in der einen oder anderen Region ein fähiger sowjetischer Kommandant auftauchte, brauchte es (wenn es denn einen politischen Willen gab) keine Woche, um diesen ganzen Pöbel mit minimalen Verlusten auseinander zu jagen.

Überhaupt das Vorhanden des politischen Willens nicht nur auf Seiten der sowjetischen Führung, sondern auch auf Seiten der afghanischen, war eine Schlüsselvoraussetzung. Aber den Großteil jenes Krieges hat die afghanische Führung gar nichts unternommen. Sowohl Barak Karmal (durch UdSSR eingesetzter afghanischer Präsident, Anm. d. Ü.) als auch der durchaus engagierterer und kühner Nadschibullāh (Nachfolger von Karmal, Anm. .d. Ü.) haben sich immer, überall und zu jedem Anlass hinter den „Shuravi“ versteckt. Das eigentliche Ziel des Krieges – Hilfeleistung der afghanischen Führung und Ordnung – war durch die Afghanen selbst torpediert worden. Niemand hat auch nur versucht „Ordnung“ zu schaffen oder gar „Stabilität“ herzustellen. Das offizielle Kabul hat sich weiter mit Intrigen und kleinlichen Streitereien beschäftigt, während die sowjetischen Truppen gezwungen waren die zivile Regierung ganzer Provinzen zu übernehmen.

Nach so langer Zeit ist die Versuchung groß sich vorzustellen, dass die Geschichte eine andere Wendung hätte nehmen können, wenn denn die afghanische Regierung nicht so derart kurzsichtig in ihrer Weltsicht gewesen wäre. Die Versuche der Kommunikation mit dem Volk – wo 99% weder schreiben noch lesen konnten – mit pseudomarxistischen Phrasen konnten zu nichts außer Niedergang führen. Natürlich wurde diese Praxis durch die sowjetischen Ideologen bei den Truppen unterstützt, aber letztlich wurde die „Praxis des Lebens“ auf die Schultern der Militärs gehievt. Mit der Zeit wurden die afghanischen Beamten gänzlich ignoriert, da eine Auseinandersetzung mit ihnen völlig sinnlos oder gar gefährlich war: ihnen unterstehende Truppen und republikanische Miliz waren entweder desertiert oder haben Befehle sabotiert oder sind zu Mudschahidin übergelaufen. Natürlich nicht alle. Aber im Großen und Ganzen haben die Offiziere der mittleren Dienstgrade die militärische und alltägliche Versorgung übernehmen müssen, so wurden sie zu dem „Salz“ dieses Krieges.

Etwas Ähnliches ist auch den Truppen der NATO wiederfahren. Sogar das militärische Ziel, das Ihnen gestellt wurde, „dem afghanischen Volke bei der Herstellung der demokratischen Ordnung Hilfe zu leisten“ ist fast schon eine Kopie. In der Praxis resultierte das in einer Suche nach Kompromisskandidaten aus den Reihen der Stammesangehörigen, die sich für die Durchführung der „demokratischen“ Wahlen eigneten. Danach hat man verkündet, dass nach der Beendigung des Krieges gegen die Taliban die NATO den Aufbau einer 200 Tausend Mann starken afghanischen Armee übernehmen wird, so wie es die „Shuravi“ auch gemacht haben. Und jetzt sehen wir dasselbe Bild, wie auch nach dem Abzug der sowjetischen Truppen: die „trainierte“ afghanische Armee läuft auseinander und das Territorium gliedert sich erneut nach ethnischen und religiösen Eigenheiten aufgeteilt.

Man gewinnt den Eindruck, dass das vorgegebene Ziel – Afghanistan bei der Wiederherstellung der Ordnung und eines zentralen Regierungssystems – gar nicht erreichbar ist. UdSSR und NATO haben es mit Führungen zu tun gehabt, die sich gar nicht unter dem Einfluss von außen aufrechterhalten wollten. Im Ergebnis stellen sich alle geopolitischen Überlegungen und Verweise auf das „Große Spiel“ seit Beginn des letzten Jahrhunderts als reines Gedankenspiel dar, es konnte sich bisher ja keine der Nationen in Afghanistan durchsetzen. Dort kann gar keine selbständig funktionierende Zentralmacht etabliert werden. Andererseits zeigt sich, dass die Taliban in ihrer trüben Schlichtheit der Bevölkerung Afghanistans viel näher und verständlicher sind. Diese „Nähe zum Volk“ hat sie befähigt sehr schnell die Macht zu ergreifen, nach Kabul einzufallen, Nadschibullāh zu hängen und sich dann fast 20 Jahre lang dort festzusetzen. Und das wozu diese Jungs mit dem Feuer des Jihad in den Augen mutierten, ist gänzlich anderen Prozesses zu zurechnen und nicht dem Vorhandensein von ausländischen Truppen.

Die neue Führung Afghanistans, wenn sie sich denn für mehr als zwei Jahre in Kabul wird halten können, wird genötigt sein als bei null anzufangen: Verhandlungen mit Taliban, Provinzgouverneuren, Warlords, pakistanischen Schmugglern und Drogenmafia führen. So ähnlich hat es auch Nadschibullāh versucht als er sich für den Weg der nationalen Versöhnung einsetzte und die „Shura“ einberief. Aber sinnlose Streitigkeiten innerhalb der damaligen Führung der Mudschahidin haben zu einem erneuten Zerfall des Landes, Aufflammen der Gewalt und schlussendlich – zur Bildung einer gesamtnationalen Talibanbewegung, die erst später eine religiöse Färbung bekam, geführt. Die NATO ist den Pfad der UdSSR im Kreis abgelaufen, sogar bei aberwitzigen Kleinigkeiten und Zufälligkeiten, alles wiederholend was Unsere mitmachen mussten.

Zum Beispiel, Teilabzug der Truppen, der groß durch Michail Gorbatschow 1986 angekündigt worden war, bestand darin, dass nur die Truppen vom Gebiet der Republik abgezogen wurden, die für überschüssig gehalten worden waren. Eigentlich war das eine Fake, der für die westlichen Medien gedacht war: kurz vor der Rückkehr in die Heimat, wurden inaktive Einheiten zu zwei neuen (heute würde man „gefaketen“ sagen) Regimentern zusammengeschlossen. So ist z.B. der 620er motorisierter Schützenregiment in die Heimat zurückgekehrt, der aus Soldaten bestand, deren Dienstdauer zu Ende ging.

So ziemlich nach demselben Schema agierten auch die Amerikaner, die ständig irgendwas der afghanischen Armee übergaben. Fernsehsender haben die feierlichen Zeremonien bei denen die amerikanische Flagge runtergenommen und die afghanische auf demselben Fahnenmast gehisst wurde, übertragen. Es handelte sich dabei um ebensolche inaktiven Basen, viele davon durch Amerikaner modernisierte Ruinen ehemaliger sowjetischer Vorposten, und nach Hause kehrten dann die estnischen Pioniere und dänischen Funker. In Afghanistan bleiben circa 13 Tausend ausländische Soldaten, die kaum ihre Selbstverteidigung und -versorgung bewerkstelligen können. Währenddessen sind die Taliban längst zu der Taktik der Zerstörung der Konvois der Nachschubwege übergegangen, die seiner Zeit erfolgreich die sowjetischen Soldaten in den entfernten Vorposten isolierte.

Gerechtigkeit halber sollte man erwähnen, dass die sowjetische Armee einen durchaus konkreten Feind von Außen hatte, Pakistan aber die USA einen solchen Kopfschmerz nicht haben. Andererseits sind die USA in ein Land reingegangen, das randvoll mit Waffen war und eine ideologische Grundlage zum Widerstand besaß, während die sowjetischen Truppen erst 1985 sich mit dem Waffenfluss aus Pakistan auseinandersetzen mussten und eine einheitliche Ideologie unter den damaligen Mudschahidin völlig fehlte.

Nichtdestotrotz sind die Ergebnisse, bei all den Unterschieden in der Entstehung, ziemlich identisch. Die Situation stellt sich gänzlich unlösbar dar, denn die Ambitionen von Pakistan, das sich gegenüber der USA immer mehr eigensinnig verhält, sind nicht verschwunden, die Macht von Kabul hat keinerlei Einfluss auf große Teile des Landes mit nomadischer Bevölkerung und alles zusammen erzeugt Druck im Mittleren Osten.

Sicher, die Taliban werden auch noch in 10 Jahren, bei sehr negativem Verlauf der Entwicklung, nicht bis zur früheren sowjetischen Grenze vordringen und schon gar nicht den Pandsch (Fluss an der Grenze zum Tadschikistan, Anm. d. Ü.) überqueren. Aber niemand weiß, wann und unter welchen Umständen sich eine weitere „Volksbewegung“ mit nach außen noblen Idealen bilden wird, die – unter den Augen der „ausgebildeten“ afghanischen Armee – die nächste Regierung in Kabul hinwegfegen wird. Das ist kein Land, sondern eine geopolitische Sackgasse.

Von Evgenij Krutikov

Quelle: http://www.vineyardsaker.de/usa/usa-verlassen-afghanistan-und-haben-alle-fehler-der-udssr-wiederholt/

Gruß an die Völker

TA KI