Russland erhöht mitten in der Nacht panisch die Zinsen


Russland vollzieht den größten Zinsschritt seit dem Staatsbankrott 1998. Mitten in der Nacht überraschte die Notenbank mit einer Zinsanhebung von 10,5 auf 17 Prozent. Doch das wird nicht ausreichen.

Sotschi-2014-Olympische-SpieleWenn eine Notenbank eine außerordentliche Notsitzung anberaumt, kündet das von schwerwiegenden Problemen einer Ökonomie und seiner Finanzwirtschaft. Wird diese Notsitzung mitten in der Nacht abgehalten und steht am Ende gar eine drastische Leitzinserhöhung, lässt sich getrost von Panik sprechen.

Gemessen daran, muss in Moskau absolute Alarmstimmung herrschen. Angesichts des dramatischen Wertverlusts des Rubel hat die russische Notenbank den Leitzins massiv angehoben. Er liege ab Dienstag bei 17 Prozent nach zuvor 10,5 Prozent, teilte die Moskauer Währungsbehörde um ein Uhr nachts russischer Zeit mit. Damit sollten die Entwertung des Rubel und die Inflationsrisiken gestoppt werden.

Es war der größte Zinsschritt seit der Rubel-Krise von 1998, als das postsowjetische Russland unter Boris Jelzin in den Staatsbankrott schlitterte. Seit Jahresanfang hat die russische Notenbank den Leitzins damit um volle 11,5 Prozentpunkte nach oben gewuchtet. Locken normalerweise höhere Renditen die Investoren an und führen zu einer Stärkung der heimischen Währung, beschleunigte sich bislang der Rubel-Exodus sogar noch.

Rubelkurs um mehr als zehn Prozent abgesackt

Der Rubel-Kurs war zu Wochenbeginn binnen weniger Handelsstunden um mehr als zehn Prozent abgesackt, der größte Tagesverlust seit 16 Jahren. Erstmals mussten an den Devisenmärkten mehr als 64 Rubel für einen Dollar gezahlt werden, für einen Euro wurden erstmals 82 Rubel verlangt.

Seit Jahresbeginn hat sich der Rubel damit zum Dollar um gut 50 Prozent verbilligt, zum Euro sind es 45 Prozent. Keine Währung, noch nicht mal die ukrainische Hrywnja, hat in diesem Jahr stärker verloren. Das Tempo der Talfahrt erinnert inzwischen an die Krise von 1998, als nicht nur Russland bankrott ging, sondern auch andere Schwellenländer schwere Finanzturbulenzen erlebten.

Fast scheint es, als habe der russische Präsident Wladimir Putin die Notenbank zu dem unorthodoxen Schritt zu nächtlicher Stunde ermuntert. Am Nachmittag hatten die Währungshüter noch keinerlei Anstalten zu einer größeren Intervention erkennen lassen.

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Die überraschende Zinsanhebung der Notenbank verfehlte ihre Wirkung zunächst nicht. Die russische Währung wertete in einem hektischen Handel zum Dollar in der Folge um rund neun Prozent auf. Allerdings gab die Währung sämtliche Gewinne nach kurzer Zeit wieder ab und markierte ein weiteres historisches Tief zum Dollar. Erstmals mussten mehr als 66 Rubel bezahlt werden.

Händler waren zuvor bereits skeptisch, dass die drastische Zinserhöhung nachhaltig wirken wird. Nach Meinung der Citi ist der Schritt nicht aggressiv genug, um die negative Stimmung an den Märkten zu drehen: „Die Zinsstraffung wird dem Rubel ein paar Tage Atempause gönnen. Den Leitzins auf 17 Prozent anzuheben, wird aber nicht ausreichen, um den Verfall einer Währung dauerhaft zu stoppen, die an einem Tag mal eben um zehn Prozent fallen kann.“

Bevölkerung verliert Vertrauen in Rubel

Beobachtern zufolge ist die russische Bevölkerung für den jüngsten Rubel-Absturz mitverantwortlich. Sie verliert zunehmend das Vertrauen in die eigene Währung und flüchtet in den Dollar.

Darauf deuten auch neueste Schätzungen der Notenbank, denen zufolge die Kapitalflucht in diesem Jahr auf rund 134 Milliarden Dollar steigen könnte. Damit würde der Exodus das Niveau des bisherigen Rekordjahres 2008 erreichen.

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Rund 1,5 Billionen Rubel liegen derzeit auf privaten Konten, die jederzeit in Dollar umgetauscht werden können. Das könnte die Devisenreserven um weitere 20 Milliarden Dollar dezimieren. „Eine solche Dollarisierung der privaten Konten lässt sich durch den drastischen Zinsschritt vielleicht verlangsamen“, sagt George Christou, Stratege bei JPMorgan. „Eine Zinsanhebung bringt aber nichts, wenn Unternehmen einfach Dollar benötigen, um ihre in harten Devisen aufgenommenen Schulden zurückzuzahlen.“

Seines Erachtens wird die Maßnahme nur kurzfristig helfen, aber langfristig seien die Marktkräfte größer. „Die Notenbank muss drastische Mittel ergreifen, etwa 100 Milliarden Dollar der Devisenreserven einsetzen“, sagt JPMorgan-Mann Christou. Die russische Notenbank hat in diesem Jahr bereits 80 Milliarden Dollar ihrer Devisenreserven verbrannt, mit minderem Erfolg. Auch Leitzinserhöhungen verpufften bislang.

Erst am vergangenen Donnerstag hatte die russische Zentralbank versucht, die Kapitalflucht mit einer heftigen Zinserhöhung zu stoppen. Das Institut hob den Leitzins von 9,5 auf 10,5 Prozent an, um Gelder im Land zu halten und den Absturz der Landeswährung zu bremsen. Die Maßnahmen zeigten keine Wirkung, weil die Märkte mit einem größeren Zinsschritt gerechnet hatten.

„Die russische Notenbank hat ihre Glaubwürdigkeit vollends verspielt. Hätte sie in der vergangenen Woche die Zinsen etwas kräftiger angehoben, wäre die Notsitzung Montagnacht nicht nötig gewesen, die Märkte hätten sich längst beruhigt“, sagt Tim Ash, Stratege bei der Standard Bank. „Sicher wird die jetzige kräftige Erhöhung dem Rubel helfen, allerdings stellt sich die Frage nach der Unabhängigkeit und generell nach der Währungspolitik.“

Devisenexperten führen den Wertverfall auf den Vertrauensverlust und den Einbruch der Ölpreise zurück. Die westlichen Sanktionen als Folge der Moskauer Rolle im Ukraine-Konflikt haben bereits seit Sommer zu einer markanten Schwächung des Rubel-Kurses geführt.

Folgt bald ein noch drastischeres Mittel?

Zu einer dramatischen Zuspitzung kam es dann allerdings im Herbst, als der Ölpreis in den Keller ging. Am Dienstag stürzte Barrelpreis für die Ölsorte Brent erstmal seit Sommer 2009 unter die Marke von 60 Dollar,

Experten zufolge könnte der Kreml schon bald zum drastischsten Mittel der Devisenstützung greifen, Kapitalverkehrskontrollen. Dann kann kein Akteur mehr ohne Zustimmung der Notenbank Rubel in Dollar tauschen. Schon jetzt versucht Moskau die Exportunternehmen dazu zu bringen, ihre im Ausland erwirtschafteten Devisen umgehend bei der Notenbank abzuliefern.

„Harte Kapitalverkehrskontrollen sind das Mittel der letzten Wahl. Denn sie würden das allerletzte Vertrauen, das Russland noch an den Märkten genießt, auch noch zerstören“, sagt Neil Shearing, Stratege beim Analysehaus Capital Economics. Tatsächlich hat Venezuela Anfang 2003 solche Kapitalkontrollen eingerichtet. Seither floriert der Schwarzmarkt mit Dollar und das Land steht am Abgrund. Die Märkte beziffern das Risiko eines Staatsbankrotts des lateinamerikanischen Landes auf 94 Prozent.

Aber auch Russland wird inzwischen immer kritischer gesehen. Hier wird das Risiko einer erneuten Staatspleite auf 32 Prozent beziffert. Die Lebenshaltungskosten russischer Verbraucher sind infolge des Rubel-Crashs erheblich gestiegen. Für das Jahresende rechnet die Zentralbank inzwischen mit einer Inflationsrate von rund zehn Prozent. Inzwischen ist klar, dass die russische Wirtschaft von dem Mix aus Sanktionen, Ölpreisrückgang und Vertrauensverlust viel härter getroffen wird als lange angenommen.

Die Zentralbank kam in ihrem am Montag veröffentlichten Quartalsbericht zur Währungspolitik nicht umhin einzuräumen, dass die Inflationsrate Anfang 2015 Richtung 11,5 Prozent klettern könnte. Die Wirtschaftsleistung könnte 2015 um fünf Prozent zurückgehen, sollte der Ölpreis auf dem jetzigen Niveau verharren. Die deutsche Wirtschaft hat einen solchen Einbruch in den vergangenen 30 Jahren erst einmal erlebt, nämlich in der Finanzkrise von 2008/2009.

Regierung beschwichtigt ihre Bürger

Russlands Regierungschef Dmitri Medwedjew hatte die Bevölkerung vergangene Woche zur Geduld aufgerufen. Der Kurs des Rubel werde wieder steigen – wie in den Krisen der Vergangenheit. Die Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ dagegen schrieb am Montag, vor dem Hintergrund der westlichen Sanktionen gegen Russland sei es „schwer, Geduld zu üben“ und darauf zu hoffen, dass sich der Aufschwung wie nach der Finanzkrise wiederholen werde. Die Lage habe sich „radikal geändert“.

Der russische Rubel ist jedoch nicht die einzige Schwellenland-Währung, die in jüngster Zeit massiv unter Druck kommt. Deutliche Verluste erlitten am Montag die Devisen der sogenannten fragilen fünf, auch „hässliche fünf“ genannt. Darunter verstehen Experten jene früheren Entwicklungsländer (heute Emerging Markets), die ein hohes Defizit beim Handel und beim Austausch von Dienstleistungen aufweisen. Zu diesen Ländern zählen unter anderem Indonesien, Südafrika und die Türkei.

Diese „fragilen fünf“ sind auf permanente Kapitalzuflüsse angewiesen. Der Zustrom von Geld gerät jedoch zunehmend ins Stocken oder hat sich sogar umgekehrt. Grund dafür ist die Erwartung bald steigender Zinsen in den USA. Der Rückzug der Liquidität an den US-Markt, den größten Kapitalmarkt der Welt, ging in der Vergangenheit häufig mit Emerging-Markets-Krisen einher. Die Börsen und Volkswirtschaften der „fragilen fünf“ erlebten bereits 2013 starke Kursrückgänge, als die amerikanische Notenbank zum ersten Mal einen Anlauf unternahm, ihre Geldpolitik zu straffen. Der Versuch wurde schließlich abgebrochen – und die anfälligen Schwellenländer erholten sich.

www.welt.deDiesmal könnten die Verwerfungen sogar noch schlimmer werden. Denn mit Russland ist eine frühere Supermacht und die achtgrößte Ökonomie der Welt von den Turbulenzen betroffen. Manche Beobachter fühlen sich bereits an die große Schwellenländer-Krise von 1997/1998 erinnert, die sich über mehrere Jahre erstreckte und ganze Volkswirtschaften in die Depression stieß. Damals erfassten die Kurseinbrüche schließlich auch den Deutschen Aktienindex (Dax), der binnen weniger Monate 38 Prozent an Wert verlor.

Quelle: http://www.welt.de/finanzen/article135415378/Russland-erhoeht-mitten-in-der-Nacht-panisch-die-Zinsen.html

Gruß nach Rußland

TA KI