Soziale Netzwerke: Wie Facebook & Co. unseren Nachwuchs zerstören


Was einst ein harmloser Treffpunkt junger Studenten sein sollte, hat sich zu einer unberechenbaren Parallelwelt entwickelt, welche die niedersten Instinkte entfesselt und ungeahnt viel Leid und Verzweiflung hervorbringt. Lesen Sie hier, was ‚soziale Netzwerke’ mit unserer Jugend anstellen.

Von: Ursula Seiler

Ich fürchte den Tag, wenn die Technologie unsere Beziehungen bestimmt. Die Welt wird Generationen von Idioten haben.

Albert Einstein

Ganz früher wurde man berühmt, weil man ein Heiliger oder ein Teufel war – ein Robin Hood, eine Johanna von Orléans oder aber ein Dracula oder ein Nero. Später wurde man berühmt, weil man etwas besonders gut konnte: Malen und Bildhauern zum Beispiel wie Michelangelo oder komponieren wie Mozart oder Beethoven. Dann wurde man berühmt dafür, dass man besonders schön, sprich ‚sexy’ war – eine Mae West, eine Marilyn Monroe oder ein Cary Grant und ein Rodolfo Valentino. Heute gibt es eine ganz neue Art der Berühmtheit. Im Gegensatz zu den früheren, die Ruhm verliehen, bedeutet diese nur noch Tragik und Entsetzen. Es ist die Berühmtheit, die junge Menschen erlangen, indem sie sich von der Brücke stürzen oder aufhängen, nachdem sie während Monaten oder Jahren in ‚sozialen Netzwerken’ niedergemacht worden sind.

Immer mehr Kinder und Jugendliche geraten in die Fänge (un)sozialer Netzwerke.

Immer mehr Kinder und Jugendliche geraten in die Fänge (un)sozialer Netzwerke.

Ganz früher teerte und federte man böse Menschen, die etwas Übles verbrochen hatten. Man jagte sie durchs Dorf und band sie an den Schandpfahl, weil sie jemanden beraubt, betrogen, vergewaltigt, niedergestochen oder ein Haus angezündet hatten. Heute stellt man Menschen an den Schandpfahl, weil man sie zu dick findet. Zu doof, zu uncool, zu hässlich, weil sie ein paar Pickel im Gesicht haben. – All dies sind reale Fälle, die dazu führten, dass sich Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und sechzehn Jahren nicht mehr anders zu helfen wussten, als sich das Leben zu nehmen. Im Wald, auf dem Dachboden, über der Autobahn oder im Zementsilo. Allein zwischen dem 29. September 2012 und dem 10. September 2013 brachten sich neun Jugendliche um, acht davon in Großbritannien, ein zwölfjähriges Mädchen in Florida. Sie alle waren im Netzwerk Ask.fm aktiv gewesen.Sie waren jedoch längst nicht die Ersten. Laut dem Teletext des ORF nahmen sich schon im Jahr 2008 siebzehn Jugendliche nach Bedrohungen und Beschimpfungen auf Online-Netzwerkseiten wie Facebook oder MySpace das Leben. Die Selbstmordwelle hält an, bis heute. Getan wird – nichts.

Mark Zuckerberg - Gründer von Facebook

„Die vertrauen mir, die Idioten!“ – Zitat von Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook und „Mann des Jahres 2010“, der als Facebook-Chef „Staatsoberhaupt“ von damals 500 Millionen Menschen war (heute sind es 1,1 Milliarden).

„Komm und sammle deine schmierigen Höschen ein und wage es verdammt noch mal nicht, noch einmal zur Schule zu kommen“, lautete die letzte Meldung, welche die Britin Megan Gillan auf Bebo erhalten hatte. Niemand weiß, ob sie sie noch gelesen hat, bevor sie sich mit einer Überdosis Medikamente tötete. Die Hass-Attacken im Internet hatten sich über Monate hingezogen; das Mädchen sah keinen anderen Ausweg mehr, als im Juli 2009 mit fünfzehn Jahren seinem jungen Leben ein Ende zu bereiten.Holly Grogan war ebenfalls fünfzehn Jahre alt, als sie sich zwei Monate nach Megan Gillan nahe der englischen Stadt Gloucester von einer Brücke stürzte. Die Eltern sagten aus, ihre Tochter sei nicht mit dem Druck und dem Mobbing auf Netzwerken und in ‚Freundschafts-Gruppen’ im Internet wie Facebook, Bebo und MySpace zurechtgekommen. Mehrere Mädchen hatten Holly auf ihrer Facebook-Seite reihenweise beschimpft. Zuletzt hatten sie das Mädchen beschuldigt, mit dem Bruder einer Freundin geschlafen zu haben (was, wie sie sagte, nicht wahr sei) und luden sie von einer Party aus. Das war zu viel für Holly, für die, wie ihr Vater anfügte, „Freundschaften alles waren – wie das so ist in diesem Alter.“ Noch am selben Tag stürzte sie sich bei Churchdown von einer Brücke auf die stark befahrene Autobahn. Das Mädchen, das früher schon die Schule hatte wechseln müssen, war ein fröhlicher, umgänglicher Typ gewesen, allerdings mit einem extrem schwachen Selbstbewusstsein. Hatte dies dazu geführt, dass sie seltsame Geschichten erfand, wie beispielsweise, dass ein Bruder von ihr gestorben sei – während er in Wirklichkeit putzmunter war – oder dass ihre Eltern sich scheiden lassen wollten, was ebenfalls nicht stimmte? All dies habe viel Unmut und Empörung hervorgerufen, gab ihr Schuldirektor bekannt. Das ist übrigens einer der schlimmsten Aspekte der sogenannten ‚sozialen Netzwerke’: Dass sie das Lügen und Erfinden falscher Tatsachen so einfach machen.

Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg

Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin von Facebook, reagierte nicht auf den Selbstmord von Facebook-Mitgliedern.

Große Berühmtheit in allen Medien erlangte 2007 ein Mädchen namens Megan Meier aus Missouri. Es war gerade mal dreizehn Jahre alt, als es aus dem Leben schied. Megan war Opfer einer besonders perfiden Art des sogenannten Cybermobbings geworden: Ihre ehemalige ‚beste Freundin’ rächte sich an ihr, indem sie im Netz einen tollen 16-jährigen Jungen na­­­mens ‚Josh’ erfand, der sich sehr für die übergewichtige Megan interessierte. Ihre Kenntnisse über Megans Vorlieben halfen der Exfreundin, die von ihrer Mutter tatkräftig unterstützt wurde, ‚Josh’ zum Traummann von Megan zu machen – auch ein 18-jähriger Teilzeitangestellter der beiden half mit, der für den ‚männlichen Touch’ der Mitteilungen von Josh sorgen sollte. Es dauerte nicht lange und Megan hatte sich unsterblich in ihren maßgeschneiderten Traumboy verliebt. Man kann sich vorstellen, dass neben Rachegefühlen und Neugier auch eine Menge niederträchtiger Spaß im Spiel war, als die drei Täter das Mädchen mit so einfachen Mitteln emotional manipulierten. Zu dritt fixten sie Megan regelrecht an – um sie am Ende gezielt zu demütigen. Der Anfang vom Ende war eine kleine Nachricht von ‚Josh’: Er wolle mit ihr keinen Kontakt mehr, weil er gehört habe, dass sie schlecht mit ihren Freunden umgehe, eine böse Person sei. „Wovon redest Du?“, soll Megan ihn chattend konfrontiert haben. Einige Zeit später hatte ‚Josh’ ihr das mit einem Bündel von Beleidigungen, Demütigungen und Anschuldigen so klargemacht, dass sie keinen anderen Ausweg aus ihrer emotionalen Drangsal mehr sah, als sich im Oktober 2006 im Dachboden ihres Elternhauses zu erhängen.

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