Die Kerzen brennen nach EU-Norm ab


Die Brüsseler Bürokraten schlagen mal wieder zu: Nach dem Glühbirnen-Verbot und jeder Menge schon bestehender Normen will die Europäische Union jetzt auch Adventskerzen regulieren – alles natürlich ganz im Sinne von Sicherheit und Ordnung.

Eine Glosse von Detlev Gröning

Ein kleines Kind mit Weihnachtsmütze sitzt vor einem Adventkranz mit brennenden Kerzen. © picture alliance / EXPA /APA/ picturedesk.com Fotograf: EXPA

Bevor was passiert beim besinnlichen Singen und Spielen rund um den Adventskranz – verabschieden wir schnell eine Norm.

Endlich! Nach wochenlangem Ausnahmezustand kehren die EU-Kommissare in den Alltag zurück. Wie muss man sich das vorstellen? Sie sitzen an ihrem Brüsseler Schreibtisch. Die Tage werden immer kürzer. In Umfragen glauben wieder mehr Leute an den Weihnachtsmann als an Europa, die Arbeitszeit rieselt ihnen durch die Finger, da verharrt der Blick auf dem noch jungfräulichen Adventskranz, und aus der Tiefe des Hängeregisters, wenn nicht sogar aus der brennenden Büropflanze ertönt eine Stimme: Da geht noch was!

Und tatsächlich: Ein prüfender Blick durchs Fernglas in die bürgerlichen Habitate zeigt, dass unbelehrbare Romantiker gerade in dieser Jahreszeit das sachliche Gleißen der Energiesparlampe durch den ungenormten Dämmerschein offener Wachsfeuer ersetzen. Trotz der verheerenden Klima- und Leistungsbilanz. Vereinzelt sind sogar karusselartige Flügelkonstruktionen aus dem Erzgebirge zu erkennen, die die aufsteigende Hitze zu nichts anderem verwenden, als allerlei Krippenfiguren unnötig in Rotation zu versetzen. Moderne Kraft-Wärme-Kopplung sieht anders aus. Um mit dieser Technologie auch nur ein einziges Kommissionsbüro vorschriftsmäßig zu erhellen, müsste man 500 Kerzen aufstellen. Das Problem: Wohin mit den 37 Kilowatt Heizleistung? Also Fenster auf. Aber wenn das jeder macht? Dann war’s das mit den Klimazielen. Doch wer verzichtet allein aus Umweltgründen auf das ineffiziente Besinnlichkeitsgeflacker?

Besser wäre ein Schreckensszenario, das schon am Frühstückstisch losgeht: Der Umblätterradius ihrer Tageszeitung kreuzt den Feuerbereich eines Porzellanchorknabens mit vorweihnachtlichem Flammenwerfer; zwei Sekunden später lässt sich der brennende Sportteil auf die Tischdecke fallen, ein fahriger Löschversuch treibt das lodernde Feuilleton in die Gardinen, danach kommt die Decke, der Dachstuhl, das Haus, die gesamte Straße.

Schweißgebadet greift jemand zum Lineal und misst den Abstand zwischen Kerze und nächstliegendem Tannenzweig. Dann das Verhältnis von Kerzendurchmesser und Dochtstärke, den Neigungswinkel der Halterung, den Radius des Nadelholzgestecks, die lichte Höhe der eingelagerten Tannenzapfen, und eine Stunde später ist sie fertig, die „Normbeleuchtungsfazilität nach der EU-Adventsbrennstellenverordnung“. Hätte man kürzer fassen können, aber leider ist der Begriff „Standardkerze“ schon an die Astronomie vergeben. Beigefügt ist die Zeichnung eines Bassins mit Teelicht-Insel, die von einem Kubikmeter Löschwasser umspült wird.

Erfahrungsgemäß ist die europäische Ebene für solche Ideen besonders durchlässig, sodass es an dieser Stelle schon im nächsten Jahr heißen könnte: Ich muss Schluss machen; gleich kommt der Bezirksschornsteinfeger wegen unserer Kerze. Sonntag ist schließlich erster Advent.

Quelle: https://www.ndr.de/info/sendungen/auf_ein_wort/Die-Kerzen-brennen-nach-EU-Norm-ab,kerze142.html

Gruß an die wenigen Klardenker

TA KI

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