Die Verbindung zwischen Pflanzen und Weiblichkeit


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– ein Interview mit dem Schamanenwissenschaftler Terence McKenna

 

Ist die Verbindung zwischen Pflanzen und Weiblichkeit das neue Leitbild der Kultur?

Führt die Suche der psychedelischen Erfahrung, die zur intellektuellen Krise des 20. Jahrhunderts gehört zu einem Archaismus, zu einer Wiederbelebung vorgeschichtlicher Werte?
Auf die Fragen des deutschen Autorenkollegen Renèe Zucker antwortet Terence McKenna, die legendärste Person, die in den letzten 15-20 Jahren in Erscheinung getreten war, „als das poetischste Sprachrohr und die wohl radikalste philosophische Stimme, die uns unterstützt, die psychedelische Erfahrung mit den urzeitlichen Traditionen des Schamanismus zu verknüpfen“, wie Timothy Leary es ausdrückte.

„Der wohl wesentlichste und wirklichste Teil ‘Alten Wissens’, ist was Leute über Pflanzen wussten, weil sie in einer solch engen Verbindung zu Pflanzen lebten. Wir sehen uns gern als eine Spezies von Jägern, aber in Wirklichkeit war das Essen von Fleisch eher ein seltenes Ereignis, gemessen an der Zeit, die aufgewendet wurde, um Beeren, Nüsse, Wurzeln und Blätter zu sammeln. Diese Heilpflanzen , die mit Wesenheiten assoziiert werden, sind seit ewigen Zeiten eingebunden in den menschlichen Lebenszusammenhang; sie wurden ständig gesammelt, miteinander gekreuzt und wegen ihrer jeweiligen Wirkungsweisen beständig gesammelt. Lange Zeit bevor Nahrungspflanzen angebaut wurden, bestand bereits ein erhöhtes Interesse an psychoaktiven Heilpflanzen.

Diese Pflanzen symbolisieren das kulturelle Erbe tausender Jahre von Jäger- und Sammlerkultur; aber wir verstehen sie (noch) nicht als Produkt unserer Kultur, so wie wir ein Auto oder Flugzeug als Kulturgut betrachten. Wir wissen das diese tropischen Wälder voll von chemisch interessanten und medizinisch wirksamen Pflanzen sind. Die Wälder von Amazonas, Guatemala, Hawaii, Assam, West Iriam, Bali…. all diese Ökosysteme sind bedroht und wenn einmal eine Spezies ausgestorben ist, wird das für immer sein, denn… sie ist einzigartig im Universum.“

Ich habe meinen Uni-Abschluss über den Schutz natürlicher Ressourcen gemacht, wobei ich besonders den Schamanismus berücksichtigt habe. Je näher ich diese schriftlosen Kulturen kennen lernte, desto mehr sah ich, das in ihrem Zentrum ein hochentwickeltes System der Pflanzenmedizin stand. Und ich lernte die Ängste über die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage kennen. Ich meine, diese Menschen sind keine Museumsstücke und es wäre blauäugig zu erwarten, dass sie in Grashütten leben, wenn alle anderen Mercedes fahren. Also gilt es ihr Erbe und die damit verbundenen Pflanzen erhalten.. zumindest solange, bis das unsere Medizin sich genug entwickelt hat, um diese Kenntnisse einzubinden.

Wenn ich so oft von der Verbindung zwischen Pflanzen und Weiblichkeit spreche, dann denke ich dabei an die Suche nach einem neuen Leitbild, das zur intellektuellen Krise des 20. Jahrhunderts gehört. Diese Suche führte zu einem Archaismus, zu einer Wiederbelebung vorgeschichtlicher Werte. Ich glaube, dass die Vorgeschichte von partnerschaftlichen Gesellschaften – Rianne Eisner prägte diesen Begriff – gekennzeichnet war. Das heißt die Kraft des Femininen war der Kraft des Maskulinen gleichgestellt, woraus sich ein wesendlich angenehmeres und befriedigenderes kulturelles Leben entwickelte.

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Und dieser partnerschaftliche Stil war nicht zuletzt durch Pflanzen vermittelt, die wir Halluzinogene nennen würden. Pflanzen die eine psychologische Veränderung hervorrufen, ein Auflösen von Grenzen, von Kategorien und kulturellen Erwartungen. Es scheint mir sehr einleuchtend, dass unsere Vorfahren diese visionäre, pflanzenbezogene Rückverbindung zur Natur als Teil ihrer Erdgöttinnen-Religion erfuhren. Das ist die wirkliche Ur-Religion der Menschheit; sehr alt und weitverbreitet.

Darum meine Geschichte, in der ich davon ausgehe, dass unsere Evolution in bislang unberücksichtigtem Maße durch das Vorhandensein halluzinogener Pflanzen in der Nahrung der frühen Primaten voranbewegt wurde. Das mag anfangs vielleicht unbemerkt geschehen sein, aber sobald der Zusammenhang einmal bemerkt wurde,, wurde er wahrscheinlich auch maximiert… und daraus entwickelten sich schließlich die extatisch-orgiastischen, göttinnenorientierten Religionen der frühen Menschheit. Noch fehlt uns eine Tradition des rechten Umgangs mit jenen sakralen Drogen, eine Tradition der Integration von Halluzinogenen in das Leben der Gemeinschaft, wie das beim Schamanismus, wie er im Amazonas praktiziert wird, der Fall ist. Da geht es nicht um ein beiläufiges High werden oder Erholung, sondern es ist eine extrem fordernde spirituelle Disziplin.

Terences Lebenspartnerin Kat, die auch Redakteurin des (in den USA monatlich erscheinenden) Newsletters ‘Plantwise’ ist und mit ihrem gemeinsamen Sohn und ihrer Tochter zusammen – und mit Terence in Trennung lebt, fügt hinzu:
„Es sind keineswegs nur psychoaktive Pflanzenstoffe, die in den alkaloidhaltigen Schlingpflanzen der Botanical Dimensions-Anlage gleich tonnenweise vorhanden sind! Auch Pflanzen die nicht bewusstseins-erweiternd sind, wie z.B. das ‘Chiccuru Piri-Piri’; dass die Ureinwohner von Cupalca erfolgreich als Verhütungsmittel einsetzten, werden hier kultiviert.“

Und doch interessierte uns seinerzeit gerade die zeitgemäße Kernaussage des psychedelischen Forschungsunternehmens, die Terence – selbst kein Biologe oder Chemiker -, auf die Fragen des deutschen Autorenkollegen Renèe Zucker hin klar zu umschreiben begann.

Was das in Bezug auf den Umgang mit Halluzinogenen in unserer Kultur bedeutet, ist eine enorme Erziehungsaufgabe. Leute wurden belogen über das, was Drogen sind, man hat Drogen zum Dämon des modernen Lebens gemacht. Ich gehe davon aus, dass Menschen schon immer Drogen nahmen und auch weiter nehmen werden. Und dass genau wie es zu unserem Leben gehört, für unser sexuelles Leben Verantwortung zu übernehmen, es ebenso zu unserem Reifeprozess gehört, für unser psychedelisches Leben Verantwortung zu übernehmen. Deswegen lautet unsere Aufgabe Erziehung. Deswegen ist es wichtig, sorgfältig herauszufinden, was Drogen bewirken und vermitteln, was Drogen bewirken, was ihre Konsequenzen sind, basierend auf einer rationalen Sammlung von Beobachtungen. Wir können nicht länger jenes hysterische Pendel zum Maßstab nehmen, wo auf der einen Seite alle paar Jahre ein Drogen-Utopia proklamiert wird und auf der anderen Seite neuerliche Hexenjagden veranstaltet werden.

Das erstaunlichste an den psychedelischen Drogen ist, dass sich jeder Mensch, wo immer er sich befindet, zu einer Art Zauberer im eigenen Wohnzimmer verwandeln. Die Welt ist nicht ohne Herausforderungen, sobald man die Herausforderungen der Psychedelika akzeptiert hat. Jedes Apartment, jeder Grashügel kann zur Startrampe für eine ekstatische, visionäre Reise in eine andere Seinsebene werden. Das ist die große Wahrheit, die unsere Kultur vor uns verborgen hält; das wir von einem gewaltigen Nachlass von Information umhüllt sind, von einer anderen Dimension, deren einziger Fehler/Nachteil es ist, das sie vor unseren Kulturellen Werten keine Gnade findet. Und jetzt berichten uns die Anthropologen, das diese primitiven Leute mit ihren Pflanzen selige Reisen in unvorstellbare Welten unternehmen, in Welten voll Risiko und voll transzendenter Schönheit.

In unserer Entwicklung als westliche Menschen haben wir zuerst die einfachen, dringlichen Fragen behandelt: was ist Luft?, was ist Erde?, was ist Feuer? Die liegen inzwischen hinter uns (obgleich geade das Wasser als Informationsträger neu entdeckt wird). Aber womit wir nun tatsächlich konfrontiert sind, sind die Fragen: was ist Geist?, was ist Selbst, was ist Identität? Diese Fragen haben sich die alten Schamanenkulturen nicht gestellt, jedenfalls nicht in der Weise/Form in der wir es tun, aber es sind Fragen, auf die psychedelische Drogen ein Licht werfen. Wenn wir uns auf eine reifere Kultur zu bewegen wollen, zu einer Gesellschaft, die fair ist und offen ist und jede Frage stellen kann, auch auf die Gefahr hin, dass diese Antworten sehr, sehr erstaunlich sein werden.

Damit klarzukommen, ist nicht einfach für unsere Kultur, und es wir eine Weile dauern, bis sie diese Tatsache assimiliert hat. Aber die Drogenfrage liegt in der kulturellen Entwicklung direkt vor uns.

Ich denke, dass, in der gleichen Weise, in der das 19. Jahrhundert eine allmähliche Abneigung gegen die Sklaverei empfand und sie schließlich abschaffte, auch die Frage der Drogen heute mehr und mehr als eine Sache von Bürgerrecht verstanden wird, als ein Prinzip menschlicher Freiheit.

So wie die menschliche Entwicklung dazu führte, das Gottesgnadentum der Könige abzuschaffen, in Anerkennung der menschlichen Freiheit, so müssen wir uns von der Vorstellung befreien, dass es eine Sache von Regierungen sei, zu entscheiden, welche Drogen die Leute nehmen dürfen.

Wir werden in den kommenden/nächsten 10-20 Jahren auf diesem Gebiet gemeinschaftlich umdenken. Die internationalen Drogenkartelle der Kokain- und Heroindealer sind in vielen Fällen schon so mächtig, dass sie ganze Regierungen kaufen (oder über die Industrie politische Entscheidungen beeinflussen) können Das musste die Regierungen, die das Entstehen dieses Drogenhandels und der Kartelle lange Zeit begünstigt haben, natürlich das Fürchten lehren.

Man erwägt ja inzwischen, sie aus dem Geschäft zu vertreiben, indem man den Drogenhandel legalisiert – auch um sich die lukrativen Steuereinnahmen zu sichern. Die staatlichen Institutionen zur Drogenbekämpfung unterscheiden zwischen Stoffen wie Heroin auf der einen und Psychedelika auf der anderen Seite, nur insofern, als das Psychedelika nicht zu den Drogen gehör/ten, mit denen jemand viel Geld verdienen kann/konnte.

Mit der Entstehung der elektronischen Musik erlebten die 90er Jahre einen neuerlichen Sommer der Liebe mitsamt seinen Acid-House, Techo-, Rave- und Trance Movements und nicht nur das synthetische LSD, sondern vor allem magische Zauber-Pflanzen und -Pilze, sowie entsprechenden Designerdrogen wie MDMA und MDE. Neue Drogengruppen wie Entaktogene, Entheogene wurden den psychedelisch Wirkenden Substanzen zugefügt; und für illegal erklärt.

Es gibt nur relativ wenig Leute die sie nehmen und deswegen sind sie weder für die Mafia noch für die Polizei von großem Interesse. Für das Gesetz sind die Psychedelika Nebensache, sie sind allerdings von großer Bedeutung unter dem Aspekt ihres kulturellen Einflusses.

Warum sind/waren sie dann vergleichsweise unpopulär?
Weil ihre Einnahme Mut erfordert, Intelligenz, Disziplin, Selbstkontrolle, Neugier, Aufmerksamkeit, derlei Qualitäten. Die meisten Leute nehmen Drogen /betrachten Rausch als etwas, um ihre Wahrnehmung abzustumpfen, um ihr Leiden wegzuwischen. Aus diesem Grund sind Alkohol und Nikotin (und in gew. Maß auch Kokain) die Drogen der Massen, sie töten den Schmerz, in einer leeren, hoffnungslosen Welt zu leben. Die Halluzinogene (und auch Marihuana) hingegen laden uns ein in eine höhere, weitere, tiefere Definition dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein.

Ich denke also, es gibt eine Zukunft für psychedelische Fragen, sogar eine sehr große Zukunft. Denn wenn es nicht die Erweiterung des Bewusstseins ist, die über der menschlichen Zukunft schwebt, was für eine Zukunft ist das dann !?

Quelle: Rave New World magazin 2000, S. 24, Das Interview mit Terence McKenna wurde 1993 auf dem Grundstück der Botanical Dimensions auf Hawaii von Renee’ Zucker geführt.

Quelle: http://www.dieneueenergiebewegung.de/shares/content/?conId=269

Gruß an Mutter Natur

TA KI

Im Rausch der Pflanzen der Götter


 

Christian Rätsch

Im Rausch der Pflanzen der Götter

 

Der Rausch der Götter

Bei dem Wort Rausch denken die meisten Menschen an einen ganz bestimmten Rausch, nämlich den Alkoholrausch. Die Alkoholwirkungen sind sehr gut bekannt. Der Rausch beginnt mit einer angenehmen Heiterkeit und endet in Blackout und Delirium. Doch gibt es viel mehr Arten des Rausches, die ganz anders geartet sind. So bewirkt Opium einen Rausch, der durch Glückseligkeit, geistige Klarheit und Hellsichtigkeit charakterisiert ist. Der Haschischrausch ist durch eine anfägliche Euphorie und folgendem Assoziationsfluß gekennzeichnet. Der Kokainrausch zeichnet sich durch ein maßloses Geplapper aus. Der Rausch, der durch Nachtschattengewächse ausgelöst wird, kann als hypnotische Trance beschrieben werden. Die Räusche, die von Zauberpilzen, LSD oder Meskalin erzeugt werden, lassen sich am besten als visionäre Bewußtseinserweiterung umschreiben.

Gerade die bewußtseinserweiternden Pflanzen stehen seit alters her im religiösen Zentrum vieler Völker, werden rituell eingenommen und meistens »Pflanzen der Götter« genannt. Sie können nämlich unter der sachkundigen Führung eines Schamanen oder Priesters mystische Erfahrungen auslösen und die Menschen direkt mit der Welt der Götter in Verbin dung bringen. Pflanzen und Substanzen, die derartige Kräfte entfalten können, werden Phantastika (»die Phantasie erregend«), Psychedelika (»die Seele offenbarend«), Entheogene (»die Götter enthüllend«) oder Halluzinogene (»im Geiste herumwandern«) genannt. Sie kommen überall auf der Welt vor, doch ist der Grad ihrer Verwendung unterschiedlich. »Zweifellos gibt es nirgends auf der Welt eine solche Vielfalt und eine so intensive Verwendung der Halluzinogene im kulturellen Leben der Ureinwohner wie in Mexiko«, schreiben RICHARD E. SCHULTES und ALBERT HOFMANN in ihrem gerade wieder erschienenem Buch Pflanzen der Götter.

Die mexikanische Kulturgeschichte ist ohne den religiösen und schamanischen Gebrauch der Pflanzen der Götter nicht vorstellbar. Archäologische Funde deuten auf das hohe Alter der kultischen Verwendung. In den den kolonialzeitlichen Quellen werden sie oft genannt und z.T. detailliert beschrieben. Es gibt über hundert bewußtseinserweiternde Pflanzen in Mexiko, die bedeutsamsten sind die Zauberpilze (Psilocybe sp., Panaeolus sp.), der Peyotekaktus (Lophophora williamsii), die Winden (Turbina corymbosa, Ipomoea violacea) und die verschiedenen Stechapfelarten (Datura inoxia, Datura ceratocaula).
Das bedeutendste kolonialzeitliche Dokument der indinaischen Kultur ist eine Textsammlung des Franziskaners BERNARDINO DE SAHAGUN, der aztekische Edelleute und Gelehrte dazu brachte, mit europäischen Lettern aztekische Texte zu verfassen. In dem Kapitel, »in dem die Namen der vielen Pflanzen genannt werden, die einen verwirren, toll machen« heißt es vom Peyotekaktus:

»Dieser Peyote ist weiß und wächst nur dort im nördlichen, Mictlan genannten Gebiet. Auf denjenigen, der ihn ißt oder trinkt, übt er eine Wirkung wie Pilze aus. Auch sieht derjenige viele Dinge, die ihn ängstigen oder ihn zum Lachen bringen. Er beeinflußt einen vielleicht einen Tag, vielleicht zwei Tage, aber genauso läßt er nach. Dennoch fügt er einem Schaden zu, wühlt einen auf, berauscht einen, übt eine Wirkung auf einen aus. Ich nehme Peyote; ich bin aufgewühlt.« (SAHAGUN XI, 7)

Der spanische Arzt FRANCISCO HERNANDEZ schrieb in seiner Natur ge schich te Neu-Spaniens (1615) über den Peyote:

»Dieser Wurzel werden wunderbare Eigenschaften zugeschrieben, wenn man dem Glauben schenken will, was darüber gesagt wird. Diejenigen, die sie nehmen, bekommen die göttliche Gabe der Vorsehung und können künftige Dinge wie Propheten vorauswissen… Die Chichimeken glauben, daß die Kraft dieser Wurzel das ermöglicht«

Die Azteken nannten die nomadischen Stämme des Nordens allgemein Chichimeken. Unter diesen Völkerschaften befanden sich sehr wahrscheinlich die Ahnen der Huichol, die heute in der Sierra Madre leben, und die Tarahumara aus dem hohen Norden. Sowohl die Huichol als auch die Tarahumara haben den in die präkolumbische Zeit zurückreichenden Peyotekult bis heute bewahrt.

Die wichtigste mexikanische Pflanze der Götter neben dem Peyotekaktus ist der Pilz (Psilocybe mexicana) mit dem aztekischen Namen Teonanácatl, wörtlich übersetzt »Fleisch der Götter«. Ein weiterer von SAHAGUN gesammelter aztekischer Text berichtet über die Pilz-Rituale der Indianer:

»Das erste, was man bei derlei Zusammenkünften aß, war ein schwarzer Pilz, den sie Nanacatl nannten. Er wirkt berauschend, erzeugt Visionen und reizt zu unzüchtigen Handlungen. Sie nehmen das Zeug schon früh am Morgen des Festtages und trinken vor dem Aufstehen Kakao. Die Pilze essen sie mit Honig. Wenn sie sich mit ihnen trunken gemacht haben, beginnen sie erregt zu werden. Einige singen, andere weinen, andere sitzen in ihren Zimmern, als ob sie tief in Sorgen versunken wären. Sie haben Visionen, in denen sie sich selbst sterben sehen, und das tut ihnen bitterlich leid. Andere wiederum erschauen Szenen, wo sie von wilden Tieren angefallen werden und glauben aufgefressen zu werden. Einige haben schöne Träume, meinen sehr reich zu sein und viele Sklaven zu besitzen. Andere aber haben recht peinliche Träume: sie haben das Gefühl, als seien sie beim Ehebruch ertappt worden oder als wären sie arge Fälscher oder Diebe, die nun ihrer Bestrafung entgegensehen. So haben alle ihre Visionen. Ist der Rausch, den die Pilze hervorrufen, vorbei, sprechen sie über das, was sie geträumt haben und einer erzählt dem anderen seine Visionen.« (SAHAGUN IX)

Kaum eine andere Zauberpflanze ist so typisch für den schama ni schen und kultischen Gebrauch wie der heilige Pilz. Die mazatekische Heilerin MARIA SABINA sagte dazu:

»Die Pilze geben mir die Macht, alles umfassend zu sehen. Ich kann bis zum Ursprung hinabblicken. Ich kann dorthin gehen, wo die Welt entspringt. Der Kranke wird gesund und die Angehörigen kommen und besuchen mich dann, um mir zu sagen, daß eine Erleichterung eingetreten ist. Sie bedanken sich und bringen mir Schnaps, Zigaretten und ein bißchen Geld mit.«

In der kolonialzeitlichen Literatur ist noch eine andere Pflanze der Götter, die Winde Ololiuqui (Turbina corymbosa), sehr gut bekannt:

»Seine Blätter sind schlank, strickartig, klein. Sein Name ist Ololiuhqui. Es berauscht einen; es macht einen wahnsinnig, wühlt einen auf, macht einen toll, macht einen besessen. Derjenige, der es ißt, der es trinkt, sieht viele Dinge, die ihn in hohem Maße erschrecken. Er ist wirklich geängstigt von der großen Schlange, die er aus diesem Grund sieht.
Derjenige, der Leute haßt, veranlaßt einen, es im Getränk und in der Nahrung zu verschlucken, um einen toll zu machen. Allerdings riecht es sauer; es brennt ein wenig im Hals. Gegen die Gicht wird es nur auf der Oberfläche aufgetragen.«
(SAHAGUN XI, 7)

Der spanische Arzt FRANCISCO HERNANDEZ schrieb in seinem Rerum medicarum Novae Hispaniae thesaurus über Ololiuqui:

»Es gibt in Mexiko ein Kraut, daß heißet Schlangenkraut, eine Schlingpflanze mit pfeilförmigen Blättern, die deshalb auch das Pfeilkraut genannt wird. Der Same dient in der Medizin. Zerrieben und getrunken mit Milch und spanischem Pfeffer, nimmt er die Schmerzen weg, heilt allerhand Störungen, Entzündungen und Geschwülste. Wenn die Priester der Indianer mit den Geistern Verstorbener in Verkehr treten wollen, genießen sie von diesen Samen, um sich sinnlos zu berauschen, und sehen dann Tausende von Teufelsgestalten und Phantasmen um sich.«

Dem spanischen Missionar HERNANDO RUIZ DE ALARCON verdanken wir die detailliertesten Berichte über den indianischen Gebrauch der Zauberpflanzen (Ololiuqui, Peyote) der späteren Kolo­nial zeit. Seine Schriften wurden 1629 unter dem Titel Traktat über die heidnischen Aberglauben, die heute zwischen den Indianischen Eingeborenen Neu-Spaniens lebendig sind (1629) veröffentlicht. Dieses Werk wurde eine Art »Hexenhammer«, die juristische Grundlage der Hexen verfolgung in der Neuen Welt. Über den Gebrauch von Ololiuqui, der mit dem Gebrauch von Peyote gleichgesetzt wird, heißt es darin:

»Das sogenannte Ololiuqui ist ein Samen wie Linsen oder Linsenerbsen, der, wenn er getrunken wird, einem die Urteilskraft entzieht. Und das Vertrauen, daß diese unglücklichen Eingeborenen in diesen Samen setzen, ist erstaunlich, denn, wenn sie davon trinken, befragen sie ihn wie ein Orakel bei allem, was sie zu wissen wünschen, sogar die Dinge, die über das menschliche Wissen hinausreichen, wie die Gründe für Krankheiten; beinahe jeder von ihnen, der an Schwindsucht, Tuberkulose, Durchfall oder an sonst einer hartnäckigen Krankheit leidet, führt diese auf Verhexung zurück. Und um diese Probleme zu beheben, wie auch Fragen über gestohlene Dinge und Angreifer zu beantworten, lassen sie diesen Samen von einem ihrer zweifelhaften Doktoren befragen, von denen einige genau diese Aufgabe haben, nämlich den Samen zu solchen Befragungszwecken zu trinken, und diese Art von Doktor wird payni genannt – wegen dieser Aufgabe, für die er sehr gut bezahlt wird, und sie bestechen ihn auf ihre Art mit Essen und Trinken. Falls der Doktor diese Funktion ablehnt oder sich von dieser Tortur befreien möchte, rät er dem Patienten, den Samen selbst zu trinken oder eine andere Person, für deren Dienste sie genau wie für den Doktor bezahlen, aber der Doktor bestimmt für ihn den Tag und die Stunde, zu der er ihn trinken soll, und er sagt ihm, zu welchem Zweck.
Endlich, ob es der Doktor selbst oder eine andere Person an seiner Stelle ist, um diesen Samen zu trinken, oder einen namens Peyote, der eine andere kleine Wurzel ist, und zu dem sie das gleiche Vertrauen zeigen wie zu den ersteren, schließt er sich in einen Raum ein, der üblicherweise sein Gebetsraum ist, und wo keiner hinein darf, während der ganzen Zeit der Befragung, die so lange andauert wie der Befrager nicht bei Sinnen ist, denn das ist die Zeit, in der, wie sie glauben, das Ololiuqui oder Peyote ihnen das Gewünschte eröffnet. Sobald der Rausch oder der Entzug der Urteilskraft vorbei ist, erzählt der Betroffene zweitausend Schwindel, unter welche der Teufel meistens ein paar Wahrheiten streut, so daß er sie vollkommen getäuscht oder betrogen hat. […]
Sie machen auch Gebrauch von dem Trank, um Dinge zu finden, die gestohlen, verloren oder verlegt wurden, um zu erfahren, wer sie genommen oder gestohlen hat.«

Die Verteufelungskampagne

Als die Europäer in die Neue Welt drängten, begegneten sie erst mals Schamanen, die sie abschätzig als »Zauberer« und »Schwarzkünstler« bezeichneten. Ihre Götter oder Hilfsgeister wurden als Götzen, Idole und Teufelswerk degradiert; ihre heiligen Tränke als Hexengebräu diffamiert. So heißt es in einem kolonialzeitlichen Inquisitionsschreiben von D. PEDRO NABARRE DE ISLA (erlassen am 29.6.1620):

»Was die Einführung des Gebrauchs des Krautes oder der Wurzel namens Peyote […] zwecks Aufdeckung von Diebstählen, Weissagungen anderer Begebenheiten und das Prophezeien zukünftiger Ereignisse anbelangt, so handelt es sich dabei um Aberglauben, der zu verurteilen ist, da er sich gegen die Reinheit und Unversehrtheit unseres Heiligen Katholischen Glaubens richtet. Dies ist sicher, denn weder das genannte noch irgendein anderes Kraut kann die Kraft oder ureigene Eigenschaft besitzen, die behaupteten Folgen hervorbringen zu können, noch kann irgendeines die geistigen Bilder, Phantasien oder Halluzinationen verursachen, auf denen die erwähnten Weissagungen gründen. In diesen letzten sind klar die Einflüsse und Eingriffe des Teufels erkannt, des wirklichen Verursachers dieses Lasters, der sich zuerst die natürliche Leichtgläubigkeit der Indianer und ihre Neigung zur Idolatrie zu Nutzen macht, und dann viele andere Menschen niederstreckt, die Gott nicht genug fürchten und nicht genug Glauben besitzen.«

Durch das inquisitorische Vorgehen der Kirche wurde der indianische Gebrauch der Pflanzen der Götter in den Untergrund gedrängt und seit etwa 100 Jahren wiederentdeckt.

Die wissenschaftliche Forschung

Der sicherlich bedeutendste Naturwissenschaftler, der die mexikanischen Zauberpflanzen erforscht hat, ist der 1906 geborene Schweizer Chemiker Dr. ALBERT HOFMANN. Der mit zahlreichen Ehrendoktortiteln ausgezeichnete Forscher ist zwar bekannter durch die Entdeckung seines »Sorgen- oder Wunderkindes« LSD; aber gerade diese Entdeckung führte ihn direkt zu den mexikanischen Schamanen und ihren Wundermitteln. In den frühen Sechziger Jahren folgte er einer Einladung von dem Pilzforscher GORDON WASSON nach Mexiko. Dort lernte er die mazate kische Schamanin MARIA SABINA kennen und durfte bei einem ihrer nächtlichen Rituale die bewußtseinserweiternden Zauberpilze selbst probieren. Die Wirkung erinnerte den Schweizer an das LSD. Er besorgte sich daraufhin eine ausreichende Probe besagter Pilze und untersuchte sie in seinem Basler Labor. Durch mutige Eigenversuche konnte er schließlich als erster Mensch die »chemische Seele« der Zauberpilze extrahieren und der Welt die Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin vorstellen. HOFMANN untersuchte auch die Samen der Windengewächse und konnte darin einen LSD-ähnlichen Wirkstoff entdecken. Ähnlich wie seinerzeit das LSD wurden auch die Pilz- und Windenwirkstoffe zunächst in der Psychiatrie eingesetzt.
Aber schon seit dem letzten Jahrhundert kennt die westliche Psychiatrie be wußt seins verändernde Drogen. Die erste Substanz, die in der Psychiatrie getestet und verwendet wurde, war das Meskalin. Es wurde um die Jahrhundertwende erstmals aus dem mexikanischen Peyotekaktus extrahiert, chemisch aufgeklärt und synthetisiert. Man interpretierte damals die Wirkung des Meskalin auf eine gesunde Versuchsperson als Zustand, den man sonst nur an psychopathologischen Patienten kannte. Die Idee der pharmakologisch ausgelösten »Modellpsychose« kam auf. Die Wirkung des Meskalins (und die der Pilze oder des Psilocybins) wurde als »Intoxikation, toxische Ekstase, Bewußtseinstrübung, Halluzinose, Modellpsychose, Drogenrausch, Emphase, Tag traum« usw. beschrieben. Verständlicherweise ist der Gebrauch von Drogen, die anscheinend pathologische Zustände auslösen, in der Psychiatrie und Psychotherapie nach wie vor umstritten.
Der Indianer kennt nicht unsere Probleme. Er muß nicht über abstrakte Definitionen nachgrübeln, braucht nicht erkenntnistheoretische Überlegungen anzustellen. Für ihn ist der Fall klar: Trance ist kein »veränderter Bewußtseinszustand«, sondern der Kontakt zur wahren Wirklichkeit, die Verschmelzung oder Begegnung mit einer Gottheit oder die Reise der Seele in die Unterwelt oder jene Regionen, die jenseits der Milchstraße liegen. Die erfahrene Vision ist keine Illusion oder Halluzination, sondern ein temixoch, ein »Blühender Traum«.

Die Pflanzen der Götter in der modernen Welt

Jedes Jahr im Herbst schwärmen die Pilzsammler in den Schweizer Jura. Einige suchen leckere Speisepilze, andere sammeln die »Zwergenmützen«, »Halluzipilze« oder einfach »Pilzli« genannten einheimischen Verwandten der mexikanischen Zauberpilze, die Spitzkegeligen Kahlköpfe (Psilocybe semilanceata). Obwohl der rituelle Gebrauch der heimischen Pilze schon den Alpennomaden bekannt gewesen sein soll, wurde der modernen Pilzgebrauch doch indirekt durch die Forschungen ALBERT HOFMANNs ausgelöst. Die Kraft der einhemischen Pilze steht der ihrer mexikanischen Verwandte in nichts nach. Auch sie bewirken Visionen von anderen Wirklichkeiten, erzeugen mystische Erfahrungen und lassen in den Pilzgenießern eine tiefe spirituelle Verbindung mit der Natur entstehen. Werden sie allerdings in einer unverantwortlichen Weise verzehrt, können sie grauenhafte Horrorvisonen und angstvolle Ichauflösungen erzeugen.
Der englische Philosoph und Schriftsteller ALDOUS HUXLEY führt die religiösen Konzepte von »Himmel« und »Hölle« auf derartige bewußtseinserweiternde Erfahrungen zurück. HUXLEY experimentierte selbst aus giebig mit den mexikanischen Zauberpflanzen und ALBERT HOFMANNs Produkten. Er erkannte in diesen Erfahrungen die »Antipoden der Psyche«; sich mit ihnen auseinanderzusetzen erschien auch ihm wertvoll. In seinem Buch die Pforten der Wahrnehmung schrieb er:

»Jede Erfahrung mit Meskalin, jede in der Hypnose entstehende Vision ist einzigartig; aber alle gehören unverkennbar derselben Kategorie an. Die Landschaften, die architektonischen Gebilde, die zu Büscheln geballten Edelsteine, die leuchtenden, verschlungenen Muster – sie sind in ihrer Atmosphäre übernatürlichen Lichts, übernatürlicher Farben und übernatürlicher Bedeutsamkeit der Stoff, aus dem die Antipoden der Psyche gemacht sind. Warum das so ist, das wissen wir nicht. Es ist eine nackte Erfahrungstatsache, die wir, ob es uns paßt oder nicht, hinnehmen müssen – genauso wie wir die Tatsache hinnehmen müssen, daß es Kängurus gibt.«

Quelle: Natürlich

Quelle: http://www.christian-raetsch.de/Artikel/Artikel/Im-Rausch-der-Pflanzen-der-Goetter.html

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Gruß an die Wahrheit

TA KI