Odins Runen – unsere Schrift


Geschrieben von: Dr. Wielant Hopfner

Bei der Beschäftigung mit der Literatur zum Thema „Runen“ fällt auf, daß die Verfasser so gut wie niemals über den Gebrauchswert der Runen in der heutigen Zeit sprechen. Durchweg ist man der Ansicht, die Runen „hatten ihre Zeit“, man kann sie heute gelegentlich schon mal anwenden, vielleicht eine Urkunde damit verzieren und das eine oder andere Symbol zur Bezeichnung eines Dienstrangs bei Bundeswehr oder U.S. Army verwenden.

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Bei der Beschäftigung mit der Literatur zum Thema „Runen“ fällt auf, daß die Verfasser so gut wie niemals über den Gebrauchswert der Runen in der heutigen Zeit sprechen. Durchweg ist man der Ansicht, die Runen „hatten ihre Zeit“, man kann sie heute gelegentlich schon mal anwenden, vielleicht eine Urkunde damit verzieren und das eine oder andere Symbol zur Bezeichnung eines Dienstrangs bei Bundeswehr oder U.S. Army verwenden. Nur Thorolf Wardle spricht in seinem Büchlein „Neue Runenlehre“ davon, daß man sehr wohl die heutigen germanischen Sprachen in Runenschrift schreiben könne. Rudolf John Gorsleben – ein nicht unumstrittener Autor – glaubte, daß eine neue deutsche Schrift, die auf der Runenschrift gründet, „wie von selbst hervorgehen“ wird. Welch ein Wunschdenken!

Die bei den anderen Autoren erkennbare negative Beurteilung des Gebrauchswerts der Runen mag vielleicht daher rühren, daß man z.B. ein Schriftstück, einen Brief oder eine Zeitung von Hand, Zeichen für Zeichen, in die Runenschrift umsetzen müßte, was wegen des Zeitaufwands heute nahezu unmöglich ist. Schreibmaschinen herkömmlicher Bauart sind mit Runenschriftzeichen nicht zu bekommen, Einzelanfertigungen kaum bezahlbar. Und wer soll eigentlich ein in Runenschrift abgefasstes Schriftstück lesen, gibt es doch nur ganz wenige Menschen, die die Runenschrift fließend lesen können. Und vielleicht gehören gerade diese nicht zu unseren Freunden. Fragen über Fragen.

An dieser Stelle sei daran erinnert, daß seit einigen Jahren das Computerzeitalter angebrochen ist. Computer erobern langsam, aber unaufhaltsam öffentliche und vor allem private Bereiche. Schriftstücke, Briefe oder Zeitungen werden zunehmend häufiger mittels Computer geschrieben und einer solchen Maschine ist es gleichgültig, ob sie kyrillische, griechische, lateinische oder Runenzeichen ausdruckt. Man muß ihr nur einmal den Zeichensatz eingegeben haben.

Daher gilt von nun an die negative Beurteilung des Gebrauchswerts der Runen nicht mehr! Und:

Die Runen sind als Gebrauchs-Schriftzeichen allen anderen Zeichen gegenüber völlig gleichwertig!

Die Frage heißt also nicht, ob man die Runen heutzutage zum Schreiben gebrauchen kann oder nicht, sondern ob wir das wollen!Wie so oft müssen wir uns entscheiden. Jeder einzelne von uns muß sich entscheiden, ob er z.B. die gemeingermanische Runenreihe, den Futhark, erlernen will und ob er die Runenzeichen auch bei passender Gelegenheit zum Schreiben verwenden will, oder ob er weiterhin alles und jedes in lateinischer Schrift schreiben will. Ein kurzer Blick auf die Entwicklung unserer Runenschrift kann bei dieser Entscheidung hilfreich sein:

Mit dem Schwachsinn, wonach die „nordischen Barbaren“ alles Heil und jegliche Kultur von Juden oder Phöniziern, „geschenkt“ bekommen haben sollen, brauchen wir uns nicht aufzuhalten. Das ist linke Tendenzpropaganda, die im Widerspruch zu den Ergebnissen der archäologischen Forschung steht. Die mehr „diplomatisch“ Vorgehenden unter den „Ex oriente Lux-Anpreisern“ versuchen es mit dieser Aussage: „Den Griechen gehört der Ruhm der Vermittlung phönizischer Buchstabenschrift nach Europa. Die Etrusker und Italer lernten von ihnen.“ Man möchte gerne verhehlen, daß der antike Historiker Diodoros in seinem dreißigbändigen Geschichtswerk (III,67 und V,74) in den Kapiteln über die griechische Urgeschichte schreibt, daß der trazische Sänger Lionos und sein Schüler Orpheus „die Schrift aus dem Norden nach Griechenland“ brachten, wo sie der griechischen Sprache angepaßt wurde. Noch etliche andere Zeugnisse gibt es, aus denen eindeutig hervorgeht, daß die Ziegenhirten der Levante ihren Hauch von Kultur den vor langer Zeit eingewanderten Nordleuten abgeschaut haben.

Unsere Runen sind nicht aus griechischen, lateinischen, etruskischen, altalpinen oder sonstigen Schriftzeichen entstanden, sondern all diese Schriften gehen auf eine im Norden gebrauchte Ur-Runenschrift sehr alten Datums zurück. Mit den Eroberungszügen der Indogermanen kam diese in alle Teile der damals bekannten Welt. Hier wurde sie von den einzelnen Völkern, die den Zusammenhang mit der alten Heimat verloren hatten und nun immer mehr einer materiellen, städtischen Lebensweise verfielen, ihres kultischen Sinngehalts entkleidet und zu einer profanen Schrift umgebildet. Jürgen Spanuth hat dies schlüssig in seinen Werken nachgewiesen. Da bei den in Mitteleuropa lebenden Germanen infolge der unterbliebenen Vermischung mit anderen Elementen Rasse und Geisteshaltung ziemlich rein bewahrt wurden, haben sich hier die Runenzeichen in der ältesten Zeichnungsart und am ursprünglichsten erhalten.

Das Wort „Runen“ hängt zusammen mit „Raunen“, Flüstern, heimlichem Reden. Dem Germanen waren die Runen etwas Vertrautes, den Fremden waren sie unverständlich und unheimlich. Schon vor vielen tausend Jahren zeichneten mitteleuropäische Menschen buchstabenähnliche Zeichen auf Rentierschaufeln oder auf Bachkiesel und die Archäologen rechnen diese Urkunden zu den ältesten Kundgebungen menschlichen Geistes auf der Erde. Dreifuß, Hakenkreuz, Drudenfuß, Radkreuz, Rechtkreuz, Sonnenscheibe sind wohl die bekanntesten. Die Ur-Rune, die Wenne-Rune, die Odal-Rune, die Man-Rune, die Jar-Rune, die Kaun-Rune und die Yr-Rune sind bereits seit der Steinzeit belegt.

Erinnern wir uns:

Vor rund 5000 Jahren stießen die an der Nord- und Ostsee ansässigen Großsteingräberleute mit den aus Mitteldeutschland nachdrängenden Schnurkeramikern und Streitaxtleuten zusammen. Diese Zeit des „Asen-Wanenkampfs“ ging einher mit einem gewaltigen geistigen Umbruch. Beide Völker schlossen sich nach Übereinkunft zusammen. Aus dieser Verbindung sind unsere Vorfahren, die Germanen hervorgegangen.

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Ihre Vorstellungen waren diese:

Sie glaubten, den Ursprung des Lebens im Wirken von überirdischen Wesen, ihren Göttern zu begreifen, von denen sie abstammten, denen zu helfen sie berufen waren, und zu denen sie nach dem Tode wieder zurückkehrten. Das Ringen um Weisheit schien unseren Vorfahren das Höchste. Und dieses Verlangen floß auch in ihre Mythologie ein. Allvater Odin-Wotan, der seinen Odem allen Wesen einhauchte, suchte nach dem Glauben unserer Ahnen selbst nach höherem Wissen. Dabei fand er die Runen. Der Gelehrte Dr.Hammerbacher schildert das Runenlied der Edda so:

Einst ritt Odin auf seinem Schimmel Sleipnir zur Weltenesche Yggdrasil. Da sah er drei Frauen am Brunnen sitzen und eifrig Fäden spinnen. Sie woben das Schicksalskleid für Götter und Menschen. Nornen wurden sie genannt, Urd, Werdandi und Skuld. Da enthüllten die drei Frauen dem Gott viele Geheimnisse aus grauer Vorzeit und weissagten ihm die ferne Zukunft.

Aber den Gott drängte es, noch mehr zu erfahren über den Weltengrund. Da verwiesen ihn die Frauen an den Riesen Mimir, der am Weisheitsquell haust, dessen nährende Säfte den Weltenbaum speisen.

Odin ritt zu Mimir. Doch der Riese wollte sein Wissen nicht sogleich preisgeben. Da gab Odin dem Gewaltigen sein linkes Auge zum Pfand. Nun eröffnete Mimir ihm tiefe Geheimnisse über die Welt.

Dennoch war Allvater noch nicht ganz zufriedengestellt bei seiner Suche nach Weisheit. Auf dem Rückweg kam er an einem kahlen Baum in öder Heide vorbei. Es war Nebelmond, kalte Dämmerung herrschte ringsum. Da verfing sich sein Mantel in den Ästen des Baumens. Odin hing zwischen Himmel und Erde. Vergeblich versuchte er sich zu befreien. Heervaters Schimmel „Sleipnir“, auch „Gleithuf“ genannt, umkreiste ihn wiehernd. Seine Raben „Hugin“ und „Munin“ – Kunde und Wissen – umflogen ihn unruhig und trugen ihm die Gedanken der Welt zu.

Odin rang mit sich selbst um höchste Weisheit. Neun Nächte hing er am windkahlen Baum. In ihm wurde es immer klarer und lichter. Jetzt endlich fand er die Zeichen der höchsten Lebenswerte. Er beugte sich tief vom Baum herab. Ächzend vor äußerster Anstrengung hob er die Zeichen auf und ritzte sie mit dem Schwert in den Stamm. Runen nannte er die heiligen Zeichen, denn sie raunen dem Kundigen Wissen zu. Nun wuchs dem Himmelsvater die übermächtige Kraft, sich vom Baume zu befreien. Er stürzte hinab, sprang er wieder auf, rief seinen Schimmel und ritt zurück nach Walhall, seiner Götterburg.

(Welch ein Gegensatz zum Gotte der Hebräer, Jehova! In deren Mythos vertrieb dieser seine Kinder, weil sie so werden wollten wie er, weil sie nach Wissen strebten!)

Odin-Wotan weihte seine göttlichen Gefährten in die Kenntnis der Runen ein. Er schenkte sie auch seinen treuesten Mannen, die nach seinen Gesetzen lebten und mit ihm für die göttliche Ordnung in der Welt und gegen die finsteren Mächte stritten. Ausgewählte Frauen wies der Gott ebenfalls in die Kunst der Runen ein. Die Zeichen wurden nun zur heiligen Schrift der Germanen, wie uns das Runenlied der Edda verkündet.
Soweit der Mythos, versuchen wir eine Deutung. Odin reitet zur Weltenesche. Diese war unseren Ahnen als Welten-Achse bekannt. Wir wissen, daß unsere Ahnen eine hochentwickelte Astronomie betrieben – und dies ohne Fernrohre. Ihre Berechnungen führten sie mit Visierungen, Messungen von Schattenlängen und Vergleichen von Sternenpositionen durch. Die Verbindungslinien und Fixpunkte der Sterne wurden in verkleinertem Maßstab mit Hilfe von Holzstäben auf der Erde ausgelegt.

Solche Stäbe mögen vor Odin gelegen haben, als er über die Gesetze der Welt nachdachte.“In ihm wurde es immer klarer und lichter“. Was war der springende Punkt auf der Suche nach den Gesetzen der Welt? Was war die bahnbrechende Erkenntnis?

– Alles kreist! –

Das war es! Für uns Heutige mag es nur wenig sein, denn wir wachsen im Zeitalter der Weltraumfahrt auf. Aber damals war das eine völlig neue Erkenntnis.

Odin hob die Stäbe, die ihm diese Wissen vermittelt hatten, auf und nannte sie Runen. Noch heute heißt im Englischen das Wort „laufen“ „run“, was auch auf den kreisförmigen Lauf der Sterne hindeutet. Und in der Tat lassen sich alle Runenzeichen aus einem Kreis, seinem Durchmesser, seinem Halbmesser und einer Bogensehne ableiten.

Odin ritzte die Runen in den Stamm der Weltenesche. Im Althochdeutschen gibt es das Wort „writan“, was ritzen heißt. Auf der Runenspange von Freilaubersheim ist noch das alte Wort „reitan“ für Schreiben gebraucht. Im Englischen bezeichnet „write“ das Schreiben. Unser heute benutztes Wort „schreiben“ ist hingegen aus dem Lateinischen entlehnt. Es hat mit den Runen nichts zu tun.

Für viele Jahrhunderte wurden nun die Runen in Form der „Gemeingermanischen Runenreihe“ zum gemeinsamen Gut aller Germanenstämme. Ihre Kenntnis war, der damaligen Zeit entsprechend, nicht bei allem Volk verbreitet, sondern hauptsächlich bei den weisen Frauen und den Gelehrten. Auch Fürsten und Heerführer haben sie gekannt, denn man grub sie gerne in die Schmuckstücke der Frauen und in die Waffen der Männer ein. Der eiserne Helm von Negau/Steiermark aus dem Jahre 6 n.Ztw., ist ein solches Beispiel. Wenn auch hölzerne Runendenkmale aus früher Zeit verständlicherweise nicht erhalten geblieben sind, so kennen wir doch etliche Zeugnisse aus den Zeiten, in denen die Metallbearbeitung (Bronze, Gold, Eisen) in Blüte stand.

Als der Römer Tacitus um etwa 90 n.Ztw. seine „Germania“ schrieb, berichtete er, daß Runen aus den Zweigen fruchttragender Bäume geschnitten und über ein weißes Tuch gestreut wurden. Aus ihrer Lage zueinander versuchte man die Zukunft zu ergründen. Dies wurde insbesondere von weisen Frauen, Seherinnen, geübt. Der römische Feldherr Drusus, der im Jahre 9 vor der Zeitenwende auf seinem Marsch durch Germanien beabsichtigte, den römischen Herrschaftsanspruch auf die an der Elbe ansässigen Germanen zu erweitern, war einer solchen Seherin begegnet. Sie weissagte ihm seinen baldigen Tod, was Drusus lachend als „Geschwätz einer Barbarin“ abtat. Kurz darauf stürzte er vom Pferd und starb.

Vor der Zeitenwende überwog die Anwendung der Runen zu rein kultischen Zwecken. Natürlich war damit auch eine Übermittlung von Gedanken, Tatsachen, Beobachtungen, Nachrichten mystischen oder überragenden Inhalts verbunden. Ab dem 3.Jahrhundert nach der Zeitenwende aber wurden die Runen vermehrt als bloße Schriftzeichen gebraucht.Aus dem 6.Jahrhundert ist uns ein diesbezügliches Zeugnis überliefert:

Venantius Fortunatus, Bischof von Poitiers, ein geborener Norditaliener, der seine Jugend in Ravenna verlebte, schreibt in einem Brief an seinen Jugendfreund Flavus, er möge ihm entweder in lateinischer oder in einer anderen Sprache antworten. Wolle er sich der lateinischen Schrift nicht bedienen, dann könne er auch mit „barbarischen Runen“ auf Holztafeln oder glatten Holzstäben schreiben. Mehrere Jahrhunderte später zeichnete der Mainzer Bischof Hrabanus Maurus ( gestorben 856 ) eine vollständige Runenreihe auf mit der Bemerkung: „Dieses wird von den Markomannen, welche wir Normannen nennen, gebraucht“. Und weiter sagt er: „Mit diesen Buchstaben pflegen diejenigen, welche noch Heiden sind, ihre Lieder, Zaubergesänge und Weissagungen aufzuzeichnen.“

Bis etwa um das 8.Jahrhundert standen in Deutschland die Runen in hohem Ansehen. Dann setzten die christlichen Kannibalen zum Sturm auf das Heidentum an. Die Runen wurden nun als heidnisches Zauberwerk verächtlich gemacht und verboten. Fast alle Runendenkmale wurden in Deutschland vernichtet und mit ihnen die Männer und Frauen, die sich zum Glauben und zur Kultur ihrer Vorfahren bekannten.

Jetzt wurden fremde Lettern eingeführt, die nur die christlichen Unterdrücker kannten. Die lateinische Buchstabenschrift wurde vor allem in den Klöstern, den Zwingburgen der Dunkelmänner, verbreitet und zum Werkzeug einer sich bevorrechtigt haltenden Priesterkaste. Die lateinische Sprache drang auf diesem Wege in Germanien ein. In lateinischer Schrift wurden nur jene Ereignisse festgehalten, die der christlichen Bekehrung und der Verbreitung der jüdisch-christlichen Lehre dienten. In der fremden Schrift wurde der Lüge und Verleumdung über unsere frühe Geschichte und unsere Lebensart Tür und Tor geöffnet. Das germanische Geistesgut wurde weitgehend ausgeschaltet und dort, wo das den christlichen Priestern und ihren weltlichen Verrätern nicht gelang – weil es zutiefst in unserem Wesen gründet – zum Teufelswerk verfälscht oder entstellt.

Nicht mehr unter freiem Himmel, an besonders ehrwürdigen Plätzen, wurde jetzt Recht gesprochen. Mit der lateinischen Schrift wurden Rechtsgrundsätze aufgezeichnet, die das germanische Recht ausschalten sollten. Das römische Recht verbreitete sich bei uns. Todesstrafen wurden für Menschen eingeführt, die dem Glauben der Väter treu bleiben wollten. Die „Sachsengesetze“ Kaiser Karls sind ein entsetzliches Beispiel dafür.

Im Alter ließ Kaiser Karl trotz christlicher Verderbtheit die alten germanischen Götter- und Heldenlieder sammeln und aufzeichnen. Er hätte das besser nicht getan! Sein Sohn Ludwig der „Fromme“ ließ das gesamte wertvolle Schriftgut in christlicher Verblendung verbrennen, sodaß es für immer verloren ist. Das wundert uns gewiß nicht, wenn wir erfahren, daß er sehr unter dem Einfluß seiner zweiten Frau namens Judith stand. Auf ihr Betreiben hin räumte er den Hebräern weitestgehende Rechte ein, erlaubte ihnen die Haltung von Sklaven, das Pachten und Eintreiben von Steuern, die Freistellung von der kaiserlichen Gerichtsbarkeit. Einen eigenen Beamten mit dem Titel „Judenmeister“, stellte er für die Überwachung und Einhaltung dieser Privilegien ab.

Die Erinnerung an die Runen als Schriftzeichen, aber auch als magische Heils- oder Unheilszeichen blieb bei den Nordgermanen, die erst viel später zum Christentum gezwungen wurden, noch lange lebendig, in Resten sogar bis in unsere Tage. Selbstbewußt stellt sich der Runenmeister des Seeländer Brakteaten (Münze) mit dieser Inschrift vor: „Harihua heiß ich – der Gefährliches Wissende – ich gebe Glück“. Noch 1333 können wir den Gebrauch der Runen zur Beschwörung feststellen: Auf einer Insel der nordamerikanischen Davis-Straße wurden drei Jäger der Wikingersiedlung auf Grönland von einem Schlechtwetter überrascht. Den drohenden Schneesturm beschworen sie nun durch Runen, und zwar verwendeten sie die IS-Rune in Zahlenwerten. In Wodans Runenlied in der Edda heißt es von der IS-Rune: „Dem Sturm biet ich Stille, wie steil auch die See – und wiege die Wogen in Schlummer“.

Im Norden haben viele Runendenkmale die Versuche der jüdisch-christlichen Kirche sie zu beseitigen, überstanden. Dabei ließ die Kirche auch im Norden kein Verbrechen aus. Als im Jahre 1626 in Island 22 Männer und Frauen als Hexen verbrannt wurden, war das erste Opfer dieses christentypischen Verbrechens ein gelehrter Mann, unter dessen Schriften man nur ein einziges Runenzeichen gefunden hatte.

Diese Männer und Frauen sind – wie alle Opfer der christlichen Gewaltherrschaft – nicht vergessen bis ihnen Genugtuung zuteil geworden ist. Sei es als öffentliche Entschuldigung der Kirchen, sei es als Vergeltung!

Auch die lateinische Schrift wurde im Laufe der Zeit verändert. Kaiser Karl hatte um 800 den lateinischen Kleinbuchstaben, die „karolingische Minuskel“ eingeführt. Jetzt, um 1200, bildete sich aus dieser Schrift mit ihren vielen Rundungen eine neue, schmale, lange, eckige Schrift heraus, die wir „gotische Schrift“ nennen. In ihr drückten sich hervorragende Geister wie Meister Eckhard, Heinrich Seuse, Johann Tauler – Menschen, die das Christentum geistig schon überwunden hatten – aus. Als Johannes Gutenberg die Buchdruckerkunst erfunden hatte, kam auch wieder die deutsche Sprache, die lange Jahrhunderte in der Gelehrtenwelt garnicht mehr gesprochen wurde, zur Geltung. Mit ihr begann sich die seelische Freiheit wieder zu entfalten, die Kennzeichen unserer Menschen ist.

Eine neue Schriftform entwickelte sich aus der gotischen Schrift heraus unter Benutzung altgriechischer und altlateinischer Buchstaben. Wir nennen diese die „deutsche“ Schrift. Unter Hinzufügung weiterer fremder Teile entwickelte sich diese zur „Fraktur“, die nicht zu Unrecht „gebrochen“ heißt. Sie stellt einen Bruch mit unserer heiligen Schrift dar und entspricht damit dem seelischen und rassischen Bruch, den das deutsche Volk und das Germanentum, mit seiner Vergangenheit und seinem Ursprung aus der Geborgenheit bei seinen Göttern erlitten hatte. Mit den Runen hat die Fraktur-Schrift nichts zu tun.

Rom setzte die „Gegenreformation“ sowie den Jesuitenorden in Marsch um die in Deutschland aufkommenden freiheitlichen Regungen zu unterdrücken, was leider teilweise gelang. Aber insgesamt gesehen war der Durchbruch geschafft. Das Zeitalter der Aufklärung tat ein übriges.

Nach den Freiheitskriegen der Jahre 1807 bis 1815 widmeten sich deutschbewußte Gelehrte, insbesondere Jakob Grimm, nach Vorarbeiten skandinavischer Forscher, den Runen. Die wenigen noch vorhandenen Zeugnisse wurden nun wissenschaftlich untersucht und ihre Bedeutung größtenteils erkannt. Aber auch heute noch sind nicht alle Geheimnisse der Runen enträtselt und es gibt unterschiedliche Auffassungen in einigen Einzelheiten. Im großen Ganzen aber haben wir doch ein ziemlich sicheres Wissen über unsere heilige Schrift, auch wenn künftige Forschungen den einen oder anderen Gesichtspunkt noch ergänzen oder berichtigen sollten.

Warum also zögern wir, die Runenschrift als unsere ureigenste Schrift einzuführen, und sei es zunächst nur innergemeinschaftlich? Wollen wir warten bis andere das tun oder diese Schrift vielleicht „von selbst kommt“? Sind wir zum Gebrauch nicht sogar verpflichtet? Vergessen wir nicht:

Die Runenschrift steht uns zu. Wer aber ein Recht nicht wahrnimmt, gibt es preis!

Als Gemeinschaft, die zur Religion ihrer Vorfahren zurückgefunden hat, die gemeingermanisches Lebensgefühl entwickeln und pflegen will, die vielleicht einmal die Begründerin einer nordisch-germanischen Nation sein wird, ist es unsere Pflicht, alles zu tun, um das zu bewahren, was von unseren Ahnen auf uns gekommen ist. Und dazu gehören unsere Runen!

Also, entscheiden wir uns!

Ein ernst zu nehmender Einwand soll nicht verschwiegen werden:

Runen sind ehrwürdige Zeichen, die zunächst zu kultischen Zwecken und nicht zum Schreiben von Mitteilungen gefunden/erfunden wurden. Jedes Zeichen hat seinen eigenen Namen und seine eigene Bedeutung und umschreibt Gegebenheiten oder Lebensbereiche, die unseren Ahnen verehrenswert schienen. Daher sprechen wir auch von den Runen als heiligen Zeichen. Das soll nicht angetastet werden!

Man muß aber auch sehen, daß mit zunehmender Verbreitung der Runen diese schon ziemlich frühzeitig und bis in unsere Zeit für gewöhnliche Mitteilungen verwendet wurden. Ein besonderes Beispiel für den profanen Gebrauch dieses unseres Erbes sei noch erwähnt:

Die berühmte Arne Magnussensche Sammlung isländischer Handschriften in Kopenhagen enthält nicht nur das in Runen geschriebene „Gesetz von Schonen“, sondern auch ein kleines Bruchstück eines alten, in Runen geschriebenen nordischen Volkslieds, sogar mit Noten. Hier der Text:

Droemde mik aen droem i nat

um silki ok aerlik pael

„Träumte mir ein Traum heut nacht

von Seide und herrlichem Pelz.

Die Melodie dieses Lieds war bis vor einigen Jahren das Erkennungszeichen des Mittelwellensenders Kopenhagen.

Noch andere Beweise sind uns erhalten, daß die Runenschrift als Gebrauchsschrift nie ganz verschwunden war. So ist uns ein Tagebuch des schwedischen Generals Mogens Gyldenstjerne aus dem Jahre 1543 erhalten, das mit so fließender Hand in Runenschrift geschrieben ist, daß man darin große Übung voraussetzen muß. Unter Gustav Adolf schrieb der schwedische Feldherr Jacob de la Gardie alle geheimen Anweisungen an seine Platzkommandanten in Runenschrift, und unter den Bauern Dalarnes, sowie in anderen abgelegenen nordischen Gegenden hielten sich die Runen bis in unsere Zeit.

Auch in Deutschland haben wir ein Schreiben in Runenschrift. Es stammt aus der Zeit zu Beginn des 30-jährigen Kriegs. Im Archiv des Gutes Haseldorf in der Elbmarsch fand man 1893 eine Papierhandschrift mit Runenzeichen, die aus dem Kloster Doberan in Mecklenburg stammt. Es ist das „Anthyr-Lied“, das wohl um 1521 gedichtet wurde. In ihm wird der griechische Held Anthyr, ein Kampfgenosse Alexanders des Großen, als Stammvater der mecklenburgischen Herrscher besungen. Der Dichter ist unbekannt.

Runen umschreiben Lebensbilder, ähnlich wie das die japanischen oder chinesischen Schriftzeichen auch tun. Einzelne Runen stellen nichts anderes als eine Bilderschrift dar. Lateinische Buchstaben sind nur Einzelteile eines Wortes. Nun ist es in der heutigen Zeit nicht mehr möglich, sich in Bilderschriften auszudrücken. Japaner und Chinesen haben derzeit die größten Schwierigkeiten, ihre annähernd 70 000 Zeichen (Bilder) trotz Computereinsatzes in eine zeitgemäße Ausdrucksweise zu verändern. Sie sind derzeit dabei, ihre Zeichen auf die Bedeutung von zunächst Silben, später Buchstaben zu vermindern.

Das soll mit den Runen nicht geschehen! Sie sollen als Einzelzeichen ihren Namen und ihre alte Bedeutung unverändert und vollständig beibehalten. Aneinandergereiht aber sollen sie Wörter und Sätze bilden, die wir zu unserer schriftlichen Verständigung gebrauchen wollen – so wie das unsere Ahnen auch taten.

Damit wir uns recht verstehen:

Niemand will die lateinische Schrift abschaffen, aber steht es der AG nicht zu, sie als ein uns aufgedrängtes fremdes Gut zu erkennen und sie zumindest für den innergemeinschaftlichen Gebrauch infrage zu stellen? Wenn wir wirklich zu den Quellen unseres Wesens gelangen wollen, dann müssen wir nicht nur gegen den Strom dieser Zeit schwimmen, sondern auch konsequent das Verschüttete freilegen und wieder in Gebrauch nehmen. Auf religiösem Gebiet sind wir dabei schon ein gutes Stück vorangekommen. Auch in unserer schriftlichen Ausdrucksweise sollten wir das wieder aufnehmen, was unsere Ahnen nicht weiterentwickeln konnten, als sie in die christliche Knechtschaft gehen mußten.

Treffen Sie Ihre Entscheidung! Falls diese für die Runenschrift ausfällt, fangen die Schwierigkeiten jetzt an.Zunächst müssen die Runenzeichen „gelernt“ werden. Aber welche? Es gibt mehrere Runenreihen, was historische Gründe hat:

Als um etwa 1000 die Nachricht vom brutalen Vorgehen der christlichen Priester in den Norden drang, erfüllte das die Bewohner mit Besorgnis. Zur Abwehr jener Einflüsse aus dem Süden, schufen die Runenmeister eine abgewandelte Runenschrift, die für fremde Reisende unkenntlich war. Daraus entstand der „Jüngere Futhark“ mit nur noch 16 Zeichen. Etwa um 1200 erkannte man, daß die 16 Zeichen nicht ausreichten. Der isländische Skalde Olaf Hvitaskjald erweiterte diese im Auftrag König Waldemars von Dänemark zu den „König Waldemars Runen“, die alle in dem Satz „Der Mann, dessen Kinn zerschlagen wurde, flieht das Ballspiel“ enthalten sind. Diese Runen wurden nur in Südschweden und Dänemark verwendet. In England entwickelten sich die Altenglischen Runen. Die jüngeren, vereinfachten, nur im Norden gebrauchten Runen, wurden übrigens besonders gern auf Runensteinen eingemeißelt. Daneben wurden noch stablose Runen und punktierte Runen entwickelt.

Einerseits ist die kulturelle Vielfalt des germanischen Geisteslebens sehr erfreulich. Leider entstand damit aber auch eine Kluft zwischen Nord- und Südgermanen, die sich nie wieder ganz schließen ließ.

Da wir heute an einem Neuanfang stehen und „gemeingermanisch“ denken und handeln, kommen die nur in eng begrenzten Räumen verwendeten Runen, also die punktförmigen Runen, die altenglischen Runen oder die des jüngeren Futharks für den modernen Gebrauch nicht infrage. Es müssten außerdem zu den vorhandenen 16 Runen noch 10 weitere hinzugefügt werden, was ein Gemisch aus alten und jüngeren Runen ergäbe. Viel besser ist es, den bereits vorhandenen, älteren, gemeingermanischen Futhark zu verwenden. Schließlich war diese Runenreihe schon einmal gemeinsames Kulturgut aller Germanen. Es müssen zu den 24 Zeichen nur zwei neu hinzugefügt werden und zwar die ohnehin selten gebrauchten Zeichen für Q und X.

Wer Runenschrift also schreiben möchte, lerne zuerst die 26 Zeichen der „Odinsschrift“, wie wir zu unserer Schrift auch sagen können.

Dazu kommen noch zehn „Stabzahlen“, wie sie unsere Vorfahren verwendeten. Die Interpunktion kann so bleiben wie sie ist.

Es gibt viele Wege, die Runenschrift und das Runenlesen zu erlernen. Wenn man jeden Tag nur drei Zeichen sich merkt, kann man nach einer Woche bereits Runenschrift schreiben und lesen. Es fehlt dann nur noch die Übung um „flüssig“ zu werden. Für Schreibübungen kann man z.B. alle möglichen Schriftstücke in die Odinsschrift übertragen. Zum Übungslesen könnte z.B. künftig jeder Ausgabe dieser Zeitschrift eine Seite Runentext beigefügt sein. Außerdem können beim Verfasser Aufsätze, die in Runenschrift geschrieben sind, angefordert werden.

Es ist eigentlich sehr leicht, den gemeingermanischen Futhark zu erlernen und zu gebrauchen und es macht auch Spaß, letztendlich bringt man durch den Gebrauch ein altes, eigenes Kulturgut „zum Leben“.

Fassen wir zusammen:Die Runen gehören zu den ältesten Zeugnissen menschlichen Geistes.Sie sind schon vor vielen tausend Jahren hier in Mitteleuropa entstanden und bei den indogermanischen Wanderungen in alle Teile der damals bekannten Welt verbreitet worden. Sie dienten den Völkern, die mit ihnen in Berührung kamen als Anregung und Vorbild für die Entwicklung eigener Schriften.

Die Runen wurden zunächst als kultische Zeichen erfunden. In der germanischen Mythologie kommt ihnen eine zentrale Bedeutung zu. Ihre Herkunft von Odin weist darauf hin.

Jedes Runenzeichen beschreibt ein ganzes Lebensbild, so wie es bei unseren Ahnen tatsächlich vorkam.

Runen als einzelne Zeichen hatten magische Bedeutung, vorwiegend sollten sie beschützen. Daher wurden sie gern auf Waffen und Schmuckstücken eingeritzt. In späterer Zeit wurden die einzelnen Zeichen aneinander gereiht und zur Erstellung von Worten, Sätzen, Schriftstücken verwendet. Bis zur gewaltsamen Christianisierung, etwa um 800, wurden in Deutschland Lieder, Zaubersprüche, Weissagungen in Runenschrift aufgezeichnet.

Mit dem Eindringen des Christentums wurde der Gebrauch der Runen verboten, die gesammelten Aufzeichnungen wurden vernichtet. Es wurde jetzt die lateinische Schrift, das lateinische Recht und die lateinische Denkweise gewaltsam eingeführt.

Erst im 19. Jahrhundert begann die wissenschaftliche Erforschung der Runen. Leider wurde bis heute der Gebrauchswert der Runen als schriftliches Ausdrucksmittel nicht entsprechend untersucht und nicht diskutiert.

Im Computer-Zeitalter ist es kein Problem, jedes beliebige Schriftstück in Runenschrift zu schreiben, man muß es nur wollen.

Abschließend sei allen Menschen unserer Art, die sich um unsere heilige Schrift verdient gemacht haben, dieser Satz Thorolf Wardles gewidmet:

Einst mit den Asen kamen sie –

Einst mit den Asen verschwanden sie.

Heut kehren wieder Asen und Runen!

Quelle: http://www.asatru.de/nz/index.php?option=com_content&view=article&id=87:odins-runen-unsere-schrift-&catid=7:runen&Itemid=28

Gruß an die Asen

TA KI

Die alte Sitte


Peter Walthard

Für unsere germanischen Vorfahren war die Welt von Lebendigem durchdrungen. In den tausendjährigen Eichen der Urwälder, in klaren Quellen und tiefen Seen, in Auen und Wasserfällen, auf Bergeshöhen und im nebligen Moor, überall spürten sie Leben, mit dem sie sich verwandt fühlten, und dem sie in ihren Sagen Gestalt verliehen. Es war ratsam, den gewaltigen Riesen aus dem Wege zu gehen, und die freundlichen Landwichte nicht zu verärgern.

Wer etwa das Wasser verpestete, heilige Bäume fällte oder sich sonst rücksichtslos gegenüber dem Land und seinen Bewohnern verhielt, zog sich ihre Unfreundschaft zu und wurde mit Krankheit, Gift und Unfruchtbarkeit gestraft.

In den Bergen, in Gletscher, Fels und Firn lebten Riesen, Türsten oder Jetten genannt. Sie waren nicht böse, doch in ihrer Wildheit verwüsteten sie die Fluren der Menschen mit Hochwasser, knickten ihre Wälder im Sturm und begruben ihre Häuser unter Lawinen und Murgängen. Die Jetten waren das älteste Geschlecht der Erde. In der Urzeit, als nichts war, ausser Feuer und Eis, wuchs aus dem Tau, den diese beiden Elemente bildeten, der erste Riese. Er war ein Zwitter und vereinigte alle Gegensätze. Die Götter töteten ihn und schuffen aus ihm die Welt, aus seinen Knochen die Berge, aus seinem Fleische die Erde, aus seinem Blut das Wasser und aus seinem Hirn die Wolken.

Den Menschen und Göttern freundlicher gesinnt waren die lichten Elbe. Sie wohnten unter Hügeln, in Schluchten und eigentümlichen Felsen. Sie sorgten für fruchtbare Fluren und gesundes Vieh. Im Winter feierte man ihnen zu Ehren ein grosses Fest. Die schwarzen Elbe, verschlagene, hässliche Gestalten, lebten tiefer in der Erde, in Klüften und Höhlen gruben sie nach Gold und Edelsteinen. Sie horteten riesige Schätze und schmiedeten verzauberte Waffen für Götter und Helden.

Auch manche Menschen wurden nach ihrem Tod zu Elben. Sie lebten in ihren Grabhügeln, und Fro, der Gott der Fruchtbarkeit und des Reichtums war ihr Herr. Die verstorbenen Mütter wurden Itisen genannt. Sie schützte die Kinder ihrer Sippe, wirkten ihnen ein gutes Schicksal und sorgten für fruchtbare Felder und Herden.

Manche Verstorbene geisterten aber auch als Bôtzen herum. Sie waren unschön aus dem Leben geschieden, hatte noch offene Rechnungen zu begleichen und terrorisierten nicht selten ihre Nachkommen, bis ihrem Anliegen genüge getan wurde. Nicht minder furchterregend war der Zug der Toten, der in finsteren Nächten gesehen werden konnte. Die im Kampf gefallenen Krieger ritten mit Wuodan des Nachts als wilde Jagd über Wald und Weid, und es graute denen, die ihnen begegneten. Doch auch sie brachten den Feldern, über die sie sprengten, Segen. Ein Gefühl der Verbundenheit und Verwandschaft mit dem Leben auf der Erde, und nicht minder mit den Toten, deren Lebenskraft nicht verloren, sondern in die grosse Natur eingegangen war, prägte unsere heidnischen Vorfahren. Das Göttliche verehrten sie in den Erscheinungen einer vielfältigen, sich immer erneuernden und doch immer gleichen Natur.

Alle Welten wurden zusammengehalten durch den grossen Weltenbaum, die Irmansûl. In seiner Spitze lebte ein Adler, an seinen Wurzeln nagte ein Drache, in den Blättern weideten sich Hirsche. Am Fusse dieses leuchtenden Bildes des Lebens sprudelte eine Quelle, deren Wasser der Tau aus den Blättern der Weltenesche war. Der Wurtbrunnen, so hiess er nach dem alten Wort für „Schicksal, Geschick“, war die Quelle allen Lebens, allen Schicksals und allen Wissens. Drei Nornen sassen an seinem Ufer, schöpften sein heiliges Wasser und begossen damit den Stamm der Irmansûl, die vom Sinter weiss glänzte. In der Tiefe des Quells aber lag das eine Auge Wuodans, dass er dem Riesen Mimer zum Pfande gegeben, um einen Schluck der Weisheit aus dem Brunnen der Erinnerung zu trinken.

Von der Heiligkeit des Schicksals

In einer Welt, die während eines halben Jahres in Schnee und Eis, in Dunkelheit und Kälte erstarrte, in einer Natur, die dem Menschen nur während eines kurzen, lichten Sommers die Möglichkeit gibt, sich von ihr zu nähren, wo die Heimstätten der Menschen zwischen wildem Gletschergebirge und der am Lande nagenden See, zwischen undurchdringlichen Urwäldern und tückischen Mooren lagen, war das Leben ein kostbares Gut, dass man sich täglich zu erkämpfen hatte. Um in diesen Breiten zu bestehen, brauchte man vorallem eines: Kraft. Körperkraft, um zu arbeiten, geistige Kraft, um sich den Anforderungen dieser rauhen Welt zu stellen, und schliesslich auch Zeugungskraft, denn wer keine Kinder hatte, um den war es arg bestellt. Die Menschen, die in dieser Welt heranwuchsen, machten sich keine Illusionen über Gut oder Böse. Die Gesetze der Natur waren unnachsichtig. Wer durch Nachlässigkeit die Ernte verdarb, hungerte im Winter. Ob gerecht oder ungerecht, was mochte das für eine Rolle spielen? Im Norden zu leben hat immer geheissen, sich dem Unvermeidlichen zu beugen, die Chancen zu nutzen, die sich boten, und das, was zu tun war, möglichst gründlich zu tun. Was die Natur des Nordens unseren Vorfahren gelehrt hatte, finden wir in ihren Mythen.

Unerbittlich wie der einfallende Winter erscheint uns hier das Schicksal. Alles, was geschieht, ist, oft auf verhängnissvolle Weise, miteinander verwoben. Eine Tat führt zur anderen, alles kommt, wie es kommen muss. Dem Menschen bleibt, zu tun, was zu tun ist. Wuodan weiss von seiner Niederlage in der letzten Schlacht, Palter träumt von seinem Tod. Sigfrid, der grosse Held, weiss von Anfang an um den unheilvollen Gang der Dinge. Doch erstaunlicherweise finden wir in dieser Welt, in der alles gezählt und gewogen ist, keine Spur einer Revolte gegen das ungerechte Schicksal, keine enttäuschte Abkehr von der brutalen Welt. Es gab auch keinen zynischen Nihilismus, keinen Rückzug in die Befriedigung privater Gelüste, wie man vermuten könnte. Die Figuren, die uns in der germanischen Mythologie entgegentreten, erfüllten ihr Schicksal mit Verve, sie waren voller Lebensenergie, aktiv, selbstbewusst. Nicht, dass sie sich in ihr Los schickten, nein, sie schienen ihr Schicksal förmlich zu lieben.

Warum?

Eine wahre Lebenswut wohnte diesen Menschen inne. Sie waren vom Kampfgeist beseelt. Das Leben war ihnen heilig, und das Schicksal, das „Gewordene“, wie es in germanischer Tradition so treffend heisst, war das Leben, das Sein, an und für sich. Es wurde dem Menschen mit seiner Geburt gegeben, und er hatte ein Leben lang daran Teil, wurzelte als Individuum im ewigen Urgrund des Seins. Er wusste, dass in ihm etwas Heiliges lebte, jene Kraft, die sein Herz und seine Lenden belebte. Dies machte ihn würdig zu Leben und sein Leben lebenswürdig. Dies war die Grundlage seines Mutes und seiner Ehre.

So war es geradezu eine religiöse Pflicht, sich dem Heiligen in sich würdig zu erweisen, indem man eine starke und bewundernswerte Persönlichkeit zu werden versuchte. Es war die Lebensaufgabe eines alten Germanen, zu dem zu werden, was er war. Da er am Heiligen Teil hatte, musste er dieses Privileg durch seine Taten rechtfertigen. Selbstverachtung oder gar Selbsthass wären ein eigentliches Sakrileg gewesen.

Die Götter

Wenn die heidnischen Götter auch nicht Weltenlenker im eigentlichen Sinn waren, so kam ihnen doch grosse Bedeutung zu. Sie waren die Freunde und Beschützer der Menschen und wurden mit Opfern und Liedern geehrt. In den Göttergestalten der germanischen Sage erkennen wir unschwer die Götter jenes rätselhaften Volkes, dass einst nicht nur ganz Europa, sondern auch Asien und Indien besiedelte, der „Indogermanen“, wie sie ein unglücklicher Fachbegriff nennt.

Auf Felsenzeichnungen aus der Bronzezeit finden wir schon die Themen, die die Germanen bis zum Abbruch ihrer kulturellen Entfaltung durch das Christentum beschäftigte. Die in Skandinavien niemals brennend heisse, stets milde und segenbringende Sonne nahm einen wichtigen Platz in ihrer Symbolik ein. In unzähligen Variationen finden wir das Thema der heiligen Hochzeit, dass noch in drei eddischen Liedern mitschwingt. Schiffe, Pferde, Schweine und Zwillingspaare deuten ebenfalls auf die zentrale Rolle, die die sommerliche Fruchtbarkeit in jenen Gegenden spielte. Eine der ältesten Gottheiten der Germanen war Nerde, die Muttergöttin, die Frieden und Fruchtbarkeit schenkte. Sie hatte ein männliches Pendant, den skandinavischen Njörd, den Gott des Reichtums. Beide gehören zum Göttergeschlecht der Wanen. Diese waren lichte und beliebte Götter des Wachstums, des Reichtums, des Überflusses, der Liebe und des Friedens. In jüngerer Zeit traten Fro und Frouwe in den Mittelpunkt des Wanenkultes.

Ebenfalls uralte Götter waren Ziu und Wulder. Beide mussten in ältester Zeit weit grössere Verehrung genossen haben als zur Wikingerzeit. Wulder war der Gott der Eide und Schwüre, Ziu der Gott des Rechts und des Dings, der germanischen Landsgemeinde. Wie zu Ziu der helle Taghimmel, der Sommer gehörte, so war Wulder der Gott der Nacht und des Winters. Beide waren Götter, die Werte wie Mut, Ehre, Wahrheit und Recht schützten.

Diesen Zug teilten sie mit Donar, der bei den nordischen Adelsbauern wohl der beliebteste Gott war. Der kraftstrotzende, mit unbändigem Appetit gesegnete, ehrenhafte, aber aufbrausende Rotbart war geradezu das Urbild bäuerlicher Lebenskraft. Wie sein Name verrät, war er Herr über Blitz und Donner. Mit seinem Hammer kämpfte er gegen die Türsten und Jetten und schützte die Saaten der Menschen. Seine Kinder hiessen Mut und Kraft. Der mächtigste der Götter war aber Wuodan, der Gott der heiligen Wut. Er war der Meister der Magie und des geheimen Wissens. Er hatte sich selbst geopfert und im Weltenbaum aufgehängt. Nach neun endlosen Tagen der Folter waren ihm so die Runen offenbart worden. Um den Zugang zum Brunnen der Erinnerung zu erhalten, musste er dem Riesen Mimer ein Auge opfern. Die dritte Quelle seiner Weisheit war sein Met „Wutreger“, den er mit List und Tücke der Jettenmaid Guntlada entwunden, und nun mit Göttern und ausgewählten Kriegern teilte. Wie Donar und Ziu war Wuodan auch Kriegsgott. Doch kämpfte er nicht selbst, wie Donar, und unterstützte auch nicht stets die Gerechten, wie Ziu. Sein Krieg war magischer Art. Er blendete, fesselte, erschreckte Gegner, er versetzte die eigenen Krieger in rasende, übernatürliche Wut und liess oft gerade die besten sterben, um sie in seine Schar auserlesener Totenkrieger aufzunehmen. Man rief ihn um Sieg an und opferte ihm zum Dank die geschlagenen Feinde.

Wuodan war ein düsterer, unberechenbarer Gott, ohne die von ihm verliehene Lebens-, Liebes- und Kampfeswut hätten die Mensche im Norden aber nicht überleben können. Die Germanen sahen in ihm den Vater aller Götter und Menschen und den Erschaffer der Welt. Neben diesen wichtigsten Göttern erzählen uns die Mythen noch vom lichten Palter, vom verschlagenen und hinterlistigen Loder, der diesen ermorden lässt, von der weisen Göttermutter Frîja und von der Totenkönigin Hellia. Für eine ausführliche Darstellung der germanischen Mythenwelt ist an dieser Stelle wenig Platz. Halten wir fest, dass die Germanen Götter des Rechts und der Ehre, der Lebenslust, der Lebenskraft und der Lebenswut verehrten. Nie erscheint uns eine Gottheit ruhend oder gar transzendent. Wie ihre Verehrer waren die nordischen Götter ständig aktiv und führten ein rauhes, aber leidenschaftliches Leben.

Eine Religion der Praxis

Wenn die Religion der Germanen in diesem Artikel „Alte Sitte“ und nicht etwa „Alte Lehre“ genannt wird, hat das seinen Grund. Denn diese Religion bestand in der Tat ausschliesslich aus symbolischen Handlungen und Ritualen. Es existierte kein Gebäude esoterischer Lehren, kein Dogma, keine Gebote, keine Bekenntnisse. Es gab keine Gottsucher und keinen Mystizismus. Die Mythen, die uns bekannt sind, sind kunstvoll gedichtete Variationen überlieferter Sagen. Sie sind kein heiliges Buch, keine letzte Wahrheit und keine Offenbarung. Von grösserer Bedeutung war das überlieferte Recht, dem sakraler Charakter zukam. Es wurde bei der Versammlung der Freien, dem Ding gesprochen. Diese Landsgemeinde beschloss und pflegte Recht und Gesetz, hielt Gericht und bestimmte in Kriegszeiten den König. Sie war auch eine heilige Zusammenkunft, die von Opfern begleitet war. Dass das Ding in der Regel auch Markt, Börse und Volksfest war, tat dem nach germanischer Auffassung nicht den geringsten Abbruch.

Daneben bestand die religiöse Praxis hauptsächlich aus Festen. Das germanische Opferritual hiess Pluostar. Wenn die Götter gepluostart wurden, wenn ihnen also Opfer gebracht wurden, wurde ihre Macht gestärkt. Ziel des Opfers war nicht, einen Gott gnädig zu stimmen, sondern in ihm einen starken Verbündeten zu finden, denn die Menschen, wenn Not am Mann war, in die Pflicht nehmen konnten. Selten wurde einem Gott allein geopfert, im allgemeinen war es Brauch, das Opfer der ganzen Göttersippe darzubieten. Nicht minder als die Asen und Wanen wurden auch die Idisen und Elbe mit Opfern gestärkt. Ein Pluostar bestand in der Regel darin, dass zu Ehren der Götter ein Tier geschlachtet wurde. Das Blut wurde in einem heiligen Kessel gesammelt und war für die Götter bestimmt. Die Haut wurde an einen Baum gehängt, das Fleisch aber in grossen Kesseln gekocht und von der ganzen Gemeinschaft verzehrt. Dem zu opfernden Blut kam magische Kraft zu, es verband die Welt der Lebenden mit der Welt der Toten, die Menschen mit den Göttern. Runenzweige wurden in den Kessel geworden, um das Wurt zu erforschen. Zum folgenden Gelage, dem Hunsal, gehörte auch Bier und Met. War das Fleisch genossen begann das „ernsthafte Trinken“. Ein Horn mit Met wurde gereicht und auf die Götter, die Lebenskraft der Sippe, das Glück des Königs und das Andenken der Ahnen getrunken. Der Met versinnbildlichte die Lebensessenz, das Horn den Brunnen der Wurt. Die Trinkenden erinnerten sich grosser Taten, die vollbracht waren, und schworen heilige Eide für die Zukunft. Im Ring der Trinkenden herrschte geweihter Friede. Die Erinnerung an die Ahnen und die selbst vollbrachten Taten, der kühne Gedanke an die Zukunft, das prasselnde Feuer in der Mitte der Halle und der süsse Met, mit seiner begeisternden, Herz und Zunge beflügelnden Wirkung gaben den Feiernden Mut, Kraft und Zuversicht, das Gefühl, vom Leben und den mächtigen Kräften geliebt zu werden. Dreimal im Jahr kam man zu einem solchen Fest zusammen. Zu Beginn des Winters, wenn die Erntearbeit getan und die Vorräte üppig waren, in der Mitte des Winters, wenn der Toten gedacht und die Fruchtbarkeit beschworen wurde, und im Frühling, wenn man um Sieg opferte, um Erfolg im Kampf, auf dem Ding und in der Arbeit. Dreimal im Jahr kehrte der gemanische Mensch zurück in den Kreis seiner Sippe und seiner Genossen, feierte die Gemeinschaft mit Lebenden und Toten, mit den Göttern und Elben, feierte bei Tanz, Honigwein und Schweinefleisch nicht zuletzt auch sich selbst, vorallem aber die pure Lebenskraft, die ihn ihm wohnte. Um sie drehte sich in dieser Religion mit all ihren Mythen, Bräuchen und Sagen letztlich alles. Die grosse Esche im Zentrum der Erde, die Quelle allen Lebens, allen Schicksals und aller Weisheit war das höchste Weihtum, das Leben an sich das Allerheiligste unserer Alten Sitte.

Quelle: http://www.eldaring.de/pages/artikel/heidentum/alte-sitte.php

Gruß an die alten Sitten

TA KI