Love, Peace und CIA (Teil 2): Die Stars des Laurel Canyon – jung, berühmt und … tot


„Scheiße, ich meine, der hat doch sogar einmal Neil [Young] vorgespielt, verdammt.“

Graham Nash erklärt dem Autor Michael Walker, wie eng Charlie Manson der Laurel-Canyon-Szene verbunden war.

Im Laurel Canyon zu wohnen, bedeutete in den Sechziger Jahren ein aufsteigender Stern am Himmel der Pop-Musik zu sein. Für allzu viele junge Talente endete der schnelle Aufstieg jedoch bald in einer schnöden Holzkiste. Die Liste der Todesfälle mit unnatürlicher Ursache ist atemberaubend und erlaubt einen Blick auf den verstörenden Hintergrund der Flower-Power-Bewegung, der den Fans komplett verborgen blieb.


Während der zehn Jahre, in denen Bruce, Navarro, Mineo, Linkletter, Stevens, Tate, Sebring, Frykowski und Folger der Tod ereilte, erwischte es auch noch eine ganze Menge anderer Leute, die mit Laurel Canyon zu tun hatten – oft sogar unter sehr zweifelhaften Umständen. Einige Namen auf der Todesliste:

  • Marina Elizabeth Habe: Ihr zerstückelter Leichnam wurde am 30. Dezember 1968 im Buschwerk am Mulholland Drive, ein kleines Stück westlich vom Bowmont Drive, entdeckt. Die zum Zeitpunkt ihres Todes erst 17-jährige war die Tochter von Hans Habe, der um 1940 aus dem faschistischen Österreich in die USA emigriert war. Kurz danach heiratete er eine Erbin des Konzerns General Foods und begann am Military Intelligence Training Centre [Ausbildungszentrum des Militärischen Geheimdiensts] in Camp Ritchie psychologische Kriegsführung zu studieren. Seine neugewonnenen Kenntnisse setzte er nach dem Krieg im besetzten Deutschland ein, wo er 18 Zeitungen gründete – zweifellos unter der Leitung desOSS.
  • Christine Hinton: wurde bei einem Frontalzusammenstoß am 30. September 1969 getötet. Damals war sie die Freundin von David Crosby sowie Gründerin und Leiterin des Byrds-Fanclubs. Außerdem war sie die Tochter eines höheren Army-Offiziers, der in der berüchtigten Presidio-Militärbasis in San Francisco stationiert war. Eine andere Freundin Crosbys aus dieser Zeit war Shelley Roecker, die auf der Hamilton-Luftwaffenbasis in Marin County aufgewachsen war.
  • Jane Doe #59: wurde im November 1969 tot im dichten Gestrüpp des Laurel Canyon abgeladen – in Sichtweite des Ortes, wo nicht ganz ein Jahr zuvor jemand „entsorgt“ worden war. Das Mädchen im Teenageralter konnte nie identifiziert werden und war durch 157 Messerstiche in Brust und Hals ums Leben gekommen.
  • Alan „Blind Owl“ Wilson: Der Sänger, Songwriter und Gitarrist der Bluesrock-Band Canned Heat aus Laurel Canyon wurde am 3. September 1970 in seinem Haus im Topanga Canyon tot aufgefunden. Der Fall wurde als Selbstmord durch Überdosis zu den Akten gelegt. Wilson war in den Topanga Canyon übersiedelt, nachdem das Haus der Band im Laurel Canyon – an der Lookout Mountain Avenue, gleich neben dem von Joni Mitchell und Graham Nash – völlig abgebrannt war. „Blind Owl“ war erst 27, als er starb. Etwas mehr als ein Jahrzehnt später starb sein ehemaliger Bandkollege Bob „The Bear“ Hite – der einmal in einem Interview zugegeben hatte, dass er in den Canyons mit mehreren Mitgliedern der Manson-Family Partys gefeiert hatte – im hohen Alter von 36 Jahren an einem Herzinfarkt.
  • Jimi Hendrix: hatte angeblich kurze Zeit im riesigen Anwesen nördlich der Log Cabin gewohnt, bevor er 1968 nach Los Angeles zog. Er starb am 18. September 1970 unter bis heute ungeklärten Umständen in London. Jimi hatte eine Zeitlang bei der 101st Airborne Division derUSArmy in Fort Campbell gedient – eine Tatsache, über die er später nur ungern redete. Amtlichen Unterlagen zufolge wurde er per Gerichtsbeschluss zum Militärdienst gezwungen und nach nur einem Jahr entlassen, weil er angeblich so ein schlechter Soldat gewesen sei. Wenn das wahr ist, muss man sich doch fragen, warum er dann ausgerechnet einer solchen Elite-Luftlandedivision zugeteilt wurde. Und man muss sich auch die Frage stellen, warum man ihn so mir nichts, dir nichts aus seinem angeblich gerichtlich angeordneten Militärdienst entlassen hatte, anstatt Disziplinarmaßnahmen gegen ihn zu ergreifen. Hendrix selbst hat jedenfalls einmal Journalisten erzählt, dass er aus medizinischen Gründen abgemustert habe, nachdem er sich bei einem Fallschirmsprung den Knöchel gebrochen hatte. Einer seiner Biographen behauptete wiederum, dass Jimi vorgegeben habe, homosexuell zu sein, um so seine vorzeitige Entlassung zu erwirken. Die Wahrheit dahinter bleibt leider schwer fassbar. Als Hendrix starb, war der erste Mensch, den seine damalige FreundinMonika Dannemann(die letzte, die ihn lebendig gesehen hatte) anrief, ausgerechnet Eric Burdon von der Band The Animals. Burdon war zwei Jahre zuvor nach L. A. gezogen, wo er Frank Zappas Rolle als „Zirkusdirektor“ übernommen hatte, nachdem Zappa aus der Log Cabin in ein weniger prominentes Haus in Laurel Canyon übersiedelt war.

Innerhalb eines Jahres nach Jimis Tod sprang eine minderjährige Prostituierte namens Devon Wilson – die einen Tag vor seinem Ableben mit Hendrix zusammengewesen war – aus einem Fenster im achten Stock des Chelsea Hotel in New York. Am 5. März 1973 kam ein undurchsichtiger Charakter namens Michael Jeffery, der sowohl Hendrix als auch Burdon gemanagt hatte, bei einer Flugzeugkollision ums Leben. Jeffery hatte zu Lebzeiten gern mit seinen Kontakten zum organisierten Verbrechen und seiner angeblichen Tätigkeit für die CIA angegeben. Nach Jimis Tod war bekannt geworden, dass Jeffery den Großteil der Hendrix’schen Bruttoeinnahmen auf Offshore-Konten auf den Bahamas transferiert hatte, die in Zusammenhang mit dem internationalen Drogenhandel standen. Viele Jahre später, am 5. April 1996, wurde Dannemann – die Tochter eines reichen deutschen Industriellen – in der Nähe ihres Hauses in ihrem mit Abgasen gefüllten Mercedes tot aufgefunden.

  • Jim Morrison: wohnte eine Zeitlang in einem Haus am Rothdell Trail, gleich hinter dem Laurel Canyon Country Store, und starb am 3. Juli 1971 in Paris – oder auch nicht. Was an diesem Tag wirklich passierte, ist bis heute Stoff für zahlreiche Gerüchte und Spekulationen; im Laufe der Jahre wurden immer neue Versionen seiner Todesumstände veröffentlicht. Genau weiß man nur, dass Admiral George Stephen Morrison genau an besagtem Tag Hauptredner bei der offiziellen Außerdienststellung des Flugzeugträgers USS Bon Homme Richard war, von dem aus er sieben Jahre zuvor den Tonkin-Zwischenfall mitinszeniert hatte. Einige Jahre nach Jim Morrisons Tod starb auch seine Lebensgefährtin Pamela Courson sehr plötzlich, angeblich durch eine Heroinüberdosis. Zu Lebzeiten hatte sich Morrison – genau wie Hendrix – intensiv mit okkulten Lehren befasst und war vor allem von Aleister Crowleys Werken begeistert gewesen. Supergroupie Pamela DesBarres hat auch einmal behauptet, dass er „alles über Inzest und Sadismus gelesen hat, was er in die Finger kriegen konnte“. Zum Zeitpunkt seines (angeblichen) Todes war Morrison übrigens 27 Jahre alt, ebenfalls genau wie Hendrix.
  • Brandon De Wilde: war sehr gut mit David Crosby und Gram Parsons befreundet und starb am 6. Juli 1972 bei einem bizarren Autounfall in Colorado: sein Kleinbus pflügte sich geradezu unter einen Tieflader. DeWilde war in den Fünfzigern und seit seinem achten Lebensjahr ein gefragter Kinderdarsteller gewesen, den man neben einigen der größten Hollywood-Stars auf der Leinwand sehen konnte – u. a. Alan Ladd, Lee Marvin, Paul Newman, John Wayne, Kirk Douglas und Henry Fonda. Um 1965 schloß er sich den „jungen Wilden“ von Hollywood an, durch die er wiederum Crosby, Parsons und andere Mitglieder des Laurel-Canyon-Clubs kennenlernte. Er verließ diese Welt mit nur 30 Jahren.
  • Christine Frka: Moon Unit Zappas früheres Kindermädchen und ehemalige Haushälterin der Familie Zappa in der Log Cabin; ging am 5. November 1972 an einer angeblichen Rauschgiftüberdosis zugrunde – obwohl einige ihrer Freunde Fremdeinwirkung hinter ihrem Tod vermuteten. Frka war als „Miss Christine“ ein Mitglied der von Zappa ins Leben gerufenen GTO gewesen – einer Art Musikgruppe, die sich zur Gänze aus sehr jungen Groupies zusammensetzte. So inspirierte sie auch den Song „Christine’s Tune: Devil in Disguise“ von Gram Parsons’s Band The Flying Burrito Brothers. Als sie starb, war Frka höchstens Anfang zwanzig.
  • Danny Whitten: Gitarrist / Sänger / Songwriter der Band Crazy Horse, mit der Neil Young lange Zeit zusammenspielte. Er starb am 18. November 1972, ebenfalls an einer Überdosis. Einer Rock’n’Roll-Legende zufolge soll Young ihn ein paar Stunden vorher während einer Probe in San Francisco gefeuert haben. Angeblich haben Young und Jack Nietzsche – Phil Spectors früherer Hauptassistent – Whitten danach 50 Dollar in die Hand gedrückt und ihn in die nächste Maschine nach San Francisco gesetzt. Whitten war 29.
  • Bruce Berry: Den Roadie für die Band Crosby, Stills, Nash & Young riss im Juni 1973 eine Heroinüberdosis (wie gehabt …) aus dem Leben. Berry war kurz zuvor nach Maui geflogen, um Stephen Stills eine Kokainlieferung zu bringen und von Crosby und Nash umgehend nach L. A. zurückgeschickt worden. Berry war der Bruder von Jan Berry von der Surfband Jan and Dean. (Dean Torrence, der „Dean“ von Jan and Dean, hatte bei der fingierten Entführung von Frank Sinatra, Jr. – kurz nach dem JFK-Attentat – eine Rolle gespielt. Diese inszenierte Entführung war ein besonders lahmer Versuch, die Öffentlichkeit nach dem ersten Schock von den vielen offenen Fragen über den Präsidentenmord am Dealey Plaza abzulenken.)
  • Clarence White: hatte als Gitarrist bei den Byrds gespielt; wurde am 14. Juli 1973 von einem alkoholisierten Autofahrer überfahren und getötet. White war in der Nähe von Lancaster aufgewachsen, ganz in der Nähe des Ortes, wo auch Frank Zappa seine Teenagerzeit verbracht hatte. Mindestens einer seiner engsten Angehörigen arbeitete auf der Edwards Air Force Base. Der Autofahrer, der den 29-jährigen Clarence ums Leben gebracht hatte, wurde zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt und verbrachte keinen Tag im Gefängnis.
  • Gram Parsons: ehemals Mitglied der International Submarine Band, der Byrds und der Flying Burrito Brothers. Starb am 19. September 1973 im Hotel Joshua Tree Inn, angeblich an einer Speedball-Überdosis. Nur zwei Monate vor seinem Tod war Parsons Haus im Topanga Canyon bis auf die Grundmauern abgebrannt. Nach seinem Tod stahl Phil Kaufman, der Roadmanager der Burritos, Parsons Leichnam vom Los Angeles International Airport, brachte ihn in die Wüste zum berühmten Joshua Tree und verbrannte ihn dort rituell, pünktlich zur herbstlichen Tag- und Nachtgleiche. (Kaufman war zuvor ein Gefängniskumpel von Charlie Manson in Terminal Island gewesen; als er 1968 von dort entlassen wurde, nahm er gleich wieder Kontakt mit seinem ein Jahr vorher entlassenen alten Freund auf.)

Als Gram starb, hatte es in seiner Familie bereits einige sehr fragwürdige Todesfälle gegeben: Kurz vor Weihnachten 1958 hatte Parsons Vater Gram, seine Mutter und seine Schwester zu Familienangehörigen nach Florida geschickt. Am folgenden Tag, gleich nach der Wintersonnenwende, fing sich „Coon Dog“ einen Kugel in den Kopf ein. Sein Tod wurde behördlich als Selbstmord eingestuft; die Familie hatte er angeblich weggeschickt, um ihr soviel Kummer und Schmerz wie möglich zu ersparen. Natürlich wäre es auch möglich, dass „Coon Dog“ genau gewusst hat, dass seine Tage gezählt waren, und seine Familie nur aus der Schusslinie bringen wollte. Im darauffolgenden Jahr – 1959 – heiratete Grams Mutter wieder. Ihr neuer Mann war ein gewisser Robert Ellis Parsons, der Gram und seine Schwester Avis adoptierte. Sechs Jahre danach, im Juni 1965, starb Grams Mutter noch am selben Tag, an dem sie wegen einer plötzlichen Erkrankung ins Spital gebracht wurde. Zeugenaussagen zufolge starb sie „fast sofort“ nach einem Besuch ihres Ehemanns Robert Parsons. Viele der ihr nahestehenden Personen waren davon überzeugt, dass Parsons etwas mit ihrem Tod zu tun gehabt hatte; kurz danach heiratete Robert dann auch die jugendliche Babysitterin seiner Stieftochter. Nach dem Tod der Mutter ging Gram kurz an die Universität Harvard und startete dann seine Musikkarriere, indem er die International Submarine Band gründete, die sehr bald im Laurel Canyon – wo sonst? – landete. Als Gram 1973 im Alter von nur 26 Jahren starb, hinterließ er seine kleine Schwester Avis als einzige überlebende Familienangehörige. Avis wiederum schied mit 43 Jahren aus dem Leben: sie starb 1993, angeblich bei einem Bootsunfall.

  • „Mama“ Cass Elliot: die „Erdmutter“ des Laurel Canyon, zu deren Freundeskreis Musiker, Manson-Anhänger, Hollywood-Nachwuchsstars, der reiche Sohn eines Beamten aus dem Außenministerium, Songwriter, diverse Dealer und einige ausgesprochen widerwärtige Typen, die vom Los Angeles Police Department (LAPD) einmal als „eine Art Killertruppe“ bezeichnet wurden, gehörten. Sie starb am 29. Juli 1974 in der Londoner Wohnung von Harry Nilsson, einem bewährten Saufkumpan von John Lennon in Laurel Canyon und am Sunset Strip. Für Laurel-Canyon-Verhältnisse hatte Cass mit ihren 32 Jahren ein langes und arbeitsreiches Leben hinter sich. Vier Jahre nach ihrem Tod starb in genau demselben Zimmer genau derselben Londoner Wohnung (die nach wie vor Harry Nilsson gehörte) Who-Drummer Keith Moon am 7. September 1978. Ersten Presseberichten zufolge soll Cass an einem Schinkensandwich erstickt sein; die offizielle Todesursache lautete jedoch auf Herzversagen. Wahrscheinlich könnte man ihre wahre Todesursache aber unter „wusste über zu viele Hintergründe Bescheid“ ablegen. Moon starb angeblich an der massiven Überdosis eines Medikaments, das beim Alkoholentzug eingesetzt wird. Auch er hatte – wie Cass – einmal in Laurel Canyon gewohnt.
  • Amy Gossage: Wurde am 13. Februar 1975, als sie Graham Nashs Freundin war, in ihrer Wohnung in San Francisco ermordet. Die gerade erst 20-jährige wies fast 50 Stichwunden auf und war bis zur Unkenntlichkeit verprügelt worden. Amys Vater, ein prominenter Werbe- und PR-Mann, war 1969 an Leukämie gestorben. Kurz darauf wurde ihre Schwester bei einem Autounfall getötet. Im Mai 1974 starb dann auch ihre Mutter, die Tochter einer wohlhabenden Bankiersfamilie, angeblich an Leberzirrhose. Übrig blieben nur Amy, die damals 19 war, und ihr 20-jähriger Bruder Eben; beide waren angeblich schwer drogenabhängig. Den brutalen Mord an Amy hängte man schlauerweise gleich Eben an. Die Polizei hatte auf der Veranda von Ebens Wohnung der Einfachheit halber blutbefleckte Kleidungsstücke sowie einen Hammer und eine Schere gefunden – was sehr danach aussah, als hätte ihm jemand die Gegenstände untergeschoben. Später sagte ein Freund Ebens ahnungsvoll: „Wenn Eben sie wirklich ermordet hat, weiß er garantiert nichts davon.“
  • Tim Buckley: Singer / Songwriter, unter Vertrag bei Frank Zappas Plattenlabel, gemanagt von Herb Cohen, verstorben am 29. Juni 1975, angeblich an einer Überdosis. Buckley war in einer Folge der TV-Serie „The Monkees“ aufgetreten und kam wie Monkees-Mitglied Peter Tork (und so viele andere aus dieser Geschichte) aus Washington,DC.Er war zum Zeitpunkt seines Todes erst 28 Jahre alt. Sein Sohn Jeff Buckley, ebenfalls ein fähiger Musiker, konnte dem Leben ganze zwei Jahre mehr abringen als sein Vater: Er starb erst mit 30 einen bizarren Ertrinkungstod – am 29. Mai 1997.
  • Phyllis Major Browne: Die Ehefrau des Songwriters Jackson Browne starb am 25. März 1976, angeblich an einer Barbiturat-Überdosis. Ihr Tod wurde – das können wir mittlerweile alle mitsingen – als Selbstmord zu den Akten gelegt. Sie war 30.

Es gibt noch ein paar weitere merkwürdige Todesfälle, über die wir an dieser Stelle berichten können, auch wenn sie nur indirekt mit der Laurel-Canyon-Szene zu tun hatten. Eine lobende Erwähnung haben sie trotzdem verdient, vor allem die Fälle Bobby Fuller und Phil Ochs – ersterer, weil er ein besonders gutes Beispiel für die mustergültige Arbeit desLAPDist, und letzterer, weil wir durch ihn eventuell das Phänomen Laurel Canyon etwas besser verstehen lernen:

  • Bobby Fuller: Sänger, Songwriter und Gitarrist für die Bobby Fuller Four. Wurde am 18. Juli 1966 in seinem Auto in der Nähe von Grauman’s Chinese Theater tot aufgefunden, nachdem ihn der mysteriöse Anruf eines Unbekannten zwischen zwei und drei Uhr morgens aus seiner Wohnung gelockt hatte. Am bekanntesten ist Fuller für seine Hitnummer „I Fought The Law“, die sich gerade in den Charts nach oben arbeitete, als er mit 23 Jahren angeblich Selbstmord beging. Auf Gesicht, Brust und Schultern des Toten wurden zahlreiche Schnittwunden und Hämatome festgestellt, sein Mund war blutverkrustet, und er hatte eine Haarfraktur in der rechten Hand. Er war gründlich mit Benzin übergossen worden, das auch in Mund und Hals gefunden wurde. Auch im Wageninneren war Benzin verschüttet worden, und am Beifahrersitz lag ein offenes Streichholzbriefchen. Es lag klar auf der Hand, dass Fullers Mörder vorgehabt hatte(n), das Auto anzuzünden, aber durch irgend jemanden oder etwas vertrieben worden war(en). DasLAPDging trotzdem von Selbstmord aus, obwohl der Befund des Gerichtsmediziners besagte, dass das Benzin nach Bobbys Tod verschüttet worden war. Später verkündete die Polizei allerdings, dass es sich um einen Unfall gehandelt haben müsse – und versuchte gar nicht erst, eine Erklärung dafür zu finden, wie Fuller sich nach seinem unbeabsichtigten Selbstmord unabsichtlich mit Benzin übergossen hatte. Eine von Fullers engsten Vertrauten zum Zeitpunkt seines Todes war eine Prostituierte namens Melody, die im PJ’s-Nachtclub arbeitete, wo Bobby öfters aufgetreten war. Und einer der Besitzer dieses Clubs war Eddie Nash, der viele Jahre später das „Wonderland“-Massaker inszenieren sollte. Ein paar Jahre nach Bobbys Tod begann sein Bruder, der Bassist Randy Fuller, mit dem Schlagzeuger Dewey Martin zusammenzuarbeiten, der früher bei Buffalo Springfield gespielt hatte.
  • Gary Hinman: Musiker, Musiklehrer und Teilzeit-Drogist, wurde am 27. Juli 1969 in seinem Haus im Topanga Canyon brutal ermordet. Als Mörder wurde der Manson-Anhänger Bobby Beausoleil verurteilt, der in der lokalen Band The Grass Roots spielte. Um Verwechslungen mit der berühmteren Band dieses Namens zu vermeiden, änderte die Band aus Laurel Canyon ihren Namen auf Love. Beausoleil behauptete später, der neue Name der Band sei durch seinen Spitznamen „Cupid“ [„Amor“] inspiriert worden.
  • Janis Joplin: Die äußerst begabte Sängerin wurde am 4. Oktober 1970 tot in ihrem Zimmer im Landmark Hotel (keine zwei Kilometer östlich der Mündung des Laurel Canyon) aufgefunden. Diagnose: Heroin-Überdosis. Einige Anzeichen wiesen darauf hin, dass sie selbst oder jemand anderer ihr einen „heißen Schuss“ verabreicht hatte – also Stoff, der um ein Vielfaches stärker war, als normales Heroin vom Straßendealer. Joplins Vater war übrigens Erdölingenieur für Texaco. Und Janis selbst war eine Zeitlang mit William Bennett, dem späteren „Drogenzar“ und Kämpfer gegen alles Unmoralische, gegangen. Ein seltsames Paar, fürwahr, aber in unserer Geschichte total normal. Ach ja, auch Joplin starb im Alter von 27 Jahren, wie Morrison und Hendrix.
  • Duane Allman und Berry Oakley: Leadgitarrist und Bassist bei den Allman Brothers, die bei absurd ähnlichen Motorradunfällen am 29. Oktober 1971 bzw. 11. November 1972 ums Leben kamen. Allmans Vater Willis war Sergeant bei derUSArmy gewesen, als er am 26. Dezember 1949 bei Norfolk, Virginia (der Heimat des weltgrößten Marinestützpunkts) von einem anderen Soldaten ermordet wurde. 1967 brachen Duane und sein jüngerer Bruder Gregg, die damals unter dem Namen The Allman Joys firmierten, nach Los Angeles auf. Dort spielte Gregg bei der Laurel-Canyon-Band Poco (mit den Buffalo-Springfield-Exmusikern Richie Furay und Jim Messina sowie Randy Meisner, der später bei den Eagles spielen sollte) vor und wäre fast genommen worden. Duane kam ums Leben, als ein Lastwagen auf einer Kreuzung wendete und dann aus unerklärlichen Gründen anhielt. Etwas mehr als ein Jahr danach hatte Oakley nur drei Häuserblocks von Duanes Unfallort entfernt eine ganz ähnliche Begegnung mit einem Autobus. Gleich nach dem Zusammenstoß wischte Berry den Straßenstaub von sich ab und verweigerte jede ärztliche Behandlung, da er sich gut fühlte. Drei Stunden später wurde er schnellstens ins Krankenhaus gebracht, wo er bald starb. Sowohl Oakley als auch Allman waren erst 24 Jahre alt.
  • Phil Ochs: Folk-Sänger und -Songwriter, politischer Aktivist; wurde am 9. April 1976 im Haus seiner Schwester in Far Rockaway, New York, erhängt aufgefunden. Zu Lebzeiten war Ochs einer der politisch engagiertesten Rock- und Folk-Musiker der 60er Jahre. Er nahm regelmäßig an Antikriegs-, Bürgerrechts- und Arbeitskampf-Kundgebungen teil und schien stets ein überzeugter Linker zu sein. (Seine erste Band nannte er sogar The Singing Socialists.) In den Monaten vor seinem Tod wurde jedoch alles ganz anders.

Phil wurde am 19. Dezember 1940 im texanischen El Paso geboren; während seiner ersten Lebensjahre übersiedelte seine Familie recht häufig. Sein Vater Dr. Jacob Ochs war von derUSArmy eingezogen und diversen Militärkrankenhäusern in New York, New Mexico und Texas zugewiesen worden. 1943 wurde er nach Übersee beordert und zwei Jahre später aus medizinischen Gründen aus dem Militärdienst entlassen. Nach seiner Heimkehr wurde er sofort in eine Anstalt eingewiesen, wo er zwei weitere Jahre fern von seiner Familie verbringen musste. In dieser Zeit wurde ihm jede nur vorstellbare „Behandlung“ zuteil, inklusive Elektroschock-„Therapie“. Als er 1947 endlich wieder nach Hause kam, war er nur noch ein Schatten seiner selbst; Phils Schwester sagte, er sei „fast wie ein Gespenst“ gewesen.

Ab Herbst 1956 besuchte Phil Ochs die Staunton-Militärakademie – dieselbe Schule, in die auch der zukünftige „Serienmörder“ und Kultführer Gary Heidnik ein Jahr nach Ochs’ Abschluss gehen sollte. Während Phils zweijährigem Aufenthalt an der Akademie entdeckte man einen seiner Freunde und Musikerkollegen am Strick baumelnd (unnötig zu erwähnen, dass sein Tod zum Selbstmord deklariert wurde). Nach seinem Abschluss immatrikulierte Phil an der Ohio State University, aber erst, nachdem er sich seltsamerweise einer Schönheitsoperation unterzogen hatte, die sein Aussehen veränderte (noch unnötiger zu erwähnen, dass derartige Operationen 1958 nicht nur bei Männern äußerst unüblich waren). 1962, nur wenige Monate vor dem planmäßigen Ende seiner Uni-Ausbildung, wurde Ochs zum Studienabbrecher, um fortan ein Musikerleben zu führen. 1966 hatte er bereits drei Alben veröffentlicht, und 1967 zog er nach Los Angeles, wo er weiterhin von seinem Bruder Michael Ochs gemanagt wurde. Ein Jahr zuvor hatte Michael angefangen, als Assistant für Barry James zu arbeiten, der an der Adresse 8504 Ridpath in Laurel Canyon eine Veranstaltungshalle betrieb.

Anfang der 70er Jahre, als seine Karriere bereits am absteigenden Ast war, begann Phil Ochs die Welt zu bereisen, meist in Begleitung enormer Mengen Alkohol und Tabletten. Dabei besuchte er unter anderem Chile – nicht lange, bevor dort der von den USA unterstützte Staatsstreich gegen Salvador Allende stattfand. Im Frühsommer 1975 veränderte Phil Ochs sein Image komplett: Er nannte sich fortan John Butler Train, gab sich alsCIA-Agent aus und wandelte sich zum aggressiven, politisch rechtsstehenden Rowdy. In einem Interview sagte er:

„Am ersten Sommertag des Jahres 1975 wurde Phil Ochs im Chelsea Hotel von John Train ermordet … Man musste ihn endlich loswerden, zum Wohle der Gesellschaften, sowohl der öffentlichen als auch der geheimen.“

Dieses symbolische Attentat zur Sommersonnenwende fand zufälligerweise genau in dem Hotel statt, wo Devon Wilson ein paar Jahre vorher aus dem Fenster geflogen war. Einer von Ochs’ Biographen schrieb später, dass Phil / John „tatsächlich davon überzeugt war, der CIA anzugehören“.

In seinen letzten Lebensmonaten begann Ochs außerdem mit der Erstellung seltsamer Listen, deren Einträge sich deutlich auf die amerikanische Forschung in Sachen biologischer Kriegsführung bezogen: „Saxitoxin, Fort Dietrich, Kobragift, Chantilly-Pferderennbahn, ausgehöhlte Silberdollars, New Yorker Cornell-Krankenhaus …“ Viele Jahre vor Ochs’ plötzlicher Verwandlung hatte George Estabrooks, ein beamteter Experte für psychologische Kriegsführung, einmal geradezu prophetisch darüber spekuliert, wieUS-Geheimdienste den perfekten Spion erschaffen könnten:

„Wir suchen uns eine herausragende Versuchsperson … einen Mann oder eine Frau von hoher Intelligenz und körperlicher Zähigkeit. Dann entwickeln wir mittels Hypnose eine multiple Persönlichkeit. Im normalen Wachzustand, den wir Persönlichkeit A oder PA nennen, wird diese Person zum fanatischen Kommunisten werden. Er wird sich der Partei anschließen, der Parteilinie folgen und sich den Autoritäten gegenüber so störend wie möglich verhalten. Dazu muss man feststellen, dass er das alles in gutem Glauben tun wird. Eristein Kommunist – oder vielmehr: seine PA ist Kommunist und wird sich auch so benehmen. Danach entwickeln wir Persönlichkeit B oder PB, die sekundäre Persönlichkeit – oder unbewusste Persönlichkeit, wenn Sie so wollen, obwohl das eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Diese Persönlichkeit ist fanatischer Amerikaner und Antikommunist. Und sie besitzt sämtliche Informationen, die auch PA (die normale Persönlichkeit) besitzt, während PA nicht diesen Vorteil hat … Im Wachzustand spielt mein Superspion seine Rolle als Kommunist aggressiv, konsequent und furchtlos. Aber sein PB ist loyaler Amerikaner und besitzt alle Erinnerungen von PA. Und als loyaler Amerikaner wird er keinen Augenblick lang zögern, diese Erinnerungen auch preiszugeben.“

Estabrooks hat nie erklärt, was passieren würde, wenn die Programmierung durcheinanderkommt und Persönlichkeit B plötzlich die bewusste wird. Ich kann nur annehmen, dass eine solche Person als ernsthafte Bedrohung angesehen und dementsprechend behandelt werden würde. Und vielleicht würde sie eines Tages sogar am Strick baumeln …

Phil Ochs war zum Zeitpunkt seines Todes 35 Jahre alt.

Damit können wir unsere Laurel-Canyon-Todesliste auch schon beschließen. Wohlgemerkt, sie ist keineswegs vollständig, da sie nur die Jahre 1966 bis 1976 umfasst. Sie können also sicher sein, dass im Verlauf unserer Geschichte und ihrer diversen Handlungsfäden noch weitere Namen dazukommen werden. Einige davon werden ihnen sehr bekannt vorkommen, andere weniger. Einer der Namen aus dieser Zeit, der fast völlig in Vergessenheit geraten ist, ist der von Judee Lynn Sill, die einst in einem Atemzug mit bekannten Sängerinnen und Songwriterinnen aus dem Laurel Canyon wie Joni Mitchell, Judi Collins und Carole King genannt wurde. Als sie am 23. November 1979 starb, kannte sie aber beinahe niemand mehr – und nach ihrem Tod wurde nicht ein einziger Nachruf über sie veröffentlicht.

Judee kam am 7. Oktober 1944 im kalifornischen Studio City, unweit des Laurel-Canyon-Nordendes, zur Welt. Ihr Vater Milford „Bud“ Sill soll Kameramann für die Paramount Studios gewesen sein und zahlreiche gute Beziehungen nach Hollywood gehabt haben. Als Judee noch sehr jung war, zog Bud dennoch samt Familie nach Oakland, wo er ein Lokal namens „Bud’s Bar“ eröffnete. Als Nebengeschäft betrieb er einen Importhandel für seltene Tiere, der es notwendig machte, dass er über längere Zeiträume in Mittel- und Südamerika unterwegs war. Hier sollte man allerdings anmerken, dass ein derartiger Beruf auch als perfekte Tarnung für verdeckte Geheimdienstarbeit dienen könnte. Bud Sill starb jedenfalls 1952, als Judee erst sieben oder acht war. Die Todesursache soll – je nachdem, wem man glaubt – Lungenentzündung oder Herzinfarkt gewesen sein.

Nach Buds Tod zog die Familie nach Südkalifornien zurück, wo Judees älterer Bruder Dennis, der damals noch keine zwanzig war, das Importgeschäft übernahm. Aber auch das ging nicht lange gut, da Dennis recht bald in Mittelamerika zugrundeging, entweder an einer Leberentzündung oder durch einen Autounfall. Tierimporte scheinen ein ziemlich gefährliches Geschäft zu sein.

Judees Mutter Oneta lernte Ken Muse kennen, der als Trickfilmzeichner bei Hanna-Barbera einen Oscar gewonnen hatte, und heiratete ihn. Judee sagte später, dass Muse ein gewalttätiger Alkoholiker mit Missbrauchstendenzen gewesen sei. Im Alter von 15 Jahren riss sie daher von zu Hause aus und zog zu einem älteren Mann, mit dem sie im San Fernando Valley eine Reihe bewaffneter Raubüberfälle beging. Dafür landete sie in einer Erziehungsanstalt, wo man ihr das Verlangen nach Drogen, Kriminalität und Alkohol aber keineswegs austreiben konnte. Die nächsten paar Jahre war sie dann schwer heroinabhängig und finanzierte ihre Sucht mit Rauschgifthandel und Prostitution in den eher übel beleumundeten Vierteln von Los Angeles.

1963 war sie wieder clean genug, um sich im Junior College einzuschreiben. Doch als der Winter des Jahres 1965 begann, starb auch Judees Mama, das letzte überlebende Familienmitglied – entweder an Krebs oder an den Folgen ihres chronischen Alkoholismus (suchen Sie sich eine Ursache aus, genauere Einzelheiten über diese Story werden wir wahrscheinlich nie mehr erfahren). Judee war kaum erwachsen geworden und ganz allein auf dieser bösen Welt. Kein Wunder, dass es wieder einmal bergab ging und sie sich dem Rauschgift und dem Verbrechen hingab. Den Höhepunkt erreichte diese Phase, als sie wegen Urkundenfälschung und Drogendelikten verhaftet wurde und möglicherweise sogar einige Zeit im Gefängnis verbrachte.

Ende der 1960er Jahre, als Sill ihre Süchte scheinbar wieder zeitweise unter Kontrolle hatte, schloss sie sich der Szene im Laurel Canyon an und versuchte dort als Sängerin und Songwriterin Fuß zu fassen. Ihr Durchbruch kam, als sie den Song „Lady O“ an die Turtles verkaufte. (The Turtles waren eine weitere Laurel-Canyon-Band, die Mitte der Sechziger erfolgreich wurde, vor allem mit ihrer Hit-Single „Happy Together“. Bandleader war der Leadsänger und Songwriter Howard Kaylan, der zufällig – wir wissen ja mittlerweile alle, wie klein die Welt ist – auch ein Cousin von Frank Zappas Manager und Geschäftspartner Herb Cohen war.) Die Band brachte den Song mit Judees Gitarrenbegleitung 1969 auf den Markt. Ein Jahr darauf war Sill der erste Act, der bei David Geffens neuem Plattenlabel Asylum unterschrieb. Und wieder ein Jahr darauf war ihr gleichnamiges Debütalbum die erste offizielle Asylum-Veröffentlichung. Die erste Single-Auskopplung daraus, „Jesus Was A Crossmaker“, wurde von Graham Nash produziert, mit dem sie nach dem LP-Release auch – als Support – auf Tournee ging.

Das Album bekam zwar gute Kritiken, verkaufte sich aber schlecht. Das lag zum Teil auch daran, dass es im Schatten der Debütalben von Jackson Browne und den Eagles stand, die Asylum Records kurz nach Judees Platte veröffentlichte. Sills zweites Album „Heart Food“ (1973) war kommerziell gesehen noch enttäuschender. Trotzdem begann sie 1974 im Aufnahmestudio von Mike Nesmith (The Monkees) mit den Arbeiten an ihrer dritten Platte. Kurz vor deren Fertigstellung ließ sie das Projekt jedoch fallen und verschwand spurlos. Was danach und bis zu ihrem Tod fünf Jahre später mit ihr passierte, ist bis heute ein Geheimnis. Man nimmt an, dass sie wieder dem Rauschgift verfiel und sich als Prostituierte betätigte, aber niemand scheint Genaueres zu wissen.

Angeblich soll sie bei einem Auffahrunfall, an dem der Schauspieler Danny Kaye beteiligt war, schwer verletzt worden sein und danach an chronischen Rückenschmerzen gelitten haben, die zu ihrer Drogensucht beitrugen. Einer ihrer Freunde hat berichtet, dass in ihrer Wohnung ein riesiges Bela-Lugosi-Photo über dem Kamin hing, dass über ihrem Bett ein schwarzes Ebenholzkreuz angebracht war und überall Unmengen Kerzen standen. Außerdem soll sie sich intensiv mit Rosenkreuzer-Manuskripten und den Schriften Aleister Crowleys befasst, das Gesamtwerk von Helena Blavatsky besessen und eine Begabung für das Tarotkartenlegen gehabt haben.

Sicher ist jedenfalls, dass Judee Sill – die letzte Überlebende ihrer Familie – am Tag nach dem Thanksgiving-Fest des Jahres 1979 in ihrem Apartment in North Hollywood tot aufgefunden wurde. Als Todesursache wurde eine „akute Kokain- und Kodeinvergiftung“ festgestellt. Angeblich wurde ein Abschiedsbrief bei ihr entdeckt, doch ihre Freunde waren der Ansicht, dass es sich dabei um Tagebuchaufzeichnungen oder einen unvollendeten Song gehandelt habe. Einer ihrer Freunde berichtete später, dass Judee irgendwann erkannt habe, dass „es einen Teil von ihr gab, über den sie keine bewusste Kontrolle besaß“.

Ich nehme an, dass Phil Ochs und einige andere Protagonisten dieser Geschichte das sehr gut nachvollziehen könnten.

Bis etwa zum Jahr 1913 war der Laurel Canyon ein unerschlossener (und nicht inkorporierter) Teil von L. A. – eine unberührte Wildnis, die reich an einheimischer Flora und Fauna war. Das änderte sich erst, als Charles Spencer Mann und seine Geschäftspartner Grundstücke am späteren Laurel Canyon Boulevard und am Lookout Mountain zu kaufen begannen. Bald wurde eine schmale Straße gebaut, die auf den Gipfel des Lookout Mountain führte. Dort errichtete man ein großzügig gestaltetes Hotel mit 70 Zimmern, von dem man einen beeindruckenden Ausblick auf die Stadt und den dahinterliegenden Pazifik hatte. Das Lookout Inn nannte einen großen Ballsaal, Reitställe, Tennisplätze, einen Golfplatz und andere Annehmlichkeiten sein eigen. Das Hotel hielt sich jedoch nur ein Jahrzehnt und brannte 1923 ab – ein Schicksal, das offensichtlich vielen Gebäuden im Laurel Canyon beschieden ist.

1913 begann Mann den ersten Oberleitungsbus des Landes zu betreiben, der Touristen und Kaufinteressenten vom Sunset Boulevard an die Stelle brachte, die später zur Ecke Laurel Canyon Boulevard und Lookout Mountain Avenue werden sollte. Etwa zur selben Zeit ließ er an besagter Ecke eine riesige Gaststätte mit Rasthaus erbauen. Er nannte das Haus mit seinem 200 Quadratmeter großen Speisesaal, den Gästezimmern und der Bowling-Bahn im Keller Laurel Tavern. Später erwarb Tom Mix das Gebäude; danach erst erhielt es den Spitznamen Log Cabin.

Kurz nach Fertigstellung der Log Cabin baute ein Kaufhausmogul (manche meinen auch, er sei ein reicher Möbelfabrikant gewesen; vielleicht war der Mann ja in mehreren Geschäftszweigen tätig) genau gegenüber – an der Ecke Laurel Canyon Boulevard und der späteren Willow Glen Road – ein imponierendes, schlossähnliches Herrenhaus. Das Gebäude war mit eher unheimlichen Türmchen, Zinnen und Wällen ausgestattet, und sein Fundament soll von Geheimgängen, Tunnels und verborgenen Räumen geradezu durchlöchert gewesen sein. Auch das zum Anwesen gehörende Grundstück war (und ist immer noch) von Pfaden durchzogen, die zu Grotten, aufwendig konstruierten Steinbauten sowie verborgenen Höhlen und Tunnels führen.

Auch auf der anderen Straßenseite waren die Außenanlagen der Laurel Tavern / Log Cabin mit seltsamen Höhlen und Tunnels gespickt. Michael Walker schreibt in seinem Buch „Laurel Canyon: Im legendären Tal des Rock’n’Roll“:

„Hinter dem Haus und den Hügel hinauf zog sich eine Reihe aus Gipsputz konstruierter Höhlen, die mit Stromleitungen und Glühbirnen ausgestattet waren.“

Mehreren Berichten zufolge verband ein Geheimgang, der unter dem heutigen Laurel Canyon Boulevard entlanglief, die Log Cabin (oder ihr Gästehaus) mit dem Anwesen von Harry Houdini. Viele halten diese Behauptung mittlerweile für ein modernes Märchen, aber angesichts der Tatsache, dass beide Grundstücke für ihre eher ungewöhnlichen – ähem – geologischen Formationen bekannt sind, fällt es nicht schwer, an eine Tunnelverbindung zwischen den Anwesen zu glauben. Die Tavern selbst beschrieb Gail Zappa später als „gigantisch, gewölbeartig und voller Höhlen“.

Als diese beiden recht ungewöhnlichen Bauwerke in dem ansonsten unerschlossenen Canyon errichtet waren und das Lookout Inn auf dem unbewohnten Lookout Mountain aufragte, begann Mann den Canyon als Urlaubs- und Freizeitziel zu vermarkten. Er teilte das Land in Abschnitte auf, denen er Namen wie „Bungalow Land“ und „Wonderland Park“ verlieh, und pries die Gegend als idealen Standort für Ferienhäuser an. Doch das Hotel, die Gaststätte und die zum Verkauf stehenden Grundstücke waren natürlich nicht für jedermann gedacht. Das Rasthaus war im wesentlichen ein Country-Club für – wie Jack Boulware einmal im Mojo Magazine schrieb – „wohlhabende Männer, die einen Ort des Rückzugs suchten“. Und „Bungalow Land“ wurde ganz offen als „niveauvolle Park-Wohnlandschaft auschließlich für ein wünschenswertes Publikum“ beworben.

Und dieses „wünschenswerte Publikum“ setzte sich natürlich in erster Linie aus wohlhabenden Menschen ohne eine allzu dunkle Hautfarbe zusammen.

Wie es auf der Website der heutigen Laurel Canyon Association heißt:

„Die neuen Parzellen wurden nur mit Nutzungsbeschränkungen vergeben. Dabei handelt es sich um kaum verschleierte Versuche, das Eigentumsrecht an den Grundstücken nur männlichen Weißen einer bestimmten sozialen Schicht zugänglich zu machen. Es wird zwar oft von der Bigotterie der Bauunternehmer in unserer Gegend gesprochen – doch wie es scheint, neigten auch einige der Einwohner zu Vorurteilen und Gesetzwidrigkeiten. Dieser Artikel erschien 1925 in einer Lokalzeitung:

Der vor einigen Monaten von selbsternannten ,Weißen Rittern‘ am Lookout Mountain in Hollywood ausgepeitschte Frank Sanceri wurde von den Geschworenen unter Oberrichter Shea von der Anklage freigesprochen, die 11-jährige Astrea Jolley rechtswidrig attackiert zu haben.

Auch vermögende Menschen zog es in den Laurel Canyon. Nach der Schaffung der Hollywood-Filmindustrie im Jahre 1910 wurde der Canyon zum Anziehungspunkt für eine Reihe von ,Kinematographie-Darstellern‘ wie Wally Reid, Tom Mix, Clara Bow, Richard Dix, Norman Kerry, Ramon Navarro, Harry Houdini und Bessie Love.“

Der Verfasser dieser kleinen Laurel-Canyon-Historie will uns ganz offensichtlich glauben machen, dass die „vermögenden Menschen“ nichts mit den gewalttätigen Rowdys zu tun hatten, die den Canyon durchstreiften. Ein Blick auf die Geschichte solcher Gruppierungen in Los Angeles offenbart jedoch ein ganz anderes Bild. Paul Young schreibt in seinem Buch „L. A. Exposed“ über frühe

„Bürgerwehren, die auf eigene Faust gegen Gesetzlose einschritten und oft sogar vom Bürgermeister selbst freie Hand bekamen. Richter Lynch zum Beispiel gründete 1854 mit einigen der führenden Richter, Anwälte und Geschäftsmänner – darunter dem Eisenbahnmagnaten Phineas Banning, der die Banning Railroad baute – die Los Angeles Rangers. Zudem gab es noch die Los Angeles Home Guard, eine weitere blutrünstige, paramilitärische Organisation aus angesehenen Bürgern, und die gefürchteten El Monte Rangers, eine Gruppe texanischer Cowboys, die sich auf die Ermordung von Mexikanern spezialisiert hatte. Derartige Femegerichte legten logischerweise keinen Wert auf die Rechte ihrer Opfer, die oft aus ihren Häusern, Gefängniszellen und sogar Kirchen verschleppt und dann verprügelt, gefoltert, verstümmelt oder kastriert wurden, bevor man sie am nächsten Baum aufknüpfte.“

Ja, liebe Leser, so machen wir das hier an der „linken“ Küste.

Bevor wir weitermachen, muss ich noch erwähnen, dass genau die Hälfte der acht prominenten Einwohner des Laurel Canyon, die auf der Website der Association erwähnt werden, unter zweifelhaften Umständen ums Leben kam – und drei der vier auch noch an Tagen von okkulter Bedeutung. Bessie Love, Norman Kerry, Richard Dix und Clara Bow wurden bei guter Gesundheit alt. Ramon Navarro aber fiel, wie wir bereits in der letzten Folge erfahren haben, am Vorabend von Halloween 1968 in seinem Haus am Laurel Canyon Boulevard einem Ritualmord zum Opfer. Fast ein halbes Jahrhundert zuvor, am 18. Januar 1923, wurde Leinwand-Idol und Frauenschwarm Wallace Reid in einer Gummizelle der psychiatrischen Anstalt, in die man ihn eingeliefert hatte, tot aufgefunden. Der Tod des erst 31-jährigen wurde auf Morphiumsucht zurückgeführt – wobei nie ganz erklärt werden konnte, wie er in einer Irrenhauszelle an seinen Stoff gekommen sein soll.

Tom Mix starb am 12. Oktober 1940 (dem Geburtstag des berüchtigten Okkultisten Aleister Crowley) auf einem einsamen Stück Highway in Arizona, bei einem sprichwörtlichen Unfall durch ruhenden Verkehr. Er traf mit seinem Auto völlig unerwartet auf eine Straßensperre, die wegen Bauarbeiten an einer vermeintlich weggespülten Brücke errichtet worden war. Obwohl sein Auto (wenigstens den meisten Aussagen zufolge) nicht mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs war, schaffte es Mix angeblich nicht mehr, rechtzeitig zu bremsen, und kam von der Fahrbahn ab, während eine Gruppe vorgeblicher „Arbeiter“ danebenstand und zusah. Es war jedoch nicht der Aufprall, der Mix tötete, sondern ein heftiger Schlag auf Nacken und Hinterkopf, scheinbar verursacht durch einen Aluminiumkoffer, der durch den Unfall vom Rücksitz nach vorne geschleudert wurde. Heute erinnert ein Gedenkstein am Straßenrand an den Unfallort. Wenn Sie dort vorbeikommen und sehen wollen, wo Tom Mix gestorben ist, können Sie übrigens auch gleich die Florence Military Reservation – ein militärisches Übungsgebiet – besuchen, die nur einen Steinwurf entfernt ist.

Harry Houdini starb genau an Halloween 1926, angeblich durch eine Blinddarmentzündung, der ein Schlag in den Bauch vorausging. Problematisch an dieser Story ist nur, dass sie aus Sicht der heutigen Medizin eine Unmöglichkeit darstellt. Ein relativ aktuelles Buch über den berühmten Zauberkünstler, „The Secret Life of Houdini“ von William Kalush und Larry Sloman, stellt die Theorie auf, dass Houdini höchstwahrscheinlich vergiftet wurde. Die Tatsache, dass seltsamerweise keine Obduktion durchgeführt wurde, ist ebenso verdächtig wie das „experimentelle Serum“, das man Houdini im Spital verabreichte, oder die Hinweise darauf, dass auch seine Frau Beth vergiftet worden sein könnte, den Anschlag aber überlebte. Am 23. März 2007 stellte Houdinis Großneffe angeblich den gerichtlichen Antrag, den Leichnam des Magiers zu exhumieren. Seine anderen Nachfahren wandten sich jedoch öffentlich gegen diese Idee.

Houdinis Tod am 31. Oktober 1926 ereignete sich übrigens auf den Tag genau acht Jahre nach dem ersten Todesfall, der aus dem späteren „Houdini-Haus“ bekannt ist. 1918, kurz nach Fertigstellung des Gebäudes, kam es während einer Halloween- / Geburtstagsfeier auf einem der Balkone des Hauses zu einem Streit zwischen Liebenden – dem Sohn des damaligen Hausbesitzers und seinem schwulen Freund. Der Freund stürzte angeblich vom Balkon in den Tod. Der reiche Geschäftsmann, dem das Haus gehörte, schaffte es, dass sein Sohn mit einem blauen Auge davonkam, indem er jeden schmierte, der mit dem Fall zu tun hatte, inklusive den erstinstanzlichen Richter. Die Folgen der Party erwiesen sich für die Familie jedoch als derartige finanzielle Katastrophe, dass sie das Haus bald wieder auf den Markt werfen musste.

Wie der Zufall es wollte, suchte Harry Houdini kurz darauf nach einer Immobilie in der Nähe Hollywoods, da er ins Filmgeschäft einsteigen wollte. Im Laurel Canyon fand er das perfekte Haus, das fortan seinen Namen tragen sollte. Den meisten Berichten zufolge wohnte er dort von 1919 bis in die früher 20er Jahre – der Zeit seiner kurzen Kinokarriere, als er in einer Handvoll Hollywood-Filme mitwirkte. Eine Schlüsselszene aus einem seiner Filme, „The Grim Game“, wurde angeblich auf dem Gipfel des Lookout Mountain, ganz in der Nähe des Lookout Inn gedreht.

Am 31. Oktober 1959, genau 33 Jahre nach Houdinis Tod und 41 Jahre nach der Partynacht, bei der ein namenloser Gast ums Leben kam, brannte das auffällige Herrenhaus Ecke Laurel Canyon Boulevard und Willow Glen Road in einem Großfeuer unbekannter Ursache nieder. (Die Ruinen des Anwesens sind heute, nach mehr als 50 Jahren, noch zu sehen.) Am 31. Oktober 1981, genau 22 Jahre nach dem Feuer auf der anderen Straßenseite, ging auch die Log Cabin am Laurel Canyon Boulevard in Flammen auf – auch sie wurde durch einen Brand unbekannter Ursache zerstört (wobei manche vermuten, dass eine Explosion in einem Drogenlabor der Grund dafür gewesen sein könnte). Und noch einmal 25 Jahre später, am 31. Oktober 2006, erschien „The Secret Life of Houdini“ und stellte die gängige Meinung über Houdinis Tod in Frage.

Viel fesselnder als die Enthüllungen über Houdinis Tod war jedoch eine andere Tatsache, die in dem Buch erstmals aufgedeckt wurde: Der Illusionist Harry Houdini war ein Spion, der sowohl für den amerikanischen Secret Service als auch für Scotland Yard arbeitete. Die Entfesselungsnummern, mit denen er auf Reisen ging, stellten anscheinend nur eine Tarnung für seine geheimdienstlichen Aktivitäten dar. Insofern ähnelte seine Verfahrensweise der des Lincoln-Attentäters und Bühnenkünstlers John Wilkes Booth, aber auch vieler Ihrer heutigen Lieblingsmusiker beziehungsweise liebsten Darsteller aus Film und Fernsehen. Tut mir leid, wenn ich jetzt ein paar Illusionen zerstört habe …

In dem Buch finden sich natürlich keine derart haltlosen Anschuldigungen gegen andere darstellende Künstler – die stammen alle von mir. Die Autoren führen jedoch sehr überzeugende Argumente dafür an, dass Houdini tatsächlich ein Geheimagent war, der seine Zauberkunststücke nur als Tarnung einsetzte. Neben unterstützendem Beweismaterial von Scotland Yard findet sich in dem Werk auch eine Bekräftigung dieser These durch keinen Geringeren als John McLaughlin, den ehemaligen stellvertretenden und Übergangsdirektor derCIA. (Wer hätte gedacht, dass das so einfach ist? Vielleicht sollte ich John auch einmal anrufen und ihm einige meiner Theorien vortragen …)

Wie es scheint, wurden also von den acht prominenten Laurel-Canyon-Bewohnern, die auf der Website der Laurel Canyon Association angeführt werden, mindestens zwei (Navarro und Houdini), möglicherweise aber sogar vier ermordet. Da mir diese Mordrate als sehr hoch erschien, suchte ich im Internet nach einer aktuellen Studie und fand heraus, dass weiße Einwohner derUSAmit einer durchschnittlichen Wahrscheinlichkeit von 1:345 einem Mord zum Opfer fallen. Bei Farbigen ist die Mordrate natürlich um einiges höher, doch auch noch weit entfernt von der zwischen 1:4 und 1:2 liegenden Wahrscheinlichkeit, mit der ein weißer Prominenter aus dem Laurel Canyon mit seinem gewaltsamen Tod rechnen muss.

Statistisch gesehen wäre man als berühmter Schauspieler in den 1920er Jahren mit einer Runde russischem Roulette besser dran gewesen als mit einem Wohnsitz im Laurel Canyon.

In den 1940er Jahren jedenfalls brachten zwei ehrgeizige Projekte frischen Wind in den Laurel Canyon. Zum einen wurde der Laurel Canyon Boulevard bis ins San Fernando Valley verlängert, wodurch der Canyon vom Norden und vom Süden zugänglich war. Aus der verbreiterten Allee war nunmehr eine kurvenreiche Durchfahrtsstraße geworden, über die man direkt die Westside von L. A. erreichen konnte. Klarerweise stieg dadurch der Verkehr beträchtlich an – was den Planern des zweiten Projekts sehr zugute kam, weil man dadurch das gestiegene Verkehrsaufkommen, das durch besagtes Projekt erzeugt wurde, wahrscheinlich nicht bemerken würde. Und das war schon deswegen wichtig, weil dieses zweite Projekt geheim war – wenn ich Ihnen jetzt also davon berichte, müssen Sie versprechen, es niemandem weiterzuerzählen.

Der später als Lookout Mountain Laboratory bekannt gewordene Gebäudekomplex war ursprünglich als Luftverteidigungszentrum geplant gewesen. Er wurde 1941 auf einem abgelegenen, etwas mehr als 10.000 Quadratmeter großen Grundstück in der Nähe der heutigen Wonderland Park Avenue errichtet, war uneinsehbar und von einem Elektrozaun umgeben. 1947 wurde in der Anlage ein voll funktionsfähiges Filmstudio installiert. Viele behaupten, es habe sich sogar um das einzige völlig autarke Filmstudio der Welt gehandelt. Das Geheimstudio beherbergte auf einer Nutzfläche von etwa 1.000 Quadratmetern Tonbühnen, Vorführsäle, Filmentwicklungslabors, Schneideräume, eine Trickfilmabteilung und 17 klimatisierte Filmlager. Weiterhin gab es dort unterirdische Parkplätze, einen Hubschrauberlandeplatz und einen Luftschutzbunker.

Während der gesamten Dauer seiner Existenz wurden im dem Studio zirka 19.000 Filme hergestellt – mehr als in allen anderen Hollywood-Studios zusammen (was den Laurel Canyon wahrscheinlich zur „Welthauptstadt der Kinoindustrie“ macht). Offiziell wurde die Einrichtung von derUSAir Force betrieben und tat nichts anderes als Filmaufnahmen der Atomic Energy Commission (AEC; amerikanische Atomenergiekommission) von Atombombenexplosionen zu entwickeln. Wie aus obiger Aufzählung klar wird, war das Studio jedoch nicht nur zur Filmentwicklung, sondern für wesentlich mehr ausgestattet. Es gibt Hinweise darauf, dass das Lookout Mountain Laboratory auch eine moderne Forschungs- und Entwicklungsabteilung beherbergte, die an innovativen Filmtechnologien arbeitete. Fortschrittliche Technologien wie 3D-Effekte sollen in den Labors im Laurel Canyon entwickelt worden sein. Und Hollywood-Koryphäen wie John Ford, Jimmy Stewart, Howard Hawks, Ronald Reagan, Bing Crosby, Walt Disney und Marilyn Monroe durften in der Anlage an nicht bekanntgegebenen Projekten arbeiten. Es gibt allerdings kein Indiz dafür, dass auch nur eine der genannten Personen je über ihre Tätigkeit im Geheimstudio gesprochen hat.

Im Laboratory waren nicht weniger als 250 Produzenten, Regisseure, Techniker, Cutter, Trickfilmzeichner usw. beschäftigt. Und ob es sich dabei nun um Zivilisten oder Angestellte des Militärs handelte – sie alle waren Geheimnisträger einer hohen Sicherheitsstufe und meldeten sich jeden Tag in einem abgelegenen Winkel des Laurel Canyon zum Dienst. Wann genau die Anlage ihre Tätigkeit eingestellt hat, ist nicht ganz klar. Manche behaupten, 1969 sei alles zu Ende gewesen; andere wiederum sagen, das Studio sei erst später geschlossen worden. Man kann aber davon ausgehen, dass der geheime Studiobunker mehr als 20 Jahre aktiv war, bevor die „rebellischen Teenager-Jahre“ des Laurel Canyon begannen, und dass er auch während der turbulentesten Rock’n’Roll-Zeit noch an seinen Projekten arbeitete.

Die Öffentlichkeit hatte von der Existenz des Lookout Mountain Laboratory natürlich keine Ahnung, obwohl Gerüchte über ein geheimesCIA-Filmstudio in Hollywood oder in unmittelbarer Nähe schon länger kursiert waren. Erst Anfang der 1990er Jahre erfuhr der Regisseur Peter Kuran bei den Recherchen zu seinem Dokumentarfilm „Trinity and Beyond“ durch Geheimdokumente von der Existenz der Anlage. Bis heute aber findet man in der sogenannten Verschwörungsliteratur kaum eine Erwähnung dieser streng geheimen Militär-Geheimdienst-Einrichtung.

Wir sind uns sicher einig, dass auch daran nichts Verdächtiges ist. Also machen wir wieder einmal weiter im Text.

Wie Barney Hoskins in seinem Buch „Hotel California. Singer-Songwriter und Kokain-Cowboys in den Canyons von L. A.“ schrieb, war der Laurel Canyon in den Fifties die Heimat der „hippsten jungen Schauspieler“, darunter Marlon Brando, James Dean, James Coburn und Dennis Hopper. Neben Hopper und Dean fand auch ein anderer der Nachwuchsstars aus dem Film „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ im Canyon ein Zuhause: Natalie Wood. Zufälligerweise wohnte sie genau in dem Haus, das Cass Elliot Jahre später zu ihrer Partyhütte machen sollte. Ein vierter aufstrebender junger Hauptdarsteller aus dem Film, Sal Mineo, wohnte nahe der Canyon-Mündung; und noch ein weiterer, Nick Adams, im benachbarten Coldwater Canyon, keine zwei Kilometer Luftlinie entfernt.

Abgesehen von Hopper starben alle dieser hoffnungsvollen Stars in jungen Jahren einen tragischen Tod – was wieder einmal bewiest, wie gefährlich der Laurel Canyon sein kann.

Fangen wir mit dem amerikanischen Idol James Dean an, der am 30. September 1955 im zarten Alter von 24 Jahren bei einem Beinahe-Frontalzusammenstoß ums Leben kam. Ihm folgte Nick Adams, der Dean schon gekannt hatte, als beide noch als Strichjungen in den zwielichtigeren Vierteln von L. A. ihr Geld verdienten. Adams starb am 6. Februar 1968 mit nur 36 Jahren in seinem Haus in der 2126 El Roble Lane im Coldwater Canyon. Als offizielle Todesursache wurde naturgemäß wieder einmal Selbstmord angegeben. Der Schauspieler Forrest Tucker hat jedoch gesagt: „Jeder in Hollywood weiß, dass Nick Adams umgelegt wurde.“ Nicks Verwandte haben am Tag seines Todes angeblich Anrufe erhalten, bei denen wieder aufgelegt wurde; auffällig war zudem, dass sein Kassettenrecorder, seine Tagebücher, diverse Papiere und andere private Dinge aus seinem Haus nicht mehr auffindbar waren. Adams aufrecht in einem Sessel sitzender Leichnam wurde von seinem Anwalt Ervin „Tip“ Roeder aufgefunden. Ach ja, Roeder und seine Frau, die Schauspielerin Jenny Maxwell (bekannt dafür, dass ihr Elvis in seinem Film „Blue Hawaii“ den Hintern versohlte), wurden vor ihrer Eigentumswohnung in Beverly Hills von unbekannten Tätern erschossen.

Der nächste Kandidat war Sal Mineo, von dessen Ermordung am 12. Februar 1976 hier schon die Rede war. Und die letzte in der Reihe war Natalie Wood, die am 29. November 1981 unter nie geklärten Umständen ertrank. Bevor ihr Leichnam im Meer vor Catalina Island treibend aufgefunden wurde, war sie in Begleitung der Schauspieler Robert Wagner und Christopher Walken Gast auf einer Privatjacht. Sie war zum Zeitpunkt ihres Todes 43 Jahre alt.

Zu den Hollywood-Stars, die vor der Rock-Ära im Canyon wohnten, gehörten außerdem W. C. Fields, Mary Astor, Roscoe „Fatty“ Arbuckle, Errol Flynn, Orson Welles und Robert Mitchum. Letzterer wurde 1948 wegen Besitzes von Marihuana verhaftet – und zwar am Ridpath Drive Nr. 8334, in genau derselben Straße, wo später die Rockmusiker Roger McGuinn, Don Henley und Glen Frey wohnen sollten, ebenso wie Paul Rothchild, der die Doors und Love produzierte. Bei Mitchums Festnahme dürfte es sich übrigens um eine gründlich geplante Inszenierung gehandelt haben, die seinen Ruf als „böser Junge von Hollywood“ festigen und seine Karriere ankurbeln sollte – aber das gehört wahrscheinlich nicht hierher.

In den 1940er Jahren wohnte vermutlich auch der Science-Fiction-Autor Robert Heinlein im Laurel Canyon, und zwar im Haus 8775 Lookout Mountain Avenue. Auch er war, wie so viele andere Protagonisten dieser Geschichte, Absolvent derUSNaval Academy in Annapolis und hatte als Marineoffizier gedient, bevor er seine erfolgreiche schriftstellerische Laufbahn begann. Und obwohl Heinlein politisch ein absoluter Rechtsaußen war, liebte die Flower-Power-Generation seine Bücher.

Heinleins bekanntestes Buch ist der Roman „Fremder in einer fremden Welt“, der viele Mitglieder der Laurel-Canyon-Szene stark beeinflusste. Ed Sanders schrieb in seinem Sachbuch „The Family“, dass dieses Buch „der Manson-Familie eine theoretische Grundlage lieferte“. Charlie zitierte oft aus „Fremder“, wenn er zu seinen Jüngern sprach, und nannte seinen Erstgeborenen nach dem Romanhelden Valentine Michael Manson.

Auch David Crosby war Heinlein-Fan. In seiner Autobiographie bezieht er sich nicht nur einmal auf den Autor, zum Beispiel so:

„In einer Gesellschaft, die das Tragen von Waffen erlaubt, werden sich alle höflicher zueinander verhalten, wie Robert A. Heinlein schon geschrieben hat.“

Auch Frank Zappa liebte Heinlein. Barry Miles schreibt in seiner Biographie des Rock-Idols, dass in Zappas Bücherschrank

„Saint-Exupérys ,Der kleine Prinz‘ und andere Sixties-Kultbücher standen, darunter auch Robert Heinleins SF-Klassiker ,Fremder in einer fremden Welt‘, aus dem Zappa sich den Ausdruck ,discorporate‘ [eine außerkörperliche Erfahrung machen] für seinen Song ,Absolutely Free‘ lieh.“

Womit wir, werter Leser, wieder einmal den Bogen zu den wildromantischen 60er Jahren geschafft hätten, um die es im nächsten Teil gehen soll.

Doch was haben wir aus den vorangegangenen Seiten gelernt? Ja, genau: dass Mord und sinnlose Gewaltakte im Canyon seit seiner Erschließung auf der Tagesordnung standen. Und dass Geheimagenten, die sich als Unterhaltungskünstler ausgaben, ebenfalls seit den Anfangstagen zur Laurel-Canyon-Szene gehörten. Und schließlich, dass Geheimagenten, die sich nicht einmal als Unterhaltungskünstler ausgeben mussten, Tag für Tag im Lookout Mountain Laboratory tätig waren, und das mindestens 20 Jahre, bevor der erste Rockstar auch nur einen Fuß in den Canyon setzte.

Eine letzte Anmerkung noch: Wir sollen ja an den „glücklichen Zufall“ glauben, dass sich diese Musikidole auf einmal spontan im Laurel Canyon eingefunden haben. Doch wieviele seltsame Übereinstimmungen müssten wir übersehen, um einen solchen Zufall für möglich zu halten?

Na gut, tun wir einmal so, als wären wir der junge Mann an Bord des Flugzeugträgers, der von seinem Vater befehligt wird. Wir sind noch nicht lange im Laurel Canyon und jetzt bereits Sänger einer Band, die das Land demnächst im Sturm erobern wird. Etwa eineinhalb Kilometer am Laurel Canyon Boulevard von uns entfernt wohnt ein weiterer Neuankömmling, der ebenfalls Frontman einer Band ist, die an der Schwelle zum Ruhm steht. Der Typ ist mit einem Mädchen verheiratet, mit dem wir im Kindergarten waren und deren Vater so wie unserer in Sachen Atomwaffenforschung und -tests tätig war. (Admiral George Morrison arbeitete eine Zeitlang an Geheimprojekten im Testgelände White Sands.) Der Vater ihres Ehemanns wiederum forscht an einer anderen Art von Massenvernichtungswaffen, nämlich an chemischer Kriegsführung.

Der Geschäftspartner und Manager dieses anderen Typen ist ein etwas unheimlicher Ex-Marine, der ganz zufällig einen Cousin hat, der komischerweise auch bei einer Rockband singt, die auf dem Sprung zum Superstar-Leben ist. Und auch dieser dritte aufstrebende Rockstar wohnt im Laurel Canyon, nur wenige Kilometer von unserem Haus entfernt. Und ein paar Straßen weiter, ein kurzes Stück zu Fuß, leben zwei andere junge Leute, die – wer hätte das gedacht? – auch Mitglieder einer Rockband sind. Die beiden haben zufälligerweise dieselbe High-School in Alexandria, Virginia besucht wie wir; einer von denen war auch in Annapolis, so wie unserer Vater und der unserer Kindergartenfreundin.

Obwohl die ganze Gruppe aus der Gegend von Washington,DCstammt oder große Teile ihrer Kindheit dort verbrachte, finden wir uns nun alle am entgegengesetzten Landesende wieder, in einem abgeschiedenen Canyon hoch über der Stadt Los Angeles und ganz in der Nähe einer geheimen Militäreinrichtung. Unser Vater, der ja früher in der Atomwaffenforschung tätig war, weiß wahrscheinlich über dieses Lookout Mountain Laboratory und dessen Aktivitäten Bescheid, genauso wie der Vater unserer Kindergartenfreundin und wahrscheinlich auch die Väter einiger anderer Laurel-Canyon-Promis.

Und jetzt fragen wir uns: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich dabei um reinen Zufall handelt?

Quelle: http://www.nexus-magazin.de/artikel/lesen/love-peace-und-cia-teil-2-die-stars-des-laurel-canyon-jung-beruehmt-und-tot?context=category&category=11

Gruß an die Nachforscher

TA KI

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Love, Peace und CIA: Die seltsame und größtenteils wahre Geschichte des Laurel Canyon und der Geburt der Hippie-Generation (Teil 1)


„There’s something happening here. What it is ain’t exactly clear.“
Buffalo Springfield: „For What It’s Worth“, 1967

Irgendetwas ging vor sich, an diesem lauschigen Ort am Rande von Los Angeles, an dem die Hippie-Bewegung geboren wurde: Laurel Canyon. Es war irgendetwas, das nicht ganz „klar“ war – und zwar nicht nur aufgrund der vielen Drogen, sondern auch wegen den sonderbaren militärischen und satanischen Hintergründen der Hippie-Helden.


Irgendetwas ging vor sich, an diesem lauschigen Ort am Rande von Los Angeles, an dem die Hippie-Bewegung geboren wurde: Laurel Canyon. Es war irgendetwas, das nicht ganz „klar“ war – und zwar nicht nur aufgrund der vielen Drogen, sondern auch wegen den sonderbaren militärischen und satanischen Hintergründen der Hippie-Helden.

Hippie-Helden und ihre Militärpapas

Werfen wir gemeinsam einen Blick in die Geschichte – in eine Zeit vor mehr als viereinhalb Jahrzehnten, als Amerika seine Soldaten schon einmal ausgeschickt hatte, um einen langgezogenen und blutigen Krieg zu führen, der einem souveränen Staat die (ähem) „Demokratie“ bringen sollte.

Wir schreiben die erste Augustwoche des Jahres 1964. Amerikanische Kriegsschiffe unter dem Kommando von US-Navy-Admiral George Stephen Morrison werden am 4. August während einer Patrouille durch den vor Vietnam liegenden Golf von Tonkin angeblich angegriffen. Dieses Ereignis, das später als „Tonkin-Zwischenfall“ bekannt werden sollte, führt binnen nur drei Tagen zur Verabschiedung der offensichtlich längst vorbereiteten Tonkin-Resolution, die wiederum Amerikas Versinken im blutigen Sumpf des Vietnamkriegs auslöst. Bevor dieser Krieg vorbei ist, werden mehr als 50.000 amerikanische Tote – und buchstäblich Millionen südostasiatische Opfer – die Schlachtfelder von Vietnam, Laos und Kambodscha übersäen.

Nur fürs Protokoll: Der Tonkin-Zwischenfall scheint sich deutlich von anderen vermeintlichen Provokationen zu unterscheiden, die die USA zum Kriegseintritt bewogen haben. Es handelte sich dabei nämlich nicht um eine jener Operationen unter falscher Flagge, wie wir sie schon so oft gesehen haben – das heißt, eine Operation, in deren Rahmen sich Uncle Sam selbst angreift und dann mit dem Finger anklagend auf jemand anderen zeigt. Es war auch keiner jener ebenfalls bekannten Angriffe, die vorsätzlich provoziert wurden. Nein, der Tonkin-Zwischenfall war vielmehr ein „Angriff“, der überhaupt nie stattgefunden hat. Mittlerweile geben die amerikanischen Behörden fast schon offiziell zu, dass die ganze Geschichte frei erfunden war. (Es ist jedoch durchaus möglich, dass die Absicht bestanden hat, eine Abwehrreaktion zu provozieren, die man später als grundlosen Angriff auf US-Schiffe hätte hinstellen können. Die fraglichen Schiffe waren in einer Aufklärungsmission unterwegs und agierten eindeutig provokant. Man kann sich durchaus vorstellen, dass Uncle Sam in Ermangelung der erwarteten Reaktion der vietnamesischen Streitkräfte beschlossen hat, einfach so zu tun, als wäre er angegriffen worden …)

Jedenfalls werfen die USA ab Anfang Februar 1965 – ohne Kriegserklärung und ohne stichhaltigen Grund, überhaupt einen Krieg zu führen – wahllos Bomben auf Nordvietnam ab. Im März dieses Jahres beginnt dann die berüchtigte „Operation Rolling Thunder“. Während der darauffolgenden dreieinhalb Jahre wird das vietnamesische Volk unter dem Abwurf von Millionen Tonnen Bomben, Raketen, Brandbomben und chemischen Waffen zu leiden haben. Es ist eines der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das je auf diesem Planeten begangen wurde.

Im März 1965 setzt auch der erste uniformierte US-Soldat offiziell seinen Fuß auf vietnamesischen Boden (als „Berater“ und „Ausbilder“ getarnte Angehörige von Spezialeinheiten sind zu diesem Zeitpunkt seit mindestens vier Jahren, wahrscheinlich aber schon viel länger im Land). Einen Monat später waten 25.000 junge Amerikaner – meist Teenager, die gerade die High School hinter sich haben – in Uniform durch die Reisfelder Vietnams. Und bis zum Jahresende steigt die Truppenstärke der USA auf 200.000 an.

In einem ganz anderen Teil der Welt, nämlich in Los Angeles, nimmt in diesen ersten Monaten des Jahres 1965 eine neue „Szene“ Gestalt an. Musiker, Sänger und Songwriter sammeln sich plötzlich, als hätte sie ein unsichtbarer Rattenfänger herbeigerufen, in einer geographisch und gesellschaftlich relativ isolierten Gemeinde der Metropole. Sie heißt Laurel Canyon, ist stark bewaldet, ländlich, ruhig, aber irgendwie auch mit einer unheilvollen Aura ausgestattet, und liegt in den Hügeln, die das Los-Angeles-Becken vom San Fernando Valley trennen. Es dauert nur wenige Monate, bis dort die „Hippie / Blumenkind“-Bewegung geboren wird, gleichzeitig mit einem neuen Musikstil, der zum Soundtrack der stürmischen zweiten Hälfte der Sixties werden sollte.

Ab Mitte der Sechzigerjahre und die ganzen Siebziger hindurch sollte eine verblüffende Anzahl an Rock-Superstars aus Laurel Canyon hervorgehen. Die ersten, die eine Langspielplatte produzieren, sind die Byrds, deren berühmtestes Mitglied David Crosby in die Musikgeschichte eingehen wird. Ihr Debütalbum „Mr. Tambourine Man“ erscheint genau zur Sommersonnenwende 1965. Bald danach kommen auch die ersten Platten der von John Phillips geleiteten The Mamas And The Papas („If You Can Believe Your Eyes and Ears“, Januar 1966),Love mit dem Leadgitarristen und Sänger Arthur Lee („Love“, Mai 1966), Frank Zappa and The Mothers of Invention („Freak Out“, Juni 1966),Buffalo Springfield, bei denen Stephen Stills und Neil Young mitspielen („Buffalo Springfield“, Oktober 1966) und The Doors („The Doors“, Januar 1967) auf den Markt.

Einer der ersten Vertreter der neuen Laurel Canyon- /Sunset-Strip-Musikszene ist Jim Morrison, der geheimnisumwobene Sänger derDoors. Es dauert nicht lange, bis er zu einer der wichtigsten Kultfiguren im Canyon wird – umstritten, von der Kritik gefeiert und kulturell ungeheuer einflussreich. Kurioserweise hat der selbsternannte „Lizard King“ (König der Eidechsen) aber auch eine äußerst prominente Verwandtschaft, die von seinen vielen Biographen aber nur nebenbei erwähnt wird, als hätte sie für seine Karriere und seinen möglicherweise vorzeitigen Tod keinerlei Bedeutung: Er ist der Sohn des eingangs erwähnten Admirals George Stephen Morrison.

Während der Vater also aktiv an einer Verschwörung mitwirkt, bei der ein erfundener Vorfall den Eintritt in einen rechtswidrigen Krieg herbeiführt, bringt sich der Sohn in Stellung, um eine der Lichtgestalten der „Hippie“- und Antikriegsbewegung zu werden. Aber daran ist ja nichts Ungewöhnliches; schließlich ist die Welt klein, wie man weiß. Außerdem steht Jim Morrison mit einer solchen Biographie keineswegs alleine da.

Zu Beginn der Blütezeit des Laurel Canyon ist der Exzentriker Frank Zappa so etwas wie die Vaterfigur der Szene. Er und die diversen Besetzungen seiner Mothers of Invention werden zwar kommerziell nie so erfolgreich wie die Band des Admiralssohns, doch unter seinen Zeitgenossen gilt Frank als absolut richtungsweisend. Er residiert in einem Haus, das unter dem Namen „Log Cabin“ (Blockhaus) bekannt ist und sich mitten im Herzen des Laurel Canyon, an der Kreuzung Laurel Canyon Boulevard und Lookout Mountain Avenue, befindet. Dort hält Zappa Hof und empfängt praktisch jeden Musiker, der dem Canyon Mitte bis Ende der Sechziger einen Besuch abstattet. Zudem entdeckt er auch etliche Bands und Musiker, die er dann bei einem seiner Plattenlabels im Laurel Canyon unter Vertrag nimmt. Einige dieser Künstler sind reichlich bizarr und obskur (man denke nur an Captain Beefheart und Larry „Wild Man“ Fischer), andere wiederum – wie etwa der Psychedelic-Schockrocker Alice Cooper – werden später zu Superstars.

Frank Zappa und manche Mitglieder seiner beträchtlichen Gefolgschaft wirken auch vorbildhaft für den typischen Look und die Einstellung der „Hippie“-Gegenkultur (obwohl der Zappa-Clan den Ausdruck „Freak“ vorzieht). In der „Log Cabin“ praktiziert man eine Frühversion des Kommunenlebens. Eine ganze Menge Mitläufer bewohnen Zimmer im Haupt- und im Gästehaus, hausen aber auch in den merkwürdigen Höhlen und Tunnels, die unter dem Grundstück liegen. Und wer sich unter „Blockhaus“ vielleicht ein idyllisches Häuschen vorstellt, liegt völlig daneben: Das riesige Gebäude hat fünf Stockwerke und ein 200 Quadratmeter großes Wohnzimmer mit drei gewaltigen Kronleuchtern und einem steinernen Kamin, der vom Boden bis zur Decke reicht. So sehr Zappa (der interessanterweise zur Wintersonnenwende des Jahres 1940 zur Welt kam) die „Hippie“-Kultur auch mitprägt und sich mit ihr umgibt, so wenig macht er ein Geheimnis daraus, welch tiefe Verachtung er für sie empfindet.

Angesichts der Tatsache, dass Zappa zahlreichen späteren Berichten zufolge ein strikt autoritärer Kontrollfreak war und den Kriegseinsatz der USA in Südostasien explizit guthieß, ist es keineswegs überraschend, dass er sich der von ihm so geförderten Jugendkultur innerlich wenig verbunden fühlt. Mit ziemlich großer Sicherheit kann man auch annehmen, dass Franks Vater nicht viel von der Jugendkultur der 1960er Jahre hält. Francis Zappa war nämlich, falls Sie sich das schon gefragt haben sollten, ein Spezialist für chemische Kriegsführung, der – wo sonst? – im Edgewood Arsenal beschäftigt war. Und bei Edgewood handelt es sich natürlich um die langjährige Heimstatt des US-Programms für chemische Kriegsführung, die diversen Aussagen zufolge auch tief in MK-ULTRA-Aktivitäten verstrickt war. Merkwürdigerweise wuchs Frank Zappa sogar direkt auf dem Gelände des Edgewood Arsenal auf, wo er seine ersten sieben Lebensjahre in Militärunterkünften verbrachte. Später zog er mit seiner Familie in die kalifornische Kleinstadt Lancaster, nahe der Edwards Air Force Base, wo Francis Zappa sich weiterhin mit streng geheimen Tätigkeit für den Militär / Geheimdienstkomplex befasste – während sich sein Sohn seelisch darauf vorbereitete, zur Kultfigur für die Love & Peace-Leutchen zu werden. Aber auch das ist ja ganz normal und sicher kaum bemerkenswert.

Bei Zappas Manager handelt es sich übrigens um einen undurchsichtigen Typen namens Herb Cohen, der mit seinem Bruder Mutt aus der Bronx nach L. A. gezogen war, kurz bevor die Musik- und Clubszene dort explodierte. Cohen ist ein ehemaliger US-Marine und hatte vor seiner Ankunft im Laurel Canyon ein paar Jahre die Welt bereist. Komischerweise führte ihn eine seiner Reisen 1961 auch in den Kongo; genau zu der Zeit, als dort der linksgerichtete Ministerpräsident Patrice Lumumba von unserer lieben CIA gefoltert und ermordet wurde. Aber keine Sorge: Einer von Zappas Biographen schreibt ja, dass Cohen keineswegs in irgendeiner schändlichen Geheimdienstmission im Kongo unterwegs war. Er hielt sich vielmehr dort auf, um – ob Sie es glauben oder nicht – Lumumba Waffen zu liefern und damit „gegen die CIA zu arbeiten“. Völlig klar. Das waren genau die Aktivitäten, mit denen sich weltreisende Ex-Marines in jenen Tagen befassten (wie wir im Folgenden noch sehen werden, wenn wir uns eine weitere Koryphäe aus Laurel Canyon näher anschauen) …

Die bessere Hälfte der „First Family“ des Laurel Canyon, Franks Frau Gail Zappa, hieß vor ihrer Verehelichung Adelaide Sloatman und stammt aus einer traditionsreichen Familie hochrangiger Navy-Offiziere. Ihr Vater zum Beispiel verbrachte sein gesamtes Berufsleben damit, für die US-Navy an geheimen Atomwaffenprojekten zu arbeiten. Gail selbst arbeitete eine Zeitlang als Sekretärin im Office of Naval Research and Development; bei einem Interview sollte sie später einmal erzählen, dass sie „ihr ganzes Leben lang Stimmen gehört“ habe. Viele Jahre, bevor sie fast gleichzeitig mit „Mr. Mojo Risin’“ Jim Morrison in Laurel Canyon ankam, war sie übrigens im selben Navy-Kindergarten wie er. (Es geht sogar die Geschichte, dass die kleine Gail den kleinen Jim einmal mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen haben soll.) Später ging Jim Morrison dann auf dieselbe High School in Alexandria, Virginia, wie zwei andere Einwohner von Laurel Canyon, die später bekannt werden sollen: John Phillips und Cass Elliot.

„Papa“ John Phillips ist wahrscheinlich derjenige unter den Laurel-Canyon-Promis, der die aufkommende Jugend-„Gegenkultur“ am effizientesten in ganz Amerika verbreitete. Er leistet gleich einen doppelten Beitrag. Zum einen ist er (neben Terry Melcher, einem guten Bekannten von Charles Manson) Mitorganisator des berühmten Monterrey Pop Festivals, das dank einer noch nie dagewesenen Medienpräsenz dem US-Normalbürger einen ersten Blick auf die Musik und Mode der im Entstehen begriffenen „Hippie“-Bewegung gewährt. Zum anderen aber schreibt er einen faden Song mit dem Titel „San Francisco (Be Sure to Wear Flowers in Your Hair)“, der bald auf Platz eins der Hitparaden landet. Sowohl Festival als auch Song tragen entscheidend dazu bei, dass Menschen ohne Perspektive (überwiegend handelt es sich dabei um minderjährige Ausreißer) nach San Francisco pilgern, um dort das Haight-Ashbury-Phänomen und den legendären „Sommer der Liebe“ des Jahres 1967 ins Leben zu rufen.

Bevor John Edmund Andrew Phillips in Laurel Canyon ankam und seine Türen den bald oder bereits Berühmten und auch den Berüchtigten öffnete (wie etwa dem schon erwähnten Charlie Manson, dessen „Family“ sich auch gelegentlich in der Log Cabin und im Laurel-Canyon-Haus von „Mama“ Cass Elliot aufhielt, das sich, falls Sie das noch nicht wussten, genau gegenüber dem Haus von Abigail Folger und Voytek Frykowski befand – aber wir wollen den Dingen ja nicht vorgreifen), vor dieser Zeit also war auch Phillips ein Kind des Militär- / Geheimdienstkomplexes. Ach, wie überraschend! Als Sohn des US-Marine-Corps-Captains Claude Andrew Phillips und einer Mutter, die sich als Hellseherin mit telekinetischen Kräften bezeichnete, besuchte John eine ganze Reihe von Militär-Elitegymnasien in der Region Washington D. C. und schaffte es sogar, an der renommierten US Naval Academy in Annapolis aufgenommen zu werden.

Als er noch im ersten Jahr wieder aus besagter Schule ausgetreten war, heiratete John eine gewisse Susie Adams, eine direkte Nachkommin des amerikanischen „Gründervaters“ John Adams. Susies Vater James Adams Jr. hat nach ihrer Aussage mit „Nacht-und-Nebel-Aktionen für die Air Force in Wien“ zu tun gehabt – wir einfachen Menschen nennen so etwas geheimdienstliche Operationen. Susie selbst fand später eine Arbeit im Pentagon, praktisch direkt neben John Phillips’ älterer Schwester Rosie, die dreißig Jahre lang pflichtbewusst ihren Dienst im US-Verteidigungsministerium versah. Johns Mutter „Dene“ Phillips war ebenfalls während eines Großteils ihres Berufslebens in einer nicht näher angegebenen Funktion für die amerikanische Bundesregierung tätig. Und Johns großer Bruder Tommy war ein kampferfahrener Ex-Marine, der später einen Job als Polizist in Alexandria fand; Eintragungen in seiner Disziplinarakte zufolge war er allerdings ein Beamter, der beim Umgang mit Farbigen zur Gewalttätigkeit neigte.

Doch John Phillips hat mit solchen Dingen absolut nichts am Hut – obwohl er sein ganzes früheres Leben lang von Militär- und Geheimdienstmitarbeitern umgeben war. Zumindest sollen wir an seine diesbezügliche Unschuld glauben. Interessant ist jedoch, dass John vor seinen musikalischen Erfolgen immer wieder an ungewöhnlichen Orten auftauchte, natürlich rein zufällig. Einer dieser Orte war die kubanische Hauptstadt Havanna, wo sich Phillips ausgerechnet am Höhepunkt der Revolution aufhielt. Nur fürs Protokoll: Später behauptete er, dass er damals nur als besorgter Bürger nach Havanna gereist sei, mit der Absicht – das wird Ihnen sicher gefallen – „für Castro zu kämpfen“. Ich habe es ja schon erwähnt: Zu dieser Zeit reisten bekanntlich eine Menge Leute ins Ausland, um dort CIA-Operationen zu hintertreiben, bevor sie sich dann einen Wohnsitz im Laurel Canyon suchten und der „Hippie“-Generation anschlossen. Während der zwei Wochen dauernden Kubakrise 1962, die ein paar Jahre nach der Machtergreifung ihren Lauf nahm, drehte Phillips übrigens in Jacksonville im US-Bundesstaat Florida Däumchen – gleich neben dem US-Navy-Stützpunkt NS Mayport. Aber auch das war wahrscheinlich bloßer Zufall.

Wenden wir uns jetzt einem anderen der hoffnungsvollen Superstars aus Laurel Canyon zu: Stephen Stills. Stills wird als Gründungsmitglied von zwei der am meisten gefeierten und beliebten Bands aus dem Canyon berühmt: Buffalo Springfield und natürlich Crosby, Stills & Nash. Außerdem schreibt er die wahrscheinlich erste und mit Sicherheit langlebigste Hymne der Sixties-Generation, „For What It’s Worth“, deren erste Textzeilen am Beginn dieses Artikels stehen. (Stills darauffolgende Single trägt den Titel „Bluebird“ – mehr oder weniger zufällig der ursprüngliche Codename für das MK-ULTRA-Programm.)

Bevor er nach Laurel Canyon zog, war Stephen Stills der (gähn …) Sohn einer hochrangigen Militärfamilie. Der junge Stephen wuchs teilweise in Texas auf, verbrachte jedoch lange Phasen seiner Kindheit in El Salvador, Costa Rica, der Panamakanalzone und verschiedenen anderen Teilen Zentralamerikas. Sein Vater war an all diesen Orten eingesetzt, um dort – das können wir mit großer Sicherheit annehmen – auf die bekannte und liebenswerte amerikanische Art dem Pöbel die „Demokratie“ nahezubringen. Wie die anderen Darsteller unserer Geschichte erfuhr auch Stills seine Ausbildung hauptsächlich an Schulen auf Militärbasen und an Elite-Militärakademien. Unter vielen seiner Zeitgenossen im Laurel Canyon ist er wegen seiner aggressiven und autoritären Persönlichkeit berüchtigt. Aber auch das ist ja, wie uns die restlichen unserer Helden demonstriert haben, keineswegs ungewöhnlich.

Die Stephen-Stills-Story hat aber auch einen sehr seltsamen Aspekt: Stephen erzählt jedem, der es hören will, von der Zeit, in der er für Uncle Sam im Dschungel von Vietnam gekämpft hat. Die Chronisten der Hippie-Ära tun seine Kriegsberichte später durchwegs als Drogenphantasien ab. Es könne gar nichts Wahres daran sein, meinen sie, weil Stills in der Laurel-Canyon-Szene aufgetaucht sei, als gerade die ersten uniformierten Soldaten Richtung Südostasien verschifft wurden – und danach habe er ja stets im Licht der Öffentlichkeit gestanden. Es stimmt natürlich, dass Stephen Stills nicht bei den uniformierten Bodentruppen in Vietnam gedient haben kann; doch scheinbar ignorieren alle Berichterstatter die unbestreitbare Tatsache, dass die USA schon Jahre vor dem offiziellen Kriegseintritt tausende von „Beratern“ – also CIA-Agenten und Mitglieder der Special Forces – in das Land entsandt hatten. Und sie denken auch höchst ungern darüber nach, dass Stephen Stills in Anbetracht seines privaten Hintergrunds, seines Alters und der zeitlichen Abfolge der historischen Ereignisse nicht nur in Vietnam seinem Vaterland gedient haben könnte, sondern auch geradezu prädestiniert für einen solchen Einsatz gewesen wäre. Und danach hätte er ja ganz schnell zur Kultfigur der Antikriegs-Generation werden können. Kommt uns das nicht alles irgendwie bekannt vor?

Eine weitere dieser Kultfiguren ist überhaupt einer der extravagantesten Bewohner von Laurel Canyon. Es handelt sich um einen jungen Mann namens David Crosby, Gründungsmitglied der bahnbrechenden LC-Szeneband The Byrds und natürlich ebenfalls von Crosby, Stills & Nash. Jetzt überrascht es uns wohl nicht mehr, dass auch Crosby der Sohn eines Absolventen der US Naval Academy in Annapolis ist: Major Floyd Delafield Crosby, der im Zweiten Weltkrieg für den militärischen Geheimdienst tätig war. Wie viele Protagonisten dieser Geschichte reiste auch Floyd Crosby nach Ende seiner Dienstzeit durch die ganze Welt. Doch er war auch vorher schon unterwegs – zum Beispiel 1927 in Haiti, als das Land gerade von den US-Marines besetzt war. Einen der Marines, die damals dort stationiert waren, haben wir bereits kennengelernt: Captain Claude Andrew Phillips.

Doch David Crosby ist viel mehr als nur der Sohn von Major Floyd Delafield Crosby. Wie sich leicht herausfinden lässt, ist David Van Cortlandt Crosby ein Spross der eng miteinander verflochtenen Familien Van Cordtland, Van Schuyler und Van Rensselaer. „Van wer?“, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Aber Sie brauchen diese Namen nur bei Wikipedia einzugeben, um eine ganze Menge Lesestoff darüber zu finden, wie mächtig dieser Clan während der vergangenen zweieinhalb Jahrhunderte war. Mindestens. Es genügt, wenn wir an dieser Stelle festhalten, dass der Crosby-Stammbaum ein schwindelerregendes Aufgebot von amerikanischen Senatoren und Kongressabgeordneten, Bundesstaat-Senatoren und -Abgeordneten, Gouverneuren, Bürgermeistern, normalen Richtern und solchen am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, Unabhängigkeits- und Bürgerkriegsgenerälen, Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung und Mitgliedern des Kontinentalkongresses aufweist. Und für die Leser, die sich für solche Dinge interessieren, sei auch erwähnt, dass unter Davids Vorfahren auch mehr als nur ein paar hochrangige Freimaurer waren. Stephen Van Rensselaer III. zum Beispiel war Berichten zufolge Großmeister der New Yorker Loge. Und wenn Sie das noch nicht eindrucksvoll genug finden, dann sollten Sie vielleicht wissen, dass David Van Cordtland Crosby der Genealogischen Gesellschaft von New England zufolge ein direkter Nachfahre der „Gründerväter“ und „Föderalistenartikel“-Verfasser Alexander John Hamilton und John Jay ist.

Wenn es tatsächlich – wie viele glauben – ein Netzwerk von Elitefamilien geben sollte, die das Geschehen in den USA und im Rest der Welt steuern, dann kann man wohl davon ausgehen, dass David Crosby mit diesem Clan blutsverwandt ist (was vielleicht auch erklärt, warum sein Sperma in gewissen Kreisen so begehrt ist; auf sein Aussehen oder sein Talent kann das nicht zurückzuführen sein, wenn wir ehrlich sind). Hätte Amerika ein Königshaus und einen dazugehörigen Hochadel, dann wäre David mindestens ein Herzog oder ein Prinz oder sowas – keine Ahnung, wie dieser Kram funktioniert. Aber abgesehen davon ist er ja wirklich nur ein Nullachtfünfzehn-Typ, der halt zufällig zu einem der größten Stars im Laurel Canyon wurde. Und der, das sollte man vielleicht noch erwähnen, ein absoluter Waffen-Fan ist. Vor allem Handfeuerwaffen sammelt er schon sein ganzes Leben lang mit großer Begeisterung. Von Leuten, die ihm sehr nahestehen, kann man erfahren, dass David Crosby nur sehr selten ohne Waffe anzutreffen ist. (Auch John Phillips besitzt übrigens Handfeuerwaffen und führt sie manchmal auch mit.) Von Crosby selbst hörte man, dass er bei wenigstens einer Gelegenheit im Zorn eine Waffe auf einen anderen Menschen abgefeuert haben soll. Angesichts all dieser Fakten ist es doch mehr als logisch, dass sich die Blumenkinder so um ihn scharen …

Ein paar Jahre später geht ein weiterer hell leuchtender Stern über der LC-Szene auf: der Sänger und Songwriter Jackson Browne, der – finden Sie das nicht auch schon ziemlich langweilig? – einer Militärdynastie entstammt. Brownes Vater arbeitete am „Wiederaufbau“ in Deutschland mit, was höchstwahrscheinlich bedeutet, dass er für das OSS, den Vorläufer der CIA, tätig war. Wie Leser meines Buches „Understanding the F-Word. American Fascism and the Politics of Illusion“ vielleicht noch wissen, bestand der amerikanische Anteil am Wiederaufbau im Nachkriegs-Deutschland vor allem darin, so viel wie möglich von der Nazi-Infrastruktur am Leben zu erhalten und Kriegsverbrecher vor der Verhaftung und Strafverfolgung zu schützen. Vor diesem Hintergrund wurde Jackson Browne in einem Militärkrankenhaus in Heidelberg geboren. Zwei Jahrzehnte später ist er dann plötzlich … ach, vergessen Sie’s einfach.

Sprechen wir lieber über drei andere Sänger aus Laurel Canyon, die unglaublich reich und berühmt werden: Gerry Beckley, Dan Peek und Dewey Bunnell. Die meisten Leser werden mit diesen Namen wahrscheinlich nichts anfangen können, aber immerhin die Band America kennen, mit der die drei Anfang der 1970er Jahre einen Mega-Hit nach dem anderen hatten: „Ventura Highway“, „A Horse With No Name“ und „The Tin Man“, das sich auf den „Zauberer von Oz“ bezog. Ich muss wahrscheinlich nicht mehr erwähnen, dass alle drei aus der Militär- / Geheimdienst-Szene hervorgingen. Beckleys Vater war Kommandant des mittlerweile nicht mehr existierenden Militärflugplatzes der US Air Force, West Ruislip in der Nähe von London, von dem zahlreiche geheimdienstliche Aktivitäten ausgingen. Auch die Väter von Bunnell und Peek waren hohe Offiziere der US Air Force, die unter Beckleys Vater in West Ruislip dienten. Dort lernten sich die drei Jungs auch kennen.

Wir könnten natürlich auch über Mike Nesmith von den Monkees und Cory Wells von Three Dog Night (zwei weiteren höchst erfolgreichen Laurel-Canyon-Bands) reden, die beide kurz nach ihrem Militärdienst bei der US Air Force in L. A. eintreffen. Nesmith ist außerdem der Erbe eines Familienvermögens von geschätzten 25 Millionen Dollar. Gram Parsons wiederum, der kurz statt David Crosby bei den Byrds mitwirkt, bevor er Frontmann der Flying Burrito Brothers wird, ist der Sohn von Major Cecil Ingram „Coon Dog“ Connor II., einem hochdekorierten Offizier und Bomberpiloten, der angeblich mehr als 50 Kampfeinsätze flog. Parsons ist ebenfalls ein Erbe – ihm steht mütterlicherseits das beeindruckend große Familienvermögen der Snivelys zu, denen man nachsagt, die reichste Familie in der exklusiven Enklave Winter Haven in Florida zu sein. Den Snivelys gehört das Unternehmen Snively Groves, Inc., das angeblich ein Drittel aller Zitrusplantagen im Bundesstaat Florida besitzt.

Und so geht es schier endlos weiter, wenn man die Liste der Laurel-Canyon-Superstars durcharbeitet. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich bei diesen berühmten Musikern um die Söhne und Töchter des Militär- /Geheimdienstkomplexes sowie um Menschen, die aus extrem reichen und privilegierten Verhältnissen stammen; praktischerweise oft sogar beides. Gelegentlich entdeckt man auch einen ehemaligen Kinderstar wie etwa Brandon DeWilde (von dem wir später noch hören werden), Mickey Dolenz von den Monkeys oder das exzentrische Ausnahmetalent Van Dyke Parks. Manchmal kommen einem auch Ex-Insassen von Nervenheilanstalten unter – wie etwa James Taylor, der in zwei verschiedenen Kliniken in Massachusetts untergebracht war, bevor er im Laurel Canyon eintrifft. Oder auch Larry „Wild Man“ Fischer, der in seinen Jugendjahren mehrere Male eingewiesen wurde, unter anderem deswegen, weil er seine Mutter mit einem Messer angegriffen hatte (worüber sich Zappa übrigens auf dem Cover von Fischers erster LP lustig machte). Und irgendwann findet man dann sogar den Abkömmling eines Vertreters der organisierten Kriminalität, wie beispielsweise Warren Zevon, den Sohn von William „Stumpy“ Zevon, einem Mitarbeiter des berüchtigten Gangsterbosses Mickey Cohen in Los Angeles.

All diese Leute versammeln sich fast gleichzeitig entlang der schmalen, gewundenen Straßen des Laurel Canyon. Sie kommen aus allen Landesteilen (obwohl die Gegend um Washington D. C. eindeutig überrepräsentiert ist), aus Kanada und England. Sie tauchen hier auf, obwohl es zu dieser Zeit kaum eine Popmusik-Industrie in Los Angeles gibt und dort auch keine nennenswerte Live-Musikszene exisiert. Es gibt (zumindest rückblickend gesehen) keinen erkennbaren Grund, warum sie plötzlich alle hier sind.

Heute wäre es für einen aufstrebenden Musiker natürlich sinnvoll, sich auf den Weg nach Los Angeles zu machen. Damals hießen die Zentren der Musikindustrie jedoch Nashville, Detroit und New York. Es war also nicht die Industrie, die die Laurel-Canyon-Szene nach L. A. lockte – es war die Laurel-Canyon-Szene, die L. A. in den Mittelpunkt der Musikindustrie verwandelte. Worauf lässt sich diese beispiellose Zusammenkunft zukünftiger Musik-Superstars in den Hügeln über Los Angeles also zurückführen? Was hat sie alle dazu bewogen, gen Westen zu ziehen?

Vielleicht hat Neil Young diese Frage am besten beantwortet, als er einem Reporter erzählte, warum er sich um 1966 Richtung L. A. aufmachte: „Wir waren wie die Lemminge.“

Hippies aus dem Nirgendwo und verdächtige „Selbstmorde“

„Er war großartig, einfach irre – wirklich, wirklich gut.“

„Er machte eine Art Musik, die niemand außer ihm draufhatte. Für mich hatte er etwas total Durchgeknalltes, Wunderbares. Er war ein richtiger Poet.“

Jetzt kommt unser erstes Quiz für heute: Beide der obigen Zitate – die zu verschiedenen Zeitpunkten getätigt wurden – stammen von einem berühmten Musiker aus dem Laurel Canyon der Sechzigerjahre und sind lobende Worte über einen anderen LC-Musiker. Sie kriegen fünf Punkte, wenn Sie wissen, von wem die Zitate stammen, und weitere fünf, wenn Sie herausfinden, um wen es hier geht. Die richtigen Antworten finden Sie am Ende dieser Folge.

Im ersten Teil dieser Saga haben wir einige der erfolg- und einflussreichsten Superstars der Rockmusik kennengelernt, die während der besten Zeit des Laurel Canyon aus diesem Stadtteil von L. A. hervorgingen. Bei diesen Persönlichkeiten handelte es sich aber nicht nur um Musiker, Sänger und Songwriter, die zufällig im Canyon zusammentrafen – sie waren auch noch dazu ausersehen, die Wortführer und de facto sogar Führer einer ganzen Generation zu sein. Wie Carl Gottlieb es in David Crosbys Autobiographie, bei der er Mitautor war, so schön ausdrückte:

„Die beispiellose Anziehungskraft, die der neue Rock’n’Roll auf die Massen hatte, sorgte dafür, dass die Sänger auch in öffentlichen und politischen Angelegenheiten etwas zu sagen hatten.“

Angesichts dieser Tatsache wirkt es natürlich noch seltsamer, dass die erwähnten Kultfiguren zu einem überwiegenden Teil Söhne und Töchter des Militär- /Geheimdienstkomplexes und die Abkömmlinge von Familien waren, die in den USA über sehr lange Zeit hinweg unglaublich viel Geld und Macht angesammelt hatten.

Als ich einem Freund vor Kurzem eine gekürzte Fassung des ersten Teils dieser Artikelserie vorlegte, spielte der freiwillig des Teufels Advokaten. Er meinte, an der Tatsache, dass so viele dieser Helden einer früheren Generation Familien mit militärischem und / oder Geheimdiensthintergrund entstammten, müsse nicht unbedingt etwas Verwerfliches sein. Vielleicht hatten sie ihre künstlerische Laufbahn ja nur eingeschlagen, weil sie damit gegen ihre Eltern und deren Wertesystem rebellieren wollten. In einigen Fällen könnte das sogar wahr sein, das gebe ich zu. Doch wie erklären wir die Tatsache, dass eine so erstaunlich hohe Anzahl dieser Leute (samt ihren Freundinnen, Ehefrauen, Managern usw.) einen so ähnlichen familiären Hintergrund hat? Sollen wir etwa glauben, dass damals nur die Söhne und Töchter von Navy-Admiralen, Experten für chemische Kriegsführung und Luftwaffen-Geheimdienstlern ein musikalisches Talent besaßen? Oder waren sie vielleicht eher genau die Musiker, die das Glück hatten, einträgliche Plattenverträge zu bekommen und von ihren Labels und den Medien unermüdlich beworben zu werden?

Wenn diese Künstler tatsächlich gegen die Werte ihrer Eltern rebellierten (und sich nicht in Wahrheit subtil für sie einsetzten) – warum sind sie dann nie öffentlich gegen die Vertreter dieser Werte aufgetreten? Warum hat Jim Morrison seinen Vater nie beschuldigt, eine Schlüsselrolle beim Aufschaukeln eines der blutigsten illegalen Kriege der Vereinigten Staaten gespielt zu haben? Oder diese Tatsache wenigstens auch nur einmal erwähnt? Und warum hat Frank Zappa nie einen Song geschrieben, in dem es um die Schrecken der chemischen Kriegsführung ging? Immerhin, es gibt ein nettes kleines Liedchen von ihm, das „The Ritual Dance of the Child-Killer“ (Der rituelle Tanz des Kindsmörders) heißt …

Gibt es einen Song der Mamas and the Papas, in dem sie über die Werte und Handlungen von John Phillips’ Eltern und Schwiegereltern herzogen? Und was war das noch einmal für ein Interview, in dem David Crosby und Stephen Stills sagten, dass sie mit den Werten ihrer Familien nichts mehr zu tun haben wollten?

Auf all diese Leute und viele ihrer Zeitgenossen werden wir in den folgenden Kapiteln noch zurückkommen – wenn wir uns fragen, wie und warum die Jugend-„Gegenkultur“ der Sechzigerjahre wirklich entstanden ist. Fast alle Berichte über dieser Zeit erklären die Geburt der Szene als eine spontane, völlig natürliche Reaktion auf den Krieg in Südostasien und die damals herrschenden gesellschaftlichen Zustände. Freilich gibt es aber auch „Verschwörungstheoretiker“, die immer wieder die Ansicht äußern, dass eine anfangs durchaus legitime Jugendbewegung irgendwann von Geheimdienstoperationen wie CoIntelPro vereinnahmt und untergraben wurde. Ganze Bücher wurden geschrieben, in denen es darum geht, wie angeblich rechtschaffene Musiker und Künstler vom FBI schikaniert und/oder von der CIA umgenietet wurden.

Wie Sie wahrscheinlich schon festgestellt haben, nähert sich diese Artikelserie dem Thema von einer völlig anderen Seite und stellt eine wirklich zutiefst beunruhigende Frage:

„Was, wenn die Musiker (und diverse andere Anführer und Gründer der ,Bewegung‘) selbst ebenso Teil der Nachrichtendienste waren wie die Typen, von denen sie angeblich schikaniert wurden?“

Was also, wenn die gesamte Jugendkultur der 1960er Jahre keine Basisbewegung war, die gegen die herrschenden Verhältnisse antrat, sondern eine zynische Methode, die aufkeimende Antikriegs-Bewegung zu diskreditieren und ins Abseits zu drängen? Was, wenn man damit nur eine Pseudo-Opposition schaffen wollte, die leicht kontrolliert und irregeleitet werden konnte? Und was, wenn die Schikanen, unter denen die Szene ach so wahnsinnig gelitten hat, nichts als eine geschickte Inszenierung waren, mit denen man den Führern der Gegenkultur mehr Glaubwürdigkeit verleihen wollte? Was wäre, wenn sie in Wahrheit alle in derselben Mannschaft gespielt hätten?

An dieser Stelle sollte man vielleicht erwähnen, dass die „Hippie“- / „Blumenkind“-Bewegung entgegen der landläufigen Meinung nicht gleichbedeutend mit der Antikriegs-Bewegung war. Im Laufe der Zeit kam es selbstverständlich zu Überlappungen zwischen diesen beiden „Bewegungen“. Und die Massenmedien taten in bewährter Manier das ihre dazu, die Flower-Power-Generation als Fackelträger der Antikriegs-Bewegung darzustellen. Schließlich konnte man einen buntgemischten Haufen ungewaschener, mit Drogen vollgepumpter Langhaariger, die mit Blumen und Friedenssymbolen behängt waren, viel leichter ausgrenzen als beispielsweise eine Gruppe angesehener Hochschulprofessoren und deren über die politischen Entwicklungen besorgte Studenten. In Wahrheit jedoch war die Antikriegs-Bewegung schon voll im Gange, als der erste aufstrebende „Hippie“ seinen Fuß in den Laurel Canyon setzte. Das erste „Teach-in“ zum Vietnamkrieg fand bereits im März 1965 an der University of Michigan statt; der erste organisierte Protestmarsch auf Washington wurde kurz danach abgehalten. Unnötig zu erwähnen, dass bei keiner dieser Veranstaltungen irgendwelche „Hippies“ waren. Doch dieses Problem wurde bald bereinigt. Und darüber war die Antikriegs-Szene – zumindest jene ihrer Mitglieder, denen es damit ernst war, das Blutvergießen in Vietnam zu beenden – alles andere als froh.

Wie Barry Miles in seinem Bildband „Hippies“ festhielt, gab es zwar ein paar Hippies, die sich wirklich an Demonstrationen gegen den Krieg beteiligten:

„[…] vor allem 1968, nach dem brutalen Polizeieinsatz bei der Democratic National Convention in Chicago, bei dem so viele Menschen verletzt wurden – aber alles in allem betrachteten Friedensaktivisten die Hippies eher mit Geringschätzung“.

Der Schauspieler Peter Coyote, Sprecher der History-Channel-Dokumentation „Hippies“, drückte es so aus:

„Einige Linke hatten sogar die Theorie, dass die Hippies das Ergebnis einer CIA-Verschwörung waren, mit der die Antikriegs-Bewegung durch LSD kaltgestellt werden sollte – statt zu protestieren, betrieb man unter dem Einfluss der Droge lieber egozentrische Nabelschau.“

Und der verärgerte Aktivist Abbie Hoffman erinnerte sich später so an die damalige Situation:

„Es gab alle möglichen Aktivisten, von Radikalen aus Berkeley bis zu den White Panthers, die den Krieg beenden und die Welt verbessern wollten. Und plötzlich wurden wir von den ,Blumenkindern‘ überschwemmt, denen es nur um Sex und Drogen ging. Wo sind auf einmal all diese Hippies hergekommen, verdammt?!“

Wie wir bereits wissen, kamen sie (zumindest die ersten) aus einer eher abgeschiedenen, isolierten und fast autarken Wohngegend von Los Angeles, die als Laurel Canyon bekannt war. Im Gegensatz zu den anderen Schluchten, die die Hollywood Hills durchziehen, gibt es in Laurel Canyon einen eigenen Markt, den halbberühmten Laurel Canyon Country Store; ein Delikatessengeschäft und diverse chemische Reinigungen; eine eigene Volksschule, die Wonderland School; eigene Boutiquen und Schönheitssalons; und in jüngerer Zeit sogar eine eigene Umprogrammierungs-, Verzeihung, Entzugsklinik für Prominente, die – man höre und staune – Wonderland Center heißt. In seiner Glanzzeit hatte der Canyon sogar eine eigene Management-Firma, die die Künstler der Gegend betreute. Und einmal erschien dort sogar eine eigene Lokalzeitung …

Bevor ich fortfahre, möchte ich noch erwähnen, dass mir die Recherchen zu dieser Artikelserie gar nicht leicht gefallen sind; vor allem, weil ich die Musik und Kultur der Sixties mein ganzes Leben lang geliebt habe. Obwohl ich erst 1960 zur Welt kam und daher in den Siebzigerjahren den Kinderschuhen entwachsen bin, hatte ich immer das Gefühl, um etwas betrogen worden zu sein, weil ich keine Gelegenheit hatte, diese Zeit – für die ich ganz offensichtlich bestimmt war – selbst zu erleben. Während meiner High-School- und College-Jahre, als Gleichaltrige belanglose Kommerz-Rockmusik (Journey, Foreigner, Kansas, Boston usw.) oder grauenhafte New-Wave- und Disco-Musik hörten, spielte ich meine Hendrix-, Joplin– und Doors-Platten auf und ab. All diese Alben besitze ich bis heute auf Vinyl; mittlerweile gehören sie allerdings meiner ältesten Tochter. Und natürlich besaß ich damals auch eine Lichtorgel (erinnern Sie sich an die Dinger?), die abwechselnd mit meinen Schwarz- und Stroboskoplichtern mein Jugendzimmer psychedelisch beleuchtete. Ich hatte noch lange Haare, als andere in meinem Alter schon längst einen Kurzhaarschnitt trugen. Ja, vielleicht gab es sogar einen dieser Glasperlenvorhänge vor meiner Tür – obwohl es durchaus möglich ist, dass ich da mein eigenes Leben mit dem von Greg Brady aus der Fernsehserie „Drei Mädchen und drei Jungen“ durcheinanderbringe. (Wir erinnern uns: In einer Folge verwandelte Greg das Arbeitszimmer seines Vaters in eine coole Junggesellenbude …)

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10050 Cielo Drive, Benedict Canyon.

Jedenfalls: Wie ich wahrscheinlich schon bei einigen anderen Gelegenheiten erwähnt habe, war einer der schwierigsten Aspekte meines Lebens in den vergangenen zehn oder mehr Jahren die Tatsache, dass ich mit ansehen musste, wie so viele meiner früheren Idole und Vorbilder auf der Strecke blieben. In dieser Zeit wurde mir zunehmend klarer, dass die Menschen, die ich einst für die Guten gehalten habe, in Wahrheit nicht besonders viel mit ihrem öffentlichen Image zu tun hatten. Die ersten, bei denen das offensichtlich wurde, waren natürlich die Mitglieder des Establishments – die Politiker, zu denen ich früher aufgesehen habe, weil ich dummerweise glaubte, sie kämpften für die gute Sache. Natürlich, sie mussten das innerhalb des Systems tun, aber immerhin wollten sie die Welt zum Besseren verändern. Es fällt mir schwer, das heute zuzugeben, aber früher habe ich Leute wie den demokratischen Präsidentschaftskandidaten George McGovern und Jimmy Carter bewundert, um Gottes willen! Ich war sogar ein Fan der kalifornischen Lokalpolitiker Tom Hayden und Jerry Brown. (Entschuldigen Sie mich bitte kurz – ich glaube, ich muss mich übergeben.) Vor vielen, vielen Jahren setzte ich sogar eine Menge Hoffnungen in Bill Clinton, als er gerade Präsident der Vereinigten Staaten werden wollte. Es ist kaum zu glauben, dass man solche Dinge schwarz auf weiß zugeben kann.

Apropos Jerry Brown alias „Gouverneur Mondstrahl“, wie ihn Linda Ronstadt in einem Interview scherzhaft nannte – da muss ich doch ein wenig abschweifen, so ungern ich das eigentlich tue. Wie das Leben so spielt: Auch Jerry Brown lebte lange Zeit in einem netten Örtchen namens Laurel Canyon. Wie Leser meines Buches „Programmed to Kill“ vielleicht noch wissen, wohnte Brown in der Wonderland Avenue, nur ein paar Häuser von Nr. 8763 entfernt – dem Schauplatz der berüchtigten „Four-on-the-Floor“-Morde, die selbst von erfahrenen Ermittlern der Mordkommission von L. A. als der blutigste und brutalste Mehrfachmord der ohnehin schon sehr blutigen Geschichte der Stadt betrachtet werden. (Sehen Sie sich bei Gelegenheit den Film „Wonderland“ mit Val Kilmer an, wenn er wieder im Fernsehen kommt; er gibt die Geschichte dieses Verbrechens für Hollywood-Verhältnisse ziemlich exakt wieder und ist auch sonst recht empfehlenswert.)

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Links: 10050 Cielo Drive heute.; Rechts: Der frühere Firmensitz von Charles „Tex“ Watsons Crown Wig Creationa Ltd.

Kurz und gut: Einer der blutigsten Massenmorde von Los Angeles ereignete sich ausgerechnet in einer der ruhigsten, idyllischsten und exklusivsten Wohngegenden der Stadt. Und merkwürdigerweise wies auch der Fall, der oft als zweitblutigster Tatort der lokalen Kriminalgeschichte zitiert wird – die Morde an Stephen Parent, Sharon Tate, Jay Sebring, Voytek Frykowski und Abigail Folger an der Adresse 10050 Cielo Drive im Benedict Canyon, nur wenige Kilometer westlich von Laurel Canyon –, äußerst enge Verbindungen zur LC-Szene auf.

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Jay Sebrings Salon heute.

Wie bereits erwähnt, wohnten auch zwei der Opfer dieser Mordtat – Folger und Frykowski – im Laurel Canyon. Sie hatten das Haus 2774 Woodstock Road gemietet, direkt gegenüber eines beliebten Treffpunkts des LC-„Hochadels“. Viele der Leute, die regelmäßig bei Cass Elliot zu Gast waren, unter anderem ein paar halbseidene Drogenhändler, besuchten auch Folger und Frykowski immer wieder. (Frykowskis Sohn wurde übrigens am 6. Juni 1999 erstochen; 30 Jahre, nachdem sein Vater auf dieselbe Art umgekommen war.) Und der weithin bekannte Friseursalon des Mordopfers Jay Sebring befand sich genau an der Einfahrt zum Laurel Canyon, gleich unterhalb des Sunset Strip. Sebring war der Haarstylist, der für Jim Morrisons berühmte Mähne verantwortlich war. Zudem hatte einer der bekanntesten Promis aus dem Laurel Canyon, der sich durch diese ganze Geschichte zieht, in das Unternehmen Sebring International investiert: Mr. John Phillips.

Auch Sharon Tate war im Laurel Canyon kein unbekanntes Gesicht, da sie oft Freunde wie etwa John Phillips, Cass Elliot und Abby Folger aufsuchte. Und wenn sie gerade nicht dort war, dann waren berühmte wie berüchtigte Angehörige der LC-Szene in Sharons Haus am Cielo Drive zu Gast. Van Dyke Parks schaute beispielsweise am Mordtag bei ihr vorbei. Und Denny Doherty, der andere „Papa“ von The Mamas And The Papas , erzählte später gern, dass er und John Phillips in der Mordnacht am Cielo Drive eingeladen gewesen seien, es aber nicht geschafft hätten. Glück gehabt. (Eine ähnliche Story ist über Chuck Negron von Three Dog Night bekannt: Er war regelmäßig im Mordhaus an der Wonderland Avenue zu Gast und hatte dort für den Abend der Massenhinrichtung einen Drogendeal vereinbart – aber den dann verpasst, weil er eingeschlafen war.)

Doch nicht nur die Opfer, sondern auch die angeblichen Mörder lebten im Laurel Canyon oder waren Teil der dortigen Szene. Bobby „Cupid“ Beausoleil zum Beispiel wohnte in den ersten Monaten des Jahres 1968 in einem Apartment in Laurel Canyon. Charles „Tex“ Watson wiederum, der beim Massaker am Cielo Drive die Todesschwadron angeführt haben soll, wohnte eine Zeitlang in einem Haus in der – dreimal dürfen Sie raten – Wonderland Avenue. Interessanterweise arbeitete Watson zu dieser Zeit in einem Perückengeschäft namens Crown Wig Creations Ltd., das ihm auch zum Teil gehörte. Der Laden befand sich in Beverly Hills, gleich neben dem Eingang zum Benedict Canyon. Jay Sebring wiederum war vor allem deswegen so bekannt geworden, weil er Männertoupets für die vornehme Kundschaft aus Hollywood herstellte – und zwar in seinem Geschäft am Eingang zum Laurel Canyon. An einem ganz normalen Tag Ende der Sechzigerjahre konnte man Watson also in der Nähe des Benedict Canyon finden, wo er Haarteile für Hollywood-Promis fertigte, bevor er in den Laurel Canyon heimfuhr. Und Sebring fertigte in der Nähe des Laurel Canyon Haarteile für Hollywood-Promis, bevor er in den Benedict Canyon heimfuhr. Und dann, eines verrückten Tages, wurde einer der beiden bekanntlich zum Mörder – und der andere zu seinem Opfer. Aber das ist schließlich auch nicht weiter ungewöhnlich, also weiter im Text.

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9820 Easton Drive.

Augenblick! So schnell können wir ja gar nicht weitermachen. Ich habe nämlich zu erwähnen vergessen, dass Sebrings Haus im Benedict Canyon, 9820 Easton Drive, eine makabre und tödliche Geschichte hatte. Früher hatte es nämlich Jean Harlow und Paul Bern gehört. Das ungleiche Paar hatte am 2. Juli 1932 geheiratet, als Jean zwar erst 21 Jahre alt, aber schon ein Kino-Superstar war. Nur zwei Monate nach der Hochzeit fing sich Bern im Schlafzimmer seiner Frau eine Kugel in den Kopf ein. Sein nackter Leichnam lag in einer Blutlache und war klitschnass vom Parfüm seiner Frau. Als Berns Butler den Toten entdeckte, rief er zuerst einmal Whitey Hendry – den Sicherheitschef der Filmfirma MGM – an, der seinerseits die Bosse Louis B. Mayer und Irving Thalberg verständigte. Dann fielen die Herren zu dritt in dem Haus im Benedict Canyon ein, um dort ein wenig aufzuräumen. Sie wissen schon … Erst ein paar Stunden danach beschlossen sie endlich, die Polizei zu rufen. Viele Jahre später wiederholte sich die Szene: Nach dem Tod Sebrings eilten einige seiner Freunde zum Aufräumen in sein Haus, bevor die Ermittler im Tate-Mordfall dort eintrafen.

Berns Tod wurde selbstverständich als Selbstmord abgetan. Seine Frischvermählte wurde sonderbarerweise bei der gerichtlichen Untersuchung des Falles nicht einmal als Zeugin vorgeladen. Berns andere Frau – das heißt, seine Lebensgefährtin Dorothy Millette – bestieg Berichten zufolge einen Tag nach Pauls Tod, also am 6. September 1932, ein Fluss-Schiff. Als sie das nächste Mal von jemandem gesehen wurde, trieb sie tot auf dem Sacramento River dahin. Auch ihr Tod wurde erwartungsgemäß als Selbstmord zu den Akten gelegt. Fünf Jahre danach fiel dann Jean Harlow tot um – im Greisenalter von 26 Jahren. Die Behörden gaben die Todesursache damals nicht bekannt; später wurde berichtet, dass die Nieren der Schauspielerin versagt hätten. In ihrer kurzen Zeit auf diesem Planeten hatte Jean drei turbulente Ehen hinter sich gebracht und daneben noch genug Muße gefunden, um die Taufpatin für Bugsy Siegels Tochter Millicent zu spielen.

Berns Leiche war zwar der wohl berühmteste Kadaver, den man aus dem Haus am Easton Drive schleppen musste, aber keineswegs der einzige. Es gab anscheinend noch einen anderen Mann, der dort Selbstmord beging – man weiß heute allerdings nicht mehr, auf welche Art. Ein weiterer Unglückseliger ertrank im Swimmingpool des Anwesens. Und irgendwann entdeckte man ein Dienstmädchen am Ende eines Seils baumelnd; behördlich gesehen ebenfalls ein Selbstmord, was sonst? Das ist eine Menge Blut für ein einziges Haus. Angeblich hatte Jay Sebring jedoch genau die morbide Geschichte dieser Adresse so anziehend gefunden. Seine Ermordung ließ die schwarze Wolke, die über dem Haus schwebt, noch größer und dunkler werden.

Wie Michael Walker, der die Geschichte des Laurel Canyon dokumentierte, einmal angemerkt hat: Die zwei schlimmsten Massenmorde in L. A. – der eine vom August 1969, der andere vom Juli 1981 (und beide mit je fünf Opfern, wobei eines der Wonderland-Opfer wie durch ein Wunder überlebte) – bilden so etwas wie makabre Anfangs- und Endpunkte der besten Zeit des Laurel Canyon. Wie so viele andere Autoren, die sich mit diesem Ort und dieser Zeit befasst haben, stuft jedoch auch Walker die beiden brutalen Verbrechen als unglückliche Verirrungen ein. In Wahrheit sind die neun Mordopfer, die man am Cielo Drive und an der Wonderland Avenue gefunden hat, nur die Spitze eines äußerst großen und blutigen Eisbergs. Um diese Tatsache zu illustrieren, hier meine zweite Quizfrage für heute: Was haben Diane Linkletter (die Tochter des berühmten Entertainers Art Linkletter), der legendäre Komiker Lenny Bruce, der Filmstar Sal Mineo, das Starlet Inger Stevens und das Stummfilmidol Ramon Novarro gemeinsam?

Wenn Sie jetzt geantwortet haben: Sie alle wurden im Jahrzehnt zwischen 1966 und 1976 tot in ihren Häusern im Laurel Canyon (oder an dessen Mündung) aufgefunden – dann geben Sie sich selbst fünf Punkte. Wenn Sie noch hinzugefügt haben, dass alle fünf mit großer Wahrscheinlichkeit in ihren Häusern im Laurel Canyon ermordet wurden, gibt’s fünf Bonuspunkte dazu.

Natürlich werden nur zwei dieser fünf Personen offiziell als Mordopfer geführt: Mineo, der am 12. Februar 1976 vor seinem Haus am 8563 Holloway Drive erstochen wurde, und Novarro, der am Vorabend von Halloween in der Nähe des Country Store einem Mord mit eindeutig rituellen Charakteristika zum Opfer fiel. Der Tod von Inger Stevens am 30. April 1970 (der Walpurgisnacht) in ihrem Haus, 8000 Woodrow Wilson Drive, galt offiziell als Selbstmord. Warum sie sich allerdings durch eine dekorative Glaswand stürzte, als sie sich umbrachte, bleibt bis heute ein Geheimnis. Vielleicht wollte sie ja nur einen interessanten Tatort hinterlassen; eine einfache Drogenüberdosis ist irgendwie so blutleer und langweilig.

Diane Linkletter wiederum segelte aus einem Fenster ihrer Wohnung im Shoreham-Towers-Gebäude, weil sie – wie wir alle wissen – von LSD so benebelt war, dass sie glaubte, fliegen zu können. Oder so ähnlich halt. Wir wissen das alle, weil ihr Vater Art es uns erzählt hat und diese Story die gesamten 1970er Jahre hindurch als Warnung vor den Gefahren des Rauschgiftmissbrauchs aufgewärmt wurde. Nicht erzählt hat man uns aber, dass Diane (die erstaunlicherweise an Halloween 1948 geboren wurde) am Morgen des 4. Oktober 1969, als sie ihren sechs Stockwerke währenden Flug in den Tod antrat, nicht alleine war. Sie befand sich vielmehr in Gesellschaft eines interessanten Mannes namens Edward Durston, der ca. 15 Jahre später in einer völlig unerwarteten Wendung des Schicksal die Schauspielerin Carol Wayne nach Mexiko begleitete. Dort schaffte es Carol, in nicht einmal 30 Zentimeter tiefem Wasser zu ertrinken (vielleicht zog das Gewicht ihrer Riesenbrüste sie nach unten), woraufhin Mr. Durston prompt verschwand. Wie zu erwarten war, hielten die Behörden es nie für nötig, ihn zum merkwürdigen Tod Waynes zu befragen. Schließlich ist es völlig normal, dass ein und derselbe Typ als einziger Zeuge bei zwei tödlichen Unfällen in Erscheinung tritt, oder?

Art vergaß aber auch zu erwähnen, dass nur wenige Wochen vor Dianes rätselhaftem Tod ein weiteres Mitglied der Familie Linkletter – Arts Schwiegersohn John Zwyer – im Garten seines Hauses in den Hollywood Hills durch einen Kopfschuss ums Leben kam. Andererseits war das ja ein … ähem, Selbstmord, der mit dem anderen Fall überhaupt nichts zu tun hatte, also braucht man da keine Zusammenhänge zu vermuten.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht näher auf die Umstände eingehen, die zu Lenny Bruces Tod durch eine akute Morphinvergiftung am 3. August 1966 geführt haben. Warum? Weil ich eigentlich niemanden mehr kenne, der nicht ohnehin schon davon überzeugt ist, dass Lenny gekillt wurde. Also sei hier nur angemerkt, dass die Rock-Idole aus Laurel Canyon alle bei seinem Begräbnis waren – und dass einem gewissen Frank Zappa die Rechte an Bruces unveröffentlichten Aufnahmen in die Hände fielen. Aber nicht nur ihm, sondern auch noch einem weiteren ziemlich widerwärtigen Typen namens Phil Spector, dessen Spitzenteam aus Studiomusikern, genannt die Wrecking Crew, in Wahrheit viele der Aufnahmen von Bands wie The Monkees, The Byrds, The Beach Boys und The Mamas And The Papas einspielte.

Fortsetzung folgt.

PS: Ach ja, die Antwort auf die erste Quizfrage: Der Mann, der hier so über alle Maßen gelobt wurde, ist natürlich unser alter Freund Charlie Manson. Und der Typ, der Mansons Loblied sang, war Neil Young.

Quelle: http://www.nexus-magazin.de/artikel/lesen/love-peace-und-cia-die-seltsame-und-groesstenteils-wahre-geschichte-des-laurel-canyon-und-der-geburt-der-hippie-generation-teil-1?context=category&category=11

Gruß an die Erkennenden

TA KI