Das Wissen um die Sonnenwend ist sehr alt


Bei den Kelten ist die Sommersonnenwende unter dem Namen Alban Hevin bekannt. Sie sollen sage und schreibe 12 Tage und Nächte gefeiert haben. Die Anhänger der noch jungen Wicca Bewegung nennen das Fest Litha.

Der Mittsommer, wie das Fest auch genannt wird, gehört zu den vier großen Sonnenfesten im Jahreskreis. Ihr Pendant ist die Wintersonnenwende am 21. Dezember. Sie liegt der Sommersonnenwende genau gegenüber. Die Frühlings-Tagundnachtgleiche  liegt genau zwischen der Winter- und Sommersonnenwende, die Herbst-Tagundnachtgleiche zwischen der Sommer- und Wintersonnenwende.

Die Kirche konnte dieses heidnische Fest nicht ignorieren, es war fest in der damaligen Kultur der Heiden verankert. So tat sie, was sie in solchen Fällen immer zu tun pflegte, sie wandelte es in ihr eigenes Fest um, den Johannistag. Es war Johannis dem Täufer gewidmet und wurde auf den 24. Juni datiert. Noch heute sind die riesigen Freudenfeuer auch unter dem Namen Johannisfeuer bekannt. Die alte, heidnische Tradition jedoch konnte durch die Kirche bis heute nicht verdrängt werden. Im Gegenteil, mehr denn je suchen die Menschen den Weg zurück zu ihren Wurzeln, möchten sie auf dem Alten Pfad wandeln.

 

Alte Stätten und Relikte

Die Feiern zur Sommersonnenwende gab es bereits, als an die Bibel noch nicht einmal zu denken war. Das lässt sich nicht so einfach aus dem kollektiven Gedächtnis streichen.

Nehmen wir einmal den Turm von Jericho. Er ist der älteste Turm der Welt und steht nun bereits seit 11.000 Jahren. In seiner unmittelbaren Umgebung steht der Berg Quarantal. Der Schatten seines Gipfels fällt zur Sommersonnenwende genau auf diesen Turm. Das fanden die Archäologen der Universität Tel Aviv heraus.

Stonehenge ist nicht ganz so alt wie der Turm von Jericho. Das Alter wird mit etwa 5100 Jahre angegeben. Der Steinkreis ist auch heute eines der bekanntesten Kultstätten der Welt. Stonehenge ist noch immer eines der Lieblingsplätze zur Sommersonnenwende.

Ein weiteres Relikt aus der Bronzezeit ist die Himmelsscheibe von Nebra (siehe Abbildung), welche die Sonnenwenden und die Tagundnachtgleichen anzeigt. Ihr Alter wird auf 3700 bis 4100 Jahre geschätzt.

Dies sind nur drei Beispiele aus der alten Zeit derer es viele gibt. Das Wissen ist tief in den Menschen verankert und niemand wird es löschen können, egal wie sehr es auch versucht.

Himmelsscheibe von Nebra

Alte Mythen rund um die Sommersonnenwende

Mittsommer ist ein Fest der Sonne und des Feuers. Es wird ausgelassen, nahezu ekstatisch gefeiert. War die Wintersonnenwende mit der Sorge vor der bevorstehenden, kalten Jahreszeit verbunden, so war dieses Fest ein Fest der puren Freude. Die Menschen mussten sich nicht sorgen. Die Erde brachte die ersten Früchte hervor und alles stand in heller Pracht. Es herrschte Fülle und Überfluss. Die Sonnenwenden sind eng mit der germanischen, aber auch der keltischen Mythologie verknüpft.

 

Baldur, der germanische Sonnenkönig

Es ist der längste Tag des Jahres. Längst sind die Tage nicht so heiß, wie sie noch werden können. An keinem anderen Tag des Jahres wird die Sonne länger scheinen und ihre Kraft der Erde schenken. Hernach wird sie sich mehr und mehr zurückziehen. Die Schatten ihres Daseins werden von Tag zu Tag länger, bis zur Wintersonnenwende die Nacht den längsten Schatten wirft.

Der immer wiederkehrende Zyklus des Sonnengottes Baldur erreicht zur Sommersonnenwende seinen Höhepunkt.

Geburt und Leben des Baldur

Baldur ist der Lichtgott, der Gott der Sonne. Odin machte sich einst zu einer längeren Reise auf. Seine Brüder Wili und We übernahmen für diesen Zeitraum die Regentschaft. Sie übernahmen aber auch gleich Odins Frau Frigg und zeugten mit ihr einen Sohn, Baldur den Licht- und Sonnengott.

Baldur plagten schlimme Albträume. Immer wieder träumte er von seinem eigenen Tod. Er ertrug diese Last nicht länger und erzählte den anderen Asen von diesem furchteinflößenden Traum. Unter Yggdrasil, der Weltenesche hielten sie Rat was zu tun sei.

Odin wurde ausgesandt näheres zu erfahren, doch davon soll ein anderes Mal die Rede sein. Springen wir ein Stück vor in der Geschichte.

Baldur hatte einen blinden Bruder namens Hödr. Er schlug vor, dass alles in der Welt, alles Beseelte und alles Unbeseelte den Schwur leisten soll Baldur nicht zu schaden.

Frigg machte sich auf und nahm allen Dingen und allen Wesen den Schwur ab, nur eines „vergaß“ sie: Die kleine, zarte Mistel an einer Eiche.

Die Götter testeten den Schwur und warfen Wurzeln und anderes Gehölz nach Baldur, aber alles prallte an ihm ab. Sie wurden mutiger und warfen mit immer größeren Dingen nach Baldur und nichts geschah. Odin warf seinen Speer nach ihm, Thor seinen Hammer, aber alles prallte an ihm ab.

 

Baldurs Tod

Auf einem Fest zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende schossen sie wieder mit Pfeil und Bogen und anderem Gewerk auf Baldur. Loki nervte das alles wahnsinnig und er ersann eine List. Als alte Frau verkleidet suchte er Frigg auf und fragte, ob sie wirklich allen Dingen und Wesen den Schwur abgenommen hätte. Sie gestand schließlich, bei einer noch jungen Mistel auf den Schwur verzichtet zu haben.

Loki machte sich auf und holte die zarte, zerbrechlich wirkende Mistel. Zurückgekehrt gab er sie Hödr und überredete ihn damit nach Baldur zu werfen. Dies tat er schlußendlich und Baldur sank tot zu Boden. Er war von der Mistel durchbohrt.

 

Baldurs Wiedergeburt

Nach dem Tod Baldurs waren die Götter sehr verzweifelt. Frigg gab ihren Sohn aber nicht auf. Es gelang ihr nach langem Hin und Her ihren dritten Sohn Hermoðr zu überreden in das Totenreich zu reisen um mit der Totengöttin Hel zu verhandeln. Mit Sleipnir, Odins achtbeinigem Pferd, machte sich Hermoðr auf den Weg durch das Tor zum Totenreich. Niemand ist je durch dieses Tor zurück gekehrt. Das kluge Pferd Sleipnir indes sprang einfach darüber hinweg. So überredete Hermoðr die Totengöttin seinen Bruder Baldur wieder frei zu geben. Hel verlangte, dass alle Wesen und Dinge der Welt um Baldur weinen sollten, erst dann würde sie ihm seine Wiedergeburt gestatten.

Viel Zeit war vergangen, der Winter kratze bereits mit seinen kalten Krallen an der Tür. Frigg schickte abermals Boten in alle Lande aus. Alle weinten nun um Baldur außer Thöll, die Riesin. Wieder war es Loki der Listige, der seine Finger im Spiel hatte. Die Götter erkannten, dass er sich in die Riesin verwandelt hatte. Sie ergriffen Loki, zerrten ihn unter die Erde und fesselten ihn dort an einen Felsen. Erst bei Ragnarök, der Götterdämmerung gelang es Loki sich zu befreien.

Nun war Baldur aus dem Reich der Toten befreit, aber er hatte einen hohen Preis zu zahlen. Jedes Jahr zur Wintersonnenwende wird er neu geboren, um dann zur Sommersonnenwende erneut zu sterben.

 

Cerunnos, der gehörnte Gott der Kelten

Bei den Kelten wird am Tag der Sommersonnenwende der Naturgott Cerunnos geehrt, welcher auch der Gehörnte genannt wird. In der griechischen Mytholigie ist der Gehörnte unter dem Namen Pan bekannt. Sein germanischer Name lautet Freyr.

Cerunnos ist der Herr der Tiere, der treue Begleiter der großen Erdgöttin. Seine Gottheit steht für viele Bereiche der irdischen Welt.

Er ist der Gott:

  • der Natur
  • des Waldes
  • der schöpferischen Naturkräfte
  • der Fruchtbarkeit
  • der Zeugungskraft
  • des Wachstums
  • der Reinkarnation
  • der Kreuzwege
  • der Krieger
  • der Liebe
  • des Wohlstandes und Reichtums.

Dem Gehörnten zu huldigen, bedeutete die eigene Lebenskraft und Fruchtbarkeit zu steigern. Aus ihm spricht die ungebändigte Natur, das Wilde und die Freiheit eines jeden Einzelnen, als Teil des Kreislaufes in dieser Welt.

 

Keltischer Knoten

 

Alte Bräuche der Sommersonnenwende

In der Mittsommernacht, wenn sich die Sonne unter dem Horizont schlafen legt, werden große und kleine Feuer entfacht. Die Menschen tanzen um die Flammen und springen über sie hinweg. Das soll Glück bringen und vor Unheil schützen.

Die kleinen Kinder der alten Zeit wurden schnell krank und eine Krankheit führte nicht selten zum Tod. Sie wurden zur Mittsommernacht über das Feuer geworfen, um sie vor diesem Schicksal zu bewahren. Ein über das Feuer geworfenes Kind, werde nicht so schnell krank, glaubten die Menschen der alten Zeit.

Neigten sich die Feste dem Ende entgegen, so nahmen die Menschen einen glühenden Scheit aus dem Feuer und trugen ihn nach Hause. Mit diesem Holzscheit wurde das eigene Heim gesegnet. In vielen Gebieten ist dieser Brauch noch heute so aktuell wie einst. Die Kultur der Heiden ist nie wirklich zerbrochen.

Die Sommersonnenwende ist ein Fest, dass tief in die Nacht hineinreicht. Um so später es wird, um so berauschender die Feier. Brennende Räder, gemäß einer uralten Tradition, werden entzündet und von den Bergen und Hügeln hinab gerollt.

Das Fest endet erst, wenn die ersten Vögel erwachen und der Morgen dämmert.

 

Die Kraft der Kräuter

Am Tage sammelten die Frauen Kräuter wie Beifuß, Eisenkraut, Rittersporn und vor allem die Sonnenpflanze Johanniskraut. In der Nacht banden sie sich diese um ihre Hüften.

In ihren Haaren trugen sie Blumenkränze aus Gundermann und Eisenkraut, welche die Hellsichtigkeit fördert.

Den Kräutern werden starke Heilkräfte zugesprochen, die ihre Wirkung am kraftvollsten entfalten, wenn die Mittsommernacht auf die Nacht des Vollmondes fällt.

Die nackten, männlichen Tänzer banden sich indes einen Gürtel aus Beifuß oder Eisenkraut um die Hüften. Er sollte die Potenz erhöhen. Die Nacktheit in jener Nacht war übrigens heilig, sie war die Verbindung zum Ursprung des menschlichen Daseins.

Mit Hilfe der Kräuter wurde ein starkes Gebräu kreiert, welches eine besonders berauschende und aphrodisierende Wirkung hatte.

Rund um die Felder steckten die Menschen die sogenannten Wolfskräuter: Arnika, Eberesche, Beifuß, Königskerze, Kümmel und das Christophskraut. Sie sollten dem Sonnengott Ehre erweisen.

Die Priester der Heiden, auch Bilwis Priester genannt, dienten dem Sonnengott Baldur. Zur Sommersonnenwende war es ihre Aufgabe die Felder zu segnen.

 

Die Wärme der Sonne

 

Ein kleines Mittsommer – Ritual

Nimm dir einen kleinen Leinenbeutel und fülle diesen mit Kräutern aus:

  • Lavendel
  • Johanniskraut
  • Eisenkraut
  • Gundermann

Besprich den Beutel mit deinen Sorgen, Ängsten und Problemen. Verbinde ihn und vergiss nicht, ihn mit zum Feuer zu nehmen.

Wirf den Beutel am Abend in die Flammen. So sollen deinen Sorgen und Ängste verbrennen und sich deine Probleme in Rauch auflösen.

Ist das Feuer klein genug, springe darüber hinweg.

Das ist nicht der Moment für waghalsige Experimente!

Spring nicht über das Feuer, wenn es für dich oder umstehende Personen gefährlich ist.

Dieser beherzte Sprung wird dich reinigen.

Mittsommer ist ein geselliges Fest. Es ist Brauch das Fest mit der Familie und / oder Freunden zu feiern.

Die Sommersonnenwende erzählt von Licht und Überfluss, aber sie erzählt auch eine andere Geschichte. Alles was jetzt in Fülle vorhanden ist, wird wieder verloren gehen. Alles was zu Tage kommt, wird wieder im Dunkel verschwinden. Noch sind die Nächte einladend warm und die Tage voller Kraft und Licht. Der Winter scheint weit entfernt. Zelebriere das Leben und tanze durch die Nacht.

Quelle

liche Grüße an Alle- auch die Ahnen

TA KI

 

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Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Letzter Teil


Epilog

Von Tanaquil Enzenberger

götterzeichnung EDDAIm Jahre 1662 traf ein Schiff aus Island im Hafen von Kopenhagen ein. Er brachte eine kostbare Fracht mit – zwei in Kalbsleder gebundene Folianten. Diese beiden Bücher, Handschriften auf Pergament, sind die wichtigsten Quellen für Tor Age Bringsvaerds Nacherzählung der alten nordischen Mythen.
Seine Prosafassung ist so lange, bis ein Leser kommt, der sie seinerseits weitererzählt, das letzte Glied einer langen Überlieferungskette. Ihre ersten Glieder verlieren sich im Dunkeln der Geschichte.
Es waren mündliche Erzähler, denen wir die Erkenntnis dieser Mythen verdanken, manche von ihnen werden sie getreu wiedergegeben, andere sie umgedichtet und verändert haben. Aufgeschrieben wurden sie erstmals im Mittelalter, und auch dann noch haben einander Erzähler und Schreiber vermutlich in die Hände gearbeitet. Später erfolgten immer neue Bearbeitungen, Umdeutungen und Übersetzungen in moderne Schreibweisen, oder in fremde Sprachen. Bringsvaerd steht in dieser Tradition, und mir scheint es ausgemacht, dass jede neue Version auch zu neuen Erzählstrategien, zu neuen Missverständnissen, und das heißt auch, zu einer neuen Lektüre führen muss.
Die literarische Fracht, die im Jahre 1662 in Dänemark an Land ging, hatte einen politischen Hintergrund.
Ein isländischer Bischof, Brynjölfur Sveinsson, hatte sie im Auftrag des Dänischen Königs eingesammelt. Er war angehalten worden, in seiner Heimat nach Originalzeugnissen der isländischen Literatur zu suchen, mit dem Ziel, sie der königlichen Bibliothek einzuverleiben. Norwegische Schulkinder nennen heute noch die Periode vom 14. bis 19. Jahrhundert „die Dänenherrschaft“ oder „die fünfhundertjährige Nacht“ , denn zu jener Zeit waren Norwegen und Island dänische Kolonien.
Frederik III., der von 1648 bis 1670 regierte, hatte an Stelle der alten Wahlmonarchie den Absolutismus als Regierungsform eingeführt, Um sie zu legitimieren, brauchte er eine starke ideologische und historische Grundlage.
Der Hof suchte sie in einer Genealogie, die bis in die Vorzeit zurückreichte. So wie damals andere europäische Dynastien ihren Ursprung in der klassischen Antike behaupteten, wollten sich die Dänen als Nachfahren der nordischen Götter sehen. Dieses Projekt dürfte jedoch auf nicht geringe Schwierigkeiten gestoßen sein. Zum einen waren die neu gefundenen Schriften in isländischer Sprache abgefasst, und vermutlich hatten die Dänen einige Mühe, sie zu entziffern. Zum anderen konnten die europäischen Gelehrten des 17. Jahrhunderts mit ihrem Inhalt wenig anfangen, denn seit der Renaissance waren sie auf die griechische und römische Antike eingeschworen, Dass es nicht nur im Mittelmeerraum, sondern auch anderswo Altertümer gab – diese Vorstellung war ihnen fremd. Aber auch der Klerus nahm die isländischen Erzählungen mit Kopfschütteln, um nicht zu sagen, mit entschiedenem Widerwillen auf. In der kleinen Großmacht Dänemark herrschte ein strenges politisches und religiöses Regime. Es stand den schreibenden Zünften keineswegs frei, zu denken und zu sagen, was sie wollten.
Dabei hatte die Auseinandersetzung, mit dem Erbe aus dem Norden, bereits eine längere Vorgeschichte. Schon im 13. Jahrhundert hatte es dänische Gelehrte gegeben, die sich damit beschäftigen und auf ihre Weise versuchten, einen Nationalmythos zu begründen. Der berühmteste unter ihnen war Saxo Grammaticus, ein dänischer Kleriker, der am Hof der Erzbischöfe von Lund tätig war. Man weiß wenig über ihn, außer das er ungewöhnlich fleißig war, und dass er die „Gesta Danorum“ , ein sechzehnbändiges Werk in lateinischer Sprache, hinterlassen hat, in dem die mehr oder weniger sagenhafte Geschichte Dänemarks bis zum Jahr 1202 behandelt wird. Von besonderem Interesse sind die ersten 9 Bände, in denen sich viele Mythen und Sagen finden. Dabei hat der Autor sich vor allem auf isländische Informanten gestützt. Die Forschung hat seine Quellentreue angezweifelt, und es scheint, als wäre er mit der Überlieferung, nicht zuletzt aus religiösen Gründen, sehr frei umgegangen. Seine Darstellung der vorchristlichen Gesellschaft ist unbarmherzig, seine Schilderung von Menschenopfern, zum Beispiel findet keine Bestätigung aus anderen Quellen. Im übrigen hat sich herausgestellt, dass die Gesta Danorum William Shakespeare als Vorlage für seinen „Hamlet“ gedient haben müssen.
Wesentlich systematischer ging 400 Jahre später der Isländer Árni Magnússon (1663-1730) zu Werke.
Als Königlicher Antiquator waren ihm die schriftlichen Zeugnisse aus Island anvertraut. Die Kolonialmacht ernannte ihn zum „Professor Antiquitatum Danicarum“ . Im Laufe seiner Arbeit hat er in ganz Skandinavien 580 Originalhandschriften gesammelt und für Abschriften auf Papier gesorgt.
Die wichtigste Grundlage seiner Arbeit bildeten jedoch jene beiden Handschriften, die Brynjólfur Sveinsson nach Kopenhagen gesandt hatte. Die erste ist unter dem Namen „Codex Regius“ bekannt, weil sie für die Geschichtsschreibung des dänischen Königshauses eine wichtige Rolle spielen sollte.
Ihrem Inhalt angemessener ist jedoch die Bezeichnung „Ältere Edda“ . Gelegentlich bezeichnet man sie auch als „Poetische oder Lieder-Edda“ , weil sie hauptsächlich Gedichte oder Gesänge enthält. Sicherlich ist sie älteste und bedeutendste Sammlung altnordischer Poesie. Die meisten Isländer kennen sie in- und auswendig. Das ist kein Wunder; denn es gibt kein Volk auf Erden, das mehr liest als sie- und mehr dichtet.

alte handschrift EDDA

Der „Codex Regius vulgo“, die Ältere Edda, besteht aus zwei Teilen. Die ersten elf Gedichte Handeln von den alten Göttern des Nordens, die neunzehn andern von den sagenhaften Helden und ihren Taten.
Am Anfang steht ein visionäres Gedicht, die Völuspa. Der Titel bedeutet „Weissagung der Seherin“ , Wahrsagende Frauen erzählen darin von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft der Welt. Odin hat sie aufgesucht, um das Schicksal seines und seiner Welt, zu ergründen. Die Hellseherinnen provozieren ihn durch wiederholte Fragen: „Willst du noch mehr sehen? Hast du genug gehört?“ . Im Sog seiner Wissbegierde wird der Zuhörer einer Vision teilhaftig, in der die Welten vergehen, und wieder entstehen.
Der folgende Text ist das Hávámál, ein Monolog Odins, in dem er den Menschen Vernunft und Lebensart beibringen will. Hávámál heißt soviel wie „Rede der Hohen“ . Viele dieser Verse, die erst im 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurden, waren wohl schon lange zuvor als Sprichwörter im Umlauf. Nur die mündliche Überlieferung kann sie so rund und glatt geschliffen haben. Von wem die abschließende Redaktion der 164 Strophen stammt, ist unbekannt.
Das Hávámál lebt heute noch im Volksmund. In Norwegen kennt jedes Kind den einen oder andern dieser lakonischen Ratschläge des hohen Einäugigen. Bei festlichen Anlässen werden sie immer wieder gern zitiert, ganz gleich ob es um die Einweihung, eines der zahllosen neuen Tunnels oder einer neuen Brücke, um eine Hochzeit oder eine Beerdigung geht. Mir selber ist ein Satz besonders lieb, der wie in Stein gehauen sagt: „Auf das Gesetz soll ein Land gebaut sein.“ Ich zitier ihn gern. wenn es um die Situation auf dem Balkan, Unterdrückung einer Minderheit oder um die Zwangsenteignung eines Nachbargrundstücks geht.
Im Vaftrúdnismál, in der „Rede der Vavtrudne“ , geht es um eine Wette zwischen Odin und dem Riesen Vavtrudne. Wer bei diesem Redewettkampf verliert, muss sterben. Der Troll weiß jedoch nicht, mit wem er es zu tun hat. Ein ausgeklügelter Bastelsatz von Fragen führt den Zuhörer oder Leser durch die Geschichte und die Hierarchie der Götter, so lange, bis Odin eine Frage stellt, die kein anderer als er selber beantworten kann: „Was hat Odin seinem Sohn ins Ohr geflüstert, bevor er seinen Leichnam dem Feuer übergab?“ Dieser Wettstreit ist bühnenreif und ich vermute, dass er und die Geschichten, die dabei zur Sprache kommen, oft ein aufmerksames Publikum gefunden haben.
Auch im Zentrum des Grímnísmál, der „Rede des Maskierten“ , steht ein Streitgespräch. Nachdem er acht Tage und Nächte zwischen zwei Feuer gepeinigt worden ist, lässt Odin sich auf eine Auseinandersetzung mit dem Riesenkönig Geirröd ein. Der einäugige Gott tritt inkognito auf. Nach und nach gibt er sein ganzes Wissen von der Welt der Asen preis, bis die Zuhörer seine wahre Identität erkennen. So gibt dieses Gedicht manchen Aufschluss über die Mythen des Nordens.
Das Skirnísmál, „Skirnes Rede“ , erzählt in 42 Versen, wie der Gott Frei die Riesentochter Gerdr für sich gewinnt. Auch dieses Gedicht scheint für eine szenische Darstellung geschaffen zu sein. Der Codex Regius enthält an mehreren Stellen Zeichen in der Marginalspalte, bei denen es sich vermutlich um Regieanweisungen handelt. In Skirnes Rede werden die Verse Frei, dessen schöner Braut und einigen Statisten in den Mund gelegt. Gerdr muss eine mächtige, beschwörende Tirade des Gottes über sich ergehen lassen, bis ihr nichts anderes übrig bleibt, als sich seinem Willen zu fügen.
Im Hárbadsljód, „dem Harbardslied“ , kommt Thor, sein Felleisen schleppend, am Sund an. Laut ruft er nach dem Fährmann, der ihn übersetzen soll, er nennt sich Hábárdr, was soviel wie Graubart bedeutet. Wer das Lied hört, versteht, dass es Odin ist, der sich als Ferge verkleidet hat und sich weigert, den Passagier ans andere Ufer zu bringen. Darüber gerät Thor in Wut. Über den Sund hinweg, kommt es zu einem groben, handfesten Streit. Mit viel Humor werfen die beiden einander allerhand Unverschämtheiten an den Kopf.
In einem weiteren Lied, der Hymiskvida, „Hymes Rede“ ist Thor der einzige Protagonist. Es geht um ein Abenteuer des Gottes, der dem Riesen Hyme seinen gewaltigen Braukessel entlocken will. Die Erzählweise erinnert hier eher an ein Volksmärchen.
Im nächsten Gedicht, der „Lokasenna“, „Lokis Spottrede“, nimmt Loki ein Fest in Ägirs Halle zum Anlass, um die anwesenden Götter in respektlosester Art zu beschimpfen. Dabei wird die ganze Galerie der Asen ein weiteres Mal vorgestellt. Viele Gelehrte deuten diesen Text als den Versuch eines bekehrten Christen, seine Leser aus den Klauen der heidnischen Götter zu befreien. Wenn das zutrifft, hätten wir es hier mit einem ungewöhnlich witzigen und einem intelligenten Propaganda-Coup zu tun. Auf mich macht das Lied eher den Eindruck gutmütiger Vertraulichkeit, ja sogar der Nachsicht mit den alten Göttern.
Die darauf folgende Trymskvida oder „Rede Tryms“ , erzählt in einer Reihe von amüsanten Repliken, wie Thors Hammer abhanden kam, während das „Alvismál“ von einem Zwerg berichtet, der zu den Asen kommt, um ein Mädchen zu holen, von dem er behauptet, es sei ihm als Braut versprochen worden. Statt wie gewöhnlich einfach nach seinem Hammer zu greifen, stellt Thor als Bedingung, dass Allvis der Zwerg ihm eine Reihe von Fragen beantworten soll, um das Mädchen zu gewinnen. Dabei erfährt der Leser manches Neue über die Götter, ihre Übernahmen und Abenteuer. Beide Gedichte zeigen überraschend viel Humor.
Dagegen geht es in „Balders draumar“, den „Träumen Baldurs“ , um verhängnisvolle Dinge und entsprechend ernst ist der Ton dieses Liedes. Odin, von Baldurs unheimlichen Untergangsträumen erschreckt, reitet aus, um eine Wahrsagerin zu befragen, die ihm erzählt, wie Baldur sterben wird und wie er gerächt werden muss.
Die letzte Göttergeschichte aus der älteren Edda, die Rigspula, zu Deutsch „Merkgedicht von Rig“ , handelt von der Frühgeschichte der Menschen. Ein sonst unbekannter Gott namens Rig, der vielleicht zu Unrecht mit Heimdall identifiziert wird, begibt sich auf eine lange Wanderung und zeugt viele Kinder. Wahrscheinlich handelt es sich um einen späteren didaktischen Mythos, den man auch als märchenhafte Idylle lesen kann.

 

Der zweite Band, den König Frederik III. anno 1662 seiner Bibliothek einverleiben konnte, die sogenannte „Jüngere Edda“ , ist auch unter dem Namen „Snorra Edda“ bekannt. Es handelt sich nicht um ein Autograph, sondern um eine Abschrift (Im Lauf der Zeit sind drei weitere handschriftliche Fassungen der Lieder bekannt geworden). Was die Fragen nach dem Autor, dem Schreiber und der Datierung betrifft, so sind wir auf den Vorsatztitel des Exemplars angewiesen, das sich heute in der Universitätsbibliothek Uppsala befindet. Dort heißt es lapidar: „Dieses Buch heißt Edda. Es ist von Snorri Sturluson zusammengestellt.“
Was das Wort „Edda“ bedeutet, weiß niemand genau. Es könnte von altnordisch „udr“ abgeleitet sein, was soviel bedeutet wie Dichtung oder Poetik. In einem Vers der „Rigspula“ kommt das Wort auch in der Bedeutung „Urgroßmutter“ vor. Möglicherweise weist es auf eine Dichtung aus Urgroßmutters Zeiten hin. Der Text wurde Anfangs des 13. Jahrhunderts niedergeschrieben.
Viele Geschichten aus der Älteren Edda finden sich hier wieder. Die Snorra Edda besteht aus drei Teilen, deren erster Gylfaginning, „Die Täuschung Gylfis“ , heißt.
Ein mythischer Schwedenkönig ist als Wanderer nach Asgard, der Heimat der Götter gereist. Dort stellt er den Asen eine Reihe von Fragen. Die Antworten geben einen ausführlichen Überblick über die Mythologie des Nordens, von der Erschaffung der Götter und er Riesen bis zum Untergang der Welt im Ragnaök.
In dieser Version beginnt die Geschichte der Asen merkwürdigerweise in Troja, das als Mittelpunkt der Welt beschrieben wird. Alle Asen stammen, heißt es, von dem Heldenkönig Priamos ab. Sie reisen gen Norden und werden dort zu Göttern. Manche Forscher haben diese Erzählung so gedeutet, dass der Name der „Asen“ nichts anderes bedeutet als „Männer aus Asien“ . Die überwiegende Mehrzahl der Gelehrten erklärt dagegen diese Einführung in die Mythologie des Nordens eher als einen genialen dichterischen Kunstgriffs des Verfassers. Zu seiner Zeit war die Christianisierung Islands bereits abgeschlossen, auch wenn sie nicht in tiefere Schichten reichte. Dadurch, dass er die alte Götterwelt als die Halluzination eines schwedischen Königs darstellte, entging der Autor dem Vorwurf der Ketzerei. Mehrere Erzählungen, wie die Einführung der Iduna, oder die Errichtung der Götterburg durch Loki, kennen wir nur aus dem Gylfaginning, die ältere Edda schweigt sich darüber aus.
Der zweite Teil der Snorra Edda ist das „Skáldskaparmál“ , Snorris Lehrbuch der Dichtkunst, einer Goldgrube für Philologen und Skaldenforscher. Dieser Text ist zwar nur eine marginale Quelle für unsere Kenntnis der Götterwelt, aber dafür erfahren wir aus ihm vieles über das Wesen und die Bedingungen der Dichtkunst in den altnordischen Gesellschaften. Die Skalden waren Hofpoeten und freie Künstler. Die Zeit ihres Wirkens, die vom 9. bis 13. Jahrhundert reicht, gilt in unserer Literaturgeschichte als das goldene Zeitalter. Etwa 250 Skalden sind namentlich bekannt. Ihre Kunst war ein hochgeschätztes Handwerk. Das geht auch aus den Erzählungen hervor, die davon berichten, mit welchen Mühen sich Odin die Kunst des Schreibens und des Dichtens angeeignet hat. Snorri zitiert im Skáldskapamál nicht weniger als 336 Gesänge und erwähnt die Namen von siebzig Skalden.
Sein Lehrbuch rundet Snorri Sturluson mit einem eigenen Gedicht ab, dem „Háttatal“ , einem eindrücklichen Lobgesang auf den norwegischen König Hakon. Es besteht aus 102 Strophen und ist das einzige Lied von seiner Hand, das erhalten geblieben ist, abgesehen von einigen Spottversen, die eine andere Quelle erwähnt und zitiert.
Über Snorri Sturluson und sein Werk wissen wir gut Bescheid. Neben der Snorra Edda schrieb er ein oder zwei Sagas, vor allem aber eine Geschichte der norwegischen Könige, die „Kringla Heimsins“ oder „Heimskringla“ .
Dieses Buch ist in Norwegen bis heute neben der Bibel der Bestseller aller Zeiten geblieben. Das Werk ist eine Hauptquelle für norwegische Historiker; beim Erwachen des Landes aus der „Fünfhundertjährigen Nacht“, ein halbes Millennium nach dem Tode des Schriftstellers, hat es eine bedeutende Rolle gespielt.
Island war im letzten Teil des 9. Jahrhunderts durch norwegische und keltische Einwanderer besiedelt worden. Ganze Großbauern – Familien zogen während der Herrschaft des Königs Harald Harfagre nach Island. Dort entstand 930, als das Land sich ein Grundgesetz gab, eine neue Staatsform. Fortan entschied ein gemeinsames Gericht, das Allthing, über das Recht. Ein Gesetzessprecher hütete die mündlichen überlieferten Gesetze und trug sie vor. Auf den diplomatischen Druck des norwegischen Königs hin, beschloss das Allthing im Jahre 999 oder 1000 die Einführung des Christentums, doch wurde das Land nicht, wie andere Teile Europas gewaltsam missioniert. Das entsprechende Gesetz enthielt den bezeichnenden Satz: „Jeder Mann solle bei sich zu Hause selber wählen“ .
Zu Snorri Sturlusons Zeiten war die Gesellschaftliche Ordnung Islands in Auflösung begriffen. Der Druck der Norweger nahm zu und es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Snorri, der 1179 in Hvammar zur Welt kam, war Bauer, Häuptling und Dichter. Er brachte es zeitweise zum mächtigsten und vielleicht reichsten Mann der Republik. Mehrmals hielt er das höchste Amt seines Landes inne, das des Gesetzessprechers. Mit dem norwegischen König Hakon verhandelte er, um den friedlichen Anschluss Islands an Norwegen zu erreichen – ein Plan, der fehlschlug und ihm viele Feindschaften eintrug. 1241 fiel er einem Mordanschlag zum Opfer. Der Anstifter war sein Schwiegersohn, ein gesandter desselben norwegischen Königs, dem er einst sein Gedicht gewidmet hatte.

 

Ein wesentliches Charakteristikum der Edda-Dichtung ist ihre eigentümliche Form, von der sich heutige Leser kaum mehr eine hinreichende Vorstellung machen können. Eines ihrer Grundprinzipien, der Stabreim, ist in Deutschland vom Hildebrandslied und in England vom „Beowulf“ her bekannt. Statt des Endreims bildet der Gleichklang im Anlauf der betonten Wörter das Rückgrat des Gedichts. Im Altnordischen und im klassischen Isländisch lag der Wortakzent stets auf der ersten Silbe, eine Betonung, die dem modernen Norwegisch fremd ist; nur in einem alten Osloer Arbeiterviertel haben sich Spuren davon erhalten.
Um dem Leser ein Gefühl für die Versform der Edda-Dichtung zu vermitteln, möchte ich einige Passagen aus einer englischen Nachdichtung zitieren. In der dritten Strophe der Völuspa heißt es:

Early Ages
there that Ymir settled
was not sand nor sea
nor sea-waves chilling nor up heaven
Ginnung-gap was there
but grass nowhere.

In dieser Versform, „Fornydislag“ , das heißt „Versrhythmus der alten Wörter“ , genannt, besteht jede Strophe normalerweise aus vier Verspaaren die auf acht Zeilen verteilt sind. Die Zahl der Alliterationen pro Zeile steht nicht fest; meistens sind es aber vier.
Einen Schritt von dieser gesamtgermanischen Verstruktur entfernt sich der „Ljodahatt“, der „Versrhythmus der Gesänge“ . Dabei handelt es sich um Langzeilen, die aus zwei Halbversen bestehen und durch ein komplexes Muster von Stabreimen verbunden sind. Diese Form wurde oft für Wechselgesänge benutzt. Das nachfolgende Beispiel ist die elfte Strophe aus dem Hávamál:

Burden better/ dears none abroad with him
than a cool dicretion/ with worser food
will fare yoe never/ than a big load of beer.

Die Skalden verfügten über noch mehr elaborierte Formen und Regeln für den Vers- und Strophenaufbau als die Dichter der Edda. Zu ihren rhetorischen Kunstmitteln gehörten „Heiti“ und „Kenning“ , Griffe auf die auch Snorri Sturluson in seinem Lehrbuch für Dichter großen Wert legte. Heiti sind obsolete Wörter, Synonyme oder poetische Wortschöpfungen, die ausschließlich in der poetischen Sprache vorkommen. „Kenningar“ sind konstruierte Formeln vom Typus: „Sohn der Erde“ für Thor, „Backenwald“ für Bart, „Seeroß“ für Schiff, „Unwetter der Axt“ für den Waffengang. In der Skaldendichtung finden sich noch weit kompliziertere, rätselhafte, metaphorische Ausdrücke dieser Art, die aus bis zu sieben Gliedern bestehen können.
Alle altnordischen Werke, die wir kennen, ob es sich um Poesie oder Prosa, Gesänge oder Sagas handelt, überlassen das Urteil über die erzählten Handlungen grundsätzlich dem Zuhörer. Der Autor oder Erzähler bleibt neutral. Ein wichtiger Aspekt der gebildeten Sprache ist das Understatement. außerdem ist der Dichter gehalten, sich kurz zu fassen. Manchem modernen Leser fällt es deshalb schwer, den hohen Ton zu verstehen, wenn beispielsweise der Donnergott Thor, um seine Größe darzustellen, so beschrieben wird: „Er war nicht klein.“
Aus all diesen Gründen bringt jede Prosa-Nacherzählung den Leser um eine phantastische Dimension dieser Literatur. Doch können Rhythmus und Metrum der Verse, ebenso wie Metaphorik, in keiner anderen Sprache als der altnordischen wiedergegeben werden, ohne dass dabei mehr als eine blasse Kopie entstünde. Norwegische Abiturienten werden heute noch im Altnordischen unterrichtet. Diese Schulung gibt ihnen, auch wenn sie nur rudimentär ist, die Chance, hinter die modernen Übertragungen zurückzugehen und ihnen eine Ahnung davon zu vermitteln, was ihnen entgeht.

 

Auch mir erscheinen diese Gedichte verständlich und höchst unklar zugleich – einerseits gehen sie mir nahe, andererseits sind sie unfassbar fern. Etwas von ihrer Magie haftet auch an den Eigennamen. Viele davon wurzeln in der Vergangenheit der skandinavischen Sprachen, und obwohl ihre ursprüngliche Bedeutung vergessen ist, wecken sie vielfältige Assoziationen. Es ist kein Zufall, dass sich moderne Fantasy-Romane ihrer bedienen. Ein Blick in J.R.R. Tolkiens Geschichten oder in die obskuren virtuellen Winkel des Internet beweist ihre Faszination.
Dass die nordischen Göttergeschichten ihre Lebenskraft nicht eingebüßt haben, liegt nicht nur daran, dass man sich mit den Personen und ihren Handlungen identifizieren kann. Vielleicht besticht uns im Gegenteil gerade ihre Fremdartigkeit. Vielleicht haben wir es nötig, die Kultur der Gegenwart in den alten Mythen zu spiegeln, und nicht in unserer Gleichzeitigkeit zu versinken. Vielleicht haben wir es aber auch nur mit zwei oder drei genialen Autoren aus dem 8.Jahrhundert zu tun, die etwas geschaffen haben, was der Erosion der Zeit widersteht. Jedenfalls steht fest, dass ihre Geschichten in immer neuen Verwandlungsformen weitererzählt werden bis auf den heutigen Tag.
Bevor ich mich mit der Edda-Dichtung näher beschäftige, habe ich mir unsere Vorfahren (ebenso wie andere vorindustrielle Völker) ganz anders vorgestellt: als Anhänger grausamer Kulte, Stammesgesellschaften, die sich zu finsteren und lebensgefährlichen Ritualen versammeln – ein Klischee, das sicher vielen Kindern heute nicht fremd ist. Wer die Edda kennt, wird sich von solchen Vorstellungen für immer verabschieden. Wenn man sich vor Augen hält, wie ihre Geschichten von einem Erzähler am Feuer vorgetragen werden, wird man eine Gesellschaft zu schätzen wissen, die ihre geistigen Energien in perfekte Verszeilen mit leuchtendem Inhalt umzusetzen wusste. Welch tiefer Ernst und welche Melancholie finden wir in Odins Wunsch, die Welt, die er mit erschaffen hat, zu verstehen, und wie leicht und spielerisch werden die Beziehungen zwischen Göttern und Menschen dargestellt!
Während das geschriebene Wort meist den Analphabeten ausgeschlossen hat, ging die frei im Raum fließende Erzählung alle an, auch unwissende Männer, Frauen und Sklaven. In dieser Situation deutete sich auch ein anderes Verständnis der Geschlechterrollen an. Wenn Thor seine Freundin preist, hebt er für uns ungewohnte Qualitäten hervor: „Ihr Bauch“, sagt er, „ist warm wie eine Schäre in der Sonne, und ihre Schenkel sind stark wie zwei Türpfosten. Sie ist stolz und lüstern….“ Mit Bewunderung, ja sogar mit einem Anflug von Angst reagieren die Asen auf Freias wütenden Tadel, als sie ihre Rüpeleien wieder einmal zu weit getrieben haben, und nicht ohne Schadenfreude wird erzählt, wie zwei Sklavinnen namens Menja und Fenja ihren habgierigen Herrn zu Fall bringen.
Mich belustigt auch die grundsätzliche Respektlosigkeit, mit der die Dichter der Edda jeder Autorität begegnen. Der Götterkönig ist keineswegs unsterblich, er hat nur ein einziges Auge und ist eigentlich ein Behinderter. Der Donnergott macht als bärtige Braut eine lächerliche Figur. Iduna, die Göttin der ewigen Jugend, ist so vergesslich, dass sie immer wieder ihre Leben spendenden Äpfel verliert. Hierarchie und Geschlechtertrennung werden in einem Atemzug festgehalten und sabotiert. Der Weltuntergang wird ganz unsentimental erzählt, denn er ist nicht endgültig. Dass von jeder Spezies eine Minderzahl überlebt, um aus Schlamm und Asche hervorzukriechen und eine neue Runde der Evolution einzuleiten – diese Idee sollte dem ökologischen Denken der Gegenwart bekannt vorkommen.

 

snorri Sturluson

Faszinierend und widersprüchlich ist auch die Rezeptionsgeschichte der nordischen Mythologie. Es hat immer Interpreten gegeben, die nicht glauben konnten, dass die rückständigen Hypoboräer von sich aus auf solche Erzählungen kamen. sie entwickelten eine Art Ansteckungstheorie, der zufolge sich dabei als einen späten Spross der griechischen Antike handeln müsse. Die Asen wären damit bloße Dubletten, Asgard nur eine nördliche Variante des Pantheons. Freia paarten diese Theoretiker mit Aphrodite, Baldur mit Apoll, Hel mit dem Hades, Frigga mit Hera, Ägir mit Poseidon und Odin mit Zeus. Was sie dabei außer acht ließen, ist der eigensinnige und höchst selbstständige Charakter dieser Götter, der durch solche Parallelen nicht zu erklären ist. Doch sind der Phantasie der Mythenforscher kaum Grenzen gesetzt. So wurde oft auch behauptet, dass Loki die Züge der gefallenen Engel aus der Bibel trage, und dass auf die Gestalt Baldurs, jedenfalls in den Versionen aus dem Mittelalter, das Vorbild Jesu abgefärbt habe. Das ist nicht ganz unwahrscheinlich, da die Christianisierung die schriftliche Überlieferung stark beeinflusst hat.
Fest steht jedenfalls, dass die klassische Literatur der germanischen Völker hauptsächlich auf einer kleinen Insel im Atlantik, 1500 bis 2000 Kilometer entfernt von anderen besiedelten Ländern, entstanden ist, zu einer Zeit, wo höchstens sechzig bis achtzigtausend Menschen auf Island lebten. Dieses Goldene Zeitalter hat uns ein paar tausend Handschriften und Fragmente hinterlassen; wir wissen aber, dass dies nur ein Bruchteil des ursprünglichen Bestandes ist. Das Schiff mit den beiden Büchern der Edda erreichte den Hafen, aber viele ähnliche Lasten sind im Meer versunken. Ein isländischer Pfarrer namens Sigurd Johansson verbrannte im Eifer der Reformation um 1620 ganze Berge alter Pergament-Handschriften aus einer Klosterbibliothek Árni Magnússon, der königliche Antiquar musste erleben, dass der größte Teil seiner einzigartigen Sammlung im Jahr 1728 bei einer großen Feuerbrunst in Kopenhagen zugrunde ging. Die Namen der verlorenen Schriften geistern immer noch im Pensum der Skandnavistik-Studenten herum.
Bis ins 14.Jahrhundert haben hunderte von Dichtern und Übersetzern noch klassisches Isländisch geschrieben, und ihre Werke sind immer wieder von Hand kopiert worden. Wie im übrigen Europa arbeiteten die Schreiber in Kirchen und Klöstern. Im Gegensatz zu andern Ländern beugten sich aber auf Island auch viele gewöhnliche Bauern, Landarbeiter, Dienstleute und Fischer in ihren winzigen Torfkaten über die Werke ihrer klassischen Literatur. Noch im 19. Jahrhundert saßen solche Leute in ihrer Freizeit zwischen Mahd und Schafschur über Handschriften und fertigten Kopien zum eigenen Gebrauch an. Der Nobelpreisträger Halldór Laxness erwähnt einen Alten der über fünftausend Sagas abgeschrieben haben soll. Er fragt auch nach den zahllosen Kalbfellen, die für die Einbände verbraucht worden sind, und beschreibt, wie die Leute über die Moore zogen, um Wildgänse zu fangen und zu rupfen, um genügend Schreibfedern zu gewinnen.
Auf dem Kontinent hat die Rezeption der nordischen Mythen verhältnismäßig spät begonnen. Untergründig mögen sie in mündlichen Überlieferungen in den Volksbüchern weitergelebt haben, und man ist versucht, in Faust und Mephistopheles Wiedergänge von Odin und Loki zu sehen – eine zugegebenermaßen kühne Hypothese. Aber erst in der Romantik setzte ein sozusagen offizielles Interesse an den germanischen Altertümern und damit auch die systematische Forschung ein. Unglücklicherweise ging sie bald, besonders in Deutschland, mit dem aufsteigenden Nationalismus Hand in Hand. So kam es zu einem schwer auflösbaren Amalgam zwischen Mythologie und Politik. Entscheidend für diesen Prozess war im späteren Verlauf das Werk Richard Wagners. Seine geniale Adaption nahm keine Rücksicht auf den ursprünglichen Gehalt der Mythen – sie kommen einer totalen Umdeutung gleich. Später bemächtigte sich der Chauvinismus der nordischen Götterwelt. Die fixe Idee von einer angeblichen nordischen Rasse zeitigte die bekannten Folgen. Von der ideologischen Instrumentalisierung durch die Nationalsozialisten hat sich Welt der alten Germanen bis heute nicht erholt. Noch immer beanspruchen Rechtsradikale und Neofaschisten die Deutungshoheit über diese versunkene Kultur und schmücken sich mit Runen und Namen aus ihrem Bestand.
Auch in Skandinavien ist diese ureigene Tradition nicht unangefochten geblieben. Nach verhältnismäßig harmloser Inanspruchnahme durch die Nationalromantik des späten 19.Jahrhunderts, besonders in Norwegen war es dann die Partei Vidkun Quislinge, die sie in den dreißiger und vierziger Jahren missbraucht hat. Sein Name ist als Synonym für die Kollaboratorien mit dem Feind in alle Weltsprachen eingegangen. Der Propaganda-Apparat der norwegischen Nazipartei erfand ein reinrassiges „Normannenvolk, das ähnlich wie das deutsche Herrenvolk, auf eine einzigartige, ruhmreiche Geschichte zurückblicken konnte und allen andern Menschen überlegen war. Aus Odin wurde in der Sicht der Quislinge ein geistloser Macho-Krieger, und die Liebesgöttin Freia wurde zur Gebärmaschine degradiert. Nach der Befreiung Norwegens von der deutschen Besatzung folgte 1945 eine heftige Abrechnung mit den Kollaborateuren. Es heißt, dass die Norweger im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Landesverräter hingerichtet haben als alle anderen Europäer. Schwieriger war es, die Symbolsprache der Nazis loszuwerden. Es ist heute noch undenkbar, Buchstaben zu benützen, die an die Runenschrift erinnern. Das Sonnenkreuz, ein immerhin dreitausend Jahre altes, ehrwürdiges Symbol, ist nach wie vor geächtet. Altnordische Worte, wie der fröhliche Gruß „heil og sael“, das soviel wie den Wunsch nach Gesundheit und Freude bedeutet, sind verpönt. Schon das Wort „germanisch“ erweckt ein leises Grauen.
Auch in Norwegen ist uns die rechtsradikale Welle der Gewalt nicht erspart geblieben. Grölende Neonazis und Satanisten haben sich unserer alten Überlieferungen bemächtigt, als wären sie ihr Eigentum.
Dennoch hat sich ein größerer Teil des norwegischen Kulturerbes vor der Zerstörung retten können. Lokale Märchen, Trachten, Volkstanz und Volksmusik blühen weiter, in puristischen Formen, oder gepaart mit Ethno-Moden und World Music. Viele Norweger finden, dass es an der Zeit ist, sich die eigene Geschichte und die eigene Mythologie zurückzuerobern. Tor Age Bringsvaerd hat es auf den Punkt gebracht, indem er sagte: „Wir haben die Diebe bestraft. Aber das Diebesgut haben wir ihnen überlassen.“
Das alles gilt nicht nur für Norwegen. Für die Deutschen stellt sich die Frage, ob sie gewillt sind, einen unentbehrlichen Teil ihrer eigenen Geschichte kampflos der Barbarei zu überlassen, noch weit schärfer. Nach einer langen, unglücklichen Rezeptionsgeschichte voller Missverständnisse, Fehldeutungen und ideologische Verbrechen, fällt es vielen schwer, zu erkennen, wie klug, wie heiter, wie souverän es auf dem nordischen Olymp zugegangen ist. Vielleicht trägt das Werk von Tor Age Bringsvaerd dazu bei, dass sich auch die Deutschen wieder aneignen, was ihnen gehört.

 

Im Norden leben die Riesen nicht nur in der Literatur weiter. In meiner Nachbarschaft gibt es zum Beispiel drei lokale Trolle, deren Namen jeder kennt. Auch andere Nachkommen der Jotnen, die zum Volk der Huldren gehören, nehmen jeden Sommer im Leben auf der Senne teil. So ist es auch auf Island. Dort sind die Straßenbehörden verpflichtet, an Ort und Stelle eigene Ratgeber zu befragen, um zu verhindern, dass es zu Konflikten mit Unterirdischen kommt. Weniger gut ist es den Zwergen und den Elfen ergangen. Wie anderswo sind sie auch bei uns von zahmen, ausdruckslosen Disney-Elfen verdrängt worden. Die Zwerge, einst für ihre enorme praktische und theoretische Intelligenz berühmt, geizig und gierig, sind zu harmlosen singenden Gesellen im Kinderfernsehen geworden. Der Freitag freilich ist Freias Tag geblieben, der Donnerstag gehört nach wie vor Thor, der Dienstag, „Tuesday“ oder „tirsdag“ dem Tyr und der „Wednesday“ dem Wotan.
Auch die Geschichte der Edda-Dichtung ist noch nicht an ihr Ende angekommen. Die Isländer haben 1941 ihre Unabhängigkeit von Dänemark erreicht. Dieser Gesellschaft von Schreibern und Lesern muss der Gedanke, dass sich ihr literarisches Erbe seit den Zeiten Frederiks III in den Klauen der Kolonialmacht befand, immer unerträglich gewesen sein. Lange nach dem zweiten Weltkrieg beschloss das dänische Parlament endlich ein Gesetz über die Rückgabe der Originalbandschriften und 1971 kehrten die ersten Manuskripte mit großem Pomp nach Island zurück. Noch heute sind die Isländer in der Lage die Gesänge der Edda vom Blatt zu lesen.
Immer noch tauchen gelegentlich aus sonderbaren Verstecken interessante Fragmente auf. Eine dieser Handschriften wurde unlängst im Futter einer Mitra in einem Museum aufgefunden. Manchmal findet ein Kleinbauer im Küstengebiet ein Pergamentstück in einem riesigen Sattel aus dem Mittelalter. Neue Techniken helfen dabei, verblasste Manuskripte oder Palimpseste in ultraviolettem Licht oder im Röntgenbild lesbar zu machen. Viele Originale kann man heute auch im Internet studieren.
So schön es ist, dass immer wieder neue Stücke dieses riesigen Puzzles auftauchen, soviel Freude macht es auch, die alten Geschichten immer wieder neu zu fassen. Ich bin, wenn ich Bringsvaerds Version meinen Kindern erzähle, nur ein weiteres Glied dieser langen Kette. Und sie wiederum sind schon längst dabei, ihre eigenen, oft sehr unterhaltsamen Verständnisse und Missverständnisse zu produzieren.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an den Norden

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 11


Loki

Von Tor Åge Bringsværd

idun

Das Meer kocht und brodelt. Ein schreckliches Haupt, groß wie ein Berg, erhebt sich langsam aus den Wellen. Das schuppige Ungeheuer streckt seinen Hals und sperrt schnaubend das Maul auf. Ein saurer Hauch dringt wie eine Windfahne aus seinem Rachen. Alles Lebendige ergreift die Flucht, die Fische im Wasser und die Vögel unter dem Himmel.
Es ist die Mitgardschlange, das Untier, das sich um die ganze Welt ringelt, und sich in den eigenen Schwanz beißt. Den riesenhaften Kopf wiegt sie spähend, lauschend, witternd hin und her. Langsam, aber zielsicher bewegt er sich auf einen fernen Schimmer zu. Es ist die Burg des Seekönigs, die dort glitzert und leuchtet. Hier herrscht Ägir, der mächtigste unter den Meeresriesen. Heute Abend wird dort ein Fest gefeiert.
Die Schlange zischt. Sie weiß, dass sich dort hinter den festen Balken des Hauses ihre schlimmsten Feinde versammelt haben. Denn Ägir ist ein Freund der Götter. Jedes Jahr lädt er sie zu einem großen Festschmaus ein. Hier sitzen die Asen lachend und ausgelassen unter den Riesen des Meeres und dessen Frauen.
Die großen Nüstern der Schlange zittern vor Gier. Alle sind da, denkt sie. Nur einer fehlt. Alle warten auf Thor. Der Donnergott kämpft hoch im Norden mit den Trollen. Bald wird auch er kommen und nach dem Trinkhorn greifen, wenn er die Riesenschädel in den Staub geworfen hat.
Die Mitgardschlange züngelt vor Ungeduld. Sie kann es nicht erwarten, Ägirs Burg über den Haufen zu werfen, jeden Balken zu zermalmen und sich über Haus und Hof zu wälzen. Aber dann fällt ihr ein, was ihr Hel, ihre Schwester, die Königin des Totenreichs eingeschärft hat. „Warte“, hat sie ihr geraten. „Warte bis ich dir ein Zeichen gebe! Dann ist uns der Sieg sicher.“ – „Was für ein Zeichen?“ wollte sie wissen.
„Ich habe einen kohlschwarzen Hahn“, flüstert Hel. „Wenn du ihn krähen hörst, dann weißt du, dass der Anfang vom Ende gekommen ist. Dann werden die Sterne erlöschen und die Berge erzittern. Die Bäume werden entwurzelt, und alles, was fest ist, verliert seinen Halt. Dann erst ist deine Stunde gekommen.“
Die Mitgardschlange schließt die Augen und seufzt. Sie windet sich heftig und versinkt im Meer. Es gluckst und dampft, und ein mächtiger, saugender Wirbel bleibt zurück.
Die Schlange ist für diesmal verschwunden.

 

Keiner in Ägirs Burg ahnt, was geschehen ist. Asen und Seeriesen spaßen miteinander. Auf dem tangbedeckten Boden wird fröhlich getanzt. Nicht Kerzen und brennende Fackeln erleuchten den Saal, sondern schimmerndes Gold. Es hängt in ganzen Klumpen von der Decke, es schmückt die Wände und liegt in glitzernden Haufen auf den Tischen. Die Diener laufen umher und kümmern sich darum, dass es keinem an Essen mangelt. Das Bier aber schenkt sich selber ein. Ein gewaltiger Kessel schwebt über den Tischen hin und her und sorgt dafür, dass kein Trinkhorn leer bleibt.
Die neun Töchter des Seekönigs singen und tanzen für die Gäste. Die Asen schlagen den Takt dazu und singen mit. Nur Odin sitzt still da und sagt kein Wort. Er rührt das Essen nicht an und trinkt nur Wein. Alle wissen, dass es nicht klug wäre, ihn zu stören, wenn er sinnt und grübelt.
Er hat die Augen geschlossen und denkt an die Welt. Die Welt, denkt er, gleicht einer Scheibe aus Holz mit kräftigen Jahresringen. In der Mitte wohnen die Asen, im nächsten Ring leben die Menschen, und ganz draußen am Rand hausen die Trolle.
Dann wieder kommt ihm die Welt wie eine Eierschale vor, die auf dem großen wilden Meer schwimmt, oder wie eine Daune, die in der Luft hierher und dorthin tanzt, die so lange in der Schwebe bleibt, wie der Atem der Götter reicht. So verletzlich ist das Ganze, so leicht zu zerstören, so nahe daran zu kippen und verlorenzugehen.
Er denkt an die alten Zeiten, da alles erschaffen wurde. Wie lange ist das her! Damals erschlugen er und seine Brüder den ungeheuren Riesen Ymer und erschufen aus dem Leichnam die ganze Welt. Aus seinem Blut wurde das Meer, aus seinem Fleisch das Land, aus seinen Knochen entstanden Berge und Klippen, aus seinem Haar wuchsen die Bäume und das Gras. Seinen Schädel haben sie damals wie eine große Kuppel über alles Erschaffene gesetzt. Er wurde zum Himmel. Odin lächelt, wenn er daran denkt.
Damals war er jung und ausgelassen wie ein Fohlen. Stolz wie ein Hahn, stark wie ein Ochse, spitzfindig wie ein Fuchs. Das ist lange her. Odin fühlt sich alt. Sein Bart ist weiß geworden. Wenn er morgens aufsteht, knacken seine Gelenke. Sein Auge trieft und schmerzt ihn. Jetzt lächelt er nicht mehr.
Er wird aus seinen Gedanken gerissen, denn drüben am Feuer hat Loki Streit mit einem Diener des Seekönigs angefangen. Loki geht auf ihn los, und ehe die andern sich´s versehen, schlägt und tritt er auf ihn ein. Der Diener versucht ihm zu entkommen, aber es ist zu spät, er stürzt mit dem Kopf gegen eine Tischkante. Obwohl er sich nicht mehr rühren und mit offenen Augen am Boden liegt, versetzt Loki ihm noch einen Tritt.
Voller Abscheu haben es die Asen mit angesehen. „Schande über dich, Loki!“ rufen sie. Als hätte er jetzt erst begriffen, was er getan hat, krümmt er sich und wimmert: „Das habe ich nicht gewollt. Es war seine Schuld. Ich winkte ihn herbei, doch er hat mich nicht beachtet. Er hat mich wie Luft behandelt! Er hat mich beleidigt! Ich kann nichts dafür!“
Einige von den Seeriesen treten ihm drohend entgegen. Doch Sigyn, Lokis Frau, kommt ihm zu Hilfe. „Mein Liebster“, ruft sie, „was hast du nur? Bist du verletzt?“ Ängstlich läuft sie herbei und stellt sich den Riesen in den Weg. „Lasst ihn! Es war ein Unglück. Das müsst ihr doch einsehen!“
Nun hat auch Odin sich erhoben. Alle weichen zur Seite und lassen ihn durch. Langsam geht er auf Loki zu. „Ich erwarte eine Erklärung“, sagt er. „Antworte!“ Loki schlägt die Augen nieder. „Ich habe es nicht gewollt“, jammert er. „Aus Versehen ist es geschehen, ich weiß nicht wie!“
Odin schüttelt den Kopf. „Ich verstehe dich nicht“, sagt er leise. „Vielleicht habe ich dich nie verstanden.“
Ägir ist wütend. „Ihr habt versprochen, dass dies eine geheiligte Freistatt sein soll!“ ruft er. Odin nickt. „Ich selber werde euch das Wergeld bezahlen! Ich gebe dir mehr, als du verlangst.“ – „Und Loki soll sich nie wieder hier blicken lassen“, bellt Ägir. „Mit Knüppeln soll er verjagt werden“, antworten die Gäste wie aus einem Munde. Loki ringt die Hände. „Milchbruder!“ bettelt er, doch Odin wendet ihm den Rücken zu. „Du bist dein eigner Feind“, sagt er. „Nun kann auch ich dir nicht mehr helfen.“
Schon sind zwei Seeriesen zur Stelle. Sie schlagen auf Loki ein und treiben ihn vor sich her aus dem Festsaal. Loki versucht, Kopf und Gesicht zu schützen, so gut es geht. „Loki“, ruft seine Frau, „warte ich komme mit!“ Aber die andern Frauen halten sie zurück. Sigyn fängt an zu weinen. Ihre beiden Sohne, Narwe und Wale, versuchen sie zu trösten. Da pocht Ägir mit seiner großen hölzernen Forke auf den Boden. „Lasst euch das Fest nicht verderben von diesem Störenfried!“ ruft er. „Es gibt noch reichlich zu essen, und an Met soll es nicht fehlen. Keiner soll sagen, dass er hungrig vom Tisch des Seekönigs aufstehen musste!“
Ale suchen nach einem scherzhaften Wort, oder sie stimmen ein Lied an. Aber die fröhliche Stimmung will nicht wiederkehren. Erneut wendet sich das Gespräch Loki zu. „Immer macht er eine gute Figur“, sagen sie, „aber im Grunde ist er boshaft und heimtückisch.“ Ägir seufzt: „Wer hätte sich träumen lassen, dass es soweit kommen musste? Habe ich nicht immer meine Ehre darein gesetzt, ein guter Gastgeber zu sein?“ – „Du hättest sie nie einladen sollen“, zischelt seine Frau. „Hör auf meine Worte: Von den Göttern kommt nie etwas Gutes.“ Sie heißt Ran und ist ein gefährlicher Wassertroll. Sie verachtet ihren Mann, weil er so gerne Odins Freund sein möchte.

 

Aber wo ist Loki geblieben? Ist er nach Asgard heimgeritten? Oder sucht er in Jotunheim Trost? Nein er sitzt unweit von Ägirs Burg auf einer Schäre und bläst Trübsal. Er sieht die Lichter und hört das Gelächter der Gäste. Er ballt die Fäuste und hat Tränen in den Augen; denn Loki fühlt sich ungerecht behandelt.
Nur weil er von den Riesen abstammt, glauben alle, dass sie mit ihm umspringen können, wie sie wollen. Hat er nicht das gleiche Recht wie alle andern Götter? Doch die Asen halten sich immer für was Besseres. Aber sie werden schon sehen! Er, Loki wird es ihnen zeigen!
Ein Raunen geht durch den Festsaal, als die Tür aufgerissen wird und Loki von neuem auftaucht. „Muss ich dich noch einmal mit dem Knüppel davonjagen?“ schnaubt Ägir. Aber Loki lacht nur und sagt: „Ihr glaubt gar nicht, wie durstig ich bin.“ – „Nie wieder wirst du unter den Asen sitzen“, ruft sein Halbbruder Brage. „Schande über dich!“ Doch Loki achtet nur auf Odin und spricht zu ihm: „Soll ich dich daran erinnern, wie wir in der Morgenfrühe der Zeit Blutsbrüderschaft getrunken haben? Damals schworen wir einander, dass keiner einen Trunk schmecken sollte, der nicht uns beiden geboten würde. Denk daran Milchbruder! Oder willst du wortbrüchig werden?“ Odin nickt müde. „Ich erinnere mich“, sagt er. „Ich erinnere mich allzu gut daran.“ – „Wenn ich wirklich fortgehen soll, dann will ich es aus deinem eigenen Mund hören“, fährt Loki fort. „Ein Wort von dir, und ihr seid mich los. Oder ein anderes Wort, und wir setzen uns an einen Tisch, wie wir es seit jeher getan haben.“
Odin zaudert. Ägir zuckt mit den Schultern. „Du hast mir versprochen, das Wergeld zu zahlen, Odin. Wenn du also mit so einem trinken möchtest…“ – „Ach, bitte, Odin, lass ihn doch hier bleiben“, wimmert Sigyn. Odin atmet schwer. Endlich sagt er: „Gut, schenkt ihm einen neuen Krug ein.“ Aber nun schüttelt Brage seine Faust und ruft hitzig: „Das lasse ich mir nicht gefallen!“ – „O doch!“ grinst Loki, „Du hast dir immer alles gefallen lassen, Brage Stubenhocker. Keiner unter den Asen ängstigt sich so wie du vor Kampf und Streit. Wenn du mir nicht glaubst, dann komm her und beweise, dass du Mut hast!“
Brage möchte es mit ihm aufnehmen, aber Iduna, seine Frau, hält ihn zurück. „Lass Loki in Ruhe“, sagt sie. „Er ist es nicht wert, dass du dich mit ihm einlässt.“ – „Du bist selber nicht viel wert, Iduna“, höhnt Loki. „Denn wenn Brage der Feigste unter den Männern ist, dann bist du die Geilste unter den Frauen!“
„Hört auf!“ rufen die Asen. Doch Loki ist nicht mehr zu bremsen. „Dein lieber Brage ist ja unser großer Dichter“, giftet er. „Aber wir andern haben auch keine Mühe gescheut, um dir mit unserm Stift eine kleine Freude zu machen.“ Da bricht Iduna in Tränen aus. „Kannst du ihm nicht das Maul stopfen, Odin?“ fleht sie. „Da bist du gerade an den Richtigen geraten“, grinst Loki. „bei dem weiß niemand, mit wem er es gerade hält. Oft genug hat er irgendeinem Lumpenkerl den Sieg gegönnt. Kein Wunder! Einäugig wie er ist!“
Jetzt hat Odin sich erhoben. „Weißt du noch“, hält er Loki vor, „wie du acht Winter lang als Magd gedient und unter der Erde Kühe gemolken hast?“ – „Ach was“, antwortet Loki, „du bist doch selber oft genug als Weib unter die Leute gegangen, damals, als wir jung und grün waren!“ Schon will er zu einer langen Geschichte ausholen, da unterbricht ihn Frigga.
„Was ihr beide in der Morgenfrühe der Zeiten alles getrieben habt, ist eure Sache“, sagt sie. „Lasst uns damit zufrieden!“ – „Das könnte dir wohl passen“, schnappt Loki zu. „Denn als wir beide unterwegs waren, Odin und ich, da bist du mit seinen beiden Brüdern unter die Bettdecke gekrochen.“ – „Schweig endlich!“ ruft Frigga. „Ja, da hältst du dir die Ohren zu“, antwortet Loki triumphierend.
Frigga ist jetzt außer sich vor Zorn, und die Tränen treten ihr in die Augen. „Wenn mir nur mein Baldur zur Seite stünde! Der würde dich in die Schranken weisen.“ – „Also habe ich gut daran getan, dafür zu sorgen, dass er nicht mehr unter uns ist.“
Ein lautes Murren geht bei diesen Worten durch den Saal. „Du weißt nicht mehr, was du redest“, ruft Freia. „Du hast wohl den Verstand verloren!“ – „Du warst auch nicht mehr ganz bei Trost, Freia, damals als ich dich auf deinem eigenen Bruder reiten sah!“ Nun verliert auch Tyr die Geduld. „Wage es ja nicht, Loki, dir das Maul über Frei und Freia zu zerreißen!“ droht er. Aber Loki lacht ihn aus. „Du willst mich daran hindern? Mit deinem einen Arm? Weißt du noch, wie der Fenriswolf dir die Hand abgebissen hat?“
„Dafür ist der Wolf nun für immer an allen vieren gebunden. Und so, wie er nun daliegt und sich in seinen Ketten windet, so werden wir auch dich fesseln, wenn du nicht das Maul hältst“, sagt Frei. Loki spuckt vor ihm aus und bellt: „So redet einer, der sein eigenes Schwert verkauft hat, nur um mit einer Trolltochter herumzuhuren! Hört, was ich euch sage: Wenn der Tag kommt, an dem die Söhne von Muspilheim durch den dunklen Grenzwald reiten, wird Frei wehrlos dastehen, ohne eine Waffe zu der er greifen kann!“ – „Du bist betrunken und du hast genug gesagt“, ruft Heimdall. Aber Loki hält nicht inne. Er tänzelt durch den Saal, hält hier an und dort, und er beschimpft jeden, vor dem er stehenbleibt.
Odin hat wieder Platz genommen. Er beugt den Kopf und schweigt. „Warum werfen wir ihn nicht vor die Tür?“ fragt Heimdall. „Weil dies eine geheiligte Freistatt ist“, antwortet ihm Siv. „Wir haben Ägir, unserem Gastgeber, geschworen, Frieden zu halten, solange wir in seinem Haus sind. Loki will uns nur soweit bringen, dass wir unseren eigenen Schwur brechen.“ – „Oh, meine Siv mit dem goldenen Haar“, grinst Loki, beugt sich über sie und zupft an ihren langen Flechten. „Weißt du noch, wie schön wir es miteinander hatten, damals als dein Thor aus dem Haus war?“
In diesem Augenblick dröhnt ein Donnerhall durch den Saal, und ein lärmender Wagen, gezogen von zwei scharfen Böcken, rollt durch die Pforte. Es ist Thor, der nach vielen Faustkämpfen, blutend und schmutzstarrend, mit wehendem Bart und Haar, zu den Festgästen stößt. In der Faust schwingt er seinen Hammer Mjölner. „Noch ein Wort von dir, du Ratte, und ich zerknicke dich wie einen verrotteten Zweig!“ – „Verrotten magst du selber“, antwortet Loki mit kalter Miene. „Ich weiß noch gut, wie viel Angst du hattest, damals im Osten von Utgard, als wir im Fausthandschuh eines Riesen übernachten mussten.“ Thor packt Loki am Nacken und droht ihm mit dem Hammer. „Ich schlage dir den Kopf ab!“ ruft er.
Da springt Sigyn herbei und schlägt mit ihren kleinen Fäusten auf Thor ein. „Lass ihn los, du Ochse! Nimm die Pfoten von meinem Loki!“ Thor brummt und sieht sich fragend um. „Lass ihn gehen“, sagt Odin müde. Thor hebt Loki hoch und lässt ihn krachend zu Boden fallen. „Tut es weh, mein Lieber? Hat er dir etwas angetan?“ jammert Sigyn und nimmt ihn in die Arme. „Was musstest du auch so schlimme Dinge sagen?“ Loki schiebt sie von sich und steht auf. „Das erste Mal“, sagt er, „habt ihr mich mit Knüppeln davongejagt. Das zweite Mal gehe ich aus freien Stücken.“ Er richtet einen kalten Blick auf Odin. „Was ich euch zu sagen hatte, habe ich gesagt. Nun wissen wir, was wir voneinander zu halten haben.“ Dann wendet er den Asen den Rücken zu und geht zur Tür.
„Wenn wir uns wiedersehen, hast du meinen Hammer im Genick“, ruft Thor ihm nach. Unter der Tür dreht Loki sich noch einmal um. Er wendet sich an den Seekönig. „Dir Ägir, sage ich: Nie wieder wirst du ein Fest geben, weder den Asen, noch den Riesen. Und alles was du besitzt, soll in Flammen aufgehen.“ Dann ist er verschwunden.

jörd- Erd- und Fruchbarkeitsgöttin

Nach einer Weile nehmen auch die Asen Abschied. Am Meeresstrand holt Frei aus seiner Gürteltasche eine kleine Decke hervor. Er breitet sie aus und wirft sie aufs Wasser. Sogleich wird ein mächtiges Schiff daraus. Die Asen gehen an Bord des Skidbladner und segeln heimwärts.
Odin steht am Steven und spürt den Wind im Gesicht. Er denkt an Loki und an die alten Zeiten, als sie alles miteinander geteilt hatten. Viel Freude hat er mit diesem Sohn der Trolle erlebt, und oft haben sie miteinander gelacht. Doch nun ist das Fest vorbei. Loki ist keiner mehr von den Asen.
Ohne dass er es merkte, hat Frigga sich zu ihm gesellt. Jetzt lehnt sie den Kopf an seine Schulter. „Wie konnte ich mich nur so in ihm täuschen?“ grübelt Odin. „Solche Fehler bleiben keinem erspart“, antwortet Frigga und birgt ihr Gesicht in seinem rauen Mantel.

 

Die Stimmung in Asgard ist gereizt. Alle reden über Loki. Jetzt erinnert sich niemand mehr an seine guten Dienste. Wie oft haben seine Einfälle den Asen geholfen, als Not am Mann war! Wie oft haben sie über seine Scherze gelacht! Aber das ist alles vergessen. Jetzt lässt keiner mehr ein gutes Haar an Loki. Nicht nur, dass er uns zum Narren gehalten und hinters Licht geführt hat, heißt es; nicht nur, dass er Schuld ist an Baldurs Tod; er hat auch dafür gesorgt, dass sein Halbbruder nicht von den Toten zurückkehren durfte. „Er ist auch noch stolz auf seine Untat“, sagt Heimdall. „Er macht sich lustig über uns!“ – „Ich zerschmettere ihm den Schädel“, ruft Thor.
Nur Sigyn hält ihm die Stange. „Ihr vergesst, dass ich ihn liebhabe“, sagt sie. „Ach Sigyn“, raten ihr die andern Trauen, „was hast du davon? Nichts als Ärger! Warum suchst du dir nicht einen andern?“ Aber Sigyn schüttelt den Kopf und geht ihrer Wege. „Das Herz hat keine Wahl“, sagt sie. „Niemand kann sich seine Liebe aussuchen.“
Odin befiehlt, dass Loki bei lebendigem Leibe gefangen und bestraft werden soll. Er schickt seine Raben Hugin und Munin aus nach Mitgard und nach Jotunheim und bittet Zwerge und Alben um Hilfe bei der Suche. Die Walküren reiten über Berg und Tal, Meer und Wolken. Er selber hält Ausschau von seinem Thron hoch über der Götterburg. Ich habe dich geliebt, denkt er voll Bitternis, während er den Blick über die Welt schweifen lässt. Er starrt hinaus, bis ihm die Augen tränen.
Loki ist weit in die Wildnis gegangen. Auf dem Gipfel eines hohen Berges hat er sich ein Haus gebaut, ein Haus mit vier Türen, damit er von seinem Stuhl aus den Blick frei hat in alle Himmelsrichtungen. Nicht weit davon stürzt ein Wasserfall in die Tiefe. Jeden Morgen verwandelt er sich in einen Lachs, der im rauschenden Wasser spielt. Niemandem wird es einfallen, nach einem Fisch zu suchen, denkt er. Bald werden es die Asen müde werden, nach mir zu suchen. Bald haben sie mich vergessen und dann ist meine Zeit gekommen! Dann will ich endlich meinen Sohn, den Fenriswolf, zu mir rufen, mein Kind, die Mitgardschlange, und Hel, meine mächtige Tochter, die über das Reich der Toten herrscht! Und dann nehmen wir Rache und werden dieser ganzen Welt ein Ende machen!
Doch wenn er dann am Abend ganz allein am Feuer sitzt, nach einem langen Tag im kalten Wasser, wenn er Schuppen und Flossen abgelegt und sich an den glatten, heißen Steinen aufwärmt, wenn er dann durch die vier Türen hinaus in die Dunkelheit späht, dann beschleicht ihn die Angst. Wie mit leichten, unruhigen Flügelschlägen zuckt es in seiner Brust, und ohne dass er es merkt, fangen seine Finger an, sich zu regen. Er hält einen leinenen Faden in der Hand und zupft und nestelt daran, bis ein Netz aus engen Maschen daraus wird. Was treibt er da? Hat er nicht allen Grund, das Garn zu fürchten, das er knüpft.

 

Die Asen aber haben die Fahndung nach Loki nicht aufgegeben. Eines Tages sieht er in der Ferne eine lange Kette von Gestalten, die das Gebirge absuchen. Mit jedem Schritt kommen sie näher. Rasch wirft Loki das Netz ins Feuer, nimmt seine Fischgestalt an und springt glatt und zappelnd in den Wasserfall.
Die Asen finden das Haus leer, aber sie sind sich ganz sicher, dass kein lebendiges Wesen bei ihrer Suche durchgeschlüpft ist. Sie untersuchen die Asche im Herd und entdecken das Muster des verbrannten Netzes. Da wissen sie sogleich, wonach sie zu suchen haben. Sie knüpfen ein neues Netz und werfen es in den Fluss. Thor hält es am einen Ende, das andere Ende halten die übrigen Asen fest Nun durchkämmen sie watend den Fluss. Loki schwimmt vor dem Netz her, so tief wie möglich am Grund des Wassers, hält still, legt sich flach zwischen zwei Steine und hält den Atem an. Er spürt im Rücken, wie das Netz in streift. Auch die Asen haben bemerkt, wie etwas in den Maschen zuckt. Sie binden schwere Steine an das Garn, bevor sie es von neuem auswerfen. Da flüchtet Loki und stürzt in die Tiefe. Mit einem Satz kehrt er um, macht einen Luftsprung über das Netz und schwimmt zurück zum Wasserfall.
Doch nun haben die Asen ihn gesehen. Sie teilen sich in zwei Gruppen, von denen jede ein Ende des Netzes hält. Thor watet in der Mitte des Flusses. So ziehen sie Schritt für Schritt das Netz nach unten. Noch einmal wagt Loki einen Sprung über das Garn, aber diesmal ist Thor schneller. Wie ein hungriger Bär wirft er sich nach vorn und greift nach ihm. Beinahe wäre der glatte Leib ihm durch die Finger geschlüpft, doch es gelingt ihm, den Lachs am Schwanz zu packen. „Lasst mich los!“ zetert der zappelnde Fisch. Da deutet Freia auf ihn und ruft: „Du, der du dich in Fischgestalt verbirgst – ich befehle dir, komm her und zeige dich! Sei, der du bist!“ Sogleich liegt Loki wimmernd zu ihren Füßen. „Hast du vergessen“, sagt Freia, „wer dich vor langer, langer Zeit, alle deine Künste lehrte? Jetzt bereue ich es, denn du warst es nicht wert, dass ich meine Zeit mit dir vergeudet habe“ Sie wendet sich an Odin. „Was soll mit ihm geschehen?“ fragt sie. Doch Odin wendet sich ab und schüttelt den Kopf. „Tut mit ihm, was getan werden muss“, antwortet er müde.
Auch Sigyn findet keine Worte mehr. Sie steht wie angewurzelt da und streckt die Arme nach ihrem Mann aus. Nur Wale und Narwe, seine beiden Söhne, versuchen Loki zu Hilfe zu kommen. Sie stürmen brüllend auf ihn zu, doch die Asen halten sie mit Leichtigkeit zurück.
Plötzlich stößt Thor einen Schmerzensschrei aus. „Der kleine Köter hat mich gebissen“, ruft er. „Schaut nur, seine Zähne! Sie wachsen und wachsen! „sagt Brage. Wahrhaftig! Wale sprießen lange schwarze Haare im Gesicht, er knurrt und fletscht die Zähne, ein Fell wuchert ihm auf der Brust und auf den Armen. „Lasst ihn los“, ruft Freia, „lasst sie los, alle beide!“
Die Asen haben Lokis Söhne umringt. Unter ihren Augen verwandelt Wale sich in einen Wolf. Er zeigt den Göttern die Zähne und schnappt nach ihnen. Dann fällt er über seinen eigenen Bruder her, setzt ihm die Hauer an die Kehle und beißt ihn tot. Die Asen weichen zurück, und der Wolf entkommt. „Mein Kind“, ruft Sigyn ihm nach, „was tust du?“ Wale wendet sich zu ihr um und zeigt ihr die Zähne. Aus seinem Rachen rinnt Blut. „Hinke fort nach Jotunheim, räudiges Graubein“, ruft Freia. „Dort gehörst du hin! Eines Tages wirst du bitter bereuen, was du getan hast. Nie sollst du Trost und Vergessen finden!“
Die Asen ziehen aus Narwes zerfleischtem Leib die Gedärme und fesseln damit Loki an Händen und Füßen. Sie legen ihn auf den Rücken, so dass er auf drei scharfen Steinen zu liegen kommt: ein Stein unter der Schulter, einer unter den Hüften, und einer unter den Kniekehlen, und sogleich verwandeln die blutigen Gedärme sich in eiserne Ketten.
Da liegt er nun und heult und jammert. Er ruft nach dem Fenriswolf und nach der Mitgardschlange, er ruft nach Hel, doch niemand antwortet ihm. Eine ganz andere Schlange windet sich vor seinem Gesicht. Es ist Schad, Njörds Frau, die das Gewürm in der Hand hält und das Gift auf Loki träufeln lässt. „Das könnt ihr doch nicht mit ihm machen“, ruft Sigyn verzweifelt, doch Schad lacht nur und lässt die Schlange über Lokis Augen baumeln. „Eine Schlange bist du“, flüstert sie ihm ins Ohr, „und eine Schlange soll dir Gesellschaft leisten.“
Die Asen brechen auf, doch Sigyn bleibt bei ihrem Mann. „Liebst du ihn denn so sehr“, fragt Schad sie und sieht zu, wie sie eine Schale über ihren Mann hält, um das Gift aufzufangen. „Ich habe keinen ander“, sagt sie. Seine Ketten kann sie nicht sprengen, und nach dem Kopf der Schlange wagt sie nicht zu greifen. Als die Schale überfließt, wendet sie den Kopf ab, um sie auszugießen, und da trifft ein Spritzer auf Lokis Gesicht. Er wälzt sich so stark in seinem Schmerz, dass der Boden unter ihm erzittert. Das ist es, was die Menschen ein Erdbeben nennen.
So wird Loki nun liegenbleiben bis ans Ende der Welt. Erst wenn es gekommen ist, heißt es, sollen die Ketten von ihm abfallen wie verdorrtes Gras. Dann, so heißt es, wird nicht nur Loki freikommen; auch der mächtige Fenriswolf wird sich losreißen und mit offenem Rachen, aus dem der Schaum wie Wolken über die Erde treibt, über Land und Meer hetzen. Auch die große Mitgardschlange wird sich dann über die Ufer des Weltmeeres wälzen, und der Erdboden wird sich auftun, so dass Hel an der Spitze ihres gewaltigen Totenheeres ihren letzten Ritt antreten kann. So ist es vorherbestimmt. So wird es geschehen.
Daran muss Odin denken. Er weiß es. Und dennoch fehlt ihm Loki. Er denkt an ihn wie an einen toten Bruder, und er vermisst ihn.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an die Legenden

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 9


Baldur

Von Tor Åge Bringsværd

baldur

Ganz sonderbare Winde fegen auf einmal über die Welt. Im Winter fällt kein Schnee mehr. Der Sommer ist verregnet. Wo sind die Fische im Meer geblieben? Und warum liegt ein gelber Schleim auf den Klippen am Strand? Das Vieh vergisst zu schlafen, Bäume stürzen um oder suchen einer beim andern Halt. So geht es in Mitgard zu und in Jotunheim, und sogar die Götter bleiben nicht verschont.
Die Asen sind beunruhigt. Sie haben sich an Urds Brunnen versammelt, um Rat zu halten. Aber keiner weiß eine Erklärung für die Unordnung, die über die Welt gekommen ist. Jeden Morgen setzt Odin sich unter den größten Weltenbaum, und Hugin und Munin, seine beiden Raben, hüpfen von Zweig zu Zweig. Er fürchtet, dass bald auch das Laub Yggdrasils anfangen könnte zu verwelken. Doch bisher ist die große Esche grün und saftig geblieben. Solange sie ihre Äste über die Welt ausbreitet, gibt es noch Hoffnung auf bessere Zeiten. So lauten die Weissagungen, und so steht es in mächtigen Runen geschrieben. Jede Nacht liegt Odin wach und lauscht den Wölfen, die den Mond anheulen. Unter seinen vielen Söhnen ist Baldur der jüngste. Er ist so schön, dass er beinahe an ein junges Mädchen erinnert, auch ist er von allen der sanfteste und der freundlichste. Breidablick heißt sein Hof und dort wohnt er mit Nanna, der treuesten aller Frauen, und ihrem Sohn Vorsete.
Früher haben manche sich über Baldur lustig gemacht, weil er so vorsichtig ist. Einen Schwächling haben sie ihn genannt, denn für Kampf und Streit hatte er nie viel übrig. Am liebsten wollte er mit allen in Frieden leben. Doch jetzt, da eine graue, hoffnungslose Decke wie ein großer Sauerteig, über der Welt liegt, betrachten ihn viele mit neuen Augen.
Jetzt heißt es auf einmal; Gut, dass wir Baldur haben. Solange er, der unschuldig ist wie ein Kind unter uns ist, können Gewalt und Bosheit nicht siegen. Es geht ein Leuchten von diesem hellen Gott aus, und alle, die in seiner Nähe sind, steckt er mit seiner freundlichen Miene an. Selbst die unverbesserlichen Lügner und Intriganten schweigen, wenn er kommt, und schlagen ihre Augen nieder.
Auch Odin möchte alles schützen, was auf der Erde lebt, aber vertraut am ehesten auf sein Schwert und seinen Speer, wenn es darum geht, der Gemeinheit und dem Verrat zu wehren. Ein freundliches Lächeln, denkt er, war noch nie imstande, einen gierigen Feind aufzuhalten. „Wenn ihr Frieden haben wollt“, brummt er, „müsst ihr euch auf den Krieg gefasst machen.“ Das sagt er allen, die es hören wollen. Aus diesem Grund war Baldur nie ein Sohn nach seinem Geschmack. Doch in der letzten Zeit sehen die Asen den Götterkönig immer öfter nach Breidablick reiten. Frigga, die immer eine Schwäche für Baldur hatte und ihn stets in Schutz genommen hat, freut sich sehr darüber, dass Odin sich ihm zuwendet.
Ja, die Zeiten haben sich geändert. Nichts ist mehr so, wie es war. Odin fühlt sich bedroht. Überall sieht er das Unheil mit bösen Augen und scharfen Zähnen lauern. Da kann es nicht schaden, auf der Hut zu sein. Vieles versteht Odin, aber manches ist ihm rätselhaft geblieben. Nun will er auch dahinterkommen, wie Baldur denkt. In Breidablick ist er immer willkommen. In letzter Zeit sitzen Vater und Sohn öfter beieinander, und ganze Abende lang gibt ein Wort das andere.
Warum ist Baldur immer so bleich und abgespannt? Ist er krank? Es sind die Albträume, die ihn heimsuchen. Er sieht, wie die Berge aufbrechen, als hätten sie offene Wunden. Er sieht brennende Wolken. Er sieht einen Winter, der nie zu Ende geht. Er sieht seinen eigenen Namen mit Blut geschrieben. Mitten in der Nacht wacht er schweißgebadet auf und erstickt einen Schrei mit der Bettdecke.
Von den anderen will er sich nichts anmerken lassen. Aber endlich wird es ihm zuviel, und er muss zugeben, dass er von schlimmen Ahnungen geplagt wird. Die Asen hören es nicht gerne; Denn Baldur war immer eine Lichtgestalt in Asgard, und wenn sogar er finster dreinblickt, ist das ein schlechtes Zeichen.
Auch Frigga ist bekümmert. Sie zieht nach Osten und Westen, Norden und Süden. Keiner soll Baldur etwas antun! Dafür will sie sorgen. Jeden Stein wendet sie um und untersucht jede Höhle. Allem, was da kriecht und läuft, fliegt und schwimmt, nimmt sie ein Versprechen ab: niemand soll Baldur etwas zuleide tun. Sogar Feuer und Wasser, Bäume und Felsen, Pest und Krankheit müssen ihr hoch und heilig schwören, dass sie ihren Liebling verschonen. Die Asen sind erleichtert, und Baldur ist froh. Zwar quälen ihn immer noch böse Träume, aber was sie ankündigen, hört sich wie eine leere Drohung an. Er kann hoffen, dass sie bald verfliegen werden, wie ein Schatten vor der Sonne.

 

Um seine Genesung zu feiern, richten die Götter ein großes Fest ein. Einer von ihnen kommt auf die Idee, das Schicksal auf die Probe zu stellen. Baldur soll als Zielscheibe dafür dienen. Alle werfen Steine auf ihn und beschießen ihn mit Pfeil und Bogen. Doch alle Geschosse prallen von ihm ab. Baldur lacht nur über den Hagel. Er ist unverwundbar. Die Götter jubeln.
Nur einer hält sich zurück und stimmt nicht in die Freudenrufe ein. Einer der die Fäuste ballt und sich davonschleicht. Es ist Loki. Voll Neid und Eifersucht schnaubt er: „Warum machen alle soviel Aufhebens wegen Baldur? Alle haben einen Narren an ihm gefressen. Und was ist mit mir?“ Die Wahrheit ist, dass die beiden sich nie leiden konnten. Aber nun hat Loki wohl den Kopf verloren. Als altes Weib verkleidet, sucht er Frigga auf. „Was ist denn mit Baldur geschehen“, fragt er sie. „Haben sich wirklich alle Dinge auf der Welt verschworen, ihn zu hätscheln?“ – „Ja“, antwortet Frigga stolz. Loki schlägt die Hände über dem Kopf zusammen vor Verwunderung. Frigga lächelt. Sie ist gut gelaunt, denn dies ist ein großer Tag für sie. Außerdem findet sie das alte Weib, das vor ihr steht, ziemlich komisch. „Bis du sicher?“ fragt Loki mit dünner, pfeifender Stimme und legt den Kopf schräg. „Jedes winzig kleine Bisschen soll dir versprochen haben, dass Baldur nichts geschieht?“ – „Fast“, sagt Frigga. „Nur im Westen Walhalls, da wächst eine kleine Mistel. Die kam mir so klein und unahnsehnlich vor, dass es lächerlich gewesen wäre, ihr einen Eid abzufordern. So ein winziges Zweiglein, dachte ich, kann doch keinen Schaden anrichten.“
Schon macht Loki sich auf den Weg, um die Mistel zu suchen. Er hat Glück und findet sie. Gleich bricht er den Zweig ab und nimmt ihn mit auf die große Wiese, wo die Götter immer noch bei ihrem Schützenfest sind.
Einer von den Asen, aber steht in der Ecke und nimmt an ihrem Spiel nicht teil. Er heißt Hod und ist ein Halbbruder Lokis. In den großen Kriegen hat er nie eine Rolle gespielt, und auch jetzt hält er sich im Hintergrund. Das hat einen einfachen Grund. Hod ist blind. Scheinheilig fragt Loki ihn. „Was ist mit dir mein Freund? Warum machst du nicht mit. Alle schießen auf Baldur und du siehst doch, dass ihm nichts geschieht.“ – „Du weißt wohl, dass ich blind bin und ihn gar nicht sehen kann“, sagt Hod. „Oh“, flüstert Loki ihm ins Ohr, „daran soll es nicht fehlen. Ich zeige dir, wie du zielen sollst.“ – „Ich trage keine Waffe“, antwortet Hod. „Dann nimm diesen Bogen und die Mistel hier, alle erweisen Baldur die Ehre, da kannst du nicht beiseite stehen.“ – „Gern“, ruft der Blinde dankbar und ergreift den Bogen. Loki führt seinen Arm. „Ein bisschen weiter nach rechts…. Noch ein bisschen…. So!“ Und Hod ruft: „Schau nur Baldur! Jetzt bin ich auch dabei.“ Baldur lacht und streckt ihm seine Arme entgegen. „Jetzt!“ flüstert Loki – und Hod lässt die gespannte Saite los.
Der Pfeil trifft Baldur, der einen hellen Schrei ausstößt und zu Boden sinkt. Der Pfeil hat ihn mitten in der Kehle getroffen. Baldur ist tot.
Es wird ganz still auf der großen Wiese. Die Asen trauen ihren Augen nicht. Dann erst bricht der Jammer los. Das, was sie um jeden Preis verhindern wollen, jetzt ist es geschehen. Nie hat ein schlimmeres Unglück Götter und Menschen getroffen.
Viele umringen Hod, um Baldur zu rächen. Einige deuten auch auf Loki. Aber Odin greift ein. „Haltet ein“, ruft er. „Dies hier ist ein geheiligter Ort. Es ist genug Blut vergossen worden an diesem Tag. Baldur war mein Sohn. Hod ist mein Sohn und Loki ist mein Milchbruder. Es ist sinnlos Vergeltung zu üben.“ Nie sahen ihn die Asen so alt und müde.
„Es war alles nur ein Missverständnis“, wimmert Loki und legt den Arm um Hods Schulter. „Keiner von uns hat das gewollt!“ Dann wendet er sich mit harten Worten Frigga zu: „Dir haben wir vertraut. Hast du uns nicht versichert, dass Baldur kein Leid geschehen kann? Wie sollten wir ahnen, dass du so leichtfertig warst und hier einen Strauch und dort einen Zweig auf Baldurs Heil einzuschwören vergessen hast? Es ist deine Schuld, dass es ein böses Ende mit ihm nahm!“ Loki hat sich in Hitze geredet, und er ist ein Meister darin, die Wörter so zu drehen, wie es ihm passt. Frigga wendet sich schluchzend von ihm ab. „Es ist Schicksal“, murmelt einer. „Was geschehen soll, geschieht“, sagt ein anderer. „Niemand kann sein Schicksal ändern. Baldurs Träume hätten uns eine Warnung sein sollen.“ – „Er ist tot“, weint Nanna, seine Frau. „Wir werden ihn nie wiedersehen.“ Aber da richtet Frigga sich auf. Der Trotz leuchtet aus ihren Augen. „Nein“, ruft sie, „ich gebe nicht auf. Ich will ihn wiederhaben. Wer von euch, wer von Odins Söhnen will mein Sendbote sein? Wer will meine ewige Dankbarkeit gewinnen und ins Totenreich reiten? Wer von euch spricht mit Baldur? Wer fragt Hel, die Herrin über das Totenreich, um welchen Preis sie ihn freigibt, so dass er zu mir nach Asgard heimkehren kann?“

 

Alle schweigen. Sogar Odin zögert und Thor schaut betreten zu Boden. Doch dann tritt Hermut hervor, der sich immer zurückgehalten hat. Man hat wenig von ihm gehört, obwohl er auch einer von Odins Söhnen ist, denn er ist zwar ein guter Kämpfer und berühmt für seine Reitkunst, doch drängt er sich niemals vor und lässt andere das große Wort führen. Nun aber sagt er. „Ich reite für Baldurs Mutter zu Hel ins Totenreich. Ihr müsst mir nur das beste Pferd gebe, das es gibt.“ Der Götterkönig nickt. Er befiehlt, dass Sleipnir, sein eigenes Pferd, gezäumt und gesattelt wird.
Hermut steigt auf den achtbeinigen Hengst und sprengt über die Regenbogenbrücke davon. Wie ein Gewitter dröhnt das Echo von Sleipnirs Hufen den Asen in den Ohren, bis es in der Tiefe des Nordens verhallt.
Nun müssen die Götter Baldur bestatten. Sie tragen seine Leiche zur Küste. Dort liegt ein großes Schiff vor Anker. Schon ist ein gewaltiger Scheiterhaufen auf dem Deck errichtet. Doch als sie versuchen, das Schiff aufs Wasser zu schieben, rührt es sich nicht von der Stelle. Nicht nur den Asen steht der Schweiß auf der Stirne, auch aus Mitgard und aus Jotunheim sind viele gekommen, um Baldur die letzte Ehre zu erweisen. Doch sosehr sie sich auch anstrengen, das Schiff liegt wie festgenagelt im Sand. Nicht einmal Thor gelingt es, den schweren Rumpf zu bewegen. Da stößt eine Riesin zu den Versammelten. Sie kommt auf einem Wolf geritten, den sie mit zwei Kreuzottern lenkt. Sie sieht, wie sich die Asen vergeblich abmühen, springt ab, spuckt in die Hände und schiebt das Schiff an. Wie durch Zauberei gleitet der schwere Rumpf so rasch über die Rundhölzer ins Wasser, dass er Funken schlägt.
Thor muss zusehen, wie ihn eine Riesin auf dem Feld schlägt. Wütend ruft er: „Das ist alles nur ein fauler Trick dieser Hexe. Der werde ich den Schädel mit meinem Hammer zertrümmern!“ – „Lass das“, sagen die Asen. „Was hat sie dir getan? Danken sollten wir ihr, dass sie uns geholfen hat.“ Und die Riesin steht breibeinig daneben und stützt die Hände auf ihre wuchtigen Hüften. „Seid froh, dass ich etwas für die Asen übrig habe“, sagt sie gelassen und zwinkert dem Donnergott zu, der sich am Bart zupft und grollt. Aber seinen Hammer muss er wieder einstecken.
Nun wird Baldurs Leichnam an Bord gebracht. Als seine Frau Nanna es sieht, bricht ihr das Herz vor Kummer. Auch sie wird tot aufs Schiff getragen und neben ihren Mann gelegt. Baldurs Pferd steht an den Mast gebunden, gebürstet und gestriegelt mit vollem Sattelzeug. Nun streift Odin sich Draupne, seinen wertvollen Ring vom Finger. Es ist sein kostbarster Goldschmuck, die Unterirdischen haben ihn einst, vor langer, langer Zeit, geschmiedet. Er hat Zauberkräfte. Jede Nacht träufeln aus ihm acht neue Ringe. Odin kniet neben Baldur nieder und legt Draupne auf seine Brust. Alle sehen, wie die Tränen ihm am Bart herab rinnen.
Dann wird ein großes Feuer entzündet. Thor tritt hervor und schwenkt seinen Hammer über den Flammen, um sie zu segnen. Ein Zwerg hat sich unter dem Kiel des Bootes versteckt. Thor versetzt ihm einen Tritt, so dass er kopfüber ins Feuer stürzt und wie ein kleiner trockener Zweig verbrennt. Die Taue werden gekappt und das Schiff gleitet endlich hinaus aufs Meer.
Am Strand schauen die Asen und die Walküren zu, wie es feurig in die offene See hinaustreibt. Odin hat seine beiden Raben auf den Schultern und hält Frigga an der Hand. Auch Freia ist, von ihren Katzen gezogen, mit ihrem Wagen gekommen. Frei kam auf Gullborste, dem riesigen Eber mit den schimmernden Borsten, geritten, und aus Walhall haben die Untoten sich eingefunden. Sogar die Riesen sind zur Stelle, und alle blicken dem brennenden Schiff nach, bis es wie ein kleiner Funken am Horizont verglüht.

 

hodur

Unterdessen ist Hermut auf dem Weg nach Niflheim. Neun Tage und neun Nächte reitet er durch dunkle, tiefe Täler, bis er den wilden, eiskalten Fluss erreicht, dort wo die Welt der Lebenden an die der Toten grenzt. Weit vorn sieht er es funkeln. Das ist die Brücke aus Gold, die er überqueren muss, um ins Totenreich zu kommen. Kaum ist er angekommen, da ruft eine Stimme „Halt!“ und der Schatten eines jungen Mädchens tritt ihm in den Weg. Ihre Aufgabe ist es, die Brücke zu bewachen. „Wie heißt du, von welchem Stamm bist du, und was begehrst du?“ fragt sie und tritt näher. „Du siehst gar nicht aus wie ein Toter! Und warum machst du soviel Lärm? Gestern sind fünf Scharen Gefallener über meine Brücke geritten und heute donnert sie unter dir, als wäre ein ganzes Heer unterwegs.“ – „Ich habe es eilig“, ruft Hermut. „Lass mich vorbei! Den, der vor mir kam, will ich einholen, bevor es zu spät ist.“ – „Wen meinst du? Ist er nicht einer von uns?“ – „Ja“, antwortet Hermut ihr. „Er ist tot wie du.“ – „Hat er einen Namen?“ fragt das Mädchen. „Baldur ist es. Himmel und Erde vermissen ihn. Ich habe seiner Mutter versprochen, bis nach Niflheim zu reiten, um nach ihm zu suchen. Ist er bei dir vorbeigekommen?“
Da legt die bleiche Jungfer ihm ihre eiskalte Hand aufs Knie und lacht mit gelben Zähnen. „Alle müssen diesen Weg gehen“, sagt sie. „Lass mich“, ruft Hermut und streift ihre Hand ab. „Gut“, sagt sie. „Ich erlaube dir, das Reich der Toten zu betreten. Aber woher willst du wissen, dass du es wieder verlassen darfst? Von hier aus ist noch keiner zurückgekehrt.“ – „Kommt Zeit, kommt Rat“, antwortet Hermut und sprengt über die leuchtende Brücke nach Niflheim.
Hier ist alles kalt, dunkel und klamm. Er kommt an einem See vorbei, an dessen Ufern verwesende Leichen liegen. Ihr Gestank steigt ihm in die Nase. Schwer zu sagen, ob es Menschen oder Tiere waren, was da verrottet. Hermut hat von diesem Ort gehört; er weiß, dass hier eine der drei Wurzeln der Weltesche Yggdrasil endet, und dass in der tiefe des Sees, eine wilde Schlange haust, die an dieser Wurzel nagt und nagt.
Er wagt es nicht, sich umzusehen, und reitet weiter, bis vor ihm auf der Straße eine turmhohe, unheimliche Barrikade aufragt, die aus morschen Gebeinen und wurmzerfressenen Schädeln aufgeschichtet ist. Er gibt Sleipnir die Sporen, und das achtbeinige Pferd springt mit einem großen Satz über die Sperre.
Nun ist der Hof der Herrscherin über das Totenreich nicht mehr weit. Er steigt vom Pferd und tritt ein. Hel empfängt ihn selbst. Sie ist groß und hager von Gestalt. Die eine Seite ihres Gesichts ist bleich wie Kreide, die andere blauschwarz wie ein Rabe. Weit hinten im Saal glaubt er zwei Tote zu erkennen, die dort aufgebahrt sitzen. Es sind Baldur und Nanna, seine treue Frau.
Hermut sagt nichts von seinem Anliegen. Er bleibt über Nacht, und erst am andern Morgen wendet er sich höflich an Hel, um seine Bitte vorzutragen. „Ich weiß wohl, warum du gekommen bist“, sagt sie. „Und was ist dein Bescheid?“ – „Die Antwort ist: Nein!“ – „Aber bedenke doch, die ganze Welt trauert um Baldur.“ Hel runzelt die Stirn. „Meine Aufgabe ist es nicht, der Welt eine Freude zu machen“, antwortet die Herrin über das Totenreich. „Was habt ihr nur mit euerm Baldur? Ist er so wichtig?“
„Keiner ist so geliebt worden wie er“, ruft Hermut. „Wir, die Asen, verlangen, dass du ihn uns zurückgibst.“ Hels Augen verdunkeln sich, als sie das hört. „Ihr verlangt etwas von mir, der Herrscherin über den Tod?“ – „Ich wollte sagen: wir bitten dich“, sagt Hermut rasch. „Wir flehen dich an.“ Hel ist aufgestanden. Sie wendet sich den beiden Toten zu, die stumm wie Steine dabeigesessen sind. „Hörst du Baldur? Die Götter flehen mich an.“, sagt Hel, und nun schnurrt sie wie eine Katze vor Behagen. „Was sollen wir ihnen antworten? Das will gut überlegt. O ja, ich weiß, wie man mit solchen Bittstellern umgeht.“ Langsam tritt sie Hermut entgegen und blickt ihm in die Augen. „Also gut, du sollst sie haben, alle beide. Aber nur unter einer Bedingung.“ Hermut traut seinen Ohren kaum. Freudig verspricht er ihr, auf alles einzugehen, was sie verlangt. Die Königin des Totenreichs streckt ihre blauen Nägel von sich und sagt mit einem boshaften Lächeln: „Es gibt mir zu denken, was du gesagt hast. Neugierig bin ich, ob es wahr ist, dass Baldur wirklich so vermisst wird, wie du behauptest. Ich nehme dich beim Wort, ich will dich auf die Probe stellen.“ – „Auf welche Probe? Was meinst du?“ fragt Hermut. „Pass auf und höre gut zu. Wenn die ganze Welt Baldur beweint, dann mag er samt seiner Frau nach Asgard zurückkehren. Aber freue dich nicht zu früh! Denn wenn es nur ein einziges Wesen auf der Welt gibt, das ihn nicht beweint, sei es ein Ase oder ein Mensch, ein Tier oder eine Pflanze, oder auch nur ein Stein – dann werden beide ewig dort bleiben, wo sie sind: bei mir! Nun geh, bevor ich es mir anders überlege!“
Hermut macht sich auf den Weg. Baldur und Nanna dürfen ihn ein Stück weit begleiten. Den Zauberring Draupne übergibt Baldur seinem Retter; er soll ihn Odin wiederbringen, als ein Andenken, und Nanna gibt ihm Geschenke für Frigga mit. „Bald werden wir dich abholen“, sagt Hermut und umarmt seinen Bruder. Aber der schüttelt den Kopf und antwortet ihm: „Das glaube ich nicht. Mein Mund ist voll von Asche.“ Hermut gibt seinem Pferd die Sporen, doch bevor er den Hof verlassen hat, bellt Hel ihm nach: „Du kannst ganz sicher sein, dass ich Gerechtigkeit walten lasse.“ Hermut reitet über die beinerne Sperre und überquert die goldene Brücke, bis er ins lichte Reich der Lebenden kommt. In Asgard angekommen, berichtet er, was er gesehen und gehört hat.

 

Nun senden die Asen Boten in die ganze Welt aus und bitten alles, was da lebt und webt, um Hilfe. Alles trauert: Menschen und Tiere klagen um Baldur. Selbst den Wölfen und den Hasen werden die Augen feucht, wenn sie an ihn denken, und die Trolle verbergen ihr Gesicht in den Händen. Sogar die ältesten Feinde der Asen vergießen ein paar höfliche Tränen, denn Baldur war etwas ganz Besonderes, und nie hat sich jemand um ihn beklagt. Himmel und erde laufen über von Tränen. Von Bäumen und Sträuchern rinnt das Nass. Die Steine schluchzen und die Berge stöhnen.
Als aber die Boten ihren Auftrag erfüllt haben und auf dem Heimweg sind, da begegnen sie einem alten Trollweib, das sich Tokk nennt. Auch sie wird gebeten, die Totenklage um Baldur anzustimmen. Doch sie zuckt nur die Schultern und sagt: „Was geht es mich an, dass einer der hohen Herren in Asgard gestorben ist? Lasst mich zufrieden mit eurem Baldur!“ Die Boten bitten Tokk, sich ihre Antwort noch einmal zu überlegen. „Weißt du was das bedeutet? Wenn du nicht um ihn weinst, kann er nie zurückkehren.“ – „Glaubt ihr Frigga, würde weinen, wenn ich einen meiner Söhne verlöre? Ich müsste lügen, wenn ich um den ihren jammern sollte. Hier, seht her!“ ruft sie und zieht ihr Augenlid herunter. „Meine Augen bleiben trocken. Ich habe in meiner Zeit schon zuviel geweint. Ich bin es leid das Klageweib zu spielen! Mag Hel ihre Beute behalten. Mir soll es recht sein!“
Und so kam es, dass Baldur bei den Toten bleiben musste. Aber wer war diese Tokk? War sie wirklich eine Trollfrau, die niemand kennt, oder einer, der berüchtigt ist für das Unheil, das er so oft gestiftet hat? War es nicht Loki, von dem es heißt, dass er sich mit Vorliebe in Frauenkleidern herumtreibt, wenn er etwas Böses im Schilde führt?
Er war es, und kein anderer. Von seiner eigenen Macht berauscht, glaubt er, kein anderer habe einen besseren Kopf, eine geschmeidigere Zunge als er. Warum soll immer Odin der Häuptling sein, denkt er, warum nicht ich? Er bildet sich ein, alle seien gegen ihn. Immer fühlt er sich zurückgesetzt. Er ballt die Fäuste, wenn er daran denkt. Aber dann lächelt er wieder selbstzufrieden und sagt sich: Habe ich nicht drei wunderbare Kinder? Den Fenriswolf, die Mitgardschlange, und vor allem Hel, die Herrscherin über die Toten! Ja, beschließt er dann, ich will ihnen ein guter Vater sein und es an nichts fehlen lassen, dass sie zu ihrem Recht kommen. Ich und meine Kinder, uns soll nichts und niemand im Wege stehen, denn wir sind mächtiger, als ihr alle ahnt!
Es wird Nacht, und lachend wandert Loki unter den Sternen.

 

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Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
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Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an die Götter

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 8


Gott und Troll in einer Gestalt

Von Tor Åge Bringsværd

ägir

Es ist Herbst geworden. Draußen an der Küste, zwischen Schären und Strandfelsen, dort wo König Raudung sein Reich hat, sind zwei Brüder zum Fischfang aufs offene Meer gefahren. Es sind Agnar und Gerod, die Söhne des Königs. Der ältere ist zehn, der jüngere acht Jahre alt.
Eine starke Strömung hat sie weit hinaus vor den Fjord getragen. Nun kommt auch noch ein starker Wind auf. Es herrscht ein starker Seegang und der Regen peitscht ihnen ins Gesicht.
Sie rudern aus Leibeskräften, aber es hilft ihnen nichts; Gegen Wind und Wetter kommen sie nicht auf , und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich auf den Boden ihres Bootes zu kauern, eng aneinandergeschmiegt, und darauf zu hoffen, dass der Sturm sich legt. Die Nacht bricht über sie herein wie ein Riesenvogel mit dunklen, nassen Schwingen.
Aber sie haben Glück im Unglück. Das Boot kentert nicht, und als sie am Morgen erwachen, ist der Wind umgeschlagen und hat sie in eine kleine Bucht getrieben. Noch dämmert es, doch das Unwetter hat sich verzogen. Agnar und Gerod waten an Land. Sie wissen nicht, wo sie gestrandet sind, aber in der Ferne sehen sie in einem kleinen Haus ein Licht. Dorthin wenden sie sich, durchnässt und zerzaust wie zwei halb ertrunkene Katzen. Ein armer Kleinbauer wohnt mit seiner Frau in der Kate. Das alte Ehepaar nimmt die beiden Jungen freundlich auf. „So bald werdet ihr wohl nicht heimfahren können“, sagen sie, „denn unsere Insel liegt weit draußen vor der Küste, viel weiter, als ihr denkt. Und bei diesem Wetter ist es nicht ratsam, eine so weite Strecke zu rudern. Der Herbststurm, den ihr erlebt habt, wird nicht der letzte bleiben. Bald wird es Winter, und dann erstarrt die Welt in Schnee und Eis. Nein, es ist besser, wenn ihr hier bleibt, bis der Frühling kommt.“
Und so ist es geschehen. Der Bauer und seine Frau haben sich herzlich gut um die beiden Königssöhne gekümmert. Auf diese Weise hatte jeder von ihnen einen Zögling: die Frau sorgte vor allem für Agnar, und Gerod hielt sich an den Alten, wenn er etwas brauchte oder Rat suchte. Die beiden Jungen mussten freilich im Haus und Hof mithelfen, draußen und drinnen, von früh bis spät. Oft waren sie am Abend so müde, dass sie am Tisch einschliefen. Trotzdem gefiel es ihnen auf der Insel. Jeden Tag gab es etwas Neues zu lernen. Es ging ihnen so gut, dass sie gar kein Heimweh spürten.
Auf diese Weise verging der Herbst und auch der lange, strenge Winter. Als aber endlich die Eiszapfen am Dachfirst schmolzen, da führte sie der Bauer hinunter zum Strand. Dort lag ein Boot und wartete auf sie. Es war größer und schöner als die alte Schaluppe, die der Bauer täglich brauchte, und viel besser als der alte, undichte Prahm, auf dem sie so weit hinausgerudert waren. Außen war es frisch gemalt und innen tüchtig geteert. Auch die Segel waren schon gesetzt und blähten sich fröhlich im Wind.
Da stehen die beiden nun und wundern sich. „Nur zu“, sagt der gastfreie Bauer. „Es ist alles bereit. Ihr könnt einsteigen. Wir haben frisches Wasser an Bord gebracht und soviel Wegzehrung, wie ihr für eure Reise braucht.“ Auch die alte Frau kommt herbeigehumpelt. Alle umarmen einander und nehmen Abschied.
Der Bauer flüstert zum Schluss seinem Liebling Gerod noch etwas ins Ohr. „Dieses Fahrzeug ist etwas Besonderes“, sagt er. „Kein anderes Boot kommt ihm gleich, denn ich habe es so gebaut, dass es dir wie ein Hund gehorcht und dich dorthin bringt, wo du willst. Es kennt deine Stimme und folgt dir aufs Wort. Es hört auf keinen andern als dich, mag er noch so laut rufen. Du allein kannst es steuern!“
Die beiden Königskinder legen ab. Agnar fragt seinen Bruder: „Aber wo in aller Welt ist denn das Ruder?“ – „Hier braucht es keine Pinne“, antwortet Gerod lachend, „und auch um das Segel brauchen wir uns nicht zu kümmern. Bring uns nach Hause“, ruft er und schlägt mit der Faust an den Mast.
Sogleich erhebt sich ein Windstoß und füllt das rotbraune Tuch, so dass die schwarzen Runenzeichen, die es trägt, erbeben. Das Boot flitzt davon, es tanzt über die Wellen, und die Insel verschwindet hinter ihnen in der Ferne. „Bring uns nach Hause“ Agnar kann es gar nicht fassen, dass das Boot gehorcht, und sein Bruder schüttet sich aus vor Lachen.

 

Die beiden Alten stehen immer noch am Ufer und winken, so lange, bis von dem Segel nur noch ein roter Punkt zu sehen ist. Dann wendet der Bauer sich seiner Frau zu, und auf einmal ist es, als fielen die Jahre von den beiden ab. Sie richten sich auf und wischen sich die Runzeln vom Gesicht. Aus dem Greis wird ein Mann im besten Alter, und auch die Frau sieht nun viel jünger aus.
„Es wird Zeit, dass auch wir nach Hause fahren“, sagt er und sie nickt. Der Bauer steckt zwei Finger in den Mund und pfeift. Sogleich ist hoch über den Wolken ein Wiehern zu hören, und im Galopp erscheint ein riesiger Hengst mit acht starken Beinen in der Luft. Dröhnend schlagen seine Hufe auf dem Hofplatz auf, und das Pferd hält vor den beiden inne. Der Bauer und seine Frau reißen sich ihre Lumpen vom Leib, und aus den Satteltaschen ziehen sie prächtige Gewänder hervor. Nun sind sie endlich wieder sie selber: Odin und Frigga, der König und die Königin der Asen.
Sie steigen auf den Rücken Sleipnirs, der sie über Land und See, über tiefe Wälder und hohe Berge davonträgt, nach Hause: Pfeilschnell bringt er sie über die schimmernde Regenbogenbrücke nach Asgard, in die große Götterburg im Zentrum der Welt.
Es geschah nicht zum ersten Mal, dass Odin und Frigga Menschengestalt angenommen haben. Odin ist immer ein Wanderer gewesen, und in letzter Zeit hat auch Frigga Lust gehabt, ihn auf seinen Streifzügen zu begleiten. Sie weiß, dass der Götterkönig sich danach sehnt, die Menschen zu verstehen. Er möchte wissen, was sie denken, glauben und meinen. Er will begreifen, wovor sie sich fürchten und worüber sie sich freuen. Wohl weiß er, dass ihr Leben nicht lange währt, dass es so kurz ist, dass sie beinahe mit dem Sterben anfangen, noch bevor sie gelernt haben, zu laufen und zu sprechen; aber dennoch kommt es ihm so vor, als gebe es keine anderen Geschöpfe auf der Welt, die so rätselhaft sind und so viele Widersprüche in sich tragen wie die Menschen. Einmal benehmen sie sich fast wie die Asen und dann gleichen sie wieder den Trollen. „Verstehe sie, wer kann“, sagt Odin oft. „Wie ist das nur möglich, dass es Wesen gibt, die zugleich Trolle und Götter sind, in ein und derselben Gestalt?“ Dann schüttelt er den Kopf und wundert sich.
Um der Sache auf den Grund zu gehen, reist er immer öfter nach Mitgard und es freut ihn, dass Frigga neuerdings gerne mitkommt. Dass die andern Asen sich über die Ausflüge der beiden lustig machen, merkt Odin nicht. „Frigga ist eifersüchtig auf die Menschentöchter“, flüstert einer dem andern zu. „Deswegen will sie Odin nicht aus den Augen lassen. Seine Abenteuer sind ihr nicht verborgen geblieben. Sicher glaubt sie nicht, dass es nötig ist, mit den Menschenkindern ins Bett zu gehen, nur um sie zu verstehen.“
Daran ist etwas Wahres, denn Frigga hat sich allerlei Gedanken gemacht über die Reiselust ihres Mannes. Aber nachdem sie ein paar dieser heimlichen Wanderungen und Maskeraden mitgemacht hat, muss sie sich eingestehen, dass ihr solche Abenteuer gefallen. Nicht nur, weil sie dabei manches Neue erfährt, sondern auch weil Odin und sie, als Fischer und Bauern verkleidet, zu einem neuen Einvernehmen gekommen sind; ja, sie sind sich vielleicht näher denn je zuvor.

 

Das verrät sie manchmal ihren Mägden, wenn sie im Bad sitzt und sich von ihnen am ganzen Leib waschen und bürsten lässt. Es sind drei, die sie bedienen: Fulla mit ihrem Goldreif um die Stirn und Haaren, die ihr bis ins Kreuz fallen; Hlin, die Friggas Schützlingen unter den Menschen beisteht; und Gnau, die immer, wenn es eilt, als Botin bereitsteht, denn als Reiterin stellt sie die meisten Männer in den Schatten, und ihr Pferd holt so leicht keiner ein.
Jetzt reibt Fulla die Füße ihrer Herrin mit dem Bimsstein ab. „Und jedes Mal wählt ihr eine neue Verkleidung, wenn ihr auf Reisen geht?“ fragt sie. „Wo denkst du hin!“ antwortet Frigga. Sie lacht – einmal, weil es sie kitzelt, aber auch, weil ihr eines dieser Abenteuer einfällt. „Damals zu Beispiel, im Süden…“ – „Erzähle!“ bitten die Mädchen, und sie fängt an: „Wir sind in ein Land gekommen, in dem Krieg herrschte. Zwei Völker lagen miteinander in Fehde, die Vandalen und die Vinilen. Wir hatten uns nicht vermummt, und so erkannten uns die Menschen gleich. Die Vandalen wandten sich an Odin und baten ihn um Hilfe. Aber er antwortete ihnen, siegreich würden die sein, die er morgens bei Sonnenaufgang als erste erblickte.“ Die Mädchen nicken. „Ja“, sagen sie, „Odin ist der Gott des Sieges. Er allein kann bestimmen, wer gewinnt und wer verliert.“ – „Aber zu mir sind sie auch gekommen“, erwidert Frigga. „Es war Gambara, die Mutter der beiden Vinilen – Häuptlinge. Sie kam in der Nacht, während Odin schlief. Sie hat mir vertraut. Warum hätte ich sie enttäuschen sollen? Ich gab ihr einen Rat, der nicht so schlecht war. Morgen früh, so sagte ich ihr, müsst ihr euer Haar lösen, alle Frauen der Vinilen. Dann bindet ihr es unter dem Kinn zusammen, so dass es aussieht, als trügt ihr einen Bart. Dann stellt ihr euch in Reih und Glied vor dem Haus auf, an der Seite, wo die Sonne aufgeht. Dort, wo Odin schläft, gibt es einen Fensterspalt. Sobald es hell wird, wird er hinausschauen und euch sehen.“ – „Und haben sie deinen Rat befolgt?“ wollten die Mädchen wissen.
Frigga lächelt. „Als Odin die Augen aufschlug, erblickte er draußen eine sonderbare Schar. Was sind das wohl für Langbärte, rief er, es sieht ganz so aus, als hätten sie ihre Greise in den Kampf geschickt. Mit grabeseiserner Miene stehen sie da, und manchen reicht der Bart bis auf die Knie.“ – „Hat Odin sich an sein Wort gehalten?“ wollen die Mägde wissen.
„Was blieb ihm anderes übrig? Ich habe ihn an sein Versprechen erinnert, und so musste er wohl oder übel die Vinilen siegen lassen. Von diesem Tag an gaben sie sich einen neuen Namen. Seitdem heißen sie Langobarden, und das heißt: die mit den langen Bärten.“ Frigga lacht und spritzt ihr Badewasser auf die Mägde.

 

Aber was ist unterdessen aus den beiden Seefahrern geworden? Ihr Boot bringt sie sicher nach Hause an König Raudungs Hof. Am Bootssteg springt Gerod als erster an Land. Aber statt anzulegen, schiebt er das Boot, in dem sein Bruder Agnar zurückgeblieben ist, wieder hinaus aufs Wasser. „Was fällt dir ein?“ ruft Agnar, aber der Bruder lacht ihm ins Gesicht und sagt: „Fahr wohin du willst! Meinetwegen sollst du bei den Trollen landen!“ Sogleich gehorcht ihm das Boot und sticht in See, so rasch, dass es vor dem Bug nur so schäumt. Agnar jammert und weint, aber es hilft ihm nichts, er wird davongetragen: Gerod aber steigt ganz allein zum Königshof empor. Dort wird er mit großen Ehren empfangen, denn Raudung, sein Vater, ist gestorben, und nun tritt Gerod seine Nachfolge an.
Odin und Frigga ahnen nichts von alledem. Sie haben ganz andere Dinge im Kopf, denn an diesem Abend soll in Asgard wieder einmal ein großes Fest gefeiert werden. Auf der großen Wiese sind Tische und Bänke aufgestellt, und die Asen sitzen im Schatten der großen Weltesche Yggdrasil. Durch das immergrüne Laub können sie die ersten Sterne funkeln sehen.
Alle sind froh, dass Frigga und Odin wieder nach Hause gekommen sind. Die beiden Raben Hugin und Munin haben sich auf den Schultern des Götterkönigs niedergelassen und reiben ihre Schnäbel an seinen Wangen. Zu seinen Füßen liegen die beiden Wölfe und wedeln wie zahme Hunde mit dem Schwanz. Aber am meisten freut sich Thor über die Rückkehr. Denn jedes Mal, wenn der Häuptling nicht zur Stelle ist, trägt er in Asgard die Verantwortung, und das ist ihm eine wahre Last. Nun kann er endlich wieder am Morgen ausschlafen und so viel Met trinken, wie er will.
Das Fest dauert die ganze Nacht. Die meisten Asen sind schon satt und zufrieden eingeschlafen und liegen unter dem Tisch. Andere tanzen und spielen noch, bis sie so müde geworden sind, dass sie kaum mehr wissen, wie sie heißen und wo sie sind.
Nur Odin behält einen klaren Kopf. Er will den Sonnenaufgang erwarten, und Heimdall, der Gott mit den goldenen Zähnen, soll ihn begleiten. Sie steigen auf den Himmelsberg, wo Heimdall seinen Wachtturm hat. Von dort aus hält er Tag und Nacht Ausschau, damit kein Feind sich unbemerkt an Asgard heranschleichen kann. Kein Troll soll unbemerkt über die Mauern der Götterburg klettern.
Heimdall hat immer eine Lure bei sich. Dieses gewaltige Horn setzt er an den Mund, wenn Gefahr droht. Sein dröhnender Ruf wäre über die ganze Welt zu hören, wenn er sein Alarmsignal bliese. „Eines Tages wird es soweit sein“, sagt Odin leise. Heimdall sieht ihn zweifelnd an. „Das sagst du so oft, dass ich dir bald glauben muss“, antwortet er, „aber mir gefällt dieser Gedanke ganz und gar nicht.“ Die beiden Götter sitzen beieinander und schweigen. Der Sonnenwagen rollt hoch über den Horizont.
Auf dem Heimweg hört Odin, wie hinter den Sträuchern und Bäumen jemand kichert und lacht. Es ist Frühling geworden, und überall regt sich ein neues Leben. Hie und da sieht er, wie sich hinter den grünen Zweigen, eine bloße Brust oder ein nackter Schenkel regt. Dort im Gebüsch blitzt ein heller Hintern auf. Er weiß dass es Freia ist, die Liebesgöttin, die hinter ihm her ist. Dauernd hört er ihre Katzen zischen und miauen. Aber Odin hat keine Lust, sich mit ihr einzulassen. Er wendet ihr sein blindes Auge zu und macht sich aus dem Staub. Vielleicht wird sie das kränken, aber er glaubt ihr keine Rechenschaft schuldig zu sein. Es ist zu spät für solche Spielchen, und das, was einmal war, ist nun Vergangenheit. Er hat nichts mehr übrig für durchsichtige Schleier und reizende Blumenkränze. Er hat ganz andere Dinge im Sinn. Zu Hause erwartet ihn Frigga. Er bettet sein Haupt in ihren Schoß und streicht ihr übers Haar. Nach so vielen unsicheren Jahren haben die beiden wieder zueinander gefunden.

 

Um die Mittagszeit sieht Odin in Walhall nach dem Rechten. Hier sind seine Untoten dabei, für künftige Kämpfe zu üben. Den ganzen Tag lang gibt es dort ein Hauen und Stechen, das kein Ende nimmt. Abends, wenn Andrimne, der Koch, sie zum Essen ruft, stehen die Gefallenen wieder heil und unversehrt auf. Odin schaut den Kriegern bei ihrem Treiben gerne zu. Er braucht sie, denn in Zukunft muss er auf alles gefasst sein. Es fällt ihm schwer, sich auf andere zu verlassen. Er selber muss sich um alles kümmern; sonst geht es in Asgard bald drunter und drüber. Was soll aus seinem Heer werden, wenn er kein Auge darauf hat? Doch er merkt auch, dass er nicht mehr der Jüngste ist. Oft wird er jetzt schon am Nachmittag müde. Es gilbt so viele Aufgaben, die ihn erwarten, und nicht einmal er kann überall zur gleichen Zeit zur Stelle sein.
Deshalb hat er in letzter Zeit Tyr und Thors Stiefsohn Ull damit beauftragt, das Waffenspiel der Untoten zu leiten, wenn er nicht da ist. Mutiger als Tyr, der seine Hand aufs Spiel setzte, um den Fenriswolf zu fesseln, ist keiner unter den Asen, und einen besseren Bogenschützen als Ull findet so leicht niemand auf der Welt. Tyr ist der große Heerführer, um den sich alle scharen, und wenn es um den Kampf Mann gegen Mann geht, weiß Ull mehr Kniffe und Tricks als irgendein anderer.
Anfangs fanden die beiden Asen wenig Geschmack an der Aufgabe, mit der Odin sie betraut hat. Doch mit der Zeit haben sie Blut geleckt, und jetzt gehen sie jeden Tag gerne auf den Kampfplatz. Ull ist nicht nur ein erfahrener Ringer und Faustkämpfer, er versteht sich auch auf andere Künste. Den ganzen Winter hindurch hat er den Untoten beigebracht, wie man sich auf Skiern bewegt, und nun wissen sie, wie man auf dem Schild in Schussfahrt einen steilen Hang hinabrast. Odin ist sehr zufrieden mit seinen Männern, die ihn mit lauten Zurufen feiern.

 

Thor sitzt unterdessen in seinem Wagen und lässt die Beine baumeln, während seine Böcke ruhig auf der Wiese grasen. „Hör mal, Vater“, sagt er, als Odin vorbeikommt, „was hast du dir nur dabei gedacht, als du mich zu deinem Stellvertreter gemacht hast? Dazu tauge ich doch am allerwenigsten! Das nächste Mal solltest du einen anderen unter deinen Söhnen aussuchen. Warum fragst du nicht Baldur? Er ist redegewandt und weiß immer, was er sagen soll, während ich jedes Wort dreimal im Mund herumdrehe, bevor ich es über die Lippen bringe. Du weißt doch, ich bin auffahrend und hitzig. Er ist mild und verständig. Jeden Streit renkt er wieder ein. Unfrieden und Zank weiß er zu vermeiden, und unter uns allen ist er gewiss der Gerechteste.“
Odin hört ihm lächelnd zu. „Du hast recht“, sagt er, „über Baldur kann man nur Gutes sagen. Aber du weißt auch, dass sich die Menschen immer an dich wenden, wenn sie Hilfe brauchen.“ – „Du, immer mit deinen Menschen!“ ruft der Donnergott und rauft sich die Haare. „Ich weiß nicht, was du mit denen hast. Nicht, dass du meinst, ich hätte etwas gegen sie, aber kannst du nicht zu Abwechslung einmal an etwas anderes denken? Sind sie denn wirklich so wichtig?“ – „Ja“, antwortet Odin mit ernster Miene und damit will er sich auf den Weg machen. Doch nun kommt Loki angerannt und ruft: „Warte doch auf mich, Milchbruder!“ Aber Odin geht ungerührt weiter. „Warum hast du nie Zeit für mich?“ jammert Loki, „wie lange ist es her, dass wir das letzte Mal miteinander auf Fischfang gingen?“ Odin tut so, als hätte er ihn nicht gehört, und lässt ihn stehen.

 

Viele Stunden verbringt er auf seinem Häuptlingssitz. Von dort kann er über die blauen Berge sehen. Nicht der kleinste Ort entgeht seinem Blick. Jede Grotte und jede Schneehöhle in Utgard und in Jotunheim, wo die Trolle umherschleichen, kann er unterscheiden. Sein Auge reicht bis zum großen, Gischt sprühenden Weltmeer, wo die Mitgardschlange sich träge um die ganze Erde ringelt, sich in den Schwanz beißt und lauert und lauert.
Aber am liebsten schaut er dem Treiben der Menschen zu. Nie wird er müde, die grünen Wiesen von Mitgard zu betrachten, die gelben Kornfelder und die emsigen Fischerdörfer. Er weiß sehr wohl, dass viele Menschen keinen klaren Begriff vom Leben und vom Tod haben. Meistens glauben sie, dass es große und geheimnisvolle Mächte sind, die ihr Schicksal lenken – manche, die hilfreich sind, und andere, die alles zerstören wollen. Und wo sind die Mächte zu finden? Wo lassen sich ihre Absichten entziffern? In Sonne und Wind, Donner und Feuer, Stein und Holz, im Rauschen der Wasserfälle und in den Tiefen der Gebirge. Oft schneiden sie Zeichen in Baumstämme oder ritzen sie in die Felsen ein. Das häufigste dieser Bilder ist das Rad, ein Zeichen für die Sonne. Nichts ist mächtiger als die Sonne, hört Odin sie flüstern. Ohne die Sonne kann es kein Leben geben. Der Götterkönig lächelt über das, was die Menschen glauben.
Viele tragen zum Beispiel einen kleinen silbernen Hammer um den Hals, als Schutz vor Gefahren. Damit wollen sie den Donnergott beschwören, vor dem sich alle unheimlichen Mächte, die Trolle und die Unterirdischen, fürchten. Andere suchen Beistand bei den anderen Asen. Der Bauer wendet sich an Frei, der Fischer und der Jäger an Njord, und wer sich nach Liebe sehnt, ruft Freia an. Alle halten sich an den Gott, der ihnen am besten helfen kann. Auch Holzfiguren schnitzen die Menschen, die sie an heiligen Orten unter offenem Himmel aufstellen. Dort schlachten sie Schafe und Ziegen und opfern sie. so dass ihr Blut über die Standbilder fließt. Ein Teil des Fleisches wird auf hohen Säulen den Göttern dargebracht; was übrigbleibt, essen die Leute, die am Opferfest teilnehmen. Dabei fehlt es nie an Met und Bier. Der erste Trinkspruch gilt immer Odin. Der Götterkönig auf seinem Thron sieht das alles und lächelt.
Aber an manchen Orten werden nicht nur Schafe und Lämmer geschlachtet. Odin sieht wie da und dort auch Hunde und Pferde mit Schlingen erwürgt werden. Es gibt Lichtungen und Haine, die nach Tod und Verderben stinken. Dort baumeln tote Menschen an den Ästen. Er sieht leibeigene Frauen, die vergewaltigt und erwürgt werden. Unglückliche, die ihren Herren auf die Scheiterhaufen folgen müssen, oder bei lebendigem Leibe von großen, brennenden Schiffen aus ins Meer geworfen werden. Das alles geschieht im Namen der Asen, und Odin auf seinem Hochsitz muss es mit ansehen. Immer öfter nimmt auch Frigga neben ihm Platz und schaut zu. Die Asen wundern sich. Hat Odin nicht allen verboten, auf dem Thron zu sitzen? Nur mit Frigga macht er eine Ausnahme.

 

Ron

Loki will sich nicht geschlagen geben. Er will unbedingt, dass Odin mit ihm fischen geht. Jeden Morgen steht er vor dem Spalt der Bettkammer, in der Odin ruht. und führt einen Tanz mit der Angelrute auf seiner Nase auf. Eines Tages sind es sogar zwei Ruten, die da draußen zappeln. Loki hat den armen Huhne mitgebracht, der immer so schüchtern ist, dass er kaum ein Wort über die Lippen bringt. Weil er so vorsichtig ist, halten ihn viele für einen Angsthasen. Doch Odin hat ihn immer gern gehabt. „Also gut, meinetwegen“, ruft er den beiden zu. „Hört auf zu drängeln. Ich komme mit.“
„Endlich“, freut Loki sich. Es ist ja nicht das erste Mal, dass die drei Asen etwas gemeinsam unternehmen. Viele Abenteuer haben sie früher miteinander geteilt. Schon haben sie die Regenbrücke hinter sich und durchwandern Mitgard. Der reißende Fluss dem sie folgen, windet sich durch eine hügelige Landschaft. Plötzlich erblicken sie einen Otter, der am Ufer sitzt, mit einem großen Lachs in den Fängen, den er gerade verschlingen will. Er hat in seiner Vorfreude auf den guten Bissen die Augen geschlossen. Da schleicht Loki sich an ihn heran und erlegt in mit einem Steinwurf. „Zwei auf einen Schlag“, prahlt er, nimmt die doppelte Beute mit, und sie wandern weiter.
Gegen Abend erreichen sie einen kleinen Bauernhof. Der Hausherr heißt Reidmar und versteht sich auf allerlei Zauberkünste. Die Asen bitten ihn um ein Nachtlager. „Wir haben genug zu essen mitgebracht“, sagen sie und zeigen ihre Beute her. Als der Bauer aber den Otter sieht, erbleicht er. Seinen Söhnen ruft er zu. „Dort liegt euer Bruder, der Otter! Und diese drei sind es, die ihn umgebracht haben.“ Ehe sie sich´s versehen, liegen die Asen gefesselt am Boden. „Wie kann das sein,“ fragt Loki, „dass euer Sohn ein Otter ist?“ – „Oh“, antwortet Reidmar, „hier im Haus verwandelt sich jeder, der Lust hat, in ein Tier. Was soll ich nur mit euch anfangen. Am einfachsten wäre es, ich schnitte euch die Kehle durch.“
Die Asen sehen ein, dass der Mann gefährlich ist. Zwar wäre es ihnen ein leichtes, ihn außer Gefecht zu setzen: Doch Odins Wille ist es, dass die Asen, wenn sie nach Mitgard gehen, auf ihre Macht verzichten und sich wie gewöhnliche Sterbliche verhalten sollen. Also schweigt Odin und harrt der Dinge, die da kommen werden. Huhne summt verängstigt vor sich hin. Nur Loki findet sich nicht so leicht damit ab, dass ein Bauer ihm droht. Er versucht es mit einer List. „Aber mein Lieber“, sagt er, „wir werden uns doch wohl handelseinig werden? Sag mir, was du als Wehrgeld verlangst, und ich will zahlen.“ – „So viel Gold habt ihr nicht, um mich zu versöhnen“, schnaubt Reidmar. „Sag das nicht“, lächelt Loki, denn nun weiß er, dass der Köder sitzt. „Über den Preis werden wir uns schon einigen können.“ – „Versprecht ihr, uns soviel Gold zu geben, wie wir verlangen?“ fragt der Bauer. „Das schwören wir“, antworten die drei Asen.
Die beiden Söhne binden sie los. Nun wird dem Otter das Fell abgezogen, und Reidmar hält es in die Höhe. „Hier, diese Haut sollt ihr mit dem rötesten Gold füllen“, sagt er. „Und dann sollt ihr sie von außen vergolden, bis kein Schnurrhaar mehr zu sehen ist.“ Die Asen finden den Preis recht hoch, doch versprochen ist versprochen, und so machen sie sich bereit zum Aufbruch. Aber die beiden Söhne versperren ihnen den Weg. „So haben wir nicht gewettet“, ruft der Bauer. „Ihr seid nicht die ersten, die versucht haben mich hereinzulegen. Zwei von euch will ich hierbehalten, bis der dritte mir das Gold gebracht hat.“ Die Asen beschließen, dass Loki gehen soll, er hat sich den Plan schließlich ausgedacht.
„Du weißt wohl, wie es deinen Freunden hier ergehen wird, wenn du nicht wiederkommst“, mahnt ihn Reidmar, und damit alle verstehen, wie er es meint, fährt er sich mit der flachen Hand über die Kehle.
Loki schreitet weit nach Osten aus. Er sucht den Meerestroll Ägir auf, der schon immer ein Freund der Asen war. Odin hat mit einer seiner Töchter ein Kind gezeugt, und das große Fest, das er den Asen gegeben hat, ist noch in bester Erinnerung. Nur mit Ägirs Frau Ron ist nicht gut Kirschen essen. Sie hat ja dieses große Netz, mit dem sie nicht nur Hummer und Fische fängt, sondern auch Seeleute und sogar ganze Schiffe! Nun bittet Loki sie, ihm dieses berühmte Netz zu leihen. Als sie das hört, schaut sie mit ihren kalten Dorschaugen mürrisch drein. Erst als Loki ihr versichert, dass es Odin ist, der das Netz braucht, wagt sie es nicht länger, ihm seine Bitte abzuschlagen.
Loki weiß, dass es einen Wasserfall gibt, in dem ein ungeheuer reicher Zwerg haust. Dieser Gnom heißt Andware und plätschert am liebsten in der Gestalt eines Hechts unter dem Wasserfall herum. Dort wirft Loki sein Netz aus, und wahrhaftig, bald hat er den mächtigen Fisch gefangen. „Zeige deine wahre Gestalt!“ ruft er, und sogleich verwandelt der Hecht sich in einen runzeligen Knirps mit Warzen auf der Nase und Haaren in den Ohren. Er zappelt hilflos in den Maschen und schnappt nach Luft. „Wenn dir dein Leben lieb ist, dann gib mir augenblicklich dein ganzes Gold heraus, das du im Berg versteckt hast“, Der Zwerg begreift, dass ihm keine andere Wahl bleibt.
Der Weg in seine Höhle ist eng und dunkel, und Loki kommt nur gebückt voran. Endlich aber langen sie in einer hohen Grotte an, in der es wie tausend Sterne glitzert. Andware fängt an, das Gold in einen großen Sack zu stopfen. Aber Loki hat ein wachsames Auge auf ihn und er bemerkt, dass der Zwerg versucht, einen kleinen Ring auf die Seite zu bringen. „Nichts da!“ ruft er. „Alles kommt mit!“ – „Lass mir wenigstens diesen Ring“, fleht der Zwerg, aber Loki bleibt hart, und so wandert auch der Ring in den Sack.
Als sie wieder ans Tageslicht treten, hält es Andware nicht länger, und er bricht in Klagen aus. „Wie soll ich nur ohne meinen Ring weiterleben“, jammert er. „Stell dich nicht so an! Er wiegt doch kaum ein halbes Lot“, sagt Loki. „Aber ich brauche nur an ihm zu drehen und einen Spruch aufzusagen, dann schafft er mir Gold herbei, soviel ich will. Mehr als du mir abgenommen hast!“ Der Zwerg schüttelt seine Faust und schwört: „Niemandem will ich meinen Zauberspruch verraten! Und ein Fluch soll über jeden kommen, der sich an dem Gold bereichert, das du mir geraubt hast. Tod und Verderben dem, der meinen Ring an den Finger steckt!“ Das kleine Gesicht ist rot vor Wut, doch Loki zuckt nur die Schultern und lacht ihn aus. „Mir soll es recht sein“, wirft er ein. „Ich richte es gern dem aus, bei dem die Beute landet. Ich selber brauche dein Gerümpel nicht, das kannst du mir glauben.“
Mit diesen Worten dreht er sich um und macht sich auf den Rückweg. Es geschieht dem wilden Bauern ganz recht, denkt er, wenn der Fluch des Zwerges über Reidmar kommt.
Als er aber das ganze Gold vor dem Geiselnehmer ausschüttet, nutzt Odin die Gelegenheit, den kleinen Ring zu stibitzen. Loki merkt es wohl, aber er sagt kein Wort. Nun fangen Reidmar und seine Söhne an, das Otterfell zu füllen, bis es ganz mit dem kostbaren Metall ausgestopft, aufrecht stehen kann. Es gilt, soviel Gold aufzuhäufen bis das ganze Tier bis zum Schädel darin verschwindet. Als es soweit ist, bleibt kein einziger Klumpen Gold übrig. Der Sack ist leer. Doch Reidmar ist immer noch nicht zufrieden. Er deutet auf ein winziges Schnurrhaar, der aus dem großen Haufen hervorguckt, und verlangt, dass die Asen es mit Gold bedecken. Odin zögert eine Weile, weil er den Ring am liebsten behalten hätte, aber am Ende weiß er keinen anderen Rat, als ihn herauszurücken.
Nun ist von dem Fell des Otters nichts mehr zu sehen. Die Asen haben ihr Versprechen gehalten. Aber bevor sie das Haus verlassen, wiederholt Loki den Fluch, mit dem der Zwerg seinen Schatz auf die Reise geschickt hat. „Tod und Verderben dem, der sich meinen Ring an den Finger steckt!“ Doch der Bauer und seine Söhne sind zu sehr damit beschäftigt, in ihrem Gold zu wühlen, als dass sie auf ihn gehört hätten.
Auf dem Heimweg macht Odin sich seine Gedanken über das, was in Reidmars Haus vorgefallen ist. Wenn ich nun den kleinen Ring behalten hätte, fragt er sich – was hätte Loki dazu gesagt? Vielleicht hätte er mir verschwiegen, wie gefährlich dieser Ring ist. Oder tue ich Loki Unrecht mit meinem Verdacht? Schließlich war er es, der sie durch eine List befreit hat. Immer dieser Loki, denkt Odin – nie werde ich ganz klug aus ihm! Genau in diesem Moment begegnen sich ihre Blicke, und Loki bricht in ein herzliches Lachen aus, dem weder Odin noch Huhne widerstehen können. Niemand auf der Welt hat ein so ansteckendes Lachen wie Loki. Dagegen, denkt Odin, ist kein Kraut gewachsen.
Plötzlich hören die drei ein lautes Grunzen. Ein riesengroßes Schwein kommt auf sie zu gerannt. Seine Borsten glänzen und schimmern, und auf dem Rücken trägt es einen geharnischten Reiter. Es ist Frei!
„Thor hat mich ausgesandt“, ruft er. „Wir fingen an, uns Sorgen zu machen, wo ihr bleibt. Sitzt auf! Gullborste trägt uns leicht alle vier nach Hause. Ihr müsst euch nur an den Borsten festhalten!“ Odin, Huhne und Loki steigen auf den gewaltigen Eber, und der rennt los, dass ihnen die Ohren sausen.

 

Als Frigga hört, was ihnen zugestoßen ist, fragt sie Odin: „Musst du dir solche Unverschämtheiten gefallen lassen? Dieser Reidmar – warum hast du ihn mitsamt seinen Söhnen nicht einfach wie ein paar Mücken an die Wand geklatscht?“ Odin zuckt mit den Achseln. Er ist müde und möchte schlafen, aber Frigga will ihm in dieser Nacht auf den Zahn fühlen. „Bist du nicht der Allvater?“ sagt sie. „Bist du nicht Herr über alles, was geht, kriecht und fliegt?“
Odin fallen schon die Augen zu. Er wendet sich ab, doch Frigga gibt nicht auf. „Nimm dir ein Beispiel an Thor. Auch der hat gerade einen kleinen Ausflug nach Mitgard gemacht“, sagt sie. „Ja, aber nur um zu raufen, wie es seine Art ist.“ – „Nein, sondern weil ihn ein König um Hilfe gebeten hat“, sagt Frigga.
„Ein Meersestroll hat ihm die Tochter geraubt. Dieser Riese ist ein Ungeheuer mit acht Armen, und er kann vier Schwerter auf einmal schwingen.“ – „Ja, ich weiß. Thor hat ihn dann mit seinem Hammer erledigt“, murmelt Odin müde. „Aber lass mich endlich schlafen!“ – „Der wagt es wenigstens einzugreifen“, fährt Frigga fort. „Er lässt sich eben nicht alles gefallen.“ – „Ein alter Raufbold ist er“, seufzt Odin. „Und warum solltest du dir weniger Respekt verschaffen als dein Sohn?“ fragt Frigga.
„Weil ich mehr Verstand im Kopf habe“, antwortet ihr Mann. „Übrigens wärst du nicht so begeistert von seinen Abenteuern, wenn er dein eigener Sohn wäre. Dann hättest du sicher mehr Angst um ihn.“
Thors Mutter ist nämlich nicht Frigga, sondern Jord, von der man nicht recht weiß, ob sie zu den Asen oder zu den Trollen gehört. Davon will Frigga aber nichts wissen. Schon ist sie drauf und dran, ihrem Mann all die Seitensprünge und Liebschaften vorzuhalten, die er sich im Lauf der Zeit geleistet hat, aber dann schluckt sie ihren Ärger hinunter und schläft ein. Odin aber wälzt sich im Bett hin und her und grübelt. Sie tut mir Unrecht, denkt er, Schließlich habe ich mich oft genug in das Leben der Menschen eingemischt. Aber was hat es genützt? Vielleicht habe ich mehr Unheil als Nutzen gestiftet? Natürlich, es ist für unsereinen ein leichtes, mit ihnen fertig zu werden, den Tisch umzuschmeißen, und wie Thor die Muskeln spielen zu lassen. Aber das Richtige zu tun, die Lösung zu finden, das ist schwer… Er seufzt. Er zählt die Balken an der Decke. Wie oft hat er seine schützenden Hände über die Leute gehalten! Sogar seinen Speer hat er ihnen geliehen. Ihr liebeskrankes Jammern hat er geduldig mit angehört, und manchen toten Helden hat er aus Walhall noch ein letztes Mal nach Hause ziehen lassen, damit er von seiner weinenden Geliebten Abschied nehmen konnte. Aber hat er damit klug gehandelt?
Die Geschichte von König Rehre und seiner Frau fällt ihm ein. Die haben ihn und Freia um Hilfe angefleht, weil sie kinderlos waren. Odin hat damals eine seiner Walküren an den Königshof geschickt. Sie flog in Gestalt einer Krähe hin und ließ einen Zauberapfel in den Schoß des Königs fallen, als er niedergedrückt auf einem Hügel saß. Rehre gab den Apfel seiner Frau. Sie aß ihn und wurde schwanger. Aber es zeigte sich, dass das Kind ihren Leib nicht verlassen wollte. Sechs Jahre verstrichen, ohne dass sie gebären konnte. Unterdessen war König Rehre auf einem seiner Kriegszüge gefallen. Die lebensmüde Königin ließ sich am Ende den Bauch aufschlitzen, damit das Kind endlich das Licht der Welt erblicken sollte. Es war ein Sohn, wohlgestaltet und groß. Er konnte gerade noch seine Mutter zum Abschied küssen, bevor sie starb. Wälsung haben sie ihn genannt, und er wurde König im Land seines Vaters. Später heiratete er die Walküre, die Odin mit dem Apfel gesandt hatte, und mit ihr zeugte er eine Tochter und zehn Söhne. Odin seufzt und stöhnt, als er daran denkt. Warum muss das Gute, das er tut, so schlimm enden? Warum kann er das Knäuel dieser Welt nicht lösen?

 

Am Morgen fütterte Frigga die Schwäne am Brunnen Urds, wo die drei Nornen wohnen. Es sind Urd, Werdande und Skuld, die Wissenden. Sie können alles sehen, was gewesen ist, was da ist und was da kommen wird. Das Wasser in Urds Brunnen ist heilig. Alles, was in diese Quelle eintaucht, wird so rein wie die weißeste Eierschale. Jeden Morgen sprenkeln die Nornen etwas von diesem Wasser Yggdrasil, damit die große Esche immer frisch und grün bleibt. Heute ist Frigga gekommen, um ihnen zur Hand zu gehen. Aber sie hat noch etwas anderes im Sinn. Es geht um Odin. „Wie schwer er es hat“, sagt sie. „Immer will er alles verstehen, und so grübelt er die ganze Nacht hindurch und findet kein Ende.“ Aber die Nornen schütteln nur lächelnd den Kopf. „Dann weiß er nicht mehr aus und ein“, sagt Frigga. Die Nornen lachen. „Es ist wahr“, sagt Urd, „keiner tut mehr für die Menschen als Odin.“ – „Ja“, sagt Frigga, „doch kostet es ihn große Mühe, sie zu verstehen. Bald weint er mit ihnen, bald lacht er sie aus, aber immer kümmert er sich um sie. Aber die Menschen sind nicht wie wir. Sie sind anders!“ – „Er hat sie doch selber erschaffen“, wirft Werdande ein. „In seinem Kopf geht es zu wie in einem Ameisenhaufen“, sagt Frigga. „Aber er ist der Albvater“, hält ihr Skuld entgegen und lächelt. Die drei Nornen wenden ihren Blick von Frigga ab und schweigen. Sie weiß sehr wohl, dass nichts und niemand sie zum Reden bringen kann, wenn sie ihre Geheimnisse wahren wollen.
Als sie nach Hause kommt, ist Odin fortgegangen. Sie findet ihn in Walhall. Dort sitzt er mit seinen Untoten Kriegern am Tisch und trinkt mit ihnen. Auch ein paar andere Asen haben sich eingefunden. Sie sehen auf, als Frigga eintritt, und sie hört, wie sie miteinander tuscheln.
Auch Freia ist da. Sie hat eine Katze auf beiden Schultern, und ihr Haar züngelt wie rotes Feuer über ihrem Kopf. Sie steht auf, als sie Frigga sieht, wirft ihr Trinkhorn zu Boden und läuft aus dem Saal. Nun setzt Frigga sich zu Odin, der ihr den Arm um die Schulter legt. Erst jetzt merkt sie, wie ihr die Knie zittern. Doch sitzt sie erhobenen Hauptes da; niemand soll merken, wie elend ihr zumute ist.

 

In Asgard verlief die Zeit langsamer als in Mitgard. Während im Leben der Menschen viele Jahre verstrichen sind, sind für die Asen kaum ein paar Tage vergangen. Auch darüber spricht Frigga, mit ihrem Mann. Wenn sie von ihrem Hochsitz aus auf Mitgard blicken, wundern sie sich, wie rasch dort alles hüpft und springt und zappelt. Selbst das langwierigste Drama ist da unten im Nu vorbei!
So geht es auch mit dem Goldschatz, den der habgierige Reidmar sich ausbedungen hat. Er hat sich geweigert, ihn mit seinen Söhnen zu teilen. Nun sehen sie, wie Fowne, der ältere der beiden, seinen Vater im Schlaf erschlägt. Schon kommt der jüngere dazu und verlangt seinen Anteil, aber der Mörder denkt nicht daran, etwas von seiner Beute abzugeben. Er droht seinem Bruder, und Regin, der jüngere, fürchtet um sein Leben und flieht. Aber das ist nicht das Ende der Geschichte; denn Fowne hat Angst, dass ihm jemand seinen Schatz rauben könnte. Deshalb verwandelt er sich in einen Drachen und baut sich ein Nest auf der Heide. Dort sitzt er auf seinem Haufen Gold und brütet vor sich hin.
Das alles sehen Odin und Frigga von ihrem Hochsitz aus. Sie sehen wie Regin einen Zögling in sein Haus aufnimmt, der Sigurd heißt. Den hetzt Regin nun gegen seinen Bruder auf. Den hetzt Regin nun gegen seinen Bruder auf. Er zeigt ihm, wo der Drache zu Tränke geht. „Dort musst du einen Stollen graben, in dem du dich versteckst. Dann wartest du, bis mein Bruder, das Ungeheuer, Durst hat, und sobald über den Pfad zum See kriecht, stichst du ihm von unten her mitten ins Herz!“ Sigurd folgt diesem Rat, und als der schwere Drache sich, Gift und Galle speiend, über sein Versteck wälzt, so massig, dass die Erde bebt, stößt er sein Schwert tief in Fownes schuppigen Leib.
Erst als der Drache tot ist, verrät Regin ihm, dass das Ungeheuer sein eigener Bruder war. Er möchte Fownes Herz, und er bittet seinen Zögling, es für ihn zu braten. Sigurd steckt den blutigen Klumpen auf einen Pfahl und hält ihn über das Feuer. Aber sobald er das Drachenblut schmeckt, versteht er, was die Vögel einander zuzwitschern. Sie sagen, dass Regin ihn betrügen will. Auf diese Warnung hört Sigurd. Er tut was die Vögel ihm raten, und bringt seinen Pflegevater um.

 

Odin, der das alles gesehen hat, seufzt. Es ist doch immer dieselbe Geschichte mit den Menschen, denkt er. auch Frigga ist es müde, immer auf denselben Fleck zu starren. „Vielleicht geht es anderswo weniger sinnlos zu?“ fragt sie. Odin lässt seinen Blick wandern. Wie ein Habicht schweift er über alle Dörfer in Mitgard, und plötzlich bricht er in ein größtes Gelächter aus. „Siehst du die beiden dort drüben?“ sagt er. „Das sind Agnar und Gerod. Erinnerst du dich an die beiden kleinen Jungen, die wir einst einen Winter lang auf einer Insel weit draußen im Meer auf einer Bauernkate aufgezogen haben? Jetzt sind sie schon erwachsen! Rate was aus ihnen geworden ist!“
Frigga beugt sich nach vorn, kneift die Augen zusammen und späht in die Tiefe. Ja, dort wohin Odin zeigt, erblickt sie Gerod, der es weit gebracht hat und als König auf einem prächtigen Hof sitzt. Aber wo ist Agnar, sein Bruder? Weit im Osten sitzt er in einer engen feuchten Höhle. Er ist schmutzig und trägt Lumpen. und verheiratet ist er mit einer zahnlosen Trollfrau. Seine Kinder spielen mit Würmern und Spinnen. „Siehst du, Frigga, was für ein erbärmliches Ende dein Ziehsohn genommen hat? Da ist der meine doch aus anderem Holz geschnitzt!“ Da ärgert sich Frigga über soviel Überheblichkeit, und sie fängt an, auf Gerod zu schimpfen. „Ja, er hat es geschafft zum König zu werden. Aber was ist er für ein unbeherrschter, ungehobelter Kerl. Zu alledem ist er auch noch ein übler Geizhals. Ich wette, dass er seinen Gästen nur Wasser und Brot anbietet.“ Das alles saugt sie sich aus den Fingern, um Odin zu necken, obwohl sie keine Ahnung davon hat, wie es im Hause Gerod zugeht. Ein Wort gibt das andere und am Ende beschließt Odin, selber zu seinem Ziehsohn zu fahren, um dort nach dem rechten zu sehen.
„Und du kommst mit“, sagt er zu Thor. Der hört es seufzend, denn er möchte lieber mit seinen Kämpfern in Walhall bleiben. „Frag doch Baldur“, der hat ohnehin nichts Besseres zu tun.“ Doch Odin winkt ab. „Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe“, brummt der Götterkönig, und sein Wort ist in Asgard nun einmal Gesetz.
Jetzt ist Frigga in der Klemme. Wenn es nicht so stimmt, was sie über Gerod gesagt hat, wird Odin ihr auf die Schliche kommen. Was kann sie tun, um ihn abzuschrecken oder wenigstens dafür zu sorgen, dass Gerod ihn übel aufnimmt? Sie ruft ihre Magd Fulla und trägt ihr auf, sogleich zu Odins Ziehsohn zu eilen. „Du musst meinem Mann zuvorkommen. Sobald du da bist, erzählst du Gerod, dass ein gefährlicher Landstreicher auf dem Weg zu ihm ist, ein Zauberer, der einen Fluch über ihn und seine Leute bringen will.“
So geschieht es auch, und Gerod dankt der Magd für ihre Warnung. „Aber woran kann ich diesen bösartigen Fremden erkennen?“ fragt er. „Ganz einfach“, antwortet Fulla. „Kein Hund auf der Welt, und sei er noch so scharf, wird es wagen, auf ihn loszugehen.“
Kaum hat sie sich aus dem Staub gemacht, da wird es sonderbar still auf dem Hof. Eine Gestalt im blauen Umhang steht vor dem Haus. Seinen Hut hat der Fremde tief in die Stirn gezogen. Die großen bissigen Hofhunde liegen flach vor ihm auf dem Boden und wedeln mit den Schwänzen. Dem König Gerod läuft es bei diesem Anblick kalt den Rücken hinunter. „Wie heißt du und wer bist du?“ fragt er den Fremden. „Grimme heiße ich, und Grimme bin ich“, antwortet der Mann, und das ist alles, was er sagen will. „Was willst du hier?“ fragt Gerod ihn, aber der Fremde gibt keine Antwort. Da wird der Hausherr zornig. „Ich werde dich wohl noch zum Reden bringen“, ruft er. „Bindet ihn und setzt ihn zwischen zwei Feuer, bis er den Mund auftut!“
König Gerod und seine Männer lachen sich ins Fäustchen. Sie schauen zu, wie die Flammen um das Gesicht des Gefangenen spielen. Schon raucht der Saum seines Mantels, und die Krempe seines Hutes ist angesengt. „Hast du bald genug? „rufen sie. „Gibst du endlich auf?“ Aber Grimme sitzt schweigend da, unbeweglich wie ein Stein.
Nun springt ein kleiner Junge herbei. Es ist König Gerods Sohn. Zehn Winter ist er alt, und er heißt Agnar, nach seines Vaters Bruder, den alle tot glauben. Vor langer, langer Zeit hat Gerod diesen Bruder verraten und ganz allein auf seinem Zauberboot ausgesetzt, weil er den Thron nicht mit ihm teilen wollte.
Nun aber steht der junge Agnar im Saal seines Vaters und sieht zu, wie der fremde Gast misshandelt wird. Das gefällt ihm nicht, obwohl es heißt, der Besucher sei vielleicht ein gefährlicher Zauberer. Er weiß, dass das, was er vorhat, seinem Vater ganz und gar nicht passen wird. Trotzdem füllt er nun ein ganzes Trinkhorn mit Wasser und reicht es dem Gefangenen, der es in einem Zug leert.
Da bricht der seltsame Gast endlich sein Schweigen. „Nie wirst du für einen Trunk schöner belohnt werden, Agnar“, sagt er. „Du aber, Gerod, hast sehr unklug gehandelt, und das wird dir übel bekommen. Ich war dir immer wohlgesinnt, aber du hast meine Gunst verscherzt.“ Mit einem Ruck erhebt er sich und sagt: „Hast du vergessen, wer dir das Leben gerettet und dich aufgezogen hat? Viele gute Ratschläge habe ich dir gegeben, doch du hast sie in den Wind geschlagen.“ Er wirft seinen Hut ab, und nun sehen alle, wie seine Augen funkeln. „Ich bin Odin“, ruft er. „Komm her zu mir, wenn du es wagst!“
Gerod ist die ganze Zeit mit dem Schwert auf den Knien dagesessen. Als er begreift, dass er fast den ganzen Bart des Götterkönigs verbrannt hätte, springt er auf um Odin loszubinden. Aber indem er aufsteht fällt sein Schwert zu Boden, die scharfe Spitze richtet sich auf, er stolpert und stürzt in die Klinge. Vom eigenen Schwert durchbohrt, stirbt König Gerod. Die beiden Feuer sind erloschen, und der Götterkönig ist verschwunden. Der junge Agnar tritt die Nachfolge seines Vaters an. Ob es ein Zufall ist, dass er auf den Tag genau zehn Jahre alt ist, ebenso alt wie sein Vatersbruder war, als er verschwand, damals, vor langer Zeit.
Frigga hat auf ihrem Hochsitz alles mit angesehen. Nun folgen ihre Augen Odin, wie er sich zornig auf den Weg macht. Hat sie nicht recht gehabt mit allem, was sie über Gerod gesagt hat? Ohne es zu ahnen, hat sie mit ihrer Lüge die Wahrheit gesagt. Sie weiß, dass der Götterkönig ihr diesen kleinen Triumph übelnimmt. Er wird nicht so bald nach Hause kommen. Wieder einmal zieht er nach Osten, in die wilden Berge von Jotunheim. Traurig verlässt sie die weite Aussicht und schließt sich in ihr Zimmer ein.

 

Was aber hat Odin vor? Er sucht eine Quelle auf. Der Weg dahin ist schwer zu finden und voller Rätsel. Er aber kennt jeden Stein und jeden Baumstumpf in der Einöde, und bald hat er gefunden, wonach es ihn verlangt.
Am Rand des Wasserlaufs, liegt der Kopf eines Mannes. Als Odin näher kommt, schlägt der Kopf die Augen auf und lächelt.
Es ist der Riese Mime, der hier liegt. Er und Odin sind Freunde aus alten Zeiten. Damals hatte Mime noch Beine, mit denen er gehen und Arme die er ausstrecken konnte. Aber im großen Krieg zwischen Asen und Wanen wurde er geköpft. Damals hat Odin ihm die stärksten Zauberlieder über sein entstelltes Gesicht gesungen und seinen Kopf mit heilenden Kräutern gesalbt, und so ist das Licht in Mimes tote Augen zurückgekehrt.
Bis heute lebt er in der Einsamkeit und bewacht die Quelle, die man Mimes Brunnen nennt. Ihr Wasser gibt jedem, der davon trinkt, Weisheit und Einsicht. Mime war immer schon der Klügste unter den Trollen, und jedes Mal wenn er seinen Durst an der Quelle stillt, wird er noch klüger als zuvor. Immer wenn Odin nicht mehr aus und ein weiß, kommt er zu ihm und sucht seinen Rat.
Eine ganze Nacht lang reden die beiden Freunde miteinander. Wie soll es weitergehen mit der Welt? Was hat die Mitgardschlange vor, die immer weiter wächst, und wer soll den Fenriswolf bändigen, der heult, als wolle er alles, was da lebt, verschlingen?
Aber auch über die Menschen zerbrechen sie sich den Kopf. „Dieser Gerod zum Beispiel“, sagt Odin. „Ich habe ihn doch selber erzogen. Alles was ich konnte, habe ich für ihn getan, damit ein aufrechter Mann aus ihm wird. Und was hat er getan? Seinen Bruder hat er verraten und ein böses Ende genommen.“
„So sind sie eben, die Menschen“, seufzt Mime. „Nicht einmal auf meinen Milchbruder kann ich mich verlassen“, fährt Odin fort. „Ich werde einfach nicht klug aus ihm.“ Er meint Loki. „Er kommt mir vor wie ein Mensch. Weder Fisch noch Fleisch! Gott und Troll in einer Gestalt!“
Odin ballt die Fäuste. „Und doch sind sie etwas Besonderes, die Menschen. Weißt du was mir an ihnen gefällt? Sie sind voller Leben. Bei uns in Asgard werden ja gar keine Kinder mehr geboren. Alles steht still. Wir bleiben unter uns. Das ist ein schlechtes Zeichen!“ – „Du hast recht“, nickt der Kopf. „Es kommt wohl vor“, sagt Mime, „aber selten genug.“
Odin wiegt den Kopf und meint: „Das hat nichts Gutes zu bedeuten. Ich fürchte, dass es die Menschen sind, in deren Händen die Zukunft liegt.“ Er brummt wie ein alter Bär. „Unsere Zeit neigt sich dem Ende zu. Fühlst du es nicht?“
Odin hat Mimes Kopf in seinen Schoß gebettet. Die beiden schweigen. Der Wind flüstert in den Kiefern. Die Sterne leuchten weiß. Auf dem Grund der Quelle glitzert etwas Helles. Das ist Odins Auge, das er einst zum Pfand geben musste, um aus Mimes Brunnen zu trinken. Es geschah vor langer Zeit. Damals waren sie beide jung und wussten nichts voneinander, und die Welt war neu.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an die Geschichten

TA KI

 

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 7


Die bärtige Braut

Von Tor Åge Bringsværd

muttergöttin freyja

Wie wenn ein Schwert die Welt entzwei spaltet, wie wenn große Steine über die Wolken rollen, wie wenn der Himmel selber Purzelbäume schlägt – bis es plötzlich still wird und alles Lebendige den Atem anhält, bevor die Wolken einen mächtigen Wind aufschrecken und ein Regen niederfährt wie eine Wand: So ist es, wenn Thor vorbeizieht; wenn der Donnergott mit seinen Böcken dahergerast kommt.
Trotzdem wissen die Menschen, dass er ihnen wohl will. Sie sehen ihn als ihren Freund und Beschützer. Alle wissen, dass nicht er, sondern Odin der mächtigste von allen Asen ist. Er ist ihr Häuptling. Aber er lässt sich selten blicken. Meistens bleibt er auf seinem Hochsitz und grübelt, weit weg, auf der gewaltigen Götterburg Asgard, auf der anderen Seite des Regenbogens. Es sieht ganz so aus, als wäre er sich selbst genug.
Thor dagegen – mit dem kann man immer rechnen. Wenn jemand Hilfe braucht, wenn die Riesen den Menschen drohen, wenn dunkle Kräfte Mitgard bedrängen, um zu plündern und zu brandschatzen, dann rufen die Leute Thor herbei. Viele machen sich sogar einen kleinen Hammer aus Silber, den sie an einer Kette um den Hals tragen, als Zeichen dafür, dass Thor es ist, dem sie vertrauen.
Sein Hammer heißt Mjölner, und er ist die stärkste und gefährlichste Waffe, die es gibt. Wenn Thor ihn wirft, trifft er immer sein Ziel, und sei es noch so klein, und dann kehrt der Hammer von selber in seine Hand zurück. Er zermalmt alles, was ihm in den Weg kommt. Weder der härteste Fels, noch der dickste Riesenschädel kann Mjölner widerstehen.
Aber die Asen haben noch ganz andere starke Waffen. Hinter den mächtigen Mauern von Asgard lagern Berge von Schwertern, Streitäxten, Speeren und Bogen. Odin rechnet nämlich damit, dass ein großer Krieg bevorsteht. Deshalb lodert in den Schmieden Tag und Nacht das Feuer. Niemand weiß, wie viele dort für ihn arbeiten.
Doch nicht nur Waffen hat die große Götterburg zu bieten. Über die Jahre hinweg, haben es die Götter auch verstanden, erlesene Schätze aufzuhäufen: Idunas berühmte Äpfel, die den, der sie kostet, verjüngen und ihm neue Kräfte geben, Skidbladner, ein Schiff, das nicht nur zu Wasser, sondern auch zu Lande segeln kann, und nach dem Ende der Fahrt lässt es sich zusammenfalten zu einem kleinen Tuch; ferner das Pferd mit den acht Beinen und das Schwein, das im Dunkeln leuchtet.
Auch viele schöne und kostbare Schmuckstücke haben sie sich angeschafft. Alle beneiden Odin um seinen schweren Goldring, der Draupne heißt und so wunderbar beschaffen ist, dass in jeder Nacht acht gleich große Ringe aus ihm tropfen. Aber das berühmteste aller Juwelen ist doch der Brisingam. Dieses funkelnde Schmuckstück haben vier liebestolle Zwerge einst für Freia, der Göttin der Liebe, geschmiedet und sie trägt es immer, ob sie schläft oder wacht, am Hals. Keine magischen Runen zieren diesen Schmuck, und er scheint keine geheimen Kräfte zu haben. Aber heißt es nicht, der stärkste Zauber ginge von der Schönheit aus? Gibt es etwas Gefährlicheres als ihren Anblick? Bleibt nicht vielen das Wort im Halse stecken, wenn sie ihr begegnen? Manche verlieren sogar den Verstand. Und alle sind sich einig, dass es nichts Schöneres gibt, weder auf noch unter der Erde, als den Brisingam, Freias Schmuck. Wie viele gibt es, Götter und Trolle, die ihn kaufen wollten. Aber Freia denkt nicht daran, ihn herzugeben. Um keinen Preis!
Einer, der ihn gesehen hat, träumt seitdem davon, ihn sein Eigen zu nennen. Er ist ganz besessen von dem Wunsch. Und es gibt nur einen Weg, seine Gier zu stillen, er muss den Brisingam stehlen.

 

Die Nacht ist mondlos und dunkel. Über den Hofplatz von Folkwang schleicht ein Mann. Freia, die Hausherrin schläft ruhig, denn in ganz Asgard gibt es kein Haus, das so feste und starke Türen hat, wie das ihre. Aber der sich da in der Nachtkälte heranpirscht, ist kein gewöhnlicher Dieb, er ist ein Meister seines Faches. Schwarz gekleidet ist er, und das Gesicht hat er sich mit Ruß beschmiert. Er tastet vorsichtig an den Türklinken. Nein! Die Schlösser sind mit Bolzen gesichert. Das hat er sich gedacht. Und auch die Fenster sind mit dicken Platten verrammelt. Doch der Schwarzgekleidete gibt nicht so leicht auf Im Nu hat er sich in eine Fliege verwandelt. Jetzt sucht er eine Ritze. Hoch oben, unter dem Dachfirst, findet er ein winziges Loch, kaum größer als ein Nadelöhr. Er presst die Flügel dicht an den Leib, und so gelingt es ihm durchzuschlüpfen.
Erst überzeugt er sich davon, dass Freias Töchter und die Dienstmädchen schlafen. Dann fliegt er summend und munter in Freias Bettkammer. Er fühlt sich sicher, weil er weiß, dass alle ihre Katzen draußen streunen, auf der Suche nach Freiern und auf der Jagd nach Mäusen.
Der Dieb lässt sich auf einem Bettpfosten nieder. Wunderbar sieht Freia aus, wie sie so daliegt. Den Brisingam trägt sie am Hals, doch die Schließe ist unter ihrem Nacken verborgen. Er muss sie dahin bringen, dass sie sich umdreht. Einen Augenblick lang besinnt er sich. Dann verwandelt er sich in eine Laus. Wie angenehm es ist, über Freias weiche Brüste zu wandern. Langsam klettert er an ihrem Kinn hoch. Er holt Atem, schließt die Augen, und beißt zu, so fest er nur kann. Da erwacht Freia und schlägt um sich. Sie murmelt zornig vor sich hin und wendet sich auf die Seite. Er wartet geduldig, bis sie wieder eingeschlafen ist.
Da nimmt der Lausekerl wieder seine wahre Gestalt an. Er beugt sich über die Schlafende, öffnet mit spitzen Fingern das Schloss und zieht ihr den Schmuck vom Hals. Dann geht er ruhig zur Tür, zieht den Riegel heraus und verschwindet in der Dunkelheit.
Als die Katzen in der Morgendämmerung heimkommen, finden sie die Tür sperrangelweit offen. Sie sind es gewohnt, draußen auf der Schwelle zu warten, bis ihnen jemand aufmacht. Diesmal aber laufen sie schnurrend und miauend durch das schlafende Haus. Doch als sie auf das Bett ihrer Herrin springen, um ihr an Kinn und Hals zu schmeicheln, verjagt sie Freia, mit einem schrillen Schrei und mit zornfunkelnden Augen.
Wer ist der Schuldige an dem Debakel?
Freia nimmt sich nicht einmal die Zeit, um sich zu kämmen. Sie spannt die Katzen vor ihr Fuhrwerk und fährt im Galopp zum Himmelsberg. Dort haust Heimdall, der Wächter der Götter. Er bewacht Bifrost, die weite Regenbogenbrücke, die einzige Verbindung der Götter zum Rest der Welt. Niemand kommt nach Asgard herein, niemand von dort heraus, ohne dass Heimdall es merkt.
„Hier ist kein Riese und auch kein Zwerg vorbeigekommen“, sagt Heimdall. „Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“
„Also muss der Dieb einer der Unseren sein!“ ruft Freia. Heimdall nickt. „Dann finde ihn gefälligst“, knurrt sie. Sie wartet die Antwort nicht ab, knallt mit der Peitsche und die Katzen stieben davon.
Noch dämmert es, und bevor die anderen Asen erwachen und sie zu Gesicht bekommen, muss sie sich zurechtmachen und ein wenig Wangenrot auflegen. Denn die Liebesgöttin muss die Schönste von allen sein, mit oder ohne den Brisingam.
Aber Heimdall macht sich seine eigenen Gedanken. Er glaubt zu wissen, wer der Übeltäter ist. Denn ganz früh, bevor die Sonne aufging, ist einer der Götter von Asgard ausgeritten. „Wo willst du denn hin, so früh am Tag?“ hat Heimdall ihn gefragt. „Das siehst du doch“, hat der andere geantwortet und ihm seine Angelschnur gezeigt. Aber ich weiß Bescheid, denkt Heimdall, mich legst du nicht herein!
Er weckt Tyr, seinen Gefährten, und bittet ihn, die Wache zu übernehmen. Der hat nur eine Hand, aber er ist der tapferste aller Asen. Sogleich sattelt Heimdall sein Pferd, das Gulltopp heißt, und setzt dem Dieb nach.
Der andere hat einen großen Vorsprung. Aber Gulltopp ist ein schnelles Pferd, und da es angefangen hat zu schneien, hat Heimdall keine Mühe, ihm zu folgen. Er ist ein guter Spurenleser, und er kann sehen, was sich hundert Meilen weit entfernt bewegt, in der schwärzesten Nacht so gut wie mitten am Tag. Er hat so gute Ohren, dass er nicht nur das Gras, sondern auch die Wolle der Schafe wachsen hört.

 

Über Berg und Tal reiten die beiden, durch weiße Wälder und an gefrorenen Wasserfällen vorbei. Bis ans stürmische Meer folgt Heimdall den Spuren des Diebes. Hier am Strand hat der andere sein Pferd gelassen. Die Angelrute hat er auf die Klippen geworfen. Heimdall setzt die Hand an die Stirn und späht aufs Meer hinaus. Weit draußen, zwischen schwarzen Wellen, treibenden Eisschollen – was ist das für eine graue, fleckige Gestalt, die da auftaucht und wieder verschwindet? Der Dieb hat sich in einen Seehund verwandelt!
Aber auch Heimdall versteht sich auf die Kunst der Verwandlung. Im Nu ist auch er zum Seehund geworden, der sich ins kalte Wasser stürzt.
Diesmal sollst du mir nicht entkommen, denkt er. Wie oft hast du, wie alle andern, auch mich überlistet! Aber jetzt kriege ich dich. Ich kenne dich, und weiß dass deine Zunge glatt wie ein Aal ist. Doch nun nützt dir keine Ausrede mehr, Loki. Der Dieb bist du.
Denn kein anderer als Loki ist es, der da draußen schwimmt. eigentlich gehört er gar nicht nach Asgard, denn seine Eltern sind keine Asen. Er stammt von den Riesen ab. Aber als Loki klein war, hat sich Odin mit ihm angefreundet, und seitdem hält der König der Götter immer seine schützende Hand über ihn, ganz gleich, was für Streiche sich Loki im Lauf der Zeit geleistet hat., Viele meinen, dass Odins Gutmütigkeit zu weit geht, dass Loki soviel Schonung nicht verdient, dass er in Asgard nichts zu suchen hat, und dass man diesen Taugenichts schon längst hätte verjagen sollen. Das meint auch Heimdall, aber wer hört schon auf ihn, den treuen Wächter?
Die beiden Seehunde schwimmen aus Leibeskräften. Der Dieb hat gemerkt, dass er verfolgt wird, aber er kann Heimdall, der mit jedem Flossenschlag näher kommt, nicht entgehen. An einer steilen Klippe versucht er, seine Beute loszuwerden. Er will Freias Schmuck verstecken, aber da hat ihn Heimdall bereits eingeholt. Und nun ringen die beiden Seehunde miteinander.
Es ist ein ungleicher Kampf. Bald hat Heimdall den Dieb auf die Klippe geworfen und ihm den Brisingam entrissen. Beinahe wäre der Schmuck in den Wellen verschwunden. Nun fängt Loki an zu jammern und zu heulen. „Es ist nicht meine Schuld“, behauptet er, „es war nicht meine Idee!“
Sie haben beide wieder ihre wahre Gestalt angenommen. Heimdall hält Lokis Nacken fest im Griff und schüttelt ihn. „Ich habe deine Lügen satt“, ruft er. „Diesmal kannst du dich nicht herausreden. Warte nur bis Odin davon erfährt!“
„Aber mein Liebe“, stöhnt Loki, „du glaubst doch nicht, dass ich mich aus eigenen Stücken auf eine so riskante Sache eingelassen hätte? Ich bin doch nicht blöd! Odin selber war es, der mich dazu angestiftet hat. Was blieb mir anderes übrig, als ihm zu gehorchen?“
„Du lügst!“ schreit Heimdall voller Wut. Aber Loki bleibt steif und fest bei seiner Geschichte. Alle hätten es doch gemerkt, sagt er, dass Odin in der letzten Zeit übergeschnappt ist. „Du weißt doch, wie er sich aufführt! Jeden Tag wird er mürrischer, unberechenbarer, herrschsüchtiger.“
Doch – das kann Heimdall nicht leugnen. Es ist ihm nicht entgangen, dass Odin sich oft merkwürdig benimmt in letzter Zeit. „Allmächtiger, will er sein und ganz allein herrschen“, sagt Loki. „Er kann es nicht ertragen, wenn jemand etwas besitzt, was schöner ist als alles, was er selber hat.“
„Halts Maul!“ murmelt Heimdall. „Alles, was dir einfällt, sind Lügen und Schweinereien.“ Aber er hat doch einen Schrecken bekommen. Auf dem Heimweg wollen ihm Lokis Worte nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht ist doch etwas Wahres daran? Keiner von beiden spricht, bis sie die Pforte von Asgard erreichen. Aber Loki merkt doch, dass Heimdall Zweifel gekommen sind, und das erfüllt ihn mit heimlichem Behagen.

 

In der Burg der Götter herrscht ein Durcheinander, wie es noch niemand gesehen hat. Alle suchen verzweifelt, klettern auf die Bäume, tauchen in die Brunnen, kriechen unter die Häuser, wenden jeden Stein um und um. Heimdall triumphiert. „Da, schaut her“, ruft er lachend. „Ich hab´s gefunden!“ Er hält den Asen Freias Schmuck hin. Alle halten inne und schauen hin, aber dann wenden sie sich gleich wieder ab und suchen weiter. „Versteht ihr denn nicht?“ ruft Heimdall, „Hier ist er doch! Ich habe den Brisingam! Ihr braucht nicht weiter zu wühlen.“
Aber Odin blickt ihn mit seinem einen Auge zornig an: „Hier geht es nicht um ein paar bunte Steine. Den Glitzerkram kannst du vergessen!“ Denn an diesem Morgen ist nicht nur der Brisingam verschwunden. Viel schlimmer! Thor vermisst seinen Hammer – die stärkste und gefährlichste Waffe im Himmel und auf Erden. Was soll ohne ihn, den Mjölner, aus der Burg der Götter werden? Wie wird es den Asen ergehen, wenn ihre Feinde ihn in die Klauen bekommen?
„Wahrscheinlich willst du mir auch an dieser Katastrophe die Schuld in die Schuhe schieben“, flüstert Loki und stößt Heimdall in die Seite. Der schiebt ihn knurrend zur Seite und schweigt verbittert. Diesen Auftritt hat er sich ganz anders vorgestellt. Er war auf Lob und Ruhm gefasst und nun scheint sich niemand um ihn und Loki zu kümmern.
Nur Freia freut sich von Herzen: „Habt ihr den Dieb erwischt?“ fragt sie. Heimdall kratzt sich am Kopf und überlegt. „Nein“, sagt er, denn er fühlt, dass dies nicht der rechte Augenblick ist, um Unfrieden zu stiften. Jetzt gilt es zusammenzuhalten, denkt er. Und Loki sieht Freia mit schmelzendem Blick an und erklärt: „Wir haben deinen Schmuck einfach gefunden.“
„Vielen Dank euch beiden“, zwitschert die Liebesgöttin und küsst sie auf den Mund, „Hauptsache ich habe meinen Brisingam wieder.“ Sie legt sich den Schmuck um den Hals und tanzt summend davon. Loki und Heimdall wechseln einen langen, ernsten Blick. Dann zuckt Loki auf einmal mit den Schultern und schüttet sich aus vor Lachen.
Odin war schon drauf und dran, verärgert fortzugehen, doch jetzt besinnt er sich und ruft von weitem Loki zu: „Gut, dass du wieder da bist, mein Lieber. Du hast immer eine gute Idee, und jetzt brauche ich dringend deinen Rat.“ Da lacht Loki noch übermütiger als zuvor und wedelt mit beiden Händen. Odin schwitzt vor Aufregung und kommt ihnen entgegen. Ohne Heimdall auch nur einen Blick zu gönnen, legt er den Arm um Lokis Schulter und schleppt ihn mit sich. Heimdall wendet sich ab. Er weiß jetzt nicht mehr, was er von dem Ganzen halten soll. Am Ende stimmt es, was Loki ihm erzählt hat?

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Auf Thors Hof in Trudwang steht alles kopf. Das große Haus wird vom Dach bis zum Keller durchsucht, aber es gibt dort fünfhundertvierzig Zimmer, und die suche nach dem Hammer will kein Ende nehmen.
Als Odin mit Loki eintritt, finden sie Thor, der auf dem Boden sitzt und sich die Haare rauft. Er glotzt vor sich hin und rührt sich nicht. Siv, seine Frau hockt neben ihm und hält seine Hand. Nicht einmal begrüßen will er die Gäste. Erst nach langem Hin und Her bringen sie ihn zum Reden. „Oi, oi, oi“, jammert er und schüttelt den Kopf. „Wenn ich nur wüsste, wo ich ihn hingelegt habe! Irgendwo muss das verdammte Ding doch sein. Wie kann ich nur so dumm sein!“
„Na, ja“, meint Loki. „Aber bist du denn sicher?“ Der Donnergott zuckt zusammen: „Wie meinst du das?“ Loki lacht. „Bist du denn sicher“, sagt er, „dass dein Hammer noch in Asgard ist?“ Thor kratzt sich am Kinn. „Wo soll er denn sonst sein?“ – „Kannst du dich erinnern, wann du ihn zum letzten Mal gebraucht hast?“ fragt Loki. „Gestern Nachmittag“, murmelt Thor. „Auf dem Heimweg habe ich zwei Riesen getroffen und sie aufs Haupt geschlagen. Ich weiß es noch genau. Sie hatten zwei kleine Kiefernbäume auf der Nase.“
„Und dann? Hast du den Hammer später noch gesehen?“ Der Donnergott schüttelt betrübt den Kopf.
„Wie bist du nach Hause gekommen? Mit deinen Böcken und dem Fuhrwerk?“ fragt Loki.
„Bist du hoch über den Wolken gefahren?“ Thor nickt. „Aha! Dabei ist vielleicht der Hammer herausgefallen. Das kann doch sein.“
Odin hat schweigend zugehört, doch jetzt schlägt er mit der Faust auf die offene Hand. „Loki hat recht“, sagt er, „so muss es gewesen sein.“
„Ich habe ihn also gar nicht verschlampt“, murmelt Thor und steht auf. „Natürlich nicht“, sagt Odin und klopft ihm auf die Schulter. „Ich habe ihn bloß verloren“, brummt Thor, als wäre das eine Entschuldigung. Aber Loki fängt zu kichern an. „Wisst ihr, was das bedeutet? Das bedeutet, dass Mjölner überall sein kann – weiß der Himmel wo! Da könnt ihr lange nach ihm suchen.“

 

Da hält es Odin nicht länger. Er will sogleich die Walküren an alle Ecken und Enden der Welt losschicken. Er will, dass alle Asen laufen und reiten, segeln und schwimmen. Er will ein ganzes Totenheer aussenden, von Süd bis Nord, von Ost bis West. Aber Loki warnt ihn. „Wir dürfen kein Aufsehen erregen“, sagt er, „sonst wissen alle, dass wir ohne Thors Hammer dastehen. Das wäre gefährlich. Weißt du was? Am besten, ich ziehe allein los. Wenn Freia mir ihre Falkengestalt leiht, habe ich eine Chance.“
„Wie du willst“, sagt Odin und umarmt ihn. „Ich sage es ja, auf dich ist Verlass. Was sollte ich ohne dich anfangen, mein Milchbruder.“
Freia ist einverstanden. „Natürlich leihe ich euch mein Falkenkleid“, sagt sie, „selbst wenn mein Federgewand aus reinem Gold und jede Daune aus Silber wäre, ich gäbe es gerne her. Viel Glück und Geschick wünsche ich dem, der damit davonfliegt!“
Schon zieht Loki sich die großen Flügel über und versucht zu flattern. Er nimmt einen Anlauf und schwingt sich empor in die Lüfte. Vor ihren Augen verwandelt er sich in einen Vogel. Immer höher und höher steigt er. „Hoffentlich findet er ihn“, flüstert Freia. „Ohne Mjölner sieht es finster aus für uns. Er war unsere beste Verteidigung. Und wenn er jetzt in die Hände der Trolle gefallen ist…“ Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Über ihren Köpfen kreist der große Vogel. „Such zuerst in Jotunheim bei den Riesen“, ruft Odin ihm zu. „Zieh nach Nordosten!“ Und der Falke krächzt zurück: „Nord und Ost, Nord und Ost!“ Odin, Thor und Freia stehen oben auf der Burgmauer und blicken ihm nach, bis er nur noch ein kleiner schwarzer Punkt ist, der in der Ferne verschwindet.

 

Trym, der König der Riesen, sitzt hoch auf einem Hügel. Er hat die Mähne seiner Pferde gestutzt und flicht goldene Bänder für seine Hunde. Sehr vergnügt sieht er aus. „Aber das ist doch Loki, der da oben herumflattert“, ruft er und lacht. „Mich kannst du nicht täuschen, mein Kleiner! Komm herunter und ruh dich ein wenig aus!“
„Danke“, antwortet Loki und landet neben dem Riesen. „Nun, wie steht´s mit den Asen und den Alben?“ fragt Trym. „Gibt es was Neues?“
„Das kann man wohl sagen“, erwidert Lok, „Da du schon danach fragst: Schlecht steht´s in Asgard und in Alfheim, ganz schlecht sieht es aus.“
„Oh, das tut mir aber leid.“, sagt Trym und lacht so unbändig, dass er fast den Hügel heruntergekollert wäre. „Tors Hammer ist uns abhanden gekommen“, sagt Loki. „Na so was!“ gluckst Trym. „Ich kann es gar nicht glauben.“ Er hält sich den Bauch und wiegt sich hin und her.
„Doch“, sagt Loki ernst. „So ist es. Und nun frage ich dich, Trym, könnte es nicht sein dass du…“ Trym nickt und nickt. „Doch“, sagt er und lacht. „Das könnte gut sein.“
„Ich meine nur“, sagt Loki. „Natürlich“, unterbricht ihn Trym, „natürlich habe ich ihn. Und ich habe ihn gut versteckt, an einem Ort wo ihr ihn nie und nimmer finden werdet.“
„Aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit ihn zurückzubekommen?“ fragt Loki vorsichtig. „Tja“, murmelt Trym, „vielleicht. Wir könnten ja einen kleinen Tauschhandel machen, oder?“ und lacht wieder so hemmungslos, dass der ganze Hügel bebt und Pferde und Hunde sich losreißen und in alle Richtungen davon stieben. „Hör mir gut zu“, brüllt er. Und Loki lauscht.

 

In Asgard rennt Thor inzwischen hin und her, wie ein Tier im Käfig. Viele Tage lang hat er schon gewartet, und es ist nichts passiert. Er ist rastlos und ungeduldig. Als er Loki von weitem her kommen sieht, ruft er ihm zu, so laut er nur kann: „Was ist? Hast du ihn gefunden?“ – „Was heißt schon gefunden“, krächzt der Falke. „So rede doch!“ ruft Thor. „Wo ist er? Was hat deine Reise gebracht?“
„Was heißt schon gebracht“, krächzt der Falke zurück. „Nun lass Loki doch erst einmal landen“, sagt Siv und zupft ihren Mann am Ärmel. Aber Thor ist außer sich und hört nicht auf sie. „Wer sich niederlässt, vergisst oft, was er sagen will. Und wer sich ausruhen darf, hat Zeit, sich Lügen auszudenken“, brummt er.
Endlich schwebt Loki über die Burgmauer herein. „Erzähl mir alles, solange du noch in der Luft bist!“ brüllt Thor. „Heraus mit der Sprache! Weißt du wo mein Hammer ist, oder weißt du es nicht?“ Er rennt dem Vogel entgegen. Der landet auf einem Ast der Esche Yggdrasil, dem gewaltigen Hausbaum der Asen, der immer grün bleibt.
„Was heißt schon wissen“, murmelt er und schält das Falkenkleid von seinen Schultern. Er weigert sich vom Baum herunter zu klettern. Thor springt wie ein gereizter Bär unter ihm hin und her. Aber Loki fürchtet, dass ihm der Donnergott in seiner Wut etwas antun könnte, und deshalb bleibt er einfach auf seinem Ast sitzen und schweigt. „Heraus damit, du Unglücksrabe.“ – „Nicht ehe du mir geschworen hast, dass du mich nicht erschlägst“, antwortet Loki. „Was ich dir zu sagen habe ist starke Kost, salzig und hart, stinkend und ranzig ist sie, und es tut weh, sie hinunterzuschlucken.“
„Ich schwöre“, brummt Thor. „Komm herunter, du Ungeziefer!“
Loki tut es und sagt: „Trym ist es, der deinen Hammer hat. Und er hat ihn acht Klafter tief in der Erde versteckt.“ Thor knirscht mit den Zähnen, und in seine Augen treten Tränen. „Dann ist alle Hoffnung vergebens.“
„Was heißt schon vergebens“, sagt Loki gedehnt. „Vielleicht hätte Trym gegen ein kleines Tauschgeschäft nichts einzuwenden.“
„Meinetwegen kann er alles haben, was er will.“ Thor zählt seine Reichtümer an den Fingern her: Gold, Silber, Pferde, Kühe…. Doch Loki lässt ihn nicht ausreden. „Von alldem hat der König der Riesen selbst mehr als genug“, wirft er ein. „Dann sag mir endlich, was er haben will.“ Thor schlägt sich auf die Brust und verspricht: „Ich werde es ihm verschaffen, koste es was es wolle.“
„Oh, du kannst deinen Hammer jederzeit wiederhaben. Unter einer Bedingung.“ Loki scharrt mit den Füßen. „Und die wäre?“
Loki räuspert sich. „Dass Trym…. dass Trym…. dass Trym Freia zur Frau bekommt.“
Thor bleibt die Luft weg. Auf einmal wirkt er beinahe klein und schäbig, wie er so dasteht. Beide wissen, dass eine solche Hochzeit unmöglich ist. Loki schaut weg. „Immerhin, fragen könnte man sie ja. Das kann doch nicht schaden“, bringt Thor endlich hervor. „Nein, direkt schaden kann es kaum“, antwortet Loki, und so brechen die beiden auf nach Folkwang.
Aber dort haben sie noch weniger Glück, als sie dachten. Freia gerät außer sich vor Wut. „Habt ihr denn ganz und gar den Verstand verloren?“ heult sie. „Glaubt ihr, ich ginge mit dem nächstbesten Idioten ins Bett?“ Ihre Augen funkeln. „Sehe ich so aus, als ob ich es nötig hätte, mich einem dreckigen Troll an den Hals zu werfen?“ „Aber Freia bedenk doch…“, wagt Thor zu sagen. Doch die Liebesgöttin zeigt ihm ihre Krallen und faucht wie zwanzig Katzen. „Du hältst mich also für so blöd, so geil und blind, dass ich nach Jotunheim pilgern muss, um mir einen Bräutigam zu suchen? Nie wird es soweit kommen!“
„Natürlich nicht“, versichert Loki ängstlich. „Es war ja nur eine Frage.“
„Eine Unverschämtheit!“ Freia stampft mit dem Fuß auf, dass das ganze Haus bebt. Ihr Hals wird so steif wie ein Mastbaum, und ihr großer Schmuck, der Brisingam, springt auf und fällt klirrend gegen die Wand.
„Gut“, sagt Loki rasch. „Du bleibst also bei deinem Nein? Dann lassen wir die Sache vorerst auf sich beruhen.“ Er verbeugt sich und geht rückwärts hinaus. Thor folgt ihm murrend, und Freia wirft hinter ihnen die Türe zu.

 

Eine Stunde später versammeln sich die Asen zur großen Beratung. Denn den Hammer müssen sie zurückgewinnen, so oder so. Nur wie? Kein Ausweg ist in Sicht, denn Freia bleibt dabei – auf Tryms Ansinnen einzugehen, das kommt gar nicht in Frage. „Lieber sterbe ich!“ schnaubt sie und wirft den Kopf in den Nacken. „Darauf wird es womöglich für uns alle hinauslaufen“, seufzt jemand auf der hintersten Bank. „Ohne Thors Hammer Mjölner kann uns das schneller blühen, als wir denken“, flüstern andere. Aber Freia denkt nicht daran nachzugeben, und Odin kann und will sie nicht zwingen.
Endlich hat Heimdall die rettende Idee. „Thor muss sich verkleiden“, sagt er. „Als Frau. Wir ziehen ihm das Brautleinen an und hängen ihm den Brisingam um den Hals!“
Die Asen schauen sich an. Alle sind verblüfft. Das kann doch nicht Heimdalls Ernst sein. „Doch“, sagt er. Mit einem Schleier vor dem Gesicht wird ihn niemand erkennen. Wir geben ihm ein Kopftuch und Weiberkleider, die bis zu den Knöcheln reichen, und im Gürtel soll er einen klirrenden Schlüsselbund tragen.“
„So, und du glaubst, dass das alles ist, was eine Frau braucht?“ ruft eine der Göttinnen und hält ihm ihren Busen unter die Nase. „Wenn es nur das ist“, antwortet Heimdall. „Ein paar Steine tun es auch. Man muss sie nur richtig festbinden, dann glaubt der Troll, er hätte die verlockendsten Brüste vor sich.“ – „Ob man das riskieren kann?“ Loki ist begeistert von diesem Plan, aber Thor hat keine Lust mitzuspielen. „Wie sieht das denn aus?“ brummt er. „Ein Mann in Weiberkleidern! Wenn ich das Brautleinen anlege, werde ich zum Gespött der Leute. Mein Leben lang werden mich alle auslachen, die davon gehört haben.“ Aber hat er denn die Wahl?
„Not kennt kein Gebot!“ ruft Loki. „Schließlich ist es dein Hammer, und deshalb musst du ihn selber zurückholen. Wenn du dich nicht allzu ungeschickt anstellst – einen Versuch ist es jedenfalls wert.“
„Du musst es versuchen“, beschwört ihn Odin. „Sonst wird bald ganz Asgard den Riesen in die Hände fallen. Wir haben keine Zeit zu verlieren!“
Also wird Thor geschmückt, von vorn bis hinten. Freia stellt ihr Haus zur Verfügung. In ihrem großen Saal helfen alle Frauen mit. „Schleier hier und Schleier dort“, beschwert sich der Donnergott. „Ich sehe bald nichts mehr. Ich sehe ja schon aus wie eine Schneiderpuppe!“
„Wir sollten ihm auch den Bart abnehmen“, meint Freia. „Nur das nicht!“ ruft Thor erschrocken und schlägt die Hände vors Gesicht. „Ohne Bart würdest du aber viel süßer aussehen“, lacht Siv. „Das hat mir gerade noch gefehlt“, murrt Thor. Auch Loki ist jetzt in den Saal gekommen. „Einfach entzückend“, ruft er. „Du bist ja die hübscheste Braut, die man sich wünschen kann, lieber Thor.“
„Hübsch kannst du selber sein, verdammter Wicht!“ brüllt Thor und schlägt nach ihm. „Daran will ich es nicht fehlen lassen“, sagt Loki. „Du glaubst wohl nicht, dass ich dich alleine ziehen lasse? Ein solches Abenteuer lasse ich mir nicht entgehen.“
„Wie meinst du das?“ fragt Thor misstrauisch. „Du kannst doch nicht ohne Dienstmagd auf die Brautfahrt gehen, oder?“ Loki macht einen Knicks und zwinkert ihm zu: „Ich werde die Brautjungfer spielen.“ Und so geschieht es. Noch am selben Tag werden Thors Ziegenböcke von der Koppel geholt, vor den Wagen gespannt, und mit Blumen und Kiefernzweigen geschmückt.
Endlich ziehen sie los. Thor beißt die Zähne zusammen und flucht. Er sieht weder nach links, noch nach rechts. Nur Loki jubelt und lacht. Zum Abschied wirft er den Zuschauern Kusshände zu. Thor aber treibt die Böcke an, dass die Berge Risse schlagen und die Erde Funken sprüht. „Immer mit der Ruhe“, ermahnt ihn Loki, aber der Donnergott hört nicht auf ihn.

 

Trym steht schon den ganzen Tag vor seinem Haus und hält Ausschau. Endlich! Da sind sie! „Beeilt euch!“ schreit er die Dienstboten an. „Legt Stroh auf die Bänke! Ist alles blitzblank geputzt und geschrubbt? Sie kommt! Freia, meine Braut ist da!“ Er schlägt sich auf die Brust und prahlt. „Kühe mit goldenen Hörnern kann ich ihr bieten. Schätze von denen jedem schwindlig wird, der sie zu Gesicht bekommt. Nur Freia hat mir noch gefehlt, die Schönste im Himmel und auf Erden!“
Es ist Abend geworden und die Gäste setzen sich um den langen Tisch in der großen Halle. Thor schlingt einen ganzen Ochsen hinunter und lässt ihm acht Lachse folgen. Dann macht er sich über die Süßigkeiten her. Drei Fässer Met hat er schon geleert. Die Trolle schauen ihm mit aufgerissenen Augen zu.
„Noch nie habe ich eine Braut gesehen, die einen solchen Heißhunger hat“, sagt Trym. „Dass eine Frau so hart zugreifen und trinken kann, das hätte ich mir nicht träumen lassen.“
Aber die kichernde Brautjungfer Loki ist nicht auf den Mund gefallen. „Du magst recht haben“, sagt er, „doch musst du bedenken, dass die Braut seit acht Tagen nichts gegessen hat.“
„Was? Acht Tage lang hat sie gefastet?“ wundert sich Trym. Loki nickt ernst. „Ja, sie hat die ganze Woche nichts gegessen und getrunken, so sehr hat sie sich nach dir und nach Jotunheim gesehnt.“
„Die arme Kleine“, murmelt Trym. Er streckt den Kopf unter ihren Schleier, denn er will seiner Braut einen Kuss geben. Aber als er in Thors Augen schaut, erschrickt er so, dass er bis zum anderen Ende des Saales zurückweicht. „Oi“, ruft er. „Nie hätte ich gedacht dass eine Braut so grimmig dreinblicken kann. Was für scharfe Augen sie hat!“
Aber auch darauf weiß Loki eine Antwort. „Was heißt schon scharf“, sagt er. „Gerötete Augen hat die Arme, weil sie acht Nächte lang wach gelegen hat. Du verstehst!“ Jetzt ist der König der Riesen erst recht verwirrt. „Warum denn?“ fragt er. Loki zwinkert ihm zu und stößt ihn in die Seite. „Ja, kein Auge hat sie zugetan, so heiß war ihr im Bett vor lauter Sehnsucht.“ Er macht die Braut nach, seufzt und verdreht die Augen. Trym bläht sich stolz auf, und die anderen Trolle grinsen und trinken ihm zu.
Aber da kommt Tryms große Schwester an den Tisch und stellt sich vor das Brautpaar hin. Von allen Riesinnen ist sie die abscheulichste. „Sicher hast du ein Brautgeschenk für mich mitgebracht?“ sagt sie und zerrt an Thors Rock, um sich bei ihm einzuschmeicheln. „Was für schöne goldene Armreife du hast! Gib sie mir, wenn du willst, dass wir Freundinnen werden.“ Thor grunzt ärgerlich, aber sie hängt sich an ihn wie eine Klette.
Doch nun hat Trym lange genug gewartet. Jetzt muss geheiratet sein! “Bringt den Hammer herein“, ruft er, und sogleich wird Mjölner herbeigeschafft. Vier Trolle schleppen ihn auf einem großen Schild in den Saal. Trym greift nach dem Hammer und hält ihn hoch. An der großen Hochzeitstafel wird es ganz still. Nur Loki kann es nicht lassen. Er fragt: „Und wann gibst du ihn den Asen zurück?“ Tryms Augen blicken finster drein. „Nie und nimmer!“ ruft er. „Es ist aus mit Odins Macht, aus und vorbei. Nie wieder werden die Asen uns mit dem Hammer drohen.“ – „Aber es war doch abgemacht“, wendet Loki ein. „Ach was! Ich pfeife auf diese Abmachung.“
„So? Dann bist du ein elender Betrüger und dein Wort ist nichts wert“, empört sich Loki. „Du willst mir vorwerfen, dass ich lüge?“ brüllt der Riese. „Wer glaubst du wohl, dass du bist?“
„Ach, nur eine kleine Brautjungfer“, antwortet Loki schnell. „Na also!“ grunzt Trym. „Statt Thor den Hammer zurückzugeben, gehen wir zum Angriff über“, ruft er in den Saal. „Und Asgard schlagen wir kurz und klein.“
„Ja! Recht so!“ schallt es aus den Reihen der Trolle. „Nieder mit den Göttern!“ schreit Trym. „Auf sie mit Gebrüll!“ rufen seine Leute. „Eine schönere Hochzeitsreise kannst du dir nicht wünschen“, lacht der Riese und blickt seiner verschleierten Braut ins Gesicht, und Thor bleibt nichts anderes übrig, als ihm brummend zuzustimmen.
„Hier habe ich ihn“, ruft Trym und schwenkt den großen Hammer. „Mjölner, die stärkste Waffe der Welt. Bei diesem Hammer nehme ich dich, Freia zu Frau.“ Er hält inne und verneigt sich vor Thor. „In deinen Schoß lege ich ihn zum Zeichen dafür, dass wir nun Mann und Frau sind.“
Endlich! Thor kann es kaum fassen, dass der Schaft zum Greifen nah vor ihm liegt. Lange genug hat er stillgehalten. Er hat es satt sich zu drehen und zu knicksen. Damit ihn niemand erkannte, musste er an sich halten und durfte kein Wort reden. Aber jetzt ist seine Stunde gekommen! Nie wieder wird er den Hammer aus der Hand geben. Er lacht, dass es im ganzen Saal dröhnt, wirft den Tisch um und reißt sich den Schleier vom Gesicht.
„Oi!“ ruft Trym. „Selber oi!“ lacht Thor. Jetzt ist er wieder ganz der Donnergott. Er wirft den Riesen zu Boden. Dann geht er auf die andern los. Wild schlägt er mit dem Hammer um sich. Die Schädel der Trolle bersten. Niemand wird verschont. Zu guter Letzt erschlägt er auch Tryms große Schwester.
Dann regt sich nichts mehr in dem riesigen Saal, und Thor kann aufatmen. Loki kriecht unter dem großen Fass, wo er sich versteckt hat, hervor. „Jetzt ist es wohl Zeit, nach Hause zu gehen?“ fragt er. „Das will ich meinen“, sagt Thor und lächelt zufrieden. Die beiden heben ihre Röcke auf und setzen sich wieder in den Wagen, der sie hergebracht hat. „Hü, meine Böcke“, ruft Thor. „Auf im Galopp!“
So hat Thor seinen Hammer wiederbekommen. Und nun liegt der Frühling in der Luft. Auf dem Heimweg schmelzen Schnee und Eis, und der Winter hat endlich seine Herrschaft über die Welt eingebüßt.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an die Mythologie

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 6


Die Reise ans Ende der Welt

loki

Weit, weit drinnen in Jotunheim liegt eine große Burg, die in Fels und Eis gehauen ist. Nur im Sommer, wenn es taut, ist sie von Wald und grünen Wiesen umgeben. Dort herrscht der berühmte Geirröd. Er hat nur einen Kopf, der aber ist so groß und hässlich, dass nur seine beiden Töchter, die hässliche Greip, und die abscheuliche Galp, seinen Anblick ertragen können.
Wie die drei Riesen da oben sitzen und sich anglotzen, kommt auf einmal ein Falke geflogen. Der lässt sich hoch oben an der Mauer nieder und späht durch einen Spalt hinein.
„Fangt ihn!“ ruft Geirröd, denn er hat sich schon lange einen Jagdfalken gewünscht, den er zähmen möchte, um ihn am Handgelenk zu halten auf der Jagd nach Hasen und anderem Kleinwild.
Die Töchter strecken sich nach der Decke, sie hüpfen und springen und steigen auf Leitern, aber umsonst, sie erreichen den Falken nicht. Der sitzt jetzt ganz oben auf dem Dachbalken, und es sieht ganz so aus, als mache er sich über die Riesentöchter lustig.
Als er aber fortfliegen will, merkt er, dass seine Klauen in einer Ritze fest hängen. Der Vogel flattert und schreit, und nun sind es die Riesen, die ihn auslachen.
Geirröd packt ihn am Hals und sagt: „Du bist mir ein schöner Vogel, und ich glaube, du wirst mir viel Freude machen.“
Aber der Falke fasst ihn kalt ins Auge, und Geirröd erschrickt. „Du blickst mich nicht wie ein Vogel an“, sagt er. „Du trägst ein Federkleid, aber deine Augen verraten dich.“
Der Vogel schweigt. „Entweder bist du ein Mensch oder einer von den Asen, die sich einbilden, dass sie alles können und alles am besten wissen!“
Aber der Falke hält seinen Schnabel geschlossen. „Na ja“, grunzt Geirröd. „ich habe Zeit. Früher oder später werde ich dich schon zum Reden bringen.“ Und er sperrt den Falken in eine Truhe und wirft den steinernen Deckel zu.
All das sieht auch Odin, oder besser gesagt; er hätte es mit ansehen können. Denn wenn der Götterkönig auf seinem Thron sitzt, kann er die ganze Welt überblicken, und merken, was Asen und Trolle, Zwerge und Alben, Menschen und Tiere treiben. Aber es gibt Wichtigeres auf der Welt als einen Falken, der sich verflogen hat. Odin richtet sein Augenmerk auf die finsteren Mächte, die sich sammeln. Er denkt an den drohenden großen Krieg. Er hält Ausschau nach Hels Heerscharen aus dem Totenreich. Er verfolgt, wie eine Schlange, an der Wurzel der Weltesche nagt, und wie eine Riesin weit im Osten im Eisenwald immer mehr Junge wirft. Es sind Wölfe, die sie gebiert. Einer von ihnen heißt Skoll und jagt hinter der Sonne her, ein anderer heißt Hate und hetzt den Mond.
Odin hat die Welt erschaffen, und er ist ihr Schutzherr. Deswegen sucht er seinen Hochsitz auf und hält Ausschau. Von dort kann er alles sahen, was er sehen will. Nur nicht alles auf einmal. Geirröd und dem Falken schenkt er keinen Blick.

 

Drei Monate lang bekommt der Vogel weder Wasser noch Brot. Er sitzt im Dunkeln und schnappt nach Luft. Am Ende hält er es nicht länger aus. „Lasst mich raus!“ ruft er. Da hebt Geirröd den Deckel, und wer sitzt in der Truhe? Kein anderer als Loki, einer der Asen, der noch dazu Odins Milchbruder ist.
„Wenn du schwörst, dass du nicht versuchst zu fliehen, und machst was, ich verlange, dann lasse ich dich raus“, brummt Geirröd. „Ich schwöre es“, antwortet Loki, richtet sich auf und streckt seine Glieder. Das zerfledderte Falkenkleid fällt von ihm ab und bleibt auf dem Boden der Truhe liegen.

 

Endlich bekommt der arme Gott etwas zu essen und zu trinken. Geirröd will wissen, was es in Asgard Neues gibt, und Loki berichtet ihm vom Klatsch der Götter. Der Riese schenkt ihm ein Glas nach dem andern ein, und bald ist Loki sturzbetrunken – kein Wunder nach seiner langen Hungerkur.
Sie sprechen von alten Zeiten. Damals herrschte noch eitel Freundschaft zwischen Asen und Trollen, und sie gingen miteinander zur Jagd und zum Fischen. „Aber wir sind die Ältesten“; trumpft Geirröd auf. „Die Riesen waren ja die allerersten Geschöpfe. Unsere Sippe ist älter als die Berge und älter als das Meer. Hat er das vergessen, euer einäugiger Götterhäuptling? Hat er vergessen, wie wir einmal fast Blutsbrüder geworden wären, damals in der Urzeit, als die Riesenmutter Besla ihm ihre Zitzen hinhielt?“
„Davon will er schon lange nichts mehr hören“, seufzt Loki und Geirröd brüllt: „Dann solltet ihr euch lieber einen andern Häuptling wählen! Einen, der sich noch daran erinnern kann, wo er herkommt! Loki, wie wär’s mit dir? Deine Eltern waren Trolle, und zwei von deinen Brüdern leben hier in Jotunheim. Du und kein anderer sollte König und Häuptling in Asgard sein!“
„Das meine ich auch“, greint Loki. Da fällt Geirröd ihm ins Wort: „Aber solange Thor, der Donnergott, wie ein Wilder mit seinem verdammten Hammer herumtobt, kann es mit euch keinen Frieden geben.“ – „Das meine ich auch“, seufzt Loki. „Trink noch ein bisschen Met“, sagt Geirröd und schenkt ihm nach. Doch da ist Loki schon eingeschlafen. Der Kopf ist ihm auf die Tischplatte gesunken, und er schnarcht so laut, dass der ganze Saal davon widerhallt.
Am andern Morgen fliegt Loki davon. „Aber vergiss nicht, was du mir geschworen hast“, ermahnt ihn Geirröd. „Habe ich dir etwas geschworen?“ fragt Loki, denn er kann sich an nichts erinnern, so dröhnt ihm der Schädel. „Ich habe versprochen, dir zu helfen, damit du König in Asgard wirst.“, sagt Geirröd ernst, „Und dafür hast du versprochen, dass du mir Thor herbeischleppst – wie, das ist deine Sache! – damit ich ihm alle Knochen brechen und ihn einsperren kann – in dieselbe steinerne Truhe, in der du so lange gewohnt hast.“
Und Geirröd droht ihm mit seinem Zeigefinger, der voller Warzen ist: „Dass er mir aber ja ohne seinen Hammer kommt, und ohne seinen Zaubergürtel, und ohne seine eisernen Handschuhe!“
„Das soll ich dir versprochen haben?“ fragt Loki und wird bleich. „Du hast es geschworen“, knurrt Geirröd und seine beiden Töchter nicken dazu; sie seien dabei gewesen, sie hätten es selbst gehört, sie seien Zeugen.
Auf dem Heimweg fliegt Loki vorsichtig und nur knapp über den Baumwipfeln, denn er hat einen gewaltigen Kater. Was habe ich nur getan, denkt er. Doch er weiß auch: Versprochen ist versprochen. Derjenige, der seinen Eid bricht, hat den Tod verdient. So hat Odin es bestimmt.

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Als Loki nach Hause kommt, mit kalten Füßen und Reif am Schnabel, wird er von Sygin, seiner Frau, und seinen Söhnen freudig empfangen. Sie sind erleichtert, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen. Aber niemand fragt ihn, wo er sich aufgehalten hat. Sie sind daran gewöhnt, dass Loki kommt und geht, wie es ihm passt, und dass er nie mehr erzählt, als er will. Diesmal aber sagt er nichts.
Am andern Tag schleicht er sich in die große Küche von Walhall, um sich umzuhören. Neugierig war Loki schon immer, und er weiß, dass es die Köche und die Mägde sind, die man fragen muss, wenn man erfahren will, was es am Sitz der Götter Neues gibt. Zum Beispiel, dass Thor gerade von einer Seefahrt heimgekehrt ist, mit ein paar bösen Schrammen, weil ihn auf einer Insel im Nordmeer eine Horde von Wolfsfrauen mit Eisenstangen überfallen hat.
Aber auch aus Mitgard gibt es Neuigkeiten. Die Dienstboten haben gehört, dass immer mehr Huldren auftauchen, die die Menschen aufsuchen und allerlei Unheil stiften. Alle schütteln den Kopf und fragen sich, was wohl aus dem Menschengeschlecht werden soll, wenn das so weiterginge. Vielleicht würden die Leute in Mitgard bald selber wie die Huldren aussehen, mit langen Kuhschwänzen und einem Rücken, der so hohl war wie ein Viehtrog?
„Ach was“, sagt Loki und steht auf. „Soweit kann es nicht kommen, genauso wenig wie die Menschen je zu Göttern werden. Und es ist schließlich kein Wunder, dass sich Gegensätze anziehen, auch wenn es Odin nicht passt. Er will uns verbieten in Jotunheim Liebkosungen zu sammeln, wie wir es seit eh und je getan haben.“
„Vielleicht will er die Riesentöchter nur für sich behalten“, grinst einer der Küchenjungen. „Das glaube ich kaum“, sagt ein anderer. „Es ist ja schon ewig her, dass der einäugige Ziegenbock, dort in Jotunheim ins Bettstroh gehüpft ist.“
„Früher“, ruft Loki, „da war Odin der geilste und wildeste von uns allen.“ – „Oh“, sagt eine von den Mägden, „feurig und verrückt ist er immer noch.“ Es ist das Kammermädchen, das bei Frigga im Dienst steht, Odins Frau, und sie weiß alles, was im Haus der Häuptlinge vorgeht. „Jedes Mal, wenn es ihm passt, verschwindet er ein paar Tage lang. Dann geht er nach Mitgard zu den Menschentöchtern. Wenn ihr wüsstet, wie er sich aufführt, sobald er merkt, dass er sich nicht mehr beherrschen kann!“ Sie wird rot und schlägt die Augen nieder. „So wie damals, als er sich an die Tochter von Billing herangemacht hat“, lacht der Koch und trocknet sich die Hände an der Schürze ab. „Ich weiß nicht mehr, von wem ich es gehört habe, aber jedenfalls hat sich unser Odin bei dieser Gelegenheit ziemlich blamiert. Er hat sich bei ihr eingeschmeichelt. Als er aber wie verabredet, zum Stelldichein kam, hitzig wie ein Ofen und geil wie ein Stier, da stürmten plötzlich ein paar Krieger mit brennenden Fackeln ins Schlafzimmer und fielen über ihn her. Sie hatte eben noch Zeit ihm ins Ohr zu flüstern: … komm wieder, mein Schatz, wenn sie fort sind. Und er ist darauf hereingefallen. Er verband seine Wunden und wartete draußen bis zum ersten Hahnenschrei. Dann schlich er sich über den Hof, an den schlafenden Wächtern vorbei, ins Haus und in ihr Bett. Es war ganz dunkel im Zimmer. Er flüsterte ihr heiße Worte ins Ohr, doch er konnte nicht sehen, wen er umarmte. Aber dann merkte er doch, dass es nicht Billings Tochter war, was sich dort auf dem Fell drehte und wand – sondern eine große Hündin, die man an den Bettpfosten angebunden hatte. und von allen Seiten hörte er Gekicher und Gelächter.“ Jetzt lacht auch der Koch und schlägt sich mit der großen Holzkeule auf die Schenkel. „Das hatte er nun davon!“
„Eine scheußliche Geschichte“, sagt Loki und spuckt auf den Boden. „Mir wird ganz schlecht, wenn ich hören muss, wie sich die Götter mit den Menschen einlassen. Das sind doch Wesen, die wir selbst erschaffen haben, kleines Kroppzeug, das wir nur in die Welt setzten, weil uns langweilig war. Mit denen ins Bett zu gehen, dass ist nicht viel besser, als schliefe man mit den eigenen Kindern.“
„Sehr richtig! Einverstanden!“ rufen die Köche, die Mägde und die Kammermädchen. „Dagegen die Riesen! Das ist etwas anderes. Die sind wie wir, die sind uns ebenbürtig. Mit einer Riesentochter ginge ich allemal ins Bett.“
„Aber Odin kann die Riesen nicht leiden. Er will nichts mehr mit ihnen zu tun haben, und wir, sagt er, sollen gefälligst auch die Finger von ihnen lassen.“
„Der soll vor seiner eigenen Tür kehren“, antwortet Loki. „Und wir sind schön feige, wenn wir es nicht wagen, ihm zu widersprechen. Erst gestern bin ich von einem Besuch bei Geirröd nach Hause gekommen. Das ist ein erstklassiger Riese, und auf seinem Hof leben zwei der herrlichsten Geschöpfe, auf die je der Mond geschienen hat. Das sind seine Töchter, die zarte Greip und die schöne Galp. Mich wollten sie ja leider nicht haben, und ich weiß auch von anderen Freiern, denen sie die Tür gewiesen haben. Die beiden Schwestern träumen nämlich von ein und demselben Mann.“
„Von wem denn?“ rufen die Mägde wie aus einem Mund. „Ist es jemand, den wir kennen?“ Loki sieht sich triumphierend um und erst nach einer langen Pause sagt er leise: „Es ist Thor, der Donnergott. Ihn wollen sie haben und keinen anderen. Und sie haben sich in den Kopf gesetzt, ihn zu teilen, so lange, wie er es aushält. Aber wir wissen ja, was aus ihm geworden ist. Ein Angsthase, der einknickt, sobald Odin, mit den Fingern schnippt. Also werden die beiden Mädchen wohl Jungfrauen bleiben, bis ihnen das Moos zwischen den Beinen wächst. Aber er weiß nicht, was er sich da entgehen lässt, der Dummkopf.“
Loki lacht höhnisch, rollt mit den Augen und schnalzt mit der Zunge wie ein Kenner, und dann geht er ohne ein weiteres Wort nach Hause. Denn er weiß genau, dass kein Tag vergehen wird, bis die Mägde herum getratscht haben, was er ihnen anvertraut hat, und bald würde es Thor zu Ohren kommen.
Und richtig, als Loki am andern Morgen, munter vor sich hin pfeifend, über den Hof geht, da springt ein Riese mit rotem Bard und wirrem Haar vor ihm aus dem Gebüsch und brüllt. „Wer behauptet hier, dass ich ein Angsthase bin?“ Es ist Thor. „Ich doch nicht“, flötet Loki. „Das muss ein Missverständnis sein. Ich habe genau das Gegenteil gesagt. Thor, habe ich gesucht, der ist nicht wie die anderen. Der lässt sich nicht von Odin herumkommandieren. Den führt keiner an der Leine! Er ist schließlich der Donnergott, der keinen fragt, wen er umarmen darf.“ Und Loki redet so lange auf ihn ein, bis er Thor besänftigt hat.
„Du hast recht<, sagt der Donnergott schließlich. „Ich mache, was ich will, und ich will sie nun einmal haben, diese beiden Schwestern. Noch heute Nacht breche ich auf nach Jotunheim. Mein Knecht Tjalve soll mich begleiten. Und du Loki, kommst auch mit und zeigst mir den Weg.“
„Aber du darfst deinen Hammer nicht mitnehmen, und auch den Zaubergürtel und die eisernen Handschuhe musst du zu Hause lassen, denn so war es mit Geirröd abgemacht.“

 

Gesagt, getan. Sie reiten heimlich in die Dunkelheit hinaus, damit niemand erfahren soll, was sie vorhaben. Aber der Weg nach Jotunheim ist weit, und so müssen sie auf halbem Weg bei einer Riesin namens Grid übernachten, die den Asen wohlgesinnt ist. Als sie hört, wo sie hinwollen, runzelt die Gastwirtin die Stirn. „Dieser Geirröd“, sagt sie, „ist ein schlauer Hund. Er hat es faustdick hinter den Ohren. Wo hast du denn deinen Hammer gelassen, den Gürtel und die Handschuhe?“ Und als sie hört, dass er mit bloßen Händen gekommen ist, schüttelt sie den Kopf. „Was fällt dir ein? Zu Geirröds Töchtern willst du? Dass die so schön sein sollen, ist mir neu. Aber bitte! Jedem seine Lust. ich will nichts gesagt haben. Nur, wie soll ich Odin unter die Augen treten, wenn ich dich mit leeren Händen zu den Riesen gehen lasse? Das ist unmöglich. Wenn du willst, borge ich dir ein paar Sachen, die ich hier im Schrank habe.“ Und sie gibt ihm ihren Zaubergürtel, ihren Stab und ein Paar eiserne Handschuhe.
Am andern Morgen kommen die drei zu einem Fluss, der unbegreiflich breit ist. Ihre Pferde müssen sie am Ufer zurücklassen und hinüberwaten. Zum Glück ist der Fluss ziemlich seicht, aber die Strömung ist stark, und es gibt gefährliche Schnellen. Thor stützt sich auf den Stab, den Grid ihm geliehen hat, und Loki und Tjalve halten sich an seinem Gürtel fest. Aber als sie in der Mitte des Flusses angekommen sind, fängt das Wasser an zu steigen.
Thor schaut sich um. Was ist geschehen? Weiter oben, wo der Fluss durch eine enge Klamm führt, steht Galp, eine von Geirröds Töchtern, mit einem Bein auf beiden Seiten der Kluft und lässt ihr Wasser rinnen. Da hebt Thor einen riesigen Felsbrocken aus der Flut, zielt, wirft und trifft mitten ins Ziel. Aber unterdessen ist das Wasser so gestiegen, dass sie das Gleichgewicht verlieren. Die Strömung reißt sie fort, sie taumeln und rudern mit Armen und Beinen. Endlich gelingt es ihnen, am andern Ufer Fuß zu fassen, wo ein Vogelbeerbaum steht. Thor ergreift ihn und zieht die beiden anderen an Land.
Nach ein paar Stunden kommen sie endlich ganz durchnässt auf Geirröds Hof an. Der Hausherr heißt sie willkommen und weist ihnen das Gästehaus zur Unterkunft an. Dort ist es kalt und dreckig, und es gibt nur einen einzigen Stuhl zum Sitzen. Thor ist einigermaßen überrascht, aber Loki lacht nur und zuckt mit den Schultern. Doch als Thor sich setzen will, merkt er, dass der Stuhl sich unter ihm rührt und zur Decke steigt. Was kann das sein? Er greift nach dem Stab, dem Grid ihm geliehen hat, und stemmt ihn mit aller Kraft gegen die Dachbalken, bis er wieder auf dem Boden gelandet ist. Da hört er ein knirschendes Geräusch und einen lauten Schrei. Das waren Galp und Greip, die beiden Töchter, die sich unter dem Stuhl versteckt hatten. Thor hat sie derart zusammengequetscht, dass sie mit verstauchtem Rücken hervor kriechen.
Tjalve schaut die beiden an und verzieht das Gesicht. „Wegen diesen beiden sind wir den langen Weg gekommen?“ sagt er. „Na ja“, gibt Loki zur Antwort, „das ist wohl Geschmackssache.“ Aber man merkt ihm an, dass ihm bei dem Ganzen nicht wohl ist; denn auch Thor runzelt jetzt die Stirn, und es ist klar, dass er Loki am liebsten eins mit dem Hammer über den Schädel gegeben hätte. Aber seinen Hammer hat er ja nicht dabei. Ein Diener kommt und meldet, dass Geirröd wünscht, seine Gäste im großen Saal zu sehen. Und zwar will er sie zu einem Kräftemessen einladen. An der Längswand hat er ein riesiges Feuer anzünden lassen, und er selbst sitzt am anderen Ende des Saals und wartet auf Thor, der ihm, ohne eine Miene zu verziehen, entgegengeht. Plötzlich nimmt der Riese eine Zange zur Hand, holt ein glühendes Eisen aus dem Feuer und schleudert es Thor entgegen. Aber der Donnergott hat eiserne Handschuhe an und fängt den feurigen Brocken auf, als wäre es ein Ball. Geirröd will sich hinter einem Balken verstecken, aber zu spät! Thor wirft die glühende Kugel zurück, mit solcher Wucht, dass das Metall durch den Balken schlägt, ein Loch durch Geirröd brennt und durch die Wand nach draußen fliegt.
„Hier haben wir nichts mehr verloren“, brummt Thor. „Und das war das letzte Mal, dass ich auf dich gehört habe, Loki, ganz gleich, ob du mir eine Liebschaft einreden willst oder einen anderen von deinen Tricks probierst!“
„Schade, dass du es so siehst“, murmelt Loki. „Obwohl ich, wie gesagt, finde, dass…“
„Halt das Maul!“ brüllt Thor. Aber so schlecht gelaunt, wie er sich anhört, ist er gar nicht. Denn nichts auf der Welt, gefällt dem Donnergott besser als eine richtige Rauferei.
So endete Lokis Gefangenschaft und Thors Brautschau, und niemand soll sagen, dass es zu ihren Zeiten soviel friedlicher als heute zugegangen ist auf der Welt.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

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