Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 12


Ragnarök

Von Tor Åge Bringsværd

ragnarör

Irgendwo in der Einöde, am Rand eines kleinen Teichs, liegt zwischen Heide und Buschwerk etwas, das einem moosbewachsenen Stein gleicht. Aber auf einmal öffnet der Stein die Augen und starrt hinaus in den grauenden Tag. Ein abgehackter Kopf ist es, der dort liegt, ein Riesenschädel. dem der Leib fehlt. Und doch ist Leben in ihm, denn die Zunge leckt die kalten Lippen und die Nase hebt sich wie die Nüstern eines witternden Tieres gegen den Wind. Zwei große Ohren lauschen auf ein Geräusch, das immer näher kommt. Wer ist e, der da über die Heide reitet?
Es ist ein Pferd mit acht Beinen, und der Reiter, der da absteigt, ist alt und grau. Odin ist es, der sich zu dem abgehauenen Kopf niederbeugt und ihn in die Arme nimmt. „Sei mir gegrüßt“, neigt sich der Kopf und Odin antwortet: „Endlich sehe ich dich wieder, Mime, mein alter Freund aus der Zeit der Jugend.“
Sie lassen sich am Ufer ins Heidekraut nieder. Der Teich ist Mimes Brunnen, die Quelle der Weisheit. Einst hat Odin sich selber ein Auge ausgerissen, um davon trinken zu dürfen. Aber das ist eine andere Geschichte. Nicht von jeher ist Mime ein Kopf ohne Leib gewesen. Feinde haben ihm das angetan. Damals hat Odin den Tod von seinem Riesenhaupt abgewaschen, hat ihm die Stirn mit heilenden Kräutern gesalbt und seinem Freund Gedanken und Sprache wiedergegeben. Auch das ist eine andere Geschichte. Es ist genug zu wissen, dass Odin jedes Mal, wenn ihn Zweifel bedrücken, hierherkommt, auf die windgepeitschte Heide von Utgard, um Rat bei Mime zu suchen. Die beiden kennen sich seit so langer Zeit, und es gibt keinen, dem Odin lieber zuhört. Die Zukunft freilich kann keiner von beiden vorhersagen.
Dennoch, eines weiß Odin. Das Ende der Welt, so wie er sie kennt, ist nahe. Nichts kann ewig dauern. Bald werden Götter und Riesen ein letztes Mal ihre Kräfte messen. Wer wird den Sieg davontragen? Wer wird unterliegen? Den Zeichen des Vogelzuges, die er am Himmel liest, traut Odin nicht mehr, und was die warmen Eingeweide geschlachteter Tiere verraten, gibt ihm keine Gewissheit. Die einzigen aber, die die Antwort wissen, die drei Nornen an Urds Brunnen -sie wenden sich ab und schweigen.
Auch unter den Menschen gibt es einige, die weiter als andere in die Zukunft sehen können. Deshalb wendet Odin sich nun nach Mitgard, und Mimes Haupt nimmt er mit auf den Weg, denn zwei hören mehr als einer.

 

Die Frau, die sie auf einer kleinen Lichtung treffen, ist weder jung noch alt. Sie steht auf und grüßt, indem sie einen kleinen Stab hoch in die Luft hebt. Der Griff ihres Stabes schimmert in glänzendem Messing. „Ich habe euch erwartet“, sagt sie. Der weite Mantel, den sie umhat, ist mit farbigen Edelsteinen geschmückt. Sie trägt eine Kette aus Perlen um den Hals und eine schwarze Mütze aus Lammfell auf dem Kopf. An ihrem Gürtel hängt ein großer lederner Beutel. Ihre Handschuhe sind aus Katzenpelz gemacht, und an den Füßen trägt sie Schuhe aus zotteligem Kalbfell. Sie ist eine Volve. Solche seltenen Frauen heißen nach dem Vol, dem Stab, den sie tragen und auf dem sie reiten können, um ihre Seele in andere, unsichtbare Welten zu tragen. Odin wendet sich ihr zu und fragt: „Weißt du denn, wen du vor dir hast?“ – „Du bist mein Gott“, antwortet die Volve und fällt vor ihm auf die Knie.
Es ist nicht das erste Mal, dass Odin sich an eine Wahrsagerin wendet. Einmal hat er sogar eine von ihnen aus dem Grab geholt. Aber in dieser Nacht möchte er lieber mit einer sprechen, die am Leben ist und die ihm wohlwill.
„Kannst du für mich in die Zukunft sehen?“ fragt Odin. „Manche Tage“, erwidert die Volve, „sind klar und deutlich, aber andere verbergen sich hinter dunklen Türen.“ – „Was liegt hinter diesem Herbst und dem nächsten Winter?“ – „Wie weit soll ich schauen, Herr?“ – „So weit du nur kannst“, sagt Odin. „Auch wenn es eine ganz andere Zukunft ist, als du dir wünschst?“ – „Auch dann. Du sollst mir alles sagen!“ ruft der Götterkönig. „Alles, bis zum Ende der Welt.“
Sogleich beginnt die Volve mit ihrem Werk. Aus dem Beutel an ihrem Gürtel holt sie eine Salbe aus Bilsenkraut und Stechapfel hervor, mit der sie, erst summend, dann mit lauter, hoher Stimme singend, ihren Stab einsalbt. Mit einem Satz nimmt sie den Stab zwischen die Beine und springt auf ihm umher. Der Stab ist ihr Pferd. Sie schließt die Augen, wirft den Kopf hin und her, ruft und singt. Am Ende sinkt sie zu einem unförmigen Haufen in sich zusammen. Der weite Mantel deckt sie ganz zu. Still liegt sie da, ohne einen Laut von sich zu geben.
Nichts regt sich. Odin wartet geduldig. Er lehnt mit dem Rücken an einem Kiefernstamm. Mimes Haupt liegt neben ihm im Gras. „Musst du denn immer wissen, was dir bevorsteht?“ sagt Mime. „Das gibt mir Zeit zum Nachdenken“, brummt Odin. Der Kopf des Riesen seufzt. „Warum gibst du dich nicht mit dem Tag zufrieden?“ In Odins Augen blitzt es, doch bevor er antworten kann, regt sich der dunkle Haufen wieder.
Die Volve erhebt sich. Sie öffnet ihre Augen. „Hört mich an“, sagt sie, „und seht! Das erste Zeichen sind drei Hähne, die wie aus einem Munde krähen, und alle Welt wird sie hören. Der eine ist rot. Er kräht in Jotunheim und in Utgard. Er weckt alle toten Riesen und Zwerge. Der zweite Hahn ist schwarz wie Ruß. Er weckt in Hels Reich alle Toten auf und ruft Garm, ihren gewaltigen Hund, herbei. Der dritte Hahn hat einen goldenen Kamm. Er kräht in Asgard und weckt alle Gefallenen in Walhall. Überall folgen die Toten diesem Ruf. Sie wissen, dass sie bald den Lebenden wieder begegnen werden. Nun ist sie angebrochen, die Zeit, da alles, was wir kennen untergehen muss.“
Odin räuspert sich. „Hat sie einen Namen, die Zeit, von der du sprichst?“ – „Alles hat einen Namen“, antwortet die Volve, „sogar die Finsternis. Ragnarök wird sie genannt, die Zeit, da die Asen den Verstand verlieren und vergessen zu atmen. Ragnaök heißt sie, die Zeit, da Mächte vergehen wie Eis an der Sonne.“
„Erzähle weiter“, bittet Odin sie. „Ich sehe Axt und Schwert“, sagt sie. „Ich sehe Unfrieden überall und blutiges Ringen. Ich sehe drei Jahre, in denen der Bruder dem Bruder in den Rücken fällt und der Sohn den eigenen Vater nicht verschont.“ – „Daran ist nichts Neues!“ ruft Odin. „So ist es seit Menschengedenken zugegangen. Aber sprich! Was kommt noch alles auf uns zu?“ – „Drei Jahre, die wie ein einziger Winter sind“, antwortet die Volve. „Der Schnee weht über die Welt, und die Sonne wärmt die Welt nicht länger. Fimbul heißt dieser längste und furchtbarste aller Winter. Viele werden einschneien, in finsteren Eisspalten ertrinken, unter gewaltigen Lawinen begraben werden. Andere werden in ihren Betten erfrieren und sich blau vor Frost auf den Weg ins Totenreich machen. Eine Riesin sehe ich, weit im Osten, im Eisenwald. Sie gebärt Trolle in Wolfsgestalt.“ – „Das tut sie seit eh und je“, knurrt Odin. „Ich kenne sie und ihr räudiges Pack!“
Da schreit die Volve auf. „Ich sehe zwei ihrer zotteligen Kinder, Skoll und Hate, die beiden Wölfe am Himmel, die seit Erschaffung der Welt hinter der Sonne und dem Mond herjagen. Jetzt ist es soweit! Jetzt packen sie zu! Skoll verschlingt die Sonne und Hate den Mond, und die Wolken sind rot von Blut!“
Die Volve fröstelt. Sie hebt ihren Stab und zeigt hinauf. „Seht nur!“ flüstert sie. „Nicht einmal die Sterne leuchten mehr. Jetzt fängt die Erde an zu beben.“ Sie erhebt ihre Stimme und schreit. „Die Berge stürzen ein. Die größten Bäume werden aus dem Boden gerissen und schießen wie Speere durch die Luft. Die Weltensche Yggdrasil kracht und schwankt. Der Winter löst seinen kalten Griff, und alles, was fest war, wird in Stücke gerissen.“ – „Alles?“ Odin runzelt die Stirn. „Alles“, wiederholt die Volve. „Ich weiß, was du fürchtest. Doch sieh selber! Dann wirst du mir glauben.“ Und Odin blickt auf und sieht alles, was sie verkündet hat.
Er sieht den Fenriswolf, wie er an seinen Ketten zerrt. Er sieht Loki, wie er um sich tritt und zappelt. Er sieht, wie sich ihre Fesseln lösen, wie Sigyn vor Freude lacht, wie sie Loki umarmen will. All die Jahre, die er gebunden dalag, ist sie nicht von seiner Seite gewichen. Doch nun fegt Loki sie ohne ein Wort zur Seite und geht seiner Wege. Er hat keine Zeit für Dankbarkeit. Er denkt nur noch an seine Rache.
Odin sieht auch, wie der Fenriswolf mit aufgerissenem Rachen und glühenden Augen über die Berge stürmt. Seine Fangzähne streifen die Wolken, seine Lefze den Boden.
„Willst du noch mehr sehen?“ fragt die Volve. „Hast du genug gehört?“ – „Ich will alles wissen“, antwortet Odin. Sie zeigt ihm das Meer, wie es kocht und strudelt und baumhohe Wogen wirft. Es ist die Mitgardschlange, die es mit ihrem rasenden Schwanz aufpeitscht. Jetzt wälzt sie sich an Land und zerschmettert dabei die Schiffe im Hafen. Wolken von Gift steigen aus ihrem Schlund. Sie brüllt aus vollem Halse. Nach ihrem Bruder, dem Wolf, ruft sie. Mit vereinten Kräften wollen sie die Erde verwüsten.
Jetzt lichtet auch Naglfari die Anker, das unheimliche Schiff, das aus den Nägeln der Toten gebaut ist. Mit schwarzen, zerlumpten Segeln kommt es aus dem Nebel und dem Regen des Ostens. „Kannst du sehen, wer am Ruder steht?“ sagt die Volve. „Schau genau hin!“ – „Es ist Loki!“, ruft Odin. Die Volve nickt. „Und eine Mannschaft von verrotteten Leichen bringt er mit.“ Odin ballt die Fäuste. Er atmet schwer. „Tausend Jahre lang ist er wie ein Bruder für mich gewesen“, sagt er.

 

In großen Scharen ziehen die Feinde aus Nord und Ost herbei, Lebende und Tote, Riesen und Trolle, in voller Rüstung und starrend vor Waffen. Große Kriegstrommeln schlagen den Takt dazu. „Schau dich um!“ ruft die Volve plötzlich, und als Odin sich umwendet, sieht er, wie der ganze Himmel im Süden aufreißt und das Land dahinter zum Vorschein kommt. das unbekannte, unheimliche Muspilheim, das es schon lange gegeben hat, ehe Odin mit seinen Brüdern die Welt erschuf. Aus diesem feurigen Reich strömt ein mächtiges Heer von schimmernden Reitern herbei, angeführt von Surt, dem uralten Häuptling, der ein Flammenschwert schwingt. Alles, was er berührt, fängt Feuer und verglüht.
„Kann nichts sie aufhalten?“ fragt Odin sich. „Sieh nur, wie ganz Mitgard brennt!“ Die Feuerreiter eilen auf Bifrost, der Regenbogenbrücke, zu. Haben sie es auf Asgard abgesehen? Wollen sie die Festung der Götter stürmen? „Nie wird der Regenbogen sie tragen!“ ruft Odin. Doch das Heer aus Muspilheim setzt wie ein großer Fackelzug über die Brücke. „Sie ist den Asen und ihren Freunden vorbehalten“, murmelt Odin. „Dafür habe ich gesorgt, das ist mein Gesetz!“ Aber an seinen Worten nagt der Zweifel.
Die Brücke erzittert und schwankt, ihre Farben mischen sich zu einem trüben Grau. Dann stürzt sie ein, und im Funkenregen stürzen Tausende von Reitern in die Tiefe. Viele kommen um, doch andere überleben den Sturz. Unter ihnen ist Surt, der sein Flammenschwert schwingt und den Rest seines Heeres anführt, bis sie die große Wiese erreicht haben. Diese Weide ist hundert Meilen lang und hundert Meilen breit. Dort sammelt sich der feurige Haufen. Riesen und Gespenster stoßen zu ihm. Auch der Fenriswolf und die Mitgardschlange haben sich, von Loki, ihrem Vater, angeleitet, am Kampfplatz eingefunden.
„Willst du noch mehr sehen?“ fragt die Volve. „Hast du genug gehört?“ Doch Odin schüttelt den Kopf. „Es ist zu spät, um sich abzuwenden“, sagt er grimmig. „Ich will sehen, wie unsere Streitmacht sich sammelt.“
Heimdall stößt ins Horn, und die Asen halten Kriegsrat. Wie alt und hilflos sie aussehen. Wie unheilvoll es knarrt in der Weltesche Yggdrasil! Ist es nicht schon zu spät? Ist es nicht sinnlos, gegen einen so übermächtigen Feind anzugehen? Odin bespricht sich mit Mimes Haupt.
„Kannst du auch dich selber sehen?“ flüstert die Volve. „Ratlos, wie du bist? Voller Furcht vor der Niederlage? Verfolgt von der Ahnung, dass dein Reich dem Untergang nahe ist?“ – „Das soll ich sein?“ sagt Odin missmutig. „So schwach, so mutlos?“ Da sieht er Frigga kommen. Sie bringt Odin seinen goldenen Helm, setzt ihn, ohne ein Wort zu sagen, ihm auf den Kopf und küsst ihn auf beide Wangen. Nun schleppen auch die anderen Asen ihre Waffen und Rüstungen herbei. Die Untoten aus Walhall, alle die gefallenen Helden, die Odin unter den Menschen gesucht und gefunden hat, machen sich bereit, ihnen zu folgen. Auch aus Folkwang kommen die Streiter, die bei Freia gehaust haben, stoßen zum Heer der Asen. Sie hat sie mit scharfen Krallen und Luchskappen versehen. Nun fauchen sie und miauen wie wilde Katzen.
Thor hat seine eisernen Handschuhe angezogen und seinen starken Gürtel angelegt. Er lässt den Hammer Mjölner über seinem Haupt kreisen. Seine Böcke stoßen ungeduldig voran. Der Götterkönig hat Sleipnir, sein achthufiges Ross, gesattelt. Er hält seinen Speer in der Hand. Hugin und Munin, die beiden Raben, sitzen ihm auf den Schultern, und die beiden zahmen Wölfe, spuren neben ihm her. So ziehen die Asen hinaus auf die Walstatt. Zum Abschied winken sie den Frauen, die in Asgard zurückbleiben und die sie vielleicht nie wiedersehen werden.
Auf dem weiten Kampfplatz stoßen die beiden gewaltigen Heere zusammen. Schon beim ersten Treffen verliert Odin seine Raben und seine Wölfe. Thors Böcke werden von Pfeilen durchbohrt. Sein Wagen stürzt um, und er wird zu Boden geschleudert.
Doch Odin sammelt das Heer von neuem um sich, und noch einmal wirft er sich dem Feind entgegen. Odin reitet geradewegs auf den Fenriswolf zu, und Thor versucht ihm zu folgen. Doch der Donnergott ist nun zu Fuß und bleibt hinter dem Reiter zurück. Die Mitgardschlange, seine alte Feindin, wirft sich ihm in den Weg. Sie zischt und heult. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt.

 

„Willst du noch mehr sehen?“ fragt die Volve. „Hast du genug gehört?“ – „Ich muss wissen, wie es weitergeht“, sagt Odin. „Mein Kampf mit dem Fenriswolf – werde ich ihn besiegen?“ Die Volve schüttelt den Kopf. „Er verschlingt dich“, sagt sie. „So ist es geweissagt, und so muss es geschehen.“ Odin schluckt und fragt weiter: „Wird es ein guter Kampf gewesen sein?“ Die Volve hat Tränen in den Augen.
„Ja“, sagt sie, „ein guter Kampf.“ – „Aber Thor wird mich rächen!“ sagt Odin, und wieder schüttelt die Volve den Kopf. „Thor hat genug damit zu tun, sich seiner Haut zu wehren gegen die Mitgardschlange.“ – „Und Tyr?“ – „Ihn bedrängt Hels Untier, der Hund, der das Totenreich bewacht. Keiner von beiden wird den Kampf überleben.“ – „Was ist mit Frei?“ – „Er hat es mit Surt aufgenommen, dem alten Feuerriesen aus dem Süden. Beide sind gewaltige Schwertkämpfer, doch Surt hat die schärfere Waffe. Du weißt doch, einst hatte Frei ein Schwert, das von selber zuschlug. Nun reut es ihn, dass er es vor langer Zeit gegen die Liebe einer Trolltochter tauschte. Trotzdem, er fichtt auf seinem goldenen Eber wie ein wahrer Meister gegen Surt, der auf einem brennenden Pferd reitet. Kannst du sie sehen?“
Odin nickt. „Dann wirst du auch erkennen, dass Surt die Oberhand behält. Sein Flammenschwert spaltet Frei von Kopf bis Fuß entzwei.“ – „Und wie wird es Heimdall ergehen?“ – „Er kämpft gegen Loki.“ – „Die beiden haben sich nie miteinander vertragen.“ – „Jetzt finden sie alle beide den Tod.“ Odin spürt, wie ihm die Stimme versagt. Es sticht in seiner Brust. „Soll ich denn ungerächt auf dem Schlachtfeld liegengeblieben?“ flüstert er. „Ruft mein Blut vergebens nach all meinen Söhnen?“ – „Du hast den letzten deiner Söhne vergessen“, sagt die Volve. „Vidar, den ihr den Wortkargen nennt. Aber nach Thor ist er der Stärkste von allen. Sieh nur, was er tut!“
Odin starrt in die Ferne. Noch einmal sieht er sich selber in den Fängen des gnadenlosen Fenriswolfes, der ihn verschlingt. Doch nun erkennt er auch Vidar, der das Ungeheuer verfolgt. Sein Sohn setzt einen Fuß in den Rachen des Wolfs und tritt ihn mit letzter Kraft zu Boden, während er mit beiden Händen nach seinem Oberkiefer greift und ihn hochreißt. Röchelnd verendet das Untier und Odin ruft: „Dann werde ich wenigstens in Frieden ruhen!“ Die Volve sieht ihn an und sanft sagt sie: „Das hast du wohl verdient.“
Die Schlacht ist zu Ende. Die Asen sind besiegt. Nur an einer Stelle rast der Kampf weiter. Die Mitgardschlange hat sich um Thor geringelt und versucht ihn zu zerdrücken, doch Thor hält seinen Hammer fest. Keiner der beiden will aufgeben. Riesen und Gespenster haben sich um die Kämpfer geschart, um zu sehen, wie der Streit ausgeht. Endlich gelingt es Thor, den Arm mit dem Hammer aus der Umarmung des Wurms zu befreien und zuzuschlagen. Die Schlange stirbt. Aber nachdem er neun Schritte getan hat, sinkt auch Thor zu Boden. Die Mitgardschlange hat ihn vergiftet.
„Willst du noch mehr sehen?“ fragt die Volve. „Hast du genug gehört?“ Odin sieht sie an. „Das ist das Ende. Gibt es denn noch mehr zu sehen?“ Die Volve nickt. „Spürst du nicht das es nach Brand riecht?“ sagt sie. Jetzt merkt es auch Odin und er sieht. wie Surt und seine Muspilsöhne wie ein Sturmwind durch die Welt jagen. In jedes Haus und in jeden Winkel schleudern sie Feuerbrände. Überall zischt und rauscht es: Als Odin sieht, wie sogar Yggdrasil in Flammen steht, kommen ihm die Tränen. Nun weiß er, dass alles zugrunde gehen wird.
Er hebt den Kopf und blickt der Hellseherin in die Augen. „Ich mochte die Welt“, sagt er ruhig. „Vieles an ihr hätte anders und besser sein können. Trotzdem im Großen und Ganzen gefiel sie mir. Und jetzt ist sie zunichte geworden. Kein Stein ist auf dem andern geblieben.“ – „Ja, deine Welt ist eine einzige Brandstatt“, sagt die Volve. Stumm stehen die beiden da und sehen zu, wie die versengten Trümmer im Meer versinken.
Also war alles, was wir getan haben, vergebens“, sagt Odin müde. „Wir haben umsonst gelebt.“ – „Geduld“, sagt die Volve mit einem Lächeln. „Es gibt noch mehr zu sehen.“ – „Ich kann nicht mehr“, sagt Odin.

 

WELTESCHE

Doch nun fasst die Volve ihn mit beiden Händen an den Schläfen. „Horch!“ ruft sie. „Schau hinaus!“ Und er sieht, wie allmählich eine neue Welt aus den Fluten steigt, grün und schön und fruchtbar, wie ein Traum. Er sieht Äcker, die sich selber säen, und Fisch und Wild im Überfluss. „Keiner wird mehr hungern“, sagt die Volve. „Keiner muss mehr frieren. Denn siehe! Die Sonne hat eine Tochter geboren. Das Böse hat ein Ende genommen. Die Welt ist reingewaschen, und ein neues Leben kann beginnen.“ – „Ein neues Leben?“ fragt Odin verstört. Die Volve nickt. „Siehst du die große Wiese, den alten Versammlungsplatz der Asen, wie sie blüht?“ Von Asgard, der Götterburg, ist keine Spur mehr zu sehen. Doch Odin erkennt, wie die gefallenen Asen sich nach und nach auf der großen Wiese einfinden.
„Sie leben noch!“ ruft Odin verwundert. „Es sind die wenigsten“, antwortet die Volve. „Es sind die, die Glück gehabt haben.“ Odin erkennt Vidar und Wole und Thors Söhne Mude und Magbe. Sie haben Mjölner mitgebracht, den Hammer ihres Vaters. Auch der alte Huhne kommt angehinkt, und aus dem Totenreich Hels kehren Baldur und Hod zurück. Baldur führt seinen blinden Bruder an der Hand. Sie lachen, und im frischen Gras finden sie das uralte goldene Schachspiel der Asen wieder.
„Sieh nur!“ ruft die Volve voller Freude. „Auch in Mitgard gibt es einige, die sich wieder hervorwagen!“
Odin sieht ein einziges Menschenpaar, das den Untergang überlebt hat. Sie haben in einer Lichtung Schutz gefunden, an der der Feuersturm vorbeigezogen ist, und nach der großen Flut hat das Meer sie zurückgegeben. Lange war der Morgentau ihre einzige Nahrung. „Sie werden Kinder und Enkelkinder bekommen“, sagt Odin froh. Die Volve nickt. „Ein neues Menschengeschlecht wird die Welt bevölkern“, sagt sie.
Odin reibt sich die Augen. Er ist müde. „Gibt es noch etwas, was ich wissen sollte?“ fragt er. „Nein, Herr“, antwortet die Hellseherin. „Jetzt sind meine Augen leer. Weiter in die Zukunft kann ich nicht sehen“ – „Du sahst weit genug.“ Die Volve verbeugt sich tief vor Odin. „So hat der Traum es mir gezeigt. So muss es geschehen.“ Odin steigt zu Pferde und reitet davon. Er trägt Mimes Haupt im Arm. Lange ziehen sie schweigend durch die sternenklare Nacht hin. Endlich fragt Mime: „Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?“ – „Ich weiß es nicht“, antwortet Odin. „Du weißt es nicht?“ – „Vielleicht ist es so“, sagt der Götterkönig, „dass ich nur das fand, wovor ich mich fürchtete? Am Ende hätte ich eher nach dem suchen sollen, was ich mir erhoffe?“ – „Mein Freund“, sagt Mime, „alles auf der Welt kann auf tausend verschiedene Weise enden.“ – „Nicht alles, was ich sah, war finster“, erwiderte Odin nachdenklich. „Es gab auch graue Nebelstreifen, und Licht, das durch die Wolken brach.“ – „Dann hätte es schlimmer kommen können.“ „Eines weiß ich ganz gewiss. Nichts von alledem ist bereits geschehen. Noch ist Ragnaök nichts weiter als ein böser Traum. Du hast recht. Der Möglichkeiten gibt es viele. Noch haben wir es in der Hand, sie zu finden…. Zu ändern, was zu ändern ist.“
Mime lächelt in der Dunkelheit. „Mein einäugiger Freund“, sagt er sanft. „Nie wirst du aufgeben!“ – „Nie!“ ruft Odin und drückt das struppige Riesenhaupt an seine Brust. „Nie!“
So reiten sie wortlos weiter, bis der Morgen graut.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de/viewpage.php?page_id=239

Gruß an die Legenden der Asen

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 11


Loki

Von Tor Åge Bringsværd

idun

Das Meer kocht und brodelt. Ein schreckliches Haupt, groß wie ein Berg, erhebt sich langsam aus den Wellen. Das schuppige Ungeheuer streckt seinen Hals und sperrt schnaubend das Maul auf. Ein saurer Hauch dringt wie eine Windfahne aus seinem Rachen. Alles Lebendige ergreift die Flucht, die Fische im Wasser und die Vögel unter dem Himmel.
Es ist die Mitgardschlange, das Untier, das sich um die ganze Welt ringelt, und sich in den eigenen Schwanz beißt. Den riesenhaften Kopf wiegt sie spähend, lauschend, witternd hin und her. Langsam, aber zielsicher bewegt er sich auf einen fernen Schimmer zu. Es ist die Burg des Seekönigs, die dort glitzert und leuchtet. Hier herrscht Ägir, der mächtigste unter den Meeresriesen. Heute Abend wird dort ein Fest gefeiert.
Die Schlange zischt. Sie weiß, dass sich dort hinter den festen Balken des Hauses ihre schlimmsten Feinde versammelt haben. Denn Ägir ist ein Freund der Götter. Jedes Jahr lädt er sie zu einem großen Festschmaus ein. Hier sitzen die Asen lachend und ausgelassen unter den Riesen des Meeres und dessen Frauen.
Die großen Nüstern der Schlange zittern vor Gier. Alle sind da, denkt sie. Nur einer fehlt. Alle warten auf Thor. Der Donnergott kämpft hoch im Norden mit den Trollen. Bald wird auch er kommen und nach dem Trinkhorn greifen, wenn er die Riesenschädel in den Staub geworfen hat.
Die Mitgardschlange züngelt vor Ungeduld. Sie kann es nicht erwarten, Ägirs Burg über den Haufen zu werfen, jeden Balken zu zermalmen und sich über Haus und Hof zu wälzen. Aber dann fällt ihr ein, was ihr Hel, ihre Schwester, die Königin des Totenreichs eingeschärft hat. „Warte“, hat sie ihr geraten. „Warte bis ich dir ein Zeichen gebe! Dann ist uns der Sieg sicher.“ – „Was für ein Zeichen?“ wollte sie wissen.
„Ich habe einen kohlschwarzen Hahn“, flüstert Hel. „Wenn du ihn krähen hörst, dann weißt du, dass der Anfang vom Ende gekommen ist. Dann werden die Sterne erlöschen und die Berge erzittern. Die Bäume werden entwurzelt, und alles, was fest ist, verliert seinen Halt. Dann erst ist deine Stunde gekommen.“
Die Mitgardschlange schließt die Augen und seufzt. Sie windet sich heftig und versinkt im Meer. Es gluckst und dampft, und ein mächtiger, saugender Wirbel bleibt zurück.
Die Schlange ist für diesmal verschwunden.

 

Keiner in Ägirs Burg ahnt, was geschehen ist. Asen und Seeriesen spaßen miteinander. Auf dem tangbedeckten Boden wird fröhlich getanzt. Nicht Kerzen und brennende Fackeln erleuchten den Saal, sondern schimmerndes Gold. Es hängt in ganzen Klumpen von der Decke, es schmückt die Wände und liegt in glitzernden Haufen auf den Tischen. Die Diener laufen umher und kümmern sich darum, dass es keinem an Essen mangelt. Das Bier aber schenkt sich selber ein. Ein gewaltiger Kessel schwebt über den Tischen hin und her und sorgt dafür, dass kein Trinkhorn leer bleibt.
Die neun Töchter des Seekönigs singen und tanzen für die Gäste. Die Asen schlagen den Takt dazu und singen mit. Nur Odin sitzt still da und sagt kein Wort. Er rührt das Essen nicht an und trinkt nur Wein. Alle wissen, dass es nicht klug wäre, ihn zu stören, wenn er sinnt und grübelt.
Er hat die Augen geschlossen und denkt an die Welt. Die Welt, denkt er, gleicht einer Scheibe aus Holz mit kräftigen Jahresringen. In der Mitte wohnen die Asen, im nächsten Ring leben die Menschen, und ganz draußen am Rand hausen die Trolle.
Dann wieder kommt ihm die Welt wie eine Eierschale vor, die auf dem großen wilden Meer schwimmt, oder wie eine Daune, die in der Luft hierher und dorthin tanzt, die so lange in der Schwebe bleibt, wie der Atem der Götter reicht. So verletzlich ist das Ganze, so leicht zu zerstören, so nahe daran zu kippen und verlorenzugehen.
Er denkt an die alten Zeiten, da alles erschaffen wurde. Wie lange ist das her! Damals erschlugen er und seine Brüder den ungeheuren Riesen Ymer und erschufen aus dem Leichnam die ganze Welt. Aus seinem Blut wurde das Meer, aus seinem Fleisch das Land, aus seinen Knochen entstanden Berge und Klippen, aus seinem Haar wuchsen die Bäume und das Gras. Seinen Schädel haben sie damals wie eine große Kuppel über alles Erschaffene gesetzt. Er wurde zum Himmel. Odin lächelt, wenn er daran denkt.
Damals war er jung und ausgelassen wie ein Fohlen. Stolz wie ein Hahn, stark wie ein Ochse, spitzfindig wie ein Fuchs. Das ist lange her. Odin fühlt sich alt. Sein Bart ist weiß geworden. Wenn er morgens aufsteht, knacken seine Gelenke. Sein Auge trieft und schmerzt ihn. Jetzt lächelt er nicht mehr.
Er wird aus seinen Gedanken gerissen, denn drüben am Feuer hat Loki Streit mit einem Diener des Seekönigs angefangen. Loki geht auf ihn los, und ehe die andern sich´s versehen, schlägt und tritt er auf ihn ein. Der Diener versucht ihm zu entkommen, aber es ist zu spät, er stürzt mit dem Kopf gegen eine Tischkante. Obwohl er sich nicht mehr rühren und mit offenen Augen am Boden liegt, versetzt Loki ihm noch einen Tritt.
Voller Abscheu haben es die Asen mit angesehen. „Schande über dich, Loki!“ rufen sie. Als hätte er jetzt erst begriffen, was er getan hat, krümmt er sich und wimmert: „Das habe ich nicht gewollt. Es war seine Schuld. Ich winkte ihn herbei, doch er hat mich nicht beachtet. Er hat mich wie Luft behandelt! Er hat mich beleidigt! Ich kann nichts dafür!“
Einige von den Seeriesen treten ihm drohend entgegen. Doch Sigyn, Lokis Frau, kommt ihm zu Hilfe. „Mein Liebster“, ruft sie, „was hast du nur? Bist du verletzt?“ Ängstlich läuft sie herbei und stellt sich den Riesen in den Weg. „Lasst ihn! Es war ein Unglück. Das müsst ihr doch einsehen!“
Nun hat auch Odin sich erhoben. Alle weichen zur Seite und lassen ihn durch. Langsam geht er auf Loki zu. „Ich erwarte eine Erklärung“, sagt er. „Antworte!“ Loki schlägt die Augen nieder. „Ich habe es nicht gewollt“, jammert er. „Aus Versehen ist es geschehen, ich weiß nicht wie!“
Odin schüttelt den Kopf. „Ich verstehe dich nicht“, sagt er leise. „Vielleicht habe ich dich nie verstanden.“
Ägir ist wütend. „Ihr habt versprochen, dass dies eine geheiligte Freistatt sein soll!“ ruft er. Odin nickt. „Ich selber werde euch das Wergeld bezahlen! Ich gebe dir mehr, als du verlangst.“ – „Und Loki soll sich nie wieder hier blicken lassen“, bellt Ägir. „Mit Knüppeln soll er verjagt werden“, antworten die Gäste wie aus einem Munde. Loki ringt die Hände. „Milchbruder!“ bettelt er, doch Odin wendet ihm den Rücken zu. „Du bist dein eigner Feind“, sagt er. „Nun kann auch ich dir nicht mehr helfen.“
Schon sind zwei Seeriesen zur Stelle. Sie schlagen auf Loki ein und treiben ihn vor sich her aus dem Festsaal. Loki versucht, Kopf und Gesicht zu schützen, so gut es geht. „Loki“, ruft seine Frau, „warte ich komme mit!“ Aber die andern Frauen halten sie zurück. Sigyn fängt an zu weinen. Ihre beiden Sohne, Narwe und Wale, versuchen sie zu trösten. Da pocht Ägir mit seiner großen hölzernen Forke auf den Boden. „Lasst euch das Fest nicht verderben von diesem Störenfried!“ ruft er. „Es gibt noch reichlich zu essen, und an Met soll es nicht fehlen. Keiner soll sagen, dass er hungrig vom Tisch des Seekönigs aufstehen musste!“
Ale suchen nach einem scherzhaften Wort, oder sie stimmen ein Lied an. Aber die fröhliche Stimmung will nicht wiederkehren. Erneut wendet sich das Gespräch Loki zu. „Immer macht er eine gute Figur“, sagen sie, „aber im Grunde ist er boshaft und heimtückisch.“ Ägir seufzt: „Wer hätte sich träumen lassen, dass es soweit kommen musste? Habe ich nicht immer meine Ehre darein gesetzt, ein guter Gastgeber zu sein?“ – „Du hättest sie nie einladen sollen“, zischelt seine Frau. „Hör auf meine Worte: Von den Göttern kommt nie etwas Gutes.“ Sie heißt Ran und ist ein gefährlicher Wassertroll. Sie verachtet ihren Mann, weil er so gerne Odins Freund sein möchte.

 

Aber wo ist Loki geblieben? Ist er nach Asgard heimgeritten? Oder sucht er in Jotunheim Trost? Nein er sitzt unweit von Ägirs Burg auf einer Schäre und bläst Trübsal. Er sieht die Lichter und hört das Gelächter der Gäste. Er ballt die Fäuste und hat Tränen in den Augen; denn Loki fühlt sich ungerecht behandelt.
Nur weil er von den Riesen abstammt, glauben alle, dass sie mit ihm umspringen können, wie sie wollen. Hat er nicht das gleiche Recht wie alle andern Götter? Doch die Asen halten sich immer für was Besseres. Aber sie werden schon sehen! Er, Loki wird es ihnen zeigen!
Ein Raunen geht durch den Festsaal, als die Tür aufgerissen wird und Loki von neuem auftaucht. „Muss ich dich noch einmal mit dem Knüppel davonjagen?“ schnaubt Ägir. Aber Loki lacht nur und sagt: „Ihr glaubt gar nicht, wie durstig ich bin.“ – „Nie wieder wirst du unter den Asen sitzen“, ruft sein Halbbruder Brage. „Schande über dich!“ Doch Loki achtet nur auf Odin und spricht zu ihm: „Soll ich dich daran erinnern, wie wir in der Morgenfrühe der Zeit Blutsbrüderschaft getrunken haben? Damals schworen wir einander, dass keiner einen Trunk schmecken sollte, der nicht uns beiden geboten würde. Denk daran Milchbruder! Oder willst du wortbrüchig werden?“ Odin nickt müde. „Ich erinnere mich“, sagt er. „Ich erinnere mich allzu gut daran.“ – „Wenn ich wirklich fortgehen soll, dann will ich es aus deinem eigenen Mund hören“, fährt Loki fort. „Ein Wort von dir, und ihr seid mich los. Oder ein anderes Wort, und wir setzen uns an einen Tisch, wie wir es seit jeher getan haben.“
Odin zaudert. Ägir zuckt mit den Schultern. „Du hast mir versprochen, das Wergeld zu zahlen, Odin. Wenn du also mit so einem trinken möchtest…“ – „Ach, bitte, Odin, lass ihn doch hier bleiben“, wimmert Sigyn. Odin atmet schwer. Endlich sagt er: „Gut, schenkt ihm einen neuen Krug ein.“ Aber nun schüttelt Brage seine Faust und ruft hitzig: „Das lasse ich mir nicht gefallen!“ – „O doch!“ grinst Loki, „Du hast dir immer alles gefallen lassen, Brage Stubenhocker. Keiner unter den Asen ängstigt sich so wie du vor Kampf und Streit. Wenn du mir nicht glaubst, dann komm her und beweise, dass du Mut hast!“
Brage möchte es mit ihm aufnehmen, aber Iduna, seine Frau, hält ihn zurück. „Lass Loki in Ruhe“, sagt sie. „Er ist es nicht wert, dass du dich mit ihm einlässt.“ – „Du bist selber nicht viel wert, Iduna“, höhnt Loki. „Denn wenn Brage der Feigste unter den Männern ist, dann bist du die Geilste unter den Frauen!“
„Hört auf!“ rufen die Asen. Doch Loki ist nicht mehr zu bremsen. „Dein lieber Brage ist ja unser großer Dichter“, giftet er. „Aber wir andern haben auch keine Mühe gescheut, um dir mit unserm Stift eine kleine Freude zu machen.“ Da bricht Iduna in Tränen aus. „Kannst du ihm nicht das Maul stopfen, Odin?“ fleht sie. „Da bist du gerade an den Richtigen geraten“, grinst Loki. „bei dem weiß niemand, mit wem er es gerade hält. Oft genug hat er irgendeinem Lumpenkerl den Sieg gegönnt. Kein Wunder! Einäugig wie er ist!“
Jetzt hat Odin sich erhoben. „Weißt du noch“, hält er Loki vor, „wie du acht Winter lang als Magd gedient und unter der Erde Kühe gemolken hast?“ – „Ach was“, antwortet Loki, „du bist doch selber oft genug als Weib unter die Leute gegangen, damals, als wir jung und grün waren!“ Schon will er zu einer langen Geschichte ausholen, da unterbricht ihn Frigga.
„Was ihr beide in der Morgenfrühe der Zeiten alles getrieben habt, ist eure Sache“, sagt sie. „Lasst uns damit zufrieden!“ – „Das könnte dir wohl passen“, schnappt Loki zu. „Denn als wir beide unterwegs waren, Odin und ich, da bist du mit seinen beiden Brüdern unter die Bettdecke gekrochen.“ – „Schweig endlich!“ ruft Frigga. „Ja, da hältst du dir die Ohren zu“, antwortet Loki triumphierend.
Frigga ist jetzt außer sich vor Zorn, und die Tränen treten ihr in die Augen. „Wenn mir nur mein Baldur zur Seite stünde! Der würde dich in die Schranken weisen.“ – „Also habe ich gut daran getan, dafür zu sorgen, dass er nicht mehr unter uns ist.“
Ein lautes Murren geht bei diesen Worten durch den Saal. „Du weißt nicht mehr, was du redest“, ruft Freia. „Du hast wohl den Verstand verloren!“ – „Du warst auch nicht mehr ganz bei Trost, Freia, damals als ich dich auf deinem eigenen Bruder reiten sah!“ Nun verliert auch Tyr die Geduld. „Wage es ja nicht, Loki, dir das Maul über Frei und Freia zu zerreißen!“ droht er. Aber Loki lacht ihn aus. „Du willst mich daran hindern? Mit deinem einen Arm? Weißt du noch, wie der Fenriswolf dir die Hand abgebissen hat?“
„Dafür ist der Wolf nun für immer an allen vieren gebunden. Und so, wie er nun daliegt und sich in seinen Ketten windet, so werden wir auch dich fesseln, wenn du nicht das Maul hältst“, sagt Frei. Loki spuckt vor ihm aus und bellt: „So redet einer, der sein eigenes Schwert verkauft hat, nur um mit einer Trolltochter herumzuhuren! Hört, was ich euch sage: Wenn der Tag kommt, an dem die Söhne von Muspilheim durch den dunklen Grenzwald reiten, wird Frei wehrlos dastehen, ohne eine Waffe zu der er greifen kann!“ – „Du bist betrunken und du hast genug gesagt“, ruft Heimdall. Aber Loki hält nicht inne. Er tänzelt durch den Saal, hält hier an und dort, und er beschimpft jeden, vor dem er stehenbleibt.
Odin hat wieder Platz genommen. Er beugt den Kopf und schweigt. „Warum werfen wir ihn nicht vor die Tür?“ fragt Heimdall. „Weil dies eine geheiligte Freistatt ist“, antwortet ihm Siv. „Wir haben Ägir, unserem Gastgeber, geschworen, Frieden zu halten, solange wir in seinem Haus sind. Loki will uns nur soweit bringen, dass wir unseren eigenen Schwur brechen.“ – „Oh, meine Siv mit dem goldenen Haar“, grinst Loki, beugt sich über sie und zupft an ihren langen Flechten. „Weißt du noch, wie schön wir es miteinander hatten, damals als dein Thor aus dem Haus war?“
In diesem Augenblick dröhnt ein Donnerhall durch den Saal, und ein lärmender Wagen, gezogen von zwei scharfen Böcken, rollt durch die Pforte. Es ist Thor, der nach vielen Faustkämpfen, blutend und schmutzstarrend, mit wehendem Bart und Haar, zu den Festgästen stößt. In der Faust schwingt er seinen Hammer Mjölner. „Noch ein Wort von dir, du Ratte, und ich zerknicke dich wie einen verrotteten Zweig!“ – „Verrotten magst du selber“, antwortet Loki mit kalter Miene. „Ich weiß noch gut, wie viel Angst du hattest, damals im Osten von Utgard, als wir im Fausthandschuh eines Riesen übernachten mussten.“ Thor packt Loki am Nacken und droht ihm mit dem Hammer. „Ich schlage dir den Kopf ab!“ ruft er.
Da springt Sigyn herbei und schlägt mit ihren kleinen Fäusten auf Thor ein. „Lass ihn los, du Ochse! Nimm die Pfoten von meinem Loki!“ Thor brummt und sieht sich fragend um. „Lass ihn gehen“, sagt Odin müde. Thor hebt Loki hoch und lässt ihn krachend zu Boden fallen. „Tut es weh, mein Lieber? Hat er dir etwas angetan?“ jammert Sigyn und nimmt ihn in die Arme. „Was musstest du auch so schlimme Dinge sagen?“ Loki schiebt sie von sich und steht auf. „Das erste Mal“, sagt er, „habt ihr mich mit Knüppeln davongejagt. Das zweite Mal gehe ich aus freien Stücken.“ Er richtet einen kalten Blick auf Odin. „Was ich euch zu sagen hatte, habe ich gesagt. Nun wissen wir, was wir voneinander zu halten haben.“ Dann wendet er den Asen den Rücken zu und geht zur Tür.
„Wenn wir uns wiedersehen, hast du meinen Hammer im Genick“, ruft Thor ihm nach. Unter der Tür dreht Loki sich noch einmal um. Er wendet sich an den Seekönig. „Dir Ägir, sage ich: Nie wieder wirst du ein Fest geben, weder den Asen, noch den Riesen. Und alles was du besitzt, soll in Flammen aufgehen.“ Dann ist er verschwunden.

jörd- Erd- und Fruchbarkeitsgöttin

Nach einer Weile nehmen auch die Asen Abschied. Am Meeresstrand holt Frei aus seiner Gürteltasche eine kleine Decke hervor. Er breitet sie aus und wirft sie aufs Wasser. Sogleich wird ein mächtiges Schiff daraus. Die Asen gehen an Bord des Skidbladner und segeln heimwärts.
Odin steht am Steven und spürt den Wind im Gesicht. Er denkt an Loki und an die alten Zeiten, als sie alles miteinander geteilt hatten. Viel Freude hat er mit diesem Sohn der Trolle erlebt, und oft haben sie miteinander gelacht. Doch nun ist das Fest vorbei. Loki ist keiner mehr von den Asen.
Ohne dass er es merkte, hat Frigga sich zu ihm gesellt. Jetzt lehnt sie den Kopf an seine Schulter. „Wie konnte ich mich nur so in ihm täuschen?“ grübelt Odin. „Solche Fehler bleiben keinem erspart“, antwortet Frigga und birgt ihr Gesicht in seinem rauen Mantel.

 

Die Stimmung in Asgard ist gereizt. Alle reden über Loki. Jetzt erinnert sich niemand mehr an seine guten Dienste. Wie oft haben seine Einfälle den Asen geholfen, als Not am Mann war! Wie oft haben sie über seine Scherze gelacht! Aber das ist alles vergessen. Jetzt lässt keiner mehr ein gutes Haar an Loki. Nicht nur, dass er uns zum Narren gehalten und hinters Licht geführt hat, heißt es; nicht nur, dass er Schuld ist an Baldurs Tod; er hat auch dafür gesorgt, dass sein Halbbruder nicht von den Toten zurückkehren durfte. „Er ist auch noch stolz auf seine Untat“, sagt Heimdall. „Er macht sich lustig über uns!“ – „Ich zerschmettere ihm den Schädel“, ruft Thor.
Nur Sigyn hält ihm die Stange. „Ihr vergesst, dass ich ihn liebhabe“, sagt sie. „Ach Sigyn“, raten ihr die andern Trauen, „was hast du davon? Nichts als Ärger! Warum suchst du dir nicht einen andern?“ Aber Sigyn schüttelt den Kopf und geht ihrer Wege. „Das Herz hat keine Wahl“, sagt sie. „Niemand kann sich seine Liebe aussuchen.“
Odin befiehlt, dass Loki bei lebendigem Leibe gefangen und bestraft werden soll. Er schickt seine Raben Hugin und Munin aus nach Mitgard und nach Jotunheim und bittet Zwerge und Alben um Hilfe bei der Suche. Die Walküren reiten über Berg und Tal, Meer und Wolken. Er selber hält Ausschau von seinem Thron hoch über der Götterburg. Ich habe dich geliebt, denkt er voll Bitternis, während er den Blick über die Welt schweifen lässt. Er starrt hinaus, bis ihm die Augen tränen.
Loki ist weit in die Wildnis gegangen. Auf dem Gipfel eines hohen Berges hat er sich ein Haus gebaut, ein Haus mit vier Türen, damit er von seinem Stuhl aus den Blick frei hat in alle Himmelsrichtungen. Nicht weit davon stürzt ein Wasserfall in die Tiefe. Jeden Morgen verwandelt er sich in einen Lachs, der im rauschenden Wasser spielt. Niemandem wird es einfallen, nach einem Fisch zu suchen, denkt er. Bald werden es die Asen müde werden, nach mir zu suchen. Bald haben sie mich vergessen und dann ist meine Zeit gekommen! Dann will ich endlich meinen Sohn, den Fenriswolf, zu mir rufen, mein Kind, die Mitgardschlange, und Hel, meine mächtige Tochter, die über das Reich der Toten herrscht! Und dann nehmen wir Rache und werden dieser ganzen Welt ein Ende machen!
Doch wenn er dann am Abend ganz allein am Feuer sitzt, nach einem langen Tag im kalten Wasser, wenn er Schuppen und Flossen abgelegt und sich an den glatten, heißen Steinen aufwärmt, wenn er dann durch die vier Türen hinaus in die Dunkelheit späht, dann beschleicht ihn die Angst. Wie mit leichten, unruhigen Flügelschlägen zuckt es in seiner Brust, und ohne dass er es merkt, fangen seine Finger an, sich zu regen. Er hält einen leinenen Faden in der Hand und zupft und nestelt daran, bis ein Netz aus engen Maschen daraus wird. Was treibt er da? Hat er nicht allen Grund, das Garn zu fürchten, das er knüpft.

 

Die Asen aber haben die Fahndung nach Loki nicht aufgegeben. Eines Tages sieht er in der Ferne eine lange Kette von Gestalten, die das Gebirge absuchen. Mit jedem Schritt kommen sie näher. Rasch wirft Loki das Netz ins Feuer, nimmt seine Fischgestalt an und springt glatt und zappelnd in den Wasserfall.
Die Asen finden das Haus leer, aber sie sind sich ganz sicher, dass kein lebendiges Wesen bei ihrer Suche durchgeschlüpft ist. Sie untersuchen die Asche im Herd und entdecken das Muster des verbrannten Netzes. Da wissen sie sogleich, wonach sie zu suchen haben. Sie knüpfen ein neues Netz und werfen es in den Fluss. Thor hält es am einen Ende, das andere Ende halten die übrigen Asen fest Nun durchkämmen sie watend den Fluss. Loki schwimmt vor dem Netz her, so tief wie möglich am Grund des Wassers, hält still, legt sich flach zwischen zwei Steine und hält den Atem an. Er spürt im Rücken, wie das Netz in streift. Auch die Asen haben bemerkt, wie etwas in den Maschen zuckt. Sie binden schwere Steine an das Garn, bevor sie es von neuem auswerfen. Da flüchtet Loki und stürzt in die Tiefe. Mit einem Satz kehrt er um, macht einen Luftsprung über das Netz und schwimmt zurück zum Wasserfall.
Doch nun haben die Asen ihn gesehen. Sie teilen sich in zwei Gruppen, von denen jede ein Ende des Netzes hält. Thor watet in der Mitte des Flusses. So ziehen sie Schritt für Schritt das Netz nach unten. Noch einmal wagt Loki einen Sprung über das Garn, aber diesmal ist Thor schneller. Wie ein hungriger Bär wirft er sich nach vorn und greift nach ihm. Beinahe wäre der glatte Leib ihm durch die Finger geschlüpft, doch es gelingt ihm, den Lachs am Schwanz zu packen. „Lasst mich los!“ zetert der zappelnde Fisch. Da deutet Freia auf ihn und ruft: „Du, der du dich in Fischgestalt verbirgst – ich befehle dir, komm her und zeige dich! Sei, der du bist!“ Sogleich liegt Loki wimmernd zu ihren Füßen. „Hast du vergessen“, sagt Freia, „wer dich vor langer, langer Zeit, alle deine Künste lehrte? Jetzt bereue ich es, denn du warst es nicht wert, dass ich meine Zeit mit dir vergeudet habe“ Sie wendet sich an Odin. „Was soll mit ihm geschehen?“ fragt sie. Doch Odin wendet sich ab und schüttelt den Kopf. „Tut mit ihm, was getan werden muss“, antwortet er müde.
Auch Sigyn findet keine Worte mehr. Sie steht wie angewurzelt da und streckt die Arme nach ihrem Mann aus. Nur Wale und Narwe, seine beiden Söhne, versuchen Loki zu Hilfe zu kommen. Sie stürmen brüllend auf ihn zu, doch die Asen halten sie mit Leichtigkeit zurück.
Plötzlich stößt Thor einen Schmerzensschrei aus. „Der kleine Köter hat mich gebissen“, ruft er. „Schaut nur, seine Zähne! Sie wachsen und wachsen! „sagt Brage. Wahrhaftig! Wale sprießen lange schwarze Haare im Gesicht, er knurrt und fletscht die Zähne, ein Fell wuchert ihm auf der Brust und auf den Armen. „Lasst ihn los“, ruft Freia, „lasst sie los, alle beide!“
Die Asen haben Lokis Söhne umringt. Unter ihren Augen verwandelt Wale sich in einen Wolf. Er zeigt den Göttern die Zähne und schnappt nach ihnen. Dann fällt er über seinen eigenen Bruder her, setzt ihm die Hauer an die Kehle und beißt ihn tot. Die Asen weichen zurück, und der Wolf entkommt. „Mein Kind“, ruft Sigyn ihm nach, „was tust du?“ Wale wendet sich zu ihr um und zeigt ihr die Zähne. Aus seinem Rachen rinnt Blut. „Hinke fort nach Jotunheim, räudiges Graubein“, ruft Freia. „Dort gehörst du hin! Eines Tages wirst du bitter bereuen, was du getan hast. Nie sollst du Trost und Vergessen finden!“
Die Asen ziehen aus Narwes zerfleischtem Leib die Gedärme und fesseln damit Loki an Händen und Füßen. Sie legen ihn auf den Rücken, so dass er auf drei scharfen Steinen zu liegen kommt: ein Stein unter der Schulter, einer unter den Hüften, und einer unter den Kniekehlen, und sogleich verwandeln die blutigen Gedärme sich in eiserne Ketten.
Da liegt er nun und heult und jammert. Er ruft nach dem Fenriswolf und nach der Mitgardschlange, er ruft nach Hel, doch niemand antwortet ihm. Eine ganz andere Schlange windet sich vor seinem Gesicht. Es ist Schad, Njörds Frau, die das Gewürm in der Hand hält und das Gift auf Loki träufeln lässt. „Das könnt ihr doch nicht mit ihm machen“, ruft Sigyn verzweifelt, doch Schad lacht nur und lässt die Schlange über Lokis Augen baumeln. „Eine Schlange bist du“, flüstert sie ihm ins Ohr, „und eine Schlange soll dir Gesellschaft leisten.“
Die Asen brechen auf, doch Sigyn bleibt bei ihrem Mann. „Liebst du ihn denn so sehr“, fragt Schad sie und sieht zu, wie sie eine Schale über ihren Mann hält, um das Gift aufzufangen. „Ich habe keinen ander“, sagt sie. Seine Ketten kann sie nicht sprengen, und nach dem Kopf der Schlange wagt sie nicht zu greifen. Als die Schale überfließt, wendet sie den Kopf ab, um sie auszugießen, und da trifft ein Spritzer auf Lokis Gesicht. Er wälzt sich so stark in seinem Schmerz, dass der Boden unter ihm erzittert. Das ist es, was die Menschen ein Erdbeben nennen.
So wird Loki nun liegenbleiben bis ans Ende der Welt. Erst wenn es gekommen ist, heißt es, sollen die Ketten von ihm abfallen wie verdorrtes Gras. Dann, so heißt es, wird nicht nur Loki freikommen; auch der mächtige Fenriswolf wird sich losreißen und mit offenem Rachen, aus dem der Schaum wie Wolken über die Erde treibt, über Land und Meer hetzen. Auch die große Mitgardschlange wird sich dann über die Ufer des Weltmeeres wälzen, und der Erdboden wird sich auftun, so dass Hel an der Spitze ihres gewaltigen Totenheeres ihren letzten Ritt antreten kann. So ist es vorherbestimmt. So wird es geschehen.
Daran muss Odin denken. Er weiß es. Und dennoch fehlt ihm Loki. Er denkt an ihn wie an einen toten Bruder, und er vermisst ihn.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an die Legenden

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 8


Gott und Troll in einer Gestalt

Von Tor Åge Bringsværd

ägir

Es ist Herbst geworden. Draußen an der Küste, zwischen Schären und Strandfelsen, dort wo König Raudung sein Reich hat, sind zwei Brüder zum Fischfang aufs offene Meer gefahren. Es sind Agnar und Gerod, die Söhne des Königs. Der ältere ist zehn, der jüngere acht Jahre alt.
Eine starke Strömung hat sie weit hinaus vor den Fjord getragen. Nun kommt auch noch ein starker Wind auf. Es herrscht ein starker Seegang und der Regen peitscht ihnen ins Gesicht.
Sie rudern aus Leibeskräften, aber es hilft ihnen nichts; Gegen Wind und Wetter kommen sie nicht auf , und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich auf den Boden ihres Bootes zu kauern, eng aneinandergeschmiegt, und darauf zu hoffen, dass der Sturm sich legt. Die Nacht bricht über sie herein wie ein Riesenvogel mit dunklen, nassen Schwingen.
Aber sie haben Glück im Unglück. Das Boot kentert nicht, und als sie am Morgen erwachen, ist der Wind umgeschlagen und hat sie in eine kleine Bucht getrieben. Noch dämmert es, doch das Unwetter hat sich verzogen. Agnar und Gerod waten an Land. Sie wissen nicht, wo sie gestrandet sind, aber in der Ferne sehen sie in einem kleinen Haus ein Licht. Dorthin wenden sie sich, durchnässt und zerzaust wie zwei halb ertrunkene Katzen. Ein armer Kleinbauer wohnt mit seiner Frau in der Kate. Das alte Ehepaar nimmt die beiden Jungen freundlich auf. „So bald werdet ihr wohl nicht heimfahren können“, sagen sie, „denn unsere Insel liegt weit draußen vor der Küste, viel weiter, als ihr denkt. Und bei diesem Wetter ist es nicht ratsam, eine so weite Strecke zu rudern. Der Herbststurm, den ihr erlebt habt, wird nicht der letzte bleiben. Bald wird es Winter, und dann erstarrt die Welt in Schnee und Eis. Nein, es ist besser, wenn ihr hier bleibt, bis der Frühling kommt.“
Und so ist es geschehen. Der Bauer und seine Frau haben sich herzlich gut um die beiden Königssöhne gekümmert. Auf diese Weise hatte jeder von ihnen einen Zögling: die Frau sorgte vor allem für Agnar, und Gerod hielt sich an den Alten, wenn er etwas brauchte oder Rat suchte. Die beiden Jungen mussten freilich im Haus und Hof mithelfen, draußen und drinnen, von früh bis spät. Oft waren sie am Abend so müde, dass sie am Tisch einschliefen. Trotzdem gefiel es ihnen auf der Insel. Jeden Tag gab es etwas Neues zu lernen. Es ging ihnen so gut, dass sie gar kein Heimweh spürten.
Auf diese Weise verging der Herbst und auch der lange, strenge Winter. Als aber endlich die Eiszapfen am Dachfirst schmolzen, da führte sie der Bauer hinunter zum Strand. Dort lag ein Boot und wartete auf sie. Es war größer und schöner als die alte Schaluppe, die der Bauer täglich brauchte, und viel besser als der alte, undichte Prahm, auf dem sie so weit hinausgerudert waren. Außen war es frisch gemalt und innen tüchtig geteert. Auch die Segel waren schon gesetzt und blähten sich fröhlich im Wind.
Da stehen die beiden nun und wundern sich. „Nur zu“, sagt der gastfreie Bauer. „Es ist alles bereit. Ihr könnt einsteigen. Wir haben frisches Wasser an Bord gebracht und soviel Wegzehrung, wie ihr für eure Reise braucht.“ Auch die alte Frau kommt herbeigehumpelt. Alle umarmen einander und nehmen Abschied.
Der Bauer flüstert zum Schluss seinem Liebling Gerod noch etwas ins Ohr. „Dieses Fahrzeug ist etwas Besonderes“, sagt er. „Kein anderes Boot kommt ihm gleich, denn ich habe es so gebaut, dass es dir wie ein Hund gehorcht und dich dorthin bringt, wo du willst. Es kennt deine Stimme und folgt dir aufs Wort. Es hört auf keinen andern als dich, mag er noch so laut rufen. Du allein kannst es steuern!“
Die beiden Königskinder legen ab. Agnar fragt seinen Bruder: „Aber wo in aller Welt ist denn das Ruder?“ – „Hier braucht es keine Pinne“, antwortet Gerod lachend, „und auch um das Segel brauchen wir uns nicht zu kümmern. Bring uns nach Hause“, ruft er und schlägt mit der Faust an den Mast.
Sogleich erhebt sich ein Windstoß und füllt das rotbraune Tuch, so dass die schwarzen Runenzeichen, die es trägt, erbeben. Das Boot flitzt davon, es tanzt über die Wellen, und die Insel verschwindet hinter ihnen in der Ferne. „Bring uns nach Hause“ Agnar kann es gar nicht fassen, dass das Boot gehorcht, und sein Bruder schüttet sich aus vor Lachen.

 

Die beiden Alten stehen immer noch am Ufer und winken, so lange, bis von dem Segel nur noch ein roter Punkt zu sehen ist. Dann wendet der Bauer sich seiner Frau zu, und auf einmal ist es, als fielen die Jahre von den beiden ab. Sie richten sich auf und wischen sich die Runzeln vom Gesicht. Aus dem Greis wird ein Mann im besten Alter, und auch die Frau sieht nun viel jünger aus.
„Es wird Zeit, dass auch wir nach Hause fahren“, sagt er und sie nickt. Der Bauer steckt zwei Finger in den Mund und pfeift. Sogleich ist hoch über den Wolken ein Wiehern zu hören, und im Galopp erscheint ein riesiger Hengst mit acht starken Beinen in der Luft. Dröhnend schlagen seine Hufe auf dem Hofplatz auf, und das Pferd hält vor den beiden inne. Der Bauer und seine Frau reißen sich ihre Lumpen vom Leib, und aus den Satteltaschen ziehen sie prächtige Gewänder hervor. Nun sind sie endlich wieder sie selber: Odin und Frigga, der König und die Königin der Asen.
Sie steigen auf den Rücken Sleipnirs, der sie über Land und See, über tiefe Wälder und hohe Berge davonträgt, nach Hause: Pfeilschnell bringt er sie über die schimmernde Regenbogenbrücke nach Asgard, in die große Götterburg im Zentrum der Welt.
Es geschah nicht zum ersten Mal, dass Odin und Frigga Menschengestalt angenommen haben. Odin ist immer ein Wanderer gewesen, und in letzter Zeit hat auch Frigga Lust gehabt, ihn auf seinen Streifzügen zu begleiten. Sie weiß, dass der Götterkönig sich danach sehnt, die Menschen zu verstehen. Er möchte wissen, was sie denken, glauben und meinen. Er will begreifen, wovor sie sich fürchten und worüber sie sich freuen. Wohl weiß er, dass ihr Leben nicht lange währt, dass es so kurz ist, dass sie beinahe mit dem Sterben anfangen, noch bevor sie gelernt haben, zu laufen und zu sprechen; aber dennoch kommt es ihm so vor, als gebe es keine anderen Geschöpfe auf der Welt, die so rätselhaft sind und so viele Widersprüche in sich tragen wie die Menschen. Einmal benehmen sie sich fast wie die Asen und dann gleichen sie wieder den Trollen. „Verstehe sie, wer kann“, sagt Odin oft. „Wie ist das nur möglich, dass es Wesen gibt, die zugleich Trolle und Götter sind, in ein und derselben Gestalt?“ Dann schüttelt er den Kopf und wundert sich.
Um der Sache auf den Grund zu gehen, reist er immer öfter nach Mitgard und es freut ihn, dass Frigga neuerdings gerne mitkommt. Dass die andern Asen sich über die Ausflüge der beiden lustig machen, merkt Odin nicht. „Frigga ist eifersüchtig auf die Menschentöchter“, flüstert einer dem andern zu. „Deswegen will sie Odin nicht aus den Augen lassen. Seine Abenteuer sind ihr nicht verborgen geblieben. Sicher glaubt sie nicht, dass es nötig ist, mit den Menschenkindern ins Bett zu gehen, nur um sie zu verstehen.“
Daran ist etwas Wahres, denn Frigga hat sich allerlei Gedanken gemacht über die Reiselust ihres Mannes. Aber nachdem sie ein paar dieser heimlichen Wanderungen und Maskeraden mitgemacht hat, muss sie sich eingestehen, dass ihr solche Abenteuer gefallen. Nicht nur, weil sie dabei manches Neue erfährt, sondern auch weil Odin und sie, als Fischer und Bauern verkleidet, zu einem neuen Einvernehmen gekommen sind; ja, sie sind sich vielleicht näher denn je zuvor.

 

Das verrät sie manchmal ihren Mägden, wenn sie im Bad sitzt und sich von ihnen am ganzen Leib waschen und bürsten lässt. Es sind drei, die sie bedienen: Fulla mit ihrem Goldreif um die Stirn und Haaren, die ihr bis ins Kreuz fallen; Hlin, die Friggas Schützlingen unter den Menschen beisteht; und Gnau, die immer, wenn es eilt, als Botin bereitsteht, denn als Reiterin stellt sie die meisten Männer in den Schatten, und ihr Pferd holt so leicht keiner ein.
Jetzt reibt Fulla die Füße ihrer Herrin mit dem Bimsstein ab. „Und jedes Mal wählt ihr eine neue Verkleidung, wenn ihr auf Reisen geht?“ fragt sie. „Wo denkst du hin!“ antwortet Frigga. Sie lacht – einmal, weil es sie kitzelt, aber auch, weil ihr eines dieser Abenteuer einfällt. „Damals zu Beispiel, im Süden…“ – „Erzähle!“ bitten die Mädchen, und sie fängt an: „Wir sind in ein Land gekommen, in dem Krieg herrschte. Zwei Völker lagen miteinander in Fehde, die Vandalen und die Vinilen. Wir hatten uns nicht vermummt, und so erkannten uns die Menschen gleich. Die Vandalen wandten sich an Odin und baten ihn um Hilfe. Aber er antwortete ihnen, siegreich würden die sein, die er morgens bei Sonnenaufgang als erste erblickte.“ Die Mädchen nicken. „Ja“, sagen sie, „Odin ist der Gott des Sieges. Er allein kann bestimmen, wer gewinnt und wer verliert.“ – „Aber zu mir sind sie auch gekommen“, erwidert Frigga. „Es war Gambara, die Mutter der beiden Vinilen – Häuptlinge. Sie kam in der Nacht, während Odin schlief. Sie hat mir vertraut. Warum hätte ich sie enttäuschen sollen? Ich gab ihr einen Rat, der nicht so schlecht war. Morgen früh, so sagte ich ihr, müsst ihr euer Haar lösen, alle Frauen der Vinilen. Dann bindet ihr es unter dem Kinn zusammen, so dass es aussieht, als trügt ihr einen Bart. Dann stellt ihr euch in Reih und Glied vor dem Haus auf, an der Seite, wo die Sonne aufgeht. Dort, wo Odin schläft, gibt es einen Fensterspalt. Sobald es hell wird, wird er hinausschauen und euch sehen.“ – „Und haben sie deinen Rat befolgt?“ wollten die Mädchen wissen.
Frigga lächelt. „Als Odin die Augen aufschlug, erblickte er draußen eine sonderbare Schar. Was sind das wohl für Langbärte, rief er, es sieht ganz so aus, als hätten sie ihre Greise in den Kampf geschickt. Mit grabeseiserner Miene stehen sie da, und manchen reicht der Bart bis auf die Knie.“ – „Hat Odin sich an sein Wort gehalten?“ wollen die Mägde wissen.
„Was blieb ihm anderes übrig? Ich habe ihn an sein Versprechen erinnert, und so musste er wohl oder übel die Vinilen siegen lassen. Von diesem Tag an gaben sie sich einen neuen Namen. Seitdem heißen sie Langobarden, und das heißt: die mit den langen Bärten.“ Frigga lacht und spritzt ihr Badewasser auf die Mägde.

 

Aber was ist unterdessen aus den beiden Seefahrern geworden? Ihr Boot bringt sie sicher nach Hause an König Raudungs Hof. Am Bootssteg springt Gerod als erster an Land. Aber statt anzulegen, schiebt er das Boot, in dem sein Bruder Agnar zurückgeblieben ist, wieder hinaus aufs Wasser. „Was fällt dir ein?“ ruft Agnar, aber der Bruder lacht ihm ins Gesicht und sagt: „Fahr wohin du willst! Meinetwegen sollst du bei den Trollen landen!“ Sogleich gehorcht ihm das Boot und sticht in See, so rasch, dass es vor dem Bug nur so schäumt. Agnar jammert und weint, aber es hilft ihm nichts, er wird davongetragen: Gerod aber steigt ganz allein zum Königshof empor. Dort wird er mit großen Ehren empfangen, denn Raudung, sein Vater, ist gestorben, und nun tritt Gerod seine Nachfolge an.
Odin und Frigga ahnen nichts von alledem. Sie haben ganz andere Dinge im Kopf, denn an diesem Abend soll in Asgard wieder einmal ein großes Fest gefeiert werden. Auf der großen Wiese sind Tische und Bänke aufgestellt, und die Asen sitzen im Schatten der großen Weltesche Yggdrasil. Durch das immergrüne Laub können sie die ersten Sterne funkeln sehen.
Alle sind froh, dass Frigga und Odin wieder nach Hause gekommen sind. Die beiden Raben Hugin und Munin haben sich auf den Schultern des Götterkönigs niedergelassen und reiben ihre Schnäbel an seinen Wangen. Zu seinen Füßen liegen die beiden Wölfe und wedeln wie zahme Hunde mit dem Schwanz. Aber am meisten freut sich Thor über die Rückkehr. Denn jedes Mal, wenn der Häuptling nicht zur Stelle ist, trägt er in Asgard die Verantwortung, und das ist ihm eine wahre Last. Nun kann er endlich wieder am Morgen ausschlafen und so viel Met trinken, wie er will.
Das Fest dauert die ganze Nacht. Die meisten Asen sind schon satt und zufrieden eingeschlafen und liegen unter dem Tisch. Andere tanzen und spielen noch, bis sie so müde geworden sind, dass sie kaum mehr wissen, wie sie heißen und wo sie sind.
Nur Odin behält einen klaren Kopf. Er will den Sonnenaufgang erwarten, und Heimdall, der Gott mit den goldenen Zähnen, soll ihn begleiten. Sie steigen auf den Himmelsberg, wo Heimdall seinen Wachtturm hat. Von dort aus hält er Tag und Nacht Ausschau, damit kein Feind sich unbemerkt an Asgard heranschleichen kann. Kein Troll soll unbemerkt über die Mauern der Götterburg klettern.
Heimdall hat immer eine Lure bei sich. Dieses gewaltige Horn setzt er an den Mund, wenn Gefahr droht. Sein dröhnender Ruf wäre über die ganze Welt zu hören, wenn er sein Alarmsignal bliese. „Eines Tages wird es soweit sein“, sagt Odin leise. Heimdall sieht ihn zweifelnd an. „Das sagst du so oft, dass ich dir bald glauben muss“, antwortet er, „aber mir gefällt dieser Gedanke ganz und gar nicht.“ Die beiden Götter sitzen beieinander und schweigen. Der Sonnenwagen rollt hoch über den Horizont.
Auf dem Heimweg hört Odin, wie hinter den Sträuchern und Bäumen jemand kichert und lacht. Es ist Frühling geworden, und überall regt sich ein neues Leben. Hie und da sieht er, wie sich hinter den grünen Zweigen, eine bloße Brust oder ein nackter Schenkel regt. Dort im Gebüsch blitzt ein heller Hintern auf. Er weiß dass es Freia ist, die Liebesgöttin, die hinter ihm her ist. Dauernd hört er ihre Katzen zischen und miauen. Aber Odin hat keine Lust, sich mit ihr einzulassen. Er wendet ihr sein blindes Auge zu und macht sich aus dem Staub. Vielleicht wird sie das kränken, aber er glaubt ihr keine Rechenschaft schuldig zu sein. Es ist zu spät für solche Spielchen, und das, was einmal war, ist nun Vergangenheit. Er hat nichts mehr übrig für durchsichtige Schleier und reizende Blumenkränze. Er hat ganz andere Dinge im Sinn. Zu Hause erwartet ihn Frigga. Er bettet sein Haupt in ihren Schoß und streicht ihr übers Haar. Nach so vielen unsicheren Jahren haben die beiden wieder zueinander gefunden.

 

Um die Mittagszeit sieht Odin in Walhall nach dem Rechten. Hier sind seine Untoten dabei, für künftige Kämpfe zu üben. Den ganzen Tag lang gibt es dort ein Hauen und Stechen, das kein Ende nimmt. Abends, wenn Andrimne, der Koch, sie zum Essen ruft, stehen die Gefallenen wieder heil und unversehrt auf. Odin schaut den Kriegern bei ihrem Treiben gerne zu. Er braucht sie, denn in Zukunft muss er auf alles gefasst sein. Es fällt ihm schwer, sich auf andere zu verlassen. Er selber muss sich um alles kümmern; sonst geht es in Asgard bald drunter und drüber. Was soll aus seinem Heer werden, wenn er kein Auge darauf hat? Doch er merkt auch, dass er nicht mehr der Jüngste ist. Oft wird er jetzt schon am Nachmittag müde. Es gilbt so viele Aufgaben, die ihn erwarten, und nicht einmal er kann überall zur gleichen Zeit zur Stelle sein.
Deshalb hat er in letzter Zeit Tyr und Thors Stiefsohn Ull damit beauftragt, das Waffenspiel der Untoten zu leiten, wenn er nicht da ist. Mutiger als Tyr, der seine Hand aufs Spiel setzte, um den Fenriswolf zu fesseln, ist keiner unter den Asen, und einen besseren Bogenschützen als Ull findet so leicht niemand auf der Welt. Tyr ist der große Heerführer, um den sich alle scharen, und wenn es um den Kampf Mann gegen Mann geht, weiß Ull mehr Kniffe und Tricks als irgendein anderer.
Anfangs fanden die beiden Asen wenig Geschmack an der Aufgabe, mit der Odin sie betraut hat. Doch mit der Zeit haben sie Blut geleckt, und jetzt gehen sie jeden Tag gerne auf den Kampfplatz. Ull ist nicht nur ein erfahrener Ringer und Faustkämpfer, er versteht sich auch auf andere Künste. Den ganzen Winter hindurch hat er den Untoten beigebracht, wie man sich auf Skiern bewegt, und nun wissen sie, wie man auf dem Schild in Schussfahrt einen steilen Hang hinabrast. Odin ist sehr zufrieden mit seinen Männern, die ihn mit lauten Zurufen feiern.

 

Thor sitzt unterdessen in seinem Wagen und lässt die Beine baumeln, während seine Böcke ruhig auf der Wiese grasen. „Hör mal, Vater“, sagt er, als Odin vorbeikommt, „was hast du dir nur dabei gedacht, als du mich zu deinem Stellvertreter gemacht hast? Dazu tauge ich doch am allerwenigsten! Das nächste Mal solltest du einen anderen unter deinen Söhnen aussuchen. Warum fragst du nicht Baldur? Er ist redegewandt und weiß immer, was er sagen soll, während ich jedes Wort dreimal im Mund herumdrehe, bevor ich es über die Lippen bringe. Du weißt doch, ich bin auffahrend und hitzig. Er ist mild und verständig. Jeden Streit renkt er wieder ein. Unfrieden und Zank weiß er zu vermeiden, und unter uns allen ist er gewiss der Gerechteste.“
Odin hört ihm lächelnd zu. „Du hast recht“, sagt er, „über Baldur kann man nur Gutes sagen. Aber du weißt auch, dass sich die Menschen immer an dich wenden, wenn sie Hilfe brauchen.“ – „Du, immer mit deinen Menschen!“ ruft der Donnergott und rauft sich die Haare. „Ich weiß nicht, was du mit denen hast. Nicht, dass du meinst, ich hätte etwas gegen sie, aber kannst du nicht zu Abwechslung einmal an etwas anderes denken? Sind sie denn wirklich so wichtig?“ – „Ja“, antwortet Odin mit ernster Miene und damit will er sich auf den Weg machen. Doch nun kommt Loki angerannt und ruft: „Warte doch auf mich, Milchbruder!“ Aber Odin geht ungerührt weiter. „Warum hast du nie Zeit für mich?“ jammert Loki, „wie lange ist es her, dass wir das letzte Mal miteinander auf Fischfang gingen?“ Odin tut so, als hätte er ihn nicht gehört, und lässt ihn stehen.

 

Viele Stunden verbringt er auf seinem Häuptlingssitz. Von dort kann er über die blauen Berge sehen. Nicht der kleinste Ort entgeht seinem Blick. Jede Grotte und jede Schneehöhle in Utgard und in Jotunheim, wo die Trolle umherschleichen, kann er unterscheiden. Sein Auge reicht bis zum großen, Gischt sprühenden Weltmeer, wo die Mitgardschlange sich träge um die ganze Erde ringelt, sich in den Schwanz beißt und lauert und lauert.
Aber am liebsten schaut er dem Treiben der Menschen zu. Nie wird er müde, die grünen Wiesen von Mitgard zu betrachten, die gelben Kornfelder und die emsigen Fischerdörfer. Er weiß sehr wohl, dass viele Menschen keinen klaren Begriff vom Leben und vom Tod haben. Meistens glauben sie, dass es große und geheimnisvolle Mächte sind, die ihr Schicksal lenken – manche, die hilfreich sind, und andere, die alles zerstören wollen. Und wo sind die Mächte zu finden? Wo lassen sich ihre Absichten entziffern? In Sonne und Wind, Donner und Feuer, Stein und Holz, im Rauschen der Wasserfälle und in den Tiefen der Gebirge. Oft schneiden sie Zeichen in Baumstämme oder ritzen sie in die Felsen ein. Das häufigste dieser Bilder ist das Rad, ein Zeichen für die Sonne. Nichts ist mächtiger als die Sonne, hört Odin sie flüstern. Ohne die Sonne kann es kein Leben geben. Der Götterkönig lächelt über das, was die Menschen glauben.
Viele tragen zum Beispiel einen kleinen silbernen Hammer um den Hals, als Schutz vor Gefahren. Damit wollen sie den Donnergott beschwören, vor dem sich alle unheimlichen Mächte, die Trolle und die Unterirdischen, fürchten. Andere suchen Beistand bei den anderen Asen. Der Bauer wendet sich an Frei, der Fischer und der Jäger an Njord, und wer sich nach Liebe sehnt, ruft Freia an. Alle halten sich an den Gott, der ihnen am besten helfen kann. Auch Holzfiguren schnitzen die Menschen, die sie an heiligen Orten unter offenem Himmel aufstellen. Dort schlachten sie Schafe und Ziegen und opfern sie. so dass ihr Blut über die Standbilder fließt. Ein Teil des Fleisches wird auf hohen Säulen den Göttern dargebracht; was übrigbleibt, essen die Leute, die am Opferfest teilnehmen. Dabei fehlt es nie an Met und Bier. Der erste Trinkspruch gilt immer Odin. Der Götterkönig auf seinem Thron sieht das alles und lächelt.
Aber an manchen Orten werden nicht nur Schafe und Lämmer geschlachtet. Odin sieht wie da und dort auch Hunde und Pferde mit Schlingen erwürgt werden. Es gibt Lichtungen und Haine, die nach Tod und Verderben stinken. Dort baumeln tote Menschen an den Ästen. Er sieht leibeigene Frauen, die vergewaltigt und erwürgt werden. Unglückliche, die ihren Herren auf die Scheiterhaufen folgen müssen, oder bei lebendigem Leibe von großen, brennenden Schiffen aus ins Meer geworfen werden. Das alles geschieht im Namen der Asen, und Odin auf seinem Hochsitz muss es mit ansehen. Immer öfter nimmt auch Frigga neben ihm Platz und schaut zu. Die Asen wundern sich. Hat Odin nicht allen verboten, auf dem Thron zu sitzen? Nur mit Frigga macht er eine Ausnahme.

 

Ron

Loki will sich nicht geschlagen geben. Er will unbedingt, dass Odin mit ihm fischen geht. Jeden Morgen steht er vor dem Spalt der Bettkammer, in der Odin ruht. und führt einen Tanz mit der Angelrute auf seiner Nase auf. Eines Tages sind es sogar zwei Ruten, die da draußen zappeln. Loki hat den armen Huhne mitgebracht, der immer so schüchtern ist, dass er kaum ein Wort über die Lippen bringt. Weil er so vorsichtig ist, halten ihn viele für einen Angsthasen. Doch Odin hat ihn immer gern gehabt. „Also gut, meinetwegen“, ruft er den beiden zu. „Hört auf zu drängeln. Ich komme mit.“
„Endlich“, freut Loki sich. Es ist ja nicht das erste Mal, dass die drei Asen etwas gemeinsam unternehmen. Viele Abenteuer haben sie früher miteinander geteilt. Schon haben sie die Regenbrücke hinter sich und durchwandern Mitgard. Der reißende Fluss dem sie folgen, windet sich durch eine hügelige Landschaft. Plötzlich erblicken sie einen Otter, der am Ufer sitzt, mit einem großen Lachs in den Fängen, den er gerade verschlingen will. Er hat in seiner Vorfreude auf den guten Bissen die Augen geschlossen. Da schleicht Loki sich an ihn heran und erlegt in mit einem Steinwurf. „Zwei auf einen Schlag“, prahlt er, nimmt die doppelte Beute mit, und sie wandern weiter.
Gegen Abend erreichen sie einen kleinen Bauernhof. Der Hausherr heißt Reidmar und versteht sich auf allerlei Zauberkünste. Die Asen bitten ihn um ein Nachtlager. „Wir haben genug zu essen mitgebracht“, sagen sie und zeigen ihre Beute her. Als der Bauer aber den Otter sieht, erbleicht er. Seinen Söhnen ruft er zu. „Dort liegt euer Bruder, der Otter! Und diese drei sind es, die ihn umgebracht haben.“ Ehe sie sich´s versehen, liegen die Asen gefesselt am Boden. „Wie kann das sein,“ fragt Loki, „dass euer Sohn ein Otter ist?“ – „Oh“, antwortet Reidmar, „hier im Haus verwandelt sich jeder, der Lust hat, in ein Tier. Was soll ich nur mit euch anfangen. Am einfachsten wäre es, ich schnitte euch die Kehle durch.“
Die Asen sehen ein, dass der Mann gefährlich ist. Zwar wäre es ihnen ein leichtes, ihn außer Gefecht zu setzen: Doch Odins Wille ist es, dass die Asen, wenn sie nach Mitgard gehen, auf ihre Macht verzichten und sich wie gewöhnliche Sterbliche verhalten sollen. Also schweigt Odin und harrt der Dinge, die da kommen werden. Huhne summt verängstigt vor sich hin. Nur Loki findet sich nicht so leicht damit ab, dass ein Bauer ihm droht. Er versucht es mit einer List. „Aber mein Lieber“, sagt er, „wir werden uns doch wohl handelseinig werden? Sag mir, was du als Wehrgeld verlangst, und ich will zahlen.“ – „So viel Gold habt ihr nicht, um mich zu versöhnen“, schnaubt Reidmar. „Sag das nicht“, lächelt Loki, denn nun weiß er, dass der Köder sitzt. „Über den Preis werden wir uns schon einigen können.“ – „Versprecht ihr, uns soviel Gold zu geben, wie wir verlangen?“ fragt der Bauer. „Das schwören wir“, antworten die drei Asen.
Die beiden Söhne binden sie los. Nun wird dem Otter das Fell abgezogen, und Reidmar hält es in die Höhe. „Hier, diese Haut sollt ihr mit dem rötesten Gold füllen“, sagt er. „Und dann sollt ihr sie von außen vergolden, bis kein Schnurrhaar mehr zu sehen ist.“ Die Asen finden den Preis recht hoch, doch versprochen ist versprochen, und so machen sie sich bereit zum Aufbruch. Aber die beiden Söhne versperren ihnen den Weg. „So haben wir nicht gewettet“, ruft der Bauer. „Ihr seid nicht die ersten, die versucht haben mich hereinzulegen. Zwei von euch will ich hierbehalten, bis der dritte mir das Gold gebracht hat.“ Die Asen beschließen, dass Loki gehen soll, er hat sich den Plan schließlich ausgedacht.
„Du weißt wohl, wie es deinen Freunden hier ergehen wird, wenn du nicht wiederkommst“, mahnt ihn Reidmar, und damit alle verstehen, wie er es meint, fährt er sich mit der flachen Hand über die Kehle.
Loki schreitet weit nach Osten aus. Er sucht den Meerestroll Ägir auf, der schon immer ein Freund der Asen war. Odin hat mit einer seiner Töchter ein Kind gezeugt, und das große Fest, das er den Asen gegeben hat, ist noch in bester Erinnerung. Nur mit Ägirs Frau Ron ist nicht gut Kirschen essen. Sie hat ja dieses große Netz, mit dem sie nicht nur Hummer und Fische fängt, sondern auch Seeleute und sogar ganze Schiffe! Nun bittet Loki sie, ihm dieses berühmte Netz zu leihen. Als sie das hört, schaut sie mit ihren kalten Dorschaugen mürrisch drein. Erst als Loki ihr versichert, dass es Odin ist, der das Netz braucht, wagt sie es nicht länger, ihm seine Bitte abzuschlagen.
Loki weiß, dass es einen Wasserfall gibt, in dem ein ungeheuer reicher Zwerg haust. Dieser Gnom heißt Andware und plätschert am liebsten in der Gestalt eines Hechts unter dem Wasserfall herum. Dort wirft Loki sein Netz aus, und wahrhaftig, bald hat er den mächtigen Fisch gefangen. „Zeige deine wahre Gestalt!“ ruft er, und sogleich verwandelt der Hecht sich in einen runzeligen Knirps mit Warzen auf der Nase und Haaren in den Ohren. Er zappelt hilflos in den Maschen und schnappt nach Luft. „Wenn dir dein Leben lieb ist, dann gib mir augenblicklich dein ganzes Gold heraus, das du im Berg versteckt hast“, Der Zwerg begreift, dass ihm keine andere Wahl bleibt.
Der Weg in seine Höhle ist eng und dunkel, und Loki kommt nur gebückt voran. Endlich aber langen sie in einer hohen Grotte an, in der es wie tausend Sterne glitzert. Andware fängt an, das Gold in einen großen Sack zu stopfen. Aber Loki hat ein wachsames Auge auf ihn und er bemerkt, dass der Zwerg versucht, einen kleinen Ring auf die Seite zu bringen. „Nichts da!“ ruft er. „Alles kommt mit!“ – „Lass mir wenigstens diesen Ring“, fleht der Zwerg, aber Loki bleibt hart, und so wandert auch der Ring in den Sack.
Als sie wieder ans Tageslicht treten, hält es Andware nicht länger, und er bricht in Klagen aus. „Wie soll ich nur ohne meinen Ring weiterleben“, jammert er. „Stell dich nicht so an! Er wiegt doch kaum ein halbes Lot“, sagt Loki. „Aber ich brauche nur an ihm zu drehen und einen Spruch aufzusagen, dann schafft er mir Gold herbei, soviel ich will. Mehr als du mir abgenommen hast!“ Der Zwerg schüttelt seine Faust und schwört: „Niemandem will ich meinen Zauberspruch verraten! Und ein Fluch soll über jeden kommen, der sich an dem Gold bereichert, das du mir geraubt hast. Tod und Verderben dem, der meinen Ring an den Finger steckt!“ Das kleine Gesicht ist rot vor Wut, doch Loki zuckt nur die Schultern und lacht ihn aus. „Mir soll es recht sein“, wirft er ein. „Ich richte es gern dem aus, bei dem die Beute landet. Ich selber brauche dein Gerümpel nicht, das kannst du mir glauben.“
Mit diesen Worten dreht er sich um und macht sich auf den Rückweg. Es geschieht dem wilden Bauern ganz recht, denkt er, wenn der Fluch des Zwerges über Reidmar kommt.
Als er aber das ganze Gold vor dem Geiselnehmer ausschüttet, nutzt Odin die Gelegenheit, den kleinen Ring zu stibitzen. Loki merkt es wohl, aber er sagt kein Wort. Nun fangen Reidmar und seine Söhne an, das Otterfell zu füllen, bis es ganz mit dem kostbaren Metall ausgestopft, aufrecht stehen kann. Es gilt, soviel Gold aufzuhäufen bis das ganze Tier bis zum Schädel darin verschwindet. Als es soweit ist, bleibt kein einziger Klumpen Gold übrig. Der Sack ist leer. Doch Reidmar ist immer noch nicht zufrieden. Er deutet auf ein winziges Schnurrhaar, der aus dem großen Haufen hervorguckt, und verlangt, dass die Asen es mit Gold bedecken. Odin zögert eine Weile, weil er den Ring am liebsten behalten hätte, aber am Ende weiß er keinen anderen Rat, als ihn herauszurücken.
Nun ist von dem Fell des Otters nichts mehr zu sehen. Die Asen haben ihr Versprechen gehalten. Aber bevor sie das Haus verlassen, wiederholt Loki den Fluch, mit dem der Zwerg seinen Schatz auf die Reise geschickt hat. „Tod und Verderben dem, der sich meinen Ring an den Finger steckt!“ Doch der Bauer und seine Söhne sind zu sehr damit beschäftigt, in ihrem Gold zu wühlen, als dass sie auf ihn gehört hätten.
Auf dem Heimweg macht Odin sich seine Gedanken über das, was in Reidmars Haus vorgefallen ist. Wenn ich nun den kleinen Ring behalten hätte, fragt er sich – was hätte Loki dazu gesagt? Vielleicht hätte er mir verschwiegen, wie gefährlich dieser Ring ist. Oder tue ich Loki Unrecht mit meinem Verdacht? Schließlich war er es, der sie durch eine List befreit hat. Immer dieser Loki, denkt Odin – nie werde ich ganz klug aus ihm! Genau in diesem Moment begegnen sich ihre Blicke, und Loki bricht in ein herzliches Lachen aus, dem weder Odin noch Huhne widerstehen können. Niemand auf der Welt hat ein so ansteckendes Lachen wie Loki. Dagegen, denkt Odin, ist kein Kraut gewachsen.
Plötzlich hören die drei ein lautes Grunzen. Ein riesengroßes Schwein kommt auf sie zu gerannt. Seine Borsten glänzen und schimmern, und auf dem Rücken trägt es einen geharnischten Reiter. Es ist Frei!
„Thor hat mich ausgesandt“, ruft er. „Wir fingen an, uns Sorgen zu machen, wo ihr bleibt. Sitzt auf! Gullborste trägt uns leicht alle vier nach Hause. Ihr müsst euch nur an den Borsten festhalten!“ Odin, Huhne und Loki steigen auf den gewaltigen Eber, und der rennt los, dass ihnen die Ohren sausen.

 

Als Frigga hört, was ihnen zugestoßen ist, fragt sie Odin: „Musst du dir solche Unverschämtheiten gefallen lassen? Dieser Reidmar – warum hast du ihn mitsamt seinen Söhnen nicht einfach wie ein paar Mücken an die Wand geklatscht?“ Odin zuckt mit den Achseln. Er ist müde und möchte schlafen, aber Frigga will ihm in dieser Nacht auf den Zahn fühlen. „Bist du nicht der Allvater?“ sagt sie. „Bist du nicht Herr über alles, was geht, kriecht und fliegt?“
Odin fallen schon die Augen zu. Er wendet sich ab, doch Frigga gibt nicht auf. „Nimm dir ein Beispiel an Thor. Auch der hat gerade einen kleinen Ausflug nach Mitgard gemacht“, sagt sie. „Ja, aber nur um zu raufen, wie es seine Art ist.“ – „Nein, sondern weil ihn ein König um Hilfe gebeten hat“, sagt Frigga.
„Ein Meersestroll hat ihm die Tochter geraubt. Dieser Riese ist ein Ungeheuer mit acht Armen, und er kann vier Schwerter auf einmal schwingen.“ – „Ja, ich weiß. Thor hat ihn dann mit seinem Hammer erledigt“, murmelt Odin müde. „Aber lass mich endlich schlafen!“ – „Der wagt es wenigstens einzugreifen“, fährt Frigga fort. „Er lässt sich eben nicht alles gefallen.“ – „Ein alter Raufbold ist er“, seufzt Odin. „Und warum solltest du dir weniger Respekt verschaffen als dein Sohn?“ fragt Frigga.
„Weil ich mehr Verstand im Kopf habe“, antwortet ihr Mann. „Übrigens wärst du nicht so begeistert von seinen Abenteuern, wenn er dein eigener Sohn wäre. Dann hättest du sicher mehr Angst um ihn.“
Thors Mutter ist nämlich nicht Frigga, sondern Jord, von der man nicht recht weiß, ob sie zu den Asen oder zu den Trollen gehört. Davon will Frigga aber nichts wissen. Schon ist sie drauf und dran, ihrem Mann all die Seitensprünge und Liebschaften vorzuhalten, die er sich im Lauf der Zeit geleistet hat, aber dann schluckt sie ihren Ärger hinunter und schläft ein. Odin aber wälzt sich im Bett hin und her und grübelt. Sie tut mir Unrecht, denkt er, Schließlich habe ich mich oft genug in das Leben der Menschen eingemischt. Aber was hat es genützt? Vielleicht habe ich mehr Unheil als Nutzen gestiftet? Natürlich, es ist für unsereinen ein leichtes, mit ihnen fertig zu werden, den Tisch umzuschmeißen, und wie Thor die Muskeln spielen zu lassen. Aber das Richtige zu tun, die Lösung zu finden, das ist schwer… Er seufzt. Er zählt die Balken an der Decke. Wie oft hat er seine schützenden Hände über die Leute gehalten! Sogar seinen Speer hat er ihnen geliehen. Ihr liebeskrankes Jammern hat er geduldig mit angehört, und manchen toten Helden hat er aus Walhall noch ein letztes Mal nach Hause ziehen lassen, damit er von seiner weinenden Geliebten Abschied nehmen konnte. Aber hat er damit klug gehandelt?
Die Geschichte von König Rehre und seiner Frau fällt ihm ein. Die haben ihn und Freia um Hilfe angefleht, weil sie kinderlos waren. Odin hat damals eine seiner Walküren an den Königshof geschickt. Sie flog in Gestalt einer Krähe hin und ließ einen Zauberapfel in den Schoß des Königs fallen, als er niedergedrückt auf einem Hügel saß. Rehre gab den Apfel seiner Frau. Sie aß ihn und wurde schwanger. Aber es zeigte sich, dass das Kind ihren Leib nicht verlassen wollte. Sechs Jahre verstrichen, ohne dass sie gebären konnte. Unterdessen war König Rehre auf einem seiner Kriegszüge gefallen. Die lebensmüde Königin ließ sich am Ende den Bauch aufschlitzen, damit das Kind endlich das Licht der Welt erblicken sollte. Es war ein Sohn, wohlgestaltet und groß. Er konnte gerade noch seine Mutter zum Abschied küssen, bevor sie starb. Wälsung haben sie ihn genannt, und er wurde König im Land seines Vaters. Später heiratete er die Walküre, die Odin mit dem Apfel gesandt hatte, und mit ihr zeugte er eine Tochter und zehn Söhne. Odin seufzt und stöhnt, als er daran denkt. Warum muss das Gute, das er tut, so schlimm enden? Warum kann er das Knäuel dieser Welt nicht lösen?

 

Am Morgen fütterte Frigga die Schwäne am Brunnen Urds, wo die drei Nornen wohnen. Es sind Urd, Werdande und Skuld, die Wissenden. Sie können alles sehen, was gewesen ist, was da ist und was da kommen wird. Das Wasser in Urds Brunnen ist heilig. Alles, was in diese Quelle eintaucht, wird so rein wie die weißeste Eierschale. Jeden Morgen sprenkeln die Nornen etwas von diesem Wasser Yggdrasil, damit die große Esche immer frisch und grün bleibt. Heute ist Frigga gekommen, um ihnen zur Hand zu gehen. Aber sie hat noch etwas anderes im Sinn. Es geht um Odin. „Wie schwer er es hat“, sagt sie. „Immer will er alles verstehen, und so grübelt er die ganze Nacht hindurch und findet kein Ende.“ Aber die Nornen schütteln nur lächelnd den Kopf. „Dann weiß er nicht mehr aus und ein“, sagt Frigga. Die Nornen lachen. „Es ist wahr“, sagt Urd, „keiner tut mehr für die Menschen als Odin.“ – „Ja“, sagt Frigga, „doch kostet es ihn große Mühe, sie zu verstehen. Bald weint er mit ihnen, bald lacht er sie aus, aber immer kümmert er sich um sie. Aber die Menschen sind nicht wie wir. Sie sind anders!“ – „Er hat sie doch selber erschaffen“, wirft Werdande ein. „In seinem Kopf geht es zu wie in einem Ameisenhaufen“, sagt Frigga. „Aber er ist der Albvater“, hält ihr Skuld entgegen und lächelt. Die drei Nornen wenden ihren Blick von Frigga ab und schweigen. Sie weiß sehr wohl, dass nichts und niemand sie zum Reden bringen kann, wenn sie ihre Geheimnisse wahren wollen.
Als sie nach Hause kommt, ist Odin fortgegangen. Sie findet ihn in Walhall. Dort sitzt er mit seinen Untoten Kriegern am Tisch und trinkt mit ihnen. Auch ein paar andere Asen haben sich eingefunden. Sie sehen auf, als Frigga eintritt, und sie hört, wie sie miteinander tuscheln.
Auch Freia ist da. Sie hat eine Katze auf beiden Schultern, und ihr Haar züngelt wie rotes Feuer über ihrem Kopf. Sie steht auf, als sie Frigga sieht, wirft ihr Trinkhorn zu Boden und läuft aus dem Saal. Nun setzt Frigga sich zu Odin, der ihr den Arm um die Schulter legt. Erst jetzt merkt sie, wie ihr die Knie zittern. Doch sitzt sie erhobenen Hauptes da; niemand soll merken, wie elend ihr zumute ist.

 

In Asgard verlief die Zeit langsamer als in Mitgard. Während im Leben der Menschen viele Jahre verstrichen sind, sind für die Asen kaum ein paar Tage vergangen. Auch darüber spricht Frigga, mit ihrem Mann. Wenn sie von ihrem Hochsitz aus auf Mitgard blicken, wundern sie sich, wie rasch dort alles hüpft und springt und zappelt. Selbst das langwierigste Drama ist da unten im Nu vorbei!
So geht es auch mit dem Goldschatz, den der habgierige Reidmar sich ausbedungen hat. Er hat sich geweigert, ihn mit seinen Söhnen zu teilen. Nun sehen sie, wie Fowne, der ältere der beiden, seinen Vater im Schlaf erschlägt. Schon kommt der jüngere dazu und verlangt seinen Anteil, aber der Mörder denkt nicht daran, etwas von seiner Beute abzugeben. Er droht seinem Bruder, und Regin, der jüngere, fürchtet um sein Leben und flieht. Aber das ist nicht das Ende der Geschichte; denn Fowne hat Angst, dass ihm jemand seinen Schatz rauben könnte. Deshalb verwandelt er sich in einen Drachen und baut sich ein Nest auf der Heide. Dort sitzt er auf seinem Haufen Gold und brütet vor sich hin.
Das alles sehen Odin und Frigga von ihrem Hochsitz aus. Sie sehen wie Regin einen Zögling in sein Haus aufnimmt, der Sigurd heißt. Den hetzt Regin nun gegen seinen Bruder auf. Den hetzt Regin nun gegen seinen Bruder auf. Er zeigt ihm, wo der Drache zu Tränke geht. „Dort musst du einen Stollen graben, in dem du dich versteckst. Dann wartest du, bis mein Bruder, das Ungeheuer, Durst hat, und sobald über den Pfad zum See kriecht, stichst du ihm von unten her mitten ins Herz!“ Sigurd folgt diesem Rat, und als der schwere Drache sich, Gift und Galle speiend, über sein Versteck wälzt, so massig, dass die Erde bebt, stößt er sein Schwert tief in Fownes schuppigen Leib.
Erst als der Drache tot ist, verrät Regin ihm, dass das Ungeheuer sein eigener Bruder war. Er möchte Fownes Herz, und er bittet seinen Zögling, es für ihn zu braten. Sigurd steckt den blutigen Klumpen auf einen Pfahl und hält ihn über das Feuer. Aber sobald er das Drachenblut schmeckt, versteht er, was die Vögel einander zuzwitschern. Sie sagen, dass Regin ihn betrügen will. Auf diese Warnung hört Sigurd. Er tut was die Vögel ihm raten, und bringt seinen Pflegevater um.

 

Odin, der das alles gesehen hat, seufzt. Es ist doch immer dieselbe Geschichte mit den Menschen, denkt er. auch Frigga ist es müde, immer auf denselben Fleck zu starren. „Vielleicht geht es anderswo weniger sinnlos zu?“ fragt sie. Odin lässt seinen Blick wandern. Wie ein Habicht schweift er über alle Dörfer in Mitgard, und plötzlich bricht er in ein größtes Gelächter aus. „Siehst du die beiden dort drüben?“ sagt er. „Das sind Agnar und Gerod. Erinnerst du dich an die beiden kleinen Jungen, die wir einst einen Winter lang auf einer Insel weit draußen im Meer auf einer Bauernkate aufgezogen haben? Jetzt sind sie schon erwachsen! Rate was aus ihnen geworden ist!“
Frigga beugt sich nach vorn, kneift die Augen zusammen und späht in die Tiefe. Ja, dort wohin Odin zeigt, erblickt sie Gerod, der es weit gebracht hat und als König auf einem prächtigen Hof sitzt. Aber wo ist Agnar, sein Bruder? Weit im Osten sitzt er in einer engen feuchten Höhle. Er ist schmutzig und trägt Lumpen. und verheiratet ist er mit einer zahnlosen Trollfrau. Seine Kinder spielen mit Würmern und Spinnen. „Siehst du, Frigga, was für ein erbärmliches Ende dein Ziehsohn genommen hat? Da ist der meine doch aus anderem Holz geschnitzt!“ Da ärgert sich Frigga über soviel Überheblichkeit, und sie fängt an, auf Gerod zu schimpfen. „Ja, er hat es geschafft zum König zu werden. Aber was ist er für ein unbeherrschter, ungehobelter Kerl. Zu alledem ist er auch noch ein übler Geizhals. Ich wette, dass er seinen Gästen nur Wasser und Brot anbietet.“ Das alles saugt sie sich aus den Fingern, um Odin zu necken, obwohl sie keine Ahnung davon hat, wie es im Hause Gerod zugeht. Ein Wort gibt das andere und am Ende beschließt Odin, selber zu seinem Ziehsohn zu fahren, um dort nach dem rechten zu sehen.
„Und du kommst mit“, sagt er zu Thor. Der hört es seufzend, denn er möchte lieber mit seinen Kämpfern in Walhall bleiben. „Frag doch Baldur“, der hat ohnehin nichts Besseres zu tun.“ Doch Odin winkt ab. „Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe“, brummt der Götterkönig, und sein Wort ist in Asgard nun einmal Gesetz.
Jetzt ist Frigga in der Klemme. Wenn es nicht so stimmt, was sie über Gerod gesagt hat, wird Odin ihr auf die Schliche kommen. Was kann sie tun, um ihn abzuschrecken oder wenigstens dafür zu sorgen, dass Gerod ihn übel aufnimmt? Sie ruft ihre Magd Fulla und trägt ihr auf, sogleich zu Odins Ziehsohn zu eilen. „Du musst meinem Mann zuvorkommen. Sobald du da bist, erzählst du Gerod, dass ein gefährlicher Landstreicher auf dem Weg zu ihm ist, ein Zauberer, der einen Fluch über ihn und seine Leute bringen will.“
So geschieht es auch, und Gerod dankt der Magd für ihre Warnung. „Aber woran kann ich diesen bösartigen Fremden erkennen?“ fragt er. „Ganz einfach“, antwortet Fulla. „Kein Hund auf der Welt, und sei er noch so scharf, wird es wagen, auf ihn loszugehen.“
Kaum hat sie sich aus dem Staub gemacht, da wird es sonderbar still auf dem Hof. Eine Gestalt im blauen Umhang steht vor dem Haus. Seinen Hut hat der Fremde tief in die Stirn gezogen. Die großen bissigen Hofhunde liegen flach vor ihm auf dem Boden und wedeln mit den Schwänzen. Dem König Gerod läuft es bei diesem Anblick kalt den Rücken hinunter. „Wie heißt du und wer bist du?“ fragt er den Fremden. „Grimme heiße ich, und Grimme bin ich“, antwortet der Mann, und das ist alles, was er sagen will. „Was willst du hier?“ fragt Gerod ihn, aber der Fremde gibt keine Antwort. Da wird der Hausherr zornig. „Ich werde dich wohl noch zum Reden bringen“, ruft er. „Bindet ihn und setzt ihn zwischen zwei Feuer, bis er den Mund auftut!“
König Gerod und seine Männer lachen sich ins Fäustchen. Sie schauen zu, wie die Flammen um das Gesicht des Gefangenen spielen. Schon raucht der Saum seines Mantels, und die Krempe seines Hutes ist angesengt. „Hast du bald genug? „rufen sie. „Gibst du endlich auf?“ Aber Grimme sitzt schweigend da, unbeweglich wie ein Stein.
Nun springt ein kleiner Junge herbei. Es ist König Gerods Sohn. Zehn Winter ist er alt, und er heißt Agnar, nach seines Vaters Bruder, den alle tot glauben. Vor langer, langer Zeit hat Gerod diesen Bruder verraten und ganz allein auf seinem Zauberboot ausgesetzt, weil er den Thron nicht mit ihm teilen wollte.
Nun aber steht der junge Agnar im Saal seines Vaters und sieht zu, wie der fremde Gast misshandelt wird. Das gefällt ihm nicht, obwohl es heißt, der Besucher sei vielleicht ein gefährlicher Zauberer. Er weiß, dass das, was er vorhat, seinem Vater ganz und gar nicht passen wird. Trotzdem füllt er nun ein ganzes Trinkhorn mit Wasser und reicht es dem Gefangenen, der es in einem Zug leert.
Da bricht der seltsame Gast endlich sein Schweigen. „Nie wirst du für einen Trunk schöner belohnt werden, Agnar“, sagt er. „Du aber, Gerod, hast sehr unklug gehandelt, und das wird dir übel bekommen. Ich war dir immer wohlgesinnt, aber du hast meine Gunst verscherzt.“ Mit einem Ruck erhebt er sich und sagt: „Hast du vergessen, wer dir das Leben gerettet und dich aufgezogen hat? Viele gute Ratschläge habe ich dir gegeben, doch du hast sie in den Wind geschlagen.“ Er wirft seinen Hut ab, und nun sehen alle, wie seine Augen funkeln. „Ich bin Odin“, ruft er. „Komm her zu mir, wenn du es wagst!“
Gerod ist die ganze Zeit mit dem Schwert auf den Knien dagesessen. Als er begreift, dass er fast den ganzen Bart des Götterkönigs verbrannt hätte, springt er auf um Odin loszubinden. Aber indem er aufsteht fällt sein Schwert zu Boden, die scharfe Spitze richtet sich auf, er stolpert und stürzt in die Klinge. Vom eigenen Schwert durchbohrt, stirbt König Gerod. Die beiden Feuer sind erloschen, und der Götterkönig ist verschwunden. Der junge Agnar tritt die Nachfolge seines Vaters an. Ob es ein Zufall ist, dass er auf den Tag genau zehn Jahre alt ist, ebenso alt wie sein Vatersbruder war, als er verschwand, damals, vor langer Zeit.
Frigga hat auf ihrem Hochsitz alles mit angesehen. Nun folgen ihre Augen Odin, wie er sich zornig auf den Weg macht. Hat sie nicht recht gehabt mit allem, was sie über Gerod gesagt hat? Ohne es zu ahnen, hat sie mit ihrer Lüge die Wahrheit gesagt. Sie weiß, dass der Götterkönig ihr diesen kleinen Triumph übelnimmt. Er wird nicht so bald nach Hause kommen. Wieder einmal zieht er nach Osten, in die wilden Berge von Jotunheim. Traurig verlässt sie die weite Aussicht und schließt sich in ihr Zimmer ein.

 

Was aber hat Odin vor? Er sucht eine Quelle auf. Der Weg dahin ist schwer zu finden und voller Rätsel. Er aber kennt jeden Stein und jeden Baumstumpf in der Einöde, und bald hat er gefunden, wonach es ihn verlangt.
Am Rand des Wasserlaufs, liegt der Kopf eines Mannes. Als Odin näher kommt, schlägt der Kopf die Augen auf und lächelt.
Es ist der Riese Mime, der hier liegt. Er und Odin sind Freunde aus alten Zeiten. Damals hatte Mime noch Beine, mit denen er gehen und Arme die er ausstrecken konnte. Aber im großen Krieg zwischen Asen und Wanen wurde er geköpft. Damals hat Odin ihm die stärksten Zauberlieder über sein entstelltes Gesicht gesungen und seinen Kopf mit heilenden Kräutern gesalbt, und so ist das Licht in Mimes tote Augen zurückgekehrt.
Bis heute lebt er in der Einsamkeit und bewacht die Quelle, die man Mimes Brunnen nennt. Ihr Wasser gibt jedem, der davon trinkt, Weisheit und Einsicht. Mime war immer schon der Klügste unter den Trollen, und jedes Mal wenn er seinen Durst an der Quelle stillt, wird er noch klüger als zuvor. Immer wenn Odin nicht mehr aus und ein weiß, kommt er zu ihm und sucht seinen Rat.
Eine ganze Nacht lang reden die beiden Freunde miteinander. Wie soll es weitergehen mit der Welt? Was hat die Mitgardschlange vor, die immer weiter wächst, und wer soll den Fenriswolf bändigen, der heult, als wolle er alles, was da lebt, verschlingen?
Aber auch über die Menschen zerbrechen sie sich den Kopf. „Dieser Gerod zum Beispiel“, sagt Odin. „Ich habe ihn doch selber erzogen. Alles was ich konnte, habe ich für ihn getan, damit ein aufrechter Mann aus ihm wird. Und was hat er getan? Seinen Bruder hat er verraten und ein böses Ende genommen.“
„So sind sie eben, die Menschen“, seufzt Mime. „Nicht einmal auf meinen Milchbruder kann ich mich verlassen“, fährt Odin fort. „Ich werde einfach nicht klug aus ihm.“ Er meint Loki. „Er kommt mir vor wie ein Mensch. Weder Fisch noch Fleisch! Gott und Troll in einer Gestalt!“
Odin ballt die Fäuste. „Und doch sind sie etwas Besonderes, die Menschen. Weißt du was mir an ihnen gefällt? Sie sind voller Leben. Bei uns in Asgard werden ja gar keine Kinder mehr geboren. Alles steht still. Wir bleiben unter uns. Das ist ein schlechtes Zeichen!“ – „Du hast recht“, nickt der Kopf. „Es kommt wohl vor“, sagt Mime, „aber selten genug.“
Odin wiegt den Kopf und meint: „Das hat nichts Gutes zu bedeuten. Ich fürchte, dass es die Menschen sind, in deren Händen die Zukunft liegt.“ Er brummt wie ein alter Bär. „Unsere Zeit neigt sich dem Ende zu. Fühlst du es nicht?“
Odin hat Mimes Kopf in seinen Schoß gebettet. Die beiden schweigen. Der Wind flüstert in den Kiefern. Die Sterne leuchten weiß. Auf dem Grund der Quelle glitzert etwas Helles. Das ist Odins Auge, das er einst zum Pfand geben musste, um aus Mimes Brunnen zu trinken. Es geschah vor langer Zeit. Damals waren sie beide jung und wussten nichts voneinander, und die Welt war neu.

 

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Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
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Gruß an die Geschichten

TA KI

 

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 6


Die Reise ans Ende der Welt

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Weit, weit drinnen in Jotunheim liegt eine große Burg, die in Fels und Eis gehauen ist. Nur im Sommer, wenn es taut, ist sie von Wald und grünen Wiesen umgeben. Dort herrscht der berühmte Geirröd. Er hat nur einen Kopf, der aber ist so groß und hässlich, dass nur seine beiden Töchter, die hässliche Greip, und die abscheuliche Galp, seinen Anblick ertragen können.
Wie die drei Riesen da oben sitzen und sich anglotzen, kommt auf einmal ein Falke geflogen. Der lässt sich hoch oben an der Mauer nieder und späht durch einen Spalt hinein.
„Fangt ihn!“ ruft Geirröd, denn er hat sich schon lange einen Jagdfalken gewünscht, den er zähmen möchte, um ihn am Handgelenk zu halten auf der Jagd nach Hasen und anderem Kleinwild.
Die Töchter strecken sich nach der Decke, sie hüpfen und springen und steigen auf Leitern, aber umsonst, sie erreichen den Falken nicht. Der sitzt jetzt ganz oben auf dem Dachbalken, und es sieht ganz so aus, als mache er sich über die Riesentöchter lustig.
Als er aber fortfliegen will, merkt er, dass seine Klauen in einer Ritze fest hängen. Der Vogel flattert und schreit, und nun sind es die Riesen, die ihn auslachen.
Geirröd packt ihn am Hals und sagt: „Du bist mir ein schöner Vogel, und ich glaube, du wirst mir viel Freude machen.“
Aber der Falke fasst ihn kalt ins Auge, und Geirröd erschrickt. „Du blickst mich nicht wie ein Vogel an“, sagt er. „Du trägst ein Federkleid, aber deine Augen verraten dich.“
Der Vogel schweigt. „Entweder bist du ein Mensch oder einer von den Asen, die sich einbilden, dass sie alles können und alles am besten wissen!“
Aber der Falke hält seinen Schnabel geschlossen. „Na ja“, grunzt Geirröd. „ich habe Zeit. Früher oder später werde ich dich schon zum Reden bringen.“ Und er sperrt den Falken in eine Truhe und wirft den steinernen Deckel zu.
All das sieht auch Odin, oder besser gesagt; er hätte es mit ansehen können. Denn wenn der Götterkönig auf seinem Thron sitzt, kann er die ganze Welt überblicken, und merken, was Asen und Trolle, Zwerge und Alben, Menschen und Tiere treiben. Aber es gibt Wichtigeres auf der Welt als einen Falken, der sich verflogen hat. Odin richtet sein Augenmerk auf die finsteren Mächte, die sich sammeln. Er denkt an den drohenden großen Krieg. Er hält Ausschau nach Hels Heerscharen aus dem Totenreich. Er verfolgt, wie eine Schlange, an der Wurzel der Weltesche nagt, und wie eine Riesin weit im Osten im Eisenwald immer mehr Junge wirft. Es sind Wölfe, die sie gebiert. Einer von ihnen heißt Skoll und jagt hinter der Sonne her, ein anderer heißt Hate und hetzt den Mond.
Odin hat die Welt erschaffen, und er ist ihr Schutzherr. Deswegen sucht er seinen Hochsitz auf und hält Ausschau. Von dort kann er alles sahen, was er sehen will. Nur nicht alles auf einmal. Geirröd und dem Falken schenkt er keinen Blick.

 

Drei Monate lang bekommt der Vogel weder Wasser noch Brot. Er sitzt im Dunkeln und schnappt nach Luft. Am Ende hält er es nicht länger aus. „Lasst mich raus!“ ruft er. Da hebt Geirröd den Deckel, und wer sitzt in der Truhe? Kein anderer als Loki, einer der Asen, der noch dazu Odins Milchbruder ist.
„Wenn du schwörst, dass du nicht versuchst zu fliehen, und machst was, ich verlange, dann lasse ich dich raus“, brummt Geirröd. „Ich schwöre es“, antwortet Loki, richtet sich auf und streckt seine Glieder. Das zerfledderte Falkenkleid fällt von ihm ab und bleibt auf dem Boden der Truhe liegen.

 

Endlich bekommt der arme Gott etwas zu essen und zu trinken. Geirröd will wissen, was es in Asgard Neues gibt, und Loki berichtet ihm vom Klatsch der Götter. Der Riese schenkt ihm ein Glas nach dem andern ein, und bald ist Loki sturzbetrunken – kein Wunder nach seiner langen Hungerkur.
Sie sprechen von alten Zeiten. Damals herrschte noch eitel Freundschaft zwischen Asen und Trollen, und sie gingen miteinander zur Jagd und zum Fischen. „Aber wir sind die Ältesten“; trumpft Geirröd auf. „Die Riesen waren ja die allerersten Geschöpfe. Unsere Sippe ist älter als die Berge und älter als das Meer. Hat er das vergessen, euer einäugiger Götterhäuptling? Hat er vergessen, wie wir einmal fast Blutsbrüder geworden wären, damals in der Urzeit, als die Riesenmutter Besla ihm ihre Zitzen hinhielt?“
„Davon will er schon lange nichts mehr hören“, seufzt Loki und Geirröd brüllt: „Dann solltet ihr euch lieber einen andern Häuptling wählen! Einen, der sich noch daran erinnern kann, wo er herkommt! Loki, wie wär’s mit dir? Deine Eltern waren Trolle, und zwei von deinen Brüdern leben hier in Jotunheim. Du und kein anderer sollte König und Häuptling in Asgard sein!“
„Das meine ich auch“, greint Loki. Da fällt Geirröd ihm ins Wort: „Aber solange Thor, der Donnergott, wie ein Wilder mit seinem verdammten Hammer herumtobt, kann es mit euch keinen Frieden geben.“ – „Das meine ich auch“, seufzt Loki. „Trink noch ein bisschen Met“, sagt Geirröd und schenkt ihm nach. Doch da ist Loki schon eingeschlafen. Der Kopf ist ihm auf die Tischplatte gesunken, und er schnarcht so laut, dass der ganze Saal davon widerhallt.
Am andern Morgen fliegt Loki davon. „Aber vergiss nicht, was du mir geschworen hast“, ermahnt ihn Geirröd. „Habe ich dir etwas geschworen?“ fragt Loki, denn er kann sich an nichts erinnern, so dröhnt ihm der Schädel. „Ich habe versprochen, dir zu helfen, damit du König in Asgard wirst.“, sagt Geirröd ernst, „Und dafür hast du versprochen, dass du mir Thor herbeischleppst – wie, das ist deine Sache! – damit ich ihm alle Knochen brechen und ihn einsperren kann – in dieselbe steinerne Truhe, in der du so lange gewohnt hast.“
Und Geirröd droht ihm mit seinem Zeigefinger, der voller Warzen ist: „Dass er mir aber ja ohne seinen Hammer kommt, und ohne seinen Zaubergürtel, und ohne seine eisernen Handschuhe!“
„Das soll ich dir versprochen haben?“ fragt Loki und wird bleich. „Du hast es geschworen“, knurrt Geirröd und seine beiden Töchter nicken dazu; sie seien dabei gewesen, sie hätten es selbst gehört, sie seien Zeugen.
Auf dem Heimweg fliegt Loki vorsichtig und nur knapp über den Baumwipfeln, denn er hat einen gewaltigen Kater. Was habe ich nur getan, denkt er. Doch er weiß auch: Versprochen ist versprochen. Derjenige, der seinen Eid bricht, hat den Tod verdient. So hat Odin es bestimmt.

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Als Loki nach Hause kommt, mit kalten Füßen und Reif am Schnabel, wird er von Sygin, seiner Frau, und seinen Söhnen freudig empfangen. Sie sind erleichtert, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen. Aber niemand fragt ihn, wo er sich aufgehalten hat. Sie sind daran gewöhnt, dass Loki kommt und geht, wie es ihm passt, und dass er nie mehr erzählt, als er will. Diesmal aber sagt er nichts.
Am andern Tag schleicht er sich in die große Küche von Walhall, um sich umzuhören. Neugierig war Loki schon immer, und er weiß, dass es die Köche und die Mägde sind, die man fragen muss, wenn man erfahren will, was es am Sitz der Götter Neues gibt. Zum Beispiel, dass Thor gerade von einer Seefahrt heimgekehrt ist, mit ein paar bösen Schrammen, weil ihn auf einer Insel im Nordmeer eine Horde von Wolfsfrauen mit Eisenstangen überfallen hat.
Aber auch aus Mitgard gibt es Neuigkeiten. Die Dienstboten haben gehört, dass immer mehr Huldren auftauchen, die die Menschen aufsuchen und allerlei Unheil stiften. Alle schütteln den Kopf und fragen sich, was wohl aus dem Menschengeschlecht werden soll, wenn das so weiterginge. Vielleicht würden die Leute in Mitgard bald selber wie die Huldren aussehen, mit langen Kuhschwänzen und einem Rücken, der so hohl war wie ein Viehtrog?
„Ach was“, sagt Loki und steht auf. „Soweit kann es nicht kommen, genauso wenig wie die Menschen je zu Göttern werden. Und es ist schließlich kein Wunder, dass sich Gegensätze anziehen, auch wenn es Odin nicht passt. Er will uns verbieten in Jotunheim Liebkosungen zu sammeln, wie wir es seit eh und je getan haben.“
„Vielleicht will er die Riesentöchter nur für sich behalten“, grinst einer der Küchenjungen. „Das glaube ich kaum“, sagt ein anderer. „Es ist ja schon ewig her, dass der einäugige Ziegenbock, dort in Jotunheim ins Bettstroh gehüpft ist.“
„Früher“, ruft Loki, „da war Odin der geilste und wildeste von uns allen.“ – „Oh“, sagt eine von den Mägden, „feurig und verrückt ist er immer noch.“ Es ist das Kammermädchen, das bei Frigga im Dienst steht, Odins Frau, und sie weiß alles, was im Haus der Häuptlinge vorgeht. „Jedes Mal, wenn es ihm passt, verschwindet er ein paar Tage lang. Dann geht er nach Mitgard zu den Menschentöchtern. Wenn ihr wüsstet, wie er sich aufführt, sobald er merkt, dass er sich nicht mehr beherrschen kann!“ Sie wird rot und schlägt die Augen nieder. „So wie damals, als er sich an die Tochter von Billing herangemacht hat“, lacht der Koch und trocknet sich die Hände an der Schürze ab. „Ich weiß nicht mehr, von wem ich es gehört habe, aber jedenfalls hat sich unser Odin bei dieser Gelegenheit ziemlich blamiert. Er hat sich bei ihr eingeschmeichelt. Als er aber wie verabredet, zum Stelldichein kam, hitzig wie ein Ofen und geil wie ein Stier, da stürmten plötzlich ein paar Krieger mit brennenden Fackeln ins Schlafzimmer und fielen über ihn her. Sie hatte eben noch Zeit ihm ins Ohr zu flüstern: … komm wieder, mein Schatz, wenn sie fort sind. Und er ist darauf hereingefallen. Er verband seine Wunden und wartete draußen bis zum ersten Hahnenschrei. Dann schlich er sich über den Hof, an den schlafenden Wächtern vorbei, ins Haus und in ihr Bett. Es war ganz dunkel im Zimmer. Er flüsterte ihr heiße Worte ins Ohr, doch er konnte nicht sehen, wen er umarmte. Aber dann merkte er doch, dass es nicht Billings Tochter war, was sich dort auf dem Fell drehte und wand – sondern eine große Hündin, die man an den Bettpfosten angebunden hatte. und von allen Seiten hörte er Gekicher und Gelächter.“ Jetzt lacht auch der Koch und schlägt sich mit der großen Holzkeule auf die Schenkel. „Das hatte er nun davon!“
„Eine scheußliche Geschichte“, sagt Loki und spuckt auf den Boden. „Mir wird ganz schlecht, wenn ich hören muss, wie sich die Götter mit den Menschen einlassen. Das sind doch Wesen, die wir selbst erschaffen haben, kleines Kroppzeug, das wir nur in die Welt setzten, weil uns langweilig war. Mit denen ins Bett zu gehen, dass ist nicht viel besser, als schliefe man mit den eigenen Kindern.“
„Sehr richtig! Einverstanden!“ rufen die Köche, die Mägde und die Kammermädchen. „Dagegen die Riesen! Das ist etwas anderes. Die sind wie wir, die sind uns ebenbürtig. Mit einer Riesentochter ginge ich allemal ins Bett.“
„Aber Odin kann die Riesen nicht leiden. Er will nichts mehr mit ihnen zu tun haben, und wir, sagt er, sollen gefälligst auch die Finger von ihnen lassen.“
„Der soll vor seiner eigenen Tür kehren“, antwortet Loki. „Und wir sind schön feige, wenn wir es nicht wagen, ihm zu widersprechen. Erst gestern bin ich von einem Besuch bei Geirröd nach Hause gekommen. Das ist ein erstklassiger Riese, und auf seinem Hof leben zwei der herrlichsten Geschöpfe, auf die je der Mond geschienen hat. Das sind seine Töchter, die zarte Greip und die schöne Galp. Mich wollten sie ja leider nicht haben, und ich weiß auch von anderen Freiern, denen sie die Tür gewiesen haben. Die beiden Schwestern träumen nämlich von ein und demselben Mann.“
„Von wem denn?“ rufen die Mägde wie aus einem Mund. „Ist es jemand, den wir kennen?“ Loki sieht sich triumphierend um und erst nach einer langen Pause sagt er leise: „Es ist Thor, der Donnergott. Ihn wollen sie haben und keinen anderen. Und sie haben sich in den Kopf gesetzt, ihn zu teilen, so lange, wie er es aushält. Aber wir wissen ja, was aus ihm geworden ist. Ein Angsthase, der einknickt, sobald Odin, mit den Fingern schnippt. Also werden die beiden Mädchen wohl Jungfrauen bleiben, bis ihnen das Moos zwischen den Beinen wächst. Aber er weiß nicht, was er sich da entgehen lässt, der Dummkopf.“
Loki lacht höhnisch, rollt mit den Augen und schnalzt mit der Zunge wie ein Kenner, und dann geht er ohne ein weiteres Wort nach Hause. Denn er weiß genau, dass kein Tag vergehen wird, bis die Mägde herum getratscht haben, was er ihnen anvertraut hat, und bald würde es Thor zu Ohren kommen.
Und richtig, als Loki am andern Morgen, munter vor sich hin pfeifend, über den Hof geht, da springt ein Riese mit rotem Bard und wirrem Haar vor ihm aus dem Gebüsch und brüllt. „Wer behauptet hier, dass ich ein Angsthase bin?“ Es ist Thor. „Ich doch nicht“, flötet Loki. „Das muss ein Missverständnis sein. Ich habe genau das Gegenteil gesagt. Thor, habe ich gesucht, der ist nicht wie die anderen. Der lässt sich nicht von Odin herumkommandieren. Den führt keiner an der Leine! Er ist schließlich der Donnergott, der keinen fragt, wen er umarmen darf.“ Und Loki redet so lange auf ihn ein, bis er Thor besänftigt hat.
„Du hast recht<, sagt der Donnergott schließlich. „Ich mache, was ich will, und ich will sie nun einmal haben, diese beiden Schwestern. Noch heute Nacht breche ich auf nach Jotunheim. Mein Knecht Tjalve soll mich begleiten. Und du Loki, kommst auch mit und zeigst mir den Weg.“
„Aber du darfst deinen Hammer nicht mitnehmen, und auch den Zaubergürtel und die eisernen Handschuhe musst du zu Hause lassen, denn so war es mit Geirröd abgemacht.“

 

Gesagt, getan. Sie reiten heimlich in die Dunkelheit hinaus, damit niemand erfahren soll, was sie vorhaben. Aber der Weg nach Jotunheim ist weit, und so müssen sie auf halbem Weg bei einer Riesin namens Grid übernachten, die den Asen wohlgesinnt ist. Als sie hört, wo sie hinwollen, runzelt die Gastwirtin die Stirn. „Dieser Geirröd“, sagt sie, „ist ein schlauer Hund. Er hat es faustdick hinter den Ohren. Wo hast du denn deinen Hammer gelassen, den Gürtel und die Handschuhe?“ Und als sie hört, dass er mit bloßen Händen gekommen ist, schüttelt sie den Kopf. „Was fällt dir ein? Zu Geirröds Töchtern willst du? Dass die so schön sein sollen, ist mir neu. Aber bitte! Jedem seine Lust. ich will nichts gesagt haben. Nur, wie soll ich Odin unter die Augen treten, wenn ich dich mit leeren Händen zu den Riesen gehen lasse? Das ist unmöglich. Wenn du willst, borge ich dir ein paar Sachen, die ich hier im Schrank habe.“ Und sie gibt ihm ihren Zaubergürtel, ihren Stab und ein Paar eiserne Handschuhe.
Am andern Morgen kommen die drei zu einem Fluss, der unbegreiflich breit ist. Ihre Pferde müssen sie am Ufer zurücklassen und hinüberwaten. Zum Glück ist der Fluss ziemlich seicht, aber die Strömung ist stark, und es gibt gefährliche Schnellen. Thor stützt sich auf den Stab, den Grid ihm geliehen hat, und Loki und Tjalve halten sich an seinem Gürtel fest. Aber als sie in der Mitte des Flusses angekommen sind, fängt das Wasser an zu steigen.
Thor schaut sich um. Was ist geschehen? Weiter oben, wo der Fluss durch eine enge Klamm führt, steht Galp, eine von Geirröds Töchtern, mit einem Bein auf beiden Seiten der Kluft und lässt ihr Wasser rinnen. Da hebt Thor einen riesigen Felsbrocken aus der Flut, zielt, wirft und trifft mitten ins Ziel. Aber unterdessen ist das Wasser so gestiegen, dass sie das Gleichgewicht verlieren. Die Strömung reißt sie fort, sie taumeln und rudern mit Armen und Beinen. Endlich gelingt es ihnen, am andern Ufer Fuß zu fassen, wo ein Vogelbeerbaum steht. Thor ergreift ihn und zieht die beiden anderen an Land.
Nach ein paar Stunden kommen sie endlich ganz durchnässt auf Geirröds Hof an. Der Hausherr heißt sie willkommen und weist ihnen das Gästehaus zur Unterkunft an. Dort ist es kalt und dreckig, und es gibt nur einen einzigen Stuhl zum Sitzen. Thor ist einigermaßen überrascht, aber Loki lacht nur und zuckt mit den Schultern. Doch als Thor sich setzen will, merkt er, dass der Stuhl sich unter ihm rührt und zur Decke steigt. Was kann das sein? Er greift nach dem Stab, dem Grid ihm geliehen hat, und stemmt ihn mit aller Kraft gegen die Dachbalken, bis er wieder auf dem Boden gelandet ist. Da hört er ein knirschendes Geräusch und einen lauten Schrei. Das waren Galp und Greip, die beiden Töchter, die sich unter dem Stuhl versteckt hatten. Thor hat sie derart zusammengequetscht, dass sie mit verstauchtem Rücken hervor kriechen.
Tjalve schaut die beiden an und verzieht das Gesicht. „Wegen diesen beiden sind wir den langen Weg gekommen?“ sagt er. „Na ja“, gibt Loki zur Antwort, „das ist wohl Geschmackssache.“ Aber man merkt ihm an, dass ihm bei dem Ganzen nicht wohl ist; denn auch Thor runzelt jetzt die Stirn, und es ist klar, dass er Loki am liebsten eins mit dem Hammer über den Schädel gegeben hätte. Aber seinen Hammer hat er ja nicht dabei. Ein Diener kommt und meldet, dass Geirröd wünscht, seine Gäste im großen Saal zu sehen. Und zwar will er sie zu einem Kräftemessen einladen. An der Längswand hat er ein riesiges Feuer anzünden lassen, und er selbst sitzt am anderen Ende des Saals und wartet auf Thor, der ihm, ohne eine Miene zu verziehen, entgegengeht. Plötzlich nimmt der Riese eine Zange zur Hand, holt ein glühendes Eisen aus dem Feuer und schleudert es Thor entgegen. Aber der Donnergott hat eiserne Handschuhe an und fängt den feurigen Brocken auf, als wäre es ein Ball. Geirröd will sich hinter einem Balken verstecken, aber zu spät! Thor wirft die glühende Kugel zurück, mit solcher Wucht, dass das Metall durch den Balken schlägt, ein Loch durch Geirröd brennt und durch die Wand nach draußen fliegt.
„Hier haben wir nichts mehr verloren“, brummt Thor. „Und das war das letzte Mal, dass ich auf dich gehört habe, Loki, ganz gleich, ob du mir eine Liebschaft einreden willst oder einen anderen von deinen Tricks probierst!“
„Schade, dass du es so siehst“, murmelt Loki. „Obwohl ich, wie gesagt, finde, dass…“
„Halt das Maul!“ brüllt Thor. Aber so schlecht gelaunt, wie er sich anhört, ist er gar nicht. Denn nichts auf der Welt, gefällt dem Donnergott besser als eine richtige Rauferei.
So endete Lokis Gefangenschaft und Thors Brautschau, und niemand soll sagen, dass es zu ihren Zeiten soviel friedlicher als heute zugegangen ist auf der Welt.

 

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Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
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Gruß an die Neugierigen

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 5


Der Donnergott

Nach Odin ist Thor der mächtigste unter den Göttern. Wenn er mit seinen Böcken über den Himmel fährt, dann bebt die Erde, und die Berge erzittern. Thor ist der Gott des Donners. Aber er ist auch der Beschützer der Menschen. Er hilft ihnen, wenn ihnen die Riesen drohen. In der Stunde der Gefahr wenden sich die Menschen an Thor.
Es sind aber nicht nur die fremden Ungeheuer, mit denen Mitgard zu kämpfen hat. Mit den langen Jahren des Friedens und des Vertrauens unter den Menschen ist es nämlich vorbei. Ein neues Geschlecht ist, wie Odin es wollte, herangewachsen; stärker und ausdauernder als seine Vorfahren, aber auch gnadenloser und gefährlicher. Jetzt weiß Thor nicht mehr, wem er trauen und an wen er sich halten soll, Denn jetzt kämpfen Menschen gegen Menschen; die Kinder nehmen es mit den Eltern auf, und Brüder stechen auf Brüder mit dem Messer ein.

midgardschlange

Eine wilde und kriegerische Zeit ist angebrochen. Die Leute haben sich voneinander abgewandt. Jeder zieht eine Grenze zwischen sich und andern. Alle versuchen, soviel Hab und Gut wie möglich an sich zu raffen. In kleinen und großen Banden ziehen sie in Mitgard umher und schlagen sich um Felder und Weideland. Sie streiten sich um Wälder und Bootsplätze, ja sogar wegen öder Klippen und nackter Felskuppen geraten sie sich in die Haare. Mein und dein- darum geht es ihnen, und um nichts anderes.
Doch wenn dann endlich die Schwerter und Streitäxte ihr Werk getan haben, wenn die Überlebenden davon gehinkt oder fortgesegelt sind und die Toten verlassen auf der Walstatt zurückbleiben oder wie leere Säcke auf dem Wasser schwimmen, dann kreisen nicht nur die Geier und Raben über dem Schlachtfeld. Etwas Neues und Unerhörtes ist auf der Welt erschienen; eine Schar von himmlischen Reiterinnen, welche die gefallenen Krieger heimsuchen. Frauen in eiserner Rüstung sind es, die zu den Toten niederfahren.
Das sind die Walküren, von Odin, dem König der Götter, gesandt um unter den Gefallenen die Besten, die Mutigsten, die Stärksten zu suchen. Sie betten die Toten vor sich auf den Rücken ihrer Pferde und ziehen mit ihnen davon durch die Lüfte. Über die große Regenbogenbrücke bringen sie ihre Beute nach Asgard, der Götterburg, die wie ein Berg im Zentrum der Welt hochragt.
Odin erwartet sie und nimmt die Toten entgegen. Sie haben bewiesen, dass sie tapfere Krieger sind, dass sie wenn es um den Kampf Mann gegen Mann geht, vor keiner Gefahr zurückschrecken. Deswegen erweckt Odin sie zu neuem Leben. Von nun an sollen sie in seinem Dienst stehen, ein gewaltiges Heer von Untoten, die jedem Feind gewachsen sein werden: Die eine Hälfte soll in Walhall wohnen, die anderen werden bei Freia in Folkwang hausen.
Damit sie nicht aus der Übung kommen, leitet Odin selber seine Truppe an. Morgens legen die Kämpfer Helm und Harnisch an, dann stellen sie sich auf dem Hofplatz von Walhall auf, und das Hauen und Stechen nimmt seinen Anfang. Aber ob es ihnen damit tödlicher Ernst ist? Sie lachen und scherzen, während sie miteinander kämpfen; denn das Spiel mit Speer und Axt ist ihre größte Freude. Um die Mittagszeit, wenn Andrimne, der Koch sie zum Essen ruft, zeigt sich, dass der blutige Streit ihnen nichts anhaben konnte. Zwar haben sie einander manchen Arm und manches Bein abgehackt, aber die fehlenden Glieder werden einfach wieder zusammengefügt, das ganze Heer stürmt freudig den Festsaal, und die Gegner lassen sich als Freunde brüderlich nieder, um zu essen und zu trinken.
Jeden Tag lassen sie sich dasselbe Gericht servieren: gekochtes Schweinefleisch mit Speck. Das ist ihnen ganz recht, denn es ist ihre Lieblingsspeise, Sonderbar ist nur, dass ein und dasselbe Schwein ist, das sie tagaus, tagein verzehren. Es ist nämlich der berühmte Eber Särimne, den der Koch Andrimne jeden Morgen von neuem schlachtet und kocht, und er steht am Abend jedes Mal wieder springlebendig da und grunzt fröhlich und zufrieden in seinem Koben.
Die schönen, stolzen Walküren schenken den Helden Met ein, soviel sie nur haben wollen. Den Met liefert eine Ziege, die Heidrun heißt; sie steht auf dem Dach Walhalls und nährt sich vom Laub der Weltesche Yggdrasil. Aus ihrem Euter rinnt der Met in Strömen. Man darf nur nicht vergessen, immer genug Eimer und Kessel unter sie zu stellen!
Odin ist immer in der Nähe. Mit seinen beiden Wölfen Geri und Freke bei Fuß und den zwei Raben Hugin und Munin auf den Schultern spaziert er in seinem gewaltigen Heerlager herum. Die von den Toten auferstandenen Kämpen sehen zu ihm auf. Sie bewundern ihn; denn sie wissen, dass sie sich keinen besseren Häuptling wünschen könnten. Sie geben ihm viele neue Namen. Einmal nennen sie ihn den Rabengott, dann wieder nennen sie ihn Ygg oder Flammenauge, Herjan oder Walvater. Das gefällt Odin sehr. Er redet von nichts anderem mehr als vom großen Krieg, der bevorsteht, der letzten Auseinandersetzung mit den Mächten der Finsternis. Früher oder später wird es soweit sein, denn die Nornen haben diesen Kampf vorhergesagt, und die Nornen irren sich nie. Auch alle Stern – und Mondzeichen deuten darauf hin. Wer in den Eingeweiden der Tier zu lesen versteht, der weiß, dass dieser Krieg unvermeidlich ist. Jedes Mal, wenn Odin die Augen schließt, sieht er den Untergang der Welt vor sich. Drachen, Lindwürmer, Trolle und Wölfe, suchen ihn im Schlaf heim.
Auch die andern Asen wissen, dass es gilt, auf der Hut zu sein, und dass sie so viele Hilfstruppen brauchen, wie nur aufzutreiben sind. Doch nach und nach bringen die Walküren immer mehr Kämpfer mit nach Asgard. Das Heer der Untoten wächst und wächst, und fast wird es den Asen zuviel. Es wird eng auf der Götterburg. Vorbei sind die schönen Zeiten, wo jeder genug Platz hatte. Damals konnte man nach Herzenslust Feste feiern, ohne dass einem die Menschen auf die Zehen traten!

 

Loki, Frei, Thor und sein Stiefsohn Ull sind eines Morgens zur Jagd gegangen, und es gibt für sie nur ein Thema, das Gedränge, das neuerdings in Asgard herrscht. Die vier Götter sind weit nach Norden geritten, und jetzt sind sie am Meeresstrand angekommen. Der Winter ist früh hereingebrochen und der Fjord ist zugefroren. Wie immer ist es Loki, der einen kühnen Einfall hat. „Wenn wir schon in unserer eigenen Burg nicht mehr in Ruhe feiern können- wie wäre es, wenn wir uns an den Meeresriesen Ägir hielten? Vielleicht können wir ihn dazu bringen, dass er ein großes Fest für alle Asen ausrichtet? Keiner soll besseres und stärkeres Bier brauen als er, und er wohnt nicht weit von hier.“
Thor will dieser Vorschlag ganz und gar nicht gefallen. „Die Zeit, da Asen und Riesen miteinander am Tisch saßen, ist längst vorbei.“, murmelt er, „Und es ist auch gar nicht sicher, ob er Lust hat, uns einzuladen.“
„Aber mein Lieber“, lächelt Loki und klopft ihm auf den Rücken, „du wirst doch wohl stark genug sein, um ihm klarzumachen, dass ihm nichts anderes übrigbleibt!“
Die vier Götter springen von Eisscholle zu Eisscholle über den weiten Fjord. Aber in der Mitte klafft eine Lücke. Die See rings um die Insel. auf der Ägir wohnt, friert nie zu. Deshalb wird sein Hof auch Unkühle genannt, will heißen, der Ort, an dem es nie friert. Aber einer von den vieren, nämlich Frei, weiß Rat. Er zieht etwas Kleines aus dem Sack, das wie eine Nussschale aussieht. Aber kaum setzt er es aufs Wasser, da wird es größer und größer, und am Ende wächst es sich zu einem großen Schiff aus. Er hat mit Vorbedacht den Skidbladner mitgebracht, das magische Fahrzeug, da immer Wind in den Segeln hat, dasselbe, das einst zwei Zwerge für die Asen gebaut haben. Die vier gehen an Bord und steuern auf die Insel des Seeriesen zu.
Nun ist Ägir ein sehr mächtiger Troll. Seine Brüder sind Wind und Feuer. Ein Feind der Götter ist er nie gewesen, und so nimmt er die Gäste freundlich auf. Nur Ron, seine Frau, wirft ihnen scheele Blicke zu. Jeder kennt sie und weiß, wie böse und gefährlich sie ist. Ihr größtes Vergnügen ist es, Seeleute in ihrem großen Netz zu fangen, um sie dann mit sich in die Tiefe zu ziehen. Das Trollpaar hat neun Töchter, jede von ihnen ist eine Welle, und allesamt sind sie ebenso schön, wie ihre Mutter hässlich ist, Sogar Odin, heißt es, habe sich in eine von ihnen verliebt, damals, als die Welt noch jung und unschuldig war. Auch will es ein Gerücht, dass er mit ihr ein Kind gezeugt hat, nämlich seinen Sohn Heimdall, den geheimnisvollsten unter den Asen, der manchmal verkündet: „Neun Mütter habe ich, und neun Schwestern haben mich geboren.“ Aber wie soll das zugegangen sein? Wer in aller Welt kann so viele Mütter haben? Ägirs Töchter wollen nichts davon wissen, und auch Odin schweigt sich, wie es seine Art ist, darüber aus.
Besonders angetan ist Ägir nicht von dem Vorschlag, die Asen zu einem Fest einzuladen. „Es sollte euch doch nicht schwerfallen, andere und bessere Wirtsleute zu finden“, sagt er. Doch die Asen bleiben bei ihrem Wunsch und am Ende muss der Troll nachgeben; denn schon hat er gemerkt, dass Thor mit seiner Geduld am Ende ist. Seinen Augenbrauen, die sich drohend zusammenziehen, sieht man es an. „Also meinetwegen“, sagt Ägir, „aber nur unter einer Bedingung!“ – „Wenn es etwas Einfaches ist, warum nicht.“, die Götter nicken.
„Wenn Thor wirklich durstig ist, leert er ganz allein die tiefsten Brunnen aus. Das weiß doch jeder! Kein Kessel ist groß genug für seinen Durst. Wie soll ich euch da bewirten? Ich brauch einen Trog, der so riesig ist, dass ich das ganze Bier für euer Fest auf einmal brauen kann. Das ist doch nicht zuviel verlangt.“
Die Götter sehen sich an. Wie sollen sie diese Bedingung erfüllen? Es ist doch klar, dass es einen so großen Kessel nicht geben kann. Der Seeriese lacht. „Wenn ihr fertigbringt, was ich verlange, dann gebe ich nicht nur in diesem Winter ein Fest für euch; ihr könnt jedes Jahr wiederkommen!“ Mit diesen Worten winkt er ihnen zum Abschied.
Als die vier aber in Asgard ankommen, fragen sich die Asen, warum Thor wohl so grimmig dreinblickt.
„Was hast du nur? Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?“ Aber Thor schweigt. Nur Loki findet nichts dabei, zu berichten wie Ägir sie zum Narren gehalten hat.
Selbst Odin lächelt, als er die Geschichte hört. Doch Tyr eilt dem Donnergott zu Hilfe. „Wir werden diesem Riesen schon noch zeigen, wer hier den Kürzeren zieht! Ich glaub, ich weiß, wo wir einen so riesigen Braukessel finden können.“, sagt er leise. „Als ich klein war, hat Hyme, der Riese – ihr kennt ihn doch! – einen Kessel haben soll, der ein paar Meilen tief ist. Den wollen wir uns holen. Aber allein werde ich das nicht schaffen. Wer will mich begleiten?“ Da zögert Thor keinen Augenblick. Er will unbedingt mit von der Partie sein.
Sogleich spannt er die Böcke vor sein Fuhrwerk, und die beiden machen sich auf den Weg. Tyr weiß, wohin sie sich wenden müssen, nach Nordosten. Die Räder schlagen Funken, und sie fahren mit Dröhnen und Grollen über den Himmel. Tief unter ihnen liegt ein kleiner Hof im Gebirge. „Dort sollten wir landen und die Böcke absetzen“, sagt er, „denn sonst sieht Hyme uns schon von weitem kommen, und mir wäre es lieber, wenn wir ihn überraschen.“
Die Leute auf dem Hof haben sich versteckt. Aber als sie sehen, dass es Tyr ist, der auf dem Hofplatz steht, kommt der Bauer mit seinen beiden Töchtern herbeigelaufen. Er verspricht, die beiden Böcke gut zu hüten, und leiht den beiden Asen Skier, damit sie gut über die hohen Berge hinweg weiterkommen.
„Du kennst dich ja erstaunlich gut aus hier in der Gegend“, sagt Thor, als sie eine Weile gelaufen sind.
„Ich bin doch hier aufgewachsen“, antwortet Tyr, „und was man als Kind gesehen hat, vergisst man nie wieder.“ Weiter geht es an gefrorenen Wasserstellen und Gletschern vorbei. Keiner von beiden sagt ein Wort. Erst als der Abend anbricht und sie sich durch eine Schneehöhle gegraben haben, in der sie übernachten wollen, sagt Tyr: „Morgen sind wir da. Dann werde ich meinen Vater und meine Mutter wiedersehen, zum ersten Mal, seit ich erwachsen bin.“ – „So?“, sagt Thor. „Wie kann das sein? Ich habe immer gedacht, wir wären Brüder?“ – „Dass ich nicht von Friggas Fleisch und Blut bin, das ist doch kein Geheimnis“, erwidert Tyr mit einem schiefen Lächeln, „nur glauben alle, dass Odin mein Vater ist. Wenn es nur so wäre! Aber meine Mutter die Riesenfrau, hat sich zwar mit ihm ins Bett gelegt, aber Kinder hat sie keine von ihm bekommen. Übrigens konnte ich schon laufen, als sich die beiden zum ersten Mal trafen. Ich weiß noch, wie sie Odin beschworen hat, er möge mich nach Asgard mitnehmen und wie seinen eigenen Sohn erziehen. Das sei für alle das Beste, hat sie gesagt. Und so ist es dann auch gekommen.“
Thor nickt, aber weiß vor Verlegenheit nicht, was er sagen soll. „Weißt du“, sagt Tyr. „es ist nicht wahr das alle Trolle Übeltäter sind. Unsereins kann so gut wie ihr unterscheiden zwischen Gut und Böse. Es kommt nur darauf an, wie sich einer entscheidet. Und du wirst zugeben, dass ich es verdient habe, einer von den Asen zu sein.“ Er weist auf seinen verstümmelten Arm, der am Handgelenk endet. „Ja“, sagt Thor mit ernster Miene, „deine beste Hand hast du geopfert, um den Fenriswolf zu fesseln. Keiner von uns ist tapferer als du.“ – „Ihr habt es gut.“, gibt Tyr ihm trocken zurück, „Ihr habt nie beweisen müssen, auf welcher Seite ihr steht – obwohl es wahrhaftig Asen genug gibt, deren Mütter irgendwo in Jotunheim zu Hause sind. Nur dass ich der einzige bin, der ganz und gar von den Trollen abstammt.“
Thor will ihn trösten und legt ihm beide Hände auf die Schultern. „Mach dir nichts daraus.“, sagt er. „Das alles bleibt unter uns. Du kannst mir alles sagen.“
Tyr schaut ihm fest in die Augen und erklärt: „Der Riese Hyme, den wir Morgen aufsuchen, das ist mein Vater. Und was meine Großmutter angeht, so hat sie neuhundert Köpfe.“ – „Und wenn sie tausend hätte, was geht mich das an!“ brummt Thor.
„Du bist immer mein Bruder gewesen, und Brüder wollen wir auch in Zukunft bleiben.“
Aber in dieser Nacht kann keiner von beiden schlafen. Tyr denkt an seine Kindertage auf Hymes Hof, und Thor grübelt, wie sonderbar es mit der alten Feindschaft zwischen Asen und Trollen bestellt ist. Das sind doch beides uralte Geschlechter, älter als die Menschen und Tiere, älter als die Berge und das Meer. Wann mögen sich ihre Wege getrennt haben, und warum? Solche Fragen könnte höchstens Odin beantworten. Er wüsste, warum die Asen stets alles ordnen wollen, aufbauen, etwas Neues schaffen, während die Riesen immer nur alles durcheinanderbringen, einreißen und zerstören. Die Trolle, denkt Thor, haben ein kaltes Herz, sie sind im Dunkeln zu Hause. Manche von ihnen scheuen das Licht der Sonne und können es nicht ertragen. Wenn es ihnen zu hell wird, erstarren sie zu Stein.
Doch dann fällt ihm wieder sein Blutsbruder Tyr ein, und er muss ihm recht geben. Nicht alle Riesen sind böse und grausam. Immer noch kommt es vor, dass Asen und Trolle einander in Freundschaft begegnen. Thor weiß, dass Odin so etwas nicht gerne sieht. Der Götterkönig hat sie gewarnt. Er sagt, die Zeit, da Asen und Riesen einander vertrauen konnten, neige sich ihrem Ende zu. Und trotzdem kommt es wie in alten Zeiten vor, dass ein Ase sich auf Freiersfüßen nach Jotunheim schleicht. Wer sagt denn, dass die Riesenfrauen alle hässlich sind? Thor denkt an die Trolltochter Eisenscher, die er, kaum ein Jahr ist´s her, gekannt hat. Ihr Bauch ist warm wie eine Schäre in der Sonne, und ihre Schenkel sind stark, wie zwei Türpfosten. Nie hat er eine Frau geliebt, die so stolz und lüstern war wie sie.

 

Am andern Tag kommen sie auf Hymes Hof an. Schon in der Halle erwartet sie die Großmutter mit den neunhundert Köpfen – ein wahres Monster. Aber auch Tyrs Mutter ist da. Sie weint vor Freude über das Wiedersehen mit ihrem Sohn. Hyme kommt erst am Abend zurück von der Jagd. „Versteckt euch dort drüben hinter dem Pfosten“, rät sie den Asen. „Mein Mann kann ziemlich heftig werden, wenn er Gästen begegnet, die er nicht erwartet hat.“
Mit so schweren Schritten, dass die Bohlen dröhnen, tritt der Riese ein. Eiszapfen klirren in seinem gefrorenen Kinnbart. „Willkommen zu Hause, mein Lieber“, ruft Tyrs Mutter mit einem Lächeln. „Wir haben Besuch bekommen, als du fort warst. Unser Sohn, an den wir so oft gedacht haben, hat eine lange Reise angetreten, um uns aufzusuchen, und er hat den Donnergott persönlich mitgebracht, den Beschützer der Menschen und Feind aller Unholde. Dort sitzen die beiden, hinter dem Pfosten.“ Aber als Hyme das hört, wird er rot vor Zorn, denn auf Thor ist er nicht gut zu sprechen. Er wirft einen so scharfen, bösen Blick auf die Gäste, dass der Pfosten splittert und der Querbalken bricht. Acht Pfannen stürzen von der Wand auf die Köpfe der Götter und zerspringen an ihren Schädeln.
Schon springt Thor auf und will zurückschlagen. Der Schaft Mjölners, seines Hammers, zuckt in seiner Hand. Aber Tyr legt ihm die Hand auf die Schulter. „Erst müssen wir ihn soweit bringen, dass er uns verrät, wo er seinen großen Kessel hat“, flüstert er. Die Asen wissen sich zu beherrschen. So gelassen bleiben sie, dass sich am Ende auch Hyme beruhigt. Aber nach wie vor glotzt er Thor böse an. Dieser Besuch ist ihm gar nicht recht, und von seinem Sohn will er offenbar auch nichts wissen. Trotzdem befiehlt er, drei Kälber zu schlachten.
„Gäste hin oder her, ein bisschen was zu essen müssen wir haben!“ sagt er mürrisch. Im Nu hat Thor ganz allein zwei Kälber verschlungen.
„Wie soll ich derart verfressene Gäste füttern?“ fragt sich Hyme am nächsten Morgen, und er beschließt, dass es von nun an nur noch Fisch geben wird. Er macht sein Boot bereit, um auf Fang zu gehen. „Ich komme mit!“ ruft Thor. „Wenn es sein muss“, brummt Hyme. „Aber für deinen Köder musst du selber sorgen.“ Da geht Thor in den Stall und dreht dem größten Ochsen mit einer Hand den Hals um, schleppt den Kopf ins Boot und rudert, dass es um den Bug nur so schäumt. Bald sind sie so weit draußen auf dem Meer, dass Hyme anfängt, sich zu ängstigen. Weit und breit ist kein Land mehr in Sicht, und wenn das Boot kentern sollte, wäre es zu weit, um schwimmend das Ufer zu erreichen.
Da tauchen vor dem Boot plötzlich zwei Wale auf. Hyme wirft seine Angelschnur hinaus und fängt beide. Er lacht und sieht Thor herausfordernd an, als wollte er sagen: Mach es nach, wenn du kannst! Thor hat sich achtern hingesetzt. Er befestigt den Ochsenkopf an der Angelrute und wirft ihn hundert Faden weit hinaus. Sogleich beginnt das Meer zu kochen. Wogen, so hoch wie Berge, schütteln das Meer, und aus der See erhebt sich ein fürchterliches Haupt. Es ist der Kopf der Mitgardschlange, die Thor am Haken hat. Das Ungeheuer brüllt, dass das Meer erzittert, und giftige Flammen züngeln aus seinem Maul, aber Thor holt mit letzter Kraft die Schnur ein. Als der Schlangenkopf an der Dollbord schlägt, hebt er seinen Hammer und trifft das Ungeheuer zwischen die Augen. Durch ganz Jotunheim dröhnt das Geheul der Schlange. Hyme ist so erschrocken, dass er sich fast die Zunge abbeißt. Als Thor zum zweiten Mal mit dem Hammer ausholt, hält es den Riesen nicht mehr. Er zieht sein Messer aus der Scheide und kappt die Schnur. „Warte nur, Thor, es kommt die Zeit, wo ich dich besiegen werde!“ gurgelt die Schlange. Der Donnergott winkt ihr zum Abschied mit dem Hammer, und sie ruft ihm zu: „So wird es geschehen, denn so ist´s gewahrsagt und so steht´s geschrieben!“ Stöhnend und seufzend versinkt das Monster im Meer. „Nach Hause“, ruft Hyme, der an diesem Fischzug wenig Gefallen gefunden hat.

 

Als das schwere Boot knirschend den Sand des Ufers streift, sagt der Riese: „Was ist dir lieber, Thor? Willst du unsern Fang nach Hause tragen oder mein Boot an Land ziehen?“ Thor würdigt ihn keiner Antwort, hievt den Kahn samt Ruder und Schöpfeimer – und den beiden Walen – aus dem Wasser und trägt ihn auf den Schultern über Stock und Stein bis vor die Haustür.
Hyme sieht es mit Neid und will dem Donnergott am Zeug flicken. „Rudern kannst du“, sagt er, „Lasten schleppen auch, aber das ist noch lange keine wirkliche Kraftprobe. Schau dir diesen Becher an! Glaubst du, dass du den zerbrechen kannst? Versuch es doch, wenn du Muskeln in den Knochen hast und nicht nur Fett!“
Das lässt sich Thor nicht zweimal sagen. Er drückt und presst, aber der Becher bleibt ganz. Er schmettert ihn mit voller Wucht gegen einen steinernen Pfeiler, aber nicht der Becher zerbricht, sondern der Pfeiler stürzt ein. Tyrs Mutter, die ihm zugeschaut hat, flüstert ihm ins Ohr: „Der größte Dickschädel auf der Welt, das ist mein Mann. Wirf den Becher gegen seine Stirn, und du wirst sehen, was geschieht.“ Das tut Thor und diesmal zerbricht der Becher in tausend Stücke.
Hyme ist benommen. Der Kopf schwindelt ihm. Er ist wütend darüber, dass er den stärksten Becher eingebüßt hat, den er je besaß und brüllt: „Das ist noch gar nichts! Ich weiß eine Probe, die du nie und nimmer bestehen wirst.“ Auf diese Herausforderung haben die Asen nur gewartet, denn jetzt zeigt Hyme ihnen, wo er seinen riesigen Braukessel versteckt hat. „Wer ihn haben möchte, der kann ihn meinetwegen mitnehmen“, ruft er lachend. Er ist fest davon überzeugt, dass keiner das Monstrum von der Stelle bewegen kann.
Tyr versucht es, aber auch beim zweiten Mal rührt sich der Kessel nicht vom Fleck. Dann ist Thor an der Reihe. Im Spagat stellt er sich über das Gefäß und spannt die Beine so weit, dass er kopfüber in den Kessel fällt. Mit letzter Kraft erhebt er sich, und nun ruht das Beutestück auf seinen Schultern. Wankend, macht er sich auf den Weg. Tyr bleibt gerade noch Zeit, seine Mutter zum Abschied zu umarmen, dann eilt er seinem Blutsbruder nach.
Weit sind die beiden aber nicht gekommen, da hören sie in ihrem Rücken Waffenlärm. Hyme setzt ihnen mit einem ganzen Heer von vielköpfigen Trollen nach. Aus jeder Geröllhalde stoßen neue Riesen zu seiner Schar. Thor legt den Kessel weg und greift zu seinem Hammer. Mjölner ist eine furchtbare Waffe, denn er trifft stets sein Ziel und kehrt jedes Mal in die Hand, die ihn geworfen hat, zurück. Es dauert nicht lange, bis die Verfolger den aussichtslosen Kampf aufgeben. Nun können die beiden Asen ihren Weg in aller Ruhe fortsetzen. Wenn es bergab geht, setzen sie sich auf den hinteren Henkel und rutschen auf dem Kessel zu Tal.
Dann aber geraten sie in ein Nebelfeld, und auf der Suche nach dem Bauernhof, wo Thor seine Böcke gelassen hat, verirren sie sich. Nachdem sie stundenlang umhergetappt sind, lichtet sich der Nebel, und sie merken, dass sie weit draußen an der Küste angekommen sind, nicht weit von der Stelle, wo der Riese Ägir wohnt. „Das trifft sich gut“, sagt Tyr. „Dort soll der Kessel hin, damit Ägir keine Ausrede mehr bleibt. Hier hast du ihn, du Meerestroll“, ruft er über den Fjord. „Fang nur beizeiten an zu brauen. Die Asen sind durstig!“ Mit diesen Worten schleudert er den Kessel über das Wasser, mit solcher Kraft, dass er über die glatte Fläche springt und springt, bis er auf Ägirs Insel landet, als wäre er einer von den Steinen, wie sie die Kinder am Strand auf die See hinauswerfen.

 

Nun trennen sich die beiden Weggefährten. Tyr will auf dem schnellsten Weg zurück nach Asgard, aber Thor muss noch seine beiden Böcke abholen. Unterwegs in den Bergen hört er einen Mann um Hilfe rufen. Auch der hat sich im Nebel verirrt. Im Schneesturm ist er im Geröll gestürzt und hat sich verletzt. Wenn Thor ihm nicht geholfen hätte, wäre er verhungert oder erfroren. „Wie heißt du?“ fragt er ihn. „Aurwandil ist mein Name“, flüstert der Mann und zeigt auf seine Zehe, die sich schon blauschwarz verfärbt hat. Thor versteht sogleich, dass der Wundbrand auf das ganze Bein übergreifen wird, wenn er nicht sofort handelt.
„Es geschieht zu deinem Besten“, sagt er und bricht ihm die verletzte Zehe ab, so dass das Blut sauber und frisch aus der Wunde fließen kann. Damit das Opfer nicht umsonst ist, wirft er die Zehe hoch in den Nachthimmel und erschafft aus ihr einen neuen Stern. Der heißt seitdem Aurwandils Zehe, aber heute nennen ihn viele den Orion.
Erst am Nachmittag des folgenden Tages erreichen die beiden den Bauernhof, wo Thor zu seiner großen Freude die beiden Böcke bei bester Gesundheit antrifft. Warum schlachtet er sie dann, zieht ihnen das Fell ab und kocht sie? Warum bittet er alle am Hof, sich an den Tisch zu setzen und mitzuessen? Das sagt er nicht. Doch die Ziegenhäute legt er sorgsam vor den Kamin zum Trocknen und von allen, die mitessen, verlangt er, dass sie alle Reste auf die Felle werfen. „Dass ihr mir vorsichtig mit den Gebeinen umgeht!“, ruft er, „Nicht einmal das winzigste Knöchelchen darf zerbrechen.“ Aber der Bauer hat zwei Kinder, einen Sohn, der Tjalve, und eine Tochter, die Roskva heißt, und die beiden hören nicht auf Thor.
So kommt es, dass Tjalve, der an einer Keule nagt, vor lauter Hunger mit dem Messer darauf einhackt, weil er das Mark aus dem Knochen schlürfen will.
Noch bevor der Morgen graut, steht Thor auf, nimmt seinen Hammer zur Hand und schwingt ihn über den Ziegenfellen. Sofort stehen die beiden Böcke wieder auf, so lebendig wie eh und je. Allerdings- einer von ihnen lahmt am Hinterlauf. Thor wird rot im Gesicht vor Wut, und die Knöchel seiner Hand werden weiß, so fest hält er den Hammer, denn er versteht sehr wohl, was geschehen ist. Einer der Schmausenden hat sich nicht an seinen Befehl gehalten! Der Bauer und seine Leute flehen um Gnade. Als er die Angst in ihren Augen sieht, lässt Thors Zorn nach, doch um eine Buße sollen sie nicht herumkommen. Der Bauer muss ihm seine beiden Kinder, Tjalve und Roskva, überlassen. Von nun an sollen sie ihm folgen. ganz gleich, wo er hingeht! Und so kommt es auch.
Zu dritt nehmen sie nun Abschied und fahren nach Asgard. Thor führt den Wagen an, Tjalve und Roskva nehmen die Böcke an die Leine. So schnell geht es voran, dass die Kinder gar nicht auf die Idee kommen, zu jammern. Sie denken an das Abenteuer, das vor ihnen liegt. Hat der Donnergott ihnen nicht versprochen, dass sie beim großen Fest dabei sein dürfen, das bei Ägir stattfinden soll?

 

regin der mächtige

Unterdessen hat sich Odin wieder auf eine seiner Reisen begeben. Jedes Mal wenn ihn seine grüblerischen Gedanken heimsuchen, setzt er sich auf sein achthufiges Pferd Sleipnir, das ebenso leicht auf dem Wasser, wie in den Lüften dahingaloppiert, und reitet so schnell davon, dass nicht einmal der Wind es mit ihm aufnehmen kann. Diesmal führt in sein Ausflug weit nach Jotunheim, ins Land der Riesen. Als er gerade umkehren will, tritt ihm ein Riese namens Rugne in den Weg. Auch er kommt hoch zu Ross daher, und er ist berühmt für sein Geschick im Umgang mit den Pferden.
Die beiden Reiter wechseln ein paar Worte. Beide behaupten, ihr Pferd sei das Beste auf der Welt. „Nicht umsonst heißt meines Gullfachse“, prahlt der Riese. „sieh nur wie sein Fell glänzt!“ – „Du kennst meinen Sleipnir nicht“, antwortet Odin. „was gilt die Wette, dass er schneller ist als deine Mähre?“
„Das wird sich zeigen! Ich halte dagegen“, ruft Rugne und gibt seiner Gullfachse die Sporen.
Aber Odin überholt ihn und hält seinen Vorsprung auf dem ganzen Weg nach Asgard. Rugne ist so hitzig, dass er gar nicht merkt, wohin die Reise geht, bis auch er mitten in der Götterburg angekommen ist. Schon eilen die Asen mit Speer und Axt herbei, doch Odin lächelt und sagt: „Diesmal soll der Troll nicht wie ein Feind, sondern wie ein Gast aufgenommen werden.“
Also wird Rugne nach Walhall eingeladen, und die Asen setzen ihm die großen Hörner vor, aus denen Thor zu trinken pflegt. Der Riese leert sie, eins nach dem andern, mit einem Zug, und bald ist er ziemlich betrunken. Nun nimmt er, wie es seine Art ist, große Worte in den Mund. „Wartet nur“, schreit er, „wenn ich nach Hause gehe, nehme ich euer ganzes Walhall unter dem Arm mit nach Jotunheim. Dort soll mir euer Haus als Hundehütte für meine Jagdmeute dienen. Und euer Asgard will ich im Meer ersäufen. Mit jedem von euch werde ich fertig, Keinen Gott und keine Göttin will ich am Leben lassen. Nur Siv und Freia, die will ich verschonen, und jede zweite Nacht will ich sie im Bett haben!“
Er säuft und säuft, während er seine Drohungen brüllt. Anfangs lachen die Asen und ihre Kämpfer über ihn, doch allmählich wird ihnen seine Prahlerei zu dumm. Freilich, er ist immer noch ein gefährlicher Gegner, und nur Freia wagt es, ihm nachzuschenken.
In eben diesem Augenblick kommt Thor von seiner weiten Reise nach Hause. Er ist ziemlich schlecht gelaunt, und was er in Walhall sieht, ist nicht dazu angetan, ihn aufzuheitern. „Wer hat diesem widerlichen Troll erlaubt, unser Haus zur Bude eines Säufers zu machen?“ ruft er „Und wie kommt Freia dazu, dem Schwätzer die Hand zu geben?“ – „Odin selber hat mich eingeladen“, antwortet Rugne. „Trotzdem wirst du es noch bereuen, dass du zu uns gekommen bist“, brummt Thor und greift nach dem Hammer in seinem Gürtel. „Du hast wohl für uns Riesen nichts übrig“, lacht Rugne, „dein Hass sitzt tief, wie mir scheint. Aber wie war das im vergangenen Frühjahr, als du die Trolltochter Eisenscher getroffen hast? Da saß wohl etwas anderes noch tiefer als der Hass, denn nun läuft sie mit dem dicksten Bauch von ganz Jotunheim herum.“
Thor steht der Zorn ins Gesicht geschrieben: denn es gefällt ihm nicht, dass die Asen von dieser Liebschaft hören. Vor allem ärgert es ihn, dass seine Frau Siv davon erfährt. Schon wiegt er seinen Hammer in der Hand, und es hat nicht viel gefehlt, da hätte er ihn dem Riesen an den Kopf geworfen. Aber Rugne ruft ihm zu; „Ehrlos ist es, einen waffenlosen Gegner umzubringen. Du weißt genau, dass ich zu Hause meinen Schild und meinen Wetzstein liegen habe. Hätte ich ihn mitgebracht, dann würde ich über deinen Hammer nur lachen. Auf der Stelle würde ich dich zum Zweikampf fordern.“ – „Wann und wo du willst“, sagt Thor. „Gut“, brüllt der Troll, “du triffst mich auf halber Strecke am Wegweiser zu meinem Hof.“
Noch nie hat jemand gewagt, Thor zum Zweikampf herauszufordern. Er ist so überrascht von dieser Dreistigkeit, dass er sofort einwilligt. Rugne ist derart betrunken, dass er sich kaum aufrecht halten kann; die Gastgeber müssen ihm helfen und ihn auf sein Ross setzen. So schaukelt der Riese nach Hause.

 

Die beiden Kinder vom Bauernhof haben dem Spektakel atemlos zugesehen. Nun bringt sie Thor in ihr neues Heim, nach Trudwang, wo Siv sie erwartet. Mit großen Augen schauen sie sich um, denn Thors Haus ist größer als alles, was sie sich bisher träumen ließen. Fünfhundertvierzig Zimmer hat es. „Kein Wunder“, murmelt Roskva, „dass ihr jemanden braucht, der hier Ordnung hält.“ Die goldhaarige Siv nimmt die beiden freundlich auf. Bald, denkt sie, werden sie sich auch mit ihren eigenen Kindern, Trud, der Tochter, und Mude, dem Sohn, gut verstehen.
Alle in Trudwang hüten sich, auch nur ein Sterbenswörtchen über Eisenscher zu verlieren. Nur Loki, der wie immer Bescheid weiß, kann seine Zunge nicht im Zaum halten. Sein alter Groll gegen Thor will sich Luft machen, und hier sieht er eine gute Gelegenheit, dem Hausherrn einen Streich zu spielen. Sogleich macht er sich auf den Weg ins Land der Riesen, um Eisenscher zu besuchen. „Weißt du, wer mich zu dir geschickt hat? Thor! Er vergeht vor Sehnsucht nach dir. Du sollst sobald wie möglich nach Trudwang kommen, damit dein Kind dort zur Welt kommen kann.“
Und weil Eisenscher ihm Glauben schenkt, klopft sie eines schönen Tages an der Pforte von Trudwang an. Siv ist von diesem Besuch keineswegs erbaut, und sie ist drauf und dran, der Fremden die Tür zu weisen. Aber dann bemerkt sie, dass Loki in der Ecke steht und sich ins Fäustchen lacht. Den Triumph, sie gekränkt zu sehen, will sie ihm auf keinen Fall gönnen. Lieber öffnet sie und lässt die Trollfrau ins Haus. Noch in derselben Nacht gebiert Eisenscher ihren Sohn Magne.
Sie weiß zu berichten, dass es in Jotunheim nur noch ein Gesprächsthema gibt: den Zweikampf zwischen Thor und Rugne. Alle rätseln darüber, wer ihn gewinnen wird, denn schließlich ist Rugne der stärkste Riese, den die Trolle je hatten.
„Sein Kopf ist aus Stein“, behauptet Eisenscher, „genau wie sein Herz, das zackig ist und drei Ecken hat. Und damit nicht genug! Die Riesen haben sich zusammengetan, um ihm einen Helfer zu machen, der ihn auf dem Kampfplatz begleiten soll, und zwar ist das ein Mann aus Lehm, neun Meilen hoch und drei Meilen breit über der Brust. Den haben die Trolle zum Leben erweckt und ihm das Herz einer Stute eingepflanzt.“
Als das die Asen hören, wird ihnen zweierlei zumute. Nur Loki lacht. „Na ja“, sagt er, „wer weiß, vielleicht wird unser Fest bei Ägir mit einem Leichenschmaus enden; fragt sich nur für wen.“ – „Sei still!“ ruft Odin, der das Schicksal nicht herausfordern möchte. „Übrigens, wenn Rugne mit einem Knappen anrückt, bringen wir auch unsere Helfer mit. Das ist nur recht und billig.“ Und er zeigt stolz auf das gewaltige Heer der Untoten. „Bessere Krieger gibt es auf der ganzen Welt nicht.“ Das wiederum hört Thor nicht gern. „Mag mein Vater es mit den Untoten halten; ich jedenfalls habe für lebendige Menschen mehr übrig. Ich nehme den jungen Tjalve mit.“ – „Was?“, fragt Loki grinsend. „Mit einem kleinen Jungen willst du den Riesen besiegen?“
Als der Tag der großen Kraftprobe gekommen ist, haben sich viele Asen und Trolle am Schauplatz versammelt. Der wilde Rugne ist mit einem starken steinernen Schild angetreten und hat seinen gewaltigen Wetzstein mitgebracht. Neben ihm ragt einer in die Höhe, der fast noch gefährlicher aussieht; ein enormer Riesenkerl aus Lehm mit Füßen wie Felskuppen und einem Dickschädel, der bis in die Wolken ragt.
Aber wo bleibt Thor? Ein Junge kommt über das Feld gelaufen, und ruft dem Troll zu. „Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen!“ Der Riese weiß nicht, wer Tjalve ist, und er ist überrascht, dass sich ein kleiner Mensch zu ihm auf den Kampfplatz wagt. Er beugt sich zu ihm hinab, um besser zu hören. „So wie du deinen Schild vor dich hinhältst, wirst du sicher den Kürzeren ziehen“, sagt Tjalve ihm ins Ohr. „denn Thor hat schon von weitem gesehen, wie du dastehst. Ich weiß was er vorhat. Er hat sich nämlich einen Stollen unter der Erde gegraben, und wenn er in deiner Nähe angekommen ist, greift er dich von unten an:“ – „Das soll ihm nichts nützen“, brüllt Rugne, legt seinen Schild auf den Boden und springt mit beiden Beinen darauf. Aber da hört man ein Donnern und ein Dröhnen und schon zeigt sich Thor, Odins Sohn. Aus einer dunklen Wolke schießt er hernieder, aufrecht im Wagen stehend, die Zügel in der einen, den Hammer in der andern Hand. Sein roter Bart leuchtet wie Feuer, und ein Sturmwind peitscht seine Böcke voran.
Jetzt greift Rugne wutentbrannt nach seinem Wetzstein. Der Goliath aus Lehm aber erschrickt so sehr über den rollenden Donner, dass er das Wasser nicht halten kann. Nach allen Seiten sprudelt es heraus, und auf dem Leib des Riesen zeigen sich nasse Flecken.
Jetzt schleudern die beiden Kämpfer einander ihre Waffen entgegen. Thor seinen Hammer, Rugne seinen Wetzstein. Dröhnend prallen Eisen und Stein aufeinander. Der Wetzstein zerspringt in tausend Scherben, die wie ein Hagelschauer über der ganzen Welt zu Boden fallen. Heute noch kann man an allen Küsten sehen, wo sie niedergegangen sind, an den spitzen Schären, die aus dem Meer ragen.
Einer der Splitter aber hat Thor am Kopf getroffen, mit solcher Wucht, dass er aus seinem Wagen stürzt. Den Treffer überlebt er, bleibt aber benommen liegen, und kriechend versucht er, wieder in die Höhe zu kommen. Siv und ihre Kinder kreischen vor Angst, und Eisenscher, die ihrem Säugling Magne die Brust gibt, jammert. Aber mit Rugne nimmt es ein viel schlimmeres Ende. Thors Hammer spaltet ihm den Schädel, und der Riese fällt tot um. Jetzt jubeln Siv und Eisenscher und reichen sich vor Freude die Hand.
Doch der gefällte Riese stürzt so, dass einer seiner schweren Füße quer auf den Hals des Donnergottes zu liegen kommt. Thor ist eingeklemmt und kann sich nicht mehr rühren. Tatenlos muss er zusehen, wie der junge Tjalve nun ganz allein den Kampf mit dem Goliath aus Lehm aufnimmt. Aber der zeigt sich ebenso ängstlich und feige, wie er groß und abscheulich ist, und der Junge bringt es fertig ihn umzulegen. Daran kann man wieder einmal sehen, dass es in dieser Welt nicht auf den Brustumfang und die Schuhgröße ankommt. Als die Trolle sehen, wie das Monster in Stücke springt, schlagen sie sich in die Büsche, und manche, die einen Schwanz haben, schleifen ihn mutlos hinter sich her.

 

Nun kümmert sich Tjalve um seinen Herrn Thor, der immer noch unter dem Fuß von Rugne daliegt. Er versucht, das Bein des Gefallenen hoch zu heben, aber das geht über seine Kräfte. Die Asen eilen herbei, um ihm zu helfen, aber der Riesenfuß bewegt sich nicht; es ist als wäre er festgenagelt. Alle kratzen sich am Kopf und überlegen, was sie tun sollen. Auch Siv und Eisenscher sind herbeigeeilt. Der kleine Magne, Eisenschers Sohn, der erst drei Tage alt ist, findet, dass er nun genug Milch getrunken hat. Er lässt die Brust der Mutter los, wischt sich zufrieden den Mund ab, und springt aus ihren Armen. Dann krabbelt er zu Thor hin und greift nach dem Fuß des Riesen. Mit einem Ruck hat er ihn in die Höhe gehoben und seinen Vater befreit. „Schade, dass ich so durstig war“, sagt er, „sonst hätte ich den dummen Troll mit meinen bloßen Fäusten erschlagen.“
Thor ist so stolz auf seinen kleinen Sohn, dass er ihm auf der Stelle Rugnes Pferd, die herrliche Gullfachse zum Geburtstag schenkt. Das will Odin nur halb gefallen. Er räuspert sich und sagt: „Wäre es nicht besser, ein so wunderbares Ross mir zu überlassen? Soll sie denn wirklich in die Hände eines hergelaufenen Trollkindes fallen?“ Aber Thor lacht nur über diesen Einfall und drückt den kleinen Magne an sein Herz. „Mag schon sein, dass er ein Trollkind ist, aber wer sein Vater ist, das steht fest!!“ Odin macht sich wortlos auf den Heimweg, doch Thor und Tyr, die Blutsbrüder, zwinkern sich verständnisinnig zu. Sie wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können.
Thor ist immer noch halb betäubt vom Schlag des Wetzsteins, der in seinem Kopf festsitzt, und niemand weiß wie man ihn herausholen soll. Er legt einen Arm um Siv, und den andern um Eisenscher. Auf sie gestützt, kehrt er heim nach Trudwang, gefolgt von den Kindern. „Du warst auch nicht schlecht“, sagt Magne, spuckt weit aus und klopft Tjalve anerkennend auf den Rücken.
Unterwegs begegnet ihnen eine alte Frau, die berühmt ist für ihre magischen Künste. Sie legt ihre Hand auf den Wetzstein und singt und kräht die stärksten Zauberreime, die sie kennt. Nach einer Weile spürt Thor, wie der Stein sich langsam löst. Da fällt ihm ein, dass auch er der Alten etwas zu bieten hat. Denn sie ist mit Aurwandil verheiratet, dem Wanderer, den Thor hoch im Norden verwundet im Eis gefunden und gerettet hat, „Du hast dir sicherlich Sorgen um ihn gemacht“, sagt er, „aber keine Angst! Er wird sicherlich bald gesund nach Hause kommen.“ Da ist die Alte außer sich vor Freude, dass sie darüber die letzten Strophen ihres Zauberreims vergisst und nicht mehr weiterweiß. Und so bleibt der Wetzstein wieder stecken.
Solange er lebt, wird Thor nun mit diesem Andenken an den Kampf mit Rugne herumlaufen müssen. Deshalb heißt es bis auf den heutigen Tag, dass man nie einen Wetzstein fortschleudern darf, denn dann rührt sich der Riesensplitter in Thors Stirn, und der Geplagte fängt an zu wüten. Mit einem Donnergott der Kopfweh hat, ist aber nicht zu spaßen. Freund und Feind tun gut daran, sich vor ihm zu hüten.
Trotz allem steht es nicht so schlecht um Thor, dass er nicht von Herzen gern mitgekommen wäre, als Ägir endlich sein Bier im Kessel des Riesen fertig gebraut hat und die Asen zum großen Fest lädt. Alle finden sich ein, sogar Odin lässt sich zu diesem Ausflug überreden.
Der Festsaal auf Ägirs Hof heißt Brime, und das heißt soviel wie „Der Schäumende“. Er macht seinem Namen alle Ehre, denn zu trinken gibt es mehr als genug. Die Biertonnen gleiten auf den Tischen hin und her und schenken ganz von selbst nach, sobald ein Becher geleert ist. Um den großen Saal zu erleuchten, braucht es kein Feuer und keine Fackeln, denn Ägir hat ihn mit Gold verkleidet, das so rein ist, dass es im Dunkeln leuchtet. Auch Tjalve und Roskva sind eingeladen, und der kleine Magne sitzt auf Thors Schoß und trinkt mit seinem Vater um die Wette. Selten haben die Asen ein so vergnügliches Fest gefeiert.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an das Mystische

TA KI

Die Wilden Götter – Sagenhaftes aus dem hohen Norden Kapitel 4


Heimdalls Söhne

heimdallEin Mann der sich Rig nennt, geht am Strand spazieren. Auf grünen Pfaden ist er durch ganz Mitgard gewandert. Er ist groß und blond und überall wird er als Gast willkommen geheißen. Noch nie hat ihm jemand das Dach über dem Kopf verweigert. Die Männer suchen seine Freundschaft, und die Frauen wissen ihn als Liebhaber zu schätzen, obwohl er wenig spricht und selten lacht. Würde er nämlich seine Zähne zeigen, dann könnten alle sehen, dass er kein Mensch ist. Rig ist nicht Rig, sondern Heimdall, der Gott der bei Nacht ebenso gut sieht wie am Tag, der das Gras auf der Wiese und die Wolle auf den Schafen wachsen hört, und seine Zähne sind aus schierem Gold.
Aber warum hat er seinen Wachposten auf der Regenbogenbrücke verlassen, die von Asgard nach Mitgard führt? Warum wandert er als Mensch verkleidet durch die Welt? Odin der Götterkönig hat ihn geschickt, mit einem Auftrag, der so geheim ist, dass die Trolle und die Riesen nichts davon erfahren dürfen.
Nie sind die Asen mächtiger gewesen als heute, doch macht Odin sich Sorgen wegen der alten Feindschaft, die zwischen Asen und Riesen herrscht. Er weiß, dass es Feuer gibt, die nie verglühen. Manchmal fallen sie in sich zusammen und brennen so niedrig, dass es aussieht, als wären sie erloschen. Doch unter der Asche glimmt es weiter, und die kleine rote Glut wartet nur darauf, dass man sie mit neuem Holz und neuem Reisig schürt, und schon zischt und knistert es, und das Feuer beginnt von neuem zu lodern. Ein solches Feuer ist der Hass.
Odin weiß sehr wohl, dass die Asen in der Minderheit sind, und dass sich Riesen und Trolle vermehren wie die Karnickel. Er hört den Fenriswolf, der bald so groß gewachsen ist wie ein Pferd, unter den Sternen heulen. Er liegt an der Kette, aber was ist, wenn die Kette reißt? Auch denkt Odin an die giftige Mitgardschlange, die sich um die ganze Welt ringelt. Die Asen hatten sie ins Meer geworfen, aber was ist, wenn sie ans feste Land kriecht? Ist ihm nicht geweissagt worden, dass sich alle Mächte der Finsternis versammeln, und wie ein Sturmwetter über die Erde hinziehen werden. Nicht nur , dass die Feinde der Asen in Mitgard, der Heimat der Menschen, einfallen, diese ausplündern und zerstören werden; sie werden auch versuchen, die Steine, die die gewaltige Burg Asgard schützen, zu lockern, und die Festung zu stürmen.
So heißt es, und Odin geht dieser Gedanke nicht aus dem Kopf. wenn es aber eines Tages dazu kommt, sind die Asen dann dem Ansturm gewachsen? Ist ihr Heer stark genug, um den Feind zu schlagen? Dazu braucht Odin viele kräftige Kämpfer. Aus diesem Grund hat er seinen Sohn Heimdall nach Mitgard geschickt. Er will, dass er mit den Frauen dort Kinder zeugen soll, als Stammvater eines neuen stärkeren Menschengeschlechts. Heimdall sieht sich lange um, bevor er sich entscheidet. Dreimal wählt er, und seine Wahl ist recht sonderbar. Die erste Frau, mit der er sich einlässt, heißt Edda. Sie ist alt und grau, arm und in Lumpen gekleidet, und wohnt mit ihrem Mann in einer baufälligen Kate. Es stört Heimdall nicht, dass sie bereits Urgroßmutter geworden ist, als er ihr begegnet. Nach dem Abendessen, darf er zwischen den Eheleuten in ihrem Bett schlafen. Drei Tage hält er es dort aus, bevor er weiterzieht. Das zweite Mal trifft Heimdall es schon besser, denn Amma, die Bäuerin, die er nun wählt, ist eben erst Großmutter geworden. und die dritte, die mit einem Häuptling verheiratet ist und Mor heißt, ist sogar so jung, dass sie zwar eigene Kinder, aber noch keine Enkel hat.
Jedes Mal macht Heimdall sich auf dieselbe Art und Weise an die Arbeit. Er teilt Tisch und Bett mit seinen Wirtsleuten und bleibt drei Tage und drei Nächte lang bei ihnen. Kurz nachdem er sich verabschiedet hat, merken die Frauen, dass sie ein Kind erwarten. Neun Monate später werden drei Jungen geboren. Eddas Sohn Trell ist groß und stark, Ammas Sohn Karl hat rote Haare und klare Augen, und Mors Sohn Jarl fängt schon als kleines Kind an, mit Schild und Speer zu spielen.
Es sind diese drei Kinder, aus denen ein neues Menschengeschlecht hervorgehen soll. Daher kommt es auch, dass die Dichter und Sänger uns heute noch die Söhne Heimdalls nennen.

 

Unterdessen ist in Asgard allerhand geschehen. Der Frühling ist gekommen, und die große Wiese blüht. Eine junge Frau wandert barfuss über das weiche Gras, singt vor sich hin und pflückt die ersten Blumen. Es ist Iduna. Ihr Mann ist Brage, der Gott der Dichtkunst, aber alle in Asgard wissen, dass Iduna es mit der Ehe nicht so genau nimmt; sie treibt ihre Liebesspiele auch gern mit andern. Trotzdem wirkt sie immer wie ein unschuldiges kleines Mädchen. Keiner, auch Brage nicht, macht ihr Vorwürfe oder versucht sie zu ändern. Denn sie besitzt einen kostbaren Schatz, den wertvollsten, den es in Asgard gibt; einen Schrein mit magischen Äpfeln. Wer von ihnen isst, der altert nicht; er bleibt ewig jung. Ohne Idunas Äpfel wären die Asen schon längst zahnlos und altersschwach.
Allerdings müssen die magischen Äpfel sorgsam gehütet werden, denn leider ist Iduna vergesslich. Sie kann sich einfach nicht daran erinnern, wo sie sie gepflückt oder gefunden hat. Das sieht ihr ähnlich, denn sie weiß nie, was sie früher getan hat, und macht sich keine Gedanken über das, was ihr bevorsteht.
Doch noch reichen Idunas Äpfel für alle. Deshalb führen sich die Asen auf, als wären sie jung. Ausgelassen, ja sogar übermütig sind sie auf Mutproben und gefährliche Abenteuer aus und jederzeit bereit zu einem Flirt oder einer neuen Liebschaft. Sie halten sich an Freia, die Liebesgöttin, die ihnen gern ihr Ohr leiht und ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht, wenn es um solche Sehnsüchte geht.
Nur sich selbst kann Freia nicht helfen. Jede Nacht weint sie sich in den Schlaf. Sie hat Liebeskummer, weil ihr Mann Od sie verlassen hat, Sie weiß nicht, wo er ist, und vermisst ihn schmerzlich. Es ist schon lange her, dass er sich aus dem Staub gemacht hat, aber sie denkt immer noch an ihn. Wenn sie einen andern umarmt, schließt sie die Augen und träumt, dass es Od ist. In diesem Frühjahr ist es noch schlimmer als sonst Freia weint Tränen aus purem Gold, und manchmal vergisst sie sogar, ihre Katzen zu füttern.
Die andern Frauen besuchen sie auf Folkwang, ihrem Sitz, und versuchen sie zu trösten. Drei von ihren Freundinnen kennen sich besonders gut in den Künsten der Liebe aus. Die erste kann einen Mann und eine Frau dazu bringen, dass sie sich ineinander verlieben; die zweite kann Paaren helfen, die ein widriger Umstand daran hindert, sich zu treffen. aber was nützen Freia ihre Gaben? Verliebt ist sie ja schon, und keine feindliche Macht ist daran schuld, dass sich Od von ihr getrennt hat. Vielleicht kann die dritte etwas für sie tun, die es mit der Treue hält; sie weiß, was sich alle Liebenden geschworen haben, sie vergisst nichts, und sie kann dafür sorgen, dass sich jeder Verrat rächt. „Ich werde deinen Mann bestrafen“, ruft sie wütend, „er hat sein Gelübde gebrochen.“
„Und was hätte ich davon, dass er bestraft wird und leiden muss?“, fragt Freia, „Ich will ihn doch nur zurückhaben!“ Sie ist derart außer sich, dass sie sich die Kleider vom Leib reißt, und nackt wie eine läufige Katze miauend, untröstlich unter dem Mond umherirrt, während die Tränen wie ein goldener Regen ihr zu Füßen auf die Erde fallen.
Auch Odin kann nicht schlafen. Er denkt über die Liebe nach, über die Macht, die sie nicht nur über die Menschen, auch über die Asen und Trolle hat. Wie ein Sturm fällt sie her über alles, was atmet und lebt. Dass sie die Menschen überwältigt, ist vielleicht nicht so merkwürdig, denn die Menschen sind schwach, und ihr Leben ist kurz. Aber Freia, die Liebesgöttin, die schon tausende von Jahren gelebt hat! Wie kommt es nur, dass sie dieser Leidenschaft nicht Herr wird? Odin hört sie heulen und rufen, und er weiß, dass auch er nicht imstande ist, ihr zu helfen.
Er betrachtet seine Frau Frigga, die friedlich neben ihm schläft, und er erinnert sich, wie er einmal von einer Reise zurückgekehrt ist, die viele Jahre gedauert hatte. Damals musste er entdecken, dass sie sich inzwischen mit seinen Brüdern Wile und We zusammengetan hatte. Das ist lange her, und die beiden Brüder sind schon längst nicht mehr am Leben. Und doch spürt er einen kleinen Stich ins Herz. Odin beugt sich über Frigga und streichelt sanft über ihre Wangen. Draußen aber hört er Freia jammern, als bräche ihr das Herz vor Kummer.
Am andern Morgen, ist sie in Asgard das Gespräch des Tages. Die meisten Asen finden, dass sie sich ungebührlich benimmt. Ihr Bruder gerät in eine Rauferei, als er sie gegen die Schandmäuler verteidigen will. Ihr Vater versucht, ihr Vernunft zu predigen. Aber Freia will nicht auf ihn hören, sie knurrt und zischt ihn an.

 

Odin hat das Ganze satt. Der Klatsch der Asen ödet ihn an. Er macht sich wieder einmal auf eine seiner Wanderungen. Denn die Welt ist groß, und es gibt immer noch vieles zu entdecken. Diesmal bittet er den schlauen Loki und seinen alten Gefährten Huhne, ihn zu begleiten.
Die drei Asen ziehen über die Ödmark und in die Berge. Dort kann man allerdings verhungern. Starke Leute wie die Asen werden auf die Dauer von Beeren und Wurzeln nicht satt. Deshalb sind die Wanderer froh, als sie in einem Tal auf eine Rinderherde stoßen. Sie fackeln nicht lange und töten einen Ochsen. Dann lassen sie sich im Schatten einer großen Eiche nieder und graben eine Grube, in der sie Feuer machen. Das Fleisch kocht und kocht, aber es will nicht gar werden. Plötzlich hören sie eine Stimme: „Der hier oben sitzt sorgt dafür, dass euer Fleisch roh bleibt.“
Die Asen blicken empor und sehen einen riesigen Adler im Geäst hocken. „Wenn ihr wollt, könnt ihr bald essen, aber nur, wenn ihr versprecht, mit mir zu teilen.“
„Meinetwegen“, antwortet Odin, und schon flattert der Adler herunter und macht sich über das Fleisch her. Aber was ist das für ein gieriger. Vogel! Schon hat er zwei Keulen und zwei Schulterstücke verschlungen. Loki wird wütend. Er greift nach einem langen Pfahl und drischt auf den Adler ein. Der weicht zurück, doch der Stock bleibt im Rücken stecken. Loki will nicht loslassen, der Adler aber versucht, sich in die Luft zu erheben, und zerrt den kleinen Gott mit sich. Loki hängt an ihm und schreit: „Willst du mir die Arme aus dem Leib reißen?“
Der Adler ist nicht stark genug, um ihn davonzutragen. Auf halber Höhe schleppt er Loki mit, über Stock und Stein.
„Lass mich los!“ bettelt er, und der Adler antwortet: „Nur wenn du mir eines versprichst.“ – „Alles, was du willst.“
„Schwör mir, dass du mir Idunas Äpfel bringst!“ – „Ich schwör’s dir“, schreit Loki, der um sein Leben fürchtet. Da kehrt der Adler um und bringt ihn zu den anderen zurück, die unter der Eiche lagern. Dort wird Loki endlich losgelassen. Ziemlich mitgenommen und ganz schwindlig im Kopf fällt er zu Boden. Die drei Asen machen sich auf den Heimweg. Aber in Asgard ist immer noch keine Ruhe eingekehrt. Nach wie vor ist Freia das Tagesgespräch. Sie hatte es satt, auf Od zu warten, und hat sich ihrerseits auf den Weg gemacht, um ihn zu suchen. Lange Jahre werden die Asen sie nicht wiedersehen.
Doch bald werden sie von ganz anderen Sorgen heimgesucht. Wieder einmal hat Loki sich eine Suppe eingebrockt, die er nun auslöffeln muss. Er geht zu Iduna und versucht, sie zu beschwatzen. „Ich war unterwegs, und in einem fernen Wald habe ich ein paar merkwürdige Apfelbäume gesehen. Die Äpfel, die dort wachsen, duften genau wie die deinen. Vielleicht haben sie auch dieselbe Zauberkraft? Du weißt doch, dass wir alle fürchten, eines Tages könnte dein Vorrat zu Ende gehen. Lass uns der Sache nachgehen! Komm mit mir, nimm deine Äpfel mit, damit wir sie vergleichen können, und alle werden es dir danken.“
Iduna ist eine treuherzige Seele. Sie glaubt Loki, holt ihre Äpfel aus dem Schrein und zieht mit Loki hinaus in den Wald. Auf einer Lichtung geschieht es: Ein dunkler Schatten, ein Flattern in der Luft, und schon hat der riesige Adler Iduna gepackt und davongetragen. Nach Nordosten fliegt er, zu einem großen Hof im Gebirge, der Trymheim heißt. Dort wirft der Adler seine Vogelgestalt ab und zeigt, wer er ist: der gefürchtete Riese Tjatse.
„Jetzt gehörst du mir“, sagt er zu Iduna, „und mit deiner Hilfe werde ich bald der Mächtigste auf Erden sein. Denn ohne deine Äpfel ist Odin verloren. Mitsamt seinem ganzen Göttergesindel wird er alt werden und sterben. Sogar Thor wird zu kraftlos sein, um seinen Hammer zu schwingen. Aber wir beide, du und ich, wir werden ewig leben!“
Die Asen ahnen noch nichts von der Gefahr. Nur Brage merkt, dass seine Frau Iduna verschwunden ist. Er wartet vergebens auf sie. Obwohl sie so zerstreut und unbekümmert ist, findet sie gewöhnlich doch nach Hause, bevor es dunkel wird. Aber diesmal muss Brage alleine schlafen.
Auch Heimdall kann er nicht fragen, ob der seine Frau gesehen hat. Denn der Wächter der Regenbogenbrücke ist nach Mitgard geritten. Er will nachsehen, wie es seinen drei Söhnen geht. Sie sind inzwischen erwachsen und haben selber schon Kinder. Trell, dem Bauern, und Karl, der Schmied geworden ist, gibt sich Heimdall nicht zu erkennen. Er weiß, dass sie ihr Auskommen finden werden. Aber gespannt ist er, was aus seinem dritten Sohn Jarl geworden ist. Odin hatte es doch besonders auf Krieger und Häuptlinge abgesehen! Heimdall lauert ihm hinter einem Baum versteckt auf. Als Jarl ihm entgegen reitet, regt sich der Stolz auf diesen Sohn in ihm, denn der ist stark und ohne Furcht.
„Ich bin Rig“, begrüßt er ihn, „und du weißt wohl, was dieser Name bedeutet – soviel wie König. Du bist mein Sohn, und so wie ich ein König bin, so werdet auch ihr, du und deine Nachkommen, unter den Menschen die Ersten sein.“
Und dann bringt er ihm alles bei, was er selber versteht, und das ist nicht wenig. Auch die Runenschrift lehrt er ihn. Das sind mächtige Zeichen, die gegen seine Feinde helfen sollen und die das Leben leichter machen können.
So wie Heimdall es beschlossen hat, so geschieht es. Jarl wird Land gewinnen und der Herr über achtzehn Höfe sein. Seine Söhne werden ihn an Kühnheit noch übertreffen, vor allem der Jüngste. Der wird stärker sein als acht gewöhnliche Männer, und an Weisheit und Runenkunst wird er es so weit bringen, dass er sogar die Sprache der Vögel versteht. Das alles sieht Heimdall voraus, und er weiß, dass er Odins Auftrag erfüllt hat.

 

Aber nach Asgard zurückgekehrt, merkt er bald, dass es dort nicht zum Besten steht. Seit Iduna verschwunden ist, sind die Asen bekümmert, und man sieht es ihnen an. Wie steif und morsch sie geworden sind. Die Frauen stehen vor dem Spiegel und zählen ihre Falten und ihre grauen Haare.
Endlich reißt Odin die Geduld, und er beruft eine Ratssitzung ein. „Wo ist Iduna hin? Was ist mit den Äpfeln geschehen? Wer hat was gesehen? Weh dem, der mir etwas verschweigt!“ Einer von den kleineren Göttern rückt mit der Sprache heraus. „Ich habe einmal Loki mit ihr gesehen.“, sagt er, „Mit ihm zusammen hat sie Asgard verlassen.“
Nun ist Loki in der Klemme. Zuerst versucht er noch zu leugnen. Aber es hilft ihm nichts. „Schluss mit deinen Ausflüchten.“, sagt Odin, „Wo hast du sie hingeführt?“
„Das war nicht ich“, windet Loki sich, „Ein Adler hat sie geraubt. Ich habe versucht sie zu verteidigen, so gut ich konnte. Aber der Adler war stärker, und was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht.“ – „Und warum hast du uns das verschwiegen?“ – „Weil ihr immer, wenn etwas Schlimmes passiert, einen Sündenbock braucht, und der bin ich.“
Aber damit geben sich die Asen nicht zufrieden. „Jetzt spielt er auch noch den Beleidigten.“, sagen sie, „Das geht zu weit! Wir reißen dir Beine und Arme aus, wenn du nicht gestehst. Und wenn du Iduna nicht nach Asgard zurückbringst, machen wir dich um einen Kopf kürzer.“
Loki sieht ein, dass ihm nichts anderes übrigbleibt. „Ich will sie suchen und wiederbringen. Ich verspreche es“, fleht er, „Aber dazu brauche ich Freias Falkengestalt.“
„Gut“, sagen die Asen, aber sie trauen ihm nicht über den Weg und begleiten ihn nach Folkwang. Die Herrin des Hauses ist nicht da, sie ist immer noch auf der Suche nach ihrem Mann. In der großen Halle liegen ihre verlassenen Katzen herum. Doch ihre beiden Töchter können aushelfen. Sie wissen, wo das Falkenkleid liegt, und erlauben Loki, es sich auszuleihen. Sofort verwandelt er sich in einen Falken und fliegt davon. Es ist weit nach Trymheim, aber gegen Abend kommt Loki im Haus des Riesen an. Iduna ist allein, denn Tjatse ist hinaus aufs Meer gefahren um zu fischen. Loki verzaubert die Göttin in eine Nuss, packt sie mit seinen Klauen, und flattert auf und davon. Den Schrein mit den Äpfeln trägt er im Schnabel. Aber es dauert nicht lange, da kehrt Tjatse von seinem Fischzug heim und findet das Haus leer. Er begreift sogleich, was geschehen ist, wirft sich die Adlergestalt über und setzt dem fremden Falken nach.
Aber es ist nicht so leicht, Loki einzuholen. Er hat seinen Vorsprung genutzt und ist schon in Sichtweite von Asgard, als der Adler hinter ihm herjagt. Einer der Asen hat die Vögel kommen sehen und die anderen Götter herbeigerufen. Sie wissen, was zu tun ist. Eilig sammeln sie Holzspäne und häufen sie an den Mauern der Festung auf. Kaum ist der Falke sicher in Asgard, gelandet, da zünden sie die Späne an. Der Adler kann in seinem Sturzflug nicht ausweichen und stürzt in die himmelhoch lodernden Flammen. Seine Schwingen fangen Feuer, und der große Vogel schlägt mit versengten Federn vor Asgards großer Pforte auf. Jetzt ist es kein Kunststück mehr, ihn zu ergreifen, und ohne zögern, schlagen sie ihn tot.
Nun ist Loki wieder ganz der alte. Stolz wie ein Hahn kräht er: „Ich bin doch der Schlaueste von euch allen. Was würdet ihr nur ohne mich anfangen?“ Aber niemand hat Lust, mit ihm zu zanken, auch Iduna nicht, die sich wie immer an nichts erinnern kann. Außerdem, denkt Odin, wer weiß, ob Loki nicht recht hat? Vielleicht geben wir ihm wirklich oft die Schuld, wenn uns wieder einmal etwas Unangenehmes passiert ist? Jedenfalls sind alle in Asgard glücklich, dass Iduna wieder da ist, und dass sie alle Tage von ihren Äpfeln naschen können.

 

Aber damit ist die Sache mit Tjatse, dem Riesen noch nicht aus der Welt. Denn der hat eine Tochter, die wenigstens so wild und kriegerisch ist, wie ihr Vater. Nicht umsonst heißt sie Schad. Als sie erfährt, dass die Asen den alten Tjatse umgebracht haben, holt sie Helm und Harnisch hervor und macht sich auf den Weg nach Asgard.
Dort empfängt Odin sie, der keine Lust hat, mit ihr und ihrer Sippschaft eine Blutfehde anzufangen. Er versucht, den Streit zu schlichten und bietet ihr einen Haufen Gold als Wergeld an. Aber die Riesin lacht ihn aus. „Ihr wisst wohl nicht wer mein Vater war?“, ruft sie, „Der Sohn des reichsten Riesengeschlechts, das je gelebt hat. Als er sich mit seinen Brüdern die Erbschaft teilte, da haben sie für ihren Goldschatz – ein Mundvoll – als Maß genommen, und obwohl sie das Maul aufrissen, bis sie sich beinah die Kiefer ausgerenkt hatten, mussten sie tagelang ihre Münder aufsperren, bis der ganze Schatz zwischen ihnen nach Recht und Billigkeit aufgeteilt war. Und da wollt ihr mir Eindruck machen mit eurem bisschen Gold? Ich verzichte auf eure Almosen!“
Schließlich, nach langem Hin und Her, macht Schad den Asen einen Gegenvorschlag. „Ich will Frieden geben, aber unter zwei Bedingungen.“, sagt sie, „Erstens will ich mir einen Ehemann unter den Asen aussuchen. Und zum andern müsst ihr mich wenigstens einmal zum Lachen bringen. Das ist gar nicht so einfach. Lasst euch etwas einfallen. Dann soll der Streit begraben sein.“
Was bleibt Odin anderes übrig, als sich mit diesem Handel abzufinden? Aber er besinnt sich und fügt der Abmachung noch eine Klausel hinzu. „Von dem Mann, den du auswählst, sollst du nur die Füße sehen, mehr nicht. Sonst wird nichts aus deiner Hochzeit.“
Murrend geht die Riesin darauf ein, und sogleich ziehen die Männer ihre Schuhe aus. In einer langen Reihe stellen sie sich hinter einem Wandbehang auf, der ihr Gesicht und ihren Leib verdeckt. Nun schreitet Schad langsam das Spalier ab. Ganz genau studiert sie bei jedem Rist, Knöchel und Zehen. Sie versucht zu erraten, welche Füße Baldur gehören, dem schönsten Mann in Asgard; denn ihn möchte sie haben.
Endlich bleibt sie vor einem Paar Füße stehen, die ihr besonders schön vorkommen. „Den hier wähle ich zum Mann.“, ruft die Riesentochter, „Das muss Baldur sein, an dem alles ohne Fehl und Makel ist.“ Der Wandteppich fällt, und sie muss einsehen, dass sie sich getäuscht hat. Nicht Baldur ist es, den sie sich ausgesucht hat, sondern Njord, der älteste der Wanen, der einst nach dem großen Krieg als Geisel nach Asgard kam. In den alten Zeiten hatte er seine eigene Schwester geheiratet und mit ihr einen Sohn und eine Tochter gezeugt: keine andern als Frei und Freia, die mit ihm in die Burg der Asen kam.
Nun steht Schad mit rotem Gesicht vor den Göttern, die vor Lachen nicht aus und ein wissen. Nur Odin, der Kluge, dämpft ihre Heiterkeit. „Was habt ihr nur?“, sagt er, „Schad hat doch eine gute Wahl getroffen. Und was Njord betrifft, unsern alten Witwer – der hat lange genug, ohne eine Frau auskommen müssen.“
Aber Schad gibt sich nicht so leicht geschlagen. „Ihr vergesst wohl, dass ich auch eine zweite Bedingung gestellt habe.“, sagt sie, „Wenn ihr sie nicht erfüllt, gibt es Krieg!“ Also müssen die Asen alles versuchen, um sie zum Lachen zu bringen. Sie denken sich allerlei Späße und Narreteien aus, aber Schad verzieht keine Miene dabei. und die Götter sind schon nahe daran, aufzugeben. Da springt Loki in die Bresche. Er zieht sich splitternackt aus, holt einen Ziegenbock aus dem Stall und wickelt eine lange Schnur auf. Das eine Ende knüpft er an den Ziegenbart, das andere bindet er an seinem Schwanz fest, und sogleich fängt der Bock an, daran zu zerren. Loki gibt nicht nach. Er schreit, der Bock meckert, das Tauziehen geht weiter, bis Loki endlich dem Bock um den Hals fällt. Da kann auch Schad nicht ungerührt zusehen, und sie hält sich den Bauch vor Lachen.
Die Nacht bricht an, und mit einem großen Fest wird der Friede gefeiert. Auch Loki ist wieder in Gnaden aufgenommen. Mag er auch dann und wann eine Pest und eine Plage sein, sagen sich die Asen, am Ende müssen wir doch froh sein, dass wir ihn haben. Odin will auch Njords Braut etwas Gutes tun, um sie zu versöhnen. Er reißt ihrem toten Vater beide Augen aus und wirft sie an den Himmel, wo sie sich augenblicklich in zwei Sterne verwandeln. Dort leuchten Tjatses Augen bis auf den heutigen Tag, und wer will, kann sie im kleinen Bären finden. Aber mit der Ehe zwischen Njord und Schad wird es kein gutes Ende nehmen. Denn Njord will in Noatun wohnen, ganz nah am Meer, und Schad hat sich in den Kopf gesetzt, im Gebirge zu bleiben, auf Trymheim, dem Hof ihres Vaters. Vielleicht könnten sie sich darauf einigen, hin und herzuziehen, neun Nächte an der Küste, neun Nächte im Gebirge! Aber dort kann Njord nicht schlafen, weil dort die Wölfe heulen, sobald es dunkel wird, und Schad beklagt sich, dass sie morgens immer vom Geschrei der Möwen aufgeweckt wird. Es wird ihnen wohl nichts anderes übrigbleiben als die Scheidung. Dann kann Schad in die Berge ziehen. Dort geht es ihr am besten, denn am liebsten nimmt sie ihre Skier und geht mit Pfeil und Bogen auf die Jagd. Auch wenn sie in Trymheim wohnt, wird sie nach wie vor zu den Asen gezählt, weil sie immerhin mit einem der Götter verheiratet war, und seither gilt sie als Schutzherrin der Skifahrer.

 

freyja katze

In Asgard ist das Leben inzwischen zur Ruhe gekommen. Jeder der Asen kümmert sich um seine eigenen Angelegenheiten. Nur Odin ist wieder einmal rastlos und ungeduldig. Er schickt Hugin und Munin, seine beiden Raben, nach Süden und nach Westen aus, und wenn sie heimkehren, stellt er ihnen jedes Mal dieselbe Frage: „Ist die Zeit reif? Was ist mit Heimdalls Söhnen? Sind sie zahlreich geworden?“ Otf sitzt er auch im Schatten der großen Esche Yggdrasil und grübelt. Auch übt er sich in der Runenkunst und denkt daran, die Toten zu erwecken. Immer wieder dringt er darauf, dass sein Lieblingsprojekt Walhall fertig gestellt wird. Es soll ein riesenhaftes Gebäude mit sechshundertvierzig Türen werden. Aber die Asen haben wenig Lust, sich an die Arbeit zu machen. Sie fragen sich, wozu ein so gewaltiges Gästehaus gut sein soll. Für wen denn? Trotzdem schreitet der Bau voran. Odin lächelt, wenn er sieht, wie die Sonne sich in den goldenen Schilden auf dem Dach spiegelt. Die Asen begreifen, dass dieses Haus als Herberge für Krieger gedacht ist. Aber woher will Odin so viele Soldaten nehmen? Loki versucht Odin auszuhorchen, aber der schweigt, und auch Heimdall, der alles weiß, stellt sich taub. Und was die Raben sagen, kann ohnehin nur Odin verstehen.
Eines Tages steht ein altes, buckliges Weib vor Bifrost, der Regenbogenbrücke, und begehrt Einlass. Heimdall will sie fortjagen, aber das Weib will nicht weichen. Es fuchtelt mit den Armen und deutet mit dem Finger auf die Burg der Götter. Heimdall versteht nicht, was sie will, denn ihre Stimme ist dünn und heiser, wie ein Vogelschrei. Die Asen, die oben auf der Mauer stehen, lachen die Frau aus und machen sich über Heimdall lustig, der es nicht fertigbringt, sie zu verscheuchen.
Da mischt sich Odin, der den Lärm gehört hat, unter die Zuschauer. Sobald er die alte Frau erblickt, erkennt er, wer sie ist. Er läuft über die Brücke, nimmt sie auf den Rücken, und trägt sie hinauf in die Götterburg. Dort weiß auch der alte Njord sogleich, wer die Fremde ist, und kaum wittern die Katzen auf Folkwang ihren Geruch, kommen sie gesprungen, und schmiegen sich um ihre Beine, denn das alte Weib ist Freia, die Liebesgöttin. Viele, viele Jahre ist sie umhergestreift, ohne Idunas Äpfel zu schmecken, und so ist sie alt und grau geworden. Es ist ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebt.
Allmählich kommt sie wieder zu sich, und erholt sich von den vielen Abenteuern, die sie erlebt hat. Unter fremden Namen, hat sie viele Länder durchwandert und manches durchgemacht, von dem sie nicht erzählen will. Nur eines ist klar: Ihren Mann Od hat sie vergeblich gesucht. Er ist für immer verschollen.
Doch wenn sie sich auch selber wortkarg gibt, die andern flüstern und tuscheln. Es ist vor allem der große Halsschmuck, den sie Brisingam nennt, was ihre Neugier weckt. Wie Feuer glüht und flammt er um Freias Hals. Wie immer ist es Loki, der das große Wort führt. Nicht nur, dass ihm kein Gerücht in Asgard entgeht, er lauscht auch auf das Gerede der Riesen und der Unterirdischen.
„Ach, dieses Brisingam! Wisst ihr wirklich nicht, wie sie zu dem gekommen ist? Ich will es euch verraten.“, flüstert Loki, „Vier Zwerge haben ihn geschmiedet. Freia ist auf ihren Wanderungen ganz zufällig auf ihre Schmiede gestoßen, und kaum hat sie gesehen, woran sie arbeiten, da war sie schon wie verhext. Das Geschmeide wollte sie haben, koste es, was es wolle! Aber die Zwerge wollten es nicht für gute Worte und auch nicht für Gold und Silber hergeben; denn davon, sagten sie, hätten sie selber genug. Nein, aber wenn sie jedem von ihnen eine Nacht lang Gesellschaft leisten wollte, ja dann ließe sich darüber reden. Und obwohl die Schmiede ziemlich hässlich und am ganzen Leib behaart waren, war unsere Freia so scharf auf den Schmuck, dass sie sich auf den Handel einließ. Vier Nächte lang schlief sie mit den Zwergen, mit einem nach dem andern. Und dann gehörte der Brisingam ihr.“
Die meisten Asen sind empört über diese Geschichte. Nur Odin weist ihn zurecht. „Wer wirft hier den ersten Stein?“, sagt er, „Ihr wisst doch so gut wie ich, dass Freia bei weitem nicht die einzige ist, die sich hier und da mit Trollen und Zwergen eingelassen hat. Und du, Loki, bist wahrhaftig der letzte, der das Recht hätte, über andere herzuziehen! Du tätest gut daran den Mund zu halten.“
Trotzdem, viele gehen in dieser Zeit Freia aus dem Weg, so schwach und zerzaust wie sie ist. Nur in Odins Augen wird sie mit jedem Tag schöner und vertrauter. Die beiden sehen sich jetzt öfter als früher. Odin hat das Gefühl, dass sie ihm näher steht als die anderen Asen. Sie hat, wie er, den Wahnsinn im Blut und wird nie müde, nach neuen Ufern zu streben. Immer, wenn er sie in Folkwang besucht, merkt er, wie die andern hinter seinem Rücken tuscheln. Er weiß auch, dass Frigga es nicht gerne sieht, wenn er aushäusig ist. Trotzdem kann er nicht davon lassen. Denn mit Freia versteht er sich, ihr kann er von seinen Wünschen, seinen Hoffnungen, aber auch von dem erzählen, was er fürchtet und wovor ihm graut. Sie reden über die Liebe und über den Tod- über alle Rätsel dieser Welt.

 

Da gibt es vieles, was schwer zu verstehen ist. Muspilheim und Niflheim zum Beispiel, die beiden Orte, die älter sind als alle andern, und die es schon lange, lange gab, bevor Odin und seine Brüder den Rest der Welt erschufen. Muspilheim mit seinem ewigen Feuer, und Niflheim, wo alles nur Eis und Nebel ist. Oder Yggdrasil, den Weltenbaum, der mit seinen drei Wurzeln, die ganze Erde zusammenhält, die Teile, die man kennt, ebenso wie die unbekannten. Aber am meisten beschäftigt die beiden Hel, die Königin der Toten. Einst haben die Asen sie verbannt in die tiefsten Abgründe des Nordens. Doch dort hat sie sich in der Einöde des Eises eingenistet; ihre Macht nimmt zu, seitdem sie die Herrschaft über das Totenreich angetreten hat. Alle, die durch die Krankheit oder durch das Alter ums Leben kommen, ruft sie zu sich, und ihr Ruf trägt bis in die entlegensten Gegenden. Alle müssen dieser Stimme gehorchen. Aus der ganzen Welt kommen sie, wenn sie ruft, durch tiefe und finstere Täler, bis an die Ufer des Totenfluss Gjöll. Dort führt eine goldene Brücke hinüber, auf die andere Seite, wo hinter einer gewaltigen Pforte alles grau und düster ist: Hels Saal heißt Triefnass, ihr Tisch Durst, ihr Messer Hunger, ihr Lager Siechtum. Neue Orte gibt es in ihrem Reich, und einer ist kälter und feuchter als der andere.
Von solchen Dingen sprechen Odin und Freia am Kamin, dessen Flammen flackernde Schatten an die Balken werfen, während die Katzen sich schnurrend an ihre Beine schmiegen. Sie malen sich aus, wie gierig diese Hel ist, wie groß das Heer von willenlosen Leichen ist, mit dem sie, wenn sie, wenn sie nur wollte und wenn sie es wagte, die Asen bedrohen könnte. Odin reut es, dass er sie damals, als sie noch ein Kind war, nicht umgebracht hat.
Aber auch Odin kann die Toten zu sich rufen, wenn er will, denn er denkt daran, ebenfalls ein Totenheer aufzustellen. Eines Tages wandern die beiden über die große Wiese, und er erzählt Freia von dem geheimen Auftrag, mit dem er Heimdall zu den Menschen geschickt hat „Ein neues Menschengeschlecht wird tapfere Krieger für uns hervorbringen“, sagt er, „Alle, die im Kampf fallen, alle, die durch das Schwert sterben, sollen sich unserer Streitmacht anschließen. Wir werden weniger Kämpfer haben als Hel, wenn es zum Krieg kommt, aber die unsrigen werden mutiger sein.“
Er zeigt ihr Walhall, die große Herberge, die jetzt bereitsteht, um Heimdalls Söhne aufzunehmen. Auch Hugin und Munin, die beiden Raben, sind wieder da. Sie setzen sich auf Odins Schultern und sagen ihm ihre Botschaften ins Ohr. Er lächelt. „Heimdalls Saat ist aufgegangen.“, sagt er. „Nun werden wir ernten. Meine Raben berichten mir, dass die Zeit reif ist.“
Dann versammelt er die Asen um sich und erklärt ihnen, was geschehen ist und was getan werden muss. „Unsere Krieger haben noch viel zu lernen.“, sagt er, „Mit einem von euch will ich die Verantwortung teilen.“ Alle halten den Atem an. Wen wird er dazu ausersehen? Wer wird ihm zur Seite stehen? „Die eine Hälfte des Heeres soll bei mir in Walhall bleiben“, entscheidet er, „die andere aber…“ Viele Blicke richten sich nun auf Thor, andere schauen sich verstohlen nach Tyr und nach Heimdall um. „Die andere aber soll Freia auf Folkwang befehlen.“ Ein ungläubiges Murmeln geht durch die Reihen. Manchen steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, andere können ihre Verbitterung nicht verbergen. Loki sieht Freia an und lacht. Freia errötet, doch der Götterkönig erhebt die Hand. „Ich habe gesprochen!“, ruft er, „Es geschieht wie ich gesagt habe.“
Schon am anderen Tag reitet eine Schar junger Frauen hinaus über die Regenbogenbrücke. Sie tragen Helm und Harnisch, Schild und Speer. Ihre Pferde bewegen sich ebenso geschwind auf dem Wasser oder in den Lüften. Es sind die Walküren, die aufgebrochen sind, um auf dem Schlachtfeld über Leben und Tod zu entscheiden. Wo immer es zum Kampf kommt, nehmen sie teil und wählen die besten Krieger aus, um Asgard zu verteidigen.
Eine neue Zeit hat begonnen, für die Götter ebenso wie für die Menschen. Odin bleibt auf der Burgmauer stehen, bis die letzte Walküre hinter den Wolken verschwunden ist. Freia steht neben ihm. Nie ist sie ihm schöner erschienen.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an die Leseratten

Der Honigmann

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden Kapitel 3


Der Einäugige König

Von Tor Åge Bringsværd

odin himmelsgott

Jeden Morgen ganz früh in der Dämmerung, flogen zwei Raben in die Welt hinaus. Sie heißen Hugin und Munin. Hoch über Götter und Menschen, Alben und Zwergen schweben sie, und nichts entgeht ihnen, nicht einmal in Jotunheim und in Einöd.
Sie erblicken Riesenfrauen, die auf rasenden Wölfen heim reiten. Sie sehen, wie gewaltige Trolle in Gebirgsschluchten und Grotten schlüpfen. Die meisten von dieser Sippe, können nämlich das Tageslicht nicht ertragen. Über ganz Einöd verstreut liegen die mit Moss bewachsenen Überreste von Riesen, die zersprungen und zu Stein geworden sind, weil sie getrödelt und nicht beizeiten ihre Schlupfwinkel erreicht haben, bevor die Sonne aufging. Wie Findlinge liegen sie herum, hier ein Finger, dort ein Fuß.
Bis hinaus, auf das wilde Weltmeer fliegen die beiden Raben. Sie sehen wie die Meermänner und Meerfrauen in den Wellen spielen. Bis zum Nabel sehen diese wie Menschen aus, aber am Unterleib gleichen sie Fischen. Zwischen ihren Fingern spannen sich Schwimmhäute, und ihre Hände sind riesengroß.
Hier draußen herrscht der Troll Ägir. Er ist der Bruder des Feuers und des Windes. Seine Frau heißt Ron, und ihre Töchter sind die Wogen. Ron wirft ein Netz aus und fischt nach den Seefahrern. Wer sich nicht vor ihr hütet, den zieht sie in die Tiefe.
Wenn die Sonne aufgegangen ist, fliegen die Raben über Mitgard, der Heimat der Menschen. Dort lecken die Leute immer noch ihre Wunden, denn der Krieg zwischen Asen und Wanen war langwierig und blutig.
Wenn die Großen und Mächtigen miteinander kämpfen, haben die Kleinen am meisten unter ihrem Streit zu leiden. Doch jetzt herrscht wieder Frieden. Die Asen haben ja gesiegt, und nie wieder soll es andere Götter neben ihnen geben. Trotzdem sind die Menschen ängstlich und fühlen sich unsicher. Denn es ist eine Sache, Krieg zu führen, und eine ganz andere, die Welt in Friedenszeiten zu regieren. Die Menschen fragen sich, ob Odin und seine Söhne dieser Aufgabe gewachsen sind.
Die Raben spähen und lauschen. sie folgen einer hochgewachsenen, bleichen Gestalt, die von Ort zu Ort, von einem Dorf zum anderen geht. Keiner weiß so viele Geschichten zu erzählen, wie dieser Wanderer, und keiner kann so viele Fragen beantworten. Überall scharen sich die Menschen um ihn, und bereitwillig gibt er ihnen Auskunft. Dennoch ist und bleibt er seltsam einsam. Denn Kvasir ist nicht so wie andere Männer. Nie ist er ein Kind gewesen. Keine Frau hat ihn geboren.
Er ist erwachsen zur Welt gekommen, als Geschenk der Götter, zu den Menschen gesandt, um sie Weisheit zu lehren. Die Götter schufen ihn gemeinsam, als einer nach dem andern hervortrat, um in den großen Napf zu spucken.
Wenn es Zeit wird zu frühstücken, fliegen die beiden Raben nach Asgard zurück. Sie flattern ins Haus, und setzen sich auf Odins Schultern. Während er isst, flüstern und krächzen sie ihm ins Ohr und sagen ihm alles, was sie gesehen und erlebt haben. Auf diese Weise erfährt der Götterkönig, was es von nah und fern Neues auf der Welt gibt.
wenn ihre Botschaft ihn neugierig macht, dann zieht Odin selber hinaus, um sich mit eigenen Augen Gewissheit zu verschaffen, denn er will alles ganz genau wissen. Dazu wählt er eine Verkleidung. Er zieht einen dunklen Mantel an und verbirgt sein Gesicht im Schatten eines Hutes mit breiter Krempe. Wenn er etwas nicht versteht, sucht er die drei Nornen auf. Das sind die Göttinnen, die an der Wurzel der Weltesche Yggdrasil wohnen.
Die Nornen heißen Urd, Werdande und Skuld. Die erste, ist die Göttin der Vorzeit, die zweite der Gegenwart, die dritte der Zukunft. Sie wissen alles, was geschehen ist, geschieht und geschehen wird. Wenn ein Kind geboren wird, ist immer eine der Nornen zur Stelle. Sie sieht das Schicksal, das dem Kind bestimmt ist. keiner lebt länger, als die Nornen vorausgesagt haben. Die drei sind nicht die einzigen ihrer Art; es gibt auch andere Nornen, aus der Sippe der Alben und der Zwerge. Manche sind gut, manche böse, aber keine von ihnen ist so mächtig wie die drei, die an der Quelle leben.
Am liebsten möchte auch Odin teilhaben an ihrer Gabe, in die Zukunft zu sehen. Wenn er den dreien zuhört, wird er unruhig. Ist denn alles immer vorausbestimmt? Kann keiner etwas daran ändern? Spielt es keine Rolle, was wir tun oder lassen?
Er fragt seine Frau Frigga. „Was geschehen soll, geschieht“, sagt sie. Auch Frigga hat das Zweite Gesicht. Ein Stück weit kann sie in die Zukunft sehen, aber ihr Blick reicht nicht weiter, als ein paar Winter. Odin hört ihr zu und schweigt. Für ihn liegt das Kommende im Nebel. Eigentlich ist ihm das ganz recht; denn er will die Geschicke der Welt lenken. Er möchte kämpfen, um zu erreichen, was er sich vorgenommen hat, und er braucht den Glauben daran, dass dieser Kampf einen Sinn hat. Und trotzdem kann er es nicht lassen, die drei Nornen aufzusuchen. Er fragt und sie antworten. Wenn ihre Antwort anders ausfällt, als er hofft, wird er ärgerlich.
„Nein“, ruft er, „so soll es nicht gehen. Was ihr seht ist nur eine unter tausend Möglichkeiten. Wir selber haben die Wahl!“ Dann lächeln die Nornen und Odin wird wütend.
Er hat noch so viel vor, dass er keine Zeit mit Schachspielen und Turnieren verschwenden kann. Selten geht er mit den anderen Asen auf die Jagd. Meistens sitzt er allein da und grübelt. „Was hast du denn Milchbruder?“ fragt Loki. „Komm lieber mit nach Jotunheim. Lass uns den Trollmädchen nachlaufen, so wie früher.“
Loki hat dort eine neue Freundin gefunden. „Lüstern wie ein Fohlen ist sie“, sagt er, „und wild wie eine Katze.“ Aber Odin schüttelt den Kopf. Er hat Wichtigeres zu tun. Es ist nicht mehr so wie früher. Jetzt lastet die Verantwortung auf ihm für alles, was er erschaffen hat. Er will die Welt so gut wie möglich regieren. Aber wie kann er das, wenn die Nornen recht haben und alles seine eigenen Wege geht, so wie es vorbestimmt ist? Wie kommt es, dass sie mehr wissen als er selber? Schließlich sind diese drei auch nur ein paar Wahrsagerinnen – oder bestimmen sie am Ende wirklich, was geschehen soll? „Dein eines Auge hast du schon eingebüßt“, sagt Loki, „Nimm dich in acht, dass du nicht auch noch den Verstand verlierst! Wer viel grübelt, geht viel in die Irre.“

 

Eines Morgens kehren die beiden Raben zurück und bringen schlechte Nachrichten mit. Kvasir der Weise soll gestorben sein. In Mitgard sagen die Leute zum Spaß, er sei an seiner eigenen Weisheit erstickt. „Da siehst du es“, sagt Loki. „Lass es dir eine Lehre sein!“
Aber Odin ist bekümmert. Kvasir war die Stimme der Vernunft, und jetzt ist sie verstummt. Odin will sich nicht mit bloßen Gerüchten begnügen.
Bald entdeckt er, wie es zugegangen ist. Zwei Zwerge, Fjalar und Galar, haben Kvasir in ihr Reich gelockt.
„Wir wollen mit dir sprechen, wo uns niemand stören kann“, sagten sie und er folgte ihnen. Die Zwerge warfen sich über ihn und stachen mit scharfen Messern auf ihn ein. Das Blut spritzte aus seinen Adern, aber kaum ein Tropfen ging verloren, denn die Zwerge fingen es in zwei Krügen und einem großen Kessel auf. Dann mischten die Zwerge Honig in das viele Blut und brauten daraus einen Trank. Wer von diesem kostbaren Met trinkt, wird ein Dichter oder Weiser.
Doch die Zwerge wollen diesen Trank mit niemandem teilen. Er soll ihr Geheimnis bleiben. Trotzdem hat sich die Sache herumgesprochen. Denn die beiden gierigen Zwerge waren mit dem Mord an Kvasir nicht zufrieden. Sie brachten auch noch einen Riesen um, der ihnen im Wege war, und als dessen Frau ihnen mit ihrem Jammer in den Ohren lag, haben sie einen Mühlstein auf ihren Kopf fallen lassen.
Als aber der Troll Suttung hörte, was die Zwerge seinen Eltern angetan hatten, verfolgte er Fjalar und Galar, fing sie und band sie an einer Schäre fest, die so flach ist, dass das Meer sie bei jeder Flut überspült. Die Zwerge winselten und baten um Gnade. Sie versprachen Suttung Gold und geschmiedete Kostbarkeiten, doch er lachte sie aus, bis sie in ihrer Not verrieten, was es mit dem Met auf sich hatte. Da ging Suttung auf einen Handel ein. Er bekam den Met und schenkte ihnen das Leben.

 

Odin ist außer sich, als er erfährt, wie Kvasir umgebracht worden ist. Er will sich an den Zwergen rächen. Noch wichtiger ist es ihm, den magischen Met zu kosten. Hat er nicht bestimmt, dass Kvasirs Weisheit den Menschen zugute kommen soll? Odin gönnt den Mächten der Finsternis ihren Triumph nicht. Er will sein Geschenk zurückfordern. Das wird nicht leicht sein, denn Suttung ist ein reicher und mächtiger Riese. Schon heißt der Trunk nicht mehr Kvasirs Blut; die Leute nennen ihn Suttungs Met. Er hat ihn an einem sichern Ort versteckt, tief im Innern eines Berges. Hätte Odin Thor mitgebracht, so könnte er den Troll zum Kampf herausfordern; Thors Hammer wäre rasch mit ihm fertig geworden. Aber ohne Waffen muss Odin es mit List versuchen. Er geht nicht zu Suttung, sondern zu dessen Bruder Bauge. Auf dem Hof begegnet er neun Leibeigenen, die dabei sind, das Heu zu mähen. „Soll ich euch eure Sensen dengeln?“, fragt er sie. Damit sind sie gerne einverstanden. Odin holt einen Wetzstein hervor und macht sich ans Werk. Am Ende sind die Sensen so scharf wie nie zuvor. Die verwunderten Schnitter wollen ihm seinen Wetzstein abkaufen. „Ich will ihn hoch in die Luft werfen“, sagt Odin, „und derjenige, der ihn auffängt, soll ihn haben.“ Alle strecken gleichzeitig die Hände nach dem Stein aus, und in dem Durcheinander schneiden sie einander mit ihren Sensen die Hälse ab.
Nun geht Odin weiter und klopft an Bauges Tür. Er gibt sich für einen armen Wanderer aus und bittet den Riesen um Unterkunft für die Nacht. Am andern Morgen beklagt sich Bauge darüber, dass seine neun Leute sich gegenseitig umgebracht haben. „Ich weiß nicht, wie ich nun mein Heu einbringen soll“, sagt er.
„Oh, das kann ich gern übernehmen“, antwortet Odin.
Der Riese lacht ihn aus. „Was, du willst ganz allein die Arbeit von neun Männern tun?“
Aber der Gast bleibt bei seinem Vorschlag. „Also gut“, sagt der Riese. „Doch sag mir, welchen Lohn du dir ausbedingst.“
„Ich möchte nur von Suttungs Met trinken“, antwortet Odin. „Ho“, lacht der Riese, „das kann ich dir wahrhaftig nicht versprechen. Denn darüber bestimmt allein mein Bruder. Und es würde mich wundern, wenn er bereit wäre, dir etwas davon abzugeben.“
„Du könntest ihn wenigstens fragen“, meint Odin. „Das schon“, sagt Bauge, „aber was ist, wenn er nein sagt?“
„Dann versprichst du, mir den Met auf andere Weise zu verschaffen.“ Da kann sich Bauge kaum halten vor Lachen. „Versprechen kann ich alles, das kostet nichts“, sagt er, weil er ganz genau weiß, dass er Odins Verlangen unmöglich erfüllen kann.
Den ganzen Sommer übernimmt Odin die Arbeit der neun Männer, und als der Herbst kommt, verlangt er seinen Lohn. Doch Suttung weigert sich, auch nur einen Tropfen von dem Met herzugeben. „Dann müssen wir es eben mit einer List versuchen“, sagt Odin und erinnert Bauge an sein Versprechen.
Hinterm Berg, wo Suttung die beiden nicht sehen kann, holt Odin eine Bohrwinde hervor und wendet sich an seinen Schuldner: „Worauf wartest du? Bohr mir ein Loch in den Berg! Stark genug bist du doch.“ Und der Riese macht sich an die Arbeit. Langsam, aber sicher frisst der Bohrer sich in Suttungs Festung hinein. „Nun ist das Loch durch“, behauptet Bauge. Odin bläst hinein, doch es wirbeln ihm Staub und Späne ins Gesicht. „Du willst mich für dumm verkaufen“, ruft er. „Weiterbohren!“
Beim nächsten Mal fliegt ihm kein Staub mehr entgegen, und nun weiß er, dass der Bohrer in die Festung eingedrungen ist. „Was soll das Ganze“, fragt sich Bauge. „So ein winziges Loch, damit kannst du doch nichts anfangen.“ Aber sein Grinsen verrät, dass er sich seiner Sache nicht mehr sicher ist. Und ehe er sich’s versieht, hat Odin sich in eine Schlange verwandelt und ist im Bohrloch verschwunden. Bauge sticht mit der Spitze des Bohrers nach ihm, aber er kann ihn nicht treffen.
Kaum in der Burg des Riesen angekommen, nimmt Odin wieder seine wahre Gestalt an. Er weiß. dass Bauge es nicht wagen kann, ihn zu verraten; denn dann müsste er seinem Bruder gestehen, dass er Odin geholfen hat. Vorsichtig tastet sich Odin von einem Zimmer zum andern und sucht nach dem Met. Im tiefsten Keller der Bergfestung wird er fündig. Der Riese hat seine Tochter Gunnlod als Wächterin neben die Gefäße mit dem Trank gesetzt. Sie ist groß und stark, aber Odin wirft einen Zauberbann über sie, und als sie ihm entgegentritt, vergisst sie, dass sie kämpfen wollte, und umarmt ihn. Als der Gott sie küsst, gibt sie ihm nach. Sanft wie ein verliebtes Lamm kann sie ihm nichts verweigern.
Drei Nächte lang schläft Odin mit ihr, und jede Nacht lässt sie ihn den Met schmecken. In der ersten Nacht trinkt er den ersten Kessel aus, und in den folgenden Nächten leert er die übrigen. Dann denkt er nur noch daran, sich aus dem Staub zu machen. Als die Trolltochter schläft, schleicht er sich hinaus. Er verwandelt sich in einen Adler und fliegt davon. Das Mädchen erwacht. Ihre Schreie wecken Suttung. Der Riese versteht, was geschehen ist. Auch er nimmt die Gestalt eines Adlers an und jagt Odin nach. Der fliegt, so schnell er kann, aber er ist schwer, weil er so viel Met getrunken hat. Sein Verfolger kommt immer näher. Ob Odin die Burg der Götter heil erreichen wird?
Auf der großen Wiese in Asgard blicken die Asen zum Himmel und sehen zwei Adler, die einander jagen. Beide kommen immer näher. Erst als Odin ruft, erkennen sie ihn. „Schnell“, ruft er, „holt so viele Krüge und Schüsseln herbei wie ihr könnt!“ Dann flattert er nieder und speit Kvasirs Met in die Gefäße. Doch schon schwebt Suttung über ihm und droht ihm seine Klauen ins Genick zu schlagen. Da weiß Odin keinen andern Rat, als ihn zu blenden, indem er ihm eine Ladung Met ins Gesicht spritzt. Nun können die andern Asen ihn mit Steinen und Speeren verjagen.

 

kwasir

So hat Odin Kvasirs Blut zurückerobert. Seitdem heißt dieser Met auch der Trunk der Zwerge, Suttungs Met und Odins Beute. Auch nennt man ihn den Met der Dichter; denn Odin sagt, dass nur jene Götter und Menschen davon trinken dürfen, die sich auf die Dichtkunst verstehen. Als Hüter des Trankes bestellt er einen seiner Söhne. Brage soll von nun an der Gott der Poesie und der Redekunst sein. Odin hat erkannt, dass er allein sich nicht um alles kümmern kann. Um über die ganze Welt zu herrschen, müssen sich die Asen die Arbeit teilen.
„Meinetwegen“, sagt Loki, „soll Brage nur über das Zeug verfügen, das wir in Krügen und Schüsseln gesammelt haben, Aber was ist mit dem Rest, den du dem Troll ins Gesicht gepinkelt hast?“
„Der soll uns nicht kümmern“, sagt Odin, „was davon zu Boden gefallen ist, kann da liegenbleiben. Wer davon kosten will, soll es haben.“ Loki grinst. „Wir wollen es das Getränk der schlechten Dichter nennen“, schlägt er vor, und die Asen stimmen ihm lachend zu.
An diesem Abend feiern die Asen ein Fest um Odin willkommen zu heißen. Es wird gesungen und getanzt. Jeder möchte eine neue Geschichte erzählen und mit seinen Taten prahlen. Einer übertrifft dabei den anderen, doch als Loki das Wort ergreift, wird es still im Saal. Denn er weiß von einer Trollfrau zu berichten, mit der er sich den ganzen Frühling über herumgetrieben hat. Drei Kinder hat sie ihm geboren.
„Das erste Kind ist ein Wolf“, erzählt er, „das zweite eine Schlange, und das dritte ein Mädchen. Sie ist weiß auf der rechten und blauschwarz auf der linken Seite.“
Alle haben das Gefühl, dass dies ein böses Zeichen ist. Sogar Lokis Frau Sygin, die sich alles von ihm gefallen lässt, wird es dabei ängstlich zumute. „Diesmal bist du wirklich zu weit gegangen …“, sagt sie. Aber Loki lacht nur. „Wer von uns hat sich wohl noch nie mit den Trollfrauen eingelassen?“ fragt er. „Wer hat keine Kinder in Jotunheim?“ Aber mit seinen Späßen kann er die beklommene Stimmung nicht vertreiben. Odin verlangt, dass er seine drei Kinder nach Asgard bringt, damit die Asen sehen können, was es mit ihnen auf sich hat.

 

Noch in derselben Nacht reitet eine bewaffnete Schar von Asen über die Regenbogenbrücke gen Osten. Thor und Tyr sind mit von der Partie, und Loki weist ihnen den Weg. Die Asen wissen ganz genau, dass die Trolle ihnen die drei Kinder Lokis nicht aus freien Stücken überlassen werden. Also gehen sie gleich zum Angriff über. Die Riesen verteidigen sich so gut sie können, aber gegen Thors Hammer kommen sie nicht auf. Bald haben die Asen die Kinder in ihre Gewalt gebracht und schleppen sie mit nach Asgard.
Es sind sehr sonderbare Sprösslinge. Weder Riesen- noch Menschengestalt ist ihnen anzusehen. Fenris, der Wolfswelpe, ist für sein Alter entsetzlich groß. Seine Kiefern gleichen starken Eisenscheren, und seine Augen erinnern an tückische Moorlöcher. Die Schlange ist ein unheimliches, giftsprühendes Reptil. Und was das Mädchen Hel angeht – niemand hat je ein Kind mit so kaltem Gesicht und so gierigen Augen gesehen. „Sind sie nicht erstaunlich meine Kinder?“ fragt Loki und lacht triumphierend.
Aber die Asen wollen seine Brut am liebsten gleich umbringen. „Deine Bankerten sind eine Schande für Asgard“, sagen sie, „und wer weiß, ob sie uns nicht Verderben bringen.“ Doch Odin erinnert sie an ein altes Versprechen. „Habt ihr nicht alle gelobt, dass Asgard eine heilige Freistatt sein soll? Dieses Gesetz gilt für alle, die zu uns kommen, ob wir sie mögen oder nicht.“
„Es muss doch Wege geben, diese drei Ungeheuer loszuwerden“, murmeln die Asen.
Odin beschließt, die Nornen um Rat zu fragen. Und was sagt Urd? „Mächtigere Feinde als diese haben sich nie in Asgards Mauern eingenistet. Eines Tages werden sie sich an die Spitze aller Mächte der Finsternis stellen.“
„Ich sehe Blut“, sagt Werdande, die zweite der Nornen. „Das ihrige oder das meine?“ fragt Odin. Darauf wollen die Seherinnen nicht antworten, doch Odin ist hartnäckig und wiederholt seine Frage. Da sagt Skuld, die dritte: „Der Fenriswolf wird dich eines Tages verschlingen“, und schlägt die Augen nieder. Odin ballt die Fäuste. „Und was ist, wenn ich ihn jetzt gleich umbringe, solange er noch ein Welpe ist?“
„Niemand kann sein Schicksal ändern“, flüstern die Nornen, und mehr bekommt Odin nicht aus ihnen heraus. Als er nach Asgard zurückkehrt, ist er so klug wie zuvor.
Er weiß. dass die Nornen das Leben als ein großes Gewebe betrachten. Die Schicksalsfäden aller Geschöpfe sind mit denen aller anderen verflochten. Odin hat großen Respekt vor allem, was sie sagen. Nie würde er ihrem Rat offen zuwiderhandeln; denn er hat gelernt mit allem, was er nicht versteht, vorsichtig umzugehen. Doch zugleich hat er die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sein Wille etwas ändern kann; er glaubt, dass es immer einen Ausweg gibt.
Deshalb schickt er Hel weit weg in die Verbannung nach Niflheim, in den hohen Norden, wo es immer dunkel, kalt und neblig ist. Dort wird sie über das Reich der Toten herrschen. Die Schlange schleudert er weit ins tiefe Weltmeer hinaus. Nur das Wolfskind soll in Asgard bleiben, damit die Asen ein Auge auf das Untier haben können. Sie lassen den Fenris wie einen wilden Hund frei in der Götterburg herumlaufen obwohl er so gefährlich ist, dass selbst sein Vater Loki sich nicht in seine Nähe wagt. Der einzige, der kühn genug ist, den Fenris zu füttern ist Tyr.
Frigga, Odins Frau, gefällt das nicht. „Warum schickst du ihn nicht ans Ende der Welt, wo er keinen Schaden stiften kann?“ fragt sie ihn. Odin hat ihr erzählt, was die Nornen ihm anvertraut haben. Nun schüttelt er den Kopf und antwortet ihr: „Wenn dieser Wolf ein Teil meines Schicksals ist, dann nützt es nichts, ihn fernzuhalten. Lieber habe ich ihn in der Nähe. Dann sehe ich, was er tut und lässt.“

 

Odin weiß, dass auch die Götter nicht ewig leben. Doch anders als die gewöhnlichen Sterblichen wissen sie, was sie tun können, um jung zu bleiben. Sie halten sich an Iduna. Diese Göttin besitzt einen Schrein, der den wertvollsten aller Schätze birgt, die in Asgard zu finden sind. Das sind ihre Zauberäpfel. Wer davon einen Bissen nimmt, der wird im nu viele Jahre jünger. Ohne Idunas Äpfel wären die Asen längst ergraut; denn sie haben ja viel länger gelebt als alle anderen Wesen auf der Welt.
Aber was wird geschehen, wenn eines Tages alle ihre Äpfel verzehrt sind? Leider hat Iduna vergessen, wo sie diesen Schatz her hat. Sie findet den Weg zu dem Baum, der die Früchte trägt, nicht wieder. Deshalb sind die Asen sehr vorsichtig geworden. Sie beißen immer nur ein winziges Stückchen von den Äpfeln ab. Auch Odin geht sparsam mit ihnen um. Er muss oft an den Tod denken, weil er weiß, wie leicht er durch einen Speer oder eine Axt umkommen kann, oder durch die scharfen Fänge eines Raubtiers. Wie oft hat er mit ansehen müssen, dass einer der Götter gestorben ist, sei es im Kampf oder durch ein Unglück.
Mächtig sind sie, die Asen, aber alles hat seine Grenzen. Freia zum Beispiel herrscht über die Liebe, bei den Göttern und bei den Menschen. Und dennoch hat Odin erlebt, wie sie verzweifelt die Hände rang und Tränen schieren Goldes weinte, als ihr erster Mann sie verraten und verlassen hat. Anderen kann sie helfen, aber sie selber bleibt nicht vom Kummer der Liebe verschont. Allmächtig ist niemand. Das weiß Odin, auch wenn er sich nicht damit abfinden kann.
Jedes Mal wenn ihn dieser Gedanke streift, ist es ihm, als tanze er auf glühenden Eisen. Er möchte alles verstehen und alles können. Das ist seine Stärke, aber auch sein Fluch.
Der Winter zieht sich hin. Draußen auf der großen Wiese streift der Fenriswolf unter den Schneewehen umher. Jeden Tag wird er stärker und gefährlicher. „Was kann denn ein Vater dafür, dass er so schreckliche Kinder bekommt?“ sagt Loki und zuckt die Schultern. Odin behält den Wolf wohl im Auge, doch lieber betrachtet er den Weltenbaum Yggdrasil, der immer grün bleibt, sommers wie winters. Kein Sturm kann ihn umwerfen, kein Frostwind ihm die Blätter von den Zweigen raufen. Tag und Nacht grübelt Odin über das, was Mime ihm einst ins Ohr geflüstert hat: „Wer die Welt verstehen will, muss Yggdrasil verstehen.“ Was bedeutet es eigentlich zu leben? Was bedeutet es zu sterben? Das möchte Odin wissen.
Eines Morgens nach dem Aufstehen bietet sich den Asen ein furchtbares Schauspiel. Der Göttervater hat sich einen Speer in die Rippen gestoßen, und ist hoch in die Äste Yggdrasils geklettert. Dort hängt er jetzt in einer Gabel wie an einem Galgen. Freia läuft hin und will ihn herunterholen. „Las mich in Ruhe!“ ruft Odin. „Ich will mit keinem von euch reden, und ich brauche weder Essen noch Trinken.“
So hängt er dort oben, mehr tot als lebendig, neun Tage und neun Nächte lang. Die Schmerzen machen ihn blind für alles, was um ihn herum vorgeht. Er sieht alles nur durch einen roten Nebel. Doch in der Ferne, jenseits des Leidens, schimmern andere Orte und andere Welten auf. Er ist an die Grenze der Wirklichkeit gelangt. Hin und her pendelt er in der großen Esche zwischen Leben und Tod. Keiner hat sich so nach Weisheit gesehnt wie Odin. Von den Lebenden kann er nichts mehr lernen. Jetzt sucht er Hilfe bei den Toten.
Sie suchen ihn heim, Bekannte und Unbekannte. Jene die erst vor kurzem aus dem Leben geschieden, und andere, die vor langer, langer Zeit fortgegangen sind. Er begegnet seinen eigenen Eltern, den Riesen, die am Leben waren, bevor die Welt geschaffen wurde. Odin ruft sie, er fragt, er spricht mit ihnen, und die Alten antworten ihm.
Er erfährt, das alles einen Namen hat, und das alle diese Namen etwas zu bedeuten haben für den, der sich die Zeit nimmt, ihnen nachzuhorchen. Er lernt Runen zu ritzen, geheimnisvolle und mächtige Zeichen in Holz und Stein zu schneiden. Auch achtzehn starke Zauberlieder erlernt er, mit denen er jedes Feuer löschen und alle Bande und Ketten sprengen kann. Er kann den Sturm fesseln und das Meer bändigen, bösen Hexen Sinn und Verstand rauben. Er kann die Waffen der Feinde stumpf machen und den fliegenden Pfeil in der Luft anhalten. Die Zauberlieder können ihm in der Liebe helfen und ihn gegen Sorgen und Krankheiten feiern.
Als er heruntersteigt vom Baum Yggdrasil, ist er zum wahrhaften Allvater geworden, zum mächtigsten von allen, zum König der Toten und der Lebendigen. Und dennoch fühlt er, dass dies alles nicht genug ist, dass es kein Genug geben kann. Denn seine Ratlosigkeit ist ihm geblieben. Er weiß, dass er sich niemals ruhig und sicher fühlen wird. Doch darüber wird er schweigen.

 

Unterdessen ist der Fenriswolf so groß geworden, dass es gefährlich wäre, ihn frei herumlaufen zu lassen. Auch hat er gelernt zu sprechen. Jetzt lacht er die Götter aus. Weil die Asen es fast nicht mehr wagen, ohne Wachen und unbewaffnet aus dem Haus zu gehen, verhöhnt er sie.
Zweimal haben die Asen gewaltige Ketten geschmiedet. Beim ersten Mal haben sie so getan, als wollten sie nur die Kräfte des Ungeheuers auf die Probe stellen. Der Fenris ließ sich festketten, ohne sich zu sträuben. Aber kaum war er gefesselt, da brach er seine Ketten entzwei. Beim zweiten Versuch schmiedeten sie eine viel stärkere Kette. „Wenn du die sprengst, wirst du in der ganzen Welt berühmt werden“, sagten sie, um ihm zu schmeicheln, und so ließ er es sich gefallen, dass sie ihn an Haupt und Gliedern fesselten. Doch dann stemmte er sich mit beiden Pranken gegen den Boden und riss sich los, so dass die schweren Eisenglieder durch die Luft wirbelten.
Da ist guter Rat teuer. In ganz Asgard gibt es keinen, der eine noch stärkere Kette schmieden könnte. Und dabei ist der Wolf noch gar nicht ausgewachsen! Die Asen sehen nur einen Ausweg. Sie müssen noch einmal Hilfe bei den Unterirdischen suchen
So schickt Odin einen von Freias Dienern zu den Zwergen. Damit es rascher geht, leiht ihm Frei seinen Eber Gullborste, der schneller ist als jedes Pferd. Er läuft auch auf dem Wasser und durch die Lüfte, und seine Borsten glänzen so hell, dass es um ihn herum nie dunkel wird.
Die Zwerge freuen sich über Odins Geschenke und über die Zeichen seiner Freundschaft. „Wir helfen euch gerne“, sagen sie und fangen sogleich an, eine ganz besondere Kette zu schmieden. Sie besteht aus den Wurzeln der Berge, den Sehnen der Bären, dem Speichel der Vögel, dem Atem der Fische, dem Bart der Frauen und dem Lärm der Katzenpfoten. Diese Kette ist glatt und weich wie ein Seidenband. Seit diesem Tag tragen die Frauen keinen Bart mehr, die Berge haben keine Wurzeln und die Katzen kommen lautlos daher.
Die Asen sind von dem Werk der Zwerge sehr angetan. Sie locken den Wolf zu einer Insel im See und zeigen ihm die Kette. „Sie ist stärker als sie aussieht“, sagen sie. „Wir haben versucht, sie mit den Händen zu zerreißen, aber keiner von uns war stark genug dafür. Das kannst nur du schaffen.“ Aber der Fenriswolf ist misstrauisch und will sich auf keinen Versuch einlassen. „So ein dünnes Band“, sagt er. „Das zu sprengen, würde mir kaum viel Ruhm einbringen. Vielleicht steckt doch eine List dahinter, sonst hättet ihr mich wohl nicht hierhergelockt. Aber das lasse ich nicht mit mir machen.“
„Früher warst du nicht so ängstlich“, antworten die Asen. „Die stärksten Eisenketten hast du wie Strohhalme zerfetzt, und jetzt schreckst du vor einer solchen Schnur zurück? Übrigens sollte es dir nicht gelingen, die Ketten zu sprengen, so bräuchten wir dich nicht mehr zu fürchten. Dann würden wir dich augenblicklich lösen.“
Da lacht der Wolf. „Das soll ich euch glauben?“ ruft er „Wenn ich mich wirklich nicht von diesem lächerlichen Band befreien könnte, dann wärt ihr sicherlich die letzten, die mich freiließen. Aber sei´s drum. Niemand soll mir nachsagen, dass es mir an Mut fehlt. Nur verlange ich, dass einer von euch seine Hand in mein Maul steckt, als Pfand dafür dass ihr keinen Hinterhalt im Sinn habt.“
Jetzt stecken die Asen in der Zwickmühle. Sie sehen einander an, und keiner zeigt große Lust, die Hand in den Rachen des Wolfes zu stecken. Odin nicht, und auch Thor nicht. Am Ende aber tritt Tyr hervor, Er ist nicht der stärkste der Asen, aber keiner ist so tollkühn wie er. Er hat sich in vielen Kämpfen bewährt, und er weiß, dass man etwas wagen muss, wenn man siegen will.
Er legt die Hand in den Wolfsrachen und der Fenris lässt sich fesseln. Die Asen lachen, denn je heftiger das Ungeheuer zappelt und stößt, desto strammer schlingt sich das Band um seine Glieder. Er begreift, dass er gefangen ist und dass die Asen ihn nie wieder befreien werden. Nur Tyr lacht nicht, denn der Wolf beißt ihm die Hand ab.
Die Asen ziehen das Ende der Kette unter einem großen Felsblock hindurch und vergraben es tief in der Erde. Darüber wälzen sie einen noch größeren Stein. Der Fenriswolf knurrt und schnappt wild um sich. Thor tritt hervor und stößt sein Schwert in den Schlund des Untiers, so dass der Griff gegen den unteren, die Spitze aber gegen den oberen Gaumen stößt. Gegen diese Maulsperre kann der Wolf nichts ausrichten. Er legt sich nieder, doch heult er furchtbar und der Schaum tritt ihm aus den Lefzen.
Noch einmal sucht Odin die Nornen auf. „Hab ich den Kampf gewonnen?“ fragt er sie. Doch die drei Nornen schütteln den Kopf. „Alles geschieht, wie es geschehen muss“, antwortet Urd.
„Wir haben den Wolf doch gebunden“, wendet Odin ein. „Eines Tages wird er sich befreien“, sagt Werdande, und Skuld fügt hinzu: „Alles ist im voraus bestimmt. Auf die Namen musst du achten. Jeder Name hat etwas zu bedeuten.“ Odin weiß nicht, was er mit diesem Rat anfangen soll. „Hast du vergessen, dass du unter den Menschen zuweilen Ygg genannt wirst?“ fragt Urd. Und dieser Name bedeutet der Schreckliche. Und das Wort Drasil, heißt soviel wie Pferd. Wenn du nun diese beiden Namen zusammenlegst, was kommt dabei heraus?“ – „Yggdrasil“, sagt Werdande, „und das bedeutet: Odins Pferd. Weißt du noch wie du dich selbst in die Esche aufgehängt hast? Man kann sagen dass Du auf ihr geritten bist. Und der Baum hat nur darauf gewartet, dass du ihm Sinn und Bedeutung verleihst. Doch du hast nichts dergleichen getan.“
„Hört auf“, ruft Odin „ich will nichts davon wissen. Sagt mir lieber wozu ich da bin, wenn ohnehin alles im Voraus bestimmt ist! Wer bin ich? Könnt ihr mir das sagen?“
„Du bist Odin“, flüstern die drei Nornen. „Du bist der, der kämpft, der nie aufgibt.“
„Und der, der siegen wird“, schreit Odin. Doch die Nornen lächeln nur und schweigen.

 

Kaum ist er nach Hause gekommen, da ruft Odin Heimdall zu sich, den Torwächter der Asen, der die Regenbogenbrücke zwischen Mitgard und Asgard hütet. Der braucht weniger Schlaf als ein Vogel, und er sieht gleich gut bei Tag und bei Nacht. Er ist sehr stattlich und hochgewachsen, und Zähne hat er aus purem Gold.
„Wie stark die Mächte der Finsternis sind“, sagt Odin, „das weißt du selbst am besten. Von deinem Posten aus siehst du ja täglich, wie die Trolle uns belauern.“ Heimdall nickt „Und was das Schlimmste ist“, sagt er, „sie sind zahlreich wie der Sand am Meer, und sie werden immer mehr.“
„Das ist bei den Asen anders“, meint Odin. „Wir Asen sind wenige, und wir zeugen nicht so viele Kinder wie sie. Wie soll das nur weitergehen? Eines Tages werden sich die Riesen stark genug fühlen, um über uns herzufallen.“
„Das wird ein böser Tag werden für Mitgard und Asgard“, antwortet Heimdall. „Von den Menschen ist kaum viel Unterstützung zu erwarten. Die meisten von ihnen sind schwach und ängstlich.“
„Um so dringender muss bald etwas geschehen“, sagt Odin. „Ich möchte, dass du nach Mitgard gehst. Nicht alle Menschen sind Duckmäuser. Mit den besten von ihnen müssen die Götter ihr Blut mischen. Leg dich zu ihren Frauen, damit sie Kinder von dir bekommen, so viele wie möglich. Wir brauchen viele starke und mutige Krieger.“ Das lässt Heimdall sich nicht zweimal sagen. Er geht nach Mitgard, um Stammvater einer neuen, stärkeren Menschenverwandtschaft zu werden.
Odin befiehlt inzwischen den Bau eines neuen Hauses in Asgard. Es soll ein Gästehaus werden für die Krieger, die Heimdall eines Tages herbeischaffen wird. „Sechshundertundvierzig Türen soll es haben“, sagt Odin. „Und jede Tür soll so breit sein, dass neunhundertsechzig Männer gleichzeitig durch sie eintreten können. Er verlangt dass das Dach mit goldenen Schildern gedeckt wird. Auch einen Namen gibt er dem Haus. Es soll Walhall heißen.“
Während die Asen sich an das große Werk machen, hält Odin sich abseits. Er sitzt ganz allein auf seinem Thron und blickt in die Welt hinaus. Er sieht das Lokis scheußliche Tochter Hel nun wie eine Königin über Leichen und wurmzerfressene Kadaver herrscht. Er sieht dass aus dem Schleim, der aus dem Rachen des Fenriswolfes rinnt, ein breiter Strom geworden ist. er sieht auch dass das dritte der Geschwister, die Schlange, so groß geworden ist, dass sie sich um die ganze Welt ringeln und in den eigenen Schwanz beißen kann. Weil sie auf diese Weise ganz Mitgard umspannt, nennt man sie jetzt Mitgardschlange. Alle Welt fürchtet sich vor ihrem Gift. Die ganze Welt ist umzingelt von Bosheit, denkt Odin. Doch in der Ferne sieht er auch Heimdall. Beeil dich, denkt er und ballt die Fäuste, schaffe uns Krieger herbei! Denn wir geben nie auf! Nie!
Wenn die Zeit zum Essen gekommen ist, sitzt Odin mit den anderen Göttern am Tisch, aber er hat keinen Appetit. „Ich brauche nichts“, behauptet er. Nur auf den Wein will er nicht verzichten.
Auf seinen Schultern sitzen Hugin und Munin, die Raben, und zu seinen Füßen liegen zwei Wölfe. Geri und Freke heißen die beiden. Odin hat sie selber gezähmt und nun sind sie folgsam und wedeln mit dem Schwanz wie Hunde. Odin kann es sich leisten, dem Schicksal ins Gesicht zu lachen; denn ist es ihm nicht geweissagt worden, dass es ein Wolf sein wird, der ihn einst umbringen wird, ihn, den höchsten der Götter? Doch es ist kein frohes Lachen, und die andern Asen merken, dass seine Miene sich verdüstert, wenn er daran denkt.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß nach Asgard

TA KI