Wer bist du, Schütze? Gespräch mit Igor Strelkow


Was die Süddeutsche Zeitung und von dort abschreibend T-Online daraus machen, ist einfach nur eine Schande.

Da es ein langes Interview ist, beginne ich wieder schrittweise zu übersetzen. Die noch unübersetzten Teile verbleiben im Original.


Ein Gespräch zwischen dem Chefredakteur der Zeitung “Sawtra” (Morgen) und dem ehemaligen Verteidigunsminister der Donezker Volksrepublik.

Alexander Prochanow: Igor Iwanowitsch, ich war gerade in Neurussland. Und bei der Rückkehr habe ich begonnen zu zählen, Zeuge von wie vielen Kriegen ich war. Ich kam auf sechzehn. Beginnend mit Damansk, Dshalanaschkol, Afghanistan … Donezk, Lugansk ist der sechzehnte. Und jeder dieser Kriege hat sein eigenes Gesicht (wie eine eigenen Charakter – jeder Krieg). Und das ist irgendeine Substanz, die ihre Subjektheit hat, ihr Schicksal, ihre Entwicklung, ihre Erinnerung. Fühlen Sie auch, dass der Krieg gewisse Züge hat, die über die Technologie des Krieges hinausgehen? Wie würden Sie den Donezker Krieg in seinen Phasen, Etappen, Emotionen beschreiben?

Igor Strelkow: Das ist mein fünfter Krieg. Es gab zwei tschetschenische, Pridnestrowje und Bosnien. Ich würde seine Ähnlichkeit – szenarische Ähnlichkeit – mit dem Bosnien-Krieg hervorheben. Als Jugoslawien zerfiel und die Parade der Souveränitäten der serbischen Republiken begann, wollten einige Regionen nicht in die moslemisch-kroatische Föderation und begannen einen Aufstand. Diese Republiken unterdrückten die bosnischen Muslime und Kroaten mit militärischer Gewalt. Und, als ihnen die jugoslawische Armee zu Hilfe kam, wurde sie vor Sarajewo, Vukovar und Dubrovnik angehalten. Sie hielt nicht deswegen an, weil sie auf ernsthaften Widerstand traf, sondern weil das das direkte Eingreifen der NATO hätte auslösen können. Die Armee wurde abgezogen, überließ aber ihre Waffen den Serben. Die Situation ist jetzt sehr ähnlich. Und möge Gott helfen dass sie nicht genauso endet. Weil, als die Armee abgezogen war, konnten sich die Serben nicht organisieren. Es folgte ein langer Abnutzungskrieg. Und dann ging er schnell zu Ende – die Kroaten zerschlugen alle der Reihe nach.

Alexander Prochanow: Aber da gab es den Faktor der Gewalt. NATO-Truppen und Kontingente, Bombardierungen … In welchen Phasen entwickelte sich der jetzige Krieg?

Igor Strelkow: Zuerst wollte niemand kämpfen. Die ersten zwei Wochen verliefen unter Versuchen beider Seiten, einander zu überzeugen. In den ersten Tagen in Slawjansk waren sowohl wir als auch sie extrem vorsichtig mit der Anwendung von Waffen. Die erste Auseinandersetzung gab es mit SBU-Leuten, die uns zu kriegen versuchten, aber in einen Hinterhalt gerieten. Nicht mal ein Hinterhalt, einfach nur Gegenwehr, auf die sie nicht gefasst waren. Sie erlitten Verluste und verschwanden. Danach war Ruhe. Die Ukrainer begannen, Kontrollposten zu errichten, in unserer Umgebung machte das die 25. Luftlandebrigade. Aber die waren auch nicht scharf darauf zu kämpfen. Wir konnten zuerst eine Aufklärungstruppe entwaffnen, dann eine Kolonne. Das war wirklich eine Entwaffnung. Unter der Bedrohung durch Maschinenpistolen, unter der Gefahr, dass die Technik abgefackelt wird, schreckten sie vor einem Kampf zurück und wurden von uns entwaffnet.

Trotzdem ließen wir lange ihre Kontrollposten in Ruhe, und sie zeigten keine Aggressionen. Das waren die ersten Schritte.

Dann begann der “Rechte Sektor” Diversantengruppen zu uns zu schicken – es begannen Schusswechsel. Die Nationalgarde gab es noch nicht – nur den “Rechten Sektor”. Die ukrainische Seite ging sehr vorsichtig vor, Schritt für Schritt tastete sie sich vor, und beobachtete wie sich Russland verhält. Im ersten Monat gab es keinen Beschuss von Städten. Der erste Beschuss von Slawjansk fand Ende Mai statt. Vorher beschossen sie nur Dörfer, ließen Slawjansk jedoch in Ruhe. Aber nachdem sie erkannten, dass Russland nichts tut, wurde der Beschuss stärker, die Aktionen von Panzertechnik und Luftwaffe immer massiver. Anfang Juni hatten sie sich davon überzeugt, dass sich Russland nicht direkt einmischen wird, und legten voll los. Die erste massive Attacke auf Slawjansk gab es am 2. Mai. Die nächste – mit Anwendung aller Kräfte und Waffen, Panzerfahrzeugen und Panzern – fand am 3. Juni statt. Zwischen diese Angriffen gab es kleinere lokale Auseinandersetzungen.

Juni und Juli waren am schwersten. Wenn im April-Mai alles aufwärts ging, also sich das Gebiet des Aufstands vergrößerte, wir allmählich die Ortschaften der Donezker Republik kontrollierten, und die Bewegung sich ausweitete, so begannen wir im Juni, uns zurückzuziehen. Man begann, uns von allen Seiten zu bedrängen, die Kräfte des Gegners überstiegen unsere in allem. Und beim Gegner begann eine Motivation für den Kampf zu entstehen. Die Propaganda begann zu wirken. Und je weiter, umso stärker wurde die Motivation. Die Bataillone der Nationalgarde trafen auf dem Kampffeld ein. Sie waren von vornherein motiviert: Sie betrachteten den Gegner, also uns, als Moskauer Söldner. Sie waren überzeugt, dass wir aus Russland geschickt worden sind. Und dass bei uns in Slawjansk 90% aus der Umgebung, aus dem Donbass kommen, wollten sie nicht einmal glauben.

Im Juni-Juli, als es nur extrem wenig Hilfe gab, hat der Gegner riesige Kräfte herangekarrt. Und auch der Zuwachs der Kräfte war unverhältnismäßig. Beispielsweise, wenn zu uns 40 Freiwillige kamen, kamen zum Gegner 80 Maschinen. Was da drin war, ist eine andere Frage. Aber in jeder Maschine war mindestens ein Mann.

Im August, auf dem Höhepunkt der Krise, kämpften wir fast unter Bedingungen der Agonie. Wir stopften dauernd Löcher, verschlossen irgendwelche Durchbrüche. Wir waren in völliger operativer Einkreisung und konnten sie nicht zerschlagen. Und man begann schon, wie im klassischen Kessel, uns in kleinere Kessel zu zerschneiden. Allmählich wurde Gorlowka eingekreist….

Alexander Prochanow: Sie sprechen über die Phase, als Sie aus Slawjansk nach Donezk kamen?

Igor Strelkow: Ja. In dieser Phase gab es auch zwei Teile. Als mir aus Slawjansk nach Donezk kamen, gab es eine Phase der völligen Verwirrung der ukrainischen Seite. Sie hatten ihr Szenario bis ins Detail ausgearbeitet, aber wir spielten nicht mit, brachten alles durcheinander. Und nach diesem Szenario passte alles verdächtig gut zusammen für sie. Sehr verdächtig.

Was die Situation in Slawjansk betrifft …. Nachdem die ukrainische Seite die Front bei Jampol durchbrochen hatte, hingen wir schon an einem Faden, das Loch zwischen uns und Mosgowoi zu stopfen war unmöglich, dazu reichten die Kräfte nicht – mindestens eine Brigade wäre nötig gewesen. Aber wir hatten keine Reserven.

Und als sie Nikolajewka einnahmen, hatten wir keine Chancen mehr. Wir hätten eine Chance gehabt, wenn man uns massenweise Technik bereitgestellt hätte, Bewaffnung. Ich hatte drei Panzer, einer war völlig kaputt und hat keinen einzigen Schuss gemacht, nur zwei Panzer waren kampffähig. Mit ihrer Hilfe zerstörten wir einen Kontrollposten. Aber gleich nach der Zerstörung dieses Postens hat der Gegner auf alle Kontrollposten vier Panzer hingestellt. In Slawjansk hatten die Ukies sieben Kontrollposten, auf jedem vier Panzer. Jeder Kontrollposten war nach der technischen Ausrüstung und der Besatzung stärker als die gesamte Slawjansker Garnison. Am Ende der Belagerung hatte ich 9 Panzerfahrzeuge, einschließlich dieser zwei Panzer, und der Gegner hatte auf jedem Posten 7-8 Stück, einschließlich 4 Panzer. Und ich hatte die Alternative: Entweder in einer völligen Belagerung ohne Versorgung sitzenbleiben, oder abziehen. Und als der Gegner Nikolajewka eingenommen hatte, blieb uns nur ein Feldweg, und auch der wurde abgeschnitten: Wenn wir nachts auf dem Weg durchbrachen, gab es am Tag schon Posten.

Also, die Varianten. In der Einkreisung sitzen. Munition für die Schusswaffen hatten wir für härtere Kämpfe für zwei Tage, bei mittlerer Intensität – für eine Woche. Und nach den Kämpfen vor Nikolajewka blieben mir für 8 Granatwerfer 57 Granaten – weniger als für zehn Minuten pro Granatwerfer. Auch alles andere reichte nicht: Für die schweren Waffen fehlte Munition, am schlimmsten war es mit den Panzerabwehrwaffen. Die Kämpfe waren hart, es wurde viel verbraucht, und es kam kein Ersatz. Das war am 5. Juli. Die “Urlauber” kamen 40 Tage später. Wir hätten es bis zu ihrem Eintreffen nicht ausgehalten. Nicht mal die Nahrung hätte ausgereicht. Und das Wichtigste: Die ukrainische Armee vermied Kontaktkämpfe. Wenn wir selbst ihnen einen Kontaktkampf aufdrängten, dann hatten sie Verluste. Sie hatten seit der Zeit von Jampol eine andere Taktik: Sie gingen Schritt für Schritt vor, und setzten nur Panzerfahrzeuge ohne Infantrie ein. Vor den Panzerfahrzeugen gab es einen Feuerwall. Wenn die Panzerfahrzeuge auf Widerstand trafen, zogen sie sich zurück. Wieder ein Feuerwall. Und wieder Panzerfahrzeuge. Wieder ein Feuerwall – und wieder Technik.

Im Ergebnis zerstörten sie Nikolajewka systematisch. Sie beschossen mit Uragans, mit Grads, mit schwerer Artillerie. Niemand hatte so einen massiven Beschuss erwartet. Einige Wohnblöcke in der Stadt fielen einfach in sich zusammen. Die wirklichen Verluste unter der Zivilbevölkerung kennen wir nicht einmal – sie sind gewaltig.

Danach umging der Gegner Nikolajewka einfach, und ich musste die Reste der Garnison abziehen. Es war klar, dass dasselbe in Slawjansk wiederholt werden würde – es wurde schon ohne jedes Mitleid beschossen. Und ich konnte ihnen nicht antworten, weil ich keine Munition hatte. Sie hätten uns mit Stacheldraht eingeschlossen, mit Bomben zugedeckt, wie sie es mit anderen gemacht haben, die sie eingekreist haben. Und würden warten, bis wir entweder verrecken oder auszubrechen versuchen. Und ein Ausbruch unter solchen Bedingungen ist mit riesigen Verlusten verbunden, und es ist unklar, ob er gelungen wäre oder nicht. Aber in Slawjansk war der Kern unserer Brigade – eineinhalb tausend Leute, von ihnen tausend Kämpfer. In Kramatorsk waren 400 Kämpfer, in Konstantinowka etwas mehr als hundert, in Drushkowka 50, woanders gab es kleine Garnisonen von 20-30-50 Leuten. Und ich wusste, dass sich von außen keiner zu mir durchschlägt. Weder Oplot noch Wostok unterstanden mir. Besler, der in Gorlowka basierte, hatte damals etwa 350-400 Leute. Wenn ich den Kessel mit meinen eineinhalb tausend nicht durchbrechen kann, konnte er es noch weniger. Es ergab sich daraus folgendes: Wenn ich unter der Belagerung bleibe, machen mich die Ukies nach einiger Zeit fertig, und dann nehmen sie einen Ort nach dem anderen ein. Was ja faktisch schon begonnen hatte: Ich war noch nicht draußen, als sie schon Artjomowsk eingenommen hatten, wo sie ihren Mann hatten. Und Artjomowsk haben sie an einem Tag völlig gesäubert.

Zum Zeitpunkt als wir aus Slawjansk rausgingen, deutete sich schon eine zweite Umzingelung mit dem völligen Abschneiden von Kramatorsk, Drushkowka und Konstatinowka an. Das dazu, warum ich, nachdem ich aus Slawjansk raus bin, nicht Kramatorsk verteidigt habe: Da gab es auch keine Munition. Mit Berücksichtigung des tiefen Durchbruchs des Gegners nach Artjomowsk (er kam praktisch schon an Gorlowka heran, in unserem tiefen Hinterland) hatte es keinen Sinn, sich an Kramatorsk zu klammern. Wir hätten noch drei bis vier Tage gewonnen, aber im Endergebnis trotzdem abziehen müssen. Jeder Ausbruch, umso mehr ein unorganisierter, ist mit Verlusten verbunden.

Obwohl wir aus Slawjansk sehr organisiert abzogen, ist unsere Panzergruppe gefallen. Ein tragischer Zufall. Sie sollten zusammen mit der Artillerie die Aufmerksamkeit auf sich lenken, vom Rand von Slawjansk. Und dann, nachdem alle Autokolonnen durch sind, als letzte abziehen, als Abschlusskolonne. Aber hier hat der menschliche Faktor versagt, und die Panzergruppe unternahm einen direkten Durchbruch.

Um keinen Stau zu verursachen, wurde alles auf sechs Kolonnen verteilt. Jede Kolonne sollte nach einer halben Stunde losziehen. Ich machte den schweren Fehler, dass ich mich der zweiten Kolonne mitfuhr, und nicht bis zum Ende blieb. Ich hatte meine Gründe: In Kramatorsk habe ich gleich den Stab organisiert. Aber ich hätte, natürlich, als Letzter gehen müssen.

Das wäre nicht passiert, wenn ich selbst vor Ort gewesen wäre. So kann man jetzt gegen mich sagen, er ist ausgebüchst, hat sich beeilt, rauszukommen.

Allerdings hätten unsere Verluste sehr viel größer sein können. Aber die ukrainische Seite hat es nie gemocht, nachts zu kämpfen, weswegen wir die Artillerie vollständig abziehen konnten, und auch 90% der Infanterie und sonstigen.

Wir hatten als Waffen 11 Granatwerfer und zwei Nonas. Die berühmte Nona mussten wir dalassen, weil sie, obwohl die Ukies sie nie getroffen haben, völlig von Splittern übersäht war. Durch die Dauerbelastung war ihr Fahrwerk kaputtgegangen. Sie wurde andauernd hin- und hergeschafft, und am Ende hat auch die Kanone versagt. Wie die ukrainischen Kämpfer, die zu uns übergelaufen waren, gescherzt haben, hat sie in ihrem ganzen Leben nicht so viel geschossen wie in Slawjansk.

Also, die Panzergruppe ging direkt los, und wurde völlig vernichtet. Der Weg war versperrt. Der erste Panzer fuhr auf eine Mine, der zweite versuchte ihn zu umfahren und stürzte in einen Graben. Der Rest wurde mit Granatwerfern abgeschossen. Ein paar Leute überlebten – sprangen raus und brachen durch. Wenn wenigstens die Technik durchgekommen wäre, hätte man noch irgendwas tun können, aber die gesamte Panzerkraft war verbrannt. In Kramatorsk hatte ich drei BMP und zwei BTR. Das ist zu wenig – gegen uns standen zwei mechanisierte taktische Bataillonsgruppen und ein Panzerbataillon. Und auch wenn wir im bebauten Gebiet hätten agieren können, konnten wir dem Gegner nicht auf offenem Feld gegenüberstehen.

In Jampol wurde unsere Befestigung an einem Tag durchbrochen, obwohl wir uns dort eingegraben hatten, Feuerpunkte hatten Unterstände. Wir hatten Mangel an Panzerabwehrwaffen – wir hatten keine einzige Panzerabwehrkanone. Hätten wir damals eine einzige Panzerabwehrkanone gehabt, wenigstens eine Rapira, hätten sie unsere Verteidigung nicht durchbrochen, trotz aller Artillerievorbereitung. Aber nur mit ein paar Panzerfäusten konnten wir nicht richtig kämpfen. Ich hab damals verstanden, dass den Kampf auf offenem Gelände aufzunehmen nur zum Verlust von Leuten führt.

Alexander Prochanow: Sie sagten, dass für den Gegner ihr Ausbruch aus Slawjansk völlig unerwartet war.

Igor Strelkow: Ja, das hat sie verwirrt. Schließlich hatte ich einen kategorischen Befehl – Slawjansk nicht aufzugeben. Und als ich mitteilte, dass ich plane, auszubrechen, hat man mir mehrfach den Befehl, nicht abzuziehen, und Slawjansk bis zum letzten Mann zu verteidigen, wiederholt. “Sie werden auf jeden Fall rausgehauen, verteidigen Sie Slawjansk”. Ich frage “Womit?” Schweigen. Und ich habe tausend Leute und tausend ihrer Familienangehörigen. Sie zu opfern hatte ich kein Recht. Darum hab ich mich für den Ausbruch entschieden.

Noch so ein Moment. Als ich auf der Krim war, während der Krimereignisse, besuchte ich die 35. Batterie. Hat einen gewaltigen Eindruck auf mich gemacht. Tschaly ist ein Klassemann, er hat faktisch alles mit seinen eigenen Kräften geschafft. Einen genauso starken Eindruck hat auf mich gemacht, dass alle Kommandeure der ukrainischen Verteidigung von Sewastopol abgehauen sind: Alle Admirale, Generale, Piloten sind abgehauen. Sie haben an ihrer Stelle die Kommandeure von Bataillonen dort gelassen, zum Sterben zusammen mit den Soldaten. Und als ich in Slawjansk war, hab ich mich entschieden: Entweder ich gehe gar nicht raus, oder zusammen mit der ganzen Garnison. Ich hab die Entscheidung getroffen, rauszugehen, und halte sie für richtig.

Ich bin fest überzeugt, wenn wir nicht aus Slawjansk rausgegangen wären, hätten wir Donezk nicht halten können. Als wir in Donezk eintrafen, war dort alles fantastisch. Dort saß ein Kiewer Bürgermeister, die Polizei gehorchte nach wie vor Kiew, eine klassische Doppelherrschaft. Die Stadt war völlig unvorbereitet auf eine Verteidigung. Die Kontrollposten schlecht ausgestattet, die Straßen nicht blockiert, man konnte reinkommen wo man wollte. Und Kräfte gab es dort wenig, sie waren zersplittert, verstreut, niemand hatte das Kommando: Es gab eine separate orthodoxe Armee, extra das Bataillon “Wostok”, extra “Oplot”. Jede Abteilung verteidigte ihr Gebiet, ein einheitliches Kommando gab es nicht.

Das Problem war nicht einmal, dass Donezk vom Süden her fast umzingelt war, und der Gegner Amwrosijewka eingenommen hatte. Er hatte uns im Prinzip schon von der Grenze abgeschnitten. Die DVR war völlig unter der Kontrolle des Gegners. Es gab nur einen Punkt, Iswarino, wo eine meiner Kompanien aus Kramatorsk hinging, und sie verstärkten die Verteidigung dort erheblich.

Und man hätte Donezk im Ergebnis einfach von Schachtjorsk abschneiden können, vom Gebiet Tarajewski-Schachtjorsk-Antrazit. Auf diesem Abschnitt gab es nur wenige nicht besonders starke Kontrollposten auf dem Weg nach Saur-Mogila. Und zwischen ihnen gab es riesige Lücken, wo man angreifen konnte. Ilowaisk war leer – es gab keine Garnison. In Ospino gab es weder eine Garnison noch Kontrollposten.

Als ich in Donezk ankam, ließ ich in der Stadt nur den Stab, die Kompanie des Kommandanten. Ein Bataillon verlegte ich in den Petrowski-Bezirk – das ist das südwestliche Ende, was leer war. Die restlichen Kräfte, aus Kramatorsk und Slawjansk, kamen in eine Brigade, unterteilt in drei Bataillone und eine Aufklärungsabteilung. Sie wurden sofort nach Ilowaisk und Ospino geschickt. Und ich schaffte eine Frontlinie.

Alexander Prochanow: Aus den eigenen Kräften?

Igor Strelkow: Ja, wirklich aus den eigenen Kräften. Weil sich “Wostok” mir nicht unterstellte. Auf persönlicher Ebene konnten wir mit ihnen eine Zusammenarbeit herstellen. Sie verteidigten das Gebiet Awdejewka, Peski, Karlowka. In Karlowka war ein buntes Gemisch: Zuerst waren da Beslers Leute, dann gingen sie weg und ich musste dort eigene Leute hinschicken. Dann befahl ich, von dort abzuziehen, von dort durchzubrechen, weil man sie von uns abgeschnitten hatte, es wäre sinnlos gewesen in der Umzingelung zwei Kompanien zu verlieren.

Wenn wir die Südflanke nicht formiert hätten, denke ich, dass alles sehr schnell zu Ende gegangen wäre. Wären wir in Slawjansk geblieben, wäre Donezk nach einer, maximal zwei Wochen gefallen. Dadurch, dass wir rausgingen, haben wir Donezk bis zum Eintreffen der “Urlauber” halten können. Obwohl die letzten Tage einfach nur verzweifelt waren. Als wir aus Donezk rausgingen, schufen wir uns Korridore nach Russland im Gebiet Marinka, Koshewino, Browki. Gleichzeitig schlugen wir Korridore für unsere Versorgung und schnitten in Jakowo die gesamte Gruppierung des Gegners ab.

Wir haben den Korridor unter großen Verlusten gehalten, die Elite des dritten Sturmbataillons fiel in diesen Kämpfen. Als wie den Korridor schufen, verloren wir in den Kämpfen vor Marinka 120 Leute an Toten und Verwundeten in zwei Tagen – im wesentlichen durch Artilleriebeschuss und Luftangriffe. Es gab mehr als 30 Tote. Für mich sind das gigantische Verluste.

Im Augenblick des Durchbruchs der “Urlauber” war mein Bataillon KEP in zwei Teile geteilt: Ein Teil verteidigte sich in Sneshny, und ein Teil war, zusammen mit der Aufklärungsabteilung, an der Grenze abgeschnitten.

Außerdem musste ich dauern Kompanien aus Donezk abziehen, sie an andere Abschnitte werfen. Beispielsweise musste ich zuerst eine Kompanie von Bergleuten und eine Panzerabwehrabteilung nach Debalzewo verlegen. Dann musste ich dasselbe mit Krasny Lutsch machen. Dann begannen die Kämpfe vor Ilowaisk. Zum Zeitpunkt des Durchbruchs waren wir so verbraucht, dass schon die Militärpolizei mitkämpfte – sie kämpfte in Schachtrjorsk. In Donezk war von unserer Slawjansker Brigade nur noch ein Bataillon aus zwei Kompanien, welches den Bezirk Petrowski abdeckte. Das Bataillon von Kamensk war schon fast völlig aus Donezk verschwunden. Und die Etappe – Versorgung, Kommandantenkompanie, die aus Alten und Unausgebildeten bestand, die nur in der Stadt in Straßenkämpfen eine Kampfkraft hätten, aber nicht bei aktiven Kampfhandlungen.

Ein paar Reserven hatte auch Oplot und Wostok, aber Oplot akzeptierte nur teilweise mein Kommando, Wostok überhaupt nicht. Man beschuldigt mich, dass ich dort keine Ordnung geschaffen hätte. Aber als ich aus Slawjansk kam, stand ich vor einer einfachen Alternative: Entweder eine Front gegen den Feind schaffen, oder einen Umsturz organisieren. Donezk war zu diesem Zeitpunkt eine völlig friedliche Stadt. Das Volk sonnte sich, badete, die Sportler trainierten, die Leute gingen ins Cafe zum Kaffeetrinken. Wie in Moskau im Sommer, so war es in Donezk. Und niemand hätte mich verstanden. Obwohl meine Soldaten darauf brannten, all diese Etappenhengste zu verhaften und zu verjagen. Aber mir war klar: Wenn man einen Bürgerkrieg beginnt, dann wird man uns sofort fertigmachen! Ich entschied mich, dass ein schlechter Frieden besser ist als ein guter Krieg, und nahm bewusst davon Abstand.

Quelle: http://www.vineyardsaker.de/novorossiya/wer-bist-du-schuetze-gespraech-mit-igor-strelkow/#more-1508

Gruß an das russische Volk

TA KI