Wiederauferstehung: Island errichtet Tempel für nordische Götter


Der erste Tempel für nordische Götter, seit die Wikinger auf den Weltmeeren segelten, wird in Island errichtet. Anhänger der Religion Ásatrúarfélagið sollen dort Götter wie Odin, Thor oder Balder verehren können.

Islands Regierung hat der Ásatrúarfélagið (Asenglaubensvereinigung) den Bau eines Tempels genehmigt. Es handelt sich um das größte nordische Neuheidentum, welche die alten Götter der Wikinger verehrt.

Blick über Reykjavik von der Hallgrímskirkja aus, der größten Kirche Islands
© Sputnik / Tilo Gräser
Blick über Reykjavik von der Hallgrímskirkja aus, der größten Kirche Islands

Die Vereinigung wurde 1972 von Sveinbjörn Beinteinsson gegründet. Seine Anhänger, die sogenannten Ásatrú, dürfen nun einen öffentlichen Tempel bauen. Genügend finanzielle Mittel sind dafür bereits aufgetrieben.

Damit ist die Verehrung von Odin, Thor, Freya und den anderen Göttern des alten nordischen Pantheons wieder eine offizielle Religion in Island – exakt 973 Jahre nachdem das Land zum Christentum konvertiert ist, wie unter anderem das isländische Onlinemagazin „Iceland Monitor“ berichtet. Der Tempel solle noch zum Jahresende fertig werden.

Die kleine Statue des Gottes Thor, die aus der Zeit von 800–1000 stammt und in Islands Nationalmuseum in Reykjavik zu sehen ist
© Sputnik / Tilo Gräser
Die kleine Statue des Gottes Thor, die aus der Zeit von 800–1000 stammt und in Islands Nationalmuseum in Reykjavik zu sehen ist

2400 Isländer sind Anhänger der Ásatrúarfélagið. Die Gesamtbevölkerung Islands beträgt 330.000 Menschen.

Der runde Tempel soll ungefähr vier Meter in einen Hügel gegraben werden, mit Blick auf die isländische Hauptstadt Reykjavik. Eine Kuppel soll das Sonnenlicht hereinlassen. Hilmarsson meint dazu:

„Das Sonnenlicht ändert sich mit den Jahreszeiten. Also bemalt so in gewisser Weise die Sonne den Raum für uns.“

Im Tempel sollen Zeremonien wie Hochzeiten und Begräbnisse abgehalten werden.

Beobachter fragen sich nun, wie der Aufstieg der neuheidnischen Religionen die Wahrnehmung des Christentums verändert. Luke Timothy Johnson, Professor an der US-amerikanischen Emory Universität, sagte gegenüber dem Onlineportal „Big Think“, dass frühe Christen heidnische Götter häufig als Dämonen missinterpretierten.

Der isländische Vulkan Eyjafjallajokull, der mit seinem Ausbruch 2010 den europäischen Flugverkehr lahmlegte
© Sputnik / Tilo Gräser
Der isländische Vulkan Eyjafjallajokull, der mit seinem Ausbruch 2010 den europäischen Flugverkehr lahmlegte

„Ich glaube nicht, dass irgendjemand an einen einäugigen Mann glaubt, der auf einem achtbeinigen Pferd reitet“, sagte Ásatrú-Hohepriester Hilmar Orn Hilmarsson der britischen Zeitung „The Telegraph“. „Wir sehen diese Geschichten als poetische Metaphern und Manifestationen von Naturgewalten und menschlicher Psyche.“

Hier kann Hilmarsson gehört werden, wie er das altisländische Werk Edda singt:

Gruß an die alten Traditionen

TA KI

Der Zeitgeist -und wie wir ihm trotzen


Vor Kurzem hatte ich eine Diskussion mit einem interessanten Gesprächspartner, im Laufe selbiger kamen wir auf den (Un-)Geist dieser Zeit zu sprechen.

Diese Konversation dient als Grundlage für den nun folgenden Text.

Einleiten möchte ich ihn mit einem Zitat meiner Wenigkeit, mit welchem ich den momentanen Ist-Zustand der Gesellschaft beschrieb:

Der Zeitgeist ist, alles, was gut, natürlich und redlich ist, als schlecht, krank und verwerflich darzustellen-und umgekehrt.

Wenn die Menschen genug degeneriert sind und man ihnen die natürlichen Ur-Instinkte (vor allem den Selbsterhaltungstrieb) aberzogen hat, wodurch man eine leicht formbare Masse erhält, holt man andere Menschen hier hin, deren Ur-Instinkte sehr aktiv sind, und diese treffen dann auf seelenlose Zeitgeist-Krüppel, die für sie schlecht und minderwertig sind -und aufgrund ihrer Degeneriertheit ein leichtes Opfer.
Erst wird die Spiritualität zerstört, dann der Geist, dann die Kultur und dann die Rasse.
Wir sind bereits beim letzten Schritt angelangt.

Nun stellt sich die Frage, ob dieser Zustand unumkehrbar ist.

Ich möchte ehrlich sein, ich denke nicht, dass diese Gesellschaft zu retten ist, zu tief ist sie schon im Morast der Schlechtigkeit versunken.

Die Betonung des letzten Satzes liegt aber auf die Gesellschaft, denn der Einzelne kann sich sehr wohl am eigenen Schopf aus dem Dreck ziehen.

Ich sprach weiter oben von der Vierergruppe Spiritualität, Geist, Kultur und Rasse. Was ich damit meine, werde ich kurz erläutern.

Verlust der Spiritualität: Erst nahmen sie uns das Heidentum, dann pervertierten sie das Christentum.

Verlust des Geistes: Anstatt das zu tun, was die Wissenschaft -und damit ist nicht nur das gemeint, was wir im akademischen Apparat der Universitäten vorfinden- ausmacht, nämlich Wissen zu schaffen, werden vorgefertigte Konzepte präsentiert, die der Student, als kommender Leistungsträger dieses Systems, auswendig lernen und unkritisch reproduzieren soll.

Verlust der Kultur: Durch Geschichtsverfälschung und totaler Umkehrung der Grundprinzipien des menschlichen Daseins, wird unsere deutsche respektive europäische Kultur als etwas dargestellt, was überwunden werden muss, will man die Möglichkeit des Fortschrittes erlangen.

Verlust der Rasse: Durch gezielt herbeigeführte Völkervermischung wird der Grundstock des Lebens, nämlich die physische Identität, zerstört.

Was kann ich als Individuum tun, um mich dem zu entziehen?

Um eine Rückbesinnung auf unsere Spiritualität zu ermöglichen, ist es wichtig den indoktrinierten Atheismus zu überwinden. Zunächst muss also die innere Bereitschaft da sein, sich dem Höheren, dem Nicht-Sichtbaren, dem Transzendenten zu öffnen. Um dieses zu ermöglichen, muss zunächst Abstand vom universellen Rationalismus gewonnen werden. Das heißt, Dinge infrage zu stellen, die uns die Naturwissenschaften als unumstößliches Factum präsentieren. Vergleichen wir als kleinen Denkanstoß die Evolutionstheorie mit dem Kreationismus. Hat eine Höhere Macht den Menschen erschaffen oder sind wir ein zufälliges Produkt der sog. Evolution? Die ersten Menschen wurden laut Edda von Odin aus zwei Baumstämmen gefertigt, denen er Leben einhauchte, die Bibel berichtet die ersten Menschen wurden aus Staub bzw. einer Rippe Adams geschaffen. Hört sich für den „modernen“ Menschen äußerst befremdlich an, aber ist die Vorstellung, der Mensch stamme von Einzellern und Würmern ab, nicht um ein vielfaches befremdlicher? Wenn es gelungen ist, sich einer solchen Fragestellung zu öffnen und man dann noch in der Lage ist, sich ernsthaft mit ihr auseinanderzusetzen, ist bereits viel gewonnen-unabhängig wohin einen dieser Denkprozess führt. Der nächste Schritt sollte für jeden germanisch-stämmigen Menschen das Lesen der Edda darstellen, durch sie sind wir in der Lage tiefere Einblicke in des Lebens Gründe zu gewinnen.

Darauf folgend oder vllt. sogar daraus resultierend ist der Verlust des Geistes. In der Fragestellung im vorherigen Abschnitt schwang schon die Grundlage der Wissenschaft mit, nämlich das Vergleichen, das In-Verhältnis-Setzen, das Abwägen von Für und Wider. Das Gegenmittel ist simpel, Studium verschiedener Quellen zu spezifischen Themen. Egal, worum es geht, nehmt Euch Literatur mit gegenteiligen Kernaussagen zur Hand, und vergleicht. Wägt ab, habt den Mut eine eigene Meinung zu entwickeln, auch wenn sie den Thesen beider Quellen widersprechen sollte bzw. beiden eine Teilwahrheit zuspricht. Das ist der Unterschied zwischen Information und Wissen. Während an den Hochschulen nur Informationen geliefert werden, die man unhinterfragt schlucken soll, müssen wir in der Lage sein, Wissen zu erarbeiten, also Wissen zu schaffen, womit wir dem eigentlichen Begriff von Wissenschaft wieder gerecht werden.

Auch das Gegengift zum Verlust der Kultur baut wieder auf den vorhergehenden Abschnitt auf. Der Verlust unserer Kultur wird in erster Linie, wie bereits geschrieben, durch die Verfälschung der deutschen/europäischen Geschichte hervorgerufen. Auch hier hilft nur das Abwägen von Quellen. Noch mehr als bei den o.g. Punkten muss hier die Frage gestellt werden „Cui bono?“, „Wem nutzt es?“. Um diese Frage zu beantworten, sollte man sich nicht nur anschauen, was geschrieben wird, sondern auch, wer es schreibt. Wenn wir uns eingehend über die Autoren der liberalistischen Literatur informieren, ist es nicht schwer dieses Rätsel zu lösen. Also: Abgleich von Geschichtsdarstellungen tut not, nehmt Euch einen Text zu einem historischen Geschehen zur Hand, der von einem konservativen Schreiber verfasst wurde, einen von einem Liberalisten geschriebenen und durchaus auch einen Autor, den man landläufig als „revisionistisch“ bezeichnet, so finden wir über das Mittel der Vergleichenden Geschichtswissenschaft wieder zum Kern unserer Kultur zurück, und decken gleichzeitig auf, wer diese durch Lügen und Halbwahrheiten beschmutzt.

Das Antidot zur Rassenvermischung ist ganz simpel, es heißt „Augen auf bei der Partnerwahl“. Das deutsche Volk ist schon allein aufgrund der geographischen Lage des Landes nicht ethnisch homogen und kann es auch nicht sein. Dennoch kann das deutsche Volk eindeutig einigen Sub-Rassen der übergeordneten Weißen Rasse zugeordnet werden, diese sind z.B. dalo-fälid, skando-nordid, dinarid und keltid. Solange die Vermischung unter den genannten bzw. artverwandten Rassen statt findet, ist der Fortbestand nicht gefährdet.

Fast schon obligatorisch der Hinweis zum bösen, bösen Begriff der Rasse. Es geht hier keineswegs um eine Herabwürdigung einzelner Rassen. Jede Rasse hat ihre Existenz-Berechtigung! Jede Rasse hat spezifische Eigenheiten, die man als positiv oder negativ ansehen kann. Die Vielfalt der Ethnien ist erfreulich, aber gerade, weil dem so ist, ist eine Vermischung selbiger nicht begrüßenswert. Wenn eine durch Liebe getragene Verbindung von Menschen gänzlich unterschiedlicher Rassen entsteht, dann ist dies zu akzeptieren, jedoch gefährdet das vorsätzliche Heranzüchten von gemischten Paaren die Existenz beider Ethnien und damit auch die Existenz der jeweiligen Völker und im Endeffekt auch der entsprechenden Kulturen.

Zum Abschluss noch ein paar Literatur-Tipps (aus juristischen Gründen keine Direktverlinkung).

Spiritualität/Religion: https://www.google.com/search?q=edda+pdf&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b-ab (Suchbegriff „Edda pdf“)

Geist/Kultur: https://www.google.com/search?q=julius+evola+pdf++&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b-ab (Suchbegriff: Julius Evola pdf)

Bild: pixabay

Quelle

Danke an Oliver.

Gruß an die Nachdenklichen

TA KI

Das Wissen um die Sonnenwend ist sehr alt


Bei den Kelten ist die Sommersonnenwende unter dem Namen Alban Hevin bekannt. Sie sollen sage und schreibe 12 Tage und Nächte gefeiert haben. Die Anhänger der noch jungen Wicca Bewegung nennen das Fest Litha.

Der Mittsommer, wie das Fest auch genannt wird, gehört zu den vier großen Sonnenfesten im Jahreskreis. Ihr Pendant ist die Wintersonnenwende am 21. Dezember. Sie liegt der Sommersonnenwende genau gegenüber. Die Frühlings-Tagundnachtgleiche  liegt genau zwischen der Winter- und Sommersonnenwende, die Herbst-Tagundnachtgleiche zwischen der Sommer- und Wintersonnenwende.

Die Kirche konnte dieses heidnische Fest nicht ignorieren, es war fest in der damaligen Kultur der Heiden verankert. So tat sie, was sie in solchen Fällen immer zu tun pflegte, sie wandelte es in ihr eigenes Fest um, den Johannistag. Es war Johannis dem Täufer gewidmet und wurde auf den 24. Juni datiert. Noch heute sind die riesigen Freudenfeuer auch unter dem Namen Johannisfeuer bekannt. Die alte, heidnische Tradition jedoch konnte durch die Kirche bis heute nicht verdrängt werden. Im Gegenteil, mehr denn je suchen die Menschen den Weg zurück zu ihren Wurzeln, möchten sie auf dem Alten Pfad wandeln.

 

Alte Stätten und Relikte

Die Feiern zur Sommersonnenwende gab es bereits, als an die Bibel noch nicht einmal zu denken war. Das lässt sich nicht so einfach aus dem kollektiven Gedächtnis streichen.

Nehmen wir einmal den Turm von Jericho. Er ist der älteste Turm der Welt und steht nun bereits seit 11.000 Jahren. In seiner unmittelbaren Umgebung steht der Berg Quarantal. Der Schatten seines Gipfels fällt zur Sommersonnenwende genau auf diesen Turm. Das fanden die Archäologen der Universität Tel Aviv heraus.

Stonehenge ist nicht ganz so alt wie der Turm von Jericho. Das Alter wird mit etwa 5100 Jahre angegeben. Der Steinkreis ist auch heute eines der bekanntesten Kultstätten der Welt. Stonehenge ist noch immer eines der Lieblingsplätze zur Sommersonnenwende.

Ein weiteres Relikt aus der Bronzezeit ist die Himmelsscheibe von Nebra (siehe Abbildung), welche die Sonnenwenden und die Tagundnachtgleichen anzeigt. Ihr Alter wird auf 3700 bis 4100 Jahre geschätzt.

Dies sind nur drei Beispiele aus der alten Zeit derer es viele gibt. Das Wissen ist tief in den Menschen verankert und niemand wird es löschen können, egal wie sehr es auch versucht.

Himmelsscheibe von Nebra

Alte Mythen rund um die Sommersonnenwende

Mittsommer ist ein Fest der Sonne und des Feuers. Es wird ausgelassen, nahezu ekstatisch gefeiert. War die Wintersonnenwende mit der Sorge vor der bevorstehenden, kalten Jahreszeit verbunden, so war dieses Fest ein Fest der puren Freude. Die Menschen mussten sich nicht sorgen. Die Erde brachte die ersten Früchte hervor und alles stand in heller Pracht. Es herrschte Fülle und Überfluss. Die Sonnenwenden sind eng mit der germanischen, aber auch der keltischen Mythologie verknüpft.

 

Baldur, der germanische Sonnenkönig

Es ist der längste Tag des Jahres. Längst sind die Tage nicht so heiß, wie sie noch werden können. An keinem anderen Tag des Jahres wird die Sonne länger scheinen und ihre Kraft der Erde schenken. Hernach wird sie sich mehr und mehr zurückziehen. Die Schatten ihres Daseins werden von Tag zu Tag länger, bis zur Wintersonnenwende die Nacht den längsten Schatten wirft.

Der immer wiederkehrende Zyklus des Sonnengottes Baldur erreicht zur Sommersonnenwende seinen Höhepunkt.

Geburt und Leben des Baldur

Baldur ist der Lichtgott, der Gott der Sonne. Odin machte sich einst zu einer längeren Reise auf. Seine Brüder Wili und We übernahmen für diesen Zeitraum die Regentschaft. Sie übernahmen aber auch gleich Odins Frau Frigg und zeugten mit ihr einen Sohn, Baldur den Licht- und Sonnengott.

Baldur plagten schlimme Albträume. Immer wieder träumte er von seinem eigenen Tod. Er ertrug diese Last nicht länger und erzählte den anderen Asen von diesem furchteinflößenden Traum. Unter Yggdrasil, der Weltenesche hielten sie Rat was zu tun sei.

Odin wurde ausgesandt näheres zu erfahren, doch davon soll ein anderes Mal die Rede sein. Springen wir ein Stück vor in der Geschichte.

Baldur hatte einen blinden Bruder namens Hödr. Er schlug vor, dass alles in der Welt, alles Beseelte und alles Unbeseelte den Schwur leisten soll Baldur nicht zu schaden.

Frigg machte sich auf und nahm allen Dingen und allen Wesen den Schwur ab, nur eines „vergaß“ sie: Die kleine, zarte Mistel an einer Eiche.

Die Götter testeten den Schwur und warfen Wurzeln und anderes Gehölz nach Baldur, aber alles prallte an ihm ab. Sie wurden mutiger und warfen mit immer größeren Dingen nach Baldur und nichts geschah. Odin warf seinen Speer nach ihm, Thor seinen Hammer, aber alles prallte an ihm ab.

 

Baldurs Tod

Auf einem Fest zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende schossen sie wieder mit Pfeil und Bogen und anderem Gewerk auf Baldur. Loki nervte das alles wahnsinnig und er ersann eine List. Als alte Frau verkleidet suchte er Frigg auf und fragte, ob sie wirklich allen Dingen und Wesen den Schwur abgenommen hätte. Sie gestand schließlich, bei einer noch jungen Mistel auf den Schwur verzichtet zu haben.

Loki machte sich auf und holte die zarte, zerbrechlich wirkende Mistel. Zurückgekehrt gab er sie Hödr und überredete ihn damit nach Baldur zu werfen. Dies tat er schlußendlich und Baldur sank tot zu Boden. Er war von der Mistel durchbohrt.

 

Baldurs Wiedergeburt

Nach dem Tod Baldurs waren die Götter sehr verzweifelt. Frigg gab ihren Sohn aber nicht auf. Es gelang ihr nach langem Hin und Her ihren dritten Sohn Hermoðr zu überreden in das Totenreich zu reisen um mit der Totengöttin Hel zu verhandeln. Mit Sleipnir, Odins achtbeinigem Pferd, machte sich Hermoðr auf den Weg durch das Tor zum Totenreich. Niemand ist je durch dieses Tor zurück gekehrt. Das kluge Pferd Sleipnir indes sprang einfach darüber hinweg. So überredete Hermoðr die Totengöttin seinen Bruder Baldur wieder frei zu geben. Hel verlangte, dass alle Wesen und Dinge der Welt um Baldur weinen sollten, erst dann würde sie ihm seine Wiedergeburt gestatten.

Viel Zeit war vergangen, der Winter kratze bereits mit seinen kalten Krallen an der Tür. Frigg schickte abermals Boten in alle Lande aus. Alle weinten nun um Baldur außer Thöll, die Riesin. Wieder war es Loki der Listige, der seine Finger im Spiel hatte. Die Götter erkannten, dass er sich in die Riesin verwandelt hatte. Sie ergriffen Loki, zerrten ihn unter die Erde und fesselten ihn dort an einen Felsen. Erst bei Ragnarök, der Götterdämmerung gelang es Loki sich zu befreien.

Nun war Baldur aus dem Reich der Toten befreit, aber er hatte einen hohen Preis zu zahlen. Jedes Jahr zur Wintersonnenwende wird er neu geboren, um dann zur Sommersonnenwende erneut zu sterben.

 

Cerunnos, der gehörnte Gott der Kelten

Bei den Kelten wird am Tag der Sommersonnenwende der Naturgott Cerunnos geehrt, welcher auch der Gehörnte genannt wird. In der griechischen Mytholigie ist der Gehörnte unter dem Namen Pan bekannt. Sein germanischer Name lautet Freyr.

Cerunnos ist der Herr der Tiere, der treue Begleiter der großen Erdgöttin. Seine Gottheit steht für viele Bereiche der irdischen Welt.

Er ist der Gott:

  • der Natur
  • des Waldes
  • der schöpferischen Naturkräfte
  • der Fruchtbarkeit
  • der Zeugungskraft
  • des Wachstums
  • der Reinkarnation
  • der Kreuzwege
  • der Krieger
  • der Liebe
  • des Wohlstandes und Reichtums.

Dem Gehörnten zu huldigen, bedeutete die eigene Lebenskraft und Fruchtbarkeit zu steigern. Aus ihm spricht die ungebändigte Natur, das Wilde und die Freiheit eines jeden Einzelnen, als Teil des Kreislaufes in dieser Welt.

 

Keltischer Knoten

 

Alte Bräuche der Sommersonnenwende

In der Mittsommernacht, wenn sich die Sonne unter dem Horizont schlafen legt, werden große und kleine Feuer entfacht. Die Menschen tanzen um die Flammen und springen über sie hinweg. Das soll Glück bringen und vor Unheil schützen.

Die kleinen Kinder der alten Zeit wurden schnell krank und eine Krankheit führte nicht selten zum Tod. Sie wurden zur Mittsommernacht über das Feuer geworfen, um sie vor diesem Schicksal zu bewahren. Ein über das Feuer geworfenes Kind, werde nicht so schnell krank, glaubten die Menschen der alten Zeit.

Neigten sich die Feste dem Ende entgegen, so nahmen die Menschen einen glühenden Scheit aus dem Feuer und trugen ihn nach Hause. Mit diesem Holzscheit wurde das eigene Heim gesegnet. In vielen Gebieten ist dieser Brauch noch heute so aktuell wie einst. Die Kultur der Heiden ist nie wirklich zerbrochen.

Die Sommersonnenwende ist ein Fest, dass tief in die Nacht hineinreicht. Um so später es wird, um so berauschender die Feier. Brennende Räder, gemäß einer uralten Tradition, werden entzündet und von den Bergen und Hügeln hinab gerollt.

Das Fest endet erst, wenn die ersten Vögel erwachen und der Morgen dämmert.

 

Die Kraft der Kräuter

Am Tage sammelten die Frauen Kräuter wie Beifuß, Eisenkraut, Rittersporn und vor allem die Sonnenpflanze Johanniskraut. In der Nacht banden sie sich diese um ihre Hüften.

In ihren Haaren trugen sie Blumenkränze aus Gundermann und Eisenkraut, welche die Hellsichtigkeit fördert.

Den Kräutern werden starke Heilkräfte zugesprochen, die ihre Wirkung am kraftvollsten entfalten, wenn die Mittsommernacht auf die Nacht des Vollmondes fällt.

Die nackten, männlichen Tänzer banden sich indes einen Gürtel aus Beifuß oder Eisenkraut um die Hüften. Er sollte die Potenz erhöhen. Die Nacktheit in jener Nacht war übrigens heilig, sie war die Verbindung zum Ursprung des menschlichen Daseins.

Mit Hilfe der Kräuter wurde ein starkes Gebräu kreiert, welches eine besonders berauschende und aphrodisierende Wirkung hatte.

Rund um die Felder steckten die Menschen die sogenannten Wolfskräuter: Arnika, Eberesche, Beifuß, Königskerze, Kümmel und das Christophskraut. Sie sollten dem Sonnengott Ehre erweisen.

Die Priester der Heiden, auch Bilwis Priester genannt, dienten dem Sonnengott Baldur. Zur Sommersonnenwende war es ihre Aufgabe die Felder zu segnen.

 

Die Wärme der Sonne

 

Ein kleines Mittsommer – Ritual

Nimm dir einen kleinen Leinenbeutel und fülle diesen mit Kräutern aus:

  • Lavendel
  • Johanniskraut
  • Eisenkraut
  • Gundermann

Besprich den Beutel mit deinen Sorgen, Ängsten und Problemen. Verbinde ihn und vergiss nicht, ihn mit zum Feuer zu nehmen.

Wirf den Beutel am Abend in die Flammen. So sollen deinen Sorgen und Ängste verbrennen und sich deine Probleme in Rauch auflösen.

Ist das Feuer klein genug, springe darüber hinweg.

Das ist nicht der Moment für waghalsige Experimente!

Spring nicht über das Feuer, wenn es für dich oder umstehende Personen gefährlich ist.

Dieser beherzte Sprung wird dich reinigen.

Mittsommer ist ein geselliges Fest. Es ist Brauch das Fest mit der Familie und / oder Freunden zu feiern.

Die Sommersonnenwende erzählt von Licht und Überfluss, aber sie erzählt auch eine andere Geschichte. Alles was jetzt in Fülle vorhanden ist, wird wieder verloren gehen. Alles was zu Tage kommt, wird wieder im Dunkel verschwinden. Noch sind die Nächte einladend warm und die Tage voller Kraft und Licht. Der Winter scheint weit entfernt. Zelebriere das Leben und tanze durch die Nacht.

Quelle

liche Grüße an Alle- auch die Ahnen

TA KI

 

Runen Rad Runen Rat


freya1

odin1

bei Germanenherz

Runen sind nicht einfach nur Schriftzeichen.

Es sind Symbole, die Kraft beinhalten und diese auch übertragen können. Jeder Rune sind bestimmte Eigenschaften zugeordnet, die man durch die Darstellung des jeweiligen Symbols in Schrift oder Klang oder Körperhaltung freisetzen kann. Runen sind wie Schlüssel zu bestimmten Energien… wenn du weisst wie du Energie lenken und kanalisieren kannst, dann musst du eigentlich nur den Schlüssel betätigen (durch die fuer dich passendste Methode) , dir Zugang zu dem Energie-Feld “hinter” der Rune verschaffen.

 

folgende Links nutzen. Die Runenbeiträge liegen noch auf  mein Google Blogspot werde sie aber die Tage hier im Blog einarbeiten
Buchvorstellung zum Thema Runen
Der kosmische Ursprung der Runen **
Runen wissenschaftliche Evolutionsforschung  **
Odins Runen – unsere Schrift **
Runen selbst herstellen **
Kleine Runenkunde
Am Anfang war das Wort
Runen 24er futhark  **

Runenmagie
Mittelalterliche Geheimrune n
Germanenherz_Toto_Haas_Runenrad Wenn du dich entschlossen hast dich mit den Runen zu beschäftigen so werden sie dich nicht mehr loslassen. Der Ruf der Runen ist sehr stark, das war er schon von alters her. Bereits unsere Vorfahren haben sich mit den Runen beschäftigt. Bei den Runen gibt es zwei verschieden Systeme sie zu benutzen. Das eine ist das sie als Schrift fungieren der zweite Aspekt, der meiner Meinung nach viel wichtigere, ist es sie als magisches System zu erkennen. Im magischen Sinne können Runen sehr viel tun. Mit ihnen kann man Dinge und Personen schützen oder Eigenschaften verändern.
Wenn du die Runen wirklich erkennen willst so musst du dahin gehen wo die Runen früher benutzt wurde. Finde alte Kraftorte, Eichenhaine, Hügelgräber oder Bergkuppen. An diesen Plätzen sind diese Symbole durch das viele Arbeiten mit ihnen immer noch präsent. Tausende Schamanen vor dir haben an diesen Plätzen ihr Wissen vertieft, weitergegeben oder gefunden. Im Beschäftigen mit der Natur erschließt sich die Bedeutung der Runen auch für uns. Runen sind Symbole für die Natur und für den Menschen. Auch für das Zusammenwirken von Mensch und Natur sind Runen ein Symbol.
Odin hing am Weltenbaum als er die Runen „fand“. Das bedeutet nicht dass du dich auch an einen Baum hängen sollst aber in die Natur musst du gehen. Verlasse die Stadt und mache dich auf um im Wald an einem Bach zu Meditieren. Finde deine Kraft unter einer mächtigen, tausend Jahre alten Eiche. Denke über die Natur nach und über das was die Natur dir mitteilen will. Finde deinen eigenen Zugang zur Natur, zu den Runen und zur geistigen Welt. Verbinde dich mit Odin, Thor, Thyr, Freya mit allen deinen Vorfahren und deren Göttern.
Den Einstig und Beginn der Runen findest du hier im Blog doch die Bedeutung für dich die findest du nur in dir selbst. Mache dich auf und folge dem Ruf der Runen, sie werden dich zu neuen Erkenntnissen über dich selbst und deine Umwelt bringen. Vielleicht begreifst du erst dann was dein Weg durch die Zeit ist und wie du ihn gehen sollst.
.
Gruß an die Wissenden
TA KI

Odins Runenlied


In der Edda ist der Verlauf der höchsten Einweihung im Hávamál zu finden. Demzufolge hing Odin, vom Speer verwundet, neun Tage und Nächte am Weltenbaum und erlitt die schlimmsten Qualen. Nach dieser Zeit des Leidens erhielt er als Belohnung die Einweihung in die Runenmagie. Er empfing achtzehn mächtige Zauberlieder, von denen jedes einer Rune entsprechen könnte. Die Namen oder Formen der Runen werden in dem Lied nicht erwähnt, aber wenn man die Bedeutung der Runen kennt, erkennt man sie im Runenlied (altnordisch: Rúnatal) wieder.

Auf der linken Seite wird hier das altnordische Original wiedergegeben, auf der rechten Seite die deutsche Übersetzung.

erdenbaum
Veit eg, að eg hékk
vindga meiði á
nætur allar níu,
geiri undaður
og gefinn Óðni,
sjálfur sjálfum mér,
á Þeim meiði,
er manngi veit,
hvers hann af rótum renn.

Við hleifi mig seldu
né við hornigi,
nýsta eg niður,
nam eg upp rúnar,
æpandi nam,
féll eg aftur Þaðan.

Fimbulljóð níu
nam eg af inum frægja syni
BölÞórs Bestlu föður,
og eg drykk of gat
ins dýra mjaðar,
ausinn Óðreri.

Þá nam eg frævast
og fróður vera
og vaxa og vel hafast.
Orð mér af orði
orðs leitaði,
verk mér af verki
verks leitaði.

Rúnar munt Þú finna
og ráðna stafi,
mjög stóra stafi,
mjög stinna stafi,
er fáði fimbulÞulur
og gerðu ginnregin
og reist Hroftur rögna,

Óðinn með ásum,
en fyr álfum Dáinn,
Dvalinn dvergum fyrir,
Ásviður jötnum fyrir,
eg reist sjálfur sumar.

Veistu hve rísta skal?
Veistu hve ráða skal?
Veistu hve fáa skal?
Veistu hve freista skal?
Veistu hve biðja skal?
Veistu hve blóta skal?
Veistu hve senda skal?
Veistu hve sóa skal?

Betra er óbeðið
en sé ofblótið,
ey sér til gildis gjöf.
Betra er ósent
en sé ofsóið.
Svo Þundur um reist
fyr Þjóða rök,
Þar hann upp um reis
er hann aftur of kom.

Ljóð eg Þau kann
er kannat Þjóðans kona
og mannskis mögur.
Hjálp heitir eitt
en Það Þér hjálpa mun
við sökum og sorgum
og sútum gervöllum.

Það kann eg annað
er Þurfu ýta synir
Þeir er vilja læknar lifa.

Það kann eg Þriðja
ef mér verður Þörf mikil
hafts við mína heiftmögu.
Eggjar eg deyfi
minna andskota,
bítat Þeim vopn né velir.

Það kann eg ið fjórða
ef mér fyrðar bera
bönd að bóglimum.
Svo eg gel
að eg ganga má,
sprettur mér af fótum fjötur
en af höndum haft.

Það kann eg ið fimmta
ef eg sé af fári skotinn
flein í fólki vaða,
flýgura hann svo stinnt
að eg stöðvigak
ef eg hann sjónum of sék.

Það kann eg ið sjötta
ef mig særir Þegn
á rótum rásviðar,
og Þann hal
er mig heifta kveður,
Þann eta mein heldur en mig.

Það kann eg ið sjöunda
ef eg sé hávan loga
sal um sessmögum.
Brennurat svo breitt
að eg honum bjargigak,
Þann kann eg galdur að gala.

Það kann eg ið átta
er öllum er
nytsamligt að nema.
Hvar sem hatur vex
með hildings sonum,
Það má eg bæta brátt.

Það kann eg ið níunda
ef mig nauður um stendur
að bjarga fari mínu á floti.
Vind eg kyrri
vogi á
og svæfik allan sæ.

Það kann eg ið tíunda
ef eg sé túnriður
leika lofti á.
Eg svo vinnk
að Þeir villir fara
sinna heimhama,
sinna heimhuga.

Það kann eg ið ellefta
ef eg skal til orustu
leiða langvini.
Undir randir eg gel
en Þeir með ríki fara,
heilir hildar til,
heilir hildi frá,
koma Þeir heilir hvaðan.

Það kann eg ið tólfta
ef eg sé á tré uppi
váfa virgilná.
Svo eg ríst
og í rúnum fák
að sá gengur gumi
og mælir við mig.

Það kann eg ið Þrettánda
ef eg skal Þegn ungan
verpa vatni á.
Munat hann falla
Þótt hann í fólk komi,
hnígura sá halur fyr hjörum.

Það kann eg ið fjórtánda
ef eg skal fyrða liði
telja tíva fyrir.
Ása og álfa
eg kann allra skil,
fár kann ósnotur svo.

Það kann eg ið fimmtánda
er gól Þjóðrörir
dvergur fyr Dellings durum.
Afl gól hann ásum
en álfum frama,
hyggju Hroftatý.

Það kann eg ið sextánda
ef eg vil ins svinna mans
hafa geð allt og gaman.
Hugi eg hverfi
hvítarmri konu
og sný eg hennar öllum sefa.

Það kann eg ið sautjánda
að mig mun seint firrast
ið manunga man.
Ljóða Þessa
mun Þú Loddfáfnir
lengi vanur vera.
Þó sé Þér góð ef Þú getur,
nýt ef Þú nemur,
Þörf ef Þú Þiggur.

Það kann eg ið átjánda
er eg æva kennig
mey né manns konu,
allt er betra
er einn um kann,
Það fylgir ljóða lokum,
nema Þeirri einni
er mig armi ver
eða mín systir sé.

Nú eru Hávamál kveðin
Háva höllu í,
allÞörf ýta sonum,
óÞörf jötna sonum.
Heill sá er kvað,
heill sá er kann,
njóti sá er nam,
heilir Þeir er hlýddu.

Ich weiß, daß ich hing
am windigen Baum
neun lange Nächte,
vom Speer verwundet,
dem Odin geweiht,
mir selber ich selbst,
am Ast des Baumes,
von dem niemand weiß,
aus welcher Wurzel er wuchs.

Sie boten mir
nicht Brot noch Met,
da neigt‘ ich mich nieder,
auf Runen sinnend,
lernte sie seufzend,
endlich fiel ich zur Erde.

Hauptlieder neun
lernt‘ ich von dem weisen Sohn
Bölthorns, des Vaters Bestlas,
und ich trank einen Trunk
des teuern Mets
aus Odhrörir geschöpft.

Zu gedeihen begann ich
und begann zu denken,
wuchs und fühlte mich wohl.
Wort aus dem Wort
verlieh mir das Wort,
Werk aus dem Werk
verlieh mir das Werk.

Runen wirst du finden
und Ratestäbe,
sehr starke Stäbe,
sehr mächtige Stäbe,
Erzredner ersann sie
und Götter schufen sie
uns sie ritzte der hehrste der Herrscher.

Odin den Asen,
den Alfen Dain,
Dwalin den Zwergen,
Alswid den Riesen,
einige ritzte ich selbst.

Weißt du wie man ritzen soll?
Weißt du wie man raten soll?
Weißt du wie man finden soll?
Weißt du wie man erforschen soll?
Weißt du wie man bitten soll?
Weißt du wie man opfern soll?
Weißt du wie man senden soll?
Weißt du wie man tilgen soll?

Besser nicht gebeten
als zu viel geboten,
die Gabe will stets Vergeltung.
Besser nicht gesendet
als zu viel getilgt.
So ritzt es Thundr
zur Richtschnur den Völkern,
dann entwich er
dahin, wo er herkam.

Lieder kenn ich
die kann die Königin nicht
und keines Menschen Kind.
Hilfe verheißt mir das erste
denn helfen mag es
in Streiten und Zwisten
und in allen Sorgen.

Das kann ich als anderes
des alle bedürfen,
die heilkundig heißen.

Das kann ich als drittes
des ich bedarf
meine Feinde zu fesseln.
Die Spitze stumpf
ich dem Widersacher,
mich verwunden nicht Waffen noch Listen.

Das kann ich als viertes
wenn der Feind mir schlägt
in Bande die Bogen der Glieder.
Sobald ich es singe
so bin ich ledig,
von den Füßen fällt mir die Fessel
der Haft von den Händen.

Das kann ich als fünftes
wenn ich sehe einen Pfeil gefährdend fliegen
übers Heer daher,
wie hurtig er fliege
ich mag ihn hemmen
erschau ich ihn nur mit dem Sehen.

Das kann ich als sechstes
so wer mich versehrt
mit harter Wurzel des Holzes,
und den andern allein
der mir es antut,
verzehrt der Zauber, ich bleibe frei.

Das kann ich als siebentes
wenn hoch der Saal steht
über den Leuten in Lohe.
Wie breit sie schon brenne
daß ich sie noch berge,
den Zauber weiß ich zu zaubern.

Das kann ich als achtes
das allen wäre
nützlich und nötig.
Wo Hader zu entbrennen scheint
mitten unter Helden
da vermag ich ihn schnell zu schlichten.

Das kann ich als neuntes
wenn Not mir ist
vor der Flut das Fahrzeug zu bergen.
Ich wende den Wind
von den Wogen ab
und beschwichtige rings alle See.

Das kann ich als zehntes
wenn ich sehe Zaunreiterinnen
durch die Lüfte lenken.
Ich wirke so
daß sie wirre zerstäuben,
zu Gespenstern werden
als Gespenster schwinden.

Das kann ich als elftes
wenn ich zum Angriff soll
die treuen Freunde führen.
In den Schild fing ich’s,
so zieh’n sie siegreich,
heil in den Kampf,
heil aus dem Kampf,
bleiben heil wohin sie ziehn.

Das kann ich als zwölftes
als ich sah am Zweige hängend
vom Strang erstickt ein Toter.
Wie ich ritze
das Runenzeichen
so kommt der Mann
und spricht mit mir.

Das kann ich als dreizehntes
soll ich ein Degenkind
in die Taufe tauchen.
So mag er nicht fallen
im Volksgefecht,
kein Schwert mag ihn versehren.

Das kann ich als vierzehntes
soll ich dem Volke
der Götter Namen nennen.
Asen und Alfen
kenn ich allzumal,
wenige sind so weise.

Das kann ich als fünfzehntes
das sang Volkrörir
der Zwerg vor Dellings Schwelle.
Den den Asen sang er Stärke
den Alfen Gedeihn,
hohe Weisheit dem Hroptatyr.

Das kann ich als sechzehntes
will ich schöner Maid
in Lieb und Lust mich freuen.
Den Willen ich wandel
der Weißarmigen
und daß sich mir ganz ihr Sinn gesellt.

Das kann ich als siebzehntes
daß schwerlich wieder
die holde Maid mich meidet.
Dieser Lieder
magst Du, Loddfafnir,
lange ledig bleiben.
Doch wohl Dir, weißt Du sie,
Heil dir, behältst Du sie,
selig, singst du sie.

Das kann ich als achtzehntes
das ich aber nicht singe
vor Maid noch Mannes Weibe,
als allein vor ihr
die mich umarmt,
oder sei es meiner Schwester,
besser ist was einer
nur weiß
so frommt das Lied mir lange.

Des Hohen Lied ist gesungen
in des Hohen Halle,
den Erdensöhnen not,
unnütz den Riesensöhnen.
Wohl dem, der es kennt,
wohl dem, der es kann,
lange lebt, der es erlernt,
Heil allen, die es hören.

.

Quelle: http://germanenherz.blogspot.de/2012/06/odins-runenlied.html

Gruß an die Geschichte

TA KI

Die Lilith-Jupiter Konjunktion – letzter Teil


Zur Erinnerung- Dieser Beitrag erschien bereits am 22. Mai 2014

Erinnerst du dich? Hörst du Sie rufen?

Hast du Ihr jemals zugehört?

Sie, die Allererste, die Leben schenkte, die Heiligste,

verunstaltet, verraten, verhöhnt, verdrängt,

die Mutter aller Mütter und aller Väter?“

Vieles kommt in diesen Zeiten hoch, und Dinge die wir längst erledigt glaubten, melden sich fast energisch zurück. Auf einmal sind wir konfrontiert mit Ereignissen, die Jahrzehnte zurückliegen können. Mit Macht drängen sich auch karmische Altlasten ins Bewußtsein; sie alle wollen jetzt erlöst werden, vergeben und losgelassen sein. Dies ist notwendig, damit unsere Seelenanteile sich vereinigen, und wir endlich in unsere Kraft gehen können. Die ursprüngliche Blaupause unseres Seins will in den Vordergrund des Lebens, und nicht mehr ein Schattendasein führen.

Ganz genauso geht es Lilith, nachdem ich mich in das heutige Thema eingefühlt habe. Auch sie meldet sich vehement zurück, nach der Jahrtausende langen Unterdrückung. Nicht nur wir, auch die mythischen Gestalten und die Ahnen sehnen sich nach Erlösung, welche die nötige Vorbereitung für den großen Wandel sein wird.
Die astrologische Entsprechung für Lilith ist der Südknoten einer Knotenachse, welche die beiden Schnittpunkte von Mond- und Erdbahn sind, nicht zu verwechseln mit der Mondknotenachse, das sind die Schnittpunkte zwischen Sonnen- und Mondbahn. Während der Mondknoten sich immer rückwärts durch den Tierkreis bewegt, wandert Lilith beständig vorwärts. Der Nordknoten der Mond- und Erdbahn-Achse wird Priapus genannt. Er repräsentiert die Fülle, währen Lilith der Mangel zugeschrieben wird. Dies halte ich jedoch für eine recht einseitige und patriarchal gefärbte Interpretation. Das Gefühl des Mangels, das von Lilith ausgehen mag, liegt einzig und allein daran, daß wir einen Mangel fühlen oder erleben, wenn Lilith zuwenig gewürdigt ist, und sie wurde allzu oft übersehen. Es gibt noch einen kleinen Asteroiden namens Lilith, aber der ist hier nicht gemeint.

Die Konjunktion von Jupiter und Lilith ist die fünfte und letzte dieses Zyklusses, und sie wird für viele Jahre gelten. Ich habe sie diesmal auf 0° Länge und 0° Breite gerechnet (auf die Bogensekunde genau), weil man dann die globale Wirksamkeit sieht, das Horoskop gilt also weltweit. In der Darstellung gibt’s ein technisches Problem, weil man bei astro.com keine Koordinaten direkt eingeben kann. Da muß man immer einen Ort wählen, und der nächstliegende Ort ist Accra in Ghana, der aber 5° nördlich liegt. So sind die Häuserspitzen ungenau, deshalb das 2. Horoskop mit den exakten Hausspitzen.

In der Lilith-Jupiter Konjunktion sehen wir, wie sich das Lilith-Prinzip am besten entfalten kann, oder was diesen Prozeß noch verhindert. Da Jupiter selbst die Fülle und glückliche Ausdehnung darstellt, erfahren wir hier, wie Lilith ihre Fülle zurückbekommt. Ich versuche das auf 2 Ebenen darzustellen, es kommt da immer auf den Blickwinkel an.

HS = Halbsumme, SP = Spiegelpunkt

Lilith Konj. Jupiter 1.12.2013

Da geht es zuallererst um Befreiung (AC im Wassermann), und die Befreiung bezieht sich auf das Herdendasein, die materielle Fülle, und die Handhabung von Energie (Uranus in 2 im Widder). Es bedeutet, daß wir keine Energiegewinnung mehr zulassen dürfen, die so hochgefährlich ist wie Atomenergie; weiter daß wir uns aus Geldsystemen befreien sollen, die nicht im Sinne der Wahrheit oder des Göttlichen Willens funktionieren, bzw die meisten Menschen benachteiligen (Neptun H2); und daß wir uns möglichst aus dem System der Herde heraushalten sollen (Uranus in 2). Uranus, der das 1. Drittel des Widders fast durchlaufen hat, platzt bald vor Neuigkeiten, denn er möchte zB die Freien Energien in die Welt bringen. Wir sehen jedoch, daß die angestrebte Befreiung immer noch sehr stark unterdrückt wird, von weltlicher Macht, die im Geheimen agiert (Pluto H10 in 12 Qu. Uranus). Dies ist jedoch das Grundthema, das Lilith seit Urzeiten verfolgt, und es verlangt in diesem Zyklus nach Befreiung. Die Unterstützung für Lilith ist ja Jupiter, die gemeinsam bessere Bedingungen für die Menschen, Frauen, Völker erschaffen wollen (beide in 6 im Krebs). Doch Jupiter, der die Freiheit fügen soll (H11) ist bereits stark geschädigt durch den immensen Verrat der Macht (Pluto im SP Ixion-Pholus), außerdem ist er nicht in seiner vollen Kraft (← rückläufig bis 7.03.14).

Jupiter kann immer dann nichts gut fügen, wenn die vorhergehenden Prinzipien des Himmels nicht beachtet werden: Neptun als Göttliches Prinzip, Uranus als freie Schöpferenergie, und Saturn als Bestimmung. Und genau dies versuchen die weltlichen Mächte seit langer Zeit zu verhindern. Sie brauchten dafür nur Eines zu tun: das Weibliche in all seinen Formen zu unterdrücken und zu kontrollieren, und das ist immer noch ihre heimliche Absicht (Saturn H12 Konj. Mond in 10, beherrscht von Pluto). Den Letzten, denen diese Unterdrückung des Weiblichen gut tun kann, sind die Männer (wurde wohl irgendwie übersehen). So ist die Fügung der Freiheit auch bereits unterdrückt (Pluto Opp. Jupiter-Lilith, wird genau Januar-März ’14). Das Bild, was sich daraus im Außen für uns ergibt, ist das bedrohte Leben an sich, das nun zur Bedeutung wird (Sonne H7 in 10 auf der Atomachse 9° Schütze-Zwilling). Das Leben ist hier der König, dem die Würde genommen wurde (Neptun-Chiron Qu. Sonne), wobei die Meere selbst schon am Umkippen in ihrem Selbsterhaltungssystem sind (Neptun auf 2° Fische). Und wenn wir diese nötige Befreiung von der alten Macht nicht realisieren, dann wird für uns ganz real Materie aufgehoben, wie zB die Finanzen ‚versenkt‘ (Uranus in 2).

hier die exakten Häuserspitzen

Die verseuchten Meere, die wirklich schmerzhaft leiden (Neptun in HS Nessus-Chiron), sind ein Sinnbild für die Gefährdung des Immunsystems, und für das verleugnete Göttliche Prinzip, für die verdrängte Wahrheit. Die Meere werden sich wahrscheinlich auch selbst mehr real zeigen, durch mehr Überschwemmungen (Neptun in 1). Es müßte jetzt eigentlich eine großangelegte Säuberung und Reinigung stattfinden, denn Neptun läuft grade auf dem ‚Leber-Entgiftungsgrad‘ 2° Fische. Die ganze Welt müßte sich praktisch entgiften, also alles ausrangieren, was ihr nicht gut tut (da fallen mir doch glatt ein paar Leute ein). Lilith-Jupiter werden uns in den nächsten Monaten deutlichst aufzeigen, welche Mängel unsere Lebensbedingungen aufweisen.

Der Himmel hat natürlich ganz andere Dinge vor: er wird sich durchsetzen, wie ich schon sagte real, durch Überflutungen, und damit klarstellen, wer hier der Schöpfer ist (Neptun H2 in 1). Und hier greift auch das schöpferische Prinzip ein, durch Aufhebung der Finanzen, durch Chaos und Revolution in der bisherigen Ordnung (Uranus in 2), was sich wohl erst ab dem späten Frühjahr zeigen wird, wenn Uranus → direkt wieder ins Quadrat Pluto geht. Der Himmel fördert grade all das Verdrängte an die Oberfläche, und das Prinzip der Wahrheit wird als Bestimmung gesetzt (Saturn H12 in 10), welches die Lebensbedingungen nach der natürlichen Bestimmung ausrichten soll (Mond H6 Konj. Saturn H12 in 10). Diese Inhalte kommen in gut 2 Jahren in die Zeit.

Liliths seelische Identität ist aber die Erde selbst; Gaia in ihrem tiefsten Urgrund (IC auf 15° Stier). Und auch sie wurde verdrängt, die Liebe zu Mutter Gaia (Venus H4 in 12). Wir können Lilith – also die starke eigenständige Frau – nur so unterstützen, daß wir uns wieder hinwenden zu unserem Ursprung, zu unserer einzigen Heimat, und die grenzenlose Liebe der Urmutter zu uns wieder entdecken. Wie soll Lilith den Himmel auf die Erde bringen, wenn wir beide verleugnen, und Lilith dazu? Wir müssen unsere Kraft freisetzen, für neue Ideale eintreten (Mars H3 in 8), zu den einfachen Dingen zurückkehren (Mars in Jungfrau), und freie Lebensbedingungen erschaffen (Jupiter H11 + Lilith in 6). Wir erschaffen neue Lebensgemeinschaften, kleine Inseln der Zusammengehörigkeit, an denen sich andere später orientieren können.

Denn Eines will der Himmel ganz bestimmt: daß sich die alte Macht zurückzieht, die Macht abgibt, zurück auf ‚Los‘ ohne 400€ einzustreichen, in die Versenkung geht oder ins Nirvana, um sich wieder an der Wahrheit zu orientieren (Pluto H10 in 12) wenn sie das denn können. Denn die Bestimmung der Wahrheit will es so (Saturn H12 in 10). Inzwischen, liebe Frauen, pflegt und stärkt eure Lilith, umarmt sie und herzt sie, als langersehnte Freundin. Wie schon so oft, werden wir vorangehen müssen. Und liebe Männer, ihr seid eingeladen, an dieser Freundschaft wahrhaft teilzuhaben.

„Aus dem göttlichen Element Wasser, das von seinem göttlichen Gemahl, dem Element Feuer befruchtet wurde, ist alles irdische Leben geboren. Das Element Wasser ist auf Erden die Mutter aller Dinge. Die erste menschliche Lebensform wurde aus dem Meer geboren, das durch die Befruchtung des göttlichen Willens im Laufe einer für euch sehr langen Entwicklungszeit den ersten Menschen gebar. Der erste Mensch, dessen Lebensraum die feste Materie bildete, war eine Frau. Ihr Name war Lilith.“

Diese Überlieferung mischt sich mit Teilen des griechischen Mythos von der Geburt der Aphrodite, die dem Meer entstieg. Aber vielleicht sind dies ja die Reste der Wahrheit.

„Lilith war die körperliche Geburt der großen Göttin auf Erden, denn sie wurde aus dem Meer geboren und somit aus dem göttlichen Element Wasser. Lilith stand in einem direkten Kontakt zu Gott, denn sie war sein reiner Kelch auf Erden, der ihn bewußt in ihrem Körper zu empfangen wußte. Gott befruchtete Lilith mit seiner göttlichen Schöpferkraft, und Lilith gebar ihm einen Sohn, der aus ihrem Leib geformt wurde. Ihr erster Sohn war Adam. Er sollte mit ihr gemeinsam die neue Welt regieren und für die Fortpflanzung der Menschheit sorgen. Denn so war es der göttliche Wille.“

Wenn dies der Wahrheit entspricht – und wenn man mit dem Herzen liest, kann man es fühlen – dann erklären sich aus diesen Anfängen sämtliche Beziehungsprobleme. Es geht dabei nicht darum, wer zuerst da war, einfach nur um die Wahrheit. Diese wird seit mindestens 3000 Jahren verleugnet, von allen großen Religionen. Die Naturreligionen, welche noch über die Wahrheit verfügten, wurden bekämpft, verdrängt, eliminiert. Dieses andauernde Gemetzel muß aufhören. Der Weg zurück geht dahin, die Wahrheit im Herzen wiederzufinden, und gemeinsam den Weg der Heilung zu gehen.

*

(…)

Quelle: http://2012sternenlichter.blogspot.de/2013/12/die-lilith-jupiter-konjunktion.html

Runen Weisung


Germania_RunenkreisGermane_Runenkreis

Ich weiß, dass ich hing
am windigen Baum
neun lange Nächte,
vom Speer verwundet,
dem Odin geweiht,
ich selber mir selbst,
am Ast des Baumes,
von dem niemand weiß,
aus welcher Wurzel er wuchs.

Sie boten mir
nicht Brot noch Met
lernte sie seufzend,
fiel endlich zur Erde.

Hauptlieder neun;
da neigt‘ ich mich nieder
auf Runen sinnend,
lernt‘ ich vom weisen Sohn
Bölthorns, Bestlas Vater
und trank einen Trunk
des teuren Mets,
aus Odrörir geschöpft.

Runen wirst du finden
und Ratstäbe,
sehr starke Stäbe,
sehr mächtige Stäbe.
Erzredner ersann sie,
Götter schufen sie,
sie ritzte der hehrste der Herrscher.

Odin den Asen,
den Alfen Dáinn,
Dvalinn den Zwergen,
Álsvidur den Riesen,
einige schnitt ich selbst.

Weißt du zu ritzen?
Weißt du zu raten?
Weißt du zu finden?
Weißt du zu forschen?
Weißt du zu bitten?
Weißt du zu opfern?
Weißt du zu senden?
Weißt du zu tilgen?

Besser nicht gebetet
als zuviel geboten:
die Gabe will stets Vergeltung.
Besser nichts gesendet
als zuviel getilgt.
So ritzt‘ es Thulur
zur Richtschnur den Völkern.
Dann entwich er
dahin, wo er herkam.

 Veit eg, að eg hékk
vindga meiði á
nætur allar níu,
geiri undaður
og gefinn Óðni,
sjálfur sjálfum mér,
á þeim meiði,
er manngi veit,
hvers hann af rótum renn.

Við hleifi mig sældu
né við hornigi;
nýsta eg niður,
nam eg upp rúnar,
æpandi nam,
féll ag aftur þaðan.

Fimbulljóð níu
nam eg af inum frægja syni
Bölþorns, Bestlu föður,
og eg drykk um gat
ins dýra mjaðar,
ausinn Óðreri.

Rúnar munt þú finna
og ráðna stafi,
mjög stóra stafi,
mjög stinna stafi,
er fáði fimbulþulur
og gerðu ginnregin
og reist Hroftur rögna.

Óðinn með ásum,
en fyr álfum Dáinn,
Dvalinn dvergum fyrir,
Álsviður jötnum fyrir,
eg reist sjálfur sumar.

Veistu, hve rísta skal?
Veistu, hve ráða skal?
Veistu, hve fáa skal?
Veistu, hve freista skal?
Veistu, hve biðja skal?
Veistu, hve blóta skal?
Veistu, hve senda skal?
Veistu, hve sóa skal?

Betra er óbeðið
en sé ofblótið,
ey sér til gildis gjöf;
betra er ósent
en sé ofsóið,
Svo Þundur um reist
fyr þjóða rök,
þar hann upp um reis,
er hann aftur um kom.

Runen sind nicht einfach nur Schriftzeichen .
Es sind Symbole, die Kraft beinhalten und diese auch übertragen können. Jeder Rune sind bestimmte Eigenschaften zugeordnet, die man durch die Darstellung des jeweiligen Symbols in Schrift oder Klang oder Körperhaltung freisetzen kann.
Runen sind wie Schlüssel zu bestimmten Energien… wenn du weist wie du Energie lenken und kanalisieren kannst, dann musst du eigentlich nur den Schlüssel betätigen (durch die fuer dich passendste Methode) , dir Zugang zu dem Energie-Feld „hinter“ der Rune verschaffen.
folgende Links nutzen

Der kosmische Ursprung der Runen **
Runen wissenschaftliche Evolutionsforschung **
Odins Runen – unsere Schrift **

Runen selbst herstellen **
Kleine Runenkunde
Runen 24er futhark **

Wenn du dich entschlossen hast dich mit den Runen zu beschäftigen so werden sie dich nicht mehr loslassen. Der Ruf der Runen ist sehr stark, das war er schon von alters her.
Bereits unsere Vorfahren haben sich mit den Runen beschäftigt. Bei den Runen gibt es zwei verschieden Systeme sie zu benutzen. Das eine ist das sie als Schrift fungieren der zweite Aspekt, der meiner Meinung nach viel wichtigere, ist es sie als magisches System zu erkennen.
Im magischen Sinne können Runen sehr viel tun. Mit ihnen kann man Dinge und Personen schützen oder Eigenschaften verändern.

Wenn du die Runen wirklich erkennen willst so musst du dahin gehen wo die Runen früher benutzt wurde. Finde alte Kraftorte, Eichenhaine, Hügelgräber oder Bergkuppen. An diesen Plätzen sind diese Symbole durch das viele Arbeiten mit ihnen immer noch präsent. Tausende Schamanen vor dir haben an diesen Plätzen ihr Wissen vertieft, weitergegeben oder gefunden.
Im Beschäftigen mit der Natur erschließt sich die Bedeutung der Runen auch für uns. Runen sind Symbole für die Natur und für den Menschen. Auch für das Zusammenwirken von Mensch und Natur sind Runen ein Symbol.

Odin hing am Weltenbaum als er die Runen „fand“. Das bedeutet nicht dass du dich auch an einen Baum hängen sollst aber in die Natur musst du gehen. Verlasse die Stadt und mache dich auf um im Wald an einem Bach zu Meditieren. Finde deine Kraft unter einer mächtigen, tausend Jahre alten Eiche. Denke über die Natur nach und über das was die Natur dir mitteilen will. Finde deinen eigenen Zugang zur Natur, zu den Runen und zur geistigen Welt. Verbinde dich mit Odin, Thor, Thyr, Freya mit allen deinen Vorfahren und deren Göttern.

Den Einstig und Beginn der Runen findest du hier im Blog doch die Bedeutung für dich die findest du nur in dir selbst. Mache dich auf und folge dem Ruf der Runen, sie werden dich zu neuen Erkenntnissen über dich selbst und deine Umwelt bringen. Vielleicht begreifst du erst dann was dein Weg durch die Zeit ist und wie du ihn gehen sollst.

.
Gruß an die alten Bräuche
TA KI

Die Bräuche um die Stille Zeit (Weihnachten – Jul)


Kreuz der heiligen Brigitta von Irland

Wie zu keiner anderen Jahreszeit, verändert Weihnachten die Stimmung und das Verhalten der Menschen. Heute jedoch, nicht unbedingt positiv. Dem Rausch des Konsums und der Alltagshektik erlegen, vergessen immer mehr, die wahre Bedeutung der Bräuche um die Weihnachtszeit. Eines gleich vorweg: Die ursprüngliche Bedeutung hat nichts mit dem Geburtstag eines ominösen Herrn Christus in Betlehem zutun, sondern geht zurück auf den archaischen Sonnenkult der Urvölker.

Bereits Jahrhunderte vor der Ausbreitung des Christentums war das Weihnachtsfest in allen indogermanischen Regionen und auch anderorts verbreitet. Die Griechen feierten die Geburt des Lichtgottes „Soter“, die Phrygier nannten ihren Sonnengott „Artis“, die Sryrer „Thamuz“, und die Iraner feierten wie die alten Römer die Ankunft ihres Licht– und Sonnengottes „Mithras“. Die Römer drückten mit ihrem „Sol invictus“, was „unbesiegter Sonnengott“ bedeutet, besonders eindruckvoll ihre Ehrerbietung für das Starke und Kräftige aus. Bei unseren direkten Vorfahren, den Germanen und Kelten war dieses Fest unter den Namen „Jul“ bzw. „Yule“ bekannt, wobei konkret hier in Mitteleuropa der Begriff „Wintersonnenwende“ gebräuchlich war.

Für die Nordgermanen hatte die Wiederkehr des Lichts jedoch eine ganz andere eindringlichere Bedeutung als für uns Mitteleuropäer. Bereits mit Samhain, der Nacht der Toten beginnt zu Ende Oktober die Dunkle Zeit des Jahres. Bedingt durch das raue, harte Klima und die strengen Winter bedeutete das Ende des Winters nichts anderes als das Überleben der Menschen im hohen Norden zu sichern. Denn die Vorräte gingen langsam zu Ende und ohne Sonnenlicht, lag der Ackerbau und Viehzucht, also die Lebensgrundlage der Nordmänner brach. Der bekannteste römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtete im ersten Jahrhundert nach der Zeitenwende, dass die Germanen die Weihnachtszeit für ein großes Festmahl mit allerlei Spielen nutzen. Der griechische Geschichtsschreiber Prokop berichtete dazu, dass im 6.Jahrhundert die Nordleute zu dieser Zeit Boten auf die höchsten Berge schickten, um nach der wiederkehrenden Sonne Ausschau zu halten. Am 21.Dezember hat die Nacht den Höhepunkt des Jahres erreicht, denn ab jetzt nimmt das Sonnenlicht wieder zu. Die Wiederkehr der Sonne wurde dann mit Julfeuern und brennenden Räder gefeiert, von denen letztere ins Tal gerollt wurden.

Das heidnische Jahr, dass sich an Mond und Sonne orientierte hat jeweils 4 Hoch– und 4 Jahresfeste, wobei zwei davon immer, im Abstand von ungefähr einem halben Jahr zusammengehören. So entspricht die Wintersonnenwende, die bedingt durch den Stand der Gestirne traditionell auf den 21.Dezember fällt, der Sommersonnenwende am 21.Juni. Auch ist hier schon in der heidnischem Monatsbezeichnung „Julmond“ für Dezember, die immense Bedeutung des Lichtfestes für den germanischen Menschen erkennbar.

Der Begriff „Weihnachten“ weist in dieser From bereits auf seine Mehrzahl hin und besitzt Assoziationen zum altdeutschen Begriff „wjh“, was „heilig“ bedeutet. Daher erfolgte auch die Ableitung zur „Heiligen Nacht“. Weihnachten umfasst einen Zeitraum von genau 11 Tagen und 12 Nächten. Diese „Stille Zeit“ liegt zwischen dem alten Mondjahr und dem neuen Sonnenjahr. Erklären läßt sich das astronomisch folgendermaßen: ca. 365 mal dreht sich die Erde um ihre eigene Achse, während sie die Sonne umkreist. Auch der Mond dreht sich um sich selbst, jedoch rascher als unser Heimatplanet. So braucht der Mond exakt 29,5 Tage für seine Umkreisung der Erde. Nun ergibt sich rein rechnerisch ein Unterschied zwischen Mond- und Sonnenjahr. Denn 12mal 29,5 Tage ergeben 354 Tage anstatt 365. Deshalb wird die Zeit zwischen 21.Dezember und 1.Januar weder zum alten noch zum neuen Jahr hinzugerechnet, sondern stellt eine Art Zwischenstadium da. In dieser „Toten Zeit“ soll die Arbeit ruhen, die Menschen sich besinnen und im Kreise der Familie und Sippe die Wiederkehr des Lichts feiern.

Diese „Zwölften“ wurden auch die Rauhnächte genannt, in denen sich z.B. die Mythen und Märchen der „Frau Holle“ und „die wilde Jagd Wotan – Odins“ abspielen. Aus dieser „Frau Holle“ wurde mit der Zeit die Totengöttin „Hel“, „Hella“ bzw. „Percht“, da Kälte und Winter mit dem Tod in Verbindung gebracht wurden. Wobei diese Verbindung nicht nur eine negative Seite hatte sondern auch eine äußerst positive, da so der Weg frei für neues Leben wurde. Hel ist somit nicht nur Toten– sondern auch Schutzgöttin ‚#150; doch woran wir bei ihr sind, bleibt uns verborgen, verhehlt.

Das Märchen „Frau Holle“ von den Gebrüdern Grimm handelt von den Personen Goldmarie und Pechmarie. Die fleißige Spinnerin Goldmarie wird für ihre Taten belohnt, wobei im Gegenzug Pechmarie für ihre bequeme und oberflächliche Wesensart bestraft wird. Ab dem 10.Jahrhundert wurde dann das Wort „Hel“ zu einer synonymen Bezeichnung für die Unterwelt, wobei dieser Begriff nicht negativ missverstanden werden darf. Erst die Kirche deutete diese Welt zum Qualort um und formte daraus die grausame Hölle für die „Sünder“. Durch das massive Kirchengebimmel zu dieser Jahreszeit sollten die „bösen heidnischen Geister“ vertrieben werden. Im Gegenzug kann jeder klar erkennen, dass die Opfergaben unserer Vorfahren in Form von Äpfel, Nüsse und Honig wohl kaum geeignet gewesen wären zur Dämonenaustreibung.

Bei der wilden Jagd reitet der einäugige Sturm– und Kriegsgott des Göttergeschlechts der Asen auf seinen weißen achtfüßigen Schlachtross Sleipnir durch die Lüfte auf der Jagd nach dem Wild, vorzugsweise einem Eber. Begleitet wird er hierbei von seinen Raben Mugin und Munin („der Gedanke und die Erinnerung“) und seinen beiden Wölfen Geri und Freki („der Gierige und der Gefräßige“). Auf dieser ewigen Jagd, die sich jedes Jahr wiederholt, benutzt er vorzugsweise seinen Speer Gungnir, der niemals sein Ziel verfehlt und wird sowohl von den gefallenen Krieger die in Walhalla residieren begleitet, genannt die Einherier, als auch von einigen wenigen auserwählten sterblichen Helden. Odins Wilde Jagd besitzt äußert vielseitige Züge auf die hier leider aus Gründen der besseren Übersichtlichkeit und Lesbarkeit nicht ausführlicher eingegangen werden kann. Generell ist die Jagd jedoch als ein Sinnbild für die Toten– und Ahnenverehrung zu verstehen, die aber selbstverständlich auch den Fruchtbarkeitskult in Form von Streben nach Wachstum miteinschließt. Ebenfalls wurde zur Feier des Anlasses ein eignes Julbier für diese Jahrzeit hergestellt sowie mit reichlich Kerzen– und Lichterschmuck, Symbolgebäck, warmen Met und einem Festtagsschmaus (z.B. „Julgalt“ (Weihnachtseber) und „Jultupp“ (Weihnachtshahn) die Rückkehr der Sonne herbeigesehnt.

Nicht zu vergessen ist natürlich auch der obligatorische Weihnachtsbaum. Unsere Vorfahren hatten sei jeher große Bewunderung für die einzigartige Baum– und Pflanzenwelt. So wurden in heiligen Hainen Feiern abgehalten, dem Donner– und Fruchtbarkeitsgott Thor die Eiche geweiht und die großen Versammlungen – Things genannt – unter einem großen Baum abgehalten. Auch in der nordischen Mythologie stellt der Baum als wunderbares Sinnbild für die Einzigartigkeit der Natur den Beginn des Menschengeschlechtes dar. Besondere Bedeutung fällt hier auch der Esche zu, denn der germanische Weltenbaum Yggdrasil stellt die Basis der nordischen Kosmologie da. Somit war es eigentlich nur logisch, auch zu solch einen bedeutenden Fest wie Jul, den Baumkult beizubehalten. Nebenbei bemerkt: Auch der Lichterkranz (bzw. Adventkranz) ist in seiner ursprünglichen Form ein heidnischer Kultgegenstand. Er ist in seiner Funktion vergleichbar mit einem Grabkranz und diente somit ebenfalls der Toten– und Ahnenverehrung. Auch die Vorgehensweise war eine andere: Heute wird am 1.Advent eine Kerze angezündet und dies gesteigert bis zum 4.Advent, wo dann alle vier Kerzen brennen. Früher war es jedoch genau anders herum: Es wurde mit 4 Kerzen begonnen und mit zunehmender Abnahme des Lichts erlosch jeweils eine weitere Kerze; um so die zunehmende Macht der Dunkelheit passend untermalen zu können, bevor dann an Jul, die Wiederkehr des Lichts in allen möglichen Formen gefeiert werden konnte.

Zurück zu der Beziehung zum Christentum: Wie kam es dann eigentlich dazu, dass heute Weihnachten für ein christliches Fest gehalten wird? Ganz einfach: Die hohen Würdenträger der Kirche machten sich Gedanken, wie man die ungläubigen Heiden doch am besten zum Wüstengotte hin bekehren könne. Da kam ihnen die Wintersonnwendfeier, welche ja im ganzen Abendland verbreitet war, gerade recht. Entstehungsgeschichtlich wurde dann zum ersten mal im Jahre 325 Weihnachten im christlichen Festverzeichnis erwähnt. Papst Julius, welcher in den Jahren 337 bis 354 die Macht inne hat, legte den Geburtstag des Zimmermanns dann willkürlich auf den 25.Dezember. Willkürlich deshalb, da in den ältesten Urkunden der Christenheit, ganz andere Monate bzw. Tage in Erwähnung gezogen wurden. Also wieso nicht gleich „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“, dachte sich dann wohl auch die Kirche…

Viele der obigen Mythen, Bräuchen und Geschichten sind nicht immer leicht zu verstehen. Um hier mit einem Zitat von Björn Ulbrich aus „Die geweihten Nächte“ zu schließen: «Wie nähern uns ehrfürchtig in Bildern von magischer, übersinnlicher Faszination. Übersinnlich bedeutet: mit den Sinn nicht vollständig zu erfassen. Das heißt nicht „übernatürlich“, denn es gibt nichts außerhalb der Natur. Die Natur ist allumfassend, ewig, göttlich.»

Quellen:

– Björn Ulbrich, Holger Gerwin, aus „Die Geweihten Nächte“
– Manfred Gebhard
http://www.asatru.de (Hermann Husstedt)
http://www.bbv-net.de (Bocholter-Borkener Volksblatt)

Quelle: http://www.runenkunde.de/rk/brauchtum/jul.htm

Gruß an die Erfassenden

TA KI

Wintersonnenwende – Alban Arthuan (keltisch) – Jul-Fest – Mutternacht – Weihnacht


winterfeuer

Heilige Nacht

Die Wintersonnwende ist eines der heiligsten Sonnenfeiern und findet am 21. Dezember statt. Sie bezeichnet die tiefste Nacht des Jahres – wird deswegen auch MUTTERNACHT, althochdeutsch MODRANECHT, genannt. In dieser Nacht gebiert die Göttin tief in der finsteren Erde in der stillsten aller Stunden das wiedergeborene Sonnenkind. Diesen Mythos können Sie in allen Kulturen der Welt wiederfinden. Am deutlichsten manifestiert ist es bei uns in Weihnachten und dem Christuskind. Weihnacht ist ja nichts anderes als WEIHE-NACHT, ist gleich geweihte Nacht. Oder wie in vielen Weihnachtsliedern besungen „HEILIGE NACHT“.

 

Das nordische Jul-Fest

Die „geweihten Nächte“ verheißen das Wissen um die große Umkehr, um den Wiederaufstieg des Lichtes und um die Geburt des neuen Lebens. An JUL oder JOL – wie es in den nordischen Ländern genannt wird – ist die Dunkelheit gebannt, die Nächte werden kürzer und was tot schien und verloren, wird wieder erwachen. Das Julfest ist ein harmonisches Netzwerk ineinandergreifender Sonnen-, Toten- und Fruchtbarkeitsriten und symbolischer Handlungen zur Neuaktivierung menschlicher und natürlicher Kraft. Den Höhepunkt der Dunklen Zeit bildet Jul, das Weihnachtsfest. In dieser längsten Nacht des Jahres erfüllt sich das Versprechen der Wiedergeburt.
Der Name JUL oder JOL hat einen ganz alten Bezug zu Odin.
Noch heute hat Odin den Beinamen „JOLNIR“.
Seine wilden Ritte in der Winterzeit und zu den Rauhnächten mit dem wilden Heer heißen „JOLAREIDI“.
Das erinnert vom Wort her wiederum sehr stark an das alpenländische Jodeln.
Und gerade in den Alpenländern werden ja zur Winterzeit viele Bräuche überliefert mit dem Wilden Heer des Odin(=Wotan), und ursprünglich der Percht – besonders die Perchtenläufe in der Rauhnachtzeit.
„JUL“ läßt sich nach Rätsch ethymologisch als „ZAUBER-“ oder „BESCHWÖRUNGSFEST“ deuten.
Und Odin war dann der JUL-ZAUBERER oder JUL-SCHAMANE – der „JULERICH“.

Papst Hippolytos im Jahr 217

Aber es gab schon vor dem Christentum viele Kulturen, die zu dieser Zeit die Wiedergeburt der Sonne und des Lichtes feierten. Z.B. der Mithras-Kult, dann auch in Ägypten Isis und die Geburt des Horuskindes. Und immer wieder auch Dionysos, der im alten Griechenland als Erlöser und Gott der Fruchtbarkeit und des Wachstums galt. Mit der Ausbreitung des römischen Reiches wurde die Wintersonnwende dann zum römischen Staatsfeiertag ausgerufen als Geburtstagsfeier des „sol invictus“ – der unbesiegbaren Sonne. Also auch die Idee einer Geburtstagsfeier zur Wintersonnwende war keineswegs eine Erfindung des Christentums.
Papst Hippolytos setze sich für den 25. Dezember als Tag der Christgeburt ein – im Jahre 217. Um 330 schließlich erklärte Kaiser Konstantin das Christentum zur römischen Staatsreligion und funktionierte den alten Sonnengott um in den neuen Christengott, der als „lux mundi“ – als Licht der Welt – gefeiert wurde. In Deutschland wurde dieser Feiertag erst 813 anerkannt. Man sieht, daß dieses Fest einfach einen uralten Ursprung hat, der weit in die Mythenwelt unserer Vorfahren zurückreicht.

Heilungs-Mythos

Der Jahreskreis, der mit Samhain geendet hat, gebiert zu Wintersonnwende das neue Lichtbaby oder auch den neuen Jahreskreis-König. Das haben alle unsere Vorfahren so erlebt, weswegen auch alle Mythen immer wieder die gleichen Bilder tragen. Diese Bilder, Mythen und Märchen sind heilsam für unsere Seele. Sie drücken etwas aus, das wir wohl spüren können, auch wenn es uns nicht mehr so recht bewußt ist. Unsere Aufmerksamkeit ist ja wesentlich eingeschränkter als bei den früheren Menschen. Die damaligen Menschen sind sowohl mit der Natur als auch mit dem Kosmos viel verbundener gewesen als wir.

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Neu und unschuldig

Sie haben gespürt, daß zur Zeit der Wintersonnwende und Weihnachten sich etwas verändert. Daß nicht mehr nur die bloße Dunkelheit herrscht, sondern daß neues Leben aufkeimt, auch wenn es noch nicht sichtbar ist. Unter der Erde sammeln sich die Kräfte zu neuem Leben, das dann im Frühjahr durchbricht. Diese ungeheure Energie fängt wieder an zu wachsen. Und das konnten sie spüren und wahrnehmen. Und das wurde gefeiert. Das neue Leben in seiner ganz unschuldigen neugeborenen Form.

Depressionen und Lebensfreude

Und man darf nie vergessen, welche Existentialität mit dieser Wiedergeburt verbunden war. Wir in unserer warmen Wohnung mit dem Einkaufszentrum neben an usw. – für uns hat der Winter seinen lebensbedrohlichen Charakter verloren. Die Existentialitäten haben sich für uns verschoben. Aber viele Menschen leiden auch gerade heute besonders in dieser Zeit an Depressionen, Melancholien, fühlen sich einsam usw. Auch das sind Auswirkungen der Dunkelheit. Und auch da kann man sich freuen, wenn die Sonne und vor allem ihre Lebensfreude wiedergeboren wird.
Und diese mythischen Bilder geben vor allem Hoffnung!

12 Nächte gefeiert – Rauhnächte

Die WINTERSONNWENDE wurde von den Vorfahren, den Kelten oder auch Germanen nicht nur in einer Nacht gefeiert. Die Feier ging eigentlich 12 Nächte lang.
Diese 12 Nächte nannte man auch die Rauhnächte. Im Allgäu und in den Alpenländern werden diesen Rauhnächten noch eine ganz besondere Bedeutung zugemessen. Sie gehören zu den Heiligsten Nächten des Jahres und haben einen sehr interessanten Hintergrund. Zu den Rauhnächten können Sie eigens nachlesen unter: http://www.jahreskreis.info/files/rauhnaechte.html

Quelle: http://www.jahreskreis.info/files/wintersonnenwende.html

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Heidnische Bräuche-Rauhnächte

Die „Zwölften“ sind eine besondere Zeit – die Zeit zwischen den Jahren.

rauhnacht

Diese Bezeichnung geht wohl auf ungenaue frühere Kalendersysteme zurück. Richtete man sich beispielsweise nach einem Mondkalender, blieben im Jahr immer einige Tage übrig, die an die Wintermonate „angehängt“ wurden – Tage zwischen den Jahren. Ihre Zahl ist nicht überall gleich, doch häufig sind es die Tage zwischen der Wintersonnenwende und dem 6. Januar. 12 Rauhnächte liegen in dieser Zeit, in der nach altem Glauben die jenseitigen Mächte besonders lebendig sind. Jede Rauhnacht steht für einen Monat des kommenden Jahres – die Träume in diesen Nächten sollen die Ereignisse des betreffenden Monats voraussagen. Für die Bauern waren die 12 Tage Lostage, die Auskunft über zu erwartende Ernten, Wetter und Geschäfte gaben.

Die Rauhnächte waren nach Vorstellung unserer Vorväter erfüllt von Unholden und Geistern, die ihr Unwesen trieben. In diesen oft stürmischen Winternächten, wo es in den Wäldern heulte und krachte, sprach man auch von der Wilden Jagd – einem Begriff, der aus der germanischen Mythologie stammt. Um es sich mit diesen Dämonen nicht zu verderben, musste eine ganze Reihe von Regeln eingehalten werden, die von Region zu Region variierten.

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Altem Volksglauben zufolge durfte keine Wäsche gewaschen, keine Erbsen gegessen, nicht gesponnen, nicht mit den Türen geschlagen, der Acker nicht bearbeitet werden …

Die Rauhnächte sollten der inneren Einkehr und der Besinnung dienen.

Der wohl wichtigste Brauch in der dunklen Jahreszeit ist das Ausräuchern von Haus und Hof mit duftendem Räucherwerk. Der ursprünglich keltische Brauch aus der Nacht zum 1. November(Samhain) wurde in späterer Zeit nach hinten verschoben – in die Rauhnächte. Das alte Jahr wird verabschiedet und damit auch alles Negative, was sich so im Lauf eines Jahres angesammelt hat. Ein recht ursprüngliches Ritual, das sich in Mini-Format in weihnachtlichen Räuchermännchen wiederfinden lässt.

Die alten Winterbräuche haben für uns immer noch eine große Bedeutung, doch das Wissen um die ursprünglichen Wurzeln ist den meisten Menschen verloren gegangen.

Der Adventkranz aus immergrünen Pflanzen ist seit Jahrtausenden das Symbol für den Jahreskreis, die vier Kerzen markieren die Sonnenfeste.

Die Barbarazweige waren einerseits ein einfacher Kalender für den normalen Haushalt, um den Zeitpunkt der Sonnenwende festzulegen und stellten andererseits Symbole für das neue Leben, geboren aus dem Leib der Göttin, dar.

Die Heilige Barbara ist eine Christianisierung der Göttin und eine der sogenannten Heiligen Drei Bethen.

Perchten und Krampus sind die am meisten verfälschten Gestalten. Percht kommt von „perachta“ und heißt in der alten Sprache „die Leuchtende, Helle, Strahlende“, unser Wort prächtig geht darauf zurück. Die Göttin hat natürlich auch einen Partner, den weißen Hirschgott Cernunnos, der im Winter als Herne, der Wilde Herr der Natur, durch die tief verschneiten Wälder streift und mit den Windgeistern als wilde Jagd über Gipfel und durch die Täler stürmt.

Der Nikolaus war ursprünglich der hell gewandete Druide. Mit seinem magischen, am Ende spiralförmig eingerollten Wanderstab und einem Sack mit Gaben, gefüllt mit Lebenskuchen und wichtigen Heilkräutern für die Winterszeit zog er rechtzeitig vor der Sonnenwende von Hof zu Hof, erteilte Ratschläge und Segenswünsche und half somit der jeweiligen Gemeinschaft, die damals bis zu 200 Menschen umfassen konnte, sicher über die kritische Winterzeit zu kommen.

Die Sonnenwende und die Rauhnächte

waren für alle Lebewesen in den nördlichen Regionen eine gefährliche Zeit. Daher entwickelten die Menschen zahlreiche Rituale um sich zu stärken und zu schützen. Wie schon die Kelten wussten, sind bis zum Ende der Rauhnächte am 6. Januar kosmische Strahlung sowie Erdstrahlung besonders stark und können sich schwächend auf Mensch und Tier auswirken. Die Nerven sind überreizt und dem Immunsystem wird viel abverlangt, somit versuchte man einiges um sich gesund zu erhalten.

Man bemühte sich, in der kritischen Zeit leicht zu fasten, Fleisch zu vermeiden und nur leichte Speisen mit nervenberuhigendem Mohn oder aus gesiebtem Weizenmehl zu sich zu nehmen. Daher stammt auch der Brauch unserer heutigen Weihnachtskekse. Außerdem wurde täglich mit aromatischen Kräutern geräuchert.

Zum Schutz für Mensch und Tier hing man entstrahlende Pflanzen wie Stechpalmen, Tannen und ganz besonders Misteln, oft noch behängt mit kleinen ebenso wirksamen Goldstückchen oder Schmuck, in den Gebäuden auf.

Die Weihnacht

die auch Mutternacht genannt wurde, wird um den 21. Dezember herum gefeiert. Zur Zeit unserer Ahnen, die ausgezeichnete Beobachter waren, schaute man hierzu auf die Sonnwendsteine. Das sind Berge, die genau am Sonnwendtag gemeinsam mit der Sonne einen bestimmten Lichteffekt hervorrufen. Dort, wo es keine Berge gab, benutzte man stehende Steine, Steinkreise oder Erdställe. Man feierte den Tod und die Wiedergeburt der Sonne, die Geburt des Lichtes und des Sonnenkindes in uns, die Stille, den weiten Raum, die kristallklare frische Luft als den Atem der Göttin.

Bis zum 1.Februar herrschen nun also DANU – Göttin der Luft, ARIANRHOD – Göttin des Sternenhimmels und CERNUNNOS – Herr des Waldes, über die Nordhalbkugel der Erde. Ihre rituellen Farben sind Silber und Dunkelblau, einige ihrer wichtigsten Krafttiere und Symbole sind Adler, Eule, Bussard, Rotkehlchen, Weißer Hirsch, Federn, Fächer, Schwert, Zepter, weiße Kristalle, Gold und Silber.

Meditativer Text für die Sonnwendnacht

Strom vom Licht. Quelle der Liebe. Wasser des Lebens. Aus Liebe geboren, in Liebe geborgen. Heiliger Segen auf Dir, Heiliger Segen in Dir. Werde Licht zu Licht; Werde Liebe zu Liebe; Werde Leben aus Leben. Möge Dein Weg durch alle Welten der Gebundenheit führen. Löse Flammen aus Asche. Wecke Morgenrot aus Todesnacht. So geschehe es, im Namen des Ewigen Geistes.

Blessed be!

von Gudrun Rosenberger

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Weihnachtsmann- Knecht Rupprecht —– Odin?

 

Quelle: https://drachenreiterclan.wordpress.com/rauhnachte/

 

iCH wünsche allen Leseren eine Wunder erfüllte Mutternacht und be-SINN-liche Lostage

Gruß an die Ahnen

TA KI

Die Bräuche um die Stille Zeit (Weihnachten – Jul)


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Wie zu keiner anderen Jahreszeit, verändert Weihnachten die Stimmung und das Verhalten der Menschen. Heute jedoch, nicht unbedingt positiv. Dem Rausch des Konsums und der Alltagshektik erlegen, vergessen immer mehr, die wahre Bedeutung der Bräuche um die Weihnachtszeit. Eines gleich vorweg: Die ursprüngliche Bedeutung hat nichts mit dem Geburtstag eines ominösen Herrn Christus in Betlehem zutun, sondern geht zurück auf den archaischen Sonnenkult der Urvölker.

Bereits Jahrhunderte vor der Ausbreitung des Christentums war das Weihnachtsfest in allen indogermanischen Regionen und auch anderorts verbreitet. Die Griechen feierten die Geburt des Lichtgottes „Soter“, die Phrygier nannten ihren Sonnengott „Artis“, die Sryrer „Thamuz“, und die Iraner feierten wie die alten Römer die Ankunft ihres Licht– und Sonnengottes „Mithras“. Die Römer drückten mit ihrem „Sol invictus“, was „unbesiegter Sonnengott“ bedeutet, besonders eindruckvoll ihre Ehrerbietung für das Starke und Kräftige aus. Bei unseren direkten Vorfahren, den Germanen und Kelten war dieses Fest unter den Namen „Jul“ bzw. „Yule“ bekannt, wobei konkret hier in Mitteleuropa der Begriff „Wintersonnenwende“ gebräuchlich war.

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Für die Nordgermanen hatte die Wiederkehr des Lichts jedoch eine ganz andere eindringlichere Bedeutung als für uns Mitteleuropäer. Bereits mit Samhain, der Nacht der Toten beginnt zu Ende Oktober die Dunkle Zeit des Jahres. Bedingt durch das raue, harte Klima und die strengen Winter bedeutete das Ende des Winters nichts anderes als das Überleben der Menschen im hohen Norden zu sichern. Denn die Vorräte gingen langsam zu Ende und ohne Sonnenlicht, lag der Ackerbau und Viehzucht, also die Lebensgrundlage der Nordmänner brach. Der bekannteste römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtete im ersten Jahrhundert nach der Zeitenwende, dass die Germanen die Weihnachtszeit für ein großes Festmahl mit allerlei Spielen nutzen. Der griechische Geschichtsschreiber Prokop berichtete dazu, dass im 6.Jahrhundert die Nordleute zu dieser Zeit Boten auf die höchsten Berge schickten, um nach der wiederkehrenden Sonne Ausschau zu halten. Am 21.Dezember hat die Nacht den Höhepunkt des Jahres erreicht, denn ab jetzt nimmt das Sonnenlicht wieder zu. Die Wiederkehr der Sonne wurde dann mit Julfeuern und brennenden Räder gefeiert, von denen letztere ins Tal gerollt wurden.

Das heidnische Jahr, dass sich an Mond und Sonne orientierte hat jeweils 4 Hoch– und 4 Jahresfeste, wobei zwei davon immer, im Abstand von ungefähr einem halben Jahr zusammengehören. So entspricht die Wintersonnenwende, die bedingt durch den Stand der Gestirne traditionell auf den 21.Dezember fällt, der Sommersonnenwende am 21.Juni. Auch ist hier schon in der heidnischem Monatsbezeichnung „Julmond“ für Dezember, die immense Bedeutung des Lichtfestes für den germanischen Menschen erkennbar.

Der Begriff „Weihnachten“ weist in dieser From bereits auf seine Mehrzahl hin und besitzt Assoziationen zum altdeutschen Begriff „wjh“, was „heilig“ bedeutet. Daher erfolgte auch die Ableitung zur „Heiligen Nacht“. Weihnachten umfasst einen Zeitraum von genau 11 Tagen und 12 Nächten. Diese „Stille Zeit“ liegt zwischen dem alten Mondjahr und dem neuen Sonnenjahr. Erklären läßt sich das astronomisch folgendermaßen: ca. 365 mal dreht sich die Erde um ihre eigene Achse, während sie die Sonne umkreist. Auch der Mond dreht sich um sich selbst, jedoch rascher als unser Heimatplanet. So braucht der Mond exakt 29,5 Tage für seine Umkreisung der Erde. Nun ergibt sich rein rechnerisch ein Unterschied zwischen Mond- und Sonnenjahr. Denn 12mal 29,5 Tage ergeben 354 Tage anstatt 365. Deshalb wird die Zeit zwischen 21.Dezember und 1.Januar weder zum alten noch zum neuen Jahr hinzugerechnet, sondern stellt eine Art Zwischenstadium da. In dieser „Toten Zeit“ soll die Arbeit ruhen, die Menschen sich besinnen und im Kreise der Familie und Sippe die Wiederkehr des Lichts feiern.

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Diese „Zwölften“ wurden auch die Rauhnächte genannt, in denen sich z.B. die Mythen und Märchen der „Frau Holle“ und „die wilde Jagd Wotan – Odins“ abspielen. Aus dieser „Frau Holle“ wurde mit der Zeit die Totengöttin „Hel“, „Hella“ bzw. „Percht“, da Kälte und Winter mit dem Tod in Verbindung gebracht wurden. Wobei diese Verbindung nicht nur eine negative Seite hatte sondern auch eine äußerst positive, da so der Weg frei für neues Leben wurde. Hel ist somit nicht nur Toten– sondern auch Schutzgöttin ‚#150; doch woran wir bei ihr sind, bleibt uns verborgen, verhehlt.

Das Märchen „Frau Holle“ von den Gebrüdern Grimm handelt von den Personen Goldmarie und Pechmarie. Die fleißige Spinnerin Goldmarie wird für ihre Taten belohnt, wobei im Gegenzug Pechmarie für ihre bequeme und oberflächliche Wesensart bestraft wird. Ab dem 10.Jahrhundert wurde dann das Wort „Hel“ zu einer synonymen Bezeichnung für die Unterwelt, wobei dieser Begriff nicht negativ missverstanden werden darf. Erst die Kirche deutete diese Welt zum Qualort um und formte daraus die grausame Hölle für die „Sünder“. Durch das massive Kirchengebimmel zu dieser Jahreszeit sollten die „bösen heidnischen Geister“ vertrieben werden. Im Gegenzug kann jeder klar erkennen, dass die Opfergaben unserer Vorfahren in Form von Äpfel, Nüsse und Honig wohl kaum geeignet gewesen wären zur Dämonenaustreibung.

Wildejagd

Bei der wilden Jagd reitet der einäugige Sturm– und Kriegsgott des Göttergeschlechts der Asen auf seinen weißen achtfüßigen Schlachtross Sleipnir durch die Lüfte auf der Jagd nach dem Wild, vorzugsweise einem Eber. Begleitet wird er hierbei von seinen Raben Mugin und Munin („der Gedanke und die Erinnerung“) und seinen beiden Wölfen Geri und Freki („der Gierige und der Gefräßige“). Auf dieser ewigen Jagd, die sich jedes Jahr wiederholt, benutzt er vorzugsweise seinen Speer Gungnir, der niemals sein Ziel verfehlt und wird sowohl von den gefallenen Krieger die in Walhalla residieren begleitet, genannt die Einherier, als auch von einigen wenigen auserwählten sterblichen Helden. Odins Wilde Jagd besitzt äußert vielseitige Züge auf die hier leider aus Gründen der besseren Übersichtlichkeit und Lesbarkeit nicht ausführlicher eingegangen werden kann. Generell ist die Jagd jedoch als ein Sinnbild für die Toten– und Ahnenverehrung zu verstehen, die aber selbstverständlich auch den Fruchtbarkeitskult in Form von Streben nach Wachstum miteinschließt. Ebenfalls wurde zur Feier des Anlasses ein eignes Julbier für diese Jahrzeit hergestellt sowie mit reichlich Kerzen– und Lichterschmuck, Symbolgebäck, warmen Met und einem Festtagsschmaus (z.B. „Julgalt“ (Weihnachtseber) und „Jultupp“ (Weihnachtshahn) die Rückkehr der Sonne herbeigesehnt.

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Nicht zu vergessen ist natürlich auch der obligatorische Weihnachtsbaum. Unsere Vorfahren hatten sei jeher große Bewunderung für die einzigartige Baum– und Pflanzenwelt. So wurden in heiligen Hainen Feiern abgehalten, dem Donner– und Fruchtbarkeitsgott Thor die Eiche geweiht und die großen Versammlungen – Things genannt – unter einem großen Baum abgehalten. Auch in der nordischen Mythologie stellt der Baum als wunderbares Sinnbild für die Einzigartigkeit der Natur den Beginn des Menschengeschlechtes dar. Besondere Bedeutung fällt hier auch der Esche zu, denn der germanische Weltenbaum Yggdrasil stellt die Basis der nordischen Kosmologie da. Somit war es eigentlich nur logisch, auch zu solch einen bedeutenden Fest wie Jul, den Baumkult beizubehalten. Nebenbei bemerkt: Auch der Lichterkranz (bzw. Adventkranz) ist in seiner ursprünglichen Form ein heidnischer Kultgegenstand. Er ist in seiner Funktion vergleichbar mit einem Grabkranz und diente somit ebenfalls der Toten– und Ahnenverehrung. Auch die Vorgehensweise war eine andere: Heute wird am 1.Advent eine Kerze angezündet und dies gesteigert bis zum 4.Advent, wo dann alle vier Kerzen brennen. Früher war es jedoch genau anders herum: Es wurde mit 4 Kerzen begonnen und mit zunehmender Abnahme des Lichts erlosch jeweils eine weitere Kerze; um so die zunehmende Macht der Dunkelheit passend untermalen zu können, bevor dann an Jul, die Wiederkehr des Lichts in allen möglichen Formen gefeiert werden konnte.

Zurück zu der Beziehung zum Christentum: Wie kam es dann eigentlich dazu, dass heute Weihnachten für ein christliches Fest gehalten wird? Ganz einfach: Die hohen Würdenträger der Kirche machten sich Gedanken, wie man die ungläubigen Heiden doch am besten zum Wüstengotte hin bekehren könne. Da kam ihnen die Wintersonnwendfeier, welche ja im ganzen Abendland verbreitet war, gerade recht. Entstehungsgeschichtlich wurde dann zum ersten mal im Jahre 325 Weihnachten im christlichen Festverzeichnis erwähnt. Papst Julius, welcher in den Jahren 337 bis 354 die Macht inne hat, legte den Geburtstag des Zimmermanns dann willkürlich auf den 25.Dezember. Willkürlich deshalb, da in den ältesten Urkunden der Christenheit, ganz andere Monate bzw. Tage in Erwähnung gezogen wurden. Also wieso nicht gleich „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“, dachte sich dann wohl auch die Kirche…

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Viele der obigen Mythen, Bräuchen und Geschichten sind nicht immer leicht zu verstehen. Um hier mit einem Zitat von Björn Ulbrich aus „Die geweihten Nächte“ zu schließen: «Wie nähern uns ehrfürchtig in Bildern von magischer, übersinnlicher Faszination. Übersinnlich bedeutet: mit den Sinn nicht vollständig zu erfassen. Das heißt nicht „übernatürlich“, denn es gibt nichts außerhalb der Natur. Die Natur ist allumfassend, ewig, göttlich.»

Quellen:

– Björn Ulbrich, Holger Gerwin, aus „Die Geweihten Nächte“
– Manfred Gebhard
www.asatru.de (Hermann Husstedt)

www.bbv-net.de (Bocholter-Borkener Volksblatt)

Quelle: http://www.runenkunde.de/rk/brauchtum/jul.htm

Danke an Denise

Gruß an die alten Bräuche

2009-12-21_julfest

TA KI

Riesen – Märchenwesen oder historische Realität?


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von Otto Muck

Abb. 1 „Es waren aber in den tägen risen auf erden… diese waren die gewaltigen von anbeginn – und berühmte männer…“ (Buch Bereschith, 6. Kapitel)

Gab es wirklich Riesenmenschen? Bezieht sich dieser Vers auf den Meganthropus, von dem man ein Unterkieferstück mit drei Zähnen auf Java fand, das jedoch nicht mit Sicherheit auf einen Urmenschen oder auf einen Riesenaffen, ähnlich dem noch gewaltigeren Gigantopithecus, schließen läßt? Oder auf den afrikanischen Paranthropus crassidens?

Man braucht nicht so weit in die unsichere Dämmerung der Urzeiten hinabzusteigen, um zu erkennen, wer unter diesen „risen“ (Abb. 1), diesen „gewaltigen von anbeginn“ zu verstehen ist. Es genügt, die beglaubigten Skelettrekonstruktionen der Cromagnards und Neandertaler zu vergleichen, um diesen seltsamen Bibelvers zu verstehen. Vergleichsbild 25 (Abb. 2) zeigt drei Skelettschemabilder im gleichen Maßstab. Links das eines diluvialen Neandertalers; in der Mitte das eines rezenten Uraustraliers, als Vertreter einer normalen Wildmenschenrasse, und ganz rechts das eines Cromagnarden.

Die europäischen Neandertaler waren mit einer durchschnittlichen Körpergröße von unter 160 Zentimetern plumpe, grobknochige Zwerge, die Cromagnards hingegen, die über zwei Meter groß wurden und nicht minder kräftige Knochen hatten als jene, wirken jenen und den Rezenten gegenüber wie wahre Goliaths, wie wie echte Riesen. Das Vergleichsbild zeigt also links den historischen Zwerg, den Neandertaler und rechts den ebenso historischen Riesen. Die alten Sagen von Riesen und Zwergen haben somit eine realistische Unterlage, wie ja fast alle Mythen.

Abb. 2 Der Größenvergleich zwischen den schematisierten Skelettumrissen eines diluvialen Neandertalers, eines rezenten Australiers und eines diluvialen Cromagnarden nach Hermann Klaatsch.

Abb. 2 Der Größenvergleich zwischen den schematisierten Skelettumrissen eines diluvialen Neandertalers, eines rezenten Australiers und eines diluvialen Cromagnarden nach Hermann Klaatsch.

Man ist gewohnt, den Neandertaler als einen Seitenzweig am Stammbaum der heutigen Menschheit zu betrachten und ihn zeitlich um 50 000 bis 100 000 Jahre zurückzuverlegen. Das mag im großen und ganzen stimmen, ebenso wie die Annahme, er sei durch die bereits dem Sapiens-Typ zugerechneten Rassen der Späteiszeit – die Menschen vom Cromagnon- und Aurignac-Typ zugeordnet worden. Dann aber muß man eine zeitweilige Koexistenz zwischen den „Zwergen“ und den „Riesen“ zugeben. Sollte es aber niemals zu Rassenmischungen gekommen sein? Sollte sich nicht Erbgut dieser ureurpiden Menschen in ihren zentralalpinen Rückzugsgebieten erhalten haben?

In seinen Nachkommen lebt der Neandertaler untergründig fort – ähnlich, wie ja auch das Märchen es von den Zwergen erzählt. Sie hausen in hohlen Bergen wie jene uralten Bärenjäger, die, trotz ihres anthropologischen Beinamens, durchaus echte und richtige Menschen und in ihrem Wissen mindestens gleich „wissend“ und „weise“ waren wie ihre mit dem Beinamen „sapiens“ ausgezeichneten Vettern und Konkurrenten der beiden Diluvial-Rassen, die ihnen freilich nicht nur in der Entwicklung von Mordwaffen, sondern auch in der Körpergröße erheblich voraus waren.

Aber nicht nur die eigentlichen Neandertaler, die eine ganze Gruppe von Rassenkreisen umfaßten, waren kleinwüchsig, alle alten Rassen waren es auch; nur die Cromagnards und die ihnen vermutlich nahestehenden Aurignac-Menschen waren es nicht. Das sieht man schon an den Knochenresten der frühen Altsteinzeit, aber auch an den Gebrauchsgegenständen. Die Faustkeile des Acheuléens und die noch früheren Artefakte passen nur in kleine Hände. Die Schwerter und Dolche der Bronzezeit – von Hallstatt bis zu den Schachtgräbern von Mykene – haben auffallend zarte Griffe. Man hat sie lange als Frauenwaffen erklären wollen. Und selbst noch die Rüstungen des deutschen Mittelalters sind für einen nach heutiger Ansicht normal gewachsenen Mann zu klein.

Extremer Hochwuchs ist anscheinend ein Asylsymptom und als solches den Endphasen der Zivilisation ebenso zugeordnet wie sein Gegenteil, der Zwergwuchs, dem Anfang. Die Cromagnards, diese alteuropäischen Pioniere aus dem atlantischen Rassenkreis, mit hohen, breiten, massigen Formen, gehörten demnach anscheinend zur Endphase einer Kultur. Man kann den Unterton der Entrüstung über Zivilisationslaster der damaligen Herren der Welt in den Motiven nicht überhören, mit denen – den Sintflutsagen zufolge – erzürnte Götter das schreckliche Strafgericht begründeten, das sie über jenen Teil der uralten Menschheit verhängten, der sich aus Übermut und Verderbtheit über das irdische Maß erhoben und Züchtigung verdient hatte. Davon spricht der biblische Bericht:

VI.5. Da aber der Herr sah, daß der Menschen Bosheit
groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten
ihres Herzens nur böse war immerdar,
6. da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte
auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen,
7. und er sprach: Ich will die Menschen, die ich
geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen
an bis auf das Vieh und bis auf das Gewürm und bis
auf die Vögel unter dem Himmel; denn es reut mich,
daß ich sie gemacht habe.

Abb. 3 Weinerts Rekonstruktion des Kiefers vom Quangasi-Riesen im Vergleich zu dem Unterkiefer eines heutigen Menschen.

Abb. 3 Weinerts Rekonstruktion des Kiefers vom Quangasi-Riesen im Vergleich zu dem Unterkiefer eines heutigen Menschen.

Die Sintflut, die die damalige Welt zum großen Teil zerstörte, galt ihren Herren, den Riesen auf Atlantis. Sie waren jene „Gewaltigen von Anbeginn„, die Gibborim, die alle Völker ihres Erdkreises geknechtet hatten. Nicht umsonst, so scheint es, führten die Menschen von Atlantis sich auf den Riesen Atlas als ihren Vatergott zurück. Ihnen galt wohl Riesenwuchs als äußerliches Beweisdokument göttlicher Herkunft.

Seltsam, in allen Sagen, die von Riesen handeln, treten diese – sieht man von spätzeitlichen Verzerrungen ab – als Kulturträger auf. Ein Riese baute den nordischen Göttern ihre Burgen; sie hätten es nicht vermocht. Die Zyklopenbauten der Vorantike werden auf Riesen oder auf den Gott Poseidon zurückgeführt, der nicht nur Meergott ist, sondern auch der Erderschütterer genannt wird – ein kaum zu übersehender Hinweis auf seine Wesensverwandtschaft mit dem vulkanischen Atlas. Alle Kultur und Zivilisation geht irgendwie vom Feuer, vom feurigen Gott aus. Volcanus ist älter als Jupiter, Tvastr älter als Indra oder Brahman, Ptah älter als Osiris, Loki älter als Odin. Und die Gehilfen des Urgottes sind die Riesenschmiede, die Zyklopen – jene ungeheuren, kräftigen Halbgötter rätselhafter Herkunft, die keine anderen Götter achten, die in der Odyssee Söhne Poseidons heißen, kannibalisch Menschen fressen und nur der List der kleineren, schwächeren, nachsintflutlichen Menschen erliegen.

Sie schleuderten riesige Steine auf ihre Feinde, zerschmetterten sie mit gewaltigen Keulen und Steinhämmern, warfen ungeheure Spieße und bedrohten oft genug die Herrschaft der olympischen Götter. Aus den Sagen – sucht man ihre Motive zusammen – fällt manches Licht auf diese längst vergangene Zeit, in der die Riesen über die Erde herrschten, bis die ungeheure Flut sie ersäufte.

Vergleicht man den Bibelbericht mit Platons Erzählung hinsichtlich der Motive für die Vernichtung der antediluvialen Menschheit, so fällt eine mit Zufall kaum erklärliche Übereinstimmung auf. Als Ursache der Verderbnis wird das allmähliche Verlöschen der göttlichen Ahnenkräfte infolge Vermischung mit den „Töchtern der Erde“ angegeben. War das die unverzeihliche Schuld, die schwer genug wog, um die ganze Erde zu bestrafen? Oder waren es andere?

Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Otto Heinrich Muck wurde seinem Buch „Alles über Atlantis„, (Vollständige Taschenbuchausgabe), Droemer/Knaur, 1979 entnommen. Leider war es uns trotz intensiver und umfassender Recherchen nicht möglich, den derzeitigen Inhaber der Rechte an Otto Mucks Werken zu ermitteln. Deshalb erfolgt diese Veröffentlichung bei Atlantisforschung.de vorläufig unter Vorbehalt als wissenschafts- und atlantologie-geschichtliche Dokumentation zu Forschungs- und Studienzwecken.

(…)

Gruß an die Forscher
TA KI

 

Die Götter Germaniens


Wenn wir nach den Göttern Deutschlands suchen, so werden wir nur wenige Anhaltspunkte hier finden. Es hat sich die Gottheit eines gänzlich anderen Kulturkreises einen Teil Germaniens sehr frühe erobert und hat diesen Teil Germaniens in Verbindung mit anderen wirkenden Ursachen zu Deutschland gemacht. Indem die Bildungsstufe „gemeingermanisch“ bei uns erlosch, entweichend nach Norden, und die Bildungsstufe „deutsch“ begann, war davon auch die Götterwelt betroffen.

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Geschrieben von: Prof. Dr. Hans Naumann
Wenn wir nach den Göttern Deutschlands suchen, so werden wir nur wenige Anhaltspunkte hier finden. Es hat sich die Gottheit eines gänzlich anderen Kulturkreises einen Teil Germaniens sehr frühe erobert und hat diesen Teil Germaniens in Verbindung mit anderen wirkenden Ursachen zu Deutschland gemacht. Indem die Bildungsstufe „gemeingermanisch“ bei uns erlosch, entweichend nach Norden, und die Bildungsstufe „deutsch“ begann, war davon auch die Götterwelt betroffen.

Eine Zeitlang lebte sie weiter im Volksglauben. Aber schon über tausend Jahre wirkt das Christentum prägend auf den deutschen Volksglauben ein, nicht mehr das Heidentum 1.

Daß jedoch die hauptsächlich nur nordgermanisch bezeugte Götterwelt und das nordgermanische Weltbild in den großen und in vielen kleinen Zügen einst auch Besitz Südgermaniens war: mit dieser Annahme wird man heute getrost zur älteren Anschauungsweise zurückkehren dürfen. Denn wo nur immer einmal die stark verschütteten südgermanischen Quellen fließen, da werden sie auch sofort durch die nordischen Zeugnisse bis ins Unwesentliche hinein bestätigt und unterstützt. Ich nene rasch das Wichtigste in kurzen Formeln: Wodan und Frigg nicht nur einzeln, sondern in den der bekannten ehelichen Verbindung im Norden wie bei Paulus Diaconus. Friggs Bild in überraschender Weise schon südgermanisch. Ihr Sohn Balder mit den Eltern im Kreise besorgter Götter: nur die Torheit, in die sich einst heut unbegreiflicher Überkritizismus überschlug, konnte am Balder des zweiten Merseburger Zauberspruches irre gehen. Aber wer würde Fulla, die scheinbar so nebensächliche Schwester und Zofe der Frigg, aus dem Nordischen auch fürs Südgermanische zu erschließen wagen, wenn nicht eben dieser Merseburger Zauberspruch wäre? Oder Njörd, wenn nicht die Taciteische Nerthus wäre? Tyr = Teiwas, lebendig im Süden noch zur Zeit der Wochentagsnamengebung, ist jetzt schon aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. für Südgermanien durch die Inschrift von Negau bezeugt 2.

Die Verbindung von Logathore = Lodurr, der Langform des Kurznamens Loki, und Vigithonar = Vingthorr mit Wodan auf der Nordendorfer Spange 3 läßt Außerordentliches im gemeinsamen religiösen Besitz vermuten. Die Worte, Gleichungen und Sachen Yngwi = Ingwaz im Namen der nach ihm benannten Amphiktyonie, Ingunar-Freyr, der ingwäonische Herr; Forseti = Fosete; Hludana = Hlodyn; idisi = disir; fairguni = Fjörgynn; irmin = iörmun; Fessel = hain4; Muspilli; Mittilagart; Erde und Oberhimmel; Yggdrasil und die Vorstellung von der Irminsul (universalis columna quasi sustinens omnia, Rudolf von Fulda), altsächs. reganogiscapu vgl. altnord. ragnarök und mindestens der Name, wenn auch nicht die Figur Aurvandill = Orendel kommen hinzu. Einiges von all diesem reicht, wie man sieht, bis weit über die Völkerwanderung hinab. Aus den gedeckten Einzelheiten dürfen wir getrost auf das ungedeckte Ganze schließen. Diese sonderbaren Relikttrümmer des Südens beweisen, daß die geschlossene mythologische Landschaft des Nordens einst bis zu uns gereicht hat. Allgemeine Erwägungen und Schlüsse aus anderen Gebieten, denen zufolge wir überhaupt in weitem Maße die nordgermanische Kultur als ein Echo und Spiegelbild schon vergangener südgermanischer auffassen dürfen, kommen hinzu. Norwegen war nicht sehr schöpferisch; daß sich Island noch neue Göttergestalten schuf, ist unwahrscheinlich. Das Gemeinskandinavische reicht mit tausend Maschen in das Gemeingermanische hinein. Die Götterwelt des Nordens war einst auch die unsrige, als wir uns noch nicht aus dem gemeingermanischen Kulturkreis losgelöst hatten. Wir werden sehen, daß es eine gemeingermanische aristokratisch-idealistische Hochreligion gegeben hat, die uns längst nicht so unbegreifbar bleibt, wie die Skeptiker gewöhnlich meinen.

Aber nicht mehr die Naturkräfte und urmythich-kosmischen Bezüge, die in den Göttergestalten sich etwa symbolisieren, werden den Philologen von heute in erster Linie berühren, sondern die menschlichen, die ideellen, die geistigen Kräfte. Die Ideen, die die Namen germanischer Götter tragen, die seelischen Antriebskräfte, Willensziele und Lebensideale, die in göttlicher Gestalt verehrt werden, die menschlichen Lebensformen, Seinsweisen, Interessensphären, erfüllten oder unerfüllten Wünsche, die unter diesem oder jenem Namen vergöttlicht sind, zu erkennen, muß das Geschäft des Germanisten sein, damit er die Ergebnisse der dürftigen dichterischen und kunsthandwerklichen Denkmäler in etwas ergänze und die Wissenschaft vom germanischen Menschen vermehre. Eine Untersuchung de natura deorum Germaniae muß zuletzt zu einer Untersuchung de natura deorum Germanorum werden, so wie einst Ciceros „De natura deorum“ zu einem Stück antiker Geistesgeschichte geworden ist. „Der Mensch schafft sich seine Götter nach seinem Bilde“: so hieß einst die positivistische Wendung des Satzes: „In seinen Göttern spiegelt sich der Mensch“. Tiefer wäre vielleicht die Formulierung, daß die göttlichen Mächte, dereinst dem Geheimnis des magischen Weltbildes entsprungen, ihren Völkern stets diejenigen Ideale vorleben, deren sie auf ihrer jeweiligen Bildungsstufe bedürfen, um zu der Form sich lebend zu entwickeln, die ihnen vom Schicksal geprägt worden ist. In jenen allegorischen Erklärungen der Götter und ihrer Taten indessen aus gutem oder schlechtem Wetter verriet sich eine Zeit, die sich ein schöpferisches, bildhaftes Denken der Menschen nicht mehr vorstellen konnte. In Wirklichkeit schuf damals ein starkes Geschlecht weit über sich selbst hinaus, und sich steigernd, wiederholte es sich selbst in seinen Göttern.

Die Götter Epikurs

Aus den Äußerungen, die Citero in „De natura deorum“ seinem Epikureer Vellejus über die antiken Götter in den Mund legt, ergibt sich, wenn man sie zusammenzieht, etwa folgende Vorstellung von diesen 5:Die Götter sind ewig und glückselig. Sie tragen zwar menschliche Gestalt, weil keine Form schöner ist als die menschliche, indessen ist ihre Gestalt nicht körperlich, sondern nur gleichsam körperlich, ihr Blut nur gleichsam Blut. Ihr Leben verbringen sie in glückseligster Weise in allem nur erdenkbaren Überfluß, ohne Zorn, ohne Zuneigung, denn alles, was von Zorn oder Zuneigung ergriffen wird, ist unvollkommen. Sie tun nichts, sie leben in ewiger Ruhe der Seele, denn ohne Ruhe der Seele gibt es nicht Freiheit, nicht Glück. Sie sind in keine Geschäfte verwickelt, sie glühen nicht von Wollust, sie führen nicht Krieg, sie hassen einander nicht, sie jammern nicht, sie klagen nicht, sie erfreuen sich nur ihrer Weisheit und Tugend. Sie sind nicht wie jene geplagten Götter, die ohne Unterlaß sich um die Himmelsachse drehen, die Welt regieren, den Lauf der Gestirne, die Jahreszeiten, den Wechsel und die Ordnung der Dinge erhalten, für Meer, Erde, Menschen sorgen, in lästige und mühsame Geschäfte verwickelt. Die Welt? Die Welt ist von der Natur selbst geschaffen, ohne besondere Hilfsmittel und ganz leicht. Dazu benötigte sie keinen deus ex machina wie jene jämmerlichen Theaterdichter. Was glückselig und unsterblich ist, hat keine Arbeit und macht niemandem Arbeit. Quod beatum et immortale est, id nec habet nec exhibet cuiquam negotium.

Man sieht schnell, wie mit solchen Vorstellungen die idealisierte Lebensform des epikureischen Philosophen selbst in den Himmel versetzt ist. Lust, nicht Tätigkeit, ist das höchste ethische Prinzip. Untätig sind die vollkommenen Götter, ein schöner Luxus der Welt, denn alle Tätigkeit entspringt nur einem Mangel, einem Bedürfnis, einer Unvollkommenheit.

Demgegenüber leben die Götter Germaniens ein tätiges, lebenerfülltes Edelingsideal in einer Welt, die ihrer bedarf. Unser Cicero, Snorri, hat leider versäumt, seinen Sprecher, den ,Hohen‘ in der ,Gylfaginning‘, rasch etwa folgende Züge zusammenstellen zu lassen:Natürlich sind die Götter den vitalen Funktionen unterworfen; Gestalt ist hier körperlich und Blut ist Blut: sie atmen, essen, trinken, schlafen, lachen, weinen, werden geboren und sterben sogar – nicht den Tod Balders meine ich jetzt, der dereinst wieder aufersteht, sondern den völligen unerbittlichen Tod am Ende der Weltperiode. Sie sind, wie rechte Fürsten, ewig unterwegs, sie reiten oder fahren; sie gehen zum Thing, wo sie auf ihren Gerichtsstühlen sitzen und raten und dichten; sie reiten zu kriegerischen oder Liebesabenteuern. Sie obliegen der Jagd und dem Fischfang, sie brauen Bier und berauschen sich gern. Sie sitzen bei Trunk in ihren Hallen beisammen und reden über ihr Tagewerk, ihre Waffen, ihre Tapferkeit. Störenfriede jagen sie hinaus in den Wald, der niemals sehr weit von der Halle ist, dann setzen sie sich wieder zum Trunk. Schwerter, Rosse, Ringe sind ihre kostbarsten Güter, Helme und Brünnen tragen sie gern. Sie schließen Blutsbrüderschaften. Sie haben ihre Diener. Sie können in Schwermut verfallen, z. B. aus Liebespein. Sie spielen Brett. Sie schmieden sich Waffen und Handwerkszeug. Sie befragen die Lose, z. B. wo es noch Essen gebe, wenn sie ihre eigenen Vorräte aufgezehrt haben und einmal zu bequem sind, von neuem jagen zu gehen. Ja – und hier vergißt sich gleichsam der Glaube – sie sind so vollkommen menschlich gedacht, daß sie Tempel haben in ihren Gehöften, selber Priester sind und Opfer vollziehen. Wem?: – dürfen wir nicht fragen, sondern nur: warum? Warum haben sie Tempel und opfern und sind Priester zugleich? Und wenn man hier nicht ganz letzte und tiefste Opferauffassungen und religionswissenschaftliche Hintergründe annehmen will, wozu keine Veranlassung vorliegt, kann die Antwort lauten: Weil die menschlichen Edeling und Häuptlinge dies Amt zu ihren Obliegenheiten zählten. Zur Vervollständigung ihres Bildes also! Und weil sie so durchaus Menschen sind, diese Götter Germaniens, Doppelgänger unserer eigenen Vorfahren, deshalb tragen ihre Geschichten jenen heiteren, menschlich ausgelassenen Charakter, der desto auffallender ist, als der Rahmen des Ganzen so tieftragisch und voll Untergangsstimmung erscheint.

Vergleichend mögen wir erkennen, daß ganz grundsätzlich kein Unterschied besteht zwischen den Göttern Epikurs und den Göttern Germaniens in bezug auf ihren ideal-anthropomorphen Charakter. Nur in Grad und Art der Kultur liegt hier der Unterschied. Dort schon die Lebensform des epikureischen Philosophen – hier, kaum vergleichbar, noch die Lebensform kriegerischer Bauernedelinge. Gingen wir, wie wir eigentlich sollten, von den Göttern Epikurs zurück zu den Göttern Homers, so würden auch die Lebensformen, infolge ähnlicherer Kulturlage, bekanntermaßen, äußerlich wenigstens, gleicher werden, und bei anderen früheren außerhomerischen griechischen Komplexen möchte sich die Gleichheit womöglich noch erhöhen. Innerlich freilich offenbart sich schon hier ein tiefer Unterschied.

Denn schon bei Homer sind die Götter die Selig-Vollkommenen, die in der ewigen Herrlichkeit ihres Göttersaales hoch über den Menschen leben, unberührt von deren Dürftigkeit und Leid. Schon bei Homer lassen sie sich ihre „Seligkeit nicht trüben durch allzu ernstliche Teilnahme am Menschen und seiner Qual“, wie Otto sagt 6. Denn die Menschen sind gar arme hilflose Geschöpfe, für die es keine Rettung gibt gegen Alter und Tod. Schon hier ist die Gottheit im Gegensatz zu anderen Religionen nicht ernstlich beschäftigt mit dem lebenden Menschen und seiner Not, und der Gang der Welt ist vorbestimmt durch die Moira, welche die Götter selbst nicht berührt. Sie stehen außerhalb der Welt und jenseits der Moira. Die Vorstellung von der ungestörten Vollkommenheit der Götter lag also, wie es scheint, schon vorgebildet vor Epikur im griechischen Geist, dem sie offenbar entspricht. Sie führt, wie wir sehen werden, zu einer noch völligeren Trennung der Gottheit vom Menschen nach seinem Tode. „Eins ist der Menschen, ein andres der Götter Geschlecht“ sagt Pindar; „das eine ist gar nichts, ewig fest aber bleibt die Burg des ehernen Himmels“. Die orphische Religion und esoterische Mysterienreligionen mögen sich in diesen Punkten freilich gänzlich anders verhalten als die olympische Religion. Uns interessiert hier nur diese.

So tiefe Kluft trennt freilich die Götter Germaniens von ihren Menschen nicht. Sie sind eines Geschlechts und im Werte einander mehr angeglichen. Hier steht die Gottheit, weniger vollkommen gedacht, nicht außerhalb der Welt, sondern auch sie unterliegt wie der Mensch ihrem Schicksal, und mit dem Tode des Menschen erhöht sich, worauf wir noch kommen, beider Wesen Zusammengehörigkeit. Hier nähert sich germanisches mehr dem christlichen Empfinden im Zusammengehörigkeitsgefühl von Mensch und Gott. In sváso god „unsere ganz eigenen, unsere lieben Götter“ sagt der Germane, wie er vom Freund, dem Bruder vom Gefolgsgenossen, ja vom eigenen Kinde sagt 7 und wie dann der deutsche Christ wieder vom „lieben Gott“, vom „lieben Herrn Jesus“, von der „lieben Maria“, vom „lieben Kaiser“, vom „lieben Kinde“ spricht 8. Es ist die Verbundenheit von Fürst und Gefolgsmann, in der sich der Germane zur Gottheit sieht, welche er nicht für vollkommener und nur für relativ mächtiger als seinen eigenen Fürsten hält. Gleichsam wie aus dem jahrhundertelangen schöpferisch-prägenden Erlebnis der Völkerwanderung heraus, die Führer und Gefolgschaft nach heroischer Laufbahn früher oder später untrennbar dem gemeinsamen Untergang entgegenführte, so ist dies heroisch-tragische Erlebnisprinzip für Mensch und Gottheit aufs Weltganze bezogen und zur Grundlage des Weltbildes gemacht. Dem Griechen aber leben die olympischen Götter entfernt und unzerstörbar in olympischer Höhe und Geschiedenheit.

Gewiß, es fehlt den germanischen Göttern die Atmosphäre von Amt, Gesetz, Schrift und bürgerlich-festlich geregeltem Jahr; Stadtkultur haben die germanischen Götter nicht mehr erlebt, sie zogen nicht mehr als Bürger in das gastliche Tor einer ihnen geweihten Polis ein. Ihr geistiger Raum ist noch der Großbauernhof und die Fürstenhalle. In den Händen von Hausvätern und Jarlen treffen wir sie, die nebenbei ihre eigenen Priester sind, noch nicht in den Händen von Druiden, fester und ausschließlicher Priesterkasten oder von Literaten, Philosophen, bildenden Künstlern. So wird uns ihre Schönheit und Plastizität nicht vor Augen geführt. Daß sie in der Vorstellung gleichwohl bestand, lehrt die mehrfach vorhandene Figur des geliebten schönen Götterjünglings. Aus tiefer Frühzeit teilt uns schon Vellejus Paterculus (2, 107) jene Äußerung eines alten Semnonen mit, der am Ufer der Elbe den Imperator Tiberius in seiner cäsarischen Pracht erblickte und sich staunend mit dem Ruf entfernte Hodie vidi deos, „Heut hab‘ ich, o Cäsar, die Götter gesehen“ – weil seine Vorstelung von der Gottheit so stolz, waffengeschmückt und schön bereits war. Und Jahrhunderte später berichtet die Landnáma (cap. 207) von den Hjaltisöhnen: als sie zum Thing kamen, waren sie so schön gekleidet, daß die Leute dachten, die Asen wären gekommen, at aesir vaeri komnir9. Oft ist, wie bei Heimdall, die göttliche Erscheinung ein Gemälde von Weiß und Gold. Leuchtender Glanz geht von ihr aus, „schimmernd“ ist ein Götterepithet, Ruhm und Schönheit werden immer betont.

Freilich, wenn Poseidonios von Apameia als Lebensprinzip der nordeuropäischen Völker den thymos erkennt, jene ganz seelische Religion von „starken und wilden Kräften, deren Tugend, Pracht, Instinkte und Gefährlichkeit“, wie Reinhardt sagt, „der Ethiker als Energien des bloßen Zornes kennt“, so bewähren solchen thymos natürlich die Götter der nordeuropäischen Völker, als deren summierte Kräfte, erst recht. Man mag des prächtigen und gefährlichen Asenzorns gedenken, wie er Thor, wie er Freyja ergreift.

Nur in der jüngeren Ersacheinungsform Wodans gestaltet sich das Prinzip der Südvölker, der logos, mehr und mehr aus, so daß der Mythos erzählen kann, Odin habe ihn dem toten Sohn noch ins Ohr geraunt. Eine reine Poliskultur hätte die Götter Germaniens genau so gezähmt wie die Olympischen. Die Dämonenstufe an sich liegt hinter den Göttern Germaniens freilich nicht anders wie hinter den Olympischen weit zurück.

Keine Dämonen

Die Dämonen sind noch als primitive Horde gedacht, ihnen fehlt der persönliche Charakter, aber die Götter Germaniens sind Individualitäten bereits mit bestimmten Funktionen, die die Dämonen nicht haben, mit einer Arbeitsteilung in der Weltgeschichte nach dem Abbild menschlicher Ordnung. Die Dämonen gehen noch nackt, zottig, tierhaft; die Götter gehen bekleidet, wehrhaft, jagdmäßig, sportsmäßig gerüstet einher.

Die Dämonen brechen aus der Wildnis der Natur hervor, sie wirken inmitten der irdischen Welt und inmitten der Menschen; die Götter kommen aus ihren Hallen und Gehöften in entrückten Regionen, die ihre eigentliche Heimat sind, wenngleich noch sichtbar wird, daß Asgard zunächst nicht im Himmel, sondern irgendwo auf der Erde lag – ein Gehöft auf einer Höhe, wie eines Jarls Gehöft gern etwas höher gelagert ist über der unter ihm siedelnden Gemeinschaft. Dahinein aber glitt die Vorstellung von Asgard als himmlischer Götterburg – auch bei den Südgermanen.

Die Dämonen sind visionär geschaut, versc hwommen, vielgestaltig, miß- und mischgestaltig, wandelbar, gräßlich, verstümmelt, alle Maße der Phantasie durchmessend, energisch in ihrer Funktion, scharf zufassend, selbst unfaßlich, leibhaftige Kollektivvorstellungen; sie scheinen immer wieder zurückzusinken in die Natur und den Boden, der sie ewig wieder erzeugt. Sie sind unberechenbar böse oder kindlich gut, oft beides zugleich, und sie sind stets so mißtrauisch, tückisch, beschränkt und dumm wie der primitive Geist, dessen Welt sie füllen 10.

Die Götter Germaniens tragen vielleicht ein paar der dämonisch-verführerischen Züge mehr noch an sich als die Olympischen, denn die Natur ist verführerischer als die Stadt und bleibt dem Dämonischen näher. Aber im allgemeinen sind auch sie durchaus schon plastisch gesehen, scharf umrissen, eingestaltig, unwandelbar, weniger energisch zufassend, faßlich und berechenbar. Wodan hat seine mystischen Fähigkeiten und seine Verwandlungskunft, seine „ärgerliche Zauberei“, wie Snorri sagt, weniger mit den Dämonen als mit Zauberern und Medizinmännern gemein.

Religionsgeschichtlich äußerst wertvolle Reste alter Tiergestaltigkeit sind noch vorhanden, aber kaum mehr als bei den Olympischen auch. In der Hauptsache ist hier wie dort das Heilige-Tier-Attribut an die Stelle der Tiergestaltigkeit getreten. Der Weg vom Dämon zur Gottheit hat hier wie dort über die Menschengestalt geführt. Man ersieht an den Göttern, wie der menschliche Geist von Element und Stoff und ungeheuerlichem Grausen primitivsten Weltbegreifens glücklich erlöst ist. Und nur in dem Maße, wie sich die Götter mit dem erlösten Geiste nur weiter wandeln, bleiben sie mit dem Menschen verwandt.

Dem Urmythischen ist auch die gemeingermanische Religion wie die homerische längst entrückt, und hier wie dort ragen nur noch ein paar vereinzelte groteske Relikte aus der Urmythenzeit herein. Derlei Primitivitäten sidn für den Religionswissenschaftler wichtiger als für den Philologen, den sie vielleicht allzulange beschäftigt haben. Sie tragen zum Gepräge der Religion im Ganzen längst keine wichtigen Züge mehr; wir können sie hier übergehen.

Auch von den entlehnten und importierten Figuren und Einzelzügen in der germanischen Götterwelt kann hier nicht gesprochen werden. Niemand zweifelt mehr an solchem Import in der germanischen wie wie der der homerischen Religion. Die geistigen Grundkräfte indessen scheinen von ihm sehr viel weniger berührt, vielmehr: sie wirken sich stark an ihm aus.

Die bäuerliche Sphäre

Aber da hebt sich nun deutlich und für uns hier zugleich wichtiger eine bäuerliche Sphäre göttlicher Lebensumstände heraus. Die Welt mit ihren neun Heimen sieht bald wie ein Komplex von neun riesigen Einzelhofsiedelungen aus, wie ein weit auseinandergezogenes Haufendorf mit der Weltesche als Dorfbaum11, wo der Brunnquell entspringt und der Gerichtsanger liegt, auf dem die Götter täglich beraten, bald wieder ruft sie mehr den Eindruck von neun weit auseinanderliegenden Dörfern hervor. Wald- und flußreich ist auch dies mythische Dorflandschaftsbild, wie das natürliche es in Germanien war, Furten führen durch die Flüsse und müssen verteidigt werden. Haine und Büsche liegen stets dicht auch bei den mythischen Siedelungen, schaurige und liebliche. Verlockt man, so verlockt man aus der Siedelung in den Wald (so Loki die Idun); man verabredet das Stelldichein in den Wald, wird in den Wald verjagt. Grabhügel liegen vor den mythischen Siedelungen, wie sie vor den irdischen liegen. Auch von den mythischen Gehöften werden die großen Hallen am sichtbarsten, die Biersäle mit Zaun, Gattertor, Brücke, Bänken im Fleet. Auch der Hirte vorm Gehöft, Hahn und Hund am Gehöftbaum sind auf die metaphysischen Bezirke übertragen. Bricht der Gott auf, so rüstet er Roß oder Gefährt im Gehöft; mitten im Hof erwartet er, wenn’s eilig, den rückkehrenden Boten. Mühlen und Ingesinde sind im Gehöft, neben der Halle der Tempel. Gehöfte, Fluren, Flüsse und Haine tragen ihre Namen; es gibt hier eine göttliche Flurnamenkunde, in jeder Beziehung ein sauber und peinlichst geordnetes mythisches Weltinventar. Nicht alles hier ist Werk der Poeten; als Ganzes entspringt es der Sehweise, der Denk- und Lebensform des altgermanischen Bauern. Wo ist eine zweite Mythologie, die so bäuerlich pedantisch ein metaphysisches Siedelungsbild ausbaut und benamst, desgleichen die tägliche Lebensführung der Mythischen so bis ins kleinste angibt und regelt?

Besonders eine bestimmte Riesengruppe ist in diese agrarische Perspektive gerückt und erscheint wie ein altes göttliches Großbauerngeschlecht. Zwar gibt es eine archaischere, kollektiver gedachte Riesen- und Riesinnengruppe, die in Felshöhlen haust und mit Steinen wirft. Schlechte Wege führen von hier über Menschenland zum Götterheim wie zwischen feindlichen Bauerngemeinden. Gern aber und oft sind die Häuptlingsgehöfte jener anderen Gruppe beschrieben, und sie erscheint überhaupt wie ein altes entthrontes titanisches Göttergeschlecht.

Da sitzt der Riese wie ein großer Erbbauer auf dem Hügel vor seinem Gehöft oder auf dem Hochsitz in seiner Halle, weise, patriarchalisch und vornehm oder fröhlich und arglos wie ein Kind, „Knaben gleich, die ins Blaue sehn“ 12, dreht Goldbänder für seine Grauhündinnen, glättet den Pferden die Mähnen, goldgehörnte Kühe gehen zu seinem Hof und schwarze Stiere. Viele Kleinode besitzt er, Schwester oder Mutter und Gattin führen ihm den Haushalt. Knechte hat er, die seine Wiesen mähn, Odin kann sich unerkannt bei ihm als Erntearbeiter verdingen.

Von den Göttern steht Thor in engster Beziehung zu dieser Riesengruppe, wesentlich und aktiv; er ist selbst der vergöttlichte Bauer, der ergrimmende Dorfheld, den die Gemeinschaft immer dahin postiert, wo es besonders gefährlich ist, plump, grobschlachtig und mit gewaltigem Zuschlagen, kein Gott des Gedankens und der Rede, sondern der großartigen, verläßlichen, aber manchmal auch allzu blind-ungehemmten Macht. Ritterlich sollte man den göttlichen Bauern nicht nennen, wenn er einmal dem Riesen gegenüber das selbstverständliche Gastrecht wahrt. Man empfand immer, daß Thor irgendwie nicht ganz zu den Asen gehört. Ihn hat eine andere Interessensphäre aus gestaltet. Thor, das ist Sippe und Heimat, Stamm und Blut, Dasein der heiligen bewahrten Bindungen. Thor ist das Heilige und die Idee des Blut-, Boden-, Sippe-verbundenen Daseins, der Gott der bäuerlichen Gemeinschaft, der eigentliche Gott der Frömmigkeit, Menschenlands Schützer und Freund des besiedelten Raums, der vielnützigen Erdflur. Thor ist das Herkommen, die Summe des Alten und der heimischen Überlieferung, das breite bejahte lebendige Dasein der bäuerlichen Sippen, der Nachbar und der Freund, geradezu das Volkstum. Thor ist der Stamm, wie er aus Sippen besteht.

Die Wächterfähigkeiten Heimdalls sind, wiewohl märchenhaft, doch bäuerlich bemessen: das Gras hört er wachsen und die Wolle auf den Schafen.

Der Urriese Ymir (Örgelmir) mit der Kuh Audumbla ist der riesische Häusler mit seiner einzigen Kuh, durch Alliteration ihr verbunden, wie „Kerl und Kuh“ nun einmal sprichwörtlich zusammengehören. Der Urriese Bergelmir, riesischer Bauer, kann sich im Kasten seiner bäuerlichen Handmühle aus der Sintflut retten. Die Wanin Gullveig kommt zu den Asen ganz sagamäßig wie eine Zauberfrau ins fremde Bauerngehöft, sie beredet die jungen Göttinnen wie unerfahrene neugierige Bäuerinnen. Daß man am Strande angetriebene Baumhölzer findet, sie zu Figuren zurechthaut, anmalt und bekleidet, ist ein Bild einfachen Lebens. Weil sichs um Götter handelt, so verleihen sie diesen Figuren auch Wärme und Leben, und so sind die ersten Menschen erschaffen. Zu besonderen Spekulationen bietet all dies keinen Anlaß. Irgendwelche Symbolisierungen liegen nicht vor. Die Kuh Audumbla bedeutet nicht die Regenwolke, ist auch keine Allegorie der Lebenskraft, sondern sie ist eben schlechtweg eine Kuh, eine mythische Kuh, nicht anders wie die griechische Wunderziege Amaltheia, die den jungen Zeus mit ihrer Milch ernährt, eben schlechtweg eine mythische Ziege ist.

Denn Kuh – das ist der Beginn alles Guten, Inbegriff und Bürgschaft des Bäuerlich-Notwendigen, Milch, Zugkraft für den Pflug, warmer Stallduft und Geborgenheit, alles aus Erlebnis und erster Erfahrung heraus. Daß die Kuh schon mit da ist am Anfang der Dinge, ist ein Denkmal, das ihr der germanische Bauer gesetzt hat. Die Kuh und der Baum! Denn so entsprach es seiner Grundvorstellung von der Welt: der große Baum gehörte dazu, der alte mit den hochliegenden Wurzeln, wie der Blick des Kindes zu allererst ihn einst sah im Gehöft des Vaters und dann wieder im Dorf: Hofbaum, Dorfbaum, Weltbaum, um den sich die neun Heime ordnen, die realen und die mythischen, wie sich die Hofgebäude und die Dorfgehöfte ordnen um ihren Baum. –

Die heroische Sphäre

Darüber lagert sich nun jene andere Lebenssphäre mit den heroischen und den tragischen Lichtern. Zu den bäuerlichen Lebensumständen gesellen sich die Ideale des Kriegers. Diese Sphäre rettet uns einige alte Götter, vergißt deren Herkunft und uralt-heilige Funktion, verleiht aber ihnen und ihren uralten Zügen neuen Sinn, man kann sagen, im Stil und Geist des Heldenliedes.

Diese heroische Lebenssphäre macht aus Tyr, uralt-ererbtem Himmelsgott, nicht eigentlich einen blutigen Mars oder wütenden Ares, sondern den verläßlichen stillen und beherzten Gefolgsmann, die verkörperte Idee der Unerschrockenheit, ungesellig, allein. Tyr ist der brave Krieger; aus fremder entlegener Sippe gekommen, unverheiratet und ohne Eigengehöft in Asgard, dient er seinen Herren nun treu, hält er für sie, ohne mit der Wimper zu zucken, die Hand in des Wolfes Rachen (die germanische Wendung der Geschichte des Mucius Scaevola!), und hilft er den Kessel zu holen aus der Sippe des riesischen Vaters, der jenseits der Eliowagar haust. Der alte Eingott ward in ein gruppenhaft verbundenes Dasein gestellt, er konnte noch nicht allein weiter gedacht werden, weil der Mensch noch nicht allein gedacht werden konnte; sein Amt ward das einfache treue zuverlässige Kriegertum. So waltete die Maschinerie der germanischen Denkgesetzlichkeit an dieser Gestalt.

Die heroische Lebenssphäre machte aus Widar einen schweigsamen Dümmling, der aber später die große Tat tun wird, sie benötigt ihn für den Tag der Rache; sie vergißt auch von Wali alles Andre und macht die Rache für Balder zum alleinigen Sinn seines Daseins. Es ist damit in die weitgewanderte fremdländische Balderlegende vom getöteten Götterjüngling eine ganz neue spezifisch heroisch-germanische Rolle eingefügt worden. Tyr und Widar, „an dem die Götter einen guten Schutz haben in aller Bedrängnis“, wie Snorri sagt, sehen wie Patrone der Gefolgsmannen aus. Widar und Wali sind zu heroischen Mitteln geworden, im Sinne der Poesie.

Man kennt die Rolle des Wächters aus dem Beowulfepos. So muß auch die Asenburg ihren göttlichen Wächter haben, Heimdall, den Markwart des Himmels. Da ist Ullr, der schöngerüstete Jäger und Bogenschütze; da ist die Göttin Skadi. Was ist lappisch oder finnisch an ihr außer den Skiern? Sie ist eine junge, frühgermanische Frau, dianahaft mit Bogen, Jagd, Brünne, Helm und mutigem schnellen Gang, ein kvennskörungr, ein Kernweib, wie die Saga das nennt. Ob schon die Südstämme, etwa die Langobarden, auch einen Dichter nach dem Vorbild der irdischen Königshalle in ihren Himmel Wodans und Freas versetzten, wissen wir nicht; der Norden gliederte sich, gewiß nicht ganz aus sich selbst, einen göttlichen Königsskalden seinem Himmel ein. Da ist Frija selbst, die himmlische Häuptlingsfrau, die ihrem Gatten zum Aufbruch den Reisesegen spricht, die manchmal nicht ganz dieselbe Politik wie der himmliche Häuptling treibt, besorgte Mutter des göttlichen Heldenjünglings zugleich, Balders, wie Helche in der Dietrichdichtung; sie preist die rasche beherzte Heldenhaftigkeit des Sohns, aber sie wird, wie es heißt, den Jüngling niemals wieder stolz am Abend ins Gehöft einreiten sehn – wie die Mutter der Etzelsöhne die ihrigen. Diese Götter bekommen wie Helden ihre Aristie, sie werden beritten, sie erhalten ihre wunderbare Geburt. Sie sehen aus wie Wesen aus der heroischen Sphäre. Der Geist des Heldenliedes hat diese Götter festgehalten für eine bestimmte Funktion der heroischen Idee im Himmel. Dunkel nur ist erkennbar, was sie vorher gewesen. Aber was sie sind, ist für uns wichtiger, als was sie waren.

„Makelloser Männerfürst im hochgezimmerten Hause“ heißt gern auch der eine oder andre kleinere Gott. Großer Fürst, Großkönig ist bekanntermaßen Odin, mit den großartigen wie mit den bedenklichen Zügen etwa der Merowingerkönige ausgestattet, vornehm und ungerecht, galant, böse, rasch ungnädig, hochgesinnt und machiavellistisch-skrupellos, tatkräftig, verschlagen, klug, falsch, schneidenden Hohns, „so edel und schön von Ansehn, daß wenn er unter seinen Freunden saß, jedermann das Herz im Leibe lachte“, sagt Snorri. Besorgt um Schicksal und Zukunft der Welt wie ein Fürst um die Schlacht, geht er nur darauf aus, die Sturmfahne zu erheben, Speere zu röten, mit Frauen zu kosen. Nach Weisheit und Bildung fremder Mächte begierig vor allen Göttern wie die germanischen Könige allezeit vor ihren Völkern, setzt er Buchstaben wie die Merowingerfürsten13, prägt er die Dichtkunst, die Gesetzgebung, die keilförmige Schlachtordnung. Mächtig ist er der Rede und des Wortes, wie der Führer es sein muß und der germanische König es stets war. Der Mythos vergißt nicht, auch das Bild des rede-ohnmächtigen Königs in den Himmel zu versetzen: in Hönir, der hilflos ist, wenn ihm sein soufflierender Ratgeber fehlt.

Odin, das ist der Staat, soweit er aus Gefolgschaften besteht, Herr der Elite, Führeridee und Großkönigsgedanke, Staatengründung, Tat, Loslösung, Nobilität, Führerglück, Erfolg bei Frauen, Glanz, Beute, Abenteuer, schimmernde Hochburg, fremde weite Welt. Hier ist die nichtbäuerliche Seite im germanischen Menschen göttlich verehrt, der Schritt vom Dasein zum Leben. Hier sind die Werte der Persönlichkeit, nicht die der Gemeinschaft, ewiger Wettbewerb, Zucht und Kriegerehre, Rede, Geist, Dichtung, Schrift, Strategie, kluger Rat, das vorwärtstreibende, überzeugende Wort und die stete Bereitschaft für Schicksal.

Der alte dämonische Zug, daß Odin gerade die Besten, Glücklichsten, Begünstigsten unversehens und trügerisch in der Schlacht fallen läßt, findet schließlich die tragisch-schöne Erklärung, daß er gerade ihrer besonders in seiner Gefolgsschar bedarf. Sie werden zu ihm erhoben, um bei ihm zu sein. Der erschütterte Verlaß auf den Gott wird wieder hergestellt, denn auch das Bild dieser metaphysischen Welt ist rauh, es dröhnen die Zeiten. Zusammenbruch einer Welt steht bevor, liegt in der Luft; Völkerwanderungszeiterlebnis vielleicht! Das goldene Zeitalter ist nicht gegenwärtig, es war einst und wird wieder sein, niemals ist es jetzt; jetzt ist nur Krieg mit den riesischen Mächten und schlimme Zeit. Balder ist tot und – ein zweiter neuer tragisch-heroischer Zug in der fremden Märchenlegende vom gestorbenen Gott – er steht nicht wieder auf: Hier hält Hel den Gott unerbittlich fest, erst im neuen Äon wird er wieder erscheinen. Eben die ihn schützen wollten, führten seinen tragischen Tod herbei wie im Heldenlied. Der Verräter war auch hier wieder in den eigenen Reihen, Blutsbruder Loki. – Freyr gab sein Schwert um Liebeslohn in die Hände der riesischen Mächte; so ist auch dieses andern schönen Götterjünglings tragischer Tod mit dem eigenen Schwert heldenliedmäßig von der Hand des Gegners gewiß. – Ein Schild ist die Sonne, Windhelm heißt der Himmel, Hengste bringen den Tag wie die Nacht. Ein Schild liegt über der Bierkufe in der Halle der Hel. Schilde sind die Wandtäfelung in der Halle der Götter. Symbolhaft für das ganze, bis ins Letzte durchgeformte Weltbild tafeln die Götter bei Schwertbeleuchtung. Schwerter leuchten in ihrer Halle während des Mahles, andere Beleuchtung brauchen sie nicht.

Wo ist ein zweites Mal eine ganze Religion so zum Heldenlied geworden wie hier? Natürlich ist die Religion nicht ein Echo der Poesie, auch die Poesie natürlich nicht ein Echo der Religion. Es handelt sich nicht um Nachbildung oder Übertragung. Aber der gleiche Idealismus hat beide Ausdrucksformen ergriffen, die gleiche Sehweise, Denk- und Lebensform der frühgermanischen Krieger hat sie einander so ähnlich gemacht. Wir dürfen die geistige wie künstlerische Leistung ruhig bewundern. Aber das Glanzstück fehlt noch, es bilde den Schluß!

Die Götter Germaniens sind nahe dem lebenden Menschen, wenn er sie anruft in Ernte, Schiffahrt, Krieg, Zweikampf, Krankheit, Liebe, Ehe und in allen Frauenangelegenheiten. Sie sind auch nahe dem Toten.

Die olympischen Götter haben mit den Toten nichts zu tun; die Toten sind machtlose Schemen, ihr Reich ist den Göttern ein Greuel, dessen Berührung sie meiden. Die olympischen Götter gehören ausschließlich auf die Seite des Lebens, denn sie selbst sind die Ideen lebendigsten Lebens. Der Tod ist begriffen als Verlust des Lebens, als eine klägliche Verminderung. Kein Kult, kein Glaube trägt den Verstorbenen ins Reich der Gottheit, der Mensch geht nicht zu seinen Göttern ein nach seinem Tode, der Tote ist von seinen Göttern verlassen, schon der Sterbende ist es, an dem sich sein Schicksal vollzieht 14.

Der germanische Krieger begreift den Tod so nicht, auch die Frauen um ihn herum begreifen den Tod so nicht, man denke an die Tochter Egils. Der ausschließlich heroische Daseinszweck erlischt ihnen unmöglich im Augenblick des Todes, vielmehr enthüllt er sich hier erst ganz. Sterben wird begriffen als Nahen der Gottheit, und der Tod als Entbietung zu ihr. Gewiß nicht leicht oder lachend, aber doch im Glanz der Kriegerehre geht man in die grünen Heime der Götter, um daselbst einen noch reineren Heroismus gesteigerter weiter zu leben. Der tote Krieger ist von seinen Göttern nicht verlassen, nichts Geringeres als ihr Reich ist zugleich sein Paradies. Mensch und Gottheit sind nach dem Tode eng beieinander, wie sie es im Christentum sind, zu dem der Übergang von hier aus unendlich leichter ist als von der olympischen Religion. „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“, der Satz gilt auch hier. Nur daß in diesem aristokratischen Kriegerparadies nicht jene metasoziale Gleichheit der Menschen vor der Gottheit herrscht wie im christlichen. Herren und Knechte sitzen hier in gesonderten Hallen wie beim Burgundenuntergang in Attilaburg, und die Frauen sitzen in dieser vorhöfischen Zeit wiederum gesondert.

Die Götterdämmerung

Der tote Germanenkrieger ist von seinen Göttern nicht verlassen, ja vielmehr: er verläßt seine Götter nicht. Dergleichen gibt es kaum in anderer Religion. Der Mensach spart sich für seine Götter auf. Er teilt ihr Schicksal mit ihnen, den Weltuntergang, die Götterdämmerung, die Ragnarök. Dies ist der ausdrückliche Sinn des Kriegerdaseins im Jenseits. Die Götter bedürfen der menschlichen Hilfe gegen ihren furchtbaren Feind. Aus der mangelnden oder unvollkommenen Allmacht der so menschlich geformten Götter ergeben sich Aktivität, Aufgabe und höchste Pflicht des Kriegers, der sich nicht nur für die kurze Spanne seines irdischen Daseins, sondern für diese ganze Weltperiode, für diesen Äon als Gefolgsmann seiner Götter fühlt. Hier ist es nicht die Gottheit, die das unendlich tröstende, unheimlich suggestive Wort zu ihrer Gemeinde spricht, sondern der Mensch könnte es hier zu seinen Göttern sagen: „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Der Welt Ende! – Man muß sich klar machen, welch eine Erscheinung unter germanischen Händen aus dem Motiv vom Weltuntergang geworden ist. Man muß ferner vergleichen, wie andere, rohere Kriegerkasten den Kampf des Einzelkriegers nach seinem Tode behandeln. Man muß drittens sehen, wie das germanische Ingenium beide Motive miteinander verband, den Weltuntergang und den Kampf des Einzelkriegers nach seinem Tod.

Man muß dazu wissen, daß hinter dem Tod im Glauben vieler Völker die Vorstellung von einem Zweiten Tod steht, bei dem nichts mehr übrig bleibt, – eine mythische Apperzeption der völligen Verwesung. Ehrgeiz, Energie, Lebens- und Tatenlust der Kriegerkulturen suchen diesen Zweiten Tod zu vermeiden, den sie sich als Vernichtung durch einen leichenverschlingenden, scheußlich-dämonisch-tier- oder menschen-gestaltigen Unhold vorstellen. An der Brücke über den Totenstrom oder am Eingang zum Totenreich erwartet er sie. Fällt z.B. der tote Fidschikrieger im Kampf mit dem gefährlichen leichenfressenden Samu, so kocht und frißt ihn der Unhold. Überwindet er ihn, so ist der ersehnte Eintritt in das Kriegerparadies sein Lohn. 15

So wie nun in Germanien die Auferstehung des gestorbenen Gottes Balder hinausgezögert ist bis ans Ende der Tage, so auch der Kampf des toten Einzelkriegers mit dem Vernichtungsdämon. Da die Götter selber Krieger sind, steht ihnen der gleiche große Kampf bevor, und dieser bedeutet zugleich gemäß dem kriegerisch-tragischen Charakter des Germanischen den Weltuntergang. Die große göttliche Trias Odin, Thor, Freyr erhält ihre unverkennbare Aristie wie die Trias der Könige beim Burgunderuntergang. Aber Vernichtung ist das Los dieser wie jener und all ihrer Krieger mit ihnen. Das Motiv vom letzten Kampf des Einzelkriegers ist kollektiviert, erweitert und dichterisch verklärt zu dem großartigen Gemälde von der furchtbaren Endschlacht der gesamten Götter und Einherjer gegen die gesamte Welt der Unholde und Dämonen am jüngsten Tag: eine ungeheure Gesamtvision des Zweiten Todes, eine Kollektivauseinandersetzung mit ihm und ein summarisches Unterliegen der Götterseite. Man darf sich von der Forschung nicht verwirren lassen, die in den letzten Jahren Sekundärmotive des Konglomerats Ragnarök in den Vordergrund gerückt hat. Das Zentralmotiv des germanischen Weltuntergangs ist gemäß der kriegerischen Haltung durchaus die große Endschlacht, „zu der am Ende der Tage die Einherjer mit Odin gegen den Wolf ausziehn“, wo die Götter sterben, thá er regin deyja16, der Götterkampf, das Göttersterben. Daher auch der Name Ragnarök „Götterschicksal“ für die ganze Erscheinung, die sich durch dies Zentralmotiv von andern Weltuntergangsvorstellungen völlig unterscheidet. Der Brand der Götterburg oder, wenn Snorri richtig interpretiert hat, der Weltbrand, woher er nun motivisch auch gekommen sein mag, ist dabei nur ähnliches Beiwerk wie der Brand der Halle beim Burgundenuntergang.

Das Ingenium der Fidschiinsulaner ließ noch jeden Kreiger einzeln auf seiner Reise ins Jenseits seinen letzten Kampf mit dem mythisch apperzipierten Zweiten Tod ausfechten, in eintöniger Wiederholung, mit ungewissen und von Fall zu Fall verschiedenem Ausgang. Im Germanischen überschreitet die Gesamtheit die verhängnisvolle Brücke, die zu den letzten Kämpfen führt. Das germanische Ingenium sammelte und konzentrierte diese Kämpfe mit andern Motiven zu einer summarischen Abmachung, zu einer großartigen Symphonie, zu einer gewaltigen Weltkatastrophe mit gänzlich eindeutigem Ausgang. Der gestorbene Gott Balder ersteht an diesem Vernichtungstage der Götter wieder auf zur Einleitung eines neuen Äons, nur sein Losbitten aus der Unterwelt kurz nach seinem Tode war vom tragischen Bedürfnis vereitelt worden. Hier, in den Ragnarök, ist die Tragik unerbittlicher, weil die Vernichtung nicht mehr überwunden werden kann. „Voran reitet Odin im Goldhelm und in schöner Brünne mit seinem Speer Gungnir“, sagt Snorri, die andern Asen und Einherjer folgen ihm in ihren Rüstungen. Dies faszinierende Bild wird gnadenlos ausgelöscht, damit ein großartiges Zeugnis der heroisch-tragischen Weltanschauung entstehe.

Schon das einzelne Heldenleben auf Erden verlangt eine höchste und letzte Bewährungsprobe, die man nicht vermeiden darf, weil sie das Dasein krönen soll. Der Untergang, dem man wissend und todgeweiht entgegenfährt, bietet sie. Das letzte gefährliche Schicksal muß zugleich die höchste Erfüllung und schönste Vollendung des irdischen Daseins sein in Mut und Ruhm. Gefahr ist gesteigertes Leben. Mut ist erhöhtes Lebensgefühl in der Gefahr. Ruhmliebe, mit der man sie aufsucht, ist Liebe zur Vollkommenheit. Mit dem Gefühl, vollkommen zu werden, daher ruhmwürdig zu sein, hält man dem Untergang stand. „Ich sterbe den Heldentod“ bedeutet gefühlsmäßig: „Ich bin im Begriff, vollkommen zu werden“. Der Einzelne lebt nur für seine letzte Bewährungsprobe, die zugleich sein irdischer Tod ist. Aber nun eben wird dies persönliche Prinzip ins Weltganze übertragen und auf die so kriegerisch-menschlich gedachten Götter, und auch der Zweite Tod des Einzelnen wird in diesen heroischen Dienst gestellt. An dem letzten großen Untergang teilnehmen zu können auf Götterseite, bei der summarischen Bewährungsprobe der Götter, der göttlichen Krieger, diesen helfen zu können, darauf kommt alles an. „Siehe ich übe mein Waffenspiel alle Tage und bin bei Euch bis an der Welt Ende.“ So erhielt Einzelleben wie Götterschicksal wie Weltganzes zugleich einen Sinn, und dieser Sinn ist für Welt wie Götter wie Einzelschicksal das gleiche: der Sinn der Nibelungen. Wo hat jemals die heroische Idee unter den Menschen eine gleich großartige Weltauffassung entworfen wie hier? Wo hat sie sonst noch gangbare Motive mit so unverkennbarer Gewalt gewandelt und zugleich erfüllt?

Die Götter Germaniens, sagten wir, zogen sich nach Norden zurück, aber sie nahmen die heroische Idee nicht mit, weil sie nicht ausschließlich an sie gebunden war. Ja, sie übertrug sich, da sie ein Erbe aus dem Germanischen und ein Ferment des deutschen Wesens wurde, immer wieder von neuem auch auf das Göttliche. Von der Heroisierung im „Heliand“ bis zum ritterlichen Gott der höfischen Zeit und des Deutschherrenordens und bis zu Luthers Gott, dem er aus den Psalmen das Bild von festen Burg, der guten Wehr und den guten Waffen auswählt, trug unsere Frömmigkeit gern immer ein heroisch-kriegerisches Gepräge. Der Helianddichter beschrieb Jesus als einen Helden, der sehend und wissend in den Untergang nach Jerusalem zog. Auch hier ward gelehrt, daß das Leben keinen Sinn habe, wenn man es nicht für Großes und Weithinleuchtendes hingeben könne. 17

Anmerkungen:

1 Vgl. dazu meinen Göttinger Vortrag „Christentum und deutscher Volksglaube“, Zeitschrift für Deutschkunde 42, 1928, S. 321 ff.2 Zeitschrift für deutsches Altertum 66, S. 1 ff.3 Siehe darüber zuletzt W. Krause, Zeitschrift für deutsches Altertum 64, S. 273.4 Helgakvida Hundingsbana II 30; Tacitus Germania cap. 39.5 Zusammengezogen aus Liber I cap. 16-20.6 Walter F. Otto, Die Götter Griechenlands, S. 165.7 Vgl. Vafthrudnismal 17 und 18 von den Göttern; Heliand 1494 vom Freund; Hel. 1710, Gudrunarkvida III 8, Atlakvida 41 vom Bruder; ags. Genesis 168, 8 vom Gemahl und Herr, ebda. 97, 7 vom Verwandten; Beowulf 29, 1934, 2040, 2518 vom Gefolgsmann; Beow. 520 vom Erbsitz; Beow. 1868 vom Volksgenossen; Hildebrandslied 53, Hildibrands Sterbelied 4, Atlakvida 41, Hamdismal 10, ags. Genesis 14 vom eignen Sohn.8 Nach Luther, Sendbrief vom Dolmetschen, Werke ed. Clemen 4, 185 f.9 Vgl. cap. 28 (26) der Völungasaga von Sigurds Ankunft: „Ich glaube, hier kommt einer von den Göttern! Dieser Mann ist ganz mit Gold geschmückt“ usw.10 Hans Naumann, Grundzüge der deutschen Volkskunde 1 S. 78, 2 S. 76.11 Völuspa 19, Grimnismal 29, 30, 26 ff. ein komplizierteres Bild der Weltesche mit allerhand mythologischem Apparat, den nur die vergleichende Religionswissenschaft erklären kann.12 Hymiskvida 2.13 Wie Chilperich, der darin den römischen Kaiser Claudius nachahmte. Ich fürchte, dies und nichts anderes ist der Ursprung von Odins Runenkunst.14 Walter F. Otto, Die Götter Griechenlands S. 33, 175, 342.15 Hans Naumann, Primitive Gemeinschaftskultur S. 29, 39; Fraengers Jahrbuch für historische Volkskunde I, 1925, S. 23 f.16 Vafthrudnismal 47.17 Hans Naumann und Günther Müller, Höfische Kultur (D. Vierteljahrsschrift Buchreihe Bd. 17, 1929), S. 45 ff.; Zeitschrift für Deutschkunde 41, 1927, S. 809. Man mag auch an das ritterliche Wappen Christi am Gittertor der Marienburger Hochmeisterkapelle erinnern. Übrigens hebt sich auch in Luthers Katechismus über mehr bäuerlichen Lebensumständen eine mehr kriegerische Sehweise heraus.

 

Quelle: http://www.asatru.de/nz/index.php?option=com_content&view=article&id=91:die-goetter-germaniens-&catid=8:mythologie&Itemid=27

Gruß an das göttliche Germanien

TA KI

 

Nordische Mythologie


Die Götterwelt der Germanen begründet sich auf drei Geschlechter, die alle aus dem Urchaos Ginnungagap und dem Urrind Audhumbla hervorgingen: Das Geschlecht der Riesen und Ungeheuer, zu denen praktisch alle bösen Wesen gehörten, die auch für Naturkatastrophen verantwortlich gemacht wurden, kam als erstes auf die Welt. Dieses Geschlecht hat die Macht, die Welt zu vernichten. Damit dies nicht passiert, wurden Wanen und Asen geschaffen. Sie halten alles im Gleichgewicht, bis sich das Schicksal der Götter in einem finalen Kampf erfüllt, infolgedessen es zu einem Krieg zwischen Riesen und dem Asen-Wanen-Bund kommt, dem sich die gefallenen Menschenkrieger anschließen und in dem die ganze Welt vernichtet wird, um wiedergeboren zu werden.

Das zweitälteste Geschlecht, die Wanen, wurden als äußerst geschickt, erdgebunden und weise verehrt und lebten ewig, sofern sie nicht erschlagen wurden. Das jüngste Geschlecht, die Asen, galten als äußerst mutig und stark, aber nicht sehr klug, was man auch in der Edda nachlesen kann. Ihr Ewiges Leben verdanken sie einem Trunk, der sie gewissermaßen abhängig von den Wanen machte.

Hauptgott der Asen war Odin, ursprünglich vielleicht Tyr. Hauptgott der Wanen war der Meeresgott Njörd bzw. dessen Zwillingskinder Freyr und Freya. Asen und Wanen fochten einen großen Krieg aus, bei dem die Asen als Sieger hervorgingen, wobei die Wanen weiterhin eine geachtete Stellung innehatten. Beide Geschlechter lebten versöhnt und nebeneinander, bis die Christianisierung der Germanen einsetzte. Daraus ergeben sich auch verschiedene Schöpfungsmythen: so ist sowohl Tyr als auch Odin Schöpfer der ersten Menschen. Odin war ursprünglich der Hauptgott der Westgermanen, wobei er sich nordwärts über ganz Europa verbreitete. Für die Nordgermanen spielte ursprünglich Nerthus eine große Rolle, doch schon früh verschmolz ihr Kriegsgott Wodan mit dem Kriegsgott Odin und wurde so zum Hauptgott. Auch die Ostgermanen übernahmen Odin schließlich als Hauptgott. Daher wird in der Nordgermanischen Religion Odin immer als oberster Gott angesehen.

Odin war ein Gott über alle anderen Götter. Odin war zuvorderst Kriegs- und Todesgott, und erst in zweiter Linie ein Weiser. Der Name „Odin“ leitet sich vom altnordischen Wort „óðr“ her, das „wild, rasend“ bedeutet. Daher war er der Gott der Ekstase und des rasenden Kampfes. Er war nicht ein nordischer, sondern ein gemeingermanischer Gott. Er war auch Hauptgott der Angeln, der Sachsen, die ihn Wodan nannten, was Inschriften bekräftigen. Die Sage um Odin reicht auch weit zurück, denn bereits die Römer wussten, dass die Germanen einen Gott verehrten, der ihrem Mercurius ähnelte. Odin hatte nur ein Auge, das andere hatte er dem Jöten Mime verpfändet, der über den Brunnen der Weisheit am Lebensbaum Yggdrasil gebot, wofür er aus dem Brunnen trinken durfte — er opferte also sein körperliches Auge für ein geistiges, mit dem er Dinge sehen konnte, die anderen verborgen waren. Auch die Magie der Runen hatte er von Mime gelernt. Nach der Völuspá hatte Odin einst den ersten Krieg verursacht: „In die Feinde schleuderte Odin den Speer. Das war der erste Kampf der Völker.“

Gruß an die Geschichte des Nordens

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Letzter Teil


Epilog

Von Tanaquil Enzenberger

götterzeichnung EDDAIm Jahre 1662 traf ein Schiff aus Island im Hafen von Kopenhagen ein. Er brachte eine kostbare Fracht mit – zwei in Kalbsleder gebundene Folianten. Diese beiden Bücher, Handschriften auf Pergament, sind die wichtigsten Quellen für Tor Age Bringsvaerds Nacherzählung der alten nordischen Mythen.
Seine Prosafassung ist so lange, bis ein Leser kommt, der sie seinerseits weitererzählt, das letzte Glied einer langen Überlieferungskette. Ihre ersten Glieder verlieren sich im Dunkeln der Geschichte.
Es waren mündliche Erzähler, denen wir die Erkenntnis dieser Mythen verdanken, manche von ihnen werden sie getreu wiedergegeben, andere sie umgedichtet und verändert haben. Aufgeschrieben wurden sie erstmals im Mittelalter, und auch dann noch haben einander Erzähler und Schreiber vermutlich in die Hände gearbeitet. Später erfolgten immer neue Bearbeitungen, Umdeutungen und Übersetzungen in moderne Schreibweisen, oder in fremde Sprachen. Bringsvaerd steht in dieser Tradition, und mir scheint es ausgemacht, dass jede neue Version auch zu neuen Erzählstrategien, zu neuen Missverständnissen, und das heißt auch, zu einer neuen Lektüre führen muss.
Die literarische Fracht, die im Jahre 1662 in Dänemark an Land ging, hatte einen politischen Hintergrund.
Ein isländischer Bischof, Brynjölfur Sveinsson, hatte sie im Auftrag des Dänischen Königs eingesammelt. Er war angehalten worden, in seiner Heimat nach Originalzeugnissen der isländischen Literatur zu suchen, mit dem Ziel, sie der königlichen Bibliothek einzuverleiben. Norwegische Schulkinder nennen heute noch die Periode vom 14. bis 19. Jahrhundert „die Dänenherrschaft“ oder „die fünfhundertjährige Nacht“ , denn zu jener Zeit waren Norwegen und Island dänische Kolonien.
Frederik III., der von 1648 bis 1670 regierte, hatte an Stelle der alten Wahlmonarchie den Absolutismus als Regierungsform eingeführt, Um sie zu legitimieren, brauchte er eine starke ideologische und historische Grundlage.
Der Hof suchte sie in einer Genealogie, die bis in die Vorzeit zurückreichte. So wie damals andere europäische Dynastien ihren Ursprung in der klassischen Antike behaupteten, wollten sich die Dänen als Nachfahren der nordischen Götter sehen. Dieses Projekt dürfte jedoch auf nicht geringe Schwierigkeiten gestoßen sein. Zum einen waren die neu gefundenen Schriften in isländischer Sprache abgefasst, und vermutlich hatten die Dänen einige Mühe, sie zu entziffern. Zum anderen konnten die europäischen Gelehrten des 17. Jahrhunderts mit ihrem Inhalt wenig anfangen, denn seit der Renaissance waren sie auf die griechische und römische Antike eingeschworen, Dass es nicht nur im Mittelmeerraum, sondern auch anderswo Altertümer gab – diese Vorstellung war ihnen fremd. Aber auch der Klerus nahm die isländischen Erzählungen mit Kopfschütteln, um nicht zu sagen, mit entschiedenem Widerwillen auf. In der kleinen Großmacht Dänemark herrschte ein strenges politisches und religiöses Regime. Es stand den schreibenden Zünften keineswegs frei, zu denken und zu sagen, was sie wollten.
Dabei hatte die Auseinandersetzung, mit dem Erbe aus dem Norden, bereits eine längere Vorgeschichte. Schon im 13. Jahrhundert hatte es dänische Gelehrte gegeben, die sich damit beschäftigen und auf ihre Weise versuchten, einen Nationalmythos zu begründen. Der berühmteste unter ihnen war Saxo Grammaticus, ein dänischer Kleriker, der am Hof der Erzbischöfe von Lund tätig war. Man weiß wenig über ihn, außer das er ungewöhnlich fleißig war, und dass er die „Gesta Danorum“ , ein sechzehnbändiges Werk in lateinischer Sprache, hinterlassen hat, in dem die mehr oder weniger sagenhafte Geschichte Dänemarks bis zum Jahr 1202 behandelt wird. Von besonderem Interesse sind die ersten 9 Bände, in denen sich viele Mythen und Sagen finden. Dabei hat der Autor sich vor allem auf isländische Informanten gestützt. Die Forschung hat seine Quellentreue angezweifelt, und es scheint, als wäre er mit der Überlieferung, nicht zuletzt aus religiösen Gründen, sehr frei umgegangen. Seine Darstellung der vorchristlichen Gesellschaft ist unbarmherzig, seine Schilderung von Menschenopfern, zum Beispiel findet keine Bestätigung aus anderen Quellen. Im übrigen hat sich herausgestellt, dass die Gesta Danorum William Shakespeare als Vorlage für seinen „Hamlet“ gedient haben müssen.
Wesentlich systematischer ging 400 Jahre später der Isländer Árni Magnússon (1663-1730) zu Werke.
Als Königlicher Antiquator waren ihm die schriftlichen Zeugnisse aus Island anvertraut. Die Kolonialmacht ernannte ihn zum „Professor Antiquitatum Danicarum“ . Im Laufe seiner Arbeit hat er in ganz Skandinavien 580 Originalhandschriften gesammelt und für Abschriften auf Papier gesorgt.
Die wichtigste Grundlage seiner Arbeit bildeten jedoch jene beiden Handschriften, die Brynjólfur Sveinsson nach Kopenhagen gesandt hatte. Die erste ist unter dem Namen „Codex Regius“ bekannt, weil sie für die Geschichtsschreibung des dänischen Königshauses eine wichtige Rolle spielen sollte.
Ihrem Inhalt angemessener ist jedoch die Bezeichnung „Ältere Edda“ . Gelegentlich bezeichnet man sie auch als „Poetische oder Lieder-Edda“ , weil sie hauptsächlich Gedichte oder Gesänge enthält. Sicherlich ist sie älteste und bedeutendste Sammlung altnordischer Poesie. Die meisten Isländer kennen sie in- und auswendig. Das ist kein Wunder; denn es gibt kein Volk auf Erden, das mehr liest als sie- und mehr dichtet.

alte handschrift EDDA

Der „Codex Regius vulgo“, die Ältere Edda, besteht aus zwei Teilen. Die ersten elf Gedichte Handeln von den alten Göttern des Nordens, die neunzehn andern von den sagenhaften Helden und ihren Taten.
Am Anfang steht ein visionäres Gedicht, die Völuspa. Der Titel bedeutet „Weissagung der Seherin“ , Wahrsagende Frauen erzählen darin von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft der Welt. Odin hat sie aufgesucht, um das Schicksal seines und seiner Welt, zu ergründen. Die Hellseherinnen provozieren ihn durch wiederholte Fragen: „Willst du noch mehr sehen? Hast du genug gehört?“ . Im Sog seiner Wissbegierde wird der Zuhörer einer Vision teilhaftig, in der die Welten vergehen, und wieder entstehen.
Der folgende Text ist das Hávámál, ein Monolog Odins, in dem er den Menschen Vernunft und Lebensart beibringen will. Hávámál heißt soviel wie „Rede der Hohen“ . Viele dieser Verse, die erst im 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurden, waren wohl schon lange zuvor als Sprichwörter im Umlauf. Nur die mündliche Überlieferung kann sie so rund und glatt geschliffen haben. Von wem die abschließende Redaktion der 164 Strophen stammt, ist unbekannt.
Das Hávámál lebt heute noch im Volksmund. In Norwegen kennt jedes Kind den einen oder andern dieser lakonischen Ratschläge des hohen Einäugigen. Bei festlichen Anlässen werden sie immer wieder gern zitiert, ganz gleich ob es um die Einweihung, eines der zahllosen neuen Tunnels oder einer neuen Brücke, um eine Hochzeit oder eine Beerdigung geht. Mir selber ist ein Satz besonders lieb, der wie in Stein gehauen sagt: „Auf das Gesetz soll ein Land gebaut sein.“ Ich zitier ihn gern. wenn es um die Situation auf dem Balkan, Unterdrückung einer Minderheit oder um die Zwangsenteignung eines Nachbargrundstücks geht.
Im Vaftrúdnismál, in der „Rede der Vavtrudne“ , geht es um eine Wette zwischen Odin und dem Riesen Vavtrudne. Wer bei diesem Redewettkampf verliert, muss sterben. Der Troll weiß jedoch nicht, mit wem er es zu tun hat. Ein ausgeklügelter Bastelsatz von Fragen führt den Zuhörer oder Leser durch die Geschichte und die Hierarchie der Götter, so lange, bis Odin eine Frage stellt, die kein anderer als er selber beantworten kann: „Was hat Odin seinem Sohn ins Ohr geflüstert, bevor er seinen Leichnam dem Feuer übergab?“ Dieser Wettstreit ist bühnenreif und ich vermute, dass er und die Geschichten, die dabei zur Sprache kommen, oft ein aufmerksames Publikum gefunden haben.
Auch im Zentrum des Grímnísmál, der „Rede des Maskierten“ , steht ein Streitgespräch. Nachdem er acht Tage und Nächte zwischen zwei Feuer gepeinigt worden ist, lässt Odin sich auf eine Auseinandersetzung mit dem Riesenkönig Geirröd ein. Der einäugige Gott tritt inkognito auf. Nach und nach gibt er sein ganzes Wissen von der Welt der Asen preis, bis die Zuhörer seine wahre Identität erkennen. So gibt dieses Gedicht manchen Aufschluss über die Mythen des Nordens.
Das Skirnísmál, „Skirnes Rede“ , erzählt in 42 Versen, wie der Gott Frei die Riesentochter Gerdr für sich gewinnt. Auch dieses Gedicht scheint für eine szenische Darstellung geschaffen zu sein. Der Codex Regius enthält an mehreren Stellen Zeichen in der Marginalspalte, bei denen es sich vermutlich um Regieanweisungen handelt. In Skirnes Rede werden die Verse Frei, dessen schöner Braut und einigen Statisten in den Mund gelegt. Gerdr muss eine mächtige, beschwörende Tirade des Gottes über sich ergehen lassen, bis ihr nichts anderes übrig bleibt, als sich seinem Willen zu fügen.
Im Hárbadsljód, „dem Harbardslied“ , kommt Thor, sein Felleisen schleppend, am Sund an. Laut ruft er nach dem Fährmann, der ihn übersetzen soll, er nennt sich Hábárdr, was soviel wie Graubart bedeutet. Wer das Lied hört, versteht, dass es Odin ist, der sich als Ferge verkleidet hat und sich weigert, den Passagier ans andere Ufer zu bringen. Darüber gerät Thor in Wut. Über den Sund hinweg, kommt es zu einem groben, handfesten Streit. Mit viel Humor werfen die beiden einander allerhand Unverschämtheiten an den Kopf.
In einem weiteren Lied, der Hymiskvida, „Hymes Rede“ ist Thor der einzige Protagonist. Es geht um ein Abenteuer des Gottes, der dem Riesen Hyme seinen gewaltigen Braukessel entlocken will. Die Erzählweise erinnert hier eher an ein Volksmärchen.
Im nächsten Gedicht, der „Lokasenna“, „Lokis Spottrede“, nimmt Loki ein Fest in Ägirs Halle zum Anlass, um die anwesenden Götter in respektlosester Art zu beschimpfen. Dabei wird die ganze Galerie der Asen ein weiteres Mal vorgestellt. Viele Gelehrte deuten diesen Text als den Versuch eines bekehrten Christen, seine Leser aus den Klauen der heidnischen Götter zu befreien. Wenn das zutrifft, hätten wir es hier mit einem ungewöhnlich witzigen und einem intelligenten Propaganda-Coup zu tun. Auf mich macht das Lied eher den Eindruck gutmütiger Vertraulichkeit, ja sogar der Nachsicht mit den alten Göttern.
Die darauf folgende Trymskvida oder „Rede Tryms“ , erzählt in einer Reihe von amüsanten Repliken, wie Thors Hammer abhanden kam, während das „Alvismál“ von einem Zwerg berichtet, der zu den Asen kommt, um ein Mädchen zu holen, von dem er behauptet, es sei ihm als Braut versprochen worden. Statt wie gewöhnlich einfach nach seinem Hammer zu greifen, stellt Thor als Bedingung, dass Allvis der Zwerg ihm eine Reihe von Fragen beantworten soll, um das Mädchen zu gewinnen. Dabei erfährt der Leser manches Neue über die Götter, ihre Übernahmen und Abenteuer. Beide Gedichte zeigen überraschend viel Humor.
Dagegen geht es in „Balders draumar“, den „Träumen Baldurs“ , um verhängnisvolle Dinge und entsprechend ernst ist der Ton dieses Liedes. Odin, von Baldurs unheimlichen Untergangsträumen erschreckt, reitet aus, um eine Wahrsagerin zu befragen, die ihm erzählt, wie Baldur sterben wird und wie er gerächt werden muss.
Die letzte Göttergeschichte aus der älteren Edda, die Rigspula, zu Deutsch „Merkgedicht von Rig“ , handelt von der Frühgeschichte der Menschen. Ein sonst unbekannter Gott namens Rig, der vielleicht zu Unrecht mit Heimdall identifiziert wird, begibt sich auf eine lange Wanderung und zeugt viele Kinder. Wahrscheinlich handelt es sich um einen späteren didaktischen Mythos, den man auch als märchenhafte Idylle lesen kann.

 

Der zweite Band, den König Frederik III. anno 1662 seiner Bibliothek einverleiben konnte, die sogenannte „Jüngere Edda“ , ist auch unter dem Namen „Snorra Edda“ bekannt. Es handelt sich nicht um ein Autograph, sondern um eine Abschrift (Im Lauf der Zeit sind drei weitere handschriftliche Fassungen der Lieder bekannt geworden). Was die Fragen nach dem Autor, dem Schreiber und der Datierung betrifft, so sind wir auf den Vorsatztitel des Exemplars angewiesen, das sich heute in der Universitätsbibliothek Uppsala befindet. Dort heißt es lapidar: „Dieses Buch heißt Edda. Es ist von Snorri Sturluson zusammengestellt.“
Was das Wort „Edda“ bedeutet, weiß niemand genau. Es könnte von altnordisch „udr“ abgeleitet sein, was soviel bedeutet wie Dichtung oder Poetik. In einem Vers der „Rigspula“ kommt das Wort auch in der Bedeutung „Urgroßmutter“ vor. Möglicherweise weist es auf eine Dichtung aus Urgroßmutters Zeiten hin. Der Text wurde Anfangs des 13. Jahrhunderts niedergeschrieben.
Viele Geschichten aus der Älteren Edda finden sich hier wieder. Die Snorra Edda besteht aus drei Teilen, deren erster Gylfaginning, „Die Täuschung Gylfis“ , heißt.
Ein mythischer Schwedenkönig ist als Wanderer nach Asgard, der Heimat der Götter gereist. Dort stellt er den Asen eine Reihe von Fragen. Die Antworten geben einen ausführlichen Überblick über die Mythologie des Nordens, von der Erschaffung der Götter und er Riesen bis zum Untergang der Welt im Ragnaök.
In dieser Version beginnt die Geschichte der Asen merkwürdigerweise in Troja, das als Mittelpunkt der Welt beschrieben wird. Alle Asen stammen, heißt es, von dem Heldenkönig Priamos ab. Sie reisen gen Norden und werden dort zu Göttern. Manche Forscher haben diese Erzählung so gedeutet, dass der Name der „Asen“ nichts anderes bedeutet als „Männer aus Asien“ . Die überwiegende Mehrzahl der Gelehrten erklärt dagegen diese Einführung in die Mythologie des Nordens eher als einen genialen dichterischen Kunstgriffs des Verfassers. Zu seiner Zeit war die Christianisierung Islands bereits abgeschlossen, auch wenn sie nicht in tiefere Schichten reichte. Dadurch, dass er die alte Götterwelt als die Halluzination eines schwedischen Königs darstellte, entging der Autor dem Vorwurf der Ketzerei. Mehrere Erzählungen, wie die Einführung der Iduna, oder die Errichtung der Götterburg durch Loki, kennen wir nur aus dem Gylfaginning, die ältere Edda schweigt sich darüber aus.
Der zweite Teil der Snorra Edda ist das „Skáldskaparmál“ , Snorris Lehrbuch der Dichtkunst, einer Goldgrube für Philologen und Skaldenforscher. Dieser Text ist zwar nur eine marginale Quelle für unsere Kenntnis der Götterwelt, aber dafür erfahren wir aus ihm vieles über das Wesen und die Bedingungen der Dichtkunst in den altnordischen Gesellschaften. Die Skalden waren Hofpoeten und freie Künstler. Die Zeit ihres Wirkens, die vom 9. bis 13. Jahrhundert reicht, gilt in unserer Literaturgeschichte als das goldene Zeitalter. Etwa 250 Skalden sind namentlich bekannt. Ihre Kunst war ein hochgeschätztes Handwerk. Das geht auch aus den Erzählungen hervor, die davon berichten, mit welchen Mühen sich Odin die Kunst des Schreibens und des Dichtens angeeignet hat. Snorri zitiert im Skáldskapamál nicht weniger als 336 Gesänge und erwähnt die Namen von siebzig Skalden.
Sein Lehrbuch rundet Snorri Sturluson mit einem eigenen Gedicht ab, dem „Háttatal“ , einem eindrücklichen Lobgesang auf den norwegischen König Hakon. Es besteht aus 102 Strophen und ist das einzige Lied von seiner Hand, das erhalten geblieben ist, abgesehen von einigen Spottversen, die eine andere Quelle erwähnt und zitiert.
Über Snorri Sturluson und sein Werk wissen wir gut Bescheid. Neben der Snorra Edda schrieb er ein oder zwei Sagas, vor allem aber eine Geschichte der norwegischen Könige, die „Kringla Heimsins“ oder „Heimskringla“ .
Dieses Buch ist in Norwegen bis heute neben der Bibel der Bestseller aller Zeiten geblieben. Das Werk ist eine Hauptquelle für norwegische Historiker; beim Erwachen des Landes aus der „Fünfhundertjährigen Nacht“, ein halbes Millennium nach dem Tode des Schriftstellers, hat es eine bedeutende Rolle gespielt.
Island war im letzten Teil des 9. Jahrhunderts durch norwegische und keltische Einwanderer besiedelt worden. Ganze Großbauern – Familien zogen während der Herrschaft des Königs Harald Harfagre nach Island. Dort entstand 930, als das Land sich ein Grundgesetz gab, eine neue Staatsform. Fortan entschied ein gemeinsames Gericht, das Allthing, über das Recht. Ein Gesetzessprecher hütete die mündlichen überlieferten Gesetze und trug sie vor. Auf den diplomatischen Druck des norwegischen Königs hin, beschloss das Allthing im Jahre 999 oder 1000 die Einführung des Christentums, doch wurde das Land nicht, wie andere Teile Europas gewaltsam missioniert. Das entsprechende Gesetz enthielt den bezeichnenden Satz: „Jeder Mann solle bei sich zu Hause selber wählen“ .
Zu Snorri Sturlusons Zeiten war die Gesellschaftliche Ordnung Islands in Auflösung begriffen. Der Druck der Norweger nahm zu und es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Snorri, der 1179 in Hvammar zur Welt kam, war Bauer, Häuptling und Dichter. Er brachte es zeitweise zum mächtigsten und vielleicht reichsten Mann der Republik. Mehrmals hielt er das höchste Amt seines Landes inne, das des Gesetzessprechers. Mit dem norwegischen König Hakon verhandelte er, um den friedlichen Anschluss Islands an Norwegen zu erreichen – ein Plan, der fehlschlug und ihm viele Feindschaften eintrug. 1241 fiel er einem Mordanschlag zum Opfer. Der Anstifter war sein Schwiegersohn, ein gesandter desselben norwegischen Königs, dem er einst sein Gedicht gewidmet hatte.

 

Ein wesentliches Charakteristikum der Edda-Dichtung ist ihre eigentümliche Form, von der sich heutige Leser kaum mehr eine hinreichende Vorstellung machen können. Eines ihrer Grundprinzipien, der Stabreim, ist in Deutschland vom Hildebrandslied und in England vom „Beowulf“ her bekannt. Statt des Endreims bildet der Gleichklang im Anlauf der betonten Wörter das Rückgrat des Gedichts. Im Altnordischen und im klassischen Isländisch lag der Wortakzent stets auf der ersten Silbe, eine Betonung, die dem modernen Norwegisch fremd ist; nur in einem alten Osloer Arbeiterviertel haben sich Spuren davon erhalten.
Um dem Leser ein Gefühl für die Versform der Edda-Dichtung zu vermitteln, möchte ich einige Passagen aus einer englischen Nachdichtung zitieren. In der dritten Strophe der Völuspa heißt es:

Early Ages
there that Ymir settled
was not sand nor sea
nor sea-waves chilling nor up heaven
Ginnung-gap was there
but grass nowhere.

In dieser Versform, „Fornydislag“ , das heißt „Versrhythmus der alten Wörter“ , genannt, besteht jede Strophe normalerweise aus vier Verspaaren die auf acht Zeilen verteilt sind. Die Zahl der Alliterationen pro Zeile steht nicht fest; meistens sind es aber vier.
Einen Schritt von dieser gesamtgermanischen Verstruktur entfernt sich der „Ljodahatt“, der „Versrhythmus der Gesänge“ . Dabei handelt es sich um Langzeilen, die aus zwei Halbversen bestehen und durch ein komplexes Muster von Stabreimen verbunden sind. Diese Form wurde oft für Wechselgesänge benutzt. Das nachfolgende Beispiel ist die elfte Strophe aus dem Hávamál:

Burden better/ dears none abroad with him
than a cool dicretion/ with worser food
will fare yoe never/ than a big load of beer.

Die Skalden verfügten über noch mehr elaborierte Formen und Regeln für den Vers- und Strophenaufbau als die Dichter der Edda. Zu ihren rhetorischen Kunstmitteln gehörten „Heiti“ und „Kenning“ , Griffe auf die auch Snorri Sturluson in seinem Lehrbuch für Dichter großen Wert legte. Heiti sind obsolete Wörter, Synonyme oder poetische Wortschöpfungen, die ausschließlich in der poetischen Sprache vorkommen. „Kenningar“ sind konstruierte Formeln vom Typus: „Sohn der Erde“ für Thor, „Backenwald“ für Bart, „Seeroß“ für Schiff, „Unwetter der Axt“ für den Waffengang. In der Skaldendichtung finden sich noch weit kompliziertere, rätselhafte, metaphorische Ausdrücke dieser Art, die aus bis zu sieben Gliedern bestehen können.
Alle altnordischen Werke, die wir kennen, ob es sich um Poesie oder Prosa, Gesänge oder Sagas handelt, überlassen das Urteil über die erzählten Handlungen grundsätzlich dem Zuhörer. Der Autor oder Erzähler bleibt neutral. Ein wichtiger Aspekt der gebildeten Sprache ist das Understatement. außerdem ist der Dichter gehalten, sich kurz zu fassen. Manchem modernen Leser fällt es deshalb schwer, den hohen Ton zu verstehen, wenn beispielsweise der Donnergott Thor, um seine Größe darzustellen, so beschrieben wird: „Er war nicht klein.“
Aus all diesen Gründen bringt jede Prosa-Nacherzählung den Leser um eine phantastische Dimension dieser Literatur. Doch können Rhythmus und Metrum der Verse, ebenso wie Metaphorik, in keiner anderen Sprache als der altnordischen wiedergegeben werden, ohne dass dabei mehr als eine blasse Kopie entstünde. Norwegische Abiturienten werden heute noch im Altnordischen unterrichtet. Diese Schulung gibt ihnen, auch wenn sie nur rudimentär ist, die Chance, hinter die modernen Übertragungen zurückzugehen und ihnen eine Ahnung davon zu vermitteln, was ihnen entgeht.

 

Auch mir erscheinen diese Gedichte verständlich und höchst unklar zugleich – einerseits gehen sie mir nahe, andererseits sind sie unfassbar fern. Etwas von ihrer Magie haftet auch an den Eigennamen. Viele davon wurzeln in der Vergangenheit der skandinavischen Sprachen, und obwohl ihre ursprüngliche Bedeutung vergessen ist, wecken sie vielfältige Assoziationen. Es ist kein Zufall, dass sich moderne Fantasy-Romane ihrer bedienen. Ein Blick in J.R.R. Tolkiens Geschichten oder in die obskuren virtuellen Winkel des Internet beweist ihre Faszination.
Dass die nordischen Göttergeschichten ihre Lebenskraft nicht eingebüßt haben, liegt nicht nur daran, dass man sich mit den Personen und ihren Handlungen identifizieren kann. Vielleicht besticht uns im Gegenteil gerade ihre Fremdartigkeit. Vielleicht haben wir es nötig, die Kultur der Gegenwart in den alten Mythen zu spiegeln, und nicht in unserer Gleichzeitigkeit zu versinken. Vielleicht haben wir es aber auch nur mit zwei oder drei genialen Autoren aus dem 8.Jahrhundert zu tun, die etwas geschaffen haben, was der Erosion der Zeit widersteht. Jedenfalls steht fest, dass ihre Geschichten in immer neuen Verwandlungsformen weitererzählt werden bis auf den heutigen Tag.
Bevor ich mich mit der Edda-Dichtung näher beschäftige, habe ich mir unsere Vorfahren (ebenso wie andere vorindustrielle Völker) ganz anders vorgestellt: als Anhänger grausamer Kulte, Stammesgesellschaften, die sich zu finsteren und lebensgefährlichen Ritualen versammeln – ein Klischee, das sicher vielen Kindern heute nicht fremd ist. Wer die Edda kennt, wird sich von solchen Vorstellungen für immer verabschieden. Wenn man sich vor Augen hält, wie ihre Geschichten von einem Erzähler am Feuer vorgetragen werden, wird man eine Gesellschaft zu schätzen wissen, die ihre geistigen Energien in perfekte Verszeilen mit leuchtendem Inhalt umzusetzen wusste. Welch tiefer Ernst und welche Melancholie finden wir in Odins Wunsch, die Welt, die er mit erschaffen hat, zu verstehen, und wie leicht und spielerisch werden die Beziehungen zwischen Göttern und Menschen dargestellt!
Während das geschriebene Wort meist den Analphabeten ausgeschlossen hat, ging die frei im Raum fließende Erzählung alle an, auch unwissende Männer, Frauen und Sklaven. In dieser Situation deutete sich auch ein anderes Verständnis der Geschlechterrollen an. Wenn Thor seine Freundin preist, hebt er für uns ungewohnte Qualitäten hervor: „Ihr Bauch“, sagt er, „ist warm wie eine Schäre in der Sonne, und ihre Schenkel sind stark wie zwei Türpfosten. Sie ist stolz und lüstern….“ Mit Bewunderung, ja sogar mit einem Anflug von Angst reagieren die Asen auf Freias wütenden Tadel, als sie ihre Rüpeleien wieder einmal zu weit getrieben haben, und nicht ohne Schadenfreude wird erzählt, wie zwei Sklavinnen namens Menja und Fenja ihren habgierigen Herrn zu Fall bringen.
Mich belustigt auch die grundsätzliche Respektlosigkeit, mit der die Dichter der Edda jeder Autorität begegnen. Der Götterkönig ist keineswegs unsterblich, er hat nur ein einziges Auge und ist eigentlich ein Behinderter. Der Donnergott macht als bärtige Braut eine lächerliche Figur. Iduna, die Göttin der ewigen Jugend, ist so vergesslich, dass sie immer wieder ihre Leben spendenden Äpfel verliert. Hierarchie und Geschlechtertrennung werden in einem Atemzug festgehalten und sabotiert. Der Weltuntergang wird ganz unsentimental erzählt, denn er ist nicht endgültig. Dass von jeder Spezies eine Minderzahl überlebt, um aus Schlamm und Asche hervorzukriechen und eine neue Runde der Evolution einzuleiten – diese Idee sollte dem ökologischen Denken der Gegenwart bekannt vorkommen.

 

snorri Sturluson

Faszinierend und widersprüchlich ist auch die Rezeptionsgeschichte der nordischen Mythologie. Es hat immer Interpreten gegeben, die nicht glauben konnten, dass die rückständigen Hypoboräer von sich aus auf solche Erzählungen kamen. sie entwickelten eine Art Ansteckungstheorie, der zufolge sich dabei als einen späten Spross der griechischen Antike handeln müsse. Die Asen wären damit bloße Dubletten, Asgard nur eine nördliche Variante des Pantheons. Freia paarten diese Theoretiker mit Aphrodite, Baldur mit Apoll, Hel mit dem Hades, Frigga mit Hera, Ägir mit Poseidon und Odin mit Zeus. Was sie dabei außer acht ließen, ist der eigensinnige und höchst selbstständige Charakter dieser Götter, der durch solche Parallelen nicht zu erklären ist. Doch sind der Phantasie der Mythenforscher kaum Grenzen gesetzt. So wurde oft auch behauptet, dass Loki die Züge der gefallenen Engel aus der Bibel trage, und dass auf die Gestalt Baldurs, jedenfalls in den Versionen aus dem Mittelalter, das Vorbild Jesu abgefärbt habe. Das ist nicht ganz unwahrscheinlich, da die Christianisierung die schriftliche Überlieferung stark beeinflusst hat.
Fest steht jedenfalls, dass die klassische Literatur der germanischen Völker hauptsächlich auf einer kleinen Insel im Atlantik, 1500 bis 2000 Kilometer entfernt von anderen besiedelten Ländern, entstanden ist, zu einer Zeit, wo höchstens sechzig bis achtzigtausend Menschen auf Island lebten. Dieses Goldene Zeitalter hat uns ein paar tausend Handschriften und Fragmente hinterlassen; wir wissen aber, dass dies nur ein Bruchteil des ursprünglichen Bestandes ist. Das Schiff mit den beiden Büchern der Edda erreichte den Hafen, aber viele ähnliche Lasten sind im Meer versunken. Ein isländischer Pfarrer namens Sigurd Johansson verbrannte im Eifer der Reformation um 1620 ganze Berge alter Pergament-Handschriften aus einer Klosterbibliothek Árni Magnússon, der königliche Antiquar musste erleben, dass der größte Teil seiner einzigartigen Sammlung im Jahr 1728 bei einer großen Feuerbrunst in Kopenhagen zugrunde ging. Die Namen der verlorenen Schriften geistern immer noch im Pensum der Skandnavistik-Studenten herum.
Bis ins 14.Jahrhundert haben hunderte von Dichtern und Übersetzern noch klassisches Isländisch geschrieben, und ihre Werke sind immer wieder von Hand kopiert worden. Wie im übrigen Europa arbeiteten die Schreiber in Kirchen und Klöstern. Im Gegensatz zu andern Ländern beugten sich aber auf Island auch viele gewöhnliche Bauern, Landarbeiter, Dienstleute und Fischer in ihren winzigen Torfkaten über die Werke ihrer klassischen Literatur. Noch im 19. Jahrhundert saßen solche Leute in ihrer Freizeit zwischen Mahd und Schafschur über Handschriften und fertigten Kopien zum eigenen Gebrauch an. Der Nobelpreisträger Halldór Laxness erwähnt einen Alten der über fünftausend Sagas abgeschrieben haben soll. Er fragt auch nach den zahllosen Kalbfellen, die für die Einbände verbraucht worden sind, und beschreibt, wie die Leute über die Moore zogen, um Wildgänse zu fangen und zu rupfen, um genügend Schreibfedern zu gewinnen.
Auf dem Kontinent hat die Rezeption der nordischen Mythen verhältnismäßig spät begonnen. Untergründig mögen sie in mündlichen Überlieferungen in den Volksbüchern weitergelebt haben, und man ist versucht, in Faust und Mephistopheles Wiedergänge von Odin und Loki zu sehen – eine zugegebenermaßen kühne Hypothese. Aber erst in der Romantik setzte ein sozusagen offizielles Interesse an den germanischen Altertümern und damit auch die systematische Forschung ein. Unglücklicherweise ging sie bald, besonders in Deutschland, mit dem aufsteigenden Nationalismus Hand in Hand. So kam es zu einem schwer auflösbaren Amalgam zwischen Mythologie und Politik. Entscheidend für diesen Prozess war im späteren Verlauf das Werk Richard Wagners. Seine geniale Adaption nahm keine Rücksicht auf den ursprünglichen Gehalt der Mythen – sie kommen einer totalen Umdeutung gleich. Später bemächtigte sich der Chauvinismus der nordischen Götterwelt. Die fixe Idee von einer angeblichen nordischen Rasse zeitigte die bekannten Folgen. Von der ideologischen Instrumentalisierung durch die Nationalsozialisten hat sich Welt der alten Germanen bis heute nicht erholt. Noch immer beanspruchen Rechtsradikale und Neofaschisten die Deutungshoheit über diese versunkene Kultur und schmücken sich mit Runen und Namen aus ihrem Bestand.
Auch in Skandinavien ist diese ureigene Tradition nicht unangefochten geblieben. Nach verhältnismäßig harmloser Inanspruchnahme durch die Nationalromantik des späten 19.Jahrhunderts, besonders in Norwegen war es dann die Partei Vidkun Quislinge, die sie in den dreißiger und vierziger Jahren missbraucht hat. Sein Name ist als Synonym für die Kollaboratorien mit dem Feind in alle Weltsprachen eingegangen. Der Propaganda-Apparat der norwegischen Nazipartei erfand ein reinrassiges „Normannenvolk, das ähnlich wie das deutsche Herrenvolk, auf eine einzigartige, ruhmreiche Geschichte zurückblicken konnte und allen andern Menschen überlegen war. Aus Odin wurde in der Sicht der Quislinge ein geistloser Macho-Krieger, und die Liebesgöttin Freia wurde zur Gebärmaschine degradiert. Nach der Befreiung Norwegens von der deutschen Besatzung folgte 1945 eine heftige Abrechnung mit den Kollaborateuren. Es heißt, dass die Norweger im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Landesverräter hingerichtet haben als alle anderen Europäer. Schwieriger war es, die Symbolsprache der Nazis loszuwerden. Es ist heute noch undenkbar, Buchstaben zu benützen, die an die Runenschrift erinnern. Das Sonnenkreuz, ein immerhin dreitausend Jahre altes, ehrwürdiges Symbol, ist nach wie vor geächtet. Altnordische Worte, wie der fröhliche Gruß „heil og sael“, das soviel wie den Wunsch nach Gesundheit und Freude bedeutet, sind verpönt. Schon das Wort „germanisch“ erweckt ein leises Grauen.
Auch in Norwegen ist uns die rechtsradikale Welle der Gewalt nicht erspart geblieben. Grölende Neonazis und Satanisten haben sich unserer alten Überlieferungen bemächtigt, als wären sie ihr Eigentum.
Dennoch hat sich ein größerer Teil des norwegischen Kulturerbes vor der Zerstörung retten können. Lokale Märchen, Trachten, Volkstanz und Volksmusik blühen weiter, in puristischen Formen, oder gepaart mit Ethno-Moden und World Music. Viele Norweger finden, dass es an der Zeit ist, sich die eigene Geschichte und die eigene Mythologie zurückzuerobern. Tor Age Bringsvaerd hat es auf den Punkt gebracht, indem er sagte: „Wir haben die Diebe bestraft. Aber das Diebesgut haben wir ihnen überlassen.“
Das alles gilt nicht nur für Norwegen. Für die Deutschen stellt sich die Frage, ob sie gewillt sind, einen unentbehrlichen Teil ihrer eigenen Geschichte kampflos der Barbarei zu überlassen, noch weit schärfer. Nach einer langen, unglücklichen Rezeptionsgeschichte voller Missverständnisse, Fehldeutungen und ideologische Verbrechen, fällt es vielen schwer, zu erkennen, wie klug, wie heiter, wie souverän es auf dem nordischen Olymp zugegangen ist. Vielleicht trägt das Werk von Tor Age Bringsvaerd dazu bei, dass sich auch die Deutschen wieder aneignen, was ihnen gehört.

 

Im Norden leben die Riesen nicht nur in der Literatur weiter. In meiner Nachbarschaft gibt es zum Beispiel drei lokale Trolle, deren Namen jeder kennt. Auch andere Nachkommen der Jotnen, die zum Volk der Huldren gehören, nehmen jeden Sommer im Leben auf der Senne teil. So ist es auch auf Island. Dort sind die Straßenbehörden verpflichtet, an Ort und Stelle eigene Ratgeber zu befragen, um zu verhindern, dass es zu Konflikten mit Unterirdischen kommt. Weniger gut ist es den Zwergen und den Elfen ergangen. Wie anderswo sind sie auch bei uns von zahmen, ausdruckslosen Disney-Elfen verdrängt worden. Die Zwerge, einst für ihre enorme praktische und theoretische Intelligenz berühmt, geizig und gierig, sind zu harmlosen singenden Gesellen im Kinderfernsehen geworden. Der Freitag freilich ist Freias Tag geblieben, der Donnerstag gehört nach wie vor Thor, der Dienstag, „Tuesday“ oder „tirsdag“ dem Tyr und der „Wednesday“ dem Wotan.
Auch die Geschichte der Edda-Dichtung ist noch nicht an ihr Ende angekommen. Die Isländer haben 1941 ihre Unabhängigkeit von Dänemark erreicht. Dieser Gesellschaft von Schreibern und Lesern muss der Gedanke, dass sich ihr literarisches Erbe seit den Zeiten Frederiks III in den Klauen der Kolonialmacht befand, immer unerträglich gewesen sein. Lange nach dem zweiten Weltkrieg beschloss das dänische Parlament endlich ein Gesetz über die Rückgabe der Originalbandschriften und 1971 kehrten die ersten Manuskripte mit großem Pomp nach Island zurück. Noch heute sind die Isländer in der Lage die Gesänge der Edda vom Blatt zu lesen.
Immer noch tauchen gelegentlich aus sonderbaren Verstecken interessante Fragmente auf. Eine dieser Handschriften wurde unlängst im Futter einer Mitra in einem Museum aufgefunden. Manchmal findet ein Kleinbauer im Küstengebiet ein Pergamentstück in einem riesigen Sattel aus dem Mittelalter. Neue Techniken helfen dabei, verblasste Manuskripte oder Palimpseste in ultraviolettem Licht oder im Röntgenbild lesbar zu machen. Viele Originale kann man heute auch im Internet studieren.
So schön es ist, dass immer wieder neue Stücke dieses riesigen Puzzles auftauchen, soviel Freude macht es auch, die alten Geschichten immer wieder neu zu fassen. Ich bin, wenn ich Bringsvaerds Version meinen Kindern erzähle, nur ein weiteres Glied dieser langen Kette. Und sie wiederum sind schon längst dabei, ihre eigenen, oft sehr unterhaltsamen Verständnisse und Missverständnisse zu produzieren.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an den Norden

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 12


Ragnarök

Von Tor Åge Bringsværd

ragnarör

Irgendwo in der Einöde, am Rand eines kleinen Teichs, liegt zwischen Heide und Buschwerk etwas, das einem moosbewachsenen Stein gleicht. Aber auf einmal öffnet der Stein die Augen und starrt hinaus in den grauenden Tag. Ein abgehackter Kopf ist es, der dort liegt, ein Riesenschädel. dem der Leib fehlt. Und doch ist Leben in ihm, denn die Zunge leckt die kalten Lippen und die Nase hebt sich wie die Nüstern eines witternden Tieres gegen den Wind. Zwei große Ohren lauschen auf ein Geräusch, das immer näher kommt. Wer ist e, der da über die Heide reitet?
Es ist ein Pferd mit acht Beinen, und der Reiter, der da absteigt, ist alt und grau. Odin ist es, der sich zu dem abgehauenen Kopf niederbeugt und ihn in die Arme nimmt. „Sei mir gegrüßt“, neigt sich der Kopf und Odin antwortet: „Endlich sehe ich dich wieder, Mime, mein alter Freund aus der Zeit der Jugend.“
Sie lassen sich am Ufer ins Heidekraut nieder. Der Teich ist Mimes Brunnen, die Quelle der Weisheit. Einst hat Odin sich selber ein Auge ausgerissen, um davon trinken zu dürfen. Aber das ist eine andere Geschichte. Nicht von jeher ist Mime ein Kopf ohne Leib gewesen. Feinde haben ihm das angetan. Damals hat Odin den Tod von seinem Riesenhaupt abgewaschen, hat ihm die Stirn mit heilenden Kräutern gesalbt und seinem Freund Gedanken und Sprache wiedergegeben. Auch das ist eine andere Geschichte. Es ist genug zu wissen, dass Odin jedes Mal, wenn ihn Zweifel bedrücken, hierherkommt, auf die windgepeitschte Heide von Utgard, um Rat bei Mime zu suchen. Die beiden kennen sich seit so langer Zeit, und es gibt keinen, dem Odin lieber zuhört. Die Zukunft freilich kann keiner von beiden vorhersagen.
Dennoch, eines weiß Odin. Das Ende der Welt, so wie er sie kennt, ist nahe. Nichts kann ewig dauern. Bald werden Götter und Riesen ein letztes Mal ihre Kräfte messen. Wer wird den Sieg davontragen? Wer wird unterliegen? Den Zeichen des Vogelzuges, die er am Himmel liest, traut Odin nicht mehr, und was die warmen Eingeweide geschlachteter Tiere verraten, gibt ihm keine Gewissheit. Die einzigen aber, die die Antwort wissen, die drei Nornen an Urds Brunnen -sie wenden sich ab und schweigen.
Auch unter den Menschen gibt es einige, die weiter als andere in die Zukunft sehen können. Deshalb wendet Odin sich nun nach Mitgard, und Mimes Haupt nimmt er mit auf den Weg, denn zwei hören mehr als einer.

 

Die Frau, die sie auf einer kleinen Lichtung treffen, ist weder jung noch alt. Sie steht auf und grüßt, indem sie einen kleinen Stab hoch in die Luft hebt. Der Griff ihres Stabes schimmert in glänzendem Messing. „Ich habe euch erwartet“, sagt sie. Der weite Mantel, den sie umhat, ist mit farbigen Edelsteinen geschmückt. Sie trägt eine Kette aus Perlen um den Hals und eine schwarze Mütze aus Lammfell auf dem Kopf. An ihrem Gürtel hängt ein großer lederner Beutel. Ihre Handschuhe sind aus Katzenpelz gemacht, und an den Füßen trägt sie Schuhe aus zotteligem Kalbfell. Sie ist eine Volve. Solche seltenen Frauen heißen nach dem Vol, dem Stab, den sie tragen und auf dem sie reiten können, um ihre Seele in andere, unsichtbare Welten zu tragen. Odin wendet sich ihr zu und fragt: „Weißt du denn, wen du vor dir hast?“ – „Du bist mein Gott“, antwortet die Volve und fällt vor ihm auf die Knie.
Es ist nicht das erste Mal, dass Odin sich an eine Wahrsagerin wendet. Einmal hat er sogar eine von ihnen aus dem Grab geholt. Aber in dieser Nacht möchte er lieber mit einer sprechen, die am Leben ist und die ihm wohlwill.
„Kannst du für mich in die Zukunft sehen?“ fragt Odin. „Manche Tage“, erwidert die Volve, „sind klar und deutlich, aber andere verbergen sich hinter dunklen Türen.“ – „Was liegt hinter diesem Herbst und dem nächsten Winter?“ – „Wie weit soll ich schauen, Herr?“ – „So weit du nur kannst“, sagt Odin. „Auch wenn es eine ganz andere Zukunft ist, als du dir wünschst?“ – „Auch dann. Du sollst mir alles sagen!“ ruft der Götterkönig. „Alles, bis zum Ende der Welt.“
Sogleich beginnt die Volve mit ihrem Werk. Aus dem Beutel an ihrem Gürtel holt sie eine Salbe aus Bilsenkraut und Stechapfel hervor, mit der sie, erst summend, dann mit lauter, hoher Stimme singend, ihren Stab einsalbt. Mit einem Satz nimmt sie den Stab zwischen die Beine und springt auf ihm umher. Der Stab ist ihr Pferd. Sie schließt die Augen, wirft den Kopf hin und her, ruft und singt. Am Ende sinkt sie zu einem unförmigen Haufen in sich zusammen. Der weite Mantel deckt sie ganz zu. Still liegt sie da, ohne einen Laut von sich zu geben.
Nichts regt sich. Odin wartet geduldig. Er lehnt mit dem Rücken an einem Kiefernstamm. Mimes Haupt liegt neben ihm im Gras. „Musst du denn immer wissen, was dir bevorsteht?“ sagt Mime. „Das gibt mir Zeit zum Nachdenken“, brummt Odin. Der Kopf des Riesen seufzt. „Warum gibst du dich nicht mit dem Tag zufrieden?“ In Odins Augen blitzt es, doch bevor er antworten kann, regt sich der dunkle Haufen wieder.
Die Volve erhebt sich. Sie öffnet ihre Augen. „Hört mich an“, sagt sie, „und seht! Das erste Zeichen sind drei Hähne, die wie aus einem Munde krähen, und alle Welt wird sie hören. Der eine ist rot. Er kräht in Jotunheim und in Utgard. Er weckt alle toten Riesen und Zwerge. Der zweite Hahn ist schwarz wie Ruß. Er weckt in Hels Reich alle Toten auf und ruft Garm, ihren gewaltigen Hund, herbei. Der dritte Hahn hat einen goldenen Kamm. Er kräht in Asgard und weckt alle Gefallenen in Walhall. Überall folgen die Toten diesem Ruf. Sie wissen, dass sie bald den Lebenden wieder begegnen werden. Nun ist sie angebrochen, die Zeit, da alles, was wir kennen untergehen muss.“
Odin räuspert sich. „Hat sie einen Namen, die Zeit, von der du sprichst?“ – „Alles hat einen Namen“, antwortet die Volve, „sogar die Finsternis. Ragnarök wird sie genannt, die Zeit, da die Asen den Verstand verlieren und vergessen zu atmen. Ragnaök heißt sie, die Zeit, da Mächte vergehen wie Eis an der Sonne.“
„Erzähle weiter“, bittet Odin sie. „Ich sehe Axt und Schwert“, sagt sie. „Ich sehe Unfrieden überall und blutiges Ringen. Ich sehe drei Jahre, in denen der Bruder dem Bruder in den Rücken fällt und der Sohn den eigenen Vater nicht verschont.“ – „Daran ist nichts Neues!“ ruft Odin. „So ist es seit Menschengedenken zugegangen. Aber sprich! Was kommt noch alles auf uns zu?“ – „Drei Jahre, die wie ein einziger Winter sind“, antwortet die Volve. „Der Schnee weht über die Welt, und die Sonne wärmt die Welt nicht länger. Fimbul heißt dieser längste und furchtbarste aller Winter. Viele werden einschneien, in finsteren Eisspalten ertrinken, unter gewaltigen Lawinen begraben werden. Andere werden in ihren Betten erfrieren und sich blau vor Frost auf den Weg ins Totenreich machen. Eine Riesin sehe ich, weit im Osten, im Eisenwald. Sie gebärt Trolle in Wolfsgestalt.“ – „Das tut sie seit eh und je“, knurrt Odin. „Ich kenne sie und ihr räudiges Pack!“
Da schreit die Volve auf. „Ich sehe zwei ihrer zotteligen Kinder, Skoll und Hate, die beiden Wölfe am Himmel, die seit Erschaffung der Welt hinter der Sonne und dem Mond herjagen. Jetzt ist es soweit! Jetzt packen sie zu! Skoll verschlingt die Sonne und Hate den Mond, und die Wolken sind rot von Blut!“
Die Volve fröstelt. Sie hebt ihren Stab und zeigt hinauf. „Seht nur!“ flüstert sie. „Nicht einmal die Sterne leuchten mehr. Jetzt fängt die Erde an zu beben.“ Sie erhebt ihre Stimme und schreit. „Die Berge stürzen ein. Die größten Bäume werden aus dem Boden gerissen und schießen wie Speere durch die Luft. Die Weltensche Yggdrasil kracht und schwankt. Der Winter löst seinen kalten Griff, und alles, was fest war, wird in Stücke gerissen.“ – „Alles?“ Odin runzelt die Stirn. „Alles“, wiederholt die Volve. „Ich weiß, was du fürchtest. Doch sieh selber! Dann wirst du mir glauben.“ Und Odin blickt auf und sieht alles, was sie verkündet hat.
Er sieht den Fenriswolf, wie er an seinen Ketten zerrt. Er sieht Loki, wie er um sich tritt und zappelt. Er sieht, wie sich ihre Fesseln lösen, wie Sigyn vor Freude lacht, wie sie Loki umarmen will. All die Jahre, die er gebunden dalag, ist sie nicht von seiner Seite gewichen. Doch nun fegt Loki sie ohne ein Wort zur Seite und geht seiner Wege. Er hat keine Zeit für Dankbarkeit. Er denkt nur noch an seine Rache.
Odin sieht auch, wie der Fenriswolf mit aufgerissenem Rachen und glühenden Augen über die Berge stürmt. Seine Fangzähne streifen die Wolken, seine Lefze den Boden.
„Willst du noch mehr sehen?“ fragt die Volve. „Hast du genug gehört?“ – „Ich will alles wissen“, antwortet Odin. Sie zeigt ihm das Meer, wie es kocht und strudelt und baumhohe Wogen wirft. Es ist die Mitgardschlange, die es mit ihrem rasenden Schwanz aufpeitscht. Jetzt wälzt sie sich an Land und zerschmettert dabei die Schiffe im Hafen. Wolken von Gift steigen aus ihrem Schlund. Sie brüllt aus vollem Halse. Nach ihrem Bruder, dem Wolf, ruft sie. Mit vereinten Kräften wollen sie die Erde verwüsten.
Jetzt lichtet auch Naglfari die Anker, das unheimliche Schiff, das aus den Nägeln der Toten gebaut ist. Mit schwarzen, zerlumpten Segeln kommt es aus dem Nebel und dem Regen des Ostens. „Kannst du sehen, wer am Ruder steht?“ sagt die Volve. „Schau genau hin!“ – „Es ist Loki!“, ruft Odin. Die Volve nickt. „Und eine Mannschaft von verrotteten Leichen bringt er mit.“ Odin ballt die Fäuste. Er atmet schwer. „Tausend Jahre lang ist er wie ein Bruder für mich gewesen“, sagt er.

 

In großen Scharen ziehen die Feinde aus Nord und Ost herbei, Lebende und Tote, Riesen und Trolle, in voller Rüstung und starrend vor Waffen. Große Kriegstrommeln schlagen den Takt dazu. „Schau dich um!“ ruft die Volve plötzlich, und als Odin sich umwendet, sieht er, wie der ganze Himmel im Süden aufreißt und das Land dahinter zum Vorschein kommt. das unbekannte, unheimliche Muspilheim, das es schon lange gegeben hat, ehe Odin mit seinen Brüdern die Welt erschuf. Aus diesem feurigen Reich strömt ein mächtiges Heer von schimmernden Reitern herbei, angeführt von Surt, dem uralten Häuptling, der ein Flammenschwert schwingt. Alles, was er berührt, fängt Feuer und verglüht.
„Kann nichts sie aufhalten?“ fragt Odin sich. „Sieh nur, wie ganz Mitgard brennt!“ Die Feuerreiter eilen auf Bifrost, der Regenbogenbrücke, zu. Haben sie es auf Asgard abgesehen? Wollen sie die Festung der Götter stürmen? „Nie wird der Regenbogen sie tragen!“ ruft Odin. Doch das Heer aus Muspilheim setzt wie ein großer Fackelzug über die Brücke. „Sie ist den Asen und ihren Freunden vorbehalten“, murmelt Odin. „Dafür habe ich gesorgt, das ist mein Gesetz!“ Aber an seinen Worten nagt der Zweifel.
Die Brücke erzittert und schwankt, ihre Farben mischen sich zu einem trüben Grau. Dann stürzt sie ein, und im Funkenregen stürzen Tausende von Reitern in die Tiefe. Viele kommen um, doch andere überleben den Sturz. Unter ihnen ist Surt, der sein Flammenschwert schwingt und den Rest seines Heeres anführt, bis sie die große Wiese erreicht haben. Diese Weide ist hundert Meilen lang und hundert Meilen breit. Dort sammelt sich der feurige Haufen. Riesen und Gespenster stoßen zu ihm. Auch der Fenriswolf und die Mitgardschlange haben sich, von Loki, ihrem Vater, angeleitet, am Kampfplatz eingefunden.
„Willst du noch mehr sehen?“ fragt die Volve. „Hast du genug gehört?“ Doch Odin schüttelt den Kopf. „Es ist zu spät, um sich abzuwenden“, sagt er grimmig. „Ich will sehen, wie unsere Streitmacht sich sammelt.“
Heimdall stößt ins Horn, und die Asen halten Kriegsrat. Wie alt und hilflos sie aussehen. Wie unheilvoll es knarrt in der Weltesche Yggdrasil! Ist es nicht schon zu spät? Ist es nicht sinnlos, gegen einen so übermächtigen Feind anzugehen? Odin bespricht sich mit Mimes Haupt.
„Kannst du auch dich selber sehen?“ flüstert die Volve. „Ratlos, wie du bist? Voller Furcht vor der Niederlage? Verfolgt von der Ahnung, dass dein Reich dem Untergang nahe ist?“ – „Das soll ich sein?“ sagt Odin missmutig. „So schwach, so mutlos?“ Da sieht er Frigga kommen. Sie bringt Odin seinen goldenen Helm, setzt ihn, ohne ein Wort zu sagen, ihm auf den Kopf und küsst ihn auf beide Wangen. Nun schleppen auch die anderen Asen ihre Waffen und Rüstungen herbei. Die Untoten aus Walhall, alle die gefallenen Helden, die Odin unter den Menschen gesucht und gefunden hat, machen sich bereit, ihnen zu folgen. Auch aus Folkwang kommen die Streiter, die bei Freia gehaust haben, stoßen zum Heer der Asen. Sie hat sie mit scharfen Krallen und Luchskappen versehen. Nun fauchen sie und miauen wie wilde Katzen.
Thor hat seine eisernen Handschuhe angezogen und seinen starken Gürtel angelegt. Er lässt den Hammer Mjölner über seinem Haupt kreisen. Seine Böcke stoßen ungeduldig voran. Der Götterkönig hat Sleipnir, sein achthufiges Ross, gesattelt. Er hält seinen Speer in der Hand. Hugin und Munin, die beiden Raben, sitzen ihm auf den Schultern, und die beiden zahmen Wölfe, spuren neben ihm her. So ziehen die Asen hinaus auf die Walstatt. Zum Abschied winken sie den Frauen, die in Asgard zurückbleiben und die sie vielleicht nie wiedersehen werden.
Auf dem weiten Kampfplatz stoßen die beiden gewaltigen Heere zusammen. Schon beim ersten Treffen verliert Odin seine Raben und seine Wölfe. Thors Böcke werden von Pfeilen durchbohrt. Sein Wagen stürzt um, und er wird zu Boden geschleudert.
Doch Odin sammelt das Heer von neuem um sich, und noch einmal wirft er sich dem Feind entgegen. Odin reitet geradewegs auf den Fenriswolf zu, und Thor versucht ihm zu folgen. Doch der Donnergott ist nun zu Fuß und bleibt hinter dem Reiter zurück. Die Mitgardschlange, seine alte Feindin, wirft sich ihm in den Weg. Sie zischt und heult. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt.

 

„Willst du noch mehr sehen?“ fragt die Volve. „Hast du genug gehört?“ – „Ich muss wissen, wie es weitergeht“, sagt Odin. „Mein Kampf mit dem Fenriswolf – werde ich ihn besiegen?“ Die Volve schüttelt den Kopf. „Er verschlingt dich“, sagt sie. „So ist es geweissagt, und so muss es geschehen.“ Odin schluckt und fragt weiter: „Wird es ein guter Kampf gewesen sein?“ Die Volve hat Tränen in den Augen.
„Ja“, sagt sie, „ein guter Kampf.“ – „Aber Thor wird mich rächen!“ sagt Odin, und wieder schüttelt die Volve den Kopf. „Thor hat genug damit zu tun, sich seiner Haut zu wehren gegen die Mitgardschlange.“ – „Und Tyr?“ – „Ihn bedrängt Hels Untier, der Hund, der das Totenreich bewacht. Keiner von beiden wird den Kampf überleben.“ – „Was ist mit Frei?“ – „Er hat es mit Surt aufgenommen, dem alten Feuerriesen aus dem Süden. Beide sind gewaltige Schwertkämpfer, doch Surt hat die schärfere Waffe. Du weißt doch, einst hatte Frei ein Schwert, das von selber zuschlug. Nun reut es ihn, dass er es vor langer Zeit gegen die Liebe einer Trolltochter tauschte. Trotzdem, er fichtt auf seinem goldenen Eber wie ein wahrer Meister gegen Surt, der auf einem brennenden Pferd reitet. Kannst du sie sehen?“
Odin nickt. „Dann wirst du auch erkennen, dass Surt die Oberhand behält. Sein Flammenschwert spaltet Frei von Kopf bis Fuß entzwei.“ – „Und wie wird es Heimdall ergehen?“ – „Er kämpft gegen Loki.“ – „Die beiden haben sich nie miteinander vertragen.“ – „Jetzt finden sie alle beide den Tod.“ Odin spürt, wie ihm die Stimme versagt. Es sticht in seiner Brust. „Soll ich denn ungerächt auf dem Schlachtfeld liegengeblieben?“ flüstert er. „Ruft mein Blut vergebens nach all meinen Söhnen?“ – „Du hast den letzten deiner Söhne vergessen“, sagt die Volve. „Vidar, den ihr den Wortkargen nennt. Aber nach Thor ist er der Stärkste von allen. Sieh nur, was er tut!“
Odin starrt in die Ferne. Noch einmal sieht er sich selber in den Fängen des gnadenlosen Fenriswolfes, der ihn verschlingt. Doch nun erkennt er auch Vidar, der das Ungeheuer verfolgt. Sein Sohn setzt einen Fuß in den Rachen des Wolfs und tritt ihn mit letzter Kraft zu Boden, während er mit beiden Händen nach seinem Oberkiefer greift und ihn hochreißt. Röchelnd verendet das Untier und Odin ruft: „Dann werde ich wenigstens in Frieden ruhen!“ Die Volve sieht ihn an und sanft sagt sie: „Das hast du wohl verdient.“
Die Schlacht ist zu Ende. Die Asen sind besiegt. Nur an einer Stelle rast der Kampf weiter. Die Mitgardschlange hat sich um Thor geringelt und versucht ihn zu zerdrücken, doch Thor hält seinen Hammer fest. Keiner der beiden will aufgeben. Riesen und Gespenster haben sich um die Kämpfer geschart, um zu sehen, wie der Streit ausgeht. Endlich gelingt es Thor, den Arm mit dem Hammer aus der Umarmung des Wurms zu befreien und zuzuschlagen. Die Schlange stirbt. Aber nachdem er neun Schritte getan hat, sinkt auch Thor zu Boden. Die Mitgardschlange hat ihn vergiftet.
„Willst du noch mehr sehen?“ fragt die Volve. „Hast du genug gehört?“ Odin sieht sie an. „Das ist das Ende. Gibt es denn noch mehr zu sehen?“ Die Volve nickt. „Spürst du nicht das es nach Brand riecht?“ sagt sie. Jetzt merkt es auch Odin und er sieht. wie Surt und seine Muspilsöhne wie ein Sturmwind durch die Welt jagen. In jedes Haus und in jeden Winkel schleudern sie Feuerbrände. Überall zischt und rauscht es: Als Odin sieht, wie sogar Yggdrasil in Flammen steht, kommen ihm die Tränen. Nun weiß er, dass alles zugrunde gehen wird.
Er hebt den Kopf und blickt der Hellseherin in die Augen. „Ich mochte die Welt“, sagt er ruhig. „Vieles an ihr hätte anders und besser sein können. Trotzdem im Großen und Ganzen gefiel sie mir. Und jetzt ist sie zunichte geworden. Kein Stein ist auf dem andern geblieben.“ – „Ja, deine Welt ist eine einzige Brandstatt“, sagt die Volve. Stumm stehen die beiden da und sehen zu, wie die versengten Trümmer im Meer versinken.
Also war alles, was wir getan haben, vergebens“, sagt Odin müde. „Wir haben umsonst gelebt.“ – „Geduld“, sagt die Volve mit einem Lächeln. „Es gibt noch mehr zu sehen.“ – „Ich kann nicht mehr“, sagt Odin.

 

WELTESCHE

Doch nun fasst die Volve ihn mit beiden Händen an den Schläfen. „Horch!“ ruft sie. „Schau hinaus!“ Und er sieht, wie allmählich eine neue Welt aus den Fluten steigt, grün und schön und fruchtbar, wie ein Traum. Er sieht Äcker, die sich selber säen, und Fisch und Wild im Überfluss. „Keiner wird mehr hungern“, sagt die Volve. „Keiner muss mehr frieren. Denn siehe! Die Sonne hat eine Tochter geboren. Das Böse hat ein Ende genommen. Die Welt ist reingewaschen, und ein neues Leben kann beginnen.“ – „Ein neues Leben?“ fragt Odin verstört. Die Volve nickt. „Siehst du die große Wiese, den alten Versammlungsplatz der Asen, wie sie blüht?“ Von Asgard, der Götterburg, ist keine Spur mehr zu sehen. Doch Odin erkennt, wie die gefallenen Asen sich nach und nach auf der großen Wiese einfinden.
„Sie leben noch!“ ruft Odin verwundert. „Es sind die wenigsten“, antwortet die Volve. „Es sind die, die Glück gehabt haben.“ Odin erkennt Vidar und Wole und Thors Söhne Mude und Magbe. Sie haben Mjölner mitgebracht, den Hammer ihres Vaters. Auch der alte Huhne kommt angehinkt, und aus dem Totenreich Hels kehren Baldur und Hod zurück. Baldur führt seinen blinden Bruder an der Hand. Sie lachen, und im frischen Gras finden sie das uralte goldene Schachspiel der Asen wieder.
„Sieh nur!“ ruft die Volve voller Freude. „Auch in Mitgard gibt es einige, die sich wieder hervorwagen!“
Odin sieht ein einziges Menschenpaar, das den Untergang überlebt hat. Sie haben in einer Lichtung Schutz gefunden, an der der Feuersturm vorbeigezogen ist, und nach der großen Flut hat das Meer sie zurückgegeben. Lange war der Morgentau ihre einzige Nahrung. „Sie werden Kinder und Enkelkinder bekommen“, sagt Odin froh. Die Volve nickt. „Ein neues Menschengeschlecht wird die Welt bevölkern“, sagt sie.
Odin reibt sich die Augen. Er ist müde. „Gibt es noch etwas, was ich wissen sollte?“ fragt er. „Nein, Herr“, antwortet die Hellseherin. „Jetzt sind meine Augen leer. Weiter in die Zukunft kann ich nicht sehen“ – „Du sahst weit genug.“ Die Volve verbeugt sich tief vor Odin. „So hat der Traum es mir gezeigt. So muss es geschehen.“ Odin steigt zu Pferde und reitet davon. Er trägt Mimes Haupt im Arm. Lange ziehen sie schweigend durch die sternenklare Nacht hin. Endlich fragt Mime: „Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?“ – „Ich weiß es nicht“, antwortet Odin. „Du weißt es nicht?“ – „Vielleicht ist es so“, sagt der Götterkönig, „dass ich nur das fand, wovor ich mich fürchtete? Am Ende hätte ich eher nach dem suchen sollen, was ich mir erhoffe?“ – „Mein Freund“, sagt Mime, „alles auf der Welt kann auf tausend verschiedene Weise enden.“ – „Nicht alles, was ich sah, war finster“, erwiderte Odin nachdenklich. „Es gab auch graue Nebelstreifen, und Licht, das durch die Wolken brach.“ – „Dann hätte es schlimmer kommen können.“ „Eines weiß ich ganz gewiss. Nichts von alledem ist bereits geschehen. Noch ist Ragnaök nichts weiter als ein böser Traum. Du hast recht. Der Möglichkeiten gibt es viele. Noch haben wir es in der Hand, sie zu finden…. Zu ändern, was zu ändern ist.“
Mime lächelt in der Dunkelheit. „Mein einäugiger Freund“, sagt er sanft. „Nie wirst du aufgeben!“ – „Nie!“ ruft Odin und drückt das struppige Riesenhaupt an seine Brust. „Nie!“
So reiten sie wortlos weiter, bis der Morgen graut.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de/viewpage.php?page_id=239

Gruß an die Legenden der Asen

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 11


Loki

Von Tor Åge Bringsværd

idun

Das Meer kocht und brodelt. Ein schreckliches Haupt, groß wie ein Berg, erhebt sich langsam aus den Wellen. Das schuppige Ungeheuer streckt seinen Hals und sperrt schnaubend das Maul auf. Ein saurer Hauch dringt wie eine Windfahne aus seinem Rachen. Alles Lebendige ergreift die Flucht, die Fische im Wasser und die Vögel unter dem Himmel.
Es ist die Mitgardschlange, das Untier, das sich um die ganze Welt ringelt, und sich in den eigenen Schwanz beißt. Den riesenhaften Kopf wiegt sie spähend, lauschend, witternd hin und her. Langsam, aber zielsicher bewegt er sich auf einen fernen Schimmer zu. Es ist die Burg des Seekönigs, die dort glitzert und leuchtet. Hier herrscht Ägir, der mächtigste unter den Meeresriesen. Heute Abend wird dort ein Fest gefeiert.
Die Schlange zischt. Sie weiß, dass sich dort hinter den festen Balken des Hauses ihre schlimmsten Feinde versammelt haben. Denn Ägir ist ein Freund der Götter. Jedes Jahr lädt er sie zu einem großen Festschmaus ein. Hier sitzen die Asen lachend und ausgelassen unter den Riesen des Meeres und dessen Frauen.
Die großen Nüstern der Schlange zittern vor Gier. Alle sind da, denkt sie. Nur einer fehlt. Alle warten auf Thor. Der Donnergott kämpft hoch im Norden mit den Trollen. Bald wird auch er kommen und nach dem Trinkhorn greifen, wenn er die Riesenschädel in den Staub geworfen hat.
Die Mitgardschlange züngelt vor Ungeduld. Sie kann es nicht erwarten, Ägirs Burg über den Haufen zu werfen, jeden Balken zu zermalmen und sich über Haus und Hof zu wälzen. Aber dann fällt ihr ein, was ihr Hel, ihre Schwester, die Königin des Totenreichs eingeschärft hat. „Warte“, hat sie ihr geraten. „Warte bis ich dir ein Zeichen gebe! Dann ist uns der Sieg sicher.“ – „Was für ein Zeichen?“ wollte sie wissen.
„Ich habe einen kohlschwarzen Hahn“, flüstert Hel. „Wenn du ihn krähen hörst, dann weißt du, dass der Anfang vom Ende gekommen ist. Dann werden die Sterne erlöschen und die Berge erzittern. Die Bäume werden entwurzelt, und alles, was fest ist, verliert seinen Halt. Dann erst ist deine Stunde gekommen.“
Die Mitgardschlange schließt die Augen und seufzt. Sie windet sich heftig und versinkt im Meer. Es gluckst und dampft, und ein mächtiger, saugender Wirbel bleibt zurück.
Die Schlange ist für diesmal verschwunden.

 

Keiner in Ägirs Burg ahnt, was geschehen ist. Asen und Seeriesen spaßen miteinander. Auf dem tangbedeckten Boden wird fröhlich getanzt. Nicht Kerzen und brennende Fackeln erleuchten den Saal, sondern schimmerndes Gold. Es hängt in ganzen Klumpen von der Decke, es schmückt die Wände und liegt in glitzernden Haufen auf den Tischen. Die Diener laufen umher und kümmern sich darum, dass es keinem an Essen mangelt. Das Bier aber schenkt sich selber ein. Ein gewaltiger Kessel schwebt über den Tischen hin und her und sorgt dafür, dass kein Trinkhorn leer bleibt.
Die neun Töchter des Seekönigs singen und tanzen für die Gäste. Die Asen schlagen den Takt dazu und singen mit. Nur Odin sitzt still da und sagt kein Wort. Er rührt das Essen nicht an und trinkt nur Wein. Alle wissen, dass es nicht klug wäre, ihn zu stören, wenn er sinnt und grübelt.
Er hat die Augen geschlossen und denkt an die Welt. Die Welt, denkt er, gleicht einer Scheibe aus Holz mit kräftigen Jahresringen. In der Mitte wohnen die Asen, im nächsten Ring leben die Menschen, und ganz draußen am Rand hausen die Trolle.
Dann wieder kommt ihm die Welt wie eine Eierschale vor, die auf dem großen wilden Meer schwimmt, oder wie eine Daune, die in der Luft hierher und dorthin tanzt, die so lange in der Schwebe bleibt, wie der Atem der Götter reicht. So verletzlich ist das Ganze, so leicht zu zerstören, so nahe daran zu kippen und verlorenzugehen.
Er denkt an die alten Zeiten, da alles erschaffen wurde. Wie lange ist das her! Damals erschlugen er und seine Brüder den ungeheuren Riesen Ymer und erschufen aus dem Leichnam die ganze Welt. Aus seinem Blut wurde das Meer, aus seinem Fleisch das Land, aus seinen Knochen entstanden Berge und Klippen, aus seinem Haar wuchsen die Bäume und das Gras. Seinen Schädel haben sie damals wie eine große Kuppel über alles Erschaffene gesetzt. Er wurde zum Himmel. Odin lächelt, wenn er daran denkt.
Damals war er jung und ausgelassen wie ein Fohlen. Stolz wie ein Hahn, stark wie ein Ochse, spitzfindig wie ein Fuchs. Das ist lange her. Odin fühlt sich alt. Sein Bart ist weiß geworden. Wenn er morgens aufsteht, knacken seine Gelenke. Sein Auge trieft und schmerzt ihn. Jetzt lächelt er nicht mehr.
Er wird aus seinen Gedanken gerissen, denn drüben am Feuer hat Loki Streit mit einem Diener des Seekönigs angefangen. Loki geht auf ihn los, und ehe die andern sich´s versehen, schlägt und tritt er auf ihn ein. Der Diener versucht ihm zu entkommen, aber es ist zu spät, er stürzt mit dem Kopf gegen eine Tischkante. Obwohl er sich nicht mehr rühren und mit offenen Augen am Boden liegt, versetzt Loki ihm noch einen Tritt.
Voller Abscheu haben es die Asen mit angesehen. „Schande über dich, Loki!“ rufen sie. Als hätte er jetzt erst begriffen, was er getan hat, krümmt er sich und wimmert: „Das habe ich nicht gewollt. Es war seine Schuld. Ich winkte ihn herbei, doch er hat mich nicht beachtet. Er hat mich wie Luft behandelt! Er hat mich beleidigt! Ich kann nichts dafür!“
Einige von den Seeriesen treten ihm drohend entgegen. Doch Sigyn, Lokis Frau, kommt ihm zu Hilfe. „Mein Liebster“, ruft sie, „was hast du nur? Bist du verletzt?“ Ängstlich läuft sie herbei und stellt sich den Riesen in den Weg. „Lasst ihn! Es war ein Unglück. Das müsst ihr doch einsehen!“
Nun hat auch Odin sich erhoben. Alle weichen zur Seite und lassen ihn durch. Langsam geht er auf Loki zu. „Ich erwarte eine Erklärung“, sagt er. „Antworte!“ Loki schlägt die Augen nieder. „Ich habe es nicht gewollt“, jammert er. „Aus Versehen ist es geschehen, ich weiß nicht wie!“
Odin schüttelt den Kopf. „Ich verstehe dich nicht“, sagt er leise. „Vielleicht habe ich dich nie verstanden.“
Ägir ist wütend. „Ihr habt versprochen, dass dies eine geheiligte Freistatt sein soll!“ ruft er. Odin nickt. „Ich selber werde euch das Wergeld bezahlen! Ich gebe dir mehr, als du verlangst.“ – „Und Loki soll sich nie wieder hier blicken lassen“, bellt Ägir. „Mit Knüppeln soll er verjagt werden“, antworten die Gäste wie aus einem Munde. Loki ringt die Hände. „Milchbruder!“ bettelt er, doch Odin wendet ihm den Rücken zu. „Du bist dein eigner Feind“, sagt er. „Nun kann auch ich dir nicht mehr helfen.“
Schon sind zwei Seeriesen zur Stelle. Sie schlagen auf Loki ein und treiben ihn vor sich her aus dem Festsaal. Loki versucht, Kopf und Gesicht zu schützen, so gut es geht. „Loki“, ruft seine Frau, „warte ich komme mit!“ Aber die andern Frauen halten sie zurück. Sigyn fängt an zu weinen. Ihre beiden Sohne, Narwe und Wale, versuchen sie zu trösten. Da pocht Ägir mit seiner großen hölzernen Forke auf den Boden. „Lasst euch das Fest nicht verderben von diesem Störenfried!“ ruft er. „Es gibt noch reichlich zu essen, und an Met soll es nicht fehlen. Keiner soll sagen, dass er hungrig vom Tisch des Seekönigs aufstehen musste!“
Ale suchen nach einem scherzhaften Wort, oder sie stimmen ein Lied an. Aber die fröhliche Stimmung will nicht wiederkehren. Erneut wendet sich das Gespräch Loki zu. „Immer macht er eine gute Figur“, sagen sie, „aber im Grunde ist er boshaft und heimtückisch.“ Ägir seufzt: „Wer hätte sich träumen lassen, dass es soweit kommen musste? Habe ich nicht immer meine Ehre darein gesetzt, ein guter Gastgeber zu sein?“ – „Du hättest sie nie einladen sollen“, zischelt seine Frau. „Hör auf meine Worte: Von den Göttern kommt nie etwas Gutes.“ Sie heißt Ran und ist ein gefährlicher Wassertroll. Sie verachtet ihren Mann, weil er so gerne Odins Freund sein möchte.

 

Aber wo ist Loki geblieben? Ist er nach Asgard heimgeritten? Oder sucht er in Jotunheim Trost? Nein er sitzt unweit von Ägirs Burg auf einer Schäre und bläst Trübsal. Er sieht die Lichter und hört das Gelächter der Gäste. Er ballt die Fäuste und hat Tränen in den Augen; denn Loki fühlt sich ungerecht behandelt.
Nur weil er von den Riesen abstammt, glauben alle, dass sie mit ihm umspringen können, wie sie wollen. Hat er nicht das gleiche Recht wie alle andern Götter? Doch die Asen halten sich immer für was Besseres. Aber sie werden schon sehen! Er, Loki wird es ihnen zeigen!
Ein Raunen geht durch den Festsaal, als die Tür aufgerissen wird und Loki von neuem auftaucht. „Muss ich dich noch einmal mit dem Knüppel davonjagen?“ schnaubt Ägir. Aber Loki lacht nur und sagt: „Ihr glaubt gar nicht, wie durstig ich bin.“ – „Nie wieder wirst du unter den Asen sitzen“, ruft sein Halbbruder Brage. „Schande über dich!“ Doch Loki achtet nur auf Odin und spricht zu ihm: „Soll ich dich daran erinnern, wie wir in der Morgenfrühe der Zeit Blutsbrüderschaft getrunken haben? Damals schworen wir einander, dass keiner einen Trunk schmecken sollte, der nicht uns beiden geboten würde. Denk daran Milchbruder! Oder willst du wortbrüchig werden?“ Odin nickt müde. „Ich erinnere mich“, sagt er. „Ich erinnere mich allzu gut daran.“ – „Wenn ich wirklich fortgehen soll, dann will ich es aus deinem eigenen Mund hören“, fährt Loki fort. „Ein Wort von dir, und ihr seid mich los. Oder ein anderes Wort, und wir setzen uns an einen Tisch, wie wir es seit jeher getan haben.“
Odin zaudert. Ägir zuckt mit den Schultern. „Du hast mir versprochen, das Wergeld zu zahlen, Odin. Wenn du also mit so einem trinken möchtest…“ – „Ach, bitte, Odin, lass ihn doch hier bleiben“, wimmert Sigyn. Odin atmet schwer. Endlich sagt er: „Gut, schenkt ihm einen neuen Krug ein.“ Aber nun schüttelt Brage seine Faust und ruft hitzig: „Das lasse ich mir nicht gefallen!“ – „O doch!“ grinst Loki, „Du hast dir immer alles gefallen lassen, Brage Stubenhocker. Keiner unter den Asen ängstigt sich so wie du vor Kampf und Streit. Wenn du mir nicht glaubst, dann komm her und beweise, dass du Mut hast!“
Brage möchte es mit ihm aufnehmen, aber Iduna, seine Frau, hält ihn zurück. „Lass Loki in Ruhe“, sagt sie. „Er ist es nicht wert, dass du dich mit ihm einlässt.“ – „Du bist selber nicht viel wert, Iduna“, höhnt Loki. „Denn wenn Brage der Feigste unter den Männern ist, dann bist du die Geilste unter den Frauen!“
„Hört auf!“ rufen die Asen. Doch Loki ist nicht mehr zu bremsen. „Dein lieber Brage ist ja unser großer Dichter“, giftet er. „Aber wir andern haben auch keine Mühe gescheut, um dir mit unserm Stift eine kleine Freude zu machen.“ Da bricht Iduna in Tränen aus. „Kannst du ihm nicht das Maul stopfen, Odin?“ fleht sie. „Da bist du gerade an den Richtigen geraten“, grinst Loki. „bei dem weiß niemand, mit wem er es gerade hält. Oft genug hat er irgendeinem Lumpenkerl den Sieg gegönnt. Kein Wunder! Einäugig wie er ist!“
Jetzt hat Odin sich erhoben. „Weißt du noch“, hält er Loki vor, „wie du acht Winter lang als Magd gedient und unter der Erde Kühe gemolken hast?“ – „Ach was“, antwortet Loki, „du bist doch selber oft genug als Weib unter die Leute gegangen, damals, als wir jung und grün waren!“ Schon will er zu einer langen Geschichte ausholen, da unterbricht ihn Frigga.
„Was ihr beide in der Morgenfrühe der Zeiten alles getrieben habt, ist eure Sache“, sagt sie. „Lasst uns damit zufrieden!“ – „Das könnte dir wohl passen“, schnappt Loki zu. „Denn als wir beide unterwegs waren, Odin und ich, da bist du mit seinen beiden Brüdern unter die Bettdecke gekrochen.“ – „Schweig endlich!“ ruft Frigga. „Ja, da hältst du dir die Ohren zu“, antwortet Loki triumphierend.
Frigga ist jetzt außer sich vor Zorn, und die Tränen treten ihr in die Augen. „Wenn mir nur mein Baldur zur Seite stünde! Der würde dich in die Schranken weisen.“ – „Also habe ich gut daran getan, dafür zu sorgen, dass er nicht mehr unter uns ist.“
Ein lautes Murren geht bei diesen Worten durch den Saal. „Du weißt nicht mehr, was du redest“, ruft Freia. „Du hast wohl den Verstand verloren!“ – „Du warst auch nicht mehr ganz bei Trost, Freia, damals als ich dich auf deinem eigenen Bruder reiten sah!“ Nun verliert auch Tyr die Geduld. „Wage es ja nicht, Loki, dir das Maul über Frei und Freia zu zerreißen!“ droht er. Aber Loki lacht ihn aus. „Du willst mich daran hindern? Mit deinem einen Arm? Weißt du noch, wie der Fenriswolf dir die Hand abgebissen hat?“
„Dafür ist der Wolf nun für immer an allen vieren gebunden. Und so, wie er nun daliegt und sich in seinen Ketten windet, so werden wir auch dich fesseln, wenn du nicht das Maul hältst“, sagt Frei. Loki spuckt vor ihm aus und bellt: „So redet einer, der sein eigenes Schwert verkauft hat, nur um mit einer Trolltochter herumzuhuren! Hört, was ich euch sage: Wenn der Tag kommt, an dem die Söhne von Muspilheim durch den dunklen Grenzwald reiten, wird Frei wehrlos dastehen, ohne eine Waffe zu der er greifen kann!“ – „Du bist betrunken und du hast genug gesagt“, ruft Heimdall. Aber Loki hält nicht inne. Er tänzelt durch den Saal, hält hier an und dort, und er beschimpft jeden, vor dem er stehenbleibt.
Odin hat wieder Platz genommen. Er beugt den Kopf und schweigt. „Warum werfen wir ihn nicht vor die Tür?“ fragt Heimdall. „Weil dies eine geheiligte Freistatt ist“, antwortet ihm Siv. „Wir haben Ägir, unserem Gastgeber, geschworen, Frieden zu halten, solange wir in seinem Haus sind. Loki will uns nur soweit bringen, dass wir unseren eigenen Schwur brechen.“ – „Oh, meine Siv mit dem goldenen Haar“, grinst Loki, beugt sich über sie und zupft an ihren langen Flechten. „Weißt du noch, wie schön wir es miteinander hatten, damals als dein Thor aus dem Haus war?“
In diesem Augenblick dröhnt ein Donnerhall durch den Saal, und ein lärmender Wagen, gezogen von zwei scharfen Böcken, rollt durch die Pforte. Es ist Thor, der nach vielen Faustkämpfen, blutend und schmutzstarrend, mit wehendem Bart und Haar, zu den Festgästen stößt. In der Faust schwingt er seinen Hammer Mjölner. „Noch ein Wort von dir, du Ratte, und ich zerknicke dich wie einen verrotteten Zweig!“ – „Verrotten magst du selber“, antwortet Loki mit kalter Miene. „Ich weiß noch gut, wie viel Angst du hattest, damals im Osten von Utgard, als wir im Fausthandschuh eines Riesen übernachten mussten.“ Thor packt Loki am Nacken und droht ihm mit dem Hammer. „Ich schlage dir den Kopf ab!“ ruft er.
Da springt Sigyn herbei und schlägt mit ihren kleinen Fäusten auf Thor ein. „Lass ihn los, du Ochse! Nimm die Pfoten von meinem Loki!“ Thor brummt und sieht sich fragend um. „Lass ihn gehen“, sagt Odin müde. Thor hebt Loki hoch und lässt ihn krachend zu Boden fallen. „Tut es weh, mein Lieber? Hat er dir etwas angetan?“ jammert Sigyn und nimmt ihn in die Arme. „Was musstest du auch so schlimme Dinge sagen?“ Loki schiebt sie von sich und steht auf. „Das erste Mal“, sagt er, „habt ihr mich mit Knüppeln davongejagt. Das zweite Mal gehe ich aus freien Stücken.“ Er richtet einen kalten Blick auf Odin. „Was ich euch zu sagen hatte, habe ich gesagt. Nun wissen wir, was wir voneinander zu halten haben.“ Dann wendet er den Asen den Rücken zu und geht zur Tür.
„Wenn wir uns wiedersehen, hast du meinen Hammer im Genick“, ruft Thor ihm nach. Unter der Tür dreht Loki sich noch einmal um. Er wendet sich an den Seekönig. „Dir Ägir, sage ich: Nie wieder wirst du ein Fest geben, weder den Asen, noch den Riesen. Und alles was du besitzt, soll in Flammen aufgehen.“ Dann ist er verschwunden.

jörd- Erd- und Fruchbarkeitsgöttin

Nach einer Weile nehmen auch die Asen Abschied. Am Meeresstrand holt Frei aus seiner Gürteltasche eine kleine Decke hervor. Er breitet sie aus und wirft sie aufs Wasser. Sogleich wird ein mächtiges Schiff daraus. Die Asen gehen an Bord des Skidbladner und segeln heimwärts.
Odin steht am Steven und spürt den Wind im Gesicht. Er denkt an Loki und an die alten Zeiten, als sie alles miteinander geteilt hatten. Viel Freude hat er mit diesem Sohn der Trolle erlebt, und oft haben sie miteinander gelacht. Doch nun ist das Fest vorbei. Loki ist keiner mehr von den Asen.
Ohne dass er es merkte, hat Frigga sich zu ihm gesellt. Jetzt lehnt sie den Kopf an seine Schulter. „Wie konnte ich mich nur so in ihm täuschen?“ grübelt Odin. „Solche Fehler bleiben keinem erspart“, antwortet Frigga und birgt ihr Gesicht in seinem rauen Mantel.

 

Die Stimmung in Asgard ist gereizt. Alle reden über Loki. Jetzt erinnert sich niemand mehr an seine guten Dienste. Wie oft haben seine Einfälle den Asen geholfen, als Not am Mann war! Wie oft haben sie über seine Scherze gelacht! Aber das ist alles vergessen. Jetzt lässt keiner mehr ein gutes Haar an Loki. Nicht nur, dass er uns zum Narren gehalten und hinters Licht geführt hat, heißt es; nicht nur, dass er Schuld ist an Baldurs Tod; er hat auch dafür gesorgt, dass sein Halbbruder nicht von den Toten zurückkehren durfte. „Er ist auch noch stolz auf seine Untat“, sagt Heimdall. „Er macht sich lustig über uns!“ – „Ich zerschmettere ihm den Schädel“, ruft Thor.
Nur Sigyn hält ihm die Stange. „Ihr vergesst, dass ich ihn liebhabe“, sagt sie. „Ach Sigyn“, raten ihr die andern Trauen, „was hast du davon? Nichts als Ärger! Warum suchst du dir nicht einen andern?“ Aber Sigyn schüttelt den Kopf und geht ihrer Wege. „Das Herz hat keine Wahl“, sagt sie. „Niemand kann sich seine Liebe aussuchen.“
Odin befiehlt, dass Loki bei lebendigem Leibe gefangen und bestraft werden soll. Er schickt seine Raben Hugin und Munin aus nach Mitgard und nach Jotunheim und bittet Zwerge und Alben um Hilfe bei der Suche. Die Walküren reiten über Berg und Tal, Meer und Wolken. Er selber hält Ausschau von seinem Thron hoch über der Götterburg. Ich habe dich geliebt, denkt er voll Bitternis, während er den Blick über die Welt schweifen lässt. Er starrt hinaus, bis ihm die Augen tränen.
Loki ist weit in die Wildnis gegangen. Auf dem Gipfel eines hohen Berges hat er sich ein Haus gebaut, ein Haus mit vier Türen, damit er von seinem Stuhl aus den Blick frei hat in alle Himmelsrichtungen. Nicht weit davon stürzt ein Wasserfall in die Tiefe. Jeden Morgen verwandelt er sich in einen Lachs, der im rauschenden Wasser spielt. Niemandem wird es einfallen, nach einem Fisch zu suchen, denkt er. Bald werden es die Asen müde werden, nach mir zu suchen. Bald haben sie mich vergessen und dann ist meine Zeit gekommen! Dann will ich endlich meinen Sohn, den Fenriswolf, zu mir rufen, mein Kind, die Mitgardschlange, und Hel, meine mächtige Tochter, die über das Reich der Toten herrscht! Und dann nehmen wir Rache und werden dieser ganzen Welt ein Ende machen!
Doch wenn er dann am Abend ganz allein am Feuer sitzt, nach einem langen Tag im kalten Wasser, wenn er Schuppen und Flossen abgelegt und sich an den glatten, heißen Steinen aufwärmt, wenn er dann durch die vier Türen hinaus in die Dunkelheit späht, dann beschleicht ihn die Angst. Wie mit leichten, unruhigen Flügelschlägen zuckt es in seiner Brust, und ohne dass er es merkt, fangen seine Finger an, sich zu regen. Er hält einen leinenen Faden in der Hand und zupft und nestelt daran, bis ein Netz aus engen Maschen daraus wird. Was treibt er da? Hat er nicht allen Grund, das Garn zu fürchten, das er knüpft.

 

Die Asen aber haben die Fahndung nach Loki nicht aufgegeben. Eines Tages sieht er in der Ferne eine lange Kette von Gestalten, die das Gebirge absuchen. Mit jedem Schritt kommen sie näher. Rasch wirft Loki das Netz ins Feuer, nimmt seine Fischgestalt an und springt glatt und zappelnd in den Wasserfall.
Die Asen finden das Haus leer, aber sie sind sich ganz sicher, dass kein lebendiges Wesen bei ihrer Suche durchgeschlüpft ist. Sie untersuchen die Asche im Herd und entdecken das Muster des verbrannten Netzes. Da wissen sie sogleich, wonach sie zu suchen haben. Sie knüpfen ein neues Netz und werfen es in den Fluss. Thor hält es am einen Ende, das andere Ende halten die übrigen Asen fest Nun durchkämmen sie watend den Fluss. Loki schwimmt vor dem Netz her, so tief wie möglich am Grund des Wassers, hält still, legt sich flach zwischen zwei Steine und hält den Atem an. Er spürt im Rücken, wie das Netz in streift. Auch die Asen haben bemerkt, wie etwas in den Maschen zuckt. Sie binden schwere Steine an das Garn, bevor sie es von neuem auswerfen. Da flüchtet Loki und stürzt in die Tiefe. Mit einem Satz kehrt er um, macht einen Luftsprung über das Netz und schwimmt zurück zum Wasserfall.
Doch nun haben die Asen ihn gesehen. Sie teilen sich in zwei Gruppen, von denen jede ein Ende des Netzes hält. Thor watet in der Mitte des Flusses. So ziehen sie Schritt für Schritt das Netz nach unten. Noch einmal wagt Loki einen Sprung über das Garn, aber diesmal ist Thor schneller. Wie ein hungriger Bär wirft er sich nach vorn und greift nach ihm. Beinahe wäre der glatte Leib ihm durch die Finger geschlüpft, doch es gelingt ihm, den Lachs am Schwanz zu packen. „Lasst mich los!“ zetert der zappelnde Fisch. Da deutet Freia auf ihn und ruft: „Du, der du dich in Fischgestalt verbirgst – ich befehle dir, komm her und zeige dich! Sei, der du bist!“ Sogleich liegt Loki wimmernd zu ihren Füßen. „Hast du vergessen“, sagt Freia, „wer dich vor langer, langer Zeit, alle deine Künste lehrte? Jetzt bereue ich es, denn du warst es nicht wert, dass ich meine Zeit mit dir vergeudet habe“ Sie wendet sich an Odin. „Was soll mit ihm geschehen?“ fragt sie. Doch Odin wendet sich ab und schüttelt den Kopf. „Tut mit ihm, was getan werden muss“, antwortet er müde.
Auch Sigyn findet keine Worte mehr. Sie steht wie angewurzelt da und streckt die Arme nach ihrem Mann aus. Nur Wale und Narwe, seine beiden Söhne, versuchen Loki zu Hilfe zu kommen. Sie stürmen brüllend auf ihn zu, doch die Asen halten sie mit Leichtigkeit zurück.
Plötzlich stößt Thor einen Schmerzensschrei aus. „Der kleine Köter hat mich gebissen“, ruft er. „Schaut nur, seine Zähne! Sie wachsen und wachsen! „sagt Brage. Wahrhaftig! Wale sprießen lange schwarze Haare im Gesicht, er knurrt und fletscht die Zähne, ein Fell wuchert ihm auf der Brust und auf den Armen. „Lasst ihn los“, ruft Freia, „lasst sie los, alle beide!“
Die Asen haben Lokis Söhne umringt. Unter ihren Augen verwandelt Wale sich in einen Wolf. Er zeigt den Göttern die Zähne und schnappt nach ihnen. Dann fällt er über seinen eigenen Bruder her, setzt ihm die Hauer an die Kehle und beißt ihn tot. Die Asen weichen zurück, und der Wolf entkommt. „Mein Kind“, ruft Sigyn ihm nach, „was tust du?“ Wale wendet sich zu ihr um und zeigt ihr die Zähne. Aus seinem Rachen rinnt Blut. „Hinke fort nach Jotunheim, räudiges Graubein“, ruft Freia. „Dort gehörst du hin! Eines Tages wirst du bitter bereuen, was du getan hast. Nie sollst du Trost und Vergessen finden!“
Die Asen ziehen aus Narwes zerfleischtem Leib die Gedärme und fesseln damit Loki an Händen und Füßen. Sie legen ihn auf den Rücken, so dass er auf drei scharfen Steinen zu liegen kommt: ein Stein unter der Schulter, einer unter den Hüften, und einer unter den Kniekehlen, und sogleich verwandeln die blutigen Gedärme sich in eiserne Ketten.
Da liegt er nun und heult und jammert. Er ruft nach dem Fenriswolf und nach der Mitgardschlange, er ruft nach Hel, doch niemand antwortet ihm. Eine ganz andere Schlange windet sich vor seinem Gesicht. Es ist Schad, Njörds Frau, die das Gewürm in der Hand hält und das Gift auf Loki träufeln lässt. „Das könnt ihr doch nicht mit ihm machen“, ruft Sigyn verzweifelt, doch Schad lacht nur und lässt die Schlange über Lokis Augen baumeln. „Eine Schlange bist du“, flüstert sie ihm ins Ohr, „und eine Schlange soll dir Gesellschaft leisten.“
Die Asen brechen auf, doch Sigyn bleibt bei ihrem Mann. „Liebst du ihn denn so sehr“, fragt Schad sie und sieht zu, wie sie eine Schale über ihren Mann hält, um das Gift aufzufangen. „Ich habe keinen ander“, sagt sie. Seine Ketten kann sie nicht sprengen, und nach dem Kopf der Schlange wagt sie nicht zu greifen. Als die Schale überfließt, wendet sie den Kopf ab, um sie auszugießen, und da trifft ein Spritzer auf Lokis Gesicht. Er wälzt sich so stark in seinem Schmerz, dass der Boden unter ihm erzittert. Das ist es, was die Menschen ein Erdbeben nennen.
So wird Loki nun liegenbleiben bis ans Ende der Welt. Erst wenn es gekommen ist, heißt es, sollen die Ketten von ihm abfallen wie verdorrtes Gras. Dann, so heißt es, wird nicht nur Loki freikommen; auch der mächtige Fenriswolf wird sich losreißen und mit offenem Rachen, aus dem der Schaum wie Wolken über die Erde treibt, über Land und Meer hetzen. Auch die große Mitgardschlange wird sich dann über die Ufer des Weltmeeres wälzen, und der Erdboden wird sich auftun, so dass Hel an der Spitze ihres gewaltigen Totenheeres ihren letzten Ritt antreten kann. So ist es vorherbestimmt. So wird es geschehen.
Daran muss Odin denken. Er weiß es. Und dennoch fehlt ihm Loki. Er denkt an ihn wie an einen toten Bruder, und er vermisst ihn.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
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Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an die Legenden

TA KI

Aar der Adler


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aarAar lautet die altnordische und zuweilen auch bei uns gebräuchliche (aber veraltete) Bezeichnung für den Adler. In der Edda heißt es, ein vielwissender Adler sitze als mächtiges geflügeltes Wesen im Gipfel der Weltenesche, von wo aus er, gleich Odin von seinem Hochsitz Hlidskjalf (am Tor zur himmlischen Bläue des Geistes) das Weltgeschehen überblicken könne. Nichts entgeht seinem scharfen Verstand und seinen wachen Augen, wenn sein Blick über die Erde streift. Man sagt, er sei sehr alt und wissend, aber auch leicht verdrießlich, da er beständig die (Un)Taten der Menschen erschauen müsse. Zuweilen soll ein Habicht mit dem Namen Wederfölnir (der Wetterkundige) zwischen seinen Augen sitzen. Das Eichhörnchen Ratatösk überbringt dem Adler beständig Nachrichten von der Schlange Nigdhögg, die am unteren Ende der Weltenesche haust.

Im Norden Skandinaviens galt der Aar den Menschen lange Zeit als kollektiver Schutzgeist, dem sie den Namen „eyeafördur“ gaben. Man stellte sich ihn als gewaltigen Vogel vor, dessen riesige Flügel quer über die Fjorde, von einem Berg zum anderen, reichten.

Ein Name Odins lautet Arnhöfdi, was den Göttervater als „Adlerhaupt“ umschreibt, der sich einmal dieser Gestalt bedient, um seinen geraubten Skaldenmet (Swafnir) in Sicherheit zu bringen. Auch ist von einem Adler die Rede, welcher die Walküren umflattert, durch den diese ihre direkten Befehle von Odin erhalten sollen.

Selbst Riesen nehmen des Öffteren die Gestalt dieses Tieres an. Im altnordischen Volksglauben sitzt Hraesvelgr (Leichenverschlinger oder Fleischfresser), ein gewaltiger Riese in Adlergestalt, am nördlichen Ende des Himmels und wenn er sich erhebt, kommen von seinen Flügelgleichen Armen alle Winde über die Welt. Als Sturmwind war er als großes, gefräßiges Wesen gefürchtet, das zeitweise gewaltige Stürme entfesselte, um seinen Hunger zu stillen. Gleichzeitig aber nahm der entfachte Wind ebenso jeglichen Aasgeruch und Moder mit sich und trug so zur willkommenen Reinigung der Luft.

Wenn nach dem Skaldskaparmal Odin auf Sleipnir mit dem Riesen Hrungnir über Berge und Meere um die Wette reitet und beide durch die Lüfte dahinstieben, jagen sich der Sturmgott und sein Ur-Rivale, der Sturmriese. Denn auch Odin/Wotan wurde als Bringer des alles durchdringenden und Lebensspenden Windes gedeutet, der zum Einen das Bewusstsein brachte und zum Anderen als Oskabyr (Wunschwind) den nötigen Wind für die Schifffahrt gab. Auch die „Oskorei“ die durch die Sturmwinde dahinfahrende und von Wuotan angeführte wilde Jagd, findet hier ihre Entsprechung.

Allgemein ist der Adler das bekannteste Symboltier himmelsstürmender Mächte, mutiger Wehrhaftigkeit, Geschicklichkeit und ungebrochenen Freiheitsdrang. Seine Gestalt ist zahlreich in der Heraldik vertreten und ziert manches Staatsemblem. Seine Flügelspannweite kann sich bis über zwei Meter erstrecken, was ihm auch den Beinamen „König der Lüfte“ einbrachte.

Quelle:http://www.wodanserben.de/aar.php

Gruß an den König der Lüfte

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 10


Wolfszeit

Von Tor Åge Bringsværd

ve und villi

Seit es die Welt gibt, hetzen Tag und Nacht zwei Wölfe über den Himmel. Der eine jagt hinter dem Sonnenwagen her, der andere schnappt nach dem Mond. Sie knurren und geifern mit blutunterlaufenen Augen und ihrem Ziel kommen sie immer näher.
In Mitgard verdorrt das Gras auf der Wiese. Nachtfrost sucht Äcker und Felder heim, und ständig bläst ein kalter Wind. Die Wolken treiben wie Rauch über die Baumwipfel. Ab und zu dunkelt es mitten am Tag.
In Asgard geht der blinde Hod umher und wartet auf seine Stunde. Er weiß, dass er sterben muss, denn es war seine Hand, die den Pfeil abschoss, den Baldur getötet hat; und er weiß, was alle Asen sich geschworen haben: Ein solcher Tod muss gesühnt werden, auch wenn es kein Mord war. Denn nie hat Hod seinem Bruder etwas Böses antun wollen. Doch was geschehen ist, kann niemand ungeschehen machen.
Die andern Asen gehen ihm aus dem Weg. Sie denken: Wer von uns wird der Rächer sein? Keiner will der Henker seines Bruders sein und das Richtschwert gegen ihn führen. Aber Sühne muss sein.

 

Ein alter Mann reitet durch den Nachtschwarzen Wald. Er spricht laut vor sich hin. Er ballt die Faust gegen den Sturm. Er hört die beiden Wölfe heulen und klagt über sein Schicksal. Es ist Odin. Wirre Gedanken gehen ihm durch den Kopf. Keiner unter den Lebenden kann ihm raten, was er tun soll, und die Nornen lächeln nur, wenn er sie fragt, und schweigen. Nun will er die Toten um Hilfe bitten. Er reitet in den hohen Norden, auf der Suche nach einem Grab.
Dort liegt die klügste aller Wahrsagerinnen tief unter der Erde. Es ist die Volve, die einst so viele Geheimnisse kannte. Nun braucht Odin sie; denn sie ist die einzige, die ihm helfen kann. Auf einem Hügel lässt er sich nieder und singt. Es sind Zauberlieder, die so stark sind, dass sie die Toten zum Leben erwecken können. Leise und vorsichtig hebt sein Gesang an, dann wird er lauter und fordernder, so lange bis der Torfboden sich öffnet und die kalte Erde Risse zeigt.
Ein Häufchen Lumpen steigt aus dem Grab. Es ist die Tote, die er aufgeweckt hat. „Wer ist es, der meine Ruhe stört?“ fragt sie. „Wer zwingt mich, mein Grab zu verlassen?“ – „Ich bin es, und Wegtam werde ich genannt“, antwortet Odin. Er lügt. Die Volve blickt auf ihre wurmzerfressenen Hände und sagt: „Siehst du nicht, wie kalt ich bin und bis aufs Mark vom Schnee durchnässt? Ich bin schon lange tot. Lass mich in Ruhe!“
Aber Odin will von ihr wissen, was mit Hod geschehen soll, der Baldur umgebracht hat. Wie soll dieser Tod gesühnt werden, und wer soll die Rache auf sich nehmen? Am liebsten riefe er laut: Es sind doch beide meine Söhne! Wie soll ich es übers Herz bringen, mein eigen Fleisch und Blut zu töten? Aber er hält an sich, er spricht kalt und gefasst mit der Wahrsagerin. Er will ihr nicht verraten, mit wem sie es zu tun hat.
Endlich antwortet die Volve ihm. Sie spricht wie im Schlaf. „Ich sehe vor mir eine Frau“, murmelt sie.
„Weit im Osten wohnt eine Frau, die Rinde heißt. Und ich sehe, wie Odin sich auf den Weg macht, um sie zu suchen; denn sie wird ihm einen Sohn gebären. Er soll den Namen Wole tragen, und nie soll er sich waschen und kämmen, ehe er den, der an Baldurs Tod schuld ist, auf den Scheiterhaufen gebracht hat. Und es soll keine Nacht vergehen nach seiner Geburt, bevor er vollbracht hat, was ihm auferlegt ist. Und ich sehe….
„Sprich“, ruft Odin. „Ich will alles hören, was mir bevorsteht.“ Aber die Volve zuckt zusammen, als ob sie sich verbrannt hätte. „Du bist nicht der, für den du dich ausgibst!“ heult sie. „Du bist Odin!“ Langsam sinkt sie in ihr Grab zurück. „Und du“, ruft Odin ihr nach, „du bist nur ein Schatten unter Schatten.“ – „Reite nach Hause“, hört er sie schwach unter der Erde murmeln. „Reite und kehre nicht wieder, ehe der Fenriswolf sich befreit hat und alle dunklen Mächte erwacht sind!“

 

Odin aber macht sich auf den Weg nach Osten, um Rinde zu suchen. Jeden, der ihm begegnet, fragt er nach dieser Frau, aber keiner hat je ihren Namen gehört, bis er ins Land der Finnen kommt, dorthin, wo sie die Rinde der Bäume essen, und sich von großen Tieren über den Schnee ziehen lassen, die den Elchen und den Hirschen ähnlich sind. Überall fragt er nach Rinde. „Es ist wichtig! Es duldet keinen Aufschub“, sagt er, und endlich trifft er einen Alten, der ihm helfen kann. Der weiß zu berichten, dass Rinde die Tochter des Königs von Russland ist.
Da zieht Odin weiter in die Tiefen des Ostens. In Russland nimmt er die Gestalt eines Kriegers an, der am Hof des Königs Dienst sucht. Er wird angenommen, und bald zeigt sich, wozu er imstande ist; denn im Krieg führt er so unerhörte Heldentaten aus, dass der König ihn zu seinem Ratgeber und Vertrauten macht. Einmal schlägt er ganz allein ein feindliches Heer in die Flucht, und als er von diesem Feldzug heimkehrt und den Fürsten um die Hand seiner Tochter bittet, willigt der, ohne sich lange zu besinnen, ein.
Als er aber in Rindes Gemach tritt, versetzt die Königstochter dem Freier eine schallende Ohrfeige und schickt ihn fort. Was bleibt Odin anderes übrig, als den Rückzug anzutreten. Aber er gibt nicht so schnell auf, und nach einiger Zeit erscheint er wieder. Diesmal hat er sich als Schmied verkleidet. Die feinsten Arbeiten aus Gold und Silber legt er Rinde vor, und sie nimmt freudig das kostbare Armband entgegen, das er ihr schenkt. Doch als der Schmied sie um einen Kuss als Lohn für seine Künste bittet, schlägt sie ihm mit der Faust ins Gesicht, und er holt sich eine blutige Nase. „Fort mit Schaden“, ruft sie ihm nach. „Du bist mir zu alt. Ich kann dich nicht leiden!“
Beim dritten Mal versucht es Odin mit der Reitkunst. Niemand kann ein Pferd dazu bringen, höher zu springen, und so gewinnt der fremde Ritter alle Wettkämpfe. Nach seinem Sieg raubt Odin der Prinzessin einen Kuss, doch sie versetzt ihm einen so heftigen Stoß, dass er kopfüber von seinem Ross stürzt.
Nun aber tobt Odin vor Zorn und Begierde nach Rinde. Er lässt alle Scham fahren und greift zu einer List.
In Frauenkleidern verdingt er sich als Magd im Schloss. Dort muss er den Fußboden scheuern und Brei kochen, die Kleider flicken und die Wäsche waschen. Tag und Nacht geht er der Prinzessin zur Hand, und so pünktlich verrichtet er seine Arbeit, dass er ihr Vertrauen gewinnt. Nun darf er ihr jeden Abend die Füße waschen. Wenn er über ihre Schenkel streicht, muss er sein Verlangen im Zaume halten; Aber er weiß, dass es gilt, geduldig auf seine Stunde zu warten. Er sorgt dafür, dass sich im Schloss ein Gerücht verbreitet. Rindes Magd, flüstert man sich zu, verstehe sich wie keine andere auf die Heilkunst.
Eines Tages wird die Prinzessin krank, und wen anders, als die treue Magd soll sie um Rat fragen? Sie leidet an einer seltenen und geheimnisvollen Krankheit. Niemand ahnt, dass ein Stück Baumborke daran schuld ist, in das ein paar Zauberverse eingeritzt sind, in so winziger Schrift, dass kaum jemand sie bemerken kann; und Rinde weiß nicht, dass es Odin war, der sie mit diesen Runen verhext sind.
Die Krankheit macht Rinde schwindlig und verwirrt. Jeden Tag wird sie schwächer. Da geht Odin zum König. „Sie wird sterben“, sagt er, „wenn ich ihr nicht meinen Zaubertrunk einflöße. Der aber ist so bitter, dass sie ihn nicht trinken will. Wir müssen sie fesseln, damit sie ihn einnimmt.“ – „So soll es geschehen“, befiehlt der König. „Es darf aber niemand außer mir dabei sein, wenn sie ihn trinkt, sonst wirkt das Mittel nicht.“ Der König ist einverstanden. Er ahnt keine Gefahr; denn er glaubt, dass Odin eine Frau ist
Nun ist Odins Stunde gekommen. Die Prinzessin ist schwach und wehrlos, und er kann tun, wonach ihn gelüstet. Ein paar Wochen vergehen. Rinde ist gesundet, doch bald wird offenbar, dass sie ein Kind erwartet. Aber da hat sich Odin längst aus dem Staub gemacht.
Zu Fuß hat er sich aus dem Königshof geschlichen. Denn er war ohne Sleipnir gekommen. Ein achtbeiniges Pferd hätte zuviel Aufsehen erregt und verraten, wer der fremde Gast in Wahrheit war. Deshalb ließ Odin sein Ross in der weiten russischen Steppe bei den Wildpferden zurück.

 

Ein Pfiff aus seinem Mund, und laut vor Freude wiehernd kommt Sleipnir ihm entgegen. Odin hat es eilig. Viel zu lange war er unterwegs. Nun wählt er den raschesten Heimweg. Aber der führt durch den Eisenwald, der weit im Osten liegt. Die meisten meiden ihn. Selbst die Tiere und die Vögel trauen ihm nicht, denn dort draußen hausen gefährliche Trolle. Doch Odin lenkt sein Pferd geradewegs auf die düsteren Hügel zu, wo ein kalter Wind herrscht.
Dort sind die Bäume und die Sträucher aus Eisen, und der Boden ist rot von Rost. Nur ein heiseres Gebell und ein wütendes Geheul bricht die Stille. Eine gewaltige Riesin lebt hier, die immerfort Söhne und Töchter in Wolfsgestalt gebiert. Bei jedem Wurf wird es kälter auf der Welt. Auch die beiden Untiere, die mit triefenden Lefzen über den Himmel fahren und hinter Sonne und Mond herjagen, haben eins an ihren Brüsten gelegen.
In diesem Wald schlägt Odin sein Lager für die Nacht auf. Bevor er zur Ruhe geht, ritzt er ringsum Runen in die Erde, starke Zeichen, die das Grauen von ihm fernhalten sollen. Dennoch findet er noch Sleipnir Schlaf. Sie frieren beide. Die ganze Nacht hindurch raschelt es und flüstert es im Eisenwald, und im Dunkel leuchten gelbe, gierige Augen auf.
Odin denkt an Rinde und an all die andern Frauen, die er gelockt und betrogen hat. Auch Frigga, die es so lange bei ihm ausgehalten hat, will ihm nicht aus dem Sinn. Aber diesmal, denkt er, war es etwas anderes. „Diesmal blieb mir nichts anderes übrig!“ murmelt er vor sich hin. „Der Wahrspruch musste in Erfüllung gehen. Ich hatte keine Wahl. Glaub mir, Frigga, es hat mir keine Freude gemacht.“ Doch er hat das Gefühl, dass der Wind ihn auslacht. „Stell dich nicht so an“, zischen tausend Wolfsstimmen. „Du bist um kein Haar besser als wir!“
Der Götterkönig ballt die Fäuste in der Dunkelheit. Aber im tiefsten Innern weiß er: Keiner hat nur einen einzigen Grund für das, was er tut. Wie oft ist er nach Utgard gereist, um seine Klugheit mit den besten Köpfen zu messen! Mit Rätseln und Wortspielen hat er um den Sieg gekämpft. Und manchmal hat er dabei um das eigene Leben gewettet. Derjenige, der keine Worte mehr fand, sollte sterben. Zu solchen heimlichen Begegnungen kam er zuweilen verkleidet, unter einem fremden Namen. War es wirklich nur sein Wissensdurst, der ihn trieb? Frohlockte er nicht jedes Mal, wenn er seinem Widersacher eine Falle stellte und ihn mit List und Tücke überwand?
Der scharfe Wind trägt ihm Stimmen zu, die ihn in Versuchung führen. Sie quälen und verletzen ihn, aber zugleich versuchen sie ihm zu schmeicheln. Wie schnurrende Katzen schmiegen sie sich um seine Gedanken. „Du wünschst dir Macht und Überlegenheit. Daran ist doch nichts Ehrenrühriges!“ knurren die Wölfe. „Nur wer stark ist, hat die Freiheit, zu tun und zu lassen, was er will. Komm mit uns! Werde ein Wolf! Schließ dich dem Rudel an!“ Odin hält sich beide Ohren zu, aber die Worte rinnen wie Wasser durch die Finger. „Denk daran, dass auch du vom Stamm der Riesen bist! „flüstert eine Stimme in seinem Kopf.
Die ganze Nacht hindurch kämpft er mit den Lockungen der Wölfe. Sobald der Morgen graut, reitet er weiter. Gegen Mittag lässt er den Eisenwald hinter sich und spürt die Sonne wieder im Gesicht. Es ist ein heiterer Tag, und Odin lebt. Noch am selben Abend reitet er über die Regenbogenbrücke in die Götterburg. Die Asen scharen sich um ihn. Lange waren sie ohne ihren Häuptling. Lange hat Frigga auf ihn gewartet. Doch sie fragt nicht nach, wo er war und was er getan hat. Wortlos nimmt sie ihn in die Arme. Dann richtet sie das Bad für ihn. Dort sitzen sie und schütten Wasser über die glühenden Steine, reiben einander mit Eschenlauge ein und schlagen sich mit Birkenreisern.
Später gehen sie Hand in Hand zum Abendessen. Die Asen setzen sich an die reich gedeckten Tische. Auf dem Dach steht wie immer, die Ziege Heidrun, deren Zitzen voll von Met sind. Sobald ein Krug geleert ist, braucht nur einer zu ihr hinaufzusteigen, um ihn wieder zu füllen. An den Wänden leuchten große Fackeln. Die Asen lachen, essen und trinken nach Herzenslust. Nur einer fehlt. Der blinde Hod bleibt Tag und Nacht für sich und lässt den Kopf hängen. Keiner geht mehr zu ihm, um ihn zu trösten.
Mitten im Mahl erhebt sich Odin und sucht ihn in seiner Kammer auf. „Hast du getan, wozu du aufgebrochen bist?“ fragt ihn der Blinde und greift nach seinen Händen. „Es ist geschehen, was Not getan hat“, antwortet Odin. Vater und Sohn sitzen sich schweigend gegenüber. Endlich fragt Hod: „Wird mein Warten noch lange dauern?“ Da spürt Odin, wie ihm die Augen tränen. „Nein“, sagt er, „bald ist es soweit.“
In dieser Nacht hat Odin einen merkwürdigen Traum. Er träumt von den Menschen, und sie tun ihm leid. Ihr Leben geht so schnell vorbei, und sie wissen fast nie, was sie tun und lassen sollen. Wie erschrockene Küken taumeln sie hin und her. Er träumt, dass er sich mitten unter ihnen niederlässt und versucht, sie um sich zu sammeln. „Ich will euch lehren, wie ihr leben müsst“, sagt er. Aber da hört er, wie jemand hinter seinem Rücken lacht, und die verstörten Menschen stieben piepsend auseinander.
Es ist Loki, der hinter ihm steht und lacht. „Du willst andere lehren?“ kichert er und schlägt einen Purzelbaum im Gras. „Ausgerechnet du?“ Davon erwacht Odin. Doch Lokis Gelächter will ihm nicht aus dem Kopf gehen. Lange liegt er mit offenen Augen da und denkt nach. Neben ihm liegt Frigga, und er lauscht ihrem leichten, sorglosen Atem.

 

3 nornen

Wenn Odin auf seinem Thron sitzt, kann er die ganze Welt überblicken. Sein Augenmerk gilt besonders seinen Kindern und Kindeskindern. Denn er hat viele Nachkommen unter den Menschen in Mitgard. Selten ist er zufrieden mit dem, was er dort sieht.
Diesmal fällt sein Blick auf einen seiner Urenkel, der Froda heißt und in Dänemark König geworden ist. Früher sahen alle zu ihm auf, denn er war streng, aber gerecht. Doch in letzter Zeit ist er hochmütig und habsüchtig geworden wie die meisten Mächtigen unter den Menschen.
Es hat damit angefangen, dass ein Mann namens Hängmaul an seinen Hof gekommen ist. Er hat ein wunderliches Geschenk mitgebracht: eine riesige Handmühle. „Oh“, sagte er mit einem schlauen Lächeln, „glaub nur nicht, dass das eine gewöhnliche Mühle ist! Mit ihr hat es eine besondere Bewandtnis. Sie kann alles herbei malen, was du dir nur wünschst. Verlangst du Gold und Silber von ihr, so genügt ein Wort, und sie bringt es hervor.“
Das gefiel dem König, doch bald zeigte sich, dass er sich zu früh gefreut hatte. Denn die Mühlsteine, die dazugehörten, waren so groß und so schwer, dass es kein Gespann in ganz Dänemark gab, das stark genug gewesen wäre, die Mühle herbeizuschaffen.
Das ärgerte den König über alle Maßen. Wo blieb nun das versprochene Gold? Musste er nicht das Gespött der Leute fürchten, die von seinem künftigen Reichtum gehört hatten? Am Ende lag sogar Hängmaul irgendwo auf der Lauer und lachte sich ins Fäustchen.
Da fuhr Frode zum Schwedenkönig nach Uppsala, um Hilfe zu holen. Er wusste wohl, dass der ein paar starke Riesenweiber in seinen Dienst genommen hatte. Zwei von diesen Leibeigenen kaufte er dem Schweden ab und nahm sie mit nach Hause. Nun mussten sie ihm die schwere Mühle samt den Mahlsteinen herbeischleppen, und kaum stand sie auf dem Hof, da befahl er ihnen, sie in Gang zu setzen. Erst mussten sie ihm Gold und Reichtum herbei malen. Dann verlangter er Glück und Erfolg, soviel die Mühle hergab.
Nun plagen sich die beiden Riesenmägde Tag und Nacht ab, aber Frode ist ein Nimmersatt. Er gibt ihnen nichts zu essen. Kaum dass er ihnen eine Viertelstunde Ruhe gönnt, um zu schlafen. Das geht so lange, bis die Riesentöchter die Geduld verlieren. Sie fordern die Mühle auf, anstatt Gold und Silber nun ein gewaltiges Heer von Kriegern herbeizumahlen, das König Frode das Fürchten lehren soll.
Noch am selben Abend kommt diese Streitmacht über das Meer, angeführt von einem Seekönig, der Mysing heißt und Frode erschlägt.
Doch die Riesentöchter täuschen sich, wenn sie glauben, nun hätte ihre Fron ein Ende. Denn nun lässt Mysing sie in Fesseln schlagen, und befiehlt, dass sie samt der Zaubermühle an Bord seines Schiffes gebracht werden. Bald zeigt sich, dass er um kein Haar besser ist als der Dänenkönig. „Mahlt mir Salz“, brüllt er, und die beiden müssen wie zuvor die schwere Mühle antreiben. Um die Mitternacht fragen sie, ob es nicht bald genug ist, aber der Seekönig schüttelt den Kopf und schreit: „Mehr! Ich brauche Salz, immer mehr Salz“ Bald ist das ganze Deck weiß von Salz. Nun haben die Trolltöchter es satt, geplagt zu werden. Sie lassen die Mühle immer weiter mahlen, bis die Ladung so schwer wird, dass das Schiff kentert und mit Mann und Maus im Meer versinkt.
Von dieser Nacht an schmeckt das Meer salzig. Und dort, wo Mysings Schiff untergegangen ist, mahlt die große Mühle bis auf den heutigen Tag und wirbelt die See auf. An dieser Stelle schäumt und braust der Maelstrom.

 

Das alles hat Odin von seinem Thron gesehen. Doch als er den Asen davon erzählt, lachen sie nur, als wäre es ein Märchen. „Was scheren dich die Menschen“, sagen sie, doch Odin schüttelt den Kopf. „Es ist zuviel Falschheit unter ihnen“, sagt er, „zuviel Gier und zuviel Bosheit.“ – „Ach, lieber Milchbruder“, lächelt Loki und schlägt ihm auf die Schulter. „Immer musst du alles schwarz sehen. Du übertreibst!“ Aber Odin schenkt ihm keinen Blick. Vielleicht wissen sie es nicht besser, denkt er. Vielleicht hat ihnen niemand gesagt, wie man leben soll? Er zieht die Kappe ins Gesicht und geht auf den Hofplatz. Ein kalter Wind weht ihm entgegen.
Die Tage sind kurz geworden. Der Wind kommt aus dem Norden. Odin weiß, dass auf einem Eisberg am Ende der Welt ein riesiger Vogel sitzt und mit den Flügeln schlägt. Es ist ein Riese, der das Flügelkleid eines Raubvogels trägt. Jedes Mal, wenn er seine Schwingen regt, erhebt sich ein Sturm. Odin geht trotzig dem eisigen Hauch entgegen. Hinter ihm öffnet sich einen Spalt weit eine Tür, und eine hohe Stimme ruft ihm nach: „Keiner kann sein Wesen ändern. Jeder bleibt, was er ist.“ Es ist Loki, der ihm das einreden will. „Was erwartest du von den Menschen? Sollen sie besser sein als wir? Glaub mir, Milchbruder, wir sind ihnen ähnlicher, als du meinst.“ Aber Odin hört nicht auf ihn. Er will nichts mehr von Loki wissen.
Den ganzen Winter hindurch zieht er sich zurück. Er will die dunklen Tage nützen, um den Menschen ein paar Lebensregeln zu geben. Er möchte sie Freundlichkeit und Gastfreiheit lehren und ihnen beibringen wie sie der Arglist und der Falschheit begegnen sollen. Auch will er, dass sie einsehen, wie leicht es ist, einen Fehltritt zu tun, den nichts wieder gutmachen kann.
Die andern Götter wissen nicht, was sie davon halten sollen. „Was verspricht er sich davon?“ fragen sie sich. „Für so etwas ist es längst zu spät. Die Menschen kann niemand mehr bessern.“ Odin aber lässt den Mut nicht sinken. Lange sitzt er am Feuer und grübelt, oder er steigt hoch in die Äste der Weltesche Yggdrasil und redet laut vor sich hin. Als der Winter endlich weicht und der Boden taut, sendet er seine Raben in alle Himmelsrichtungen hinaus. Sie sollen seine Regeln in ganz Mitgard verkünden.
Dies sind einige seiner Ratsprüche:

Du sollst dich nie deiner Tugenden rühmen.
Wer den Leuten klug und schweigsam kommt, geht selten fehl.
Auf das Wort dessen, der zuviel redet, ist kein Verlass.
Wer seine Zunge nicht im Zaum hält, kräht sich oft ins Unglück.
Sag, was nötig ist, oder schweige.
Solange du deinen Mund hältst, merkt niemand, dass du nichts weißt.
Wenn der Tor zu Gast ist, sitzt er und glotzt und murmelt vor sich hin. Kaum hat er den ersten Schluck genommen, beginnt er zu faseln.
Im Trinken halte Maß. Der Vogel des Vergessens kreist über dem Gelage. Je mehr du trinkst. desto rascher schwindet dein Verstand.
Das Vieh weiß, wann Zeit ist, von der Weide heimzukehren, aber der Törichte merkt nicht, wann er satt ist.
Auch den willkommenen Gast wird man leid, wenn er zu gehen vergisst.
Niemand wird dich schelten, wenn du zeitig zu Bett gehst.
Halte immer deine Waffen bereit, wenn du auf dem freien Platz bist, denn du kannst nicht wissen, wann du sie brauchst.
Der Mutlose denkt, wenn er den Kampf scheut, wird er ewig leben. Doch das Alter gibt auch dem keinen Frieden, den der Speer verschont hat.
Der Unkluge liegt immer wach und denkt an vieles. Wenn der Tag anbricht, ist er müde, und alles ist so wirr wie zuvor.
Der Gemeine sieht überall Gefahr, und den Geizigen graut vor jedem Geschenk.
Froh und freundlich soll ein jeder leben.
Das Vieh verendet, und die Freunde sterben. So stirbst auch du. Aber ein ehrenvolles Andenken kann dich überleben.
Guten Freunden sollst du Freude machen und lernen, für andre zu sorgen.
Nie sollst du es sein, der mit einer festen Freundschaft bricht. De Reue nagt an deinem Herzen, wenn du keinen hast, mit dem du deine Gedanken teilen kannst.
Hast du einen vertrauten Freund, so such ihn auf, so oft du kannst; denn das Unkraut wuchert schnell auf dem überwachsenen Pfad.
Sei Freund dem Freund und seinen Freunden. Doch nie sollst du dich mit des Freundes Feind befreunden.
Unter Ungetreuen flammt die Freundschaft fünf Tage lang auf wie ein Feuer, doch der sechste Tag löscht alles wieder aus.
Der Unkluge traut jedem Gutes zu, der ihm mit einem Lächeln begegnet. Er weiß nicht, dass hinter dem freundlichen Wort die Arglist lauert.
Merkst du, dass einer dir Böses antun will, so bring es ans Licht und gib deinem Feind keinen Frieden.
Einen so freigebigen Mann trag ich nie, dass er nicht selber beschenkt werden wollte.
Was die Alten sagen, darüber sollst du nie lachen, denn oft ist es gut und verständig.
Auf die frühe Saat ist kein Verlas. Auch deinem Sohn sollst du nicht zu früh vertrauen. Das Wetter herrscht über den Acker, und die Seele über den Sohn. In beiden kannst du dich täuschen.
Es kennt keiner den Tag, ehe die Sonne untergeht. Dein Schwert sollst du nicht loben, ehe du es gebraucht hast, das Eis nicht, bevor du das Ufer erreichst, das Bier erst, wenn es getrunken ist.
Früh aufstehen muss, wer Leben und Reichtum gewinnen will. Selten reißt der ruhende Wolf ein Lamm, selten wird dem Schlafenden der Sieg zuteil.
Dumm ist es, mit Dummen zu streiten. Verschwende keine drei Worte an nutzlosen Zwist. Der Kluge gibt nach, wo der Törichte zuschlägt.
Vertraust du dich einem andern an, so vergiss nicht: Was einer weiß, bleibt zweien nicht verborgen, und was drei wissen, wissen alle.
Sei klug genug, doch nicht allzu klug. Am leichtesten lebt, wer nur weiß, was ihm gut tut. Wer aber allzu gescheit ist, dessen Herz ist selten von Sorgen frei. Am fröhlichsten ist einer, der sein Schicksal nicht im Voraus kennt.
Niemand soll auf das Wort eines Mädchens bauen. Eine Frau ändert leicht ihren Sinn. Doch Wankelmut ist auch Männern nicht fremd. Keiner redet so falsch wie der Schönredner. Die nüchternsten Mädchen lassen sich durch süße Worte betören.
Willst du die Liebe einer Frau gewinnen, gib ihr Geschenke und schöne Worte und sage, wie schön du sie findest. Mit Schmeichelei haben schon viele gewonnen.
Eines anderen Frau sollst du nicht verlocken und heimlich zu deiner Freundin machen.
Ruhe nie im Schoß einer Trollfrau.
Keiner soll einen andern tadeln, wenn ihm zustößt, was so manchem widerfährt. Leicht macht sich auch der Klügste zum Narren, wenn die Liebe ihn überfällt.

Diese Ratschläge und viele andere gab Odin den Menschen. Weitererzählt und aufgeschrieben werden sie auf vielerlei Weise, aber ihr Sinn bleibt bestehen. Havamal werden sie genannt, und das heißt die Hohe Rede, weil sie aus dem Mund des Götterkönigs kommen.

 

Es sind wahrhaftig sonderbare Zeiten. Der Herbst war kein richtiger Herbst, der Winter kein richtiger Winter, und jetzt, wo der Frühling da ist, bleibt alles fahl und bleich.
Ein Schlitten fährt vor, von zwölf Rappen gezogen, mit einem Gefolge von allerhand Dienerschaft und geleitet von einer Kriegerschar aus Asgards eigener Reiterei.
Es ist Rinde, die in die Götterburg gekommen ist. Odin heißt sie willkommen. Er sieht ihr an, dass sie bald sein Kind zur Welt bringen wird. Doch sie ist unbeugsam wie eh und je. „Du hast mich holen lassen“, schnaubt sie. „Glaub nur nicht, dass ich aus freien Stücken gekommen bin.“ Noch am selben Abend fangen die Wehen an. Lange bevor der Morgen graut, hat sie einen Sohn geboren. Er ist groß und wohlgestalt, und im Nu kann er gehen und sprechen. Noch hat ihn die Mutter nicht gewaschen und gekämmt, da gibt Odin ihm ein Messer in die Faust und deutet auf Hod. Der Blinde steht ruhig da und wartet auf den Neugeborenen, der ihm entgegenstapft. Ohne ein Wort lässt er sich niederstechen.
„So ist es vorhergesagt, und so ist es geschehen“, spricht Odin und nimmt den Kleinen in den Arm. „Er ist mein Sohn! Er soll Wole heißen. Aus ihm wird einst ein mutiger Krieger und ein guter Bogenschütze werden. Hier in Asgard will ich ihm und seiner Mutter eine eigene Wohnstatt geben. Von heute an sollen sie beide als Asen gelten.“
Rinde aber reißt ihm das Kinde aus den Armen. „Was bist du für ein Mann?“ ruft sie wütend. „Was bist du für ein Vater?“ Sie fühlt, dass Odin sie und ihren Sohn missbraucht hat. Doch am Ende nimmt sie seinen Vorschlag an und bleibt bei den Göttern. Zeit ihres Lebens wird sie Russland nicht wiedersehen.
Auf diese Weise, mit List und Scharfsinn, hat Odin endlich Baldur gerächt. „Aber war es wirklich nötig, ein kleines Kind vorzuschicken?“ fragt Loki und spielt den Entsetzten. Doch weiß er so gut wie jeder andere, dass einer wie Wole vonnöten war, wenn die Blutrache ein Ende haben sollte. Er ist Odins Sohn und hat ein Recht auf Sühne. Doch was er tun muss, tut er, kaum dass er zur Welt gekommen ist, und das heißt, bevor er zählt, bevor er in die Schar der Asen aufgenommen worden ist, bevor die andern ihn als ihren Bruder anerkannt haben.
In dieser Nacht weint Odin um seinen Sohn Hod. In dieser Nacht muss Frigga ihn fest in ihre Arme schließen. Noch ist es lange bis zum Morgen.

 

Auf einer einsamen Insel weit draußen steht ein furchtbares Wesen angekettet, ein Untier mit Augen so groß wie Schilde und mit Zähnen so scharf wie lange Messer. Kaum dass der Wolf sich regen kann, so streng sind seine gewaltigen Tatzen gefesselt. Ein riesiges Schwert steckt mit der Spitze nach oben und dem Griff nach unten in seinem Rachen. Deshalb muss er immer seinen Schlund aufsperren, so weit es nur geht, so, dass ihm der Schleim wie ein Bach aus den Mundwinkeln rinnt.
Plötzlich stellt er die Ohren auf. Was ist das für ein Geräusch? Sind es Ruderschläge? Er reißt die großen, gelben Augen auf. Ein Mann kommt über die schwarze See gerudert und geht an Land. Der Wolf erkennt ihn wohl. Vorsichtig wedelt er mit dem Schwanz. „Vater“, röchelt er, „löse meine Fesseln! Binde mich los!“ Aber der Mann schüttelt den Kopf.
„Bald, mein Junge, bald“, sagt er. „Bald darfst du laufen, wohin du willst.“ – „Nein“, ächzt der Wolf. „Jetzt!“ Das Schwert in seinem Rachen zuckt. Das Zahnfleisch blutet. „Bald“, lächelt der Mann und krault das Untier hinter den Ohren. „Bald ist die Wolfszeit gekommen.“
Das Tier knurrt, aber der Mann lacht. Zusammen stehen die beiden unter den Sternen, der Fenriswolf und sein Vater Loki. Erst im Morgengrauen reitet er nach Haus.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an die Geschichtenliebhaber

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 9


Baldur

Von Tor Åge Bringsværd

baldur

Ganz sonderbare Winde fegen auf einmal über die Welt. Im Winter fällt kein Schnee mehr. Der Sommer ist verregnet. Wo sind die Fische im Meer geblieben? Und warum liegt ein gelber Schleim auf den Klippen am Strand? Das Vieh vergisst zu schlafen, Bäume stürzen um oder suchen einer beim andern Halt. So geht es in Mitgard zu und in Jotunheim, und sogar die Götter bleiben nicht verschont.
Die Asen sind beunruhigt. Sie haben sich an Urds Brunnen versammelt, um Rat zu halten. Aber keiner weiß eine Erklärung für die Unordnung, die über die Welt gekommen ist. Jeden Morgen setzt Odin sich unter den größten Weltenbaum, und Hugin und Munin, seine beiden Raben, hüpfen von Zweig zu Zweig. Er fürchtet, dass bald auch das Laub Yggdrasils anfangen könnte zu verwelken. Doch bisher ist die große Esche grün und saftig geblieben. Solange sie ihre Äste über die Welt ausbreitet, gibt es noch Hoffnung auf bessere Zeiten. So lauten die Weissagungen, und so steht es in mächtigen Runen geschrieben. Jede Nacht liegt Odin wach und lauscht den Wölfen, die den Mond anheulen. Unter seinen vielen Söhnen ist Baldur der jüngste. Er ist so schön, dass er beinahe an ein junges Mädchen erinnert, auch ist er von allen der sanfteste und der freundlichste. Breidablick heißt sein Hof und dort wohnt er mit Nanna, der treuesten aller Frauen, und ihrem Sohn Vorsete.
Früher haben manche sich über Baldur lustig gemacht, weil er so vorsichtig ist. Einen Schwächling haben sie ihn genannt, denn für Kampf und Streit hatte er nie viel übrig. Am liebsten wollte er mit allen in Frieden leben. Doch jetzt, da eine graue, hoffnungslose Decke wie ein großer Sauerteig, über der Welt liegt, betrachten ihn viele mit neuen Augen.
Jetzt heißt es auf einmal; Gut, dass wir Baldur haben. Solange er, der unschuldig ist wie ein Kind unter uns ist, können Gewalt und Bosheit nicht siegen. Es geht ein Leuchten von diesem hellen Gott aus, und alle, die in seiner Nähe sind, steckt er mit seiner freundlichen Miene an. Selbst die unverbesserlichen Lügner und Intriganten schweigen, wenn er kommt, und schlagen ihre Augen nieder.
Auch Odin möchte alles schützen, was auf der Erde lebt, aber vertraut am ehesten auf sein Schwert und seinen Speer, wenn es darum geht, der Gemeinheit und dem Verrat zu wehren. Ein freundliches Lächeln, denkt er, war noch nie imstande, einen gierigen Feind aufzuhalten. „Wenn ihr Frieden haben wollt“, brummt er, „müsst ihr euch auf den Krieg gefasst machen.“ Das sagt er allen, die es hören wollen. Aus diesem Grund war Baldur nie ein Sohn nach seinem Geschmack. Doch in der letzten Zeit sehen die Asen den Götterkönig immer öfter nach Breidablick reiten. Frigga, die immer eine Schwäche für Baldur hatte und ihn stets in Schutz genommen hat, freut sich sehr darüber, dass Odin sich ihm zuwendet.
Ja, die Zeiten haben sich geändert. Nichts ist mehr so, wie es war. Odin fühlt sich bedroht. Überall sieht er das Unheil mit bösen Augen und scharfen Zähnen lauern. Da kann es nicht schaden, auf der Hut zu sein. Vieles versteht Odin, aber manches ist ihm rätselhaft geblieben. Nun will er auch dahinterkommen, wie Baldur denkt. In Breidablick ist er immer willkommen. In letzter Zeit sitzen Vater und Sohn öfter beieinander, und ganze Abende lang gibt ein Wort das andere.
Warum ist Baldur immer so bleich und abgespannt? Ist er krank? Es sind die Albträume, die ihn heimsuchen. Er sieht, wie die Berge aufbrechen, als hätten sie offene Wunden. Er sieht brennende Wolken. Er sieht einen Winter, der nie zu Ende geht. Er sieht seinen eigenen Namen mit Blut geschrieben. Mitten in der Nacht wacht er schweißgebadet auf und erstickt einen Schrei mit der Bettdecke.
Von den anderen will er sich nichts anmerken lassen. Aber endlich wird es ihm zuviel, und er muss zugeben, dass er von schlimmen Ahnungen geplagt wird. Die Asen hören es nicht gerne; Denn Baldur war immer eine Lichtgestalt in Asgard, und wenn sogar er finster dreinblickt, ist das ein schlechtes Zeichen.
Auch Frigga ist bekümmert. Sie zieht nach Osten und Westen, Norden und Süden. Keiner soll Baldur etwas antun! Dafür will sie sorgen. Jeden Stein wendet sie um und untersucht jede Höhle. Allem, was da kriecht und läuft, fliegt und schwimmt, nimmt sie ein Versprechen ab: niemand soll Baldur etwas zuleide tun. Sogar Feuer und Wasser, Bäume und Felsen, Pest und Krankheit müssen ihr hoch und heilig schwören, dass sie ihren Liebling verschonen. Die Asen sind erleichtert, und Baldur ist froh. Zwar quälen ihn immer noch böse Träume, aber was sie ankündigen, hört sich wie eine leere Drohung an. Er kann hoffen, dass sie bald verfliegen werden, wie ein Schatten vor der Sonne.

 

Um seine Genesung zu feiern, richten die Götter ein großes Fest ein. Einer von ihnen kommt auf die Idee, das Schicksal auf die Probe zu stellen. Baldur soll als Zielscheibe dafür dienen. Alle werfen Steine auf ihn und beschießen ihn mit Pfeil und Bogen. Doch alle Geschosse prallen von ihm ab. Baldur lacht nur über den Hagel. Er ist unverwundbar. Die Götter jubeln.
Nur einer hält sich zurück und stimmt nicht in die Freudenrufe ein. Einer der die Fäuste ballt und sich davonschleicht. Es ist Loki. Voll Neid und Eifersucht schnaubt er: „Warum machen alle soviel Aufhebens wegen Baldur? Alle haben einen Narren an ihm gefressen. Und was ist mit mir?“ Die Wahrheit ist, dass die beiden sich nie leiden konnten. Aber nun hat Loki wohl den Kopf verloren. Als altes Weib verkleidet, sucht er Frigga auf. „Was ist denn mit Baldur geschehen“, fragt er sie. „Haben sich wirklich alle Dinge auf der Welt verschworen, ihn zu hätscheln?“ – „Ja“, antwortet Frigga stolz. Loki schlägt die Hände über dem Kopf zusammen vor Verwunderung. Frigga lächelt. Sie ist gut gelaunt, denn dies ist ein großer Tag für sie. Außerdem findet sie das alte Weib, das vor ihr steht, ziemlich komisch. „Bis du sicher?“ fragt Loki mit dünner, pfeifender Stimme und legt den Kopf schräg. „Jedes winzig kleine Bisschen soll dir versprochen haben, dass Baldur nichts geschieht?“ – „Fast“, sagt Frigga. „Nur im Westen Walhalls, da wächst eine kleine Mistel. Die kam mir so klein und unahnsehnlich vor, dass es lächerlich gewesen wäre, ihr einen Eid abzufordern. So ein winziges Zweiglein, dachte ich, kann doch keinen Schaden anrichten.“
Schon macht Loki sich auf den Weg, um die Mistel zu suchen. Er hat Glück und findet sie. Gleich bricht er den Zweig ab und nimmt ihn mit auf die große Wiese, wo die Götter immer noch bei ihrem Schützenfest sind.
Einer von den Asen, aber steht in der Ecke und nimmt an ihrem Spiel nicht teil. Er heißt Hod und ist ein Halbbruder Lokis. In den großen Kriegen hat er nie eine Rolle gespielt, und auch jetzt hält er sich im Hintergrund. Das hat einen einfachen Grund. Hod ist blind. Scheinheilig fragt Loki ihn. „Was ist mit dir mein Freund? Warum machst du nicht mit. Alle schießen auf Baldur und du siehst doch, dass ihm nichts geschieht.“ – „Du weißt wohl, dass ich blind bin und ihn gar nicht sehen kann“, sagt Hod. „Oh“, flüstert Loki ihm ins Ohr, „daran soll es nicht fehlen. Ich zeige dir, wie du zielen sollst.“ – „Ich trage keine Waffe“, antwortet Hod. „Dann nimm diesen Bogen und die Mistel hier, alle erweisen Baldur die Ehre, da kannst du nicht beiseite stehen.“ – „Gern“, ruft der Blinde dankbar und ergreift den Bogen. Loki führt seinen Arm. „Ein bisschen weiter nach rechts…. Noch ein bisschen…. So!“ Und Hod ruft: „Schau nur Baldur! Jetzt bin ich auch dabei.“ Baldur lacht und streckt ihm seine Arme entgegen. „Jetzt!“ flüstert Loki – und Hod lässt die gespannte Saite los.
Der Pfeil trifft Baldur, der einen hellen Schrei ausstößt und zu Boden sinkt. Der Pfeil hat ihn mitten in der Kehle getroffen. Baldur ist tot.
Es wird ganz still auf der großen Wiese. Die Asen trauen ihren Augen nicht. Dann erst bricht der Jammer los. Das, was sie um jeden Preis verhindern wollen, jetzt ist es geschehen. Nie hat ein schlimmeres Unglück Götter und Menschen getroffen.
Viele umringen Hod, um Baldur zu rächen. Einige deuten auch auf Loki. Aber Odin greift ein. „Haltet ein“, ruft er. „Dies hier ist ein geheiligter Ort. Es ist genug Blut vergossen worden an diesem Tag. Baldur war mein Sohn. Hod ist mein Sohn und Loki ist mein Milchbruder. Es ist sinnlos Vergeltung zu üben.“ Nie sahen ihn die Asen so alt und müde.
„Es war alles nur ein Missverständnis“, wimmert Loki und legt den Arm um Hods Schulter. „Keiner von uns hat das gewollt!“ Dann wendet er sich mit harten Worten Frigga zu: „Dir haben wir vertraut. Hast du uns nicht versichert, dass Baldur kein Leid geschehen kann? Wie sollten wir ahnen, dass du so leichtfertig warst und hier einen Strauch und dort einen Zweig auf Baldurs Heil einzuschwören vergessen hast? Es ist deine Schuld, dass es ein böses Ende mit ihm nahm!“ Loki hat sich in Hitze geredet, und er ist ein Meister darin, die Wörter so zu drehen, wie es ihm passt. Frigga wendet sich schluchzend von ihm ab. „Es ist Schicksal“, murmelt einer. „Was geschehen soll, geschieht“, sagt ein anderer. „Niemand kann sein Schicksal ändern. Baldurs Träume hätten uns eine Warnung sein sollen.“ – „Er ist tot“, weint Nanna, seine Frau. „Wir werden ihn nie wiedersehen.“ Aber da richtet Frigga sich auf. Der Trotz leuchtet aus ihren Augen. „Nein“, ruft sie, „ich gebe nicht auf. Ich will ihn wiederhaben. Wer von euch, wer von Odins Söhnen will mein Sendbote sein? Wer will meine ewige Dankbarkeit gewinnen und ins Totenreich reiten? Wer von euch spricht mit Baldur? Wer fragt Hel, die Herrin über das Totenreich, um welchen Preis sie ihn freigibt, so dass er zu mir nach Asgard heimkehren kann?“

 

Alle schweigen. Sogar Odin zögert und Thor schaut betreten zu Boden. Doch dann tritt Hermut hervor, der sich immer zurückgehalten hat. Man hat wenig von ihm gehört, obwohl er auch einer von Odins Söhnen ist, denn er ist zwar ein guter Kämpfer und berühmt für seine Reitkunst, doch drängt er sich niemals vor und lässt andere das große Wort führen. Nun aber sagt er. „Ich reite für Baldurs Mutter zu Hel ins Totenreich. Ihr müsst mir nur das beste Pferd gebe, das es gibt.“ Der Götterkönig nickt. Er befiehlt, dass Sleipnir, sein eigenes Pferd, gezäumt und gesattelt wird.
Hermut steigt auf den achtbeinigen Hengst und sprengt über die Regenbogenbrücke davon. Wie ein Gewitter dröhnt das Echo von Sleipnirs Hufen den Asen in den Ohren, bis es in der Tiefe des Nordens verhallt.
Nun müssen die Götter Baldur bestatten. Sie tragen seine Leiche zur Küste. Dort liegt ein großes Schiff vor Anker. Schon ist ein gewaltiger Scheiterhaufen auf dem Deck errichtet. Doch als sie versuchen, das Schiff aufs Wasser zu schieben, rührt es sich nicht von der Stelle. Nicht nur den Asen steht der Schweiß auf der Stirne, auch aus Mitgard und aus Jotunheim sind viele gekommen, um Baldur die letzte Ehre zu erweisen. Doch sosehr sie sich auch anstrengen, das Schiff liegt wie festgenagelt im Sand. Nicht einmal Thor gelingt es, den schweren Rumpf zu bewegen. Da stößt eine Riesin zu den Versammelten. Sie kommt auf einem Wolf geritten, den sie mit zwei Kreuzottern lenkt. Sie sieht, wie sich die Asen vergeblich abmühen, springt ab, spuckt in die Hände und schiebt das Schiff an. Wie durch Zauberei gleitet der schwere Rumpf so rasch über die Rundhölzer ins Wasser, dass er Funken schlägt.
Thor muss zusehen, wie ihn eine Riesin auf dem Feld schlägt. Wütend ruft er: „Das ist alles nur ein fauler Trick dieser Hexe. Der werde ich den Schädel mit meinem Hammer zertrümmern!“ – „Lass das“, sagen die Asen. „Was hat sie dir getan? Danken sollten wir ihr, dass sie uns geholfen hat.“ Und die Riesin steht breibeinig daneben und stützt die Hände auf ihre wuchtigen Hüften. „Seid froh, dass ich etwas für die Asen übrig habe“, sagt sie gelassen und zwinkert dem Donnergott zu, der sich am Bart zupft und grollt. Aber seinen Hammer muss er wieder einstecken.
Nun wird Baldurs Leichnam an Bord gebracht. Als seine Frau Nanna es sieht, bricht ihr das Herz vor Kummer. Auch sie wird tot aufs Schiff getragen und neben ihren Mann gelegt. Baldurs Pferd steht an den Mast gebunden, gebürstet und gestriegelt mit vollem Sattelzeug. Nun streift Odin sich Draupne, seinen wertvollen Ring vom Finger. Es ist sein kostbarster Goldschmuck, die Unterirdischen haben ihn einst, vor langer, langer Zeit, geschmiedet. Er hat Zauberkräfte. Jede Nacht träufeln aus ihm acht neue Ringe. Odin kniet neben Baldur nieder und legt Draupne auf seine Brust. Alle sehen, wie die Tränen ihm am Bart herab rinnen.
Dann wird ein großes Feuer entzündet. Thor tritt hervor und schwenkt seinen Hammer über den Flammen, um sie zu segnen. Ein Zwerg hat sich unter dem Kiel des Bootes versteckt. Thor versetzt ihm einen Tritt, so dass er kopfüber ins Feuer stürzt und wie ein kleiner trockener Zweig verbrennt. Die Taue werden gekappt und das Schiff gleitet endlich hinaus aufs Meer.
Am Strand schauen die Asen und die Walküren zu, wie es feurig in die offene See hinaustreibt. Odin hat seine beiden Raben auf den Schultern und hält Frigga an der Hand. Auch Freia ist, von ihren Katzen gezogen, mit ihrem Wagen gekommen. Frei kam auf Gullborste, dem riesigen Eber mit den schimmernden Borsten, geritten, und aus Walhall haben die Untoten sich eingefunden. Sogar die Riesen sind zur Stelle, und alle blicken dem brennenden Schiff nach, bis es wie ein kleiner Funken am Horizont verglüht.

 

hodur

Unterdessen ist Hermut auf dem Weg nach Niflheim. Neun Tage und neun Nächte reitet er durch dunkle, tiefe Täler, bis er den wilden, eiskalten Fluss erreicht, dort wo die Welt der Lebenden an die der Toten grenzt. Weit vorn sieht er es funkeln. Das ist die Brücke aus Gold, die er überqueren muss, um ins Totenreich zu kommen. Kaum ist er angekommen, da ruft eine Stimme „Halt!“ und der Schatten eines jungen Mädchens tritt ihm in den Weg. Ihre Aufgabe ist es, die Brücke zu bewachen. „Wie heißt du, von welchem Stamm bist du, und was begehrst du?“ fragt sie und tritt näher. „Du siehst gar nicht aus wie ein Toter! Und warum machst du soviel Lärm? Gestern sind fünf Scharen Gefallener über meine Brücke geritten und heute donnert sie unter dir, als wäre ein ganzes Heer unterwegs.“ – „Ich habe es eilig“, ruft Hermut. „Lass mich vorbei! Den, der vor mir kam, will ich einholen, bevor es zu spät ist.“ – „Wen meinst du? Ist er nicht einer von uns?“ – „Ja“, antwortet Hermut ihr. „Er ist tot wie du.“ – „Hat er einen Namen?“ fragt das Mädchen. „Baldur ist es. Himmel und Erde vermissen ihn. Ich habe seiner Mutter versprochen, bis nach Niflheim zu reiten, um nach ihm zu suchen. Ist er bei dir vorbeigekommen?“
Da legt die bleiche Jungfer ihm ihre eiskalte Hand aufs Knie und lacht mit gelben Zähnen. „Alle müssen diesen Weg gehen“, sagt sie. „Lass mich“, ruft Hermut und streift ihre Hand ab. „Gut“, sagt sie. „Ich erlaube dir, das Reich der Toten zu betreten. Aber woher willst du wissen, dass du es wieder verlassen darfst? Von hier aus ist noch keiner zurückgekehrt.“ – „Kommt Zeit, kommt Rat“, antwortet Hermut und sprengt über die leuchtende Brücke nach Niflheim.
Hier ist alles kalt, dunkel und klamm. Er kommt an einem See vorbei, an dessen Ufern verwesende Leichen liegen. Ihr Gestank steigt ihm in die Nase. Schwer zu sagen, ob es Menschen oder Tiere waren, was da verrottet. Hermut hat von diesem Ort gehört; er weiß, dass hier eine der drei Wurzeln der Weltesche Yggdrasil endet, und dass in der tiefe des Sees, eine wilde Schlange haust, die an dieser Wurzel nagt und nagt.
Er wagt es nicht, sich umzusehen, und reitet weiter, bis vor ihm auf der Straße eine turmhohe, unheimliche Barrikade aufragt, die aus morschen Gebeinen und wurmzerfressenen Schädeln aufgeschichtet ist. Er gibt Sleipnir die Sporen, und das achtbeinige Pferd springt mit einem großen Satz über die Sperre.
Nun ist der Hof der Herrscherin über das Totenreich nicht mehr weit. Er steigt vom Pferd und tritt ein. Hel empfängt ihn selbst. Sie ist groß und hager von Gestalt. Die eine Seite ihres Gesichts ist bleich wie Kreide, die andere blauschwarz wie ein Rabe. Weit hinten im Saal glaubt er zwei Tote zu erkennen, die dort aufgebahrt sitzen. Es sind Baldur und Nanna, seine treue Frau.
Hermut sagt nichts von seinem Anliegen. Er bleibt über Nacht, und erst am andern Morgen wendet er sich höflich an Hel, um seine Bitte vorzutragen. „Ich weiß wohl, warum du gekommen bist“, sagt sie. „Und was ist dein Bescheid?“ – „Die Antwort ist: Nein!“ – „Aber bedenke doch, die ganze Welt trauert um Baldur.“ Hel runzelt die Stirn. „Meine Aufgabe ist es nicht, der Welt eine Freude zu machen“, antwortet die Herrin über das Totenreich. „Was habt ihr nur mit euerm Baldur? Ist er so wichtig?“
„Keiner ist so geliebt worden wie er“, ruft Hermut. „Wir, die Asen, verlangen, dass du ihn uns zurückgibst.“ Hels Augen verdunkeln sich, als sie das hört. „Ihr verlangt etwas von mir, der Herrscherin über den Tod?“ – „Ich wollte sagen: wir bitten dich“, sagt Hermut rasch. „Wir flehen dich an.“ Hel ist aufgestanden. Sie wendet sich den beiden Toten zu, die stumm wie Steine dabeigesessen sind. „Hörst du Baldur? Die Götter flehen mich an.“, sagt Hel, und nun schnurrt sie wie eine Katze vor Behagen. „Was sollen wir ihnen antworten? Das will gut überlegt. O ja, ich weiß, wie man mit solchen Bittstellern umgeht.“ Langsam tritt sie Hermut entgegen und blickt ihm in die Augen. „Also gut, du sollst sie haben, alle beide. Aber nur unter einer Bedingung.“ Hermut traut seinen Ohren kaum. Freudig verspricht er ihr, auf alles einzugehen, was sie verlangt. Die Königin des Totenreichs streckt ihre blauen Nägel von sich und sagt mit einem boshaften Lächeln: „Es gibt mir zu denken, was du gesagt hast. Neugierig bin ich, ob es wahr ist, dass Baldur wirklich so vermisst wird, wie du behauptest. Ich nehme dich beim Wort, ich will dich auf die Probe stellen.“ – „Auf welche Probe? Was meinst du?“ fragt Hermut. „Pass auf und höre gut zu. Wenn die ganze Welt Baldur beweint, dann mag er samt seiner Frau nach Asgard zurückkehren. Aber freue dich nicht zu früh! Denn wenn es nur ein einziges Wesen auf der Welt gibt, das ihn nicht beweint, sei es ein Ase oder ein Mensch, ein Tier oder eine Pflanze, oder auch nur ein Stein – dann werden beide ewig dort bleiben, wo sie sind: bei mir! Nun geh, bevor ich es mir anders überlege!“
Hermut macht sich auf den Weg. Baldur und Nanna dürfen ihn ein Stück weit begleiten. Den Zauberring Draupne übergibt Baldur seinem Retter; er soll ihn Odin wiederbringen, als ein Andenken, und Nanna gibt ihm Geschenke für Frigga mit. „Bald werden wir dich abholen“, sagt Hermut und umarmt seinen Bruder. Aber der schüttelt den Kopf und antwortet ihm: „Das glaube ich nicht. Mein Mund ist voll von Asche.“ Hermut gibt seinem Pferd die Sporen, doch bevor er den Hof verlassen hat, bellt Hel ihm nach: „Du kannst ganz sicher sein, dass ich Gerechtigkeit walten lasse.“ Hermut reitet über die beinerne Sperre und überquert die goldene Brücke, bis er ins lichte Reich der Lebenden kommt. In Asgard angekommen, berichtet er, was er gesehen und gehört hat.

 

Nun senden die Asen Boten in die ganze Welt aus und bitten alles, was da lebt und webt, um Hilfe. Alles trauert: Menschen und Tiere klagen um Baldur. Selbst den Wölfen und den Hasen werden die Augen feucht, wenn sie an ihn denken, und die Trolle verbergen ihr Gesicht in den Händen. Sogar die ältesten Feinde der Asen vergießen ein paar höfliche Tränen, denn Baldur war etwas ganz Besonderes, und nie hat sich jemand um ihn beklagt. Himmel und erde laufen über von Tränen. Von Bäumen und Sträuchern rinnt das Nass. Die Steine schluchzen und die Berge stöhnen.
Als aber die Boten ihren Auftrag erfüllt haben und auf dem Heimweg sind, da begegnen sie einem alten Trollweib, das sich Tokk nennt. Auch sie wird gebeten, die Totenklage um Baldur anzustimmen. Doch sie zuckt nur die Schultern und sagt: „Was geht es mich an, dass einer der hohen Herren in Asgard gestorben ist? Lasst mich zufrieden mit eurem Baldur!“ Die Boten bitten Tokk, sich ihre Antwort noch einmal zu überlegen. „Weißt du was das bedeutet? Wenn du nicht um ihn weinst, kann er nie zurückkehren.“ – „Glaubt ihr Frigga, würde weinen, wenn ich einen meiner Söhne verlöre? Ich müsste lügen, wenn ich um den ihren jammern sollte. Hier, seht her!“ ruft sie und zieht ihr Augenlid herunter. „Meine Augen bleiben trocken. Ich habe in meiner Zeit schon zuviel geweint. Ich bin es leid das Klageweib zu spielen! Mag Hel ihre Beute behalten. Mir soll es recht sein!“
Und so kam es, dass Baldur bei den Toten bleiben musste. Aber wer war diese Tokk? War sie wirklich eine Trollfrau, die niemand kennt, oder einer, der berüchtigt ist für das Unheil, das er so oft gestiftet hat? War es nicht Loki, von dem es heißt, dass er sich mit Vorliebe in Frauenkleidern herumtreibt, wenn er etwas Böses im Schilde führt?
Er war es, und kein anderer. Von seiner eigenen Macht berauscht, glaubt er, kein anderer habe einen besseren Kopf, eine geschmeidigere Zunge als er. Warum soll immer Odin der Häuptling sein, denkt er, warum nicht ich? Er bildet sich ein, alle seien gegen ihn. Immer fühlt er sich zurückgesetzt. Er ballt die Fäuste, wenn er daran denkt. Aber dann lächelt er wieder selbstzufrieden und sagt sich: Habe ich nicht drei wunderbare Kinder? Den Fenriswolf, die Mitgardschlange, und vor allem Hel, die Herrscherin über die Toten! Ja, beschließt er dann, ich will ihnen ein guter Vater sein und es an nichts fehlen lassen, dass sie zu ihrem Recht kommen. Ich und meine Kinder, uns soll nichts und niemand im Wege stehen, denn wir sind mächtiger, als ihr alle ahnt!
Es wird Nacht, und lachend wandert Loki unter den Sternen.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an die Götter

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 8


Gott und Troll in einer Gestalt

Von Tor Åge Bringsværd

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Es ist Herbst geworden. Draußen an der Küste, zwischen Schären und Strandfelsen, dort wo König Raudung sein Reich hat, sind zwei Brüder zum Fischfang aufs offene Meer gefahren. Es sind Agnar und Gerod, die Söhne des Königs. Der ältere ist zehn, der jüngere acht Jahre alt.
Eine starke Strömung hat sie weit hinaus vor den Fjord getragen. Nun kommt auch noch ein starker Wind auf. Es herrscht ein starker Seegang und der Regen peitscht ihnen ins Gesicht.
Sie rudern aus Leibeskräften, aber es hilft ihnen nichts; Gegen Wind und Wetter kommen sie nicht auf , und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich auf den Boden ihres Bootes zu kauern, eng aneinandergeschmiegt, und darauf zu hoffen, dass der Sturm sich legt. Die Nacht bricht über sie herein wie ein Riesenvogel mit dunklen, nassen Schwingen.
Aber sie haben Glück im Unglück. Das Boot kentert nicht, und als sie am Morgen erwachen, ist der Wind umgeschlagen und hat sie in eine kleine Bucht getrieben. Noch dämmert es, doch das Unwetter hat sich verzogen. Agnar und Gerod waten an Land. Sie wissen nicht, wo sie gestrandet sind, aber in der Ferne sehen sie in einem kleinen Haus ein Licht. Dorthin wenden sie sich, durchnässt und zerzaust wie zwei halb ertrunkene Katzen. Ein armer Kleinbauer wohnt mit seiner Frau in der Kate. Das alte Ehepaar nimmt die beiden Jungen freundlich auf. „So bald werdet ihr wohl nicht heimfahren können“, sagen sie, „denn unsere Insel liegt weit draußen vor der Küste, viel weiter, als ihr denkt. Und bei diesem Wetter ist es nicht ratsam, eine so weite Strecke zu rudern. Der Herbststurm, den ihr erlebt habt, wird nicht der letzte bleiben. Bald wird es Winter, und dann erstarrt die Welt in Schnee und Eis. Nein, es ist besser, wenn ihr hier bleibt, bis der Frühling kommt.“
Und so ist es geschehen. Der Bauer und seine Frau haben sich herzlich gut um die beiden Königssöhne gekümmert. Auf diese Weise hatte jeder von ihnen einen Zögling: die Frau sorgte vor allem für Agnar, und Gerod hielt sich an den Alten, wenn er etwas brauchte oder Rat suchte. Die beiden Jungen mussten freilich im Haus und Hof mithelfen, draußen und drinnen, von früh bis spät. Oft waren sie am Abend so müde, dass sie am Tisch einschliefen. Trotzdem gefiel es ihnen auf der Insel. Jeden Tag gab es etwas Neues zu lernen. Es ging ihnen so gut, dass sie gar kein Heimweh spürten.
Auf diese Weise verging der Herbst und auch der lange, strenge Winter. Als aber endlich die Eiszapfen am Dachfirst schmolzen, da führte sie der Bauer hinunter zum Strand. Dort lag ein Boot und wartete auf sie. Es war größer und schöner als die alte Schaluppe, die der Bauer täglich brauchte, und viel besser als der alte, undichte Prahm, auf dem sie so weit hinausgerudert waren. Außen war es frisch gemalt und innen tüchtig geteert. Auch die Segel waren schon gesetzt und blähten sich fröhlich im Wind.
Da stehen die beiden nun und wundern sich. „Nur zu“, sagt der gastfreie Bauer. „Es ist alles bereit. Ihr könnt einsteigen. Wir haben frisches Wasser an Bord gebracht und soviel Wegzehrung, wie ihr für eure Reise braucht.“ Auch die alte Frau kommt herbeigehumpelt. Alle umarmen einander und nehmen Abschied.
Der Bauer flüstert zum Schluss seinem Liebling Gerod noch etwas ins Ohr. „Dieses Fahrzeug ist etwas Besonderes“, sagt er. „Kein anderes Boot kommt ihm gleich, denn ich habe es so gebaut, dass es dir wie ein Hund gehorcht und dich dorthin bringt, wo du willst. Es kennt deine Stimme und folgt dir aufs Wort. Es hört auf keinen andern als dich, mag er noch so laut rufen. Du allein kannst es steuern!“
Die beiden Königskinder legen ab. Agnar fragt seinen Bruder: „Aber wo in aller Welt ist denn das Ruder?“ – „Hier braucht es keine Pinne“, antwortet Gerod lachend, „und auch um das Segel brauchen wir uns nicht zu kümmern. Bring uns nach Hause“, ruft er und schlägt mit der Faust an den Mast.
Sogleich erhebt sich ein Windstoß und füllt das rotbraune Tuch, so dass die schwarzen Runenzeichen, die es trägt, erbeben. Das Boot flitzt davon, es tanzt über die Wellen, und die Insel verschwindet hinter ihnen in der Ferne. „Bring uns nach Hause“ Agnar kann es gar nicht fassen, dass das Boot gehorcht, und sein Bruder schüttet sich aus vor Lachen.

 

Die beiden Alten stehen immer noch am Ufer und winken, so lange, bis von dem Segel nur noch ein roter Punkt zu sehen ist. Dann wendet der Bauer sich seiner Frau zu, und auf einmal ist es, als fielen die Jahre von den beiden ab. Sie richten sich auf und wischen sich die Runzeln vom Gesicht. Aus dem Greis wird ein Mann im besten Alter, und auch die Frau sieht nun viel jünger aus.
„Es wird Zeit, dass auch wir nach Hause fahren“, sagt er und sie nickt. Der Bauer steckt zwei Finger in den Mund und pfeift. Sogleich ist hoch über den Wolken ein Wiehern zu hören, und im Galopp erscheint ein riesiger Hengst mit acht starken Beinen in der Luft. Dröhnend schlagen seine Hufe auf dem Hofplatz auf, und das Pferd hält vor den beiden inne. Der Bauer und seine Frau reißen sich ihre Lumpen vom Leib, und aus den Satteltaschen ziehen sie prächtige Gewänder hervor. Nun sind sie endlich wieder sie selber: Odin und Frigga, der König und die Königin der Asen.
Sie steigen auf den Rücken Sleipnirs, der sie über Land und See, über tiefe Wälder und hohe Berge davonträgt, nach Hause: Pfeilschnell bringt er sie über die schimmernde Regenbogenbrücke nach Asgard, in die große Götterburg im Zentrum der Welt.
Es geschah nicht zum ersten Mal, dass Odin und Frigga Menschengestalt angenommen haben. Odin ist immer ein Wanderer gewesen, und in letzter Zeit hat auch Frigga Lust gehabt, ihn auf seinen Streifzügen zu begleiten. Sie weiß, dass der Götterkönig sich danach sehnt, die Menschen zu verstehen. Er möchte wissen, was sie denken, glauben und meinen. Er will begreifen, wovor sie sich fürchten und worüber sie sich freuen. Wohl weiß er, dass ihr Leben nicht lange währt, dass es so kurz ist, dass sie beinahe mit dem Sterben anfangen, noch bevor sie gelernt haben, zu laufen und zu sprechen; aber dennoch kommt es ihm so vor, als gebe es keine anderen Geschöpfe auf der Welt, die so rätselhaft sind und so viele Widersprüche in sich tragen wie die Menschen. Einmal benehmen sie sich fast wie die Asen und dann gleichen sie wieder den Trollen. „Verstehe sie, wer kann“, sagt Odin oft. „Wie ist das nur möglich, dass es Wesen gibt, die zugleich Trolle und Götter sind, in ein und derselben Gestalt?“ Dann schüttelt er den Kopf und wundert sich.
Um der Sache auf den Grund zu gehen, reist er immer öfter nach Mitgard und es freut ihn, dass Frigga neuerdings gerne mitkommt. Dass die andern Asen sich über die Ausflüge der beiden lustig machen, merkt Odin nicht. „Frigga ist eifersüchtig auf die Menschentöchter“, flüstert einer dem andern zu. „Deswegen will sie Odin nicht aus den Augen lassen. Seine Abenteuer sind ihr nicht verborgen geblieben. Sicher glaubt sie nicht, dass es nötig ist, mit den Menschenkindern ins Bett zu gehen, nur um sie zu verstehen.“
Daran ist etwas Wahres, denn Frigga hat sich allerlei Gedanken gemacht über die Reiselust ihres Mannes. Aber nachdem sie ein paar dieser heimlichen Wanderungen und Maskeraden mitgemacht hat, muss sie sich eingestehen, dass ihr solche Abenteuer gefallen. Nicht nur, weil sie dabei manches Neue erfährt, sondern auch weil Odin und sie, als Fischer und Bauern verkleidet, zu einem neuen Einvernehmen gekommen sind; ja, sie sind sich vielleicht näher denn je zuvor.

 

Das verrät sie manchmal ihren Mägden, wenn sie im Bad sitzt und sich von ihnen am ganzen Leib waschen und bürsten lässt. Es sind drei, die sie bedienen: Fulla mit ihrem Goldreif um die Stirn und Haaren, die ihr bis ins Kreuz fallen; Hlin, die Friggas Schützlingen unter den Menschen beisteht; und Gnau, die immer, wenn es eilt, als Botin bereitsteht, denn als Reiterin stellt sie die meisten Männer in den Schatten, und ihr Pferd holt so leicht keiner ein.
Jetzt reibt Fulla die Füße ihrer Herrin mit dem Bimsstein ab. „Und jedes Mal wählt ihr eine neue Verkleidung, wenn ihr auf Reisen geht?“ fragt sie. „Wo denkst du hin!“ antwortet Frigga. Sie lacht – einmal, weil es sie kitzelt, aber auch, weil ihr eines dieser Abenteuer einfällt. „Damals zu Beispiel, im Süden…“ – „Erzähle!“ bitten die Mädchen, und sie fängt an: „Wir sind in ein Land gekommen, in dem Krieg herrschte. Zwei Völker lagen miteinander in Fehde, die Vandalen und die Vinilen. Wir hatten uns nicht vermummt, und so erkannten uns die Menschen gleich. Die Vandalen wandten sich an Odin und baten ihn um Hilfe. Aber er antwortete ihnen, siegreich würden die sein, die er morgens bei Sonnenaufgang als erste erblickte.“ Die Mädchen nicken. „Ja“, sagen sie, „Odin ist der Gott des Sieges. Er allein kann bestimmen, wer gewinnt und wer verliert.“ – „Aber zu mir sind sie auch gekommen“, erwidert Frigga. „Es war Gambara, die Mutter der beiden Vinilen – Häuptlinge. Sie kam in der Nacht, während Odin schlief. Sie hat mir vertraut. Warum hätte ich sie enttäuschen sollen? Ich gab ihr einen Rat, der nicht so schlecht war. Morgen früh, so sagte ich ihr, müsst ihr euer Haar lösen, alle Frauen der Vinilen. Dann bindet ihr es unter dem Kinn zusammen, so dass es aussieht, als trügt ihr einen Bart. Dann stellt ihr euch in Reih und Glied vor dem Haus auf, an der Seite, wo die Sonne aufgeht. Dort, wo Odin schläft, gibt es einen Fensterspalt. Sobald es hell wird, wird er hinausschauen und euch sehen.“ – „Und haben sie deinen Rat befolgt?“ wollten die Mädchen wissen.
Frigga lächelt. „Als Odin die Augen aufschlug, erblickte er draußen eine sonderbare Schar. Was sind das wohl für Langbärte, rief er, es sieht ganz so aus, als hätten sie ihre Greise in den Kampf geschickt. Mit grabeseiserner Miene stehen sie da, und manchen reicht der Bart bis auf die Knie.“ – „Hat Odin sich an sein Wort gehalten?“ wollen die Mägde wissen.
„Was blieb ihm anderes übrig? Ich habe ihn an sein Versprechen erinnert, und so musste er wohl oder übel die Vinilen siegen lassen. Von diesem Tag an gaben sie sich einen neuen Namen. Seitdem heißen sie Langobarden, und das heißt: die mit den langen Bärten.“ Frigga lacht und spritzt ihr Badewasser auf die Mägde.

 

Aber was ist unterdessen aus den beiden Seefahrern geworden? Ihr Boot bringt sie sicher nach Hause an König Raudungs Hof. Am Bootssteg springt Gerod als erster an Land. Aber statt anzulegen, schiebt er das Boot, in dem sein Bruder Agnar zurückgeblieben ist, wieder hinaus aufs Wasser. „Was fällt dir ein?“ ruft Agnar, aber der Bruder lacht ihm ins Gesicht und sagt: „Fahr wohin du willst! Meinetwegen sollst du bei den Trollen landen!“ Sogleich gehorcht ihm das Boot und sticht in See, so rasch, dass es vor dem Bug nur so schäumt. Agnar jammert und weint, aber es hilft ihm nichts, er wird davongetragen: Gerod aber steigt ganz allein zum Königshof empor. Dort wird er mit großen Ehren empfangen, denn Raudung, sein Vater, ist gestorben, und nun tritt Gerod seine Nachfolge an.
Odin und Frigga ahnen nichts von alledem. Sie haben ganz andere Dinge im Kopf, denn an diesem Abend soll in Asgard wieder einmal ein großes Fest gefeiert werden. Auf der großen Wiese sind Tische und Bänke aufgestellt, und die Asen sitzen im Schatten der großen Weltesche Yggdrasil. Durch das immergrüne Laub können sie die ersten Sterne funkeln sehen.
Alle sind froh, dass Frigga und Odin wieder nach Hause gekommen sind. Die beiden Raben Hugin und Munin haben sich auf den Schultern des Götterkönigs niedergelassen und reiben ihre Schnäbel an seinen Wangen. Zu seinen Füßen liegen die beiden Wölfe und wedeln wie zahme Hunde mit dem Schwanz. Aber am meisten freut sich Thor über die Rückkehr. Denn jedes Mal, wenn der Häuptling nicht zur Stelle ist, trägt er in Asgard die Verantwortung, und das ist ihm eine wahre Last. Nun kann er endlich wieder am Morgen ausschlafen und so viel Met trinken, wie er will.
Das Fest dauert die ganze Nacht. Die meisten Asen sind schon satt und zufrieden eingeschlafen und liegen unter dem Tisch. Andere tanzen und spielen noch, bis sie so müde geworden sind, dass sie kaum mehr wissen, wie sie heißen und wo sie sind.
Nur Odin behält einen klaren Kopf. Er will den Sonnenaufgang erwarten, und Heimdall, der Gott mit den goldenen Zähnen, soll ihn begleiten. Sie steigen auf den Himmelsberg, wo Heimdall seinen Wachtturm hat. Von dort aus hält er Tag und Nacht Ausschau, damit kein Feind sich unbemerkt an Asgard heranschleichen kann. Kein Troll soll unbemerkt über die Mauern der Götterburg klettern.
Heimdall hat immer eine Lure bei sich. Dieses gewaltige Horn setzt er an den Mund, wenn Gefahr droht. Sein dröhnender Ruf wäre über die ganze Welt zu hören, wenn er sein Alarmsignal bliese. „Eines Tages wird es soweit sein“, sagt Odin leise. Heimdall sieht ihn zweifelnd an. „Das sagst du so oft, dass ich dir bald glauben muss“, antwortet er, „aber mir gefällt dieser Gedanke ganz und gar nicht.“ Die beiden Götter sitzen beieinander und schweigen. Der Sonnenwagen rollt hoch über den Horizont.
Auf dem Heimweg hört Odin, wie hinter den Sträuchern und Bäumen jemand kichert und lacht. Es ist Frühling geworden, und überall regt sich ein neues Leben. Hie und da sieht er, wie sich hinter den grünen Zweigen, eine bloße Brust oder ein nackter Schenkel regt. Dort im Gebüsch blitzt ein heller Hintern auf. Er weiß dass es Freia ist, die Liebesgöttin, die hinter ihm her ist. Dauernd hört er ihre Katzen zischen und miauen. Aber Odin hat keine Lust, sich mit ihr einzulassen. Er wendet ihr sein blindes Auge zu und macht sich aus dem Staub. Vielleicht wird sie das kränken, aber er glaubt ihr keine Rechenschaft schuldig zu sein. Es ist zu spät für solche Spielchen, und das, was einmal war, ist nun Vergangenheit. Er hat nichts mehr übrig für durchsichtige Schleier und reizende Blumenkränze. Er hat ganz andere Dinge im Sinn. Zu Hause erwartet ihn Frigga. Er bettet sein Haupt in ihren Schoß und streicht ihr übers Haar. Nach so vielen unsicheren Jahren haben die beiden wieder zueinander gefunden.

 

Um die Mittagszeit sieht Odin in Walhall nach dem Rechten. Hier sind seine Untoten dabei, für künftige Kämpfe zu üben. Den ganzen Tag lang gibt es dort ein Hauen und Stechen, das kein Ende nimmt. Abends, wenn Andrimne, der Koch, sie zum Essen ruft, stehen die Gefallenen wieder heil und unversehrt auf. Odin schaut den Kriegern bei ihrem Treiben gerne zu. Er braucht sie, denn in Zukunft muss er auf alles gefasst sein. Es fällt ihm schwer, sich auf andere zu verlassen. Er selber muss sich um alles kümmern; sonst geht es in Asgard bald drunter und drüber. Was soll aus seinem Heer werden, wenn er kein Auge darauf hat? Doch er merkt auch, dass er nicht mehr der Jüngste ist. Oft wird er jetzt schon am Nachmittag müde. Es gilbt so viele Aufgaben, die ihn erwarten, und nicht einmal er kann überall zur gleichen Zeit zur Stelle sein.
Deshalb hat er in letzter Zeit Tyr und Thors Stiefsohn Ull damit beauftragt, das Waffenspiel der Untoten zu leiten, wenn er nicht da ist. Mutiger als Tyr, der seine Hand aufs Spiel setzte, um den Fenriswolf zu fesseln, ist keiner unter den Asen, und einen besseren Bogenschützen als Ull findet so leicht niemand auf der Welt. Tyr ist der große Heerführer, um den sich alle scharen, und wenn es um den Kampf Mann gegen Mann geht, weiß Ull mehr Kniffe und Tricks als irgendein anderer.
Anfangs fanden die beiden Asen wenig Geschmack an der Aufgabe, mit der Odin sie betraut hat. Doch mit der Zeit haben sie Blut geleckt, und jetzt gehen sie jeden Tag gerne auf den Kampfplatz. Ull ist nicht nur ein erfahrener Ringer und Faustkämpfer, er versteht sich auch auf andere Künste. Den ganzen Winter hindurch hat er den Untoten beigebracht, wie man sich auf Skiern bewegt, und nun wissen sie, wie man auf dem Schild in Schussfahrt einen steilen Hang hinabrast. Odin ist sehr zufrieden mit seinen Männern, die ihn mit lauten Zurufen feiern.

 

Thor sitzt unterdessen in seinem Wagen und lässt die Beine baumeln, während seine Böcke ruhig auf der Wiese grasen. „Hör mal, Vater“, sagt er, als Odin vorbeikommt, „was hast du dir nur dabei gedacht, als du mich zu deinem Stellvertreter gemacht hast? Dazu tauge ich doch am allerwenigsten! Das nächste Mal solltest du einen anderen unter deinen Söhnen aussuchen. Warum fragst du nicht Baldur? Er ist redegewandt und weiß immer, was er sagen soll, während ich jedes Wort dreimal im Mund herumdrehe, bevor ich es über die Lippen bringe. Du weißt doch, ich bin auffahrend und hitzig. Er ist mild und verständig. Jeden Streit renkt er wieder ein. Unfrieden und Zank weiß er zu vermeiden, und unter uns allen ist er gewiss der Gerechteste.“
Odin hört ihm lächelnd zu. „Du hast recht“, sagt er, „über Baldur kann man nur Gutes sagen. Aber du weißt auch, dass sich die Menschen immer an dich wenden, wenn sie Hilfe brauchen.“ – „Du, immer mit deinen Menschen!“ ruft der Donnergott und rauft sich die Haare. „Ich weiß nicht, was du mit denen hast. Nicht, dass du meinst, ich hätte etwas gegen sie, aber kannst du nicht zu Abwechslung einmal an etwas anderes denken? Sind sie denn wirklich so wichtig?“ – „Ja“, antwortet Odin mit ernster Miene und damit will er sich auf den Weg machen. Doch nun kommt Loki angerannt und ruft: „Warte doch auf mich, Milchbruder!“ Aber Odin geht ungerührt weiter. „Warum hast du nie Zeit für mich?“ jammert Loki, „wie lange ist es her, dass wir das letzte Mal miteinander auf Fischfang gingen?“ Odin tut so, als hätte er ihn nicht gehört, und lässt ihn stehen.

 

Viele Stunden verbringt er auf seinem Häuptlingssitz. Von dort kann er über die blauen Berge sehen. Nicht der kleinste Ort entgeht seinem Blick. Jede Grotte und jede Schneehöhle in Utgard und in Jotunheim, wo die Trolle umherschleichen, kann er unterscheiden. Sein Auge reicht bis zum großen, Gischt sprühenden Weltmeer, wo die Mitgardschlange sich träge um die ganze Erde ringelt, sich in den Schwanz beißt und lauert und lauert.
Aber am liebsten schaut er dem Treiben der Menschen zu. Nie wird er müde, die grünen Wiesen von Mitgard zu betrachten, die gelben Kornfelder und die emsigen Fischerdörfer. Er weiß sehr wohl, dass viele Menschen keinen klaren Begriff vom Leben und vom Tod haben. Meistens glauben sie, dass es große und geheimnisvolle Mächte sind, die ihr Schicksal lenken – manche, die hilfreich sind, und andere, die alles zerstören wollen. Und wo sind die Mächte zu finden? Wo lassen sich ihre Absichten entziffern? In Sonne und Wind, Donner und Feuer, Stein und Holz, im Rauschen der Wasserfälle und in den Tiefen der Gebirge. Oft schneiden sie Zeichen in Baumstämme oder ritzen sie in die Felsen ein. Das häufigste dieser Bilder ist das Rad, ein Zeichen für die Sonne. Nichts ist mächtiger als die Sonne, hört Odin sie flüstern. Ohne die Sonne kann es kein Leben geben. Der Götterkönig lächelt über das, was die Menschen glauben.
Viele tragen zum Beispiel einen kleinen silbernen Hammer um den Hals, als Schutz vor Gefahren. Damit wollen sie den Donnergott beschwören, vor dem sich alle unheimlichen Mächte, die Trolle und die Unterirdischen, fürchten. Andere suchen Beistand bei den anderen Asen. Der Bauer wendet sich an Frei, der Fischer und der Jäger an Njord, und wer sich nach Liebe sehnt, ruft Freia an. Alle halten sich an den Gott, der ihnen am besten helfen kann. Auch Holzfiguren schnitzen die Menschen, die sie an heiligen Orten unter offenem Himmel aufstellen. Dort schlachten sie Schafe und Ziegen und opfern sie. so dass ihr Blut über die Standbilder fließt. Ein Teil des Fleisches wird auf hohen Säulen den Göttern dargebracht; was übrigbleibt, essen die Leute, die am Opferfest teilnehmen. Dabei fehlt es nie an Met und Bier. Der erste Trinkspruch gilt immer Odin. Der Götterkönig auf seinem Thron sieht das alles und lächelt.
Aber an manchen Orten werden nicht nur Schafe und Lämmer geschlachtet. Odin sieht wie da und dort auch Hunde und Pferde mit Schlingen erwürgt werden. Es gibt Lichtungen und Haine, die nach Tod und Verderben stinken. Dort baumeln tote Menschen an den Ästen. Er sieht leibeigene Frauen, die vergewaltigt und erwürgt werden. Unglückliche, die ihren Herren auf die Scheiterhaufen folgen müssen, oder bei lebendigem Leibe von großen, brennenden Schiffen aus ins Meer geworfen werden. Das alles geschieht im Namen der Asen, und Odin auf seinem Hochsitz muss es mit ansehen. Immer öfter nimmt auch Frigga neben ihm Platz und schaut zu. Die Asen wundern sich. Hat Odin nicht allen verboten, auf dem Thron zu sitzen? Nur mit Frigga macht er eine Ausnahme.

 

Ron

Loki will sich nicht geschlagen geben. Er will unbedingt, dass Odin mit ihm fischen geht. Jeden Morgen steht er vor dem Spalt der Bettkammer, in der Odin ruht. und führt einen Tanz mit der Angelrute auf seiner Nase auf. Eines Tages sind es sogar zwei Ruten, die da draußen zappeln. Loki hat den armen Huhne mitgebracht, der immer so schüchtern ist, dass er kaum ein Wort über die Lippen bringt. Weil er so vorsichtig ist, halten ihn viele für einen Angsthasen. Doch Odin hat ihn immer gern gehabt. „Also gut, meinetwegen“, ruft er den beiden zu. „Hört auf zu drängeln. Ich komme mit.“
„Endlich“, freut Loki sich. Es ist ja nicht das erste Mal, dass die drei Asen etwas gemeinsam unternehmen. Viele Abenteuer haben sie früher miteinander geteilt. Schon haben sie die Regenbrücke hinter sich und durchwandern Mitgard. Der reißende Fluss dem sie folgen, windet sich durch eine hügelige Landschaft. Plötzlich erblicken sie einen Otter, der am Ufer sitzt, mit einem großen Lachs in den Fängen, den er gerade verschlingen will. Er hat in seiner Vorfreude auf den guten Bissen die Augen geschlossen. Da schleicht Loki sich an ihn heran und erlegt in mit einem Steinwurf. „Zwei auf einen Schlag“, prahlt er, nimmt die doppelte Beute mit, und sie wandern weiter.
Gegen Abend erreichen sie einen kleinen Bauernhof. Der Hausherr heißt Reidmar und versteht sich auf allerlei Zauberkünste. Die Asen bitten ihn um ein Nachtlager. „Wir haben genug zu essen mitgebracht“, sagen sie und zeigen ihre Beute her. Als der Bauer aber den Otter sieht, erbleicht er. Seinen Söhnen ruft er zu. „Dort liegt euer Bruder, der Otter! Und diese drei sind es, die ihn umgebracht haben.“ Ehe sie sich´s versehen, liegen die Asen gefesselt am Boden. „Wie kann das sein,“ fragt Loki, „dass euer Sohn ein Otter ist?“ – „Oh“, antwortet Reidmar, „hier im Haus verwandelt sich jeder, der Lust hat, in ein Tier. Was soll ich nur mit euch anfangen. Am einfachsten wäre es, ich schnitte euch die Kehle durch.“
Die Asen sehen ein, dass der Mann gefährlich ist. Zwar wäre es ihnen ein leichtes, ihn außer Gefecht zu setzen: Doch Odins Wille ist es, dass die Asen, wenn sie nach Mitgard gehen, auf ihre Macht verzichten und sich wie gewöhnliche Sterbliche verhalten sollen. Also schweigt Odin und harrt der Dinge, die da kommen werden. Huhne summt verängstigt vor sich hin. Nur Loki findet sich nicht so leicht damit ab, dass ein Bauer ihm droht. Er versucht es mit einer List. „Aber mein Lieber“, sagt er, „wir werden uns doch wohl handelseinig werden? Sag mir, was du als Wehrgeld verlangst, und ich will zahlen.“ – „So viel Gold habt ihr nicht, um mich zu versöhnen“, schnaubt Reidmar. „Sag das nicht“, lächelt Loki, denn nun weiß er, dass der Köder sitzt. „Über den Preis werden wir uns schon einigen können.“ – „Versprecht ihr, uns soviel Gold zu geben, wie wir verlangen?“ fragt der Bauer. „Das schwören wir“, antworten die drei Asen.
Die beiden Söhne binden sie los. Nun wird dem Otter das Fell abgezogen, und Reidmar hält es in die Höhe. „Hier, diese Haut sollt ihr mit dem rötesten Gold füllen“, sagt er. „Und dann sollt ihr sie von außen vergolden, bis kein Schnurrhaar mehr zu sehen ist.“ Die Asen finden den Preis recht hoch, doch versprochen ist versprochen, und so machen sie sich bereit zum Aufbruch. Aber die beiden Söhne versperren ihnen den Weg. „So haben wir nicht gewettet“, ruft der Bauer. „Ihr seid nicht die ersten, die versucht haben mich hereinzulegen. Zwei von euch will ich hierbehalten, bis der dritte mir das Gold gebracht hat.“ Die Asen beschließen, dass Loki gehen soll, er hat sich den Plan schließlich ausgedacht.
„Du weißt wohl, wie es deinen Freunden hier ergehen wird, wenn du nicht wiederkommst“, mahnt ihn Reidmar, und damit alle verstehen, wie er es meint, fährt er sich mit der flachen Hand über die Kehle.
Loki schreitet weit nach Osten aus. Er sucht den Meerestroll Ägir auf, der schon immer ein Freund der Asen war. Odin hat mit einer seiner Töchter ein Kind gezeugt, und das große Fest, das er den Asen gegeben hat, ist noch in bester Erinnerung. Nur mit Ägirs Frau Ron ist nicht gut Kirschen essen. Sie hat ja dieses große Netz, mit dem sie nicht nur Hummer und Fische fängt, sondern auch Seeleute und sogar ganze Schiffe! Nun bittet Loki sie, ihm dieses berühmte Netz zu leihen. Als sie das hört, schaut sie mit ihren kalten Dorschaugen mürrisch drein. Erst als Loki ihr versichert, dass es Odin ist, der das Netz braucht, wagt sie es nicht länger, ihm seine Bitte abzuschlagen.
Loki weiß, dass es einen Wasserfall gibt, in dem ein ungeheuer reicher Zwerg haust. Dieser Gnom heißt Andware und plätschert am liebsten in der Gestalt eines Hechts unter dem Wasserfall herum. Dort wirft Loki sein Netz aus, und wahrhaftig, bald hat er den mächtigen Fisch gefangen. „Zeige deine wahre Gestalt!“ ruft er, und sogleich verwandelt der Hecht sich in einen runzeligen Knirps mit Warzen auf der Nase und Haaren in den Ohren. Er zappelt hilflos in den Maschen und schnappt nach Luft. „Wenn dir dein Leben lieb ist, dann gib mir augenblicklich dein ganzes Gold heraus, das du im Berg versteckt hast“, Der Zwerg begreift, dass ihm keine andere Wahl bleibt.
Der Weg in seine Höhle ist eng und dunkel, und Loki kommt nur gebückt voran. Endlich aber langen sie in einer hohen Grotte an, in der es wie tausend Sterne glitzert. Andware fängt an, das Gold in einen großen Sack zu stopfen. Aber Loki hat ein wachsames Auge auf ihn und er bemerkt, dass der Zwerg versucht, einen kleinen Ring auf die Seite zu bringen. „Nichts da!“ ruft er. „Alles kommt mit!“ – „Lass mir wenigstens diesen Ring“, fleht der Zwerg, aber Loki bleibt hart, und so wandert auch der Ring in den Sack.
Als sie wieder ans Tageslicht treten, hält es Andware nicht länger, und er bricht in Klagen aus. „Wie soll ich nur ohne meinen Ring weiterleben“, jammert er. „Stell dich nicht so an! Er wiegt doch kaum ein halbes Lot“, sagt Loki. „Aber ich brauche nur an ihm zu drehen und einen Spruch aufzusagen, dann schafft er mir Gold herbei, soviel ich will. Mehr als du mir abgenommen hast!“ Der Zwerg schüttelt seine Faust und schwört: „Niemandem will ich meinen Zauberspruch verraten! Und ein Fluch soll über jeden kommen, der sich an dem Gold bereichert, das du mir geraubt hast. Tod und Verderben dem, der meinen Ring an den Finger steckt!“ Das kleine Gesicht ist rot vor Wut, doch Loki zuckt nur die Schultern und lacht ihn aus. „Mir soll es recht sein“, wirft er ein. „Ich richte es gern dem aus, bei dem die Beute landet. Ich selber brauche dein Gerümpel nicht, das kannst du mir glauben.“
Mit diesen Worten dreht er sich um und macht sich auf den Rückweg. Es geschieht dem wilden Bauern ganz recht, denkt er, wenn der Fluch des Zwerges über Reidmar kommt.
Als er aber das ganze Gold vor dem Geiselnehmer ausschüttet, nutzt Odin die Gelegenheit, den kleinen Ring zu stibitzen. Loki merkt es wohl, aber er sagt kein Wort. Nun fangen Reidmar und seine Söhne an, das Otterfell zu füllen, bis es ganz mit dem kostbaren Metall ausgestopft, aufrecht stehen kann. Es gilt, soviel Gold aufzuhäufen bis das ganze Tier bis zum Schädel darin verschwindet. Als es soweit ist, bleibt kein einziger Klumpen Gold übrig. Der Sack ist leer. Doch Reidmar ist immer noch nicht zufrieden. Er deutet auf ein winziges Schnurrhaar, der aus dem großen Haufen hervorguckt, und verlangt, dass die Asen es mit Gold bedecken. Odin zögert eine Weile, weil er den Ring am liebsten behalten hätte, aber am Ende weiß er keinen anderen Rat, als ihn herauszurücken.
Nun ist von dem Fell des Otters nichts mehr zu sehen. Die Asen haben ihr Versprechen gehalten. Aber bevor sie das Haus verlassen, wiederholt Loki den Fluch, mit dem der Zwerg seinen Schatz auf die Reise geschickt hat. „Tod und Verderben dem, der sich meinen Ring an den Finger steckt!“ Doch der Bauer und seine Söhne sind zu sehr damit beschäftigt, in ihrem Gold zu wühlen, als dass sie auf ihn gehört hätten.
Auf dem Heimweg macht Odin sich seine Gedanken über das, was in Reidmars Haus vorgefallen ist. Wenn ich nun den kleinen Ring behalten hätte, fragt er sich – was hätte Loki dazu gesagt? Vielleicht hätte er mir verschwiegen, wie gefährlich dieser Ring ist. Oder tue ich Loki Unrecht mit meinem Verdacht? Schließlich war er es, der sie durch eine List befreit hat. Immer dieser Loki, denkt Odin – nie werde ich ganz klug aus ihm! Genau in diesem Moment begegnen sich ihre Blicke, und Loki bricht in ein herzliches Lachen aus, dem weder Odin noch Huhne widerstehen können. Niemand auf der Welt hat ein so ansteckendes Lachen wie Loki. Dagegen, denkt Odin, ist kein Kraut gewachsen.
Plötzlich hören die drei ein lautes Grunzen. Ein riesengroßes Schwein kommt auf sie zu gerannt. Seine Borsten glänzen und schimmern, und auf dem Rücken trägt es einen geharnischten Reiter. Es ist Frei!
„Thor hat mich ausgesandt“, ruft er. „Wir fingen an, uns Sorgen zu machen, wo ihr bleibt. Sitzt auf! Gullborste trägt uns leicht alle vier nach Hause. Ihr müsst euch nur an den Borsten festhalten!“ Odin, Huhne und Loki steigen auf den gewaltigen Eber, und der rennt los, dass ihnen die Ohren sausen.

 

Als Frigga hört, was ihnen zugestoßen ist, fragt sie Odin: „Musst du dir solche Unverschämtheiten gefallen lassen? Dieser Reidmar – warum hast du ihn mitsamt seinen Söhnen nicht einfach wie ein paar Mücken an die Wand geklatscht?“ Odin zuckt mit den Achseln. Er ist müde und möchte schlafen, aber Frigga will ihm in dieser Nacht auf den Zahn fühlen. „Bist du nicht der Allvater?“ sagt sie. „Bist du nicht Herr über alles, was geht, kriecht und fliegt?“
Odin fallen schon die Augen zu. Er wendet sich ab, doch Frigga gibt nicht auf. „Nimm dir ein Beispiel an Thor. Auch der hat gerade einen kleinen Ausflug nach Mitgard gemacht“, sagt sie. „Ja, aber nur um zu raufen, wie es seine Art ist.“ – „Nein, sondern weil ihn ein König um Hilfe gebeten hat“, sagt Frigga.
„Ein Meersestroll hat ihm die Tochter geraubt. Dieser Riese ist ein Ungeheuer mit acht Armen, und er kann vier Schwerter auf einmal schwingen.“ – „Ja, ich weiß. Thor hat ihn dann mit seinem Hammer erledigt“, murmelt Odin müde. „Aber lass mich endlich schlafen!“ – „Der wagt es wenigstens einzugreifen“, fährt Frigga fort. „Er lässt sich eben nicht alles gefallen.“ – „Ein alter Raufbold ist er“, seufzt Odin. „Und warum solltest du dir weniger Respekt verschaffen als dein Sohn?“ fragt Frigga.
„Weil ich mehr Verstand im Kopf habe“, antwortet ihr Mann. „Übrigens wärst du nicht so begeistert von seinen Abenteuern, wenn er dein eigener Sohn wäre. Dann hättest du sicher mehr Angst um ihn.“
Thors Mutter ist nämlich nicht Frigga, sondern Jord, von der man nicht recht weiß, ob sie zu den Asen oder zu den Trollen gehört. Davon will Frigga aber nichts wissen. Schon ist sie drauf und dran, ihrem Mann all die Seitensprünge und Liebschaften vorzuhalten, die er sich im Lauf der Zeit geleistet hat, aber dann schluckt sie ihren Ärger hinunter und schläft ein. Odin aber wälzt sich im Bett hin und her und grübelt. Sie tut mir Unrecht, denkt er, Schließlich habe ich mich oft genug in das Leben der Menschen eingemischt. Aber was hat es genützt? Vielleicht habe ich mehr Unheil als Nutzen gestiftet? Natürlich, es ist für unsereinen ein leichtes, mit ihnen fertig zu werden, den Tisch umzuschmeißen, und wie Thor die Muskeln spielen zu lassen. Aber das Richtige zu tun, die Lösung zu finden, das ist schwer… Er seufzt. Er zählt die Balken an der Decke. Wie oft hat er seine schützenden Hände über die Leute gehalten! Sogar seinen Speer hat er ihnen geliehen. Ihr liebeskrankes Jammern hat er geduldig mit angehört, und manchen toten Helden hat er aus Walhall noch ein letztes Mal nach Hause ziehen lassen, damit er von seiner weinenden Geliebten Abschied nehmen konnte. Aber hat er damit klug gehandelt?
Die Geschichte von König Rehre und seiner Frau fällt ihm ein. Die haben ihn und Freia um Hilfe angefleht, weil sie kinderlos waren. Odin hat damals eine seiner Walküren an den Königshof geschickt. Sie flog in Gestalt einer Krähe hin und ließ einen Zauberapfel in den Schoß des Königs fallen, als er niedergedrückt auf einem Hügel saß. Rehre gab den Apfel seiner Frau. Sie aß ihn und wurde schwanger. Aber es zeigte sich, dass das Kind ihren Leib nicht verlassen wollte. Sechs Jahre verstrichen, ohne dass sie gebären konnte. Unterdessen war König Rehre auf einem seiner Kriegszüge gefallen. Die lebensmüde Königin ließ sich am Ende den Bauch aufschlitzen, damit das Kind endlich das Licht der Welt erblicken sollte. Es war ein Sohn, wohlgestaltet und groß. Er konnte gerade noch seine Mutter zum Abschied küssen, bevor sie starb. Wälsung haben sie ihn genannt, und er wurde König im Land seines Vaters. Später heiratete er die Walküre, die Odin mit dem Apfel gesandt hatte, und mit ihr zeugte er eine Tochter und zehn Söhne. Odin seufzt und stöhnt, als er daran denkt. Warum muss das Gute, das er tut, so schlimm enden? Warum kann er das Knäuel dieser Welt nicht lösen?

 

Am Morgen fütterte Frigga die Schwäne am Brunnen Urds, wo die drei Nornen wohnen. Es sind Urd, Werdande und Skuld, die Wissenden. Sie können alles sehen, was gewesen ist, was da ist und was da kommen wird. Das Wasser in Urds Brunnen ist heilig. Alles, was in diese Quelle eintaucht, wird so rein wie die weißeste Eierschale. Jeden Morgen sprenkeln die Nornen etwas von diesem Wasser Yggdrasil, damit die große Esche immer frisch und grün bleibt. Heute ist Frigga gekommen, um ihnen zur Hand zu gehen. Aber sie hat noch etwas anderes im Sinn. Es geht um Odin. „Wie schwer er es hat“, sagt sie. „Immer will er alles verstehen, und so grübelt er die ganze Nacht hindurch und findet kein Ende.“ Aber die Nornen schütteln nur lächelnd den Kopf. „Dann weiß er nicht mehr aus und ein“, sagt Frigga. Die Nornen lachen. „Es ist wahr“, sagt Urd, „keiner tut mehr für die Menschen als Odin.“ – „Ja“, sagt Frigga, „doch kostet es ihn große Mühe, sie zu verstehen. Bald weint er mit ihnen, bald lacht er sie aus, aber immer kümmert er sich um sie. Aber die Menschen sind nicht wie wir. Sie sind anders!“ – „Er hat sie doch selber erschaffen“, wirft Werdande ein. „In seinem Kopf geht es zu wie in einem Ameisenhaufen“, sagt Frigga. „Aber er ist der Albvater“, hält ihr Skuld entgegen und lächelt. Die drei Nornen wenden ihren Blick von Frigga ab und schweigen. Sie weiß sehr wohl, dass nichts und niemand sie zum Reden bringen kann, wenn sie ihre Geheimnisse wahren wollen.
Als sie nach Hause kommt, ist Odin fortgegangen. Sie findet ihn in Walhall. Dort sitzt er mit seinen Untoten Kriegern am Tisch und trinkt mit ihnen. Auch ein paar andere Asen haben sich eingefunden. Sie sehen auf, als Frigga eintritt, und sie hört, wie sie miteinander tuscheln.
Auch Freia ist da. Sie hat eine Katze auf beiden Schultern, und ihr Haar züngelt wie rotes Feuer über ihrem Kopf. Sie steht auf, als sie Frigga sieht, wirft ihr Trinkhorn zu Boden und läuft aus dem Saal. Nun setzt Frigga sich zu Odin, der ihr den Arm um die Schulter legt. Erst jetzt merkt sie, wie ihr die Knie zittern. Doch sitzt sie erhobenen Hauptes da; niemand soll merken, wie elend ihr zumute ist.

 

In Asgard verlief die Zeit langsamer als in Mitgard. Während im Leben der Menschen viele Jahre verstrichen sind, sind für die Asen kaum ein paar Tage vergangen. Auch darüber spricht Frigga, mit ihrem Mann. Wenn sie von ihrem Hochsitz aus auf Mitgard blicken, wundern sie sich, wie rasch dort alles hüpft und springt und zappelt. Selbst das langwierigste Drama ist da unten im Nu vorbei!
So geht es auch mit dem Goldschatz, den der habgierige Reidmar sich ausbedungen hat. Er hat sich geweigert, ihn mit seinen Söhnen zu teilen. Nun sehen sie, wie Fowne, der ältere der beiden, seinen Vater im Schlaf erschlägt. Schon kommt der jüngere dazu und verlangt seinen Anteil, aber der Mörder denkt nicht daran, etwas von seiner Beute abzugeben. Er droht seinem Bruder, und Regin, der jüngere, fürchtet um sein Leben und flieht. Aber das ist nicht das Ende der Geschichte; denn Fowne hat Angst, dass ihm jemand seinen Schatz rauben könnte. Deshalb verwandelt er sich in einen Drachen und baut sich ein Nest auf der Heide. Dort sitzt er auf seinem Haufen Gold und brütet vor sich hin.
Das alles sehen Odin und Frigga von ihrem Hochsitz aus. Sie sehen wie Regin einen Zögling in sein Haus aufnimmt, der Sigurd heißt. Den hetzt Regin nun gegen seinen Bruder auf. Den hetzt Regin nun gegen seinen Bruder auf. Er zeigt ihm, wo der Drache zu Tränke geht. „Dort musst du einen Stollen graben, in dem du dich versteckst. Dann wartest du, bis mein Bruder, das Ungeheuer, Durst hat, und sobald über den Pfad zum See kriecht, stichst du ihm von unten her mitten ins Herz!“ Sigurd folgt diesem Rat, und als der schwere Drache sich, Gift und Galle speiend, über sein Versteck wälzt, so massig, dass die Erde bebt, stößt er sein Schwert tief in Fownes schuppigen Leib.
Erst als der Drache tot ist, verrät Regin ihm, dass das Ungeheuer sein eigener Bruder war. Er möchte Fownes Herz, und er bittet seinen Zögling, es für ihn zu braten. Sigurd steckt den blutigen Klumpen auf einen Pfahl und hält ihn über das Feuer. Aber sobald er das Drachenblut schmeckt, versteht er, was die Vögel einander zuzwitschern. Sie sagen, dass Regin ihn betrügen will. Auf diese Warnung hört Sigurd. Er tut was die Vögel ihm raten, und bringt seinen Pflegevater um.

 

Odin, der das alles gesehen hat, seufzt. Es ist doch immer dieselbe Geschichte mit den Menschen, denkt er. auch Frigga ist es müde, immer auf denselben Fleck zu starren. „Vielleicht geht es anderswo weniger sinnlos zu?“ fragt sie. Odin lässt seinen Blick wandern. Wie ein Habicht schweift er über alle Dörfer in Mitgard, und plötzlich bricht er in ein größtes Gelächter aus. „Siehst du die beiden dort drüben?“ sagt er. „Das sind Agnar und Gerod. Erinnerst du dich an die beiden kleinen Jungen, die wir einst einen Winter lang auf einer Insel weit draußen im Meer auf einer Bauernkate aufgezogen haben? Jetzt sind sie schon erwachsen! Rate was aus ihnen geworden ist!“
Frigga beugt sich nach vorn, kneift die Augen zusammen und späht in die Tiefe. Ja, dort wohin Odin zeigt, erblickt sie Gerod, der es weit gebracht hat und als König auf einem prächtigen Hof sitzt. Aber wo ist Agnar, sein Bruder? Weit im Osten sitzt er in einer engen feuchten Höhle. Er ist schmutzig und trägt Lumpen. und verheiratet ist er mit einer zahnlosen Trollfrau. Seine Kinder spielen mit Würmern und Spinnen. „Siehst du, Frigga, was für ein erbärmliches Ende dein Ziehsohn genommen hat? Da ist der meine doch aus anderem Holz geschnitzt!“ Da ärgert sich Frigga über soviel Überheblichkeit, und sie fängt an, auf Gerod zu schimpfen. „Ja, er hat es geschafft zum König zu werden. Aber was ist er für ein unbeherrschter, ungehobelter Kerl. Zu alledem ist er auch noch ein übler Geizhals. Ich wette, dass er seinen Gästen nur Wasser und Brot anbietet.“ Das alles saugt sie sich aus den Fingern, um Odin zu necken, obwohl sie keine Ahnung davon hat, wie es im Hause Gerod zugeht. Ein Wort gibt das andere und am Ende beschließt Odin, selber zu seinem Ziehsohn zu fahren, um dort nach dem rechten zu sehen.
„Und du kommst mit“, sagt er zu Thor. Der hört es seufzend, denn er möchte lieber mit seinen Kämpfern in Walhall bleiben. „Frag doch Baldur“, der hat ohnehin nichts Besseres zu tun.“ Doch Odin winkt ab. „Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe“, brummt der Götterkönig, und sein Wort ist in Asgard nun einmal Gesetz.
Jetzt ist Frigga in der Klemme. Wenn es nicht so stimmt, was sie über Gerod gesagt hat, wird Odin ihr auf die Schliche kommen. Was kann sie tun, um ihn abzuschrecken oder wenigstens dafür zu sorgen, dass Gerod ihn übel aufnimmt? Sie ruft ihre Magd Fulla und trägt ihr auf, sogleich zu Odins Ziehsohn zu eilen. „Du musst meinem Mann zuvorkommen. Sobald du da bist, erzählst du Gerod, dass ein gefährlicher Landstreicher auf dem Weg zu ihm ist, ein Zauberer, der einen Fluch über ihn und seine Leute bringen will.“
So geschieht es auch, und Gerod dankt der Magd für ihre Warnung. „Aber woran kann ich diesen bösartigen Fremden erkennen?“ fragt er. „Ganz einfach“, antwortet Fulla. „Kein Hund auf der Welt, und sei er noch so scharf, wird es wagen, auf ihn loszugehen.“
Kaum hat sie sich aus dem Staub gemacht, da wird es sonderbar still auf dem Hof. Eine Gestalt im blauen Umhang steht vor dem Haus. Seinen Hut hat der Fremde tief in die Stirn gezogen. Die großen bissigen Hofhunde liegen flach vor ihm auf dem Boden und wedeln mit den Schwänzen. Dem König Gerod läuft es bei diesem Anblick kalt den Rücken hinunter. „Wie heißt du und wer bist du?“ fragt er den Fremden. „Grimme heiße ich, und Grimme bin ich“, antwortet der Mann, und das ist alles, was er sagen will. „Was willst du hier?“ fragt Gerod ihn, aber der Fremde gibt keine Antwort. Da wird der Hausherr zornig. „Ich werde dich wohl noch zum Reden bringen“, ruft er. „Bindet ihn und setzt ihn zwischen zwei Feuer, bis er den Mund auftut!“
König Gerod und seine Männer lachen sich ins Fäustchen. Sie schauen zu, wie die Flammen um das Gesicht des Gefangenen spielen. Schon raucht der Saum seines Mantels, und die Krempe seines Hutes ist angesengt. „Hast du bald genug? „rufen sie. „Gibst du endlich auf?“ Aber Grimme sitzt schweigend da, unbeweglich wie ein Stein.
Nun springt ein kleiner Junge herbei. Es ist König Gerods Sohn. Zehn Winter ist er alt, und er heißt Agnar, nach seines Vaters Bruder, den alle tot glauben. Vor langer, langer Zeit hat Gerod diesen Bruder verraten und ganz allein auf seinem Zauberboot ausgesetzt, weil er den Thron nicht mit ihm teilen wollte.
Nun aber steht der junge Agnar im Saal seines Vaters und sieht zu, wie der fremde Gast misshandelt wird. Das gefällt ihm nicht, obwohl es heißt, der Besucher sei vielleicht ein gefährlicher Zauberer. Er weiß, dass das, was er vorhat, seinem Vater ganz und gar nicht passen wird. Trotzdem füllt er nun ein ganzes Trinkhorn mit Wasser und reicht es dem Gefangenen, der es in einem Zug leert.
Da bricht der seltsame Gast endlich sein Schweigen. „Nie wirst du für einen Trunk schöner belohnt werden, Agnar“, sagt er. „Du aber, Gerod, hast sehr unklug gehandelt, und das wird dir übel bekommen. Ich war dir immer wohlgesinnt, aber du hast meine Gunst verscherzt.“ Mit einem Ruck erhebt er sich und sagt: „Hast du vergessen, wer dir das Leben gerettet und dich aufgezogen hat? Viele gute Ratschläge habe ich dir gegeben, doch du hast sie in den Wind geschlagen.“ Er wirft seinen Hut ab, und nun sehen alle, wie seine Augen funkeln. „Ich bin Odin“, ruft er. „Komm her zu mir, wenn du es wagst!“
Gerod ist die ganze Zeit mit dem Schwert auf den Knien dagesessen. Als er begreift, dass er fast den ganzen Bart des Götterkönigs verbrannt hätte, springt er auf um Odin loszubinden. Aber indem er aufsteht fällt sein Schwert zu Boden, die scharfe Spitze richtet sich auf, er stolpert und stürzt in die Klinge. Vom eigenen Schwert durchbohrt, stirbt König Gerod. Die beiden Feuer sind erloschen, und der Götterkönig ist verschwunden. Der junge Agnar tritt die Nachfolge seines Vaters an. Ob es ein Zufall ist, dass er auf den Tag genau zehn Jahre alt ist, ebenso alt wie sein Vatersbruder war, als er verschwand, damals, vor langer Zeit.
Frigga hat auf ihrem Hochsitz alles mit angesehen. Nun folgen ihre Augen Odin, wie er sich zornig auf den Weg macht. Hat sie nicht recht gehabt mit allem, was sie über Gerod gesagt hat? Ohne es zu ahnen, hat sie mit ihrer Lüge die Wahrheit gesagt. Sie weiß, dass der Götterkönig ihr diesen kleinen Triumph übelnimmt. Er wird nicht so bald nach Hause kommen. Wieder einmal zieht er nach Osten, in die wilden Berge von Jotunheim. Traurig verlässt sie die weite Aussicht und schließt sich in ihr Zimmer ein.

 

Was aber hat Odin vor? Er sucht eine Quelle auf. Der Weg dahin ist schwer zu finden und voller Rätsel. Er aber kennt jeden Stein und jeden Baumstumpf in der Einöde, und bald hat er gefunden, wonach es ihn verlangt.
Am Rand des Wasserlaufs, liegt der Kopf eines Mannes. Als Odin näher kommt, schlägt der Kopf die Augen auf und lächelt.
Es ist der Riese Mime, der hier liegt. Er und Odin sind Freunde aus alten Zeiten. Damals hatte Mime noch Beine, mit denen er gehen und Arme die er ausstrecken konnte. Aber im großen Krieg zwischen Asen und Wanen wurde er geköpft. Damals hat Odin ihm die stärksten Zauberlieder über sein entstelltes Gesicht gesungen und seinen Kopf mit heilenden Kräutern gesalbt, und so ist das Licht in Mimes tote Augen zurückgekehrt.
Bis heute lebt er in der Einsamkeit und bewacht die Quelle, die man Mimes Brunnen nennt. Ihr Wasser gibt jedem, der davon trinkt, Weisheit und Einsicht. Mime war immer schon der Klügste unter den Trollen, und jedes Mal wenn er seinen Durst an der Quelle stillt, wird er noch klüger als zuvor. Immer wenn Odin nicht mehr aus und ein weiß, kommt er zu ihm und sucht seinen Rat.
Eine ganze Nacht lang reden die beiden Freunde miteinander. Wie soll es weitergehen mit der Welt? Was hat die Mitgardschlange vor, die immer weiter wächst, und wer soll den Fenriswolf bändigen, der heult, als wolle er alles, was da lebt, verschlingen?
Aber auch über die Menschen zerbrechen sie sich den Kopf. „Dieser Gerod zum Beispiel“, sagt Odin. „Ich habe ihn doch selber erzogen. Alles was ich konnte, habe ich für ihn getan, damit ein aufrechter Mann aus ihm wird. Und was hat er getan? Seinen Bruder hat er verraten und ein böses Ende genommen.“
„So sind sie eben, die Menschen“, seufzt Mime. „Nicht einmal auf meinen Milchbruder kann ich mich verlassen“, fährt Odin fort. „Ich werde einfach nicht klug aus ihm.“ Er meint Loki. „Er kommt mir vor wie ein Mensch. Weder Fisch noch Fleisch! Gott und Troll in einer Gestalt!“
Odin ballt die Fäuste. „Und doch sind sie etwas Besonderes, die Menschen. Weißt du was mir an ihnen gefällt? Sie sind voller Leben. Bei uns in Asgard werden ja gar keine Kinder mehr geboren. Alles steht still. Wir bleiben unter uns. Das ist ein schlechtes Zeichen!“ – „Du hast recht“, nickt der Kopf. „Es kommt wohl vor“, sagt Mime, „aber selten genug.“
Odin wiegt den Kopf und meint: „Das hat nichts Gutes zu bedeuten. Ich fürchte, dass es die Menschen sind, in deren Händen die Zukunft liegt.“ Er brummt wie ein alter Bär. „Unsere Zeit neigt sich dem Ende zu. Fühlst du es nicht?“
Odin hat Mimes Kopf in seinen Schoß gebettet. Die beiden schweigen. Der Wind flüstert in den Kiefern. Die Sterne leuchten weiß. Auf dem Grund der Quelle glitzert etwas Helles. Das ist Odins Auge, das er einst zum Pfand geben musste, um aus Mimes Brunnen zu trinken. Es geschah vor langer Zeit. Damals waren sie beide jung und wussten nichts voneinander, und die Welt war neu.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

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