Organspende – Die spirituelle Dimension – Werner Hanne


Der Theologe Götz Wittneben im Gespräch mit dem Autor Werner Hanne. Auf Werbetafeln wird derzeit vom Gesundheitsministerium finanzierte Werbung für den Organspendeausweis gemacht nach dem Motto: „…egal wo, Hauptsache man hat ihn dabei“. Der Herr Minister Spahn, der 2006 eine Beratungsfirma für medizinische und pharmazeutische Firmen mit gründete (seine Anteile verkaufte er 2010), macht sich derzeit stark für die sogenannte „Widerspruchslösung“ bei der Organspende, wie sie in zahlreichen Ländern der EU gilt. Während bisher entweder der erklärte Wille eines Spenders vorliegen musste oder aber die Zustimmung der Angehörigen – zum Beispiel bei einem Unfallopfer, das mittels Apparatemedizin am Leben gehalten wird – soll künftig gelten: Grundsätzlich ist jeder „Organspender“, der nicht ausdrücklich widersprochen hat – jeder ist erst einmal „Pflichtspender“ sozusagen, wie auch die Werkseinstellung bei der App „Health“ in den iPhones bei Organspender ein „Ja „ voreingestellt hat. Wer bisher dachte, dass es doch ein gutes Werk sei, mit Organen von Unfallopfern anderen Menschen zu helfen, am Leben zu bleiben, der möge den Ausführungen von Werner Hanne folgen. Er beleuchtet den Transplantationsprozess von verschiedenen Seiten, damit ein jeder sich sein eigenes Urteil bilden kann. Das Unfallopfer wird künstlich am Sterben gehindert, der sogenannte und im Prinzip willkürlich definierte „Hirntod“, bei dem alle anderen Organe noch funktionieren, nur eben das Hirn nicht, bildet die Grundlage für die Überlegung, seine Organe zu entnehmen. Wird dies getan, wird der Mensch praktisch bei lebendigem Leibe (häufig wird der „Hirntote“ noch narkotisiert) aufgebrochen und ausgeweidet. Nur lebendes Gewebe kann transplantiert werden. Bei der Entnahme der Organe haben Schwestern auch schon Schweißperlen oder Unruhe bei den „Hirntoten“ wahrnehmen können. Durch das Engagement von Schwestern sind „Hirntote“ auch vor der Entnahme gerettet worden und leben heute ein normales Leben. Und der Empfänger? In dem Moment, da einem Menschen ein fremdes Organ transplantiert wird, muss er lebenslänglich sogenannte Immunsuppressiva einnehmen, also Medikamente, die das körpereigene Immunsystem unterdrücken, denn der Körper erkennt es als Fremdkörper und will es abstoßen. Pro Patient kommt da jährlich eine fünfstellige Summe zusammen. Qui bono? Aber wie fühlen sich Empfänger fremder Organe? Es gibt viele Berichte von Patienten, die starke Wesensveränderungen erfahren, Gelüste, Vorlieben und Leidenschaften verspüren, die sie bisher nicht kannten – die aber die Unfallopfer hatten. Wie denn das? Ist doch nur die Leber oder ein Hohlmuskel (Herz), der da verpflanzt wurde. Sollte das einem noch lebenden Menschen entnommene Organ weiter mit der Seele – oder dem Feld, das sich vom Körper beim Tod löst – verbunden sein? Da bei einer „Organentnahme“ meist alle Organe entnommen werde, für die eine Nachfrage besteht, landen diese in den Körpern verschiedener Menschen. Der „Spender“ wird also aufgesplittet auf mehrere Empfänger. Im Prinzip lebt also der Spender aufgeteilt weiter – und seine Seele? Ach ja, so etwas kennt die Medizin ja seit 100 Jahren nicht mehr. Da gibt es zwar eine Psyche oder ein Bewusstsein, aber das ist ja nach der materialistischen Auffassung nur eine Folge der Hirnaktivität, also nicht mehr vorhanden, wenn das EEG eine Null-Linie zeigt, Problem gelöst, Körper ist dann nur noch Materie, lukrative Handelsware. Weitere Informationen: http://www.organwahn.de

Gruß an die Erkennenden
TA KI
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Organspende: Der Körper als Ressource?


 

 

von Ulrike Baureithel

Mit medienwirksamen Aufregern war Jens Spahn (CDU) noch nie geizig. Anfang September erklärte der Gesundheitsminister in der „Bild“-Zeitung, er wolle die Organspende zum „Normalfall“ machen.[1] Künftig solle jeder Bundesbürger automatisch ein Spender werden, solange er oder die Angehörigen nicht ausdrücklich widersprechen.

Dass die Zahl der Organspenden hierzulande weit hinter dem Bedarf liegt, ist bekannt. Deshalb wird jedes Jahr Anfang Juni , wenn anlässlich des „Tags der Organspende“ die von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) veröffentlichten und seit Jahren rückläufigen Zahlen zum Spenderaufkommen kursieren, den Deutschen eine latente Schuldlast auferlegt. 2017 erreichten sie mit einem neuerlichen Rückgang von fast zehn Prozent ihren bisherigen Tiefststand: Von 797 Spendern konnten 2594 Organe entnommen werden. Die nachdrücklichen Appelle für den Organspendeausweis gehen alljährlich einher mit dem Hinweis auf die altruistischere Haltung in anderen europäischen Ländern und die vielen Kranken, die auf den Wartelisten ihrem baldigen Tod entgegensehen. Hartgesotten, wem kein schlechtes Gewissen aufblitzt, falls er keinen Organspendeausweis bei sich trägt.

In diesem Jahr wurde der Tag zusätzlich flankiert von der Forderung des Deutschen Ärztetags, das Transplantationssystem grundsätzlich zu verändern: Es könne von jedem Bürger und jeder Bürgerin erwartet werden, so der Antrag, dass sie sich mit der Problematik auseinandersetzten und im Falle einer tatsächlichen Ablehnung ihr „Nein“ zur Organspende formulierten.[2] Vorangegangen war ein Vorstoß der Bundesärztekammer, dessen Präsident, Frank Ulrich Montgomery, zu den Fürsprechern der sogenannten Widerspruchsregelung gehört, seit Jahren sekundiert vom SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Für diese gilt der Grundsatz, dass jeder so lange Organspender ist, bis er dem nicht aktiv widerspricht. So verfahren inzwischen viele europäische Länder.

Hierzulande gilt bislang nach wie vor die 1997 im Transplantationsgesetz (TPG) verankerte erweiterte Zustimmungslösung, nach der ein Organspender oder dessen Angehörige der Spende aktiv zustimmen müssen. 2012 wurde diese im Rahmen des Gewebegesetzes ergänzt durch ein Verfahren, das vorsieht, dass die Bevölkerung alle zwei Jahre von der Krankenkasse dazu angehalten wird, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Spendermeldung als lästige Pflicht

Während Spahns Amtsvorgänger Hermann Gröhe konsequent an diesem Weg festgehalten hat und Spahn diesem lange folgte, legt er als Gesundheitsminister nun eine plötzliche Kehrtwende hin. Dabei hatte er noch wenige Tage, bevor er das Thema in den medialen Erregungskreislauf brachte, sein „Gesetz für die bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende“ vorgelegt. Es handelt sich um die Umsetzung einer im Koalitionsvertrag beschlossenen Veränderung im klinischen Ablauf und reagiert auf die lange bekannte Tatsache, dass eigentlich die Krankenhäuser das Nadelöhr bei der Organspende sind.[3] Schon nach der Verabschiedung des TPG vor gut zwanzig Jahren berichteten Ärzte hinter vorgehaltener Hand, „dass niemand wild auf die Organentnahme“ sei und sie mit der Spendermeldung eher einer lästigen Pflicht nachkommen.

Auch die Klinikleitungen selbst haben kein großes Interesse daran, weil es sich bislang um ein Zuschussgeschäft handelt und die angespannte Personalsituation es oft gar nicht zulässt, den aufwändigen Prozess von der Erkennung des Hirntods über die Hirntoddiagnostik und das schwierige Gespräch mit den Angehörigen bis hin zur unter Zeitdruck stehenden Organentnahme abzuspulen. Daran änderten auch die von den Kliniken abzustellenden Transplantationsbeauftragten – die personelle Schnittstelle zwischen Intensivstation, Angehörigen und OP – nichts. An dieser Stelle setzt das Gesetz an: Es winkt den Krankenhäusern mit mehr Geld für die Explantation und den Koordinationsbeauftragten mit mehr Zeit und Macht, etwa durch den Zugriff auf die Patientenakten. Insgesamt soll das Gesetz den Anreiz erhöhen, mehr potentielle Spender zu melden. Befürwortet man die Organspende grundsätzlich, ist das durchaus rational und bewirkt möglicherweise eine Erhöhung des Organaufkommens.

Warum jedoch lässt Spahn seinem eigenen Gesetz gar nicht die Chance, entsprechende Effekte zu entfalten, sondern bricht eine Ad-hoc-Debatte vom Zaun, die, wie ihm seine Parteikollegin und gesundheitspolitische Sprecherin, Karin Maag, entgegenhält, eher zur Verunsicherung der Öffentlichkeit beiträgt?[4] Spahns Lust an profilträchtiger Kontroverse ist bekannt, wenn er auch eher als grobkantiger Polarisierer unterwegs ist, als dass er sich durch Nachdenklichkeit in sensiblen bioethischen Fragen einen Namen gemacht hätte. Tatsache ist, dass die verbale Zustimmung zur Organspende nach den Skandalen der letzten Jahre wieder gestiegen ist und der Anteil der Menschen, die einen Spenderausweis bei sich tragen, bei 36 Prozent liegt. Möglicherweise sieht Spahn darin ein Möglichkeitsfenster, die Widerspruchsregelung in einer fraktionsübergreifenden Initiative ohne allzu großen Widerstand durchs Parlament zu bringen.

Paradoxe Widerspruchsregelung

Spahn jedenfalls findet die „Pflicht“, „konsequenzlos ‚Nein‘ zu sagen“, wie sie sich in der Widerspruchsregelung niederschlägt, zumutbar, eine „Pflicht zu aktivem Freiheitsgebrauch“, wie er den Skeptikern den Wind aus den Segeln zu nehmen versucht.[5] Doch was bedeutet eigentlich eine „Spende“ – im christlichen Sinn ein Akt der Nächstenliebe –, wenn sie selbstverständlich von einem erwartet wird wie der Ablass im Mittelalter und gegen die man höchstens ein Widerstands- oder Abwehrrecht in Anschlag bringen kann? Eine Leibspende zumal, viel mehr also als eine Geldspende, die niemand „selbstverständlich“ erwartet, die aber steuerlich abgesetzt werden kann.

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, der Sozialethiker Peter Dabrock, sieht darin einen „tiefen Eingriff in das Selbstverfügungsrecht über den eigenen Körper“.[6] Schweigen werde auf diese Weise zur Zustimmung, und das ziehe einen „Paradigmenwechsel“ in einem „ganz zentralen verfassungsrechtlichen Bereich“ nach sich. Ähnlich sieht dies auch der ehemalige Bischof der Evangelischen Kirche, Wolfgang Huber, der vor „einer Art der Organ-Bereitstellungspflicht“ warnt.[7] Weniger religiös argumentiert der FDP-Vorsitzende Christian Lindner: Die Widerspruchslösung sei eine „Deformation des Selbstbestimmungsrechts“. Es dürfe keine „Art von sozialem Erwartungsdruck aufgebaut werden“, twittert er.

Durch diesen „Paradigmenwechsel“ würden aber nicht einmal die Angehörigen entlastet, denn Spahn verfolgt eine „doppelte Widerspruchslösung“: Nicht nur der Organspender wird gefragt, sondern im Spendenfall auch weiterhin Verwandte oder das enge soziale Umfeld. Das ist schon aus rechtssystematischer Sicht ein Paradox, denn in der Logik dieser Regelung stimmt ja zu, wer nicht widerspricht – weshalb dann noch die Angehörigen befragen, die ja nur den im TPG verankerten „mutmaßlichen Willen“ des Verstorbenen zu exekutieren haben? Ganz abgesehen von den rechtlichen Problemen, die selbst Ärztepräsident Montgomery einräumt, wenn er darauf hinweist, dass einem Patienten bei jedem noch so geringfügigen Eingriff das Einverständnis abverlangt werde, nicht aber bei einem so fundamentalen, wie ihn die Organspende darstellt.[8]

Das Ob statt das Wie diskutieren

Der Hinweis auf die todesbedrohten Patienten auf den Wartelisten von Eurotransplant, dem man sich, auch wenn man die Organspende ablehnt, kaum entziehen kann, rührt indessen an einem Tabu, auf das die Sozialethikerin Alexandra Manzei aufmerksam macht. Sie weist darauf hin, dass der Organmangel ursächlich auch etwas mit der medizinischen Unterversorgung der Patienten zu tun hat. Denn erstens werden immer mehr Diagnosen auf die therapeutische Möglichkeit der Transplantation verengt. Und zweitens sind transplantierte Organe nicht für die Ewigkeit gemacht, sondern werden regelmäßig abgestoßen. Beides erhöht ständig den Bedarf – zumal die rund 50 deutschen Transplantationszentren ein Interesse daran haben, möglichst viele Organe zu verpflanzen.[9]

Es war auch Alexandra Manzei, die in einer Talkrunde von Anne Will daran erinnerte, dass das Hirntodkonzept, das eine Organspende überhaupt erst ermöglicht hat, angesichts der neuen bildgebenden Verfahren in den vergangenen Jahren international zunehmend in Frage gestellt wurde. Das amerikanische President’s Council of Bioethicshatte schon 2008 festgehalten, „dass der anhaltende Dissens“ im Hinblick auf das Hirntodkriterium und die neuen empirischen Ergebnisse „eine erneute Debatte über den Hirntod“ erforderten.[10] Der Deutsche Ethikrat hatte dies ein paar Jahre später aufgegriffen, ohne allerdings nachhaltige öffentliche oder gar politische Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst sprach er sich in seiner späteren Stellungnahme für die Beibehaltung des Hirntodkriteriums aus, wohl wissend, dass sonst das gesamte System ins Wanken geriete.[11]

Doch um solche grundsätzlichen, das gesamte Transplantationssystem hinterfragenden Überlegungen – also das „Ob“ – geht es bei öffentlichen Debatten über Organspende schon lange nicht mehr, sondern nur noch um das „Wie“. Wie lange und intensiv wurde darüber diskutiert, wann der Mensch tot ist und nach welchen Kriterien Organe verteilt werden sollen. Aber auch die Situation der Organempfänger und ihre nicht nur medizinischen Probleme mit einem neuen Organ waren Gegenstand der Kontroverse. Solche fundamentalen Fragen hatten die parlamentarischen Debatten 1997 und sogar noch 2012 jedoch zu den „Sternstunden“ gemacht, von denen Jens Spahn nun so schwärmt.[12] Es ist bezeichnend und ein Indiz für den Grad der Normalisierung der „Pflicht“, dass jeder Einwand gegen die Widerspruchsregelung derzeit vorab begleitet werden muss mit einem pflichtschuldigen Statement zugunsten der Organspende. Zugleich bezweifelt andererseits niemand mehr den generellen Anspruch, den Patienten auf die Organe sterbender hirntoter Patienten haben, und es wird so getan, als ob der bundesweite Bedarf an Organen bei Einlösung der Bringschuld tatsächlich zu befriedigen sei.

Der »Normalfall« der Spende

Doch was bedeutet vor diesem Hintergrund der von Spahn eingeforderte „Normalfall“ der Organspende? Dass Organspende künftig das Sterben begleiten wird? Dass es normal wird, Körperteile zu spenden? Oder dass Organspende therapeutischer Normalfall wird? Oder handelt es sich um die Normalisierung einer möglichst breiten Mobilisierung von Organen zur zweckhaften Verwendung – ganz so, als ob es sich dabei um unbegrenzt auszubeutende Bodenschätze handelte? CDU-Gesundheitspolitiker Georg Nüßlein verhehlt nicht, dass bei der Widerspruchsregelung auch Standortargumente eine Rolle spielen: „Wenn wir nichts ändern, hängen wir uns von diesem besonderen Teil der Medizin ab“ und werden „im Bereich der Forschung und der Umsetzung nicht an der Spitze bleiben“.[13]

Dass das Transplantationssystem anfällig ist für Skandale, haben die letzten Jahre offenbart. Auch deshalb hat die Organspende in der Bevölkerung an Vertrauen verloren: Manipulierte Wartelisten, Unregelmäßigkeiten bei der Verteilung, Korruption und vieles mehr sind Begleiterscheinungen von Geschäftsfeldern, in denen es um viel Geld geht. Der Fall an der Uniklinik Essen, dessen leitender Transplantationsarzt in Untersuchungshaft sitzt, weil ihm vorgeworfen wird, den Tod eines Patienten aufgrund einer nicht notwendigen Transplantation zu verantworten, ist nur die Spitze des Eisbergs.[14] Aber selbst wenn man gegen alle Erfahrung davon ausginge, dass Weißkittel immer weiße Westen trügen – es bleibt bei vielen die Angst, als Träger eines Organspendeausweises schneller zum Hirntoten erklärt zu werden.

Die künftige politische Willensbildung im Parlament dürfte aber nicht nur von dem beschriebenen Normalisierungsschub beeinflusst werden, sondern vor allem auch durch die Haltung der AfD, die sich mit klobigen Worten gegen Spahn stellt und den Schulterschluss mit Christian Lindner sucht. Im konservativen Lager gibt es mittlerweile Unterstützer der Widerspruchsregelung, vereinzelt auch unter Grünen und Linken.[15] Ob es Spahn und Lauterbach allerdings gelingen wird, eine Mehrheit für die Widerspruchslösung zu organisieren, hängt auch davon ab, ob in der eingeleiteten Debatte jene Stimmen wieder hörbar werden, die den „Organbedarf“ anders begreifen als nur ein Problem der Ressourcenbeschaffung.

 


[1] Organe spenden soll Pflicht werden, in: „Bild-Zeitung“, 2.9.2018.

[2] Zit. nach „Ärzteblatt“, 10.5.2018.

[3] Zu diesem Schluss kommt auch eine aktuelle Studie von Kevin Schulte, Thorsten Feldkamp und Kollegen der Apollon Hochschule für Gesundheitswissenschaft Kiel, die die Realisierungsquoten von Organspenden an sechs Universitätskliniken in Deutschland untersucht haben. Diese liegen zwischen einem und 16 Prozent. Einen Grund sehen die Autoren in der Finanzierungslücke bei der Organentnahme. Vgl. „Deutsches Ärzteblatt“, 27-28/2018,
S. 463-468.

[4] Vgl. Spahns Vorstoß für Organspende spaltet Union in: „Stuttgarter Nachrichten“, 4.9.2018.

[5] Jens Spahn: Organspende – eine nationale Aufgabe in: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 5.9.2018.

[6] Peter Dabrock, Tiefer Eingriff in das Selbstverfügungsrecht. Interview im „Deutschlandfunk“, 4.9.2018.

[7] Wolfgang Huber bei „Anne Will“, 9.9.2018.

[8] Vgl. Kritik aus der Union an Spahns Vorschlag zur Organspende, www.zeit.de, 4.9.2018.

[9]  Vgl. Alexandra Manzei, Organmangel als strukturelles Problem der Transplantationsmedizin, in: „zur debatte“, 3/2013.

[10] Vgl. Controversies in the Definition of Death, Dezember 2008.

[11] Vgl. Deutscher Ethikrat: Hirntod und Entscheidung zur Organspende, Stellungnahme vom 24.2.2015.

[12] Vgl. Jens Spahn in der „FAZ“, a.a.O.

[13] Wir müssen die Voraussetzungen verbessern, dass Organe gespendet werden, in: „Deutschlandfunk“, 2.6.2018.

[14] Vgl. Todesfall an der Uniklinik. Transplantationsarzt sitzt in U-Haft in: „WAZ“, 4.9.2018.

[15] Vgl. Eine Frage des Gewissens, in: „Süddeutsche Zeitung“, 9.9.2018.

Quelle

Danke an Elisabeth

Gruß an die Erkennenden

TA KI

Organtransplantation und das Gedächtnis der Zellen


Viele Empfänger verpflanzter Organe zeigen später Verhaltensweisen und Vorlieben, die nur von den Spendern der Organe herstammen können.


Anm. d. Red.: Den Artikel können Sie hier als PDF herunterladen.

Einführung

Es wird grundsätzlich angenommen, dass Lernprozesse in erster Linie über das Nervensystem und in zweiter Linie über das Immunsystem ablaufen. Also dürften Patienten, die Organtransplantationen erhalten, keine Persönlichkeitsveränderungen durchlaufen und auch keine Charakterzüge der Spender annehmen. Wenn nach Transplantationen dennoch Persönlichkeitsveränderungen beobachtet wurden, dann erklärte man das mit den Nebenwirkungen der immunsuppressiven Medikamente, psychosozialem Stress und der bereits vorher vorhandenen Psychopathologie des Patienten.1,2,3

Die Theorie lebender Systeme betont jedoch ausdrücklich, dass alle lebendigen Zellen über ein „Gedächtnis“ und „Entscheidungsmechanismen“ verfügen.4 Überdies wurden im Rahmen der kürzlich vollzogenen Zusammenlegung der Systemtheorie mit der Energielehre (genannt Theorie dynamischer Energiesysteme) überzeugende logische Konzepte entwickelt, die zu der Annahme führen, dass alle dynamischen Systeme in unterschiedlichem Maße Informationen und Energie speichern.5,6,7 Dieser systemische Erinnerungsmechanismus auf organischer Ebene liefert eine plausible Erklärung für die Entstehung neuer systemischer Eigenschaften durch wiederholte Feedback-Interaktionen (also durch nicht linear ablaufende Zirkulation von Nachrichten und Energie, welche die Interaktionen der einzelnen Komponenten in einem komplexen, dynamischen Netzewerk reflektieren).

Feedbackschleifen kommen bei allen atomaren, molekularen und zellulären Systemen vor. Daher müssten die Belege für ein atomisch-sytemisches Gedächtnis, ein molekular-systemisches Gedächtnis sowie für ein zellulär-systemisches Gedächtnis auch auf diesen Ebenen zu finden sein.

Die Theorie systemischer Erinnerungsmechanismen dient als Erklärung für eine Reihe umstrittener und scheinbar abnormer Beobachtungen in der komplementären und alternativen Medizin, einschließlich der Homöopathie.8 Dies führt zu neuen Aussagen. Eine davon ist, dass sensible Empfänger von fremden Organen Details der Lebensgeschichte des Spenders durchleben können, die in dem transplantierten Gewebe gespeichert sind.

1997 erschien unter dem Titel „A Change of Heart“ ein Buch, das die Persönlichkeitsveränderung der Transplantationspatientin Claire Sylvia beschreibt.9 Sylvia bekam 1988 im New Haven Krankenhaus in Yale ein neues Herz und eine neue Lunge. Sie berichtet, wie sich verschiedene ihrer Ansichten, Gewohnheiten und Geschmacksneigungen nach der Operation veränderten. Mit einem Mal verspürte sie einen unerklärlichen Appetit auf Nahrungsmittel, die sie zuvor nicht gemocht hatte. So hatte sie etwa, als sie das Krankenhaus verließ, einen unkontrollierbaren Heißhunger auf Chicken Nuggets von einem Schnellrestaurant der Kentucky Fried Chicken Kette, etwas, was sie sonst nie aß, da sie eine gesundheitsbewusste Tänzerin und Choreographin war. Sie mochte plötzlich kühle Farben und trug nicht mehr wie früher knallrote und orangefarbene Kleidung. Sie legte ein aggressives und impulsives Verhalten an den Tag, das vollkommen untypisch für sie war, aber der Persönlichkeit ihres Spenders ähnelte. Interessanterweise wurde eine Packung unverzehrter Kentucky Fried Chicken Nuggets in der Jacke des jungen Mannes (des Spenders) gefunden, nachdem er gestorben war.

Der Co-Autor des Buchs, William Novak, befragte Experten zu der Möglichkeit zellulären Gedächtnisses. Pearsall vermutete, die immunsuppressiven Medikamente könnten möglicherweise die Empfänglichkeit von Patienten für zelluläre Erinnerungen in den transplantierten Organen erhöhen. Schwartz und Russek nahmen an, dass der Abstoßungs-
prozess möglicherweise nicht nur das Zellmaterial sondern auch die Informationen betreffe, die darin gespeichert sind.

Sylvia ist ein Einzelfall, denn sie hat eine besonders große Menge neues Gewebe empfangen (Herz und Lunge), war gesundheitsbewusst und emotional offen und sensibel. Schwartz und Russek meinten, sie könne die „weiße Krähe“ des zellularen Organgedächtnisses sein.

Der folgende Beitrag berichtet über in diesem Zusammenhang relevante Beobachtungen an zehn repräsentativen Transplantationspatienten, die bereit waren, über ihre Erfahrungen in Bezug auf Persönlichkeitsveränderungen nach der Operation zu reden, die die Theorie des Organgedächtnisses bekräftigen.

Um die Privatsphäre der Familien der Organspender und der Empfänger und ihrer Familien, sowie der Ärzte und Krankenhäuser zu schützen, werden Spender und Empfänger mit Nummern bezeichnet, außer wenn ihre Vornamen von Familienmitgliedern oder Freunden in den Gesprächen genannt werden. Alle Empfänger, sowie Familienmitglieder und Freunde der Spender wurden von Pearsall befragt, der die Gespräche aufzeichnete. Die Protokolle der Aufzeichnungen wurden von Schwartz und Russek analysiert, die dann auswählten, welche in diesen Beitrag aufgenommen werden sollten.

In jedem der zehn Fälle gibt es einen Bericht eines Mitglieds der Spenderfamilie (oder einer entsprechenden Person), den Bericht eines Empfängers (oder einer entsprechenden Person) sowie den eines Familienmitglieds oder Freundes des Empfängers. Spenderfamilienmitglieder, Empfänger, Empfängerfamilienmitglieder und Freunde werden unmittelbar aus den Gesprächsprotokollen zitiert. Persönliche Meinungen (einschließlich widersprüchlicher Aussagen) werden wörtlich wiedergegeben. Jeder Fall beschreibt zwei bis fünf charakterliche Veränderungen des Organempfängers, die den Wesenszügen des Spenders ähneln.

1. Fall

Der Spender war ein 18-jähriger junger Mann, der bei einem Autounfall ums Leben kam. Die Empfängerin ist ein 18-jähriges Mädchen, das nach einer Endokarditis an Herzschwäche litt.

Der Vater des Spenders, ein Psychiater, erzählte:

„Mein Sohn schrieb Gedichte. Wir haben über ein Jahr damit gewartet, sein Zimmer auszuräumen, nachdem er gestorben war. Wir fanden ein Heft mit Gedichten, die er uns nie gezeigt hatte, und wir haben niemandem etwas davon erzählt. Ein Gedicht hat uns emotional und spirituell besonders erschüttert. Darin spricht er davon, wie er seinen eigenen plötzlichen Tod sieht. Er war auch Musiker, und wir haben einen Song gefunden mit dem Titel „Danny, My Heart Is Yours“ – in dem er beschreibt, dass er glaube, es sei sein Schicksal zu sterben und sein Herz jemand anderem zu schenken. Er hatte beschlossen, seine Organe zu spenden, als er zwölf war. Wir fanden das ziemlich mutig, aber wir dachten, dass sie vielleicht gerade in der Schule darüber gesprochen hätten. Als wir die Organempfängerin kennen lernten, waren wir so … wir wussten nicht, was es war. Wir wissen es auch jetzt nicht. Wir wissen es einfach nicht.“

Die Empfängerin berichtete:

„Als sie mir Fotos von ihrem Sohn zeigten, erkannte ich ihn sofort. Ich hätte ihn überall sofort erkannt. Er ist in mir. Ich weiß, dass er in mir ist und mich liebt. Er hat mich immer schon geliebt, vielleicht zu einer anderen Zeit irgendwo. Wie sonst konnte er schon Jahre vorher wissen, dass er sterben und mir sein Herz geben würde? Woher sollte er wissen, dass ich Danny heiße? Und als sie mir dann seine Songs vorspielten, konnte ich die Sätze in seinen Texten zuende singen. Früher konnte ich kein Instrument spielen, aber nach der Transplantation fing ich an, Musik zu lieben. Ich spürte sie in meinem Herzen. Mein Herz musste sie spielen. Ich sagte meiner Mutter, ich wolle Gitarrenunterricht nehmen – das gleiche Instrument, das Paul (der Spender) gespielt hat. Seine Lieder sind in mir. Ich spüre es besonders nachts, und es ist, als spiele Paul mir etwas vor.“

Der Vater der Empfängerin berichtete:

„Meine Tochter war, wie man so sagt, eine Draufgängerin. Bis sie krank wurde – man vermutet durch einen Zahnarztbesuch – war sie eine ganz Wilde. Dann wurde sie sehr ruhig. Ich nahm an, dass das an ihrer Krankheit lag, aber sie sagte, dass sie mehr Kraft in sich spüre, nicht weniger. Sie wollte ein Instrument spielen und singen. Als sie ihren ersten Song schrieb, handelte er von ihrem neuen Herzen, welches das Herz ihres Geliebten sei. Sie sagte, er sei gekommen, um ihr das Leben zu retten.“

2. Fall

Der Spender war ein 16 Monate alter Junge, der in der Badewanne ertrank. Der Empfänger ist ein Junge, der zum Zeitpunkt der Transplantation sieben Monate alt war und an Fallot Tetralogie litt (einem Loch in der Herzkammerwand und einer Verschiebung der Aorta, Pulmonalstenose und einer Verdickung der rechten Herzkammer).

Die Mutter des Spenders, eine Ärztin, bemerkte:

„Ich konnte Jerrys [des Spenders] Herz nicht nur hören. Ich spürte es in mir. Als Carter [der Empfänger] mich zum ersten Mal sah, lief er zu mir, stupste mich mit der Nase an und rieb sie immer wieder an meiner. Es war genau das, was wir immer mit Jerry getan hatten. Jerrys und Carters Herz ist jetzt fünf Jahre alt, und Carters Augen sind Jerrys Augen. Als er mich umarmte, spürte ich meinen Sohn. Ich meine das nicht symbolisch, ich konnte ihn wirklich spüren. Er war da. Ich spürte seine Energie.

Ich bin Ärztin. Ich bin darin ausgebildet, genau zu beobachten, und ich bin immer schon skeptisch gewesen. Aber das war real. Ich weiß, die Leute werden sagen, dass ich daran glauben muss, dass der Geist meines Sohne lebt, und vielleicht stimmt das auch. Aber ich spürte es. Mein Mann und mein Vater spürten es auch. Und ich schwöre, Carter plapperte die gleichen Wörter in Babysprache, die Jerry immer sagte. Carter ist sechs, aber er redete in Jerrys Babysprache und spielte mit meiner Nase genau wie Jerry.

Wir übernachteten bei … [der Empfängerfamilie]. Mitten in der Nacht kam Carter zu mir und meinem Mann und wollte in unserem Bett schlafen. Er kuschelte sich zwischen uns, genau wie Jerry es immer getan hatte, und wir mussten weinen. Carter sagte uns, wir sollten nicht weinen, Jerry habe gesagt, es sei alles in Ordnung. Mein Mann und ich, unsere Eltern und alle, die Jerry wirklich kannten, haben keinen Zweifel. Es steckt viel von unserem Sohn in seinem Herzen, und es schlägt in Carters Brust. Auf eine gewisse Art lebt unser Sohn noch.“

Die Mutter des Empfängers berichtete:

„Ich sah, wie Carter zu ihr [der Mutter des Spenders] lief. Er tut das sonst nie. Er ist sehr, sehr schüchtern, aber er lief zu ihr, genau wie er immer zu mir lief, als er noch ganz klein war. Als er flüsterte „Es ist alles in Ordnung, Mama“, war das ein Schock. Er nannte sie ‚Mama’, oder vielleicht sprach da Jerrys Herz. Und noch etwas ging uns unter die Haut. Als wir mit Jerrys Mutter sprachen, erfuhren wir, dass er eine leichte Zerebralparese hauptsächlich auf der linken Seite hatte. Carter hat Versteifungen und manchmal auch Zuckungen auf genau dieser Seite. Er hatte das als Baby nicht, es begann erst nach der Transplantation. Die Ärzte sagen, dass es vermutlich etwas mit seiner Krankheit zu tun hat, aber ich denke, da ist mehr dran.

Da ist noch etwas, das ist nicht verstehe. Als wir zusammen in die Kirche gingen, hatte Carter Jerrys Vater noch nicht kennen gelernt. Wir waren spät dran, und Jerrys Vater saß in der Mitte zwischen einigen anderen Leuten. Carter ließ meine Hand los und lief geradewegs zu diesem Mann. Er kletterte auf seinen Schoß, umarmte ihn und nannte ihn ‚Daddy’. Wir waren vollkommen verblüfft. Woher kannte er ihn? Warum nannte er ihn Dad? So was tat er sonst nie. Er riss sich nie in der Kirche von meiner Hand los, und dabei lief er nie zu irgendwelchen Fremden. Als ich ihn fragte, warum er das getan habe, antwortete er, er habe es nicht getan. Er sagte, Jerry habe es getan, und er sei mitgekommen.“

3. Fall

Die Spenderin war eine 24-jährige Frau, die einen Verkehrsunfall hatte. Der Empfänger ist ein 25-jähriger Hochschulabsolvent mit Mukoviszidose, der eine Herz- und Lungentransplantation erhielt.

Die Schwester der Spenderin erzählte:

„Meine Schwester war ein sehr sinnlicher Mensch. Sie liebte die Malerei. Sie war unterwegs zu ihrer ersten Ausstellung in einer winzigen Kunstgalerie, als ein Betrunkener sie überfuhr. Es ist ein Laden, der homosexuelle Künstler unterstützt. Meine Schwester hat nicht offen darüber geredet, aber sie war lesbisch. Sie sagte immer, die Landschaften, die sie male, seien Darstellungen der Mutter oder der Frau. Eine Frau saß ihr nackt Modell, und sie malte eine Landschaft daraus. Können Sie sich das vorstellen? Sie war sehr begabt.“

Der Empfänger berichtete:

„Ich habe zuerst mit niemandem darüber gesprochen, aber ich dachte, ein Frauenherz würde mich schwul machen. Seit der Operation bin ich schärfer auf Sex als je zuvor, und Frauen kommen mir noch erotischer und sinnlicher vor, also dachte ich mir, vielleicht war es eine innere Geschlechtsumwandlung. Mein Arzt sagte mir, dass ich mich so fühle, läge nur an meiner neue Energie und an meinem neuen Leben, aber ich habe mich verändert. Ich weiß, dass ich mich verändert habe. Ich schlafe mit einer Frau, und ich weiß genau, wie ihr Körper empfindet und reagiert – fast so, als wäre es mein eigener Körper. Ich habe noch immer den selben Körper, aber ich glaube, dass ich jetzt wie eine Frau über Sex denke.“

Die Freundin des Empfängers sagte:

„Er ist jetzt ein viel besserer Liebhaber. Natürlich war er vorher schwächer, aber das ist es nicht. Es ist als kenne er meinen Körper genauso gut wie ich. Er möchte kuscheln, mich festhalten und sich viel Zeit nehmen. Er war schon vorher ein guter Liebhaber, aber nicht so. Es ist einfach anders. Er will mich dauernd in den Arm nehmen und einkaufen gehen. Meine Güte, er wollte nie einkaufen gehen! Und wissen Sie was: Jetzt hat er eine Handtasche. Er hängt sie über die Schulter und nennt sie seinen Beutel, aber es ist eine Handtasche. Er hasst es, wenn ich es sage, aber mit ihm ins Shoppingcenter zu gehen ist, als hätte man eine Freundin dabei. Und noch was. Er liebt Museen. Früher wäre er da auf gar keinen Fall reingegangen. Jetzt würde er am liebsten einmal die Woche gehen. Manchmal steht er minutenlang vor einem Gemälde ohne zu sprechen. Er liebt Landschaftsmalereien und starrt sie einfach nur an. Manchmal lasse ich ihn einfach dort stehen und komme später wieder.“

4. Fall

Der Spender war ein 17-jähriger schwarzer Schüler, der von einer Kugel aus einem vorbeifahrenden Auto getötet wurde. Der Empfänger ist ein 47-jähriger weißer Arbeiter in einer Gießerei, der an Aortenstenose litt.

Die Mutter des Spenders berichtete:

„Unser Sohn war auf dem Weg zum Geigenunterricht, als er erschossen wurde. Niemand weiß, wo die Kugel herkam, sie traf ihn einfach und er fiel auf den Boden. Er starb noch dort auf der Straße, die Arme um den Geigenkasten geschlungen. Er liebte Musik und seine Lehrer sagten, er sei sehr begabt. Er hörte Musik und spielte dazu. Ich glaube, er hätte eines Tages in der Carnegie Hall gespielt, aber die anderen Jungs habe sich immer lustig gemacht über die Musik, die er hörte.“

Der Empfänger berichtete:

„Es tut mir wirklich leid für den Jungen, der gestorben ist und mir sein Herz gespendet hat, aber ich habe ein echtes Problem damit, dass er schwarz war. Ich bin kein Rassist, nicht dass Sie das denken, überhaupt nicht. Die meisten [meiner] Freunde in der Fabrik sind schwarz. Aber die Vorstellung, dass da ein schwarzes Herz in einem weißen Körper ist, scheint mir wirklich … also ich weiß nicht. Ich sagte zu meiner Frau, dass mein Penis jetzt vielleicht so groß wie der eines Schwarzen wird. Man sagt, Schwarze haben einen größeren Penis, aber ich weiß nicht, ob das stimmt. Nach dem Sex fühle ich mich manchmal schuldig, weil ein Schwarzer mit meiner Frau geschlafen hat, aber das meine ich nicht wirklich ernst.

Da ist allerdings noch etwas. Ich habe klassische Musik immer verabscheut, jetzt liebe ich sie. Und ich weiß, dass es nicht an meinem neuen Herzen liegt, denn ein Schwarzer würde sich dafür nicht interessieren. Die Musik beruhigt mein Herz. Ich spiele sie ständig. Sie gefällt mir wahnsinnig gut. Ich habe keinem von meinen Kumpels erzählt, dass ich ein schwarzes Herz habe, aber ich denke viel darüber nach.“

Die Frau des Empfängers berichtete:

„Es war sehr beunruhigt, als er erfuhr, dass es das Herz eines Schwarzen ist. Er fragte mich tatsächlich, ob er den Arzt bitten solle, ob er warten könne, bis ein weißes Herz käme. Er ist kein Archie Bunker, aber es fehlt nicht viel. Er würde mich umbringen, wenn er wüsste, dass ich das erzähle, aber er hat zum ersten Mal seine schwarzen Kumpel von der Arbeit zu uns eingeladen. Es ist, als sähe er ihre Farbe nicht mehr, obwohl er manchmal noch darüber spricht. Er ist viel entspannter und gelassener in ihrer Gesellschaft, aber es ist ihm nicht bewusst.

Und da ist noch etwas. Er macht mich verrückt mit seiner klassischen Musik. Er kennt nicht ein einziges Stück beim Namen und er hat sie nie, wirklich nie zuvor gehört. Jetzt sitzt er stundenlang da und lauscht. Er pfeift sogar Musikstücke, die er gar nicht kennen kann. Woher er sie wohl kennt? Man sollte eigentlich meinen, dass er jetzt auf Rapmusik oder so was steht wegen des schwarzen Herzens.“

5. Fall

Die Spenderin war eine 19-jährige Frau, die bei einem Autounfall starb. Die Empfängerin ist eine 29-jährige Frau, die an Kardiomyopathie in Folge einer Endokarditis litt.

Die Mutter der Spenderin berichtete:

„Meine Sara war ein ganz liebenswertes Mädchen. Sie besaß ihr eigenes Naturkostrestaurant und schimpfte ständig mit mir, weil ich keine Vegetarierin bin. Sie war ein wunderbares Kind. Wild, aber wunderbar. Sie glaubte an freie Liebe und hatte alle paar Monate einen anderen Mann. Sie war schon als kleines Mädchen verrückt nach Männern, und das ist so geblieben. Sie konnte mir noch ein paar Dinge aufschreiben, bevor sie starb. Sie war schon so weit weg, aber sie erzählte immer wieder, wie sie den Aufprall des Autos gespürt hat. Sie sagte, sie konnte fühlen, wie es in ihren Körper drang.

Die Empfängerin erzählte:

„Sie können das von mir aus weitererzählen, aber man wird Sie für verrückt halten. Als ich mein neues Herz bekam, passierten zwei Dinge. Erstens, ich spürte seitdem jede Nacht, selbst heute noch manchmal, den Unfall, den meine Spenderin hatte. Ich fühle den Aufprall auf meiner Brust. Es knallt in mich hinein, aber mein Arzt sagt, alles ist in Ordnung. Außerdem verabscheue ich Fleisch. Ich kann es nicht ausstehen. Ich war McDonalds beste Kundin, und jetzt wird mir von Fleisch übel. Wenn ich es nur rieche, kriege ich Herzrasen. Aber das ist nicht die wirklich große Veränderung. Mein Arzt sagt, das kommt von den Medikamenten.

Was ich ihm nicht erzählen konnte, und was mich wirklich beunruhigt, ist, dass ich verlobt bin. Er ist ein toller Mann und wir lieben uns. Wir haben großartigen Sex. Das Problem ist, ich bin lesbisch. Zumindest dachte ich, ich wäre es. Seit meiner Transplantation, bin ich nicht … ich glaube nicht, jedenfalls … bin ich irgendwie halb oder schwach lesbisch. Ich finde Frauen immer noch attraktiv, aber mein Freund erregt mich, Frauen nicht. Ich habe überhaupt kein Verlangen nach einer Frau. Ich vermute, ich hatte eine Geschlechtstransplantation.“

Der Bruder der Empfängerin berichtete:

„Susie ist jetzt hetero. Das meine ich ernst. Sie war lesbisch, und ihr neues Herz hat sie hetero gemacht. Sie hat all ihre Bücher und Sachen über homosexuelle Belange weggeworfen und spricht überhaupt nicht mehr darüber. Sie war vorher richtig radikal. Sie hält mit Steven Händchen und kuschelt mit ihm, so wie meine Freundin mit mir. Sie spricht mit meiner Freundin über Frauensachen, während sie ihr früher immer nur Vorträge über die Schlechtigkeit sexistischer Männer gehalten hat. Und meine Schwester, die Königin des Big Mac, hasst Fleisch. Sie will es nicht einmal im Haus haben.“

6. Fall

Die Spenderin war ein 14-jähriges Mädchen, das bei einem Sportunfall starb. Der Empfänger ist ein 47-jähriger Mann, der an einem gutartigen Myxom und Kardiomyopathie litt.

Die Mutter der Spenderin erzählte:

„Sehen Sie sie sich an [sie zeigt ein Foto]. Meine Tochter war der Inbegriff von Gesundheit. Sie hatte nicht ein Gramm Fett zuviel. Sie war Turnerin, und ihr Trainer konnte sie mit einer Hand über seinen Kopf heben. Sie fand das Leben so aufregend, dass sie die ganze Zeit wie ein Kätzchen herumhüpfte und sprang. Sie hatte allerdings ein paar Probleme mit dem Essen. Sie ließ manchmal einfach eine Mahlzeit aus und eine zeitlang nahm sie Abführmittel. Sie litt wohl ein bisschen unter Appetitlosigkeit. Wir ließen sie eine Therapie machen, aber sie hatte wohl einfach nicht viel Interesse am Essen. Und sie kicherte so komisch, wenn sie verlegen war. Es klang wie ein kleiner Vogel.“

Der Empfänger erzählte:

„Ich fühle mich wie neu. Wie ein Teenager. Ich fühle mich fast ein bisschen überdreht. Ich weiß, dass es nur die Kraft des neuen Herzens ist, aber ich komme mir wirklich jünger vor, in jeder Hinsicht, nicht nur körperlich. Ich sehe die Welt mit anderen Augen. Ich bin wirklich jung im Herzen. Ich habe diesen nervtötenden Drang zu kichern, der meine Frau wahnsinnig macht. Und dann ist da noch das mit dem Essen. Ich weiß nicht, was es ist. Ich habe Hunger, aber nach dem Essen ist mir übel, und ich habe das Gefühl, es würde mir helfen, wenn ich erbrechen könnte.“

Der Bruder des Empfängers berichtete:

„Gus ist ein Teenager. Daran gibt es keinen Zweifel. Er ist ein Jugendlicher, oder zumindest hält er sich für einen. Selbst wenn wir Bowling spielen gehen, brüllt er und springt herum wie ein Verrückter. Und er hat dieses komische Lachen. Er hört sich an wie ein Mädchen, und das sagen wir ihm auch. Aber es ist ihm egal. Sein Appetit kam nach der Operation nie zurück. Ihm ist sehr oft übel. Nach dem Thanksgiving Dinner ging er hoch und übergab sich. Wir fuhren ihn zur Notaufnahme, aber es hatte nichts mit seinem neuen Herz zu tun. Sie meinten, es wäre vielleicht eine Reaktion auf irgendetwas im Essen. Allerdings wurde niemandem sonst aus der Familie schlecht. Er wird darauf achten müssen. Sein Arzt macht sich Sorgen wegen seines Gewichts.“

7. Fall

Die Spenderin war ein 3-jähriges Mädchen, das im Swimmingpool ertrank. Der Empfänger ist ein 9-jähriger Junge, der an Myokarditis und einem Septumdefekt litt.

Die Mutter des Empfängers sagte:

„Er [der Empfänger] weiß nicht, wer seine Spenderin ist oder wie sie starb. Wir schon. Sie ertrank beim Freund ihrer Mutter. Ihre Mutter und der Freund gingen aus und überließen sie einem Babysitter, einem jungen Mädchen, das gerade telefonierte, als es passierte. Ihren Vater habe ich nie kennen gelernt, doch die Mutter erzählte mir, dass die Scheidung sehr unschön gewesen sei und dass er seine Tochter nie besucht habe. Sie sagte, sie müsse viel arbeiten und wünschte sich, sie hätte mehr Zeit mit ihr verbracht. Ich glaube, sie fühlt sich ziemlich schuldig deswegen … wissen Sie, beide Eltern erkennen erst jetzt, wo es zu spät ist, was sie an ihrer Tochter hatten.“

Der Empfänger, der behauptete nicht zu wissen, wer der Spender ist, berichtete:

„Manchmal spreche ich mit ihr. Ich spüre sie in mir. Sie scheint sehr traurig zu sein. Sie hat große Angst. Sie sagt, sie wünscht sich, dass Eltern ihre Kinder nicht einfach beiseite schieben. Ich weiß nicht, warum sie das sagt.“

Die Mutter des Empfängers erzählte über den Empfänger:

„Also, was ich bemerkt habe ist, dass Jimmy jetzt Todesangst vor Wasser hat. Früher liebte er es. Wir wohnen an einem See, und er will nicht in den Garten gehen. Ständig verschließt er die Hintertür. Er sagt, er habe Angst vor dem Wasser und er wisse nicht warum. Er will nicht darüber reden.“

8. Fall

Die Spenderin war eine 19-jährige Frau, die sich beim Tanzunterricht das Genick brach. Die Empfängerin ist eine 19-jährige Frau, die an Kardiomyopathie litt.

Die Mutter der Spenderin berichtete:

„Wir haben Angela [die Empfängerin] kennen gelernt, und sie ist unserer Tochter [Stacy] wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie könnten beinahe Zwillinge sein. Sie sind beide kluge Mädchen, ich meine, meine Tochter war auch klug. Sie wollte Schauspielerin werden, aber wir glaubten, dass sie viel eher für einen akademischen Beruf geeignet sei. Ihr Vater ist Arzt, und er wollte unbedingt, dass sie das auch wird.“

Der Vater der Spenderin berichtete:

„Stacy war äußerst intelligent. Es ist so tragisch. Sie wäre eine hervorragende Ärztin geworden, aber sie wollte tanzen und singen. So ist sie auch gestorben. Sie stürzte im Unterricht. Wir haben oft freundschaftliche Diskussionen darüber geführt, wie enttäuscht ich sein würde, wenn sie nach Hollywood ginge statt nach Harvard. Ich hoffe, sie wusste, dass ich nur wollte, dass sie glücklich wird.“

Die Empfängerin berichtete:

„Ich betrachte sie als meine Schwester. Ich glaube, dass wir in einem früheren Leben Schwestern waren. Ich weiß nur, dass die Spenderin so alt wie ich war, aber das allein ist es nicht. Ich spreche mit ihr, nachts oder wenn ich traurig bin. Ich spüre ihre Antworten. Ich spüre es in meiner Brust. Ich lege meine linke Hand darauf und presse sie mit meiner rechten. Es ist, als könne ich Verbindung zu ihr aufnehmen. Manchmal wirkt sie traurig. Manchmal glaube ich, sie wollte Krankenschwester werden, aber dann wieder, dass sie an den Broadway wollte. Ich glaube, sie wollte lieber zum Broadway. Ich möchte Krankenschwester werden, aber ich könnte auch Ärztin werden. Ich hoffe, dass sie glücklich ist, denn sie wird immer mein Engel sein, die Schwester in meiner Brust. Ich nehme meinen Engel überall hin mit.“

Die Mutter der Empfängerin erzählte:

„Manchmal hören wir, wie sie mit ihrem Herz redet. Es klingt ein bisschen wie ‚Liebes Tagebuch’. Sie legt ihre Hand auf die Brust und spricht zu der Person, die sie für ihre Spenderin hält. Einmal sahen wir, wie sie ein Stethoskop an ihre Brust hielt, um ihr neues Herz zu hören. Ich glaube, dass sie das immer noch manchmal tut. Das andere ist, dass sie jetzt wirklich eine Ausbildung im medizinischen Bereich machen will. Früher wollte sie das nicht, aber ich denke, das lag vermutlich daran, dass sie nicht glaubte, dass sie überleben würde. Sie hat bereits ihre Fächer am College gewechselt.“

9. Fall

Der Spender war ein 3-jähriger Junge, der aus dem Fenster fiel. Der Empfänger ist ein 5-jähriger Junge, der an einem Septumdefekt und Kardiomyopathie litt.

Die Mutter des Spenders berichtete:

„Es war beklemmend. Als ich Daryl [den Empfänger] und seine Familie bei einem Treffen der Transplantationspatienten kennen lernte, brach ich in Tränen aus. Wir gingen zu dem Baum, wo man ein Andenken an den Spender überreicht. Ich weinte bereits. Mein Mann machte mich auf den Tisch aufmerksam, an dem wir gerade vorbeigingen. Daryl und seine Familie saßen dort. Ich wusste es sofort. Daryl lächelte mich genau so an, wie Timmy [der Spender] es immer getan hatte. Wir sprachen stundenlang mit Daryls Eltern, und das tröstete uns. Irgendwie war es nach einiger Zeit gar nicht mehr merkwürdig. Als wir erfuhren, dass Daryl sich den Namen Timmy ausgedacht hatte und sein Alter richtig geraten hatte, mussten wir weinen. Aber es waren Tränen der Erleichterung, denn wir wussten, dass Timmys Geist lebt.“

Der Empfänger erzählte:

„Ich gab dem Jungen einen Namen. Er ist jünger als ich und ich nenne ihn Timmy. Er ist ein kleiner Junge. Er ist ein kleiner Bruder, etwa halb so alt wie ich. Er wurde schwer verletzt, als er stürzte. Er findet Power Rangers toll, glaube ich, so wie ich früher auch. Jetzt mag ich sie allerdings nicht mehr. Ich mag Tim Allen von Tool Time, also nenne ich ihn Tim. Ich frage mich auch, was mit meinem alten Herz passiert ist. Ich vermisse es irgendwie. Es hat nicht richtig funktioniert, aber eine zeitlang hat es für mich gesorgt.“

Der Vater des Empfängers erzählte:

„Daryl kannte weder Namen noch Alter seines Spenders. Wir haben es selbst erst vor kurzem erfahren. Wir wussten nur, dass der verstorbene Junge aus dem Fenster gefallen ist. Wir wussten bisher nicht einmal, wie alt er war. Daryl lag ungefähr richtig. Vielleicht hat er nur gut geraten oder so, aber es stimmte. Unheimlich ist allerdings, dass nicht nur das Alter und die ungefähre Vorstellung davon, wie er gestorben ist, stimmte, sondern auch der Name. Der Junge hieß eigentlich Thomas, aber seine Familie nannte ihn Tim.“

Die Mutter des Empfängers erzählte:

„Wissen Sie, was wirklich unheimlich ist? Timmy ist gestürzt, als er versuchte, an eine Power Rangers Figur heranzukommen, die auf einen Vorsprung unter dem Fenster gefallen war. Daryl rührt seine Power Rangers nicht mehr an …“

10. Fall

Der Spender war ein 34-jähriger Polizist, der bei dem Versuch, einen Drogendealer festzunehmen, erschossen wurde. Der Empfänger ist ein 56-jähriger College Professor, der an Atherosclerose und der ischämischen Herzkrankheit litt.

Die Frau des Spenders berichtete:

„Als ich Ben [den Empfänger] und Casey [Bens Frau] kennen lernte, brach ich fast zusammen. Es war ein seltsames Gefühl, den Mann zu sehen, in dessen Brust das Herz meines Mannes schlägt. Ich hatte fast das Gefühl, Carl [den Spender] in Bens Augen zu sehen. Als ich fragte, wie es ihm ging, habe ich eigentlich versucht, Carl zu fragen, wie es ihm geht. Ich wollte das nicht sagen, aber ich hätte am liebsten Bens Brust berührt und zu Carls Herz gesprochen.

Was mich wirklich beschäftigt ist allerdings, dass Casey mir spontan erzählte, dass die einzige wirkliche Nebenwirkung von Bens Operation Lichtblitze vor seinem Gesicht seien. Genau so ist Carl gestorben. Der Mistkerl hat ihm mitten ins Gesicht geschossen. Das Letzte, was er gesehen hat, muss ein schrecklicher Lichtblitz gewesen sein. Sie haben den Typ nie geschnappt, aber sie glauben zu wissen, wer es ist. Ich habe ein Phantombild gesehen. Der Typ hat lange Haare, tief liegende Augen, einen Bart und blickt vollkommen friedlich drein. Er sieht irgendwie aus wie eine Darstellung von Jesus.“

Der Empfänger erzählte:

„Wenn Sie versprechen, meinen Namen nicht zu erwähnen, dann erzähle ich Ihnen, was ich meinen Ärzten nicht erzählt habe. Das weiß nur meine Frau. Ich wusste nur, dass mein Spender ein 34-jähriger, sehr gesunder Mann war. Ein paar Wochen nach der Operation, fing ich an, Träume zu haben. Ich sehe einen Lichtblitz vor meinem Gesicht und es wird sehr, sehr heiß. Es brennt richtig. Kurz vorher sehe ich das Gesicht von Jesus. Ich habe immer wieder diese Träume, auch tags: Jesus und dann ein Blitz. Das ist das einzige, das sich verändert hat, abgesehen davon, dass ich mich zum ersten Mal im Leben richtig gut fühle.“

Die Frau des Empfängers erzählte:

„Ich bin sehr, sehr froh, dass sie ihn nach seiner Transplantation gefragt haben. Er ist viel besorgter wegen dieser Lichtblitze, als er zugibt. Er sagt, er sieht Jesus und danach einen hellen Blitz. Er erzählte den Ärzten das mit den Blitzen, aber nicht von Jesus. Sie sagen, das können die Nebenwirkungen der Medikamente sein, aber wir hoffen wirklich, dass das aufhört.“

Erörterung

Die hier vorgestellten Fälle sind repräsentativ für 74 Transplantationspatienten, von denen 23 ein neues Herz erhielten und die Pearsall innerhalb der letzten zehn Jahre kennen lernte.10

Da die Fälle nicht systematisch dokumentiert wurden, kann man auf ihrer Grundlage den Prozentsatz der Patienten nicht genau benennen, die verschiedene Formen der Persönlichkeitsveränderung durchlebten, und die Anzahl der Veränderungen, die im Zusammenhang mit der Persönlichkeit des Organspenders standen. Der vorliegende Bericht liefert lediglich die theoretische und empirische Rechtfertigung für eine systematische Studie.

Bisher waren Transplantationspatienten zumeist sehr zurückhaltend damit, derartige Erfahrungen ihren Ärzten (und häufig sogar auch ihrer Familie und ihren Freunden) mitzuteilen. Zudem reduzierte die vorherrschende Überzeugung, dass Erinnerungen in erster Linie im Nervensystem (und in zweiter Linie im Immunsystem) gespeichert werden, die Wahrscheinlichkeit, dass Transplantationspatienten überhaupt für die in den Zellen des transplantierten Organs befindlichen Erinnerungen empfänglich waren. Die gleiche Überzeugung reduzierte auch die Wahrscheinlichkeit, dass Familienmitglieder und Freunde ebenso wie Ärzte und anderes medizinisches Personal den Berichten von Transplantationspatienten über solche Erinnerungen aufgeschlossen begegnen würden. Daher ist es nicht möglich, den tatsächlichen Anteil an Persönlichkeitsveränderungen zu benennen. Es sieht so aus, als sei in diesem Fall der Mangel an Informationen eher die Regel als die Ausnahme.

Der 4. Fall veranschaulicht das Problem deutlich. Der 47-jährige Gießereiarbeiter, der das Herz eines 17-jährigen schwarzen Schülers erhielt, ging ganz selbstverständlich davon aus, dass der schwarze Jungendliche Rapmusik mochte. Daher kam er nicht auf die Idee, dass seine plötzliche Vorliebe für klassische Musik von seinem Organspender herrühren könnte. Dieser liebte jedoch klassische Musik, was der Empfänger nicht wusste, und starb „die Arme um den Geigenkasten geschlungen“ auf dem Weg zum Musikunterricht.

Nach dem Abschluss ihrer Untersuchung sprachen Schwartz und Russek mit einem Patienten von Dr. Copeland, der ein neues Herz bekommen hatte und daraufhin eine Reihe von Veränderungen der Persönlichkeit durchlebte. Er erhielt das Herz einer Frau, und unter den vielen Veränderungen ist auch eine Vorliebe für die Farbe Rosa (eine Farbe, die er vorher nicht mochte) sowie für Parfüm (was er vor der Operation überhaupt nicht ausstehen konnte und was seine Frau nicht benutzen durfte). Im Augenblick verwendet er selbst bei der Körperpflege weibliche Düfte.

Seine Töchter hänseln ihn und er fürchtet sich davor, diese Erfahrungen seinen Ärzten mitzuteilen. Er sprach mit Schwartz und Russek darüber, weil er wusste, dass sie diesen Veränderungen aufgeschlossen begegnen und ihm helfen würden herauszufinden, ob sie etwas mit der Spenderin zu tun haben (im Augenblick wird versucht, mit der Familie der Spenderin Kontakt aufzunehmen). Sein Fall ist besonders interessant, weil der Mann zweimal für tot erklärt und wieder belebt wurde, bevor er das neue Herz erhielt. Diese Erfahrung, so berichten er und seine Frau, veränderte ihn und machte ihn aufgeschlossener.

Organempfänger unterscheiden sich, sowohl was die Empfänglichkeit für die in den Zellen gespeicherten Informationen angeht, als auch in Bezug auf die Deutlichkeit, mit der sie Veränderungen empfinden und darüber berichten können. Eine der Personen, die diesen Forschungsbericht Korrektur gelesen hat, fragte anschließend: „Haben Organempfänger irgendeine Kontrolle über diese Dinge? Wenn alle Patienten dafür offen wären, würden sie auch alle etwas spüren?“ Dies ist eine wichtige Frage, der in zukünftigen Studien nachgegangen werden kann. Theoretisch müssten mehr Personen in der Lage sein, Informationen zu empfangen, wenn sie dazu ermutigt würden, sich dafür zu öffnen. Als Forschungsmethode könnte hierbei auch Hypnose angewendet werden.

Die hier vorgestellten Fälle sind insofern ungewöhnlich (aber nicht einzigartig), als von den Organempfängern deutliche Veränderungen wahrgenommen wurden, die dann von Familienmitgliedern und Freunden des Patienten bestätigt wurden. Zudem steuerten in jedem Fall Familie oder Freunde des Spenders Informationen über diesen bei. Jedes Mal fanden die Persönlichkeitsveränderungen statt, bevor der Organempfänger Kontakt mit der Familie oder Freunden des Spenders hatte.

Die hier vorgestellten Patienten sind nicht in psychiatrischer Behandlung. Sie leiden nicht an Depressionen oder Angstzuständen, obwohl sich einige besorgt über ihre Erfahrungen zeigten. Der 10. Fall macht das deutlich. Ein 56-jähriger Professor hatte Träume, in denen er nicht nur weiße Blitze, sondern auch „das Gesicht von Jesus“ sah. Aus Angst, dies könne eine Halluzination sein und diagnostische Bedeutung haben, erzählte er seinen Ärzten nichts davon (obwohl er von den Blitzen berichtete). Der Spender war ein 34-jähriger Polizist, der bei dem Versuch, einen Dealer festzunehmen, durch einen Schuss ins Gesicht getötet wurde.

Wie seine Frau berichtete, wurde der „Typ nie geschnappt, aber sie glauben zu wissen, wer es ist. Ich habe ein Phantombild gesehen. Der Mann hat lange Haare, tief liegende Augen, einen Bart und blickt vollkommen friedlich drein. Er sieht irgendwie aus wie eine Darstellung von Jesus.“

Können solche Berichte als statistische Zufälle abgetan werden? Die Namensgleichheiten, über die in den Fällen 1,8 und 9 berichtet wird, könnten möglicherweise als Zufälle erklärt werden. Im 9. Fall, zum Beispiel, kann die Wahl des Namens Tim (für den unbekannten Spender) mit der persönlichen Vorliebe des Jungen erklärt werden.

Der Organempfänger erzählte: „Ich mag Tim Allen von Tool Time, also nenne ich ihn Tim.“ Allerdings ist es schwierig, auch die folgende Bemerkung des Organempfängers mit Zufall zu erklären: „Er [der Spender] findet Power Rangers toll, glaube ich, so wie ich früher auch. Jetzt mag ich sie allerdings nicht mehr.“ Der Spender starb angeblich, „als er versuchte, an eine Power Rangers Figur heranzukommen, die auf einen Vorsprung unter dem Fenster gefallen war“. Die Tatsachen in diesen 10 Fällen sind offensichtlich zu zufällig um Zufall zu sein (die Zufallshypothese in der Statistik).

Es sind weitere Studien nötig, um das Phänomen der Spender-Empfänger-Übereinstimmung systematisch zu untersuchen. An der Universität von Arizona wird im Augenblick eine Studie mit 300 Transplantationspatienten durchgeführt. Um die Häufigkeit dieser Übereinstimmungen festzustellen, werden teilstrukturierte Interviews durchgeführt und systematische Fragen gestellt.

Außerdem wird eine kleinere Gruppe von Patienten physiologisch überwacht, um biophysische Daten in Bezug auf die Herz-Hirn-Übereinstimmung zu erfassen.11

Die Studie überprüft die Hypothesen der Theorie dynamischer Energiesysteme am menschlichen Herz. Unter dem Namen „Energiekardiologie“ lautet die zentrale Hypothese, dass Informationen und Energie in Form von elektromagnetischen Wellen zwischen Herz und Hirn hin- und herfließen, und dass das Gehirn auf diesem Weg Informationen von einem Spenderherz empfangen kann.12 Es gibt weiter plausible Erklärungsmodelle für die Kommunikation mittels Energie, die in weiteren Studien überprüft werden sollten.13

Pearsall stellte zusätzlich fest, dass auch die Empfänger anderer Organe wie Nieren oder Leber Veränderungen in der Wahrnehmung von Gerüchen, bei Vorlieben für bestimmte Speisen und auf emotionaler Ebene bemerkten. Diese waren jedoch vorrübergehend und können im Zusammenhang mit Medikamenten und anderen Begleiterscheinungen der Transplantation gestanden haben.10

Die Beobachtungen bei Herztransplantationen waren offensichtlich dauerhafter und konnten eher mit dem Leben des Spenders in Verbindung gebracht werden. Sollten sich diese Untersuchungsergebnisse in zukünftigen Studien bestätigen, könnte dies von weitreichender Bedeutung für die allgemeine Physiologie und die klinische Medizin sein.

Pearsall begann, der Möglichkeit eines zellularen Gedächtnisses aufgeschlossener zu begegnen, nachdem er selbst 1987 eine Knochenmarktransplantation erhielt. Zudem schätzte er aufgrund seiner hawaiischen Wurzeln das Herz schon immer als ein „denkendes, fühlendes, kommunizierendes und spirituelles Organ“.10

Schwartz und Russek begannen zunächst, sich mit dem Thema zu beschäftigen, nachdem Schwartz in den frühen 80er Jahren als Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Yale Universität die Theorie eines organischen Gedächtnisses entwickelt hatte.5,6,7 Nachdem in den 90er Jahren die Theorie dynamischer Energiesysteme entwickelt wurde, begannen Schwartz und Russek, ihre Untersuchungen am menschlichen Herzen auf der Grundlage dieser Theorie durchzuführen.12,14

Organgedächtnis ist jedoch nur ein Erklärungsmodell. Andere Mechanismen (wie etwa das Mikrotubulusgedächtnis, bei dem ebenfalls Prozesse des Organgedächtnisses eine Rolle spielen können) sollten auch in Erwägung gezogen werden.15

Sollten zukünftige Studien mit Transplantationspatienten Beweise für das Vorhandensein eines Zellengedächtnisses erbringen, so sind die Konsequenzen für Theorie, Medizin und Ethik enorm.16

Der Bericht über die vorliegenden Beobachtungen wurde in der Hoffnung geschrieben, dass er zu weiterer Forschung anregt, um die Hypothese gewissenhaft zu überprüfen.

Danksagung der Autoren

Wir möchten den Familien der Spender, den Empfängern und ihren Familien dafür danken, dass sie so mutig ihre Geschichten erzählt haben und so freundlich waren, uns deren Veröffentlichung zu gestatten.

Die 10 hier vorgestellten Transplantationsfälle stammen aus einer Untersuchung mit 74 Patienten (23 davon mit einer Herztransplantation), die alle in verschiedenem Maß Veränderungen an sich feststellten, die mit der Persönlichkeit des Spenders in Zusammenhang stand. Wir danken allen, die dieses Manuskript Korrektur gelesen haben, für das konstruktive Feedback. Wir widmen diesen Beitrag den Organspendern und unseren Vätern, Frank Pearsall, Howard Schwartz und Dr. Henry I. Russek.

Endnoten

  1. Lunde DT, „Psychiatric complications of heart transplants“ in Am J Psychiatry, 1967; 124:1190-1195
  2. Kuhn WF et al., „Psychopathologie in heart transplant candidates“ in J Heart Transplants, 1988; 7:223-226
  3. Mai FM, „Graft and donor denial in heart transplant recipients“ in Am J Psychiatry, 1986; 143:1159-1161
  4. Miller JG, Living Systems, New York: McGraw Hill, 1978
  5. Schwartz GE und Russek LG, „Dynamical energy systems and modern physics: Fostering the science and spirit of complementary and alternative medicine“ in Alter Therapies Health Med, 1997; 3(3):46-56
  6. Schwartz GE und Russek LG, „Do all dynamical systems have memory? Implications of the systemic memory hypothesis for science and society“ in KH Pribram (Hrsg.), Brain and Values: Is a Biological Science of Values Possible?, Hillsdale, NY: Lawrence Erlbaum Associates, 1998
  7. Schwartz GE und Russek LG, „The origin of holism and memory in nature: The systemic memory hypothesis“ in Frontier Perspectives, 1998; 7(2):23-30
  8. Schwartz GE und Russek LGS, „The plausibility of homeopathy: The systemic memory mechanism“ in Integrative Med, 1998; 1(2):53-60
  9. Sylvia C. und Novak W., A Change of Heart, New York, NY: Little, Brown, 1997
  10. Pearsall P, The Heart’s Code, New York, NY: Broadway Books, 1998
  11. Song LZYX, Schwartz GE und Russek LG, „Heart-focused attention and heart-brain synchronization: Energetic and physiological mechanisms“ in Alter Therapies Health Med, 1998; 4(5):44-63
  12. Russek LG und Schwartz GE, „Energy cardiology: A dynamical energy systems approach for integrating conventional and alternative medicine. Advances“ J Mind-Body Health, 1996; 12(4):4-24
  13. Tiller WA, Science and Human Transformation: Subtle Energies, Intentionality and Consciousness, Walnut Creek, CA: Pavior, 1997
  14. Russek LG und Schwartz GE, „Interpersonal heart-brain registration and the perception of parental love: A 42-year follow-up of the Havard Mastery of Stress study“ in Subtle Energies, 1994; 5(3):195-208
  15. Hameroff SR und Penrose R, „Orchestrated reduction of quantum coherence in brain microtubules: A model for consciousness“ in SR Hameroff, AW Kaszniak und AC Scott (Hrsg.), Towards a Science of Consciousness, Cambridge MA: The MIT Press, 1996
  16. Schwartz GER und Russek LGS, The Living Energy Universe, Charlottesville, VA: Hampton Roads Publishing, 1999

Quelle: http://www.nexus-magazin.de/artikel/drucken/organtransplantation-und-das-gedaechtnis-der-zellen

Gruß an die Erinnerungen

TA KI