Osterwasser


Osterwasser in Brauch und Volkskunde

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. Das Osterwasser hat besondere Kraft1). Schon am Karsamstag findet es für allerlei Gesundheits- und Schönheitszauber Verwendung. Wenn jemand ein wundes Gesicht hat, soll er es am Ostermorgen vor Sonnenaufgang gegen die Morgensonne stehend an einem Bache waschen, der das ganze Jahr läuft2). An böhmischen Orten wäscht man sich an einem nahen Brunnen, um schön zu werden3). Wer sich am Ostersonntag im fließenden Bache wäscht, bleibt immer jung und schön4). Viele waschen sich in einer frischen Quelle, um Ausschlag, Augenübel und andere langwierige Krankheiten zu vertreiben. Man geht früh aus, sorgt dafür, nicht gesehen zu werden, antwortet auf keine Frage und dankt keinem Grüßenden5). Ein Bad vor Sonnenaufgang hilft gegen allerlei Gebrechen6). Im Bagnes-Tal warten die Leute nur den ersten Ton der während zwei Tagen verstummten Glocken ab, um sich sofort an das nächste fließende Wasser zu stürzen und sich die Hände zu waschen zum Schutze gegen Warzen. Im Sarganserlande gilt der Glaube, daß, wer sich an einem laufenden Brunnen wäscht, während es zur Wasserweihe läutet, von Sommersprossen befreit wird7). An vielen Orten wird das Vieh und namentlich die Pferde vor Sonnenaufgang in die Schwemme getrieben, um sie das folgende Jahr vor Krankheit zu schützen8). In Hinterpommern läßt mancher Bauer gleich am Morgen im Osterwasser Eier kochen und mit dem Wasser seinen Ochsen die Hälse waschen, damit ihnen das Joch keine Wunde scheuere9). In Dörfern um Eisenach reitet man in der Osternacht die Pferde ins Wasser und dann in ein Saatfeld, um sie dort etwas von der jungen Saat fressen zu lassen. Ebenso in Marksuhl, damit die Saat besser gedeihe10)

 

1) Sartori Sitte 3, 151 ff.; Wuttke 72 (83); Weinhold Verehrung d. Quellen 40.
2) Reiser Allgäu 2, 131.
3) John Westböhmen 66.
4) Holschbach Volkskunde d. Kr. Altenkirchen 104.
5) Töppen Masuren 69.
6) Oben 1, 811 f.
7) SchwVk. 6, 39; Hoffmann-Krayer 149.
8) Sartori 3, 152 A. 22; Eisel Voigtland 256; ZfdMyth. 1, 248 (Gießen); Kuhn Märk. Sagen 385 (76); Knoop Hinterpommern 180; Ders. Posen 328 (87: man glaubte dadurch dem übermäßigen Schwitzen der Pferde in den Hundstagen vorzubeugen). Vgl. oben 1, 812.
9) Knoop Hinterpommern 180.
10) Witzschel Thüringen 2, 197 (33).

 

2. Ebenso verbreitet ist der Brauch, das Osterwasser in Krüge zu schöpfen und zu mannigfacher Verwendung mit nach Hause zu nehmen. Wer zuerst kommt, bekommt das beste11). Gewöhnlich holt man es am Ostermorgen vor Sonnenaufgang, oft schon gleich nach Mitternacht. Aber auch schon vor 12 Uhr12); am Sonnabend vor Ostern (s. Karsamstag 1), am Karfreitag (s. Karfreitagswasser), am Gründonnerstag (s. Gründonnerstag 8). Auch noch der zweite Ostertag wird benutzt13). Man muß vor Sonnenaufgang wieder zu Hause sein, sonst verliert das Wasser seine Kraft, und die schöpfende Person bekommt eine schwarze Hautfarbe14). Man darf nicht damit über einen Kreuzweg gehen15). In der Regel wird aus einem laufenden Gewässer (Fluß oder Quelle) geschöpft, selten aus einem See oder Teich, in Mohrin (Neumark) aus einem am Fuße eines großen Granitblockes gelegenen Graben16). Eine berühmte Schöpfstelle des Osterwassers ist an der Grenze von Müschen und Burg im Spreewalde; da sollen neun Grenzen zusammenkommen17). Es muß dort geschöpft werden, „wo alles darüber geht“, also unter einer Brücke18), über die Leichen und Hochzeiten gehen19), über die ein Kindtaufszug oder eine Leiche geht20), oder die letzte Leiche getragen worden ist21). Bald lautet die Weisung, gegen den Strom zu schöpfen22), bald mit ihm23). Mitunter wird in derselben Gegend beides empfohlen24). In Neuermark a. Elbe hat das Osterwasser nur Kraft, wenn der Wind beim Schöpfen von Osten nach Westen geht25). Bevor man sich darin wäscht, muß man es in die Sonne stellen (Großenstein b. Gera)26). In Ungarn ist am Ostertage jedes Wasser gesegnet, das man gegen Osten gekehrt schöpft27).

 

11) HessBl. 16, 8.
12) Seifart Hildesheim 2, 137.
13) MitteldBlfVk. 4, 121.
14) Bartsch Mecklenburg 2, 259.
15) MitteldBlfVk. 3, 62.
16) Kuhn Märk. Sagen 247 f. 311 f.
17) Schulenburg Wend. Volkstum 143.
18) John Westböhmen 61 (Karfreitag).
19) Ebd. 65.
20) Köhler Voigtland 173.
21) Seyfarth Sachsen 253.
22) Kuhn u. Schwartz 373; Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 20.
23) Kuhn u. Schwartz 374; Grimm Myth. 3, 461 (775: Osterode); ZfdMyth. 1, 248 (Gießen); Witzschel Thüringen 2, 197.
24) Bartsch 2, 259 f.; ZfrwVk. 4, 23.
25) Kuhn u. Schwartz 374.
26) MitteldBlfVk. 3, 62.
27) ZfVk. 4, 403.

Osterwasser_Maedchen-begies

Das Begießen der Mädchen am Ostermorgen in Ungarn. Nach einem Holzstich aus dem 19. Jh.

3. Überall ist strenge Vorschrift, daß das Schöpfen des Osterwassers stillschweigend geschehe und auch auf dem Hin- und Rückwege nicht gesprochen werde. Das ‚Plapperwasser‘ verliert jede Kraft, und außerdem bringt jedes Wort Unglück28). Man redet daher vom ’stillen Wasser‘29). Man soll beim Holen nicht einmal grüßen, für keinen Gruß danken und sich nicht umsehen30). Die Burschen sind daher nach Kräften bemüht, die Wasserholerinnen zu necken und zu stören, indem sie sie mit Wasser begießen31), was freilich ursprünglich wohl als Glückszauber gedacht ist. Überhaupt wird, wo Mädchen im Hause sind, von den Burschen oft der Hausflur so voll Wasser getragen, daß er glänzt wie ein See (Osterode)32).

28) John Erzgebirge 194; Wüstefeld Eichsfeld 76.
29) Haupt Lausitz 1, 254; Knoop Posen 327 (82).
30) Panzer Beitr. 2, 298; ZfrwVk. 4, 23 (Kr. Minden).
31) Schulenburg Wend. Volkst. 142. 143.
32) ZfdMyth. 1, 79.

4. Das vorschriftsmäßig geholte Osterwasser verdirbt das ganze Jahr nicht und ist – getrunken oder zum Waschen verwandt – zu allen Dingen gut. Es heilt Wunden33), Augenkrankheiten34), Kopfschmerz35), Flechten, Krätze, Sommersprossen und alle Hautübel36), ist gut für die Zähne, wenn man sich am Bache damit den Mund ausspült37), gegen Fieber38), hält siebenerlei Krankheiten ab39), schützt vor dem Durchliegen40) und schafft Gesundheit und frisches Aussehen41). Besprengt man die Stube damit, so kommt kein Ungeziefer42). Manche kochen am Ostertage ihr Essen darin43). In den Brotteig gegossen, bewahrt es das Brot vor Schimmel44). Eingemachtes schützt es vor Würmern45). In das erste Bad des Kindes gegossen, sichert es dieses gegen alle Krankheiten, namentlich gegen Pest46). Auch dem Vieh gibt man es zu trinken47) oder benetzt es damit48), läßt das Federvieh davon trinken49) und besprengt die Bienenkörbe, damit die Bienen gute Art haben50). Das Mädchen, das drei Löffel davon trinkt, erreicht, daß der, an den sie denkt, nicht von ihr lassen kann (Westpreußen)51). Der Hirt erhält durch das Wasser eine geweihte Hand, so daß das Vieh unter ihm gedeihen wird52). In Ostpreußen begießt man die Langschläfer mit Osterwasser53). In Klein-Schöppenstedt wird es mit einem Fingerhut, Asche, einem Stückchen Brot und einem Gerstenkorn aufs Feuer gestellt, und daraus zieht man dann Weissagungen54). So lange Osterwasser im Hause ist, trocknet der Brunnen nicht aus55). Manche gießen es aber nach dem Gebrauche vor Sonnenaufgang wieder in den Bach aus, aus dem sie es geschöpft haben56).

33) Panzer Beitr. 1, 264; John Erzgebirge 194.
34) ZfrwVk. 5, 95 (Bez. Minden); Urquell 2, 130 (Schlesien); Frischbier Hexenspruch 32; Schulenburg 253.
35) Köhler Voigtland 352; Seyfarth Sachsen 254.
36) Köhler 370; Frischbier 56; Engelien u. Lahn 229; Knoop Hinterpommern 179; Grohmann Aberglaube 46 (298); Witzschel Thüringen 2, 197.
37) John Erzgebirge 194. Vgl. Seyfarth Sachsen 254.
38) Oben 2, 1455. Ein Segen dabei: Wuttke 353 (529).
39) Pröhle Unterharz 11 (34).
40) Andree Braunschweig 338.
41) John Erzgebirge 192. 194; Sébillot Folk-Lore 2, 375 (Normandie).
42) ZfVk. 7, 77 (Anhalt).
43) Bartsch Mecklenburg 2, 260.
44) John Erzgebirge 194.
45) Witzschel 2, 198 (36).
46) John Erzgebirge 50; Seyfarth 254.
47) Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 20; Witzschel 2, 197 (32).
48) Reinsberg Böhmen 139; Lemke 2, 274.
49) Kuhn Westfalen 2, 141 (410: Neumark).
50) Knoop Hinterpommern 179.
51) Wuttke 364 (549).
52) MitteldBlfVk. 4, 122.
53) Lemke 1, 16. 2, 274; Sartori Sitte 3, 155; Gesemann Regenzauber 57, vgl. 58 f.
54) Andree Braunschweig 338.
55) John Erzgebirge 194. 56) Ebd.; Lemke 1, 15.

5. In der Osternacht verwandelt sich alles Wasser in Wein57), wenn auch nur bis 3 Uhr morgens58), während des Schlagens der Mitternachtsglocke59) oder für einen Augenblick60). Wird es gerade in dieser Minute geschöpft, so bleibt es auch Wein61). Im Hildesheimschen legten sich viele, die wußten, daß zwischen 11 und 12 Uhr das Wasser auf eines Hahnenschreis Länge zu Wein wurde, Schlag 12 Uhr auf den Bauch nieder und hielten die Zunge fortwährend ins Wasser; sobald sie schmeckten, daß die wunderbare Verwandlung eingetreten war, beeilten sie sich einen tüchtigen Zug zu tun62). Im Erzgebirge geht die Verwandlung erst nach einjährigem Stehen vor sich63).

57) Grimm Mythol. 3, 436 (54: Chemnitzer Rockenphilosophie); Kuhn Westfalen 2, 107 (Harz); HessBl. 16, 8; Drechsler 1, 93; Knoop Hinterpommern 73; Töppen Masuren 69; Lemke Ostpreußen 1, 15 f.; Sébillot Folk-Lore 2, 213.
58) Wuttke 72 (83: Erzgebirge).
59) Witzschel Thüringen 2, 198 (36).
60) Ebd. 2, 197 (32).
61) Lauffer Niederdeutsche Volksk. 88.
62) Seifart Hildesheim 2, 137.
63) John Erzgebirge 194.

6. An manchen Orten hat sich lange die Sitte erhalten, am Ostermorgen Spaziergänge zu bestimmten Brunnen und Quellen zu machen64). Im Hohlstein bei Hilgershausen legen die Burschen und Mädchen am zweiten Ostertage einen Strauß von Frühlingsblumen nieder, trinken vom Wasser des Teiches in der Höhle und nehmen in Krügen davon mit nach Hause65).

64) Sartori Westfalen 73; Wrede Eifeler Volksk. 217; Weinhold Quellen 40.
65) Lyncker Hessen 258.

7. Dem irdischen Osterwasser an Wirkung gleich ist der vom Himmel gefallene Ostertau66). Die Mädchen breiten daher in der Nacht weiße Tücher im Garten aus und waschen sich am andern Morgen mit dem darauf gefallenen Tau, Regen oder Schnee. Das bewahrt sie das Jahr über vor Krankheit67). Wasser und Fett, auf die der Ostertau gefallen ist, sind heilkräftig; Heu erhält das Vieh gesund68). Der Ostertau macht frisch und rein. Man muß ihn aber bei Sonnenaufgang sammeln und sich sogleich damit waschen69). Auch wälzt man sich vor Sonnenaufgang im Wiesentau70). Man muß in der Osternacht Schlag 12 Uhr mit den Händen das betaute Gras bestreichen und dabei sagen: „Was ich anfasse, gedeihe; was ich berühre, verschwinde“. Die Hände werden dann heilkräftig71). Auch verhindert die Hand, die mit Ostertau benetzt war, das Blähen des Viehes, wenn man mit ihr über den Rücken des Tieres hinstreicht72), und das ‚Zerspringen‘73). Betautes Gras oder Heu gibt man auch den Tieren zu fressen74). Wenn am Ostermorgen Tautropfen am Zaune hängen, gibt es ein gutes Flachsjahr75). Nach dem Glauben der Zeltzigeuner kommt die Haselschlange in der Karwoche aus den Tiefen der Erde und trinkt vom Ostertau76).

66) In Chotieschau nennt man auch das geschöpfte Wasser »Ostertau«: John Westböhmen 65.
67) Kuhn u. Schwartz 374; Bartsch Mecklenburg 2, 260; John Erzgebirge 195.
68) Hmtl. 14 (1927), 84.
69) Wüstefeld Eichsfeld 77.
70) John Westböhmen 232; Hmtl. 14, 84.
71) Witzschel Thüringen 2, 198 (35).
72) Ebd. 197 (32).
73) Bohnenberger 23.
74) John Westböhmen 65.
75) Bartsch 2, 261 (1362).
76) Wlislocki Zigeuner 65.

Paul Sartori in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 6, Berlin 1927-1942.

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Quelle: http://www.heilige-quellen.de/Ordner_Wasser_Volkskunde/Osterwasser_Sartori_Ordner/Sartori_Osterwasser_Seite.html

heiligenstadt_osterbrunnen

Gruß an Ostera

TA KI

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