Existiert eine objektive Realität?


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„Was ist die Wirklichkeit? Wie definiert man das, Realität? Wenn Du darunter verstehst was Du fühlst, was Du riechen, schmecken oder sehen kannst, ist die Wirklichkeit nichts weiter als elektrische Signale interpretiert von Deinem Verstand.“

Morpheus

Liebe Freunde,

habt Ihr Euch schon einmal die Frage gestellt, was der Unterschied zwischen „real“ und „irreal“ sein könnte? Für wie real haltet Ihr diesen jetzigen Moment? Natürlich könnte man argumentieren, dass wir uns gegenwärtig im Zustand des Tagesbewusstseins befinden und nicht in einer Traumphase. Aber reicht diese Argumentation aus, um uns einen Aufschluss über den Bestand einer „echten („realen“) Realität“ zu geben? Sind unsere nächtlichen Träume nicht möglicherweise auch irgendwie real oder sind nur unsere Wahrnehmungen im Tages- bzw. Wachbewusstsein der tatsächlichen Realität zuzuordnen?

Der griechische Philosoph Heraklit erklärt, die Menschen befänden sich in einem Zustand traumähnlicher Unbewusstheit. Nach seinem Schüler Sokrates sind wir nicht vollständig verantwortlich für die Handlungen, die zum Leid führen. Seine Lehre besagt im Grundsatz: Niemand fügt sich oder anderen, bewusst etwas Böses zu. Alles, was der Mensch in seinem halbschlafähnlichen Zustand anstellt, tut er aus dem Maß seiner Unbewusstheit heraus. In einem erwachten Zustand – in dem er voll bewusst wäre –, würde er zu keiner bösen Handlung fähig sein.

Nach Heraklit, Sokrates und Platon et. al. entspricht unser normales Tagesbewusstsein einem halbschlafähnlichen Zustand. Gegenüber unseren – meistens – nächtlichen Schlafträumen wäre unser Tagesbewusstsein lediglich ein erweiterter realerer Traum. Offenbar existiert aber noch ein anderer erweiterte Zustand zu unserem normalen Tagesbewusstsein.

Heraklit wusste von der Bedeutung unserer vollen Bewusstheit, die er Wachheit nannte. Im Heraklit-Fragment 89 heißt es: »Die Wachenden haben eine einzige und gemeinsame Welt, jeder Schlafende aber wendet sich ab in seine eigene.«

Heraklit ging es darum, die Menschen darauf hinzuweisen, noch wacher zu werden, als wir es im normalen Tagesbewusstsein sind. So wie der „Tagträumer“, der nicht ganz wach durchs Leben geht, in den nächsten Bach fäll, oder von einem Auto überfahren wird, so geht es all den halbwachen Menschen, die es bei dem gewöhnlichen Grad an „Wachsein“ belassen wollen. Sie überlassen ihre Zukunft veralteten Programmen und Manipulatoren! Noch sind wir alle mehr oder weniger Wachschläfer, eingebunden in unsere persönlichen alltäglichen Lebensabläufe, über die wir vergessen, über die genaueren Wirkungsmechanismen und Wechselwirkungen nachzudenken, denen die Funktionen unseres schöpferischen Organs Gehirn unterliegen und mit denen unsere Realität kreiert wird.

Unsere bewusste Wahrnehmung ist nur auf diejenigen Ereignisse ausgerichtet, die unseren persönlichen Erfahrungen entsprechen. Ein ganz erheblicher Teil der auf uns einwirkenden Sinnesreize wird ausgeblendet. Nur etwa ein Millionstel der Gesamtinformation tritt in unsere bewusste Wahrnehmung. Wenn unser Fokus aber nur auf das gerichtet ist, was unseren persönlichen Erfahrungen entspricht, verhindert dies eine Weiterentwicklung unserer kosmischen Evolution. Ein auf seine bisherigen Erfahrungen ausgerichtetes Wahrnehmen erinnert mich an eine Einbahnstraße oder Sackgasse. Wir nehmen nur WAHR, was bestätigt, was wir bereits wissen dabei entwickelt sich aber nichts Neues, es geht nicht WEITER. So können wir nicht über den Tellerrand hinausdenken. Das, was wir wahrnehmen, modifizieren wir, passen es in unsere Denkschubladen und Verstandes-Schemata ein und erfahren die Wirklichkeit auf diese Weise. Dabei spielen wir lediglich vorgegebene Möglichkeiten durch, die die Strukturen unseres Egos und seinem Schablonendenken zulassen. So verhindern wir einen nächsten Evolutionsschritt, die „Rückkehr nach Eden“.

Während unseres Lebens werden wir uns schrittweise mehr und mehr über Dinge bewusst, die wir zuvor nicht wahrgenommen haben. Der große Psychoanalytiker C.G. Jung war davon überzeugt, dass wir mit einem uns (bis dahin) unbewussten Thema in dem Moment konfrontiert werden, in dem wir bereit sind, es in unser Bewusstsein zu integrieren. Nach C.G. Jung muss hierzu die Person das entsprechende Thema zunächst nach außen projizieren, damit es sich in der Realität manifestieren und somit wahrgenommen werden kann. Das zu integrierende Thema kann dabei sowohl in Form einer einzelnen Person als auch eines Kollektivs in unser Leben treten. Wenn uns unser Unterbewusstsein auf diesem Wege auf etwas hinweist und wir die Botschaft ignorieren, kehrt das Thema in der Regel auf deutlichere Weise wiederholt in unser Leben zurück, damit wir es beim nächsten Mal nicht mehr so leicht ignorieren können. In diesem Prozess wird das zu integrierende Thema praktisch immer als negativ erlebt, da es ungewollt in unser Leben eindringt. Aber etwas Böses kann auch als Katalysator wirken, der bei uns eine Bewusstseinserweiterung auslöst. Der Schlüssel zu einer positiven Lernerfahrung liegt nicht unbedingt darin, „das Böse“ erfolgreich zu besiegen, sondern eher darin, den Sinn zu erkennen, der aus dieser Erfahrung gewonnen werden kann.

Liebe Freunde,

ich halte es für außerordentlich wichtig, sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, wen wir ansprechen, wenn wir Selbstgespräche führen. Mit wem oder was treten wir dabei in Dialog? Erinnern wir uns immer wieder an unseren elementaren Wesenskern? An das, was bzw. wer wir wirklich sind – außerhalb der Scheinwelt, außerhalb der Matrix?

Der-verratene-Himmel-Dieter-BroersGeist ist der elementarste Bereich des Seins, ein unveränderlicher Zustand der Ewigkeit. Indem der Geist eine Vorstellung bekommt, beginnt damit sofort seine Transformation, nämlich die Verwandlung der Vorstellung in die entsprechende Realität. So entstehen Welten um Welten, sämtlich als Vorstellungen des unpersönlichen Geistes. Das elementarste Naturgesetz des Kosmos lautet: Geist erschafft Realitäten. Und so beginnt auch unsere Inkarnationsreise. Noch im Leib der Mutter erfährt das unpersönliche Selbst immer weitere Erfahrungen, die durch die Verschaltung der Neuronen als Hardware ihre dazugehörigen Prägungsmuster in der Materie bewirken. Diese Prägungen bilden unsere Verhaltensmuster, aus ihrer Ansammlung und Vernetzung bilden sich Substrukturen usw. Wenn sich nun eine bestimmte Anzahl derartiger Erfahrungs-Muster zur Hardware verfestigt hat, passiert etwas ganz Einzigartiges. Das Es verwandelt sich in das Ich, der ›Schleier des Vergessens‹ senkt sich herab: Die Erinnerungen an unsere göttliche Zugehörigkeit schwinden zunehmend, und die Summe der Erfahrungsmuster formiert sich zu einer neu angenommenen Individualität. Dies ist die Geburt des Egos.Der verratene Himmel – Rückkehr nach Eden“

So möchte ich diesen Artikel mit einem Zitat aus dem Film Matrix beenden:

Willkommen“, sagt Morpheus zu Neo, nachdem er sein Hirn von der Matrix befreit hat, „willkommen in der wirklichen Welt“.

Me Agape
Euer
Dieter Broers

Quelle: http://dieter-broers.de/existiert-eine-objektive-realitaet/

Gruß an Dieter Broers

TA KI

Die gefälschten Riesen I.


Fakes und Flops im Visier der Gigantenforschung

(bb) Wenn wir bei Atlantisforschung.de betonen, dass es eine große Menge interessanter, beachtens- und prüfenswerter Indizien für die rezente Existenz einer – oder mehrerer – extrem großwüchsiger Menschen- oder Hominden-Form/en gibt, müssen wir uns natürlich auch mit der Tatsache auseinandersetzen, dass beileibe nicht jede Fund-Meldung oder Beschreibung „authentischer“ Riesen, Hünen und Giganten auf Tatsachen beruht.

Abb. 1 Ein Größen-Vergleich diverser (vermutlich) "echter" und (vermutlich) "falscher" Riesen aus Mythologie und "archäologischen" Berichten. (Graphik: nach Steve Quale)

Abb. 1 Ein Größen-Vergleich diverser (vermutlich) „echter“ und (vermutlich) „falscher“ Riesen aus Mythologie und „archäologischen“ Berichten. (Graphik: nach Steve Quale)

Gerade, wenn man sich tiefgreifender mit dem historischen Hintergründen solcher Berichte befassen will, sollte man sich daher zunächst etwas eingehender mit den Fälschungen beschäftigen, die es in diesem Bereich immer wieder gegeben hat. Auch wir wollen daher an dieser Stelle einen kleinen Exkurs in die ‚wunderbare Welt‘ der Riesen-Fakes und Pseudo-Giganten machen. Dazu werfen wir zunächst einen Blick auf eine Grafik (Abb. 1), die der amerikanische Journalist Steve Quale auf seinen Webseiten vorstellt. Diese graphische „Gegenüberstellung“ präsentiert uns eine Reihe von Riesen-Skeletten, deren Größen-Angaben entweder aus mythologischen Quellen stammen, oder aus Fundberichten, deren Authentizität auf dem Prüfstand steht.

Specimen A stellt das Skelett eines „normalen“, etwa sechs Fuß großen Menschen dar. Bei Exponat B handelt es sich um die Darstellung eines 15 Fuß großen Skelettes, das angeblich in den späten 1950er Jahren im Euphrat-Tal, in der südöstlichen Türkei entdeckt worden sein soll. Exemplar (C) repräsentiert das Skelett des römischen Kaisers Maximinus Thrax (235 – 238 n. Chr.), der eine Größe von 8 Fuß 6 Inches erreicht haben soll. (D) soll das Skelett des biblischen Riesen Goliath abbilden, der etwas mehr als 9 Fuß groß gewesen sein soll (I Samuel 17:4). Ebenfalls im Alten Testament wird König Og (E) erwähnt (Deuteronomium 3:11), der eine Größe von mindestens 12 Fuß groß aufgewiesen habe.

Skelett (F) ist einem Bericht über die Entdeckung der sterblichen Überreste eines 19 Fuß, 6 Inch großen Monsters nachempfunden, die im Jahr 1577 n. Chr. unter einer Eiche im Schweizer Kanton Luzern erfolgt sein soll. Noch unglaublichere 23 Fuß groß soll das Skelett (G) gewesen sein, auf das man nach alten Berichten 1456 n. Chr. an einem Fluss bei Valence in Frankreich stieß. Ebenfalls aus Frankreich soll auch (H) stammen. Dieses monströse Skelett von 25 Fuß, 6 Inch soll 1613 n. Chr. in der Nähe der Burg Chaumont in Frankreich gefunden worden sein. Gänzlich unglaubwürdig erscheint der angebliche Fund (I) zweier 36 Fuß großer Specimen, die zwischen 600 und 200 v. Chr. von Karthagern entdeckt worden sein sollen. [1]

Abb. 2 Ein Beweis für die archäologische Ausgrabung des 'Riesen aus dem Euphrat-Tal?' Leider handelt es sich bei diesem "Beweis", der im Internet kolportiert wurde, um eine brillante computertechnische Bild-Montage (die von ihrem Schöpfer bei der Erst-Veröffentlichung auch so vorgestellt wurde!)

Abb. 2 Ein Beweis für die archäologische Ausgrabung des ‚Riesen aus dem Euphrat-Tal?‘ Leider handelt es sich bei diesem „Beweis“, der im Internet kolportiert wurde, um eine brillante computertechnische Bild-Montage (die von ihrem Schöpfer bei der Erst-Veröffentlichung auch so vorgestellt wurde!)

Wir finden hier offenbar eine bunte Mischung historischer und fiktionaler Giganten vor, die recht gut den verwirrenden Gesamteindruck widerspiegelt, mit dem man sich zu Beginn jeder gigantologischen Studie konfrontiert sieht. Manche solcher Meldungen (G, H, I) lassen sich zwar bereits aufgrund der völlig unglaubwürdigen Größen-Angaben leicht als Märchen oder schamlose Übertreibungen klassifizieren. In anderen oben angesprochenen Fällen ist es schon schwieriger, sie zu verifizieren oder falsifizieren. Dies gilt zum Beispiel für den angeblichen Fund des „Riesen aus dem Euphrat-Tal“ (B), der gerade im Internet immer wieder als „Beweis“ für die historische Existenz der Riesen herangezogen wird.

Dabei sind es vor allem Anhänger monotheistischer Religionen (z.B. Christen und Muslime), die dieses Phantom aus der Türkei bemühen, um die Authentizität der Schöpfungsberichte ihrer „heiligen Bücher“ zu demonstrieren. Die biblische Schöpfungsgeschichte beweisen möchte man z.B. bei genesispark.com. Dort stellt man uns folgenden Kurzbericht vor: „In den späten 1950ern, würden bei Straßenbau-Arbeiten im Euphrat-Tal in der süd-östlichen Türkei viele Gräber entdeckt, welche Überreste von Riesen enthielten. Die Vermessung der Bein-Knochen an den Fundstätten ergab [eine Länge von] 120 cm (47.24 Inches).

Joe Taylor, Direktor des Mt. Blanco Fossil Museums, war beauftragt [sic!; von w e m ?], den menschlichen Femur nachzuformen. Dieser Gigant war etwa 14-16 Fuß groß. Genesis 6:4 sagt: „Es gab in jenen Tagen Riesen auf Erden“; Das Deuteronomium 3:11 erklärt, dass das Bett von Og, Köng von Bashan, 9 Cubits mal 4 Cubits maß (annähernd 14 Fuß Länge mal 6 Fuß Breite). In seinem Buch Fossils Facts & Fantasies, zitiert Joe Taylor diverse Berichte von gigantischen menschlichen oder Abbildungen, die in Ägypten, Italien, Patagonien, in Argentinien und im Westen der USA entdeckt wurden…[2]

Auf der Suche nach weiteren Quellen oder Belegen im Zusammenhang mit dieser Geschichte stoßen wir schnell auf Angaben, die bei Pharyngula im Internet dokumentiert werden – und die Plausibiltät der bisher kennen gelernten Aussagen völlig unterminieren. Vor allem J. Taylor selber, der in seiner Funktion als Museumsdirektor als Zeuge benannt wird, war (unfreiwillig?) dabei behilflich, die Angelegenheit ‚vom Kopf auf die Füße‘ zu stellen. Er schrieb nämlich folgendes darüber: „Mr. Jack Wagner sandte mir 1996 den folgenden Artikel und bat mich, einen menschlichen Femur von der Größe desjenigen zu modellieren, der in der Fundstätte in der Türkei entdeckt wurde. Als Richtschnur für dieses Modell verwendete ich den Femur von einem der weiblichen Malachit-Menschen [sic!].“ Wie Taylor selber unumwunden feststellt, stammt alles „was wir über diesen Fund wissen aus [einem] Brief des Mannes, der ihn gemacht hat.“ [3]

Abb. 3 Beeindruckend, aber als Beweis für die vorgeschichtliche Existenz humanoider Giganten von 5 m - 6 m Körpergröße untauglich: Das Femur-Imitat des "Riesen aus dem Euphrat-Tal" als Exponat bei einer Ausstellung.

Abb. 3 Beeindruckend, aber als Beweis für die vorgeschichtliche Existenz humanoider Giganten von 5 m – 6 m Körpergröße untauglich: Das Femur-Imitat des „Riesen aus dem Euphrat-Tal“ als Exponat bei einer Ausstellung.

Hier der Wortlaut dieses Briefes: „Liebe christliche Freunde, ich wurde im Mittleren Osten geboren und lebte dort von 1938 bis 1968. Ich war Ingenieur bei den Ain-Tell und Euphrat-Wasserwerken, sehr an Archäologie und Geschichte interessiert und habe einige sehr interessante Funde gemacht, von denen einige unglaublich klingen mögen. Ich habe ein paar Silex-Pfeilspitzen, etc., von exakt jenem Schlachtfeld mitgebracht, wo König Nebukadnedzars und Pharao Nechos Armeen miteinander kämpften. Und was ist mit den Riesen, die in der Genesis erwähnt werden? In der südöstlichen Türkei im Euphrat-Tal und in Homs und bei Uran-Zohra existierten einst Gräber von etwa vier Meter langen [Riesen], aber jetzt haben Straßen[-bau] und andere Konstruktions-Arbeiten die Stellen zerstört.

An zwei Orten ergaben Messungen von Bein-Knochen bei ihrer Ausgrabung anlässlich der Bauangaben eine Länge von 120 cm (47.24 Inches). Es klingt unglaublich. 14 Jahre lang habe ich mit meiner Familie bei Ain-Tell an exakt der Stelle gelebt, wo König Nebukadnezar nach der Schlacht von Charcamish sein Hauptquartier hatte, und wo ich die Gräber königlicher Offiziere und ihre schwammartigen Skelette ausgrub, die wenn man sie berührt, zu etwas wie weiße Asche werden, und beiliegende Speere und Silex- sowie Obsidian-Werkzeuge und Munition.“ [4]

Tatsächlich handelt es sich also bei diesem „Riesen-Femur“ (Abb. 3), der seither auf Ausstellungen gezeigt wird, durch´s Internet geistert und von Taylor angeblich zum Stückpreis von $ 450.- vertrieben wird, natürlich nicht um ein originales Fundobjekt – das offenbar außer Mr. Wagner, dem angeblichen Finder, niemand zu Gesicht bekommen hat – sondern um eine, willkürlich NACH EINEM ANDEREN VORBILD gefertigte, Kopie, deren Beweiskraft selbstredend gegen Null tendiert. Das hindert religiöse Fundamentalisten offenbar nicht daran, die vorgebliche Authentizität dieser und ähnlicher Stories ‚mit Zähnen und Klauen‘ zu verteidigen, wie das folgende Zitat zeigt, das bei Pharyngula reflektiert wird: „Ich weiß, dass einige dieser Meldungen etwas weit hergeholt scheinen, aber sie sind in der Tat wahr. Die Medien verbergen das Übernatürliche oder Geheimnisvolle generell vor unseren Augen.

Denkt daran, dass die Feinde des Herrn selbiges bezüglich der Realitäten behaupten, die in der Bibel beschrieben werden. Die Tatsache, dass etwas seltsam klingt, bedeutet nicht im mindesten, dass es irreal ist. Schließlich befinden wir uns in der Endzeit und die Dinge werden sogar noch seltsamer und viel desaströser werden, bevor der Herr erscheint, um allem ein Ende zu machen und eine neue, perfekte und schöne Welt zu schaffen. Was für ein wundervoller Tag das sein wird! Ich bete darum, dass Ihr alle vermögt, in diesen Nachrichten [über Riesen] die wirkliche Erfüllung vieler Prophezeiungen zu erkennen, welche viele Generationen von Christen zu erleben […] erstrebt haben…[5]

Abb. 4 Der so genannte "Amerikanische Goliath" aus Cardiff, Iowa, löste einen der größten Wissenschafts-Skandale des 19. Jahrhunderts aus.

Abb. 4 Der so genannte „Amerikanische Goliath“ aus Cardiff, Iowa, löste einen der größten Wissenschafts-Skandale des 19. Jahrhunderts aus.

Welchen Schaden angebliche Riesen-Funde und Fälschungen im Bereich wissenschaftlicher Forschung allgemein, und insbesondere für die Gigantologie, angerichtet haben, zeigt anschaulich das Beispiel des ‚Giganten von Cardiff‘, oder auch ‚Gips-Riesen‘ (Abb. 4), der in den späten 1860er Jahren in den USA einen ungeheuren Wissenschafts-Skandal auslöste. Hier war es allerdings – vice versa – ein „Rationalist“ und Kritiker bibelfester Riesen-Freunde, der für einen echten Skandal sorgte. C. W. Ceram (Kurt W. Marek) schilderte diese „wahre, moralische und ergötzliche“ Begebenheit 1971 in seinem Werk „DER ERSTE AMERIKANER“:

Die Geschichte beginnt im Jahr 1866 merkwürdigerweise [6] als theologischer Streit zwischen einem Tabakpflanzer und einem Pfarrer in einem kleinen Städtchen in Iowa. Der Pfarrer Turk behauptete steif und fest, daß es in alten Zeiten Riesen gegeben habe – denn es stünde in der Bibel (Riesen werden tatsächlich viermal erwähnt), und was dort stünde, sei buchstäblich wahr. Diese Behauptung, ebenso wie die Begründung, hielt der Pfarrer und Zigarettenfabrikant George Hull für baren Unsinn. Mann könnte die beiden in heutiger Terminologie einen Fundamentalisten und einen Agnostiker nennen – Begriffe, die ihnen fremd waren; Hulls Ansicht wurde erst 1870 von T.H. Huxley als >Agnostizismus< gekennzeichnet, und der Fundamentalismus wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg in den USA wieder bedeutenden Anhang. Wie dem auch sei, den Agnostiker Hull packte derart die Wut über den >unverbesserlichen< Pfarrer, daß er etwas ganz Unglaubliches beschloß: Wenn der Reverend auf Riesen bestand, so sollte er einen haben!

Hull ließ sich Zeit. Erst seit dem Juni 1868 wurden er und ein Freund in den Gipsbrüchen bei Fort Dodge in Iowa gesehen, wo sie einen gigantischen Block herausschlugen und unter größten Vorsichts- und Sicherheitsmaßnahmen wegtransportieren. Um diesen monströsen Gipsblock von fünf Tonnen Gewicht zu transportieren (unterwegs gab er ihn abwechselnd als ein Lincoln-Denkmal aus oder als Probestück des >besten Bausteins der Welt< für eine Washingtoner Ausstellung), nahm Hull schwerste Strapazen auf sich: Allein auf den vierzig schlechten Wegmeilen zur nächsten Eisenbahnstation zerbrach der Gipskoloss mehrere Wagen, und eine Brücke brach unter ihm zusammen. Auf der Eisenbahn gab es weitere Schwierigkeiten, doch Hull brachte den Block in heilem Zustand nach Chicago, wo der Steinmetz Edward Burckhardt unverzüglich an die Bearbeitung ging. Das Resultat war ein liegender Riese von 3,17 Meter Länge, der immer noch nicht weniger als 2719 Pfund wog.

Abb. 5 Auch Phineas T. Barnum, der Zirkus- und Schausteller-König, wollte mit dem 'Riesen von Cardiff' ein Geschäft machen. Ein Plakat wirbt für eine seiner Ausstellungen des 'Cardiff-Giganten'.

Abb. 5 Auch Phineas T. Barnum, der Zirkus- und Schausteller-König, wollte mit dem ‚Riesen von Cardiff‘ ein Geschäft machen. Ein Plakat wirbt für eine seiner Ausstellungen des ‚Cardiff-Giganten‘.

Hull >behandelte< ihn. Mit einem Spezialhammer, der mit Nägeln bespickt war, hämmerte er dem Riesenleib >Poren< ein, dann wusch er ihn in Säuren, um ihm ein >ehrwürdiges Alter< zu verleihen, und dann transportierte er ihn in eisenbeschlagener Kiste per Bahn und per Wagen, via Detroit und Syracuse bis in das Städtchen Cardiff, südlich von Syracuse im Staat New York, auf die Farm seines Verwandten William C. Newell, der sein Komplice war. Dort wurde der Gigant begraben. Diese ganze Geschichte, eingeleitet durch den streitbaren Pfarrer Turk, hatte Hull bis zu diesem Zeitpunkt 2200 Dollar gekostet! […]

Am Morgen des 16. Oktober 1869, ein Jahr nach der >Beerdigung<, befahl Mr. Newell zweien seiner Arbeiter beiläufig, ihm hinter der Scheune einen Brunnen zu graben. In einem Meter Tiefe stießen die Arbeiter auf einen menschlichen Fuß und rannten voller Schrecken ins Haus. In wenigen Stunden wußte die Nachbarschaft von dem Fund, in wenigen Tagen strömten Tausende (tatsächlich: Tausende) herbei, um den Giganten zu sehen, der sich nun, wohl ausgegraben, in all seiner Größe und blassen Schönheit offenbarte.[7]

Natürlich wurde der Fund heiß diskutiert – und die Meinungen dazu waren durchaus geteilt. „Doch dominierte„, wie Ceram weiter notiert, „anfangs die etwas vage Ansicht eines angesehenen Geschäftsmannes: >Das hat kein Sterblicher geschaffen, sondern dies ist das wahrhaftige Abbild und Kind Gottes, wie es einst auf Erden wandelte.< Ein anderer indessen erklärte es als vergessenes Denkmal von George Washington, ein Dritter als Standbild, das die ersten eingewanderten Jesuiten errichtet hätten, um die Indianer zu schrecken. Doch die Stimmen mehrten sich, die behaupteten, es handle sich zweifellos um die Jahrtausende alte Versteinerung eines riesigen Urmenschen – was Hull ja bezweckt hatte.

Der Gelehrtenstreit brach aus, als James Hall, der geachtete Direktor des New York State Museums, erklärte: >… das bemerkenswerteste Objekt, das bisher in diesem Land zutage gefördert wurde<, womit er nicht Unrecht hatte. Doch zwei Yale-Professoren erklärten kategorisch: >Humbug!< Für die Zeitungen war das Für und Wider eine Sensation. Und für Hull und Newell buchstäblich über Nacht ein Geschäft; sie nahmen Eintritt für die Besichtigung des >Amerikanischen Goliath<, Buden entstanden um die Farm, und von Syracuse mußte ein Extra-Pferdeomnibus-Dienst zum Transport der Neugierigen eingerichtet werden. Nach wenigen Wochen wurden zwei neue Restaurants eröffnet, >The Giant Saloon< und >The Goliath House<, wo nicht weniger als drei verschiedene >e i n z i g authentische und zuverlässige< Beschreibungen des Riesen verkauft wurden.

Abb. 6 Hull´s "Gipsriese" wird im FARMER´S MUSEUM in Cooperstown, New York, in einer humorigen Zeremonie "zur letzten Ruhe" gebettet.

Abb. 6 Hull´s „Gipsriese“ wird im FARMER´S MUSEUM in Cooperstown, New York, in einer humorigen Zeremonie „zur letzten Ruhe“ gebettet.

Um die lange Geschichte kurz zu machen: Man kann nicht sagen, daß sich die junge amerikanische Forschung an dem Giganten nur blamiert hätte. Zu scharf war von Beginn an Kritik geübt worden, und nach relativ kurzer Zeit bestand unter ernsthaften Männern kein Zweifel mehr, daß der Gigant ein gigantischer Humbug war. Erstaunlich ist nur folgendes: Als Hull unter Druck der Kritik die Katze aus dem Sack lassen mußte und die ganze Vorgeschichte des Falles aufdeckte, da verstummten die Stimmen, die in dem Riesen partout einen versteinerten Urmenschen sehen wollten, keineswegs!

Kein geringerer als Oliver Wendell Holmes, der große Arzt und Essayist, bohrte dem Gipskörper ein Loch hinters Ohr und erklärte, er sei von wunderbarer anatomischer Beschaffenheit. Und der kritische Philosoph Ralph Waldo Emerson gab bekannt: >Über jedes Begreifen hinaus sehr wundervoll und unzweifelhaft alt.< Vielleicht hatten beide nichts von Hulls öffentlichem Bekenntnis gehört, ebenso wie der Yale-Student, der in einem 17-Seiten-Referat den Riesen zu einem uralten Abbild des phönizischen Gottes Baal erklärte und zwischen Ellbogen und Schulter sogar Hieroglyphen entdeckte, >die allerdings niemand außer ihm sah<.

Die Geschichte hat ein Ende, das aus einer Comedia dell´arte stammen könnte. Der große Phineas T. Barnum, der Zirkusgigant, offerierte für den Gipsgiganten 60 000 Dollar. Nach einigem Hin und Her gewann das Rennen ein anderer Schausteller, brachte den Riesen nach New York und stellte ihn am Broadway aus – nur, um nach wenigen Tagen zu entdecken, daß der fixe Barnum ein paar Häuserblocks weiter, im Wood´s Museum, die Stirn hatte, eine genaue Kopie des Riesen vorzuzeigen, eine Fälschung der Fälschung, mit der unverschämten Anpreisung: >Das Original aller Cardiff-Riesen<.

Natürlich strengte der Besitzer der e r s t e n Fälschung einen Prozess an. Aber unter den Anwürfen des empörten Publikums, die sich nun gegen b e i d e Riesen richteten, wurde das New Yorker Pflaster zu heiß – und für den >echten< Giganten begann seine Reisezeit. Er wurde ausgestellt, bis das Interesse erlahmte, dann jahrzehntelang vergessen, noch einmal für einen Film >The Mighty Barnum< 1934 >ausgegraben< und fand schließlich seine wohlverdiente Ruhe in The Farmer´s Museum (Abb. 6) in Cooperstown im Staat New York.[8]

Abb. 7 Mit einiger Sicherheit hat sich auch dieser, nach den Sittlichkeits-Vorstellungen des 19. Jahrhunderts bekleidete (!), "Gigant" niemals aus eigener Kraft bewegt: Vermutlich war er ebenfalls ein "Gips-Riese".

Abb. 7 Mit einiger Sicherheit hat sich auch dieser, nach den Sittlichkeits-Vorstellungen des 19. Jahrhunderts bekleidete (!), „Gigant“ niemals aus eigener Kraft bewegt: Vermutlich war er ebenfalls ein „Gips-Riese“.

Angesichts dieses – im wahrsten Sinne des Wortes – ‚Riesen-Reinfalls‘ kann man verstehen, dass die bloße Erwähnung von Giganten-Funden in späteren Zeiten ausreichte, um Fachwissenschaftlern entweder Schweißperlen oder Tränen der Heiterkeit ins Gesicht zu zaubern! Von Stund´ an waren Riesen, zumindest an amerikanischen Universitäten, kein Thema mehr, dem sich ein „anständiger“ Forscher widmen konnte, ohne seine akademische Karriere auf´s Spiel zu setzen.

Aber auch ein europäischer ‚Kollege‘ des Gips-Riesen von Cardiff machte damals Schlagzeilen und sorgte für einige Verwirrung. Ein Photo dieses Exemplars (Abb. 7) erschien im Dezember 1895 im britischen Magazin Strand, und W. G. Wood-Martin berichtet in seinem Buch „Traces of the Elder Faiths of Ireland“ über die angebliche Fund-Geschichte des Giganten bei Bergbau-Aktivitäten im irischen Landkreis Antrim, wozu er – vermutlich aus dem Strand – zitiert: „Herausragend unter den seltsamsten Gegenständen, die je im Besitz einer Eisenbahn-Gesellschaft waren, ist der versteinerte irische Riese, der im Moment im Warenlager der North-Western Railway Company auf der Broad Street in London liegt, und von dem eine Photographie hier reproduziert ist… Diese monströse Figur soll von einem Mr. Dyer ausgegraben worden sein, während er im Antrim County nach Eisen suchte.

Die Haupt-Messergebnisse sind: Gesamt-Länge, 12 Fuß 2 In.; Brustumfang, 6 Fuß 6 In.; und Länge der Arme, 4 Fuß 6 In. An seinem rechten Fuß befinden sich sechs Zehen [9] Das Gesamt-Gewicht beträgt 2 Tonnen u. 15 cwt.; und so wurden ein halbes Dutzend Männer und ein kraftvoller Kran benötigt, um [ihn] für den Künstler des Strand-Magazins in Position zu bringen.

Offensichtlich übernahm der Finder dieses schwergewichtige Objekt später von der Company, um wie Hull in Amerika als Schausteller Kapital aus dem damaligen Massen-Interesse an „echten“ Riesen der Vorzeit zu schlagen: „Dyer kam, nachdem er den Giganten in Dublin gezeigt hatte, mit seinem sonderbaren Fund nach England und stellte ihn in Liverpool und Manchester für [einen Eintritt von] sechs Pence pro Kopf aus, wo er Männer der Wissenschaft ebenso wie gaffende Bummler anzog. Das Geschäft wuchs und der Schausteller veranlasste einen Mann namens Kershaw, Anteile an dem Unternehmen zu erwerben. 1876 schickte Dyer diesen Giganten mit der Eisenbahn von Manchester nach London; Die Summe von £4 und 2 Shilling 6 Pence wurde von der Company in Rechnung gestellt, aber nie bezahlt.

Abb. 8 Das Death-Valley in Colorado. In dieser Gegend sollen vor 80 000 Jahren Riesen von mehr als drei Meter Körpergröße gelebt haben.

Abb. 8 Das Death-Valley in Colorado. In dieser Gegend sollen vor 80 000 Jahren Riesen von mehr als drei Meter Körpergröße gelebt haben.

Offenbar wußte Kershaw nichts von dieser Verlegung der ‚Show‘, da er, als er das herausfand, in großer Hast hinterher reiste, und, nach einer Londoner Anwalts-Kanzlei, das Gericht [orig: „Court of Chancer“; d. Ü.] anrief, damit dieses eine Order herausgeben solle, welche die Company daran hindern sollte, den Giganten herauszugeben, bis die Besitz-Verhältnisse zwischen Dyer und ihm geklärt seien. Diese Klage führte jedoch zu keinem Ergebnis. Unglücklicherweise ist (so weit der Autor [Wood-Martin] weiß), nichts mehr von dem Antrim-Giganten oder seinen Besitzern zu hören gewesen.[10] Ein großer Verlust für die Erforschung prä- und proto-historischer Riesen dürfte durch das Verschwinden dieser Figur wohl kaum entstanden sein…

Auch im 20. Jahrhundert sorgten angebliche Funde riesenhafter Skelette oder Knochenreste – vor allem in den USA – immer wieder für Schlagzeilen. Abschließend wollen wir hier noch eine dieser „Entdeckungen“ besprechen, die ebenfalls einer besonders kritischen Betrachtung bedarf. Im Februar des Jahres 2002 wies das Magazin Atlantis Rising aus den USA in einem Beitrag auf eine online-Veröffentlichung hin. Dort hieß es: „Die Internet-Seite von […] Jeff Rense (http://www.rense.coin/general15/hiss.htm) hat einen mysteriösen, unerklärten, aber äußerst provokativen Auszug aus der Ausgabe der ‚San Diego Union‘ vom 5. August 1947 ausgegraben. Der Notiz zufolge, hatten Forscher, nahe der Arizona-Nevada-California [Grenz-]Linie, die mumifizierten Überreste von seltsam kostümierten Riesen freigelegt, welchen die Entdecker ein Alter von etwa 80 000 Jahren zuschrieben.

Die ‚Union‘ berichtete, dass Howard E. Hill aus Los Angeles das Werk von Dr. F. Bruce Russell vorstellte, einem pensionierten Arzt aus Cincinnati, der bereits 1931 den ersten von mehreren Tunneln in der Nähe des Death Valley ausgemacht hatte, aber bis 1947 nicht in der Lage gewesen war, wieder in diese Gegend zu kommen. Mit der Hilfe von Dr. Daniel S. Bovee, der mit Hill’s Vater einst dazu beitrug, New Mexicos Kliff-Siedlungen zugänglich zu machen, hatte Russell die Überreste von mehreren Männern von 8 bis 9 Fuß Höhe entdeckt. >Diese Giganten<, sagte Hill, >sind in Kleider gehüllt, die aus einer mittellangen Jacke und Hosen bestanden, die knapp bis unter die Knie reichten. Über die Textur des Materials hieß es, sie ähnele grau gefärbtem Schafsleder, aber vermutlich stammte es von einem Tier, das heute unbekannt ist.

Abb. 9 Der Original-Artikel aus dem San Diego Union vom 5. August 1947.

Abb. 9 Der Original-Artikel aus dem San Diego Union vom 5. August 1947.

Hill sagte außerdem, der ‚Union‘ zufolge, dass in einer anderen Kaverne die Ritual-Halle der altertümlichen Menschen entdeckt wurde, zusammen mit Gerätschaften und Markierungen, ähnlich denen, die heute vom Freimaurer-Orden verwendet werden. In einem langen Tunnel waren wohlerhaltene Überreste von Tieren entdeckt worden, darunter Elefanten und Tiger. Bislang, fügte Hill hinzu, sei keine Frau gefunden worden. Er sagte, die Forscher seien der Meinung, das, was sie gefunden hätten, sei die Beerdigungs-Stätte der Stammes-Hierarchie gewesen„.

Aus alternativ-historischem Blickwinkel erscheint der Text zunächst relativ unverfänglich. Er weist bis hierher lediglich einen Punkt auf, der uns stutzig machen sollte: Die skurrile Erwähnung der Freimaurer-Symbole bei unseren 80 000 Jahre alten Riesen aus Colorado! Schön und gut, setzten wir hier – zumindest für den Moment – einfach voraus, dass Dr. Russel oder Dr. Bovee sich tatsächlich in einer Höhle durch irgendetwas an die Freimaurer erinnert fühlten, und kommen wir schnell zum nächsten Satz, der es allerdings in sich hat: „Die Hieroglyphen, ergänzte er, bergen eine Ähnlichkeit mit dem, was über den verschwundenen Kontinent von Atlantis bekannt ist. Sie sind […] in sorgfältig polierten Granit gemeißelt.“ [11]

Si tacuisses, Mr. Hill, gigantologus mansisses„, möchte man als Atlantisforscher ausrufen, denn selbst für nicht besonders fachkundige Atlantologen wird mit diesem einen Satz deutlich, dass an der Geschichte dieses Riesen-Fundes irgend etwas nicht stimmen kann. Zunächst ist es abstrus, dass Hill und/oder Bovee eine neu entdeckte Schrift aus unbekannten Glyphen [12] so schnell entziffert haben könnten – aber das nur am Rande. Zu behaupten, sie wiesen „eine Ähnlichkeit mit dem“ auf, was „über den verschwundenen Kontinent von Atlantis bekannt“ sei, ist schlichtweg dummdreist. Schließlich ist der Forschung kein einziges konkretes Detail über Atlantis, über seine Geographie seine historische Zeitlinie sowie über Kultur und Geschichte AUS ERSTER HAND bekannt.

Alles was wir über „Atlantis“ (zumindest unter dieser Bezeichnung) wissen, stammt bekanntlich aus der Feder des hellenischen Philosophen und Staatskundlers Platon, der in seinem Atlantisbericht (in den Dialogen Timaios und Kritias) Material aus Ägypten und alte Überlieferungen der Griechen bearbeitete und zusammenfasste. Jeder rechtschaffene Atlantologe wird also grundsätzlich feststellen, dass er zwar viel über Platons Bericht, dessen Inhalt und Hintergründe WEISS, über den historischen Charakter von Atlantis selber aber nur eine mehr oder weniger fundierte MEINUNG äußern kann. Außerdem hätte JEDER ernstzunehmende Atlantisforscher, wohl wissend, dass eine derartige Behauptung – unbelegt – sofort einen Sturm des Gelächters in der „Welt der Wissenschaft“ provozieren musste, wenigstens ein paar nähere Details genannt, um die Übereinstimmung zwischen der Atlantida und dem Inhalt eines solchen Petroglyphen-Texts substantiell zu untermauern.

Wenn wir also zur Kenntnis nehmen, dass die historische Existenz von Atlantis bisher nicht durch harte Evidenzen zweifelsfrei bewiesen, sondern lediglich mit empirischen Methoden und über Indizien belegt werden konnte, ist es schlichtweg leeres Geschwätz und Phrasen-Drescherei, was uns Hill hier mit seiner Bemerkung über angebliche Zusammenhänge dieses angeblichen Fundes mit Atlantis weismachen will! Aber könnte es nicht sein, dass hier eine verfälschende Berichterstattung erfolgt ist? Konnten der Journalist des LA UNION oder spätere Chronisten und Kommentatoren ihn nicht bewusst falsch zitiert haben, um der ganzen Story einen noch sensationelleren Anschein zu verleihen?

Glücklicherweise liefert Atlantis Rising den Original-Artikel [13] aus dem UNION (Abb. 9) gleich mit – und wir stellen bei der Lektüre fest, dass er auf einer Presse-Meldung der Agentur Associated Press (AP) beruht, die sich von einer Yellow-Press-Postille sicherlich keinen Fake auf ihre Kosten hätte bieten lassen. Und auch die viel gescholtenen Alternativ-Historiker der atlantologischen Fach-Zeitschrift Atlantis Rising haben hier nichts dazu erfunden oder ‚verbogen‘. Dagegen wird der Sachverhalt bei genauerem Hinsehen und anhand eines Textvergleichs mit der Original-Quelle noch dubioser:

Da ist vor allem die Datierung der Skelette auf ein Alter von 80 000 Jahren – die angeblich zwei Tage nach ihrem Abtransport aus dem Höhlensystem erfolgt sein soll. Wie, bittesehr, soll dies möglich gewesen sein? Eine geologische Datierung war in diesem Fall eindeutig nicht möglich. Die C-14 Methode jedoch (damals eine NOCH UNSICHERERE Angelegenheit als heutzutage) zur Altersbestimmung organischen Materials wurde erst 1947 von W.F. Libby entwickelt bzw. präsentiert (siehe: Gesicherte Altersbestimmung? Datierungsmethoden auf dem Prüfstand), also im selben Jahr, in dem der vorgebliche Höhlen-Fund erfolgt sein soll. Es ist kaum anzunehmen, dass Russel/Bovee/Hill von Libby oder irgendjemand anderem damals INNERHALB VON ACHTUNDVIERZIG STUNDEN irgendein C-14-Ergebnis hätten erhalten können!

Und – natürlich – finden sich auch NIRGENDWO irgendwelche späteren Berichte, Protokolle oder Arbeiten betreffend weiterer Untersuchungen („Dr. Pettit“), die im UNION vollmundig angekündigt wurden. Alles in allem dürfte damit klar sein, dass wir die „Russel-Funde“ von 1947 guten Gewissens von der Liste ernst zu nehmender Berichte über Riesen-Funde streichen können. Bemerkenswert an dieser Story ist allenfalls die Dreistigkeit, mit der sie in die Welt gesetzt wurde (vergl. dazu: „Aaron DuVal und die Scott-Steine„) und die bedauerliche Tatsache, dass sie auch heute noch in alternativ-historischen Kreisen von manchen Leuten ernst genommen und als „Beleg“ für die historische Existenz von Riesen herangezogen wird.
Fortsetzung:

  • Die gefälschten Riesen – Teil II … ‚Photoshop-Riesen‘ unter die Lupe genommen (red)

Anmerkungen und Quellen

Fußnoten.

  1. Quelle: Steve Quale, unter: http://www.stevequayle.com/Giants/charts/charts.html
  2. Quelle: http://www.genesispark.com/genpark/giant/giant.htm
  3. Quelle: Joe Taylor, online unter http://www.mtblanco.com/html/giant_tale.html, übersetzt nach: http://pharyngula.org/comments/329_0_1_0_C/
  4. Quelle: ebd.
  5. Quelle: Anonymus, “What Darwinian „scientists“ do not want you to know”, übersetzt nach http://pharyngula.org/comments/329_0_1_0_C/
  6. Anmerkung: Der Verfasser hält diesen Sachverhalt keineswegs für „merkwürdig„, sondern im Gegenteil für typisch. Auch heute tobt in den USA wieder die ideologische Auseinandersetzung zwischen den Repräsentanten eines „wissenschaftlichen“ (darwinistischen) und eines „religiösen“ (kreationistischen) Verständnisses der Erd- und Menschheits-Geschichte – eine Kontroverse, deren Wurzeln in die Zeit des „Gips-Riesen“ zurückreichen.
  7. Quelle: C.W. Ceram, Der erste Amerikaner – Das Rätsel des vor-kolumbischen Indianers, Rowohlt, 1972, S. 253 bis 255
  8. Quelle: ebd.
  9. Anmerkung: … was – sofern es stimmt – daruf schließen ließe, dass der Bildhauer in diesem Fall über einige ‚gigantologische‘ Fachkenntnisse verfügt haben muss. (Vergl. dazu: ‚Homo sapiens gigantus orientalis‚ – Die Riesen des Alten Testaments und der Apokryphen) Allerdings können wir – auch mit der Lupe – die angeblichen sechs Zehen dieses „Riesen“ nicht erkennen! (Siehe Abb. 7)
  10. Quelle: OOPARTS, unter http://s8int.com/giants2.html
  11. Quelle: „MYSTERIOUS l947 NEWS REPORT OF GIANT DESERT MUMMIES SURFACES“ aus: Atlantis Rising, January / February 2002, Number 31, p. 11; online unter: http://www.stevequayle.com/Giants/N.Am/Death.Valley.html
  12. Anmerkung: Es erscheint zumindest unwahrscheinlich, dass Hill hier tatsächlich HIEROGLYPHEN (aus Ägypten) gemeint haben könnte; in diesem Fall wäre sicher mehr ‚Brimborium‘ um einen solchen Aspekt der Story gemacht worden.
  13. Anmerkung; der Text aus dem UNION lautet übersetzt: „LOS ANGELES, Aug 4. (AP)– Wie ein Mitarbeiter heute erklärte, hat ein pensionierter Doktor aus Ohio in der Wüste von Colorado, nahe der Arizona-Nevada-California-Linie, Relikte einer alten Zivilisation entdeckt, deren Menschen 8 oder 9 Fuß groß waren. Howard E. Hill. aus Los Angeles, der vor dem Transportation Club eine Ansprache hielt, enthüllte, dass mehrere wohlerhaltene Mumien gestern aus Höhlen in einem Gebiet von etwa 180 Quadrat-Meilen geholt wurden, die sich vom Death Valley, Kalifornien, durch einen großen Teil des südlichen Nevada, über den Colorado River hiweg bis nach Arizona hinein erstrecken. Hill sagte, der Entdecker sei Dr. F. Bruce Russell, ein pensionierter Arzt aus Cincinnati, der 1931 über den ersten von mehreren Tunneln stolperte, bald nachdem er in den Westen gekommen war und aus Gesundheitsgründen Höhlengänge versuchte.“ Erst in diesem Jahr gelangte Dr. Russell jedenfalls in die Örtlichkeit hinein, sagte Hill […] Mit Dr. Daniel S. Bovee, aus Los Angeles – der mit Hill’s Vater einst dazu beitrug, New Mexicos Kliff-Siedlungen zugänglich zu machen – hat Dr. Russell mumifizierte Überreste zusammen mit implements einer Zivilisation gefunden, welche Dr. Bovee vorsichtig auf ein Alter von etwa 80,000 datiert hat. >Diese Giganten sind in Kleider gehüllt, die aus einer mittel-langen Jacke und Hosen bestanden, die knapp bis unter die Knie reichten. Über die Textur des Materials hieß es, sie ähnele grau gefärbtem Schafsleder, aber vermutlich stammte es von einem Tier, das heute unbekannt ist<, sagte Hill. Hill sagte, dass in einer anderen Kaverne die Ritual-Halle der altertümlichen Menschen entdeckt wurde, zusammen mit Gerätschaften und Markierungen, ähnlich denen, die heute vom Freimaurer-Orden verwendet werden. In einem langen Tunnel waren wohlerhaltene Überreste von Tieren entdeckt worden, darunter Elefanten und Tiger. Bislang, fügte Hill hinzu, sei keine Frau gefunden worden. Die Forscher glauben, so sagte er, dass das, was sie gefunden haben, die Beerdigungsstätte der Stammes-Hierarchie war. Hieroglyphen, fügte er hinzu, weise eine Ähnlichkeit mit dem auf, was über den verlorenen Kontinent von Atlantis bekannt ist. Sie sind, wie er hinzufügte, in sorgfälig polisierten Granit gemeißelt. Er sagte, dass Dr. Viola V. Pettit aus London, die Ausgrabungen in der Arabischen Wüste bei Petra gemacht hat, in Kürze mit einer Inspektion der Überreste beginnen wird.“ Quelle: ‚San Diego Union‘, 5. August 1947, nach: Atlantis Rising, January / February 2002, Nr. 31, S. 11, online unter http://www.stevequayle.com/Giants/N.Am/Death.Valley.html

Bild-Quellen:

1) http://www.stevequayle.com/Giants/charts/charts.html (Bearbeitung durch atlantisforschung.de)
2) http://www.rogott.de/article/Fossilien-Skelette/1059484500.html
3) http://pharyngula.org/comments/329_0_1_0_C/
4) http://skepdic.com/cardiff.html
5) Links: http://www.nodanw.com/shows_b/barnum.htm
5) Rechts: http://home.new.rr.com/bmarx/The%20Cardiff%20Giant.htm
6) http://home.new.rr.com/bmarx/The%20Cardiff%20Giant.htm
7) http://s8int.com/giants2.html
8) http://www.stevequayle.com/Giants/N.Am/Death.Valley.html
9) http://s8int.com/giants9.html

Quelle: http://atlantisforschung.de/index.php?title=Die_gef%C3%A4lschten_Riesen

Gruß an die Riesen

TA KI

Die Erfindung des Christentums im 14.-16. Jahrhundert


Das haben Sie in der Schule ganz anders gelernt. Aber man konnte uns in der Schule keinen triftigen Grund nennen, warum sich gerade dieser komische Glaube im alten Rom gegen viel vergnüglichere Kulte oder viel intelligentere Philosophien hätte durchsetzen können.

 Eine kurze Skizze des Themas:raffael-die-schule-von-athen

 Der Jesuit Jean Hardouin hat behauptet, dass es vor dem Jahr 1300 kaum echte Schriften gab. Die Schriften der alten Kirchenväter seien spätere Fälschungen, die in frühe Jahrhunderte zurückdatiert wurden und deren Verfasser meist noch in Gebieten wie Nordafrika gelebt haben sollten, die inzwischen vom Islam erobert waren, so dass der Phantasie keine Grenzen gesetzt waren. Der mit der Geschichte Englands sehr vertraute Edwin Johnson folgte den Argumenten von Hardouin und konnte für Englands Geschichte nachweisen, dass es tatsächlich vor der Zeit Heinrichs VIII. kaum sichere Quellen gab und dafür viele offensichtlich später geschaffenen Werke aufgetaucht waren, deren Echtheit bezweifelt werden müsse, weil frühere Zeitgenossen und Gelehrte nichts von diesen Werken oder Geschehnissen wussten.

 Für den deutschen Sprachraum ist bekannt, dass die bedeutendsten Werke plötzlich in Klöstern aufgetaucht sein sollen, gefunden von genau den Humanisten, die so sehr auf deren Thematik spezialisiert waren, dass sie sich diese Bücher auch genauso gut selber ausgedacht und geschrieben haben konnten.

 Nach Edwin Johnson war das Christentum eine Erfindung von vordem militärischen Mönchsorden, die Europa gegen den Ansturm des Islam verteidigt hatten. Der Islam wäre also die älteste Religion, die sich auf eine Heilige Schrift stützt. Die Juden hätten die Idee der Mohammedaner aufgegriffen und sich mit den Büchern von Moses auch eine Buchreligion geschaffen.

 Nur den Griechen und Römern und übrigen Nordeuropäern fehlten brauchbare Schriften. Die Mönche fanden vor allem die heiligen Schriften der Juden ganz gelungen und suchten nach einem Trick, um sich deren religiöse Werke aneignen zu können. Natürlich ohne die komplizierten Gesetze beachten zu müssen und ohne die politischen Unruhen, die mit der noch im 13. Jahrhundert immer wieder aufflammenden Hoffnung der Juden auf das Erscheinen des Messias verbunden waren.

 Wir kennen den Dreh, mit dem die heiligen Schriften der Juden schließlich zur Heiligen Schrift der Christen wurden, die Ankunft ihres Messias in eine ferne Vergangenheit gerückt war, in der sie ihn nicht anerkannt hatten, und die Gesetze des Alten Bundes durch den Neuen Bund aufgehoben wurden.

 Unbeantwortet ist nur noch die Frage, wann genau sich die Erfindung des Christentums abgespielt hat.

 Möglicherweise im alten Rom des 4. Jahrhunderts oder sehr viel später, so dass die Kirche gezwungen war, wollte sie älter erscheinen als der Islam, einige Jahrhunderte vor dem Jahr 1300 mit der Hilfe ihrer Mönche in den Schreibstuben der Klöster mit erfundenen Geschichten der frühen Christen und Heiden zu füllen.

 So könnten im Laufe der Zeit ganze Bibliotheken mit alten Werken entstanden sein, nicht nur die Geschichte der christlichen Märtyrer, die Kirchenväter, sondern auch passend dazu die Werke alter römischer und griechischer Dichter und Denker und Historiker. Manches Problem, etwa mit der Überlieferung des Homer, wäre überwunden, wenn diese Werke erst von den Humanisten der Renaissance geschaffen und dann den alten Griechen und Römern zugeschrieben wurden. Die Aktualität der Gedanken des Aristoteles zum Zeitpunkt des Erstdrucks seiner jeweiligen Schriften braucht uns dann auch nicht mehr zu wundern.

 Aber ist die Geschichte nicht von den Historikern lückenlos erschlossen worden? In den Geschichtsbüchern sieht es auf den ersten Blick so aus, bis der kundige Leser sich selbst mit den Quellen näher beschäftigt. Da ergeben sich erstaunliche Erkenntnisse, etwa über Rom im 6. Jahrhundert laut einem Johannes Diaconus, angeblich aus dem 9. Jh.:

 Nur einen Mangel mußte der gelehrte Mönch bedauern: man konnte an der Kurie Gregors nicht Griechisch reden. Der Papst selbst bekannte, daß er nicht Griechisch verstand, und dies ist auffallend, da er doch so viele Jahre als Nuntius in Konstantinopel gelebt hatte; denn dort konnte er täglich Griechisch reden, wenn auch die höfische und offizielle Sprache noch immer die lateinische war. In Byzanz wiederum gab es niemand, der lateinische Schriften gut zu erklären wußte, und so sehen wir, wie vollständig die Entfremdung beider Städte voneinander und Roms von der klassischen Literatur der Griechen geworden war.

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter – Kapitel 63

 Da hätte ein Papst Gregor kein Griechisch gekonnt, obwohl jahrelang Nuntius in Konstantinopel. Dort habe der Hof aber Latein geredet und darum die lateinischen Schriften der alten Römer nicht gut zu erklären gewusst. Die Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter ist voll solcher Ungereimtheiten, die nur den Schluss erlauben, dass Papst Gregor wie seine Nuntiatur in Konstantinopel erfunden sind. Die Unkenntnis des Griechischen hält sich in Rom und ganz Italien bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Türken. Erst die Flüchtlinge aus Griechenland scheinen in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten die Kunde von der großen Kultur und die Schriften der alten Griechen im ganzen christlichen Europa verbreitet zu haben. Vorher gab es die Schriften der alten Griechen vermutlich nicht und auch keine alten Römer, die sie gelesen und über sie geschrieben hatten, bis dann der berühmte Homer samt Sokrates, Platon und Aristoteles in Rom angeblich völlig vergessen worden sein mussten und auch aus Konstantinopel keines der alten Werke nach Rom kam oder vom Latein sprechenden Hof übersetzt werden konnte. Jedenfalls nicht bis zur Eroberung der Ewigen Stadt Konstantinopel durch die Türken, nach der die ins Exil geflohenen Griechen ihr Schwert mit der Feder tauschten und die ehrfürchtigen Europäer die große Kultur der Griechen lehrten.

 Der Papst Gregor müsste allerdings, wenn es ihn gegeben hat, der Kultur der alten Griechen auf ganz andere Weise verbunden gewesen sein:

 Gregor eroberte als »Konsul Gottes« auch das ferne britische Eiland für Rom. Es wird erzählt, daß er eines Tags, ehe er noch Papst war, auf dem Forum, wo man damals Sklavenmärkte hielt, drei schöne fremde Knaben zum Verkauf ausstellen sah, und, über ihre Herkunft belehrt, gerufen habe: »Angler, gleich wie Engel sind sie.« Er erlöste die Heimatlosen; von »apostolischem Geist« ergriffen, wollte er selbst als Missionar nach jenem Lande gehen, aber das römische Volk hielt ihn fest, und erst im Jahre 596 sandte er aus seinem Kloster eine Schar Mönche unter des Augustinus Führung nach der fernen, einst von den Römern beherrschten Insel ab. Ihr Erfolg war groß: Britannien, welches zwei Jahrhunderte früher vom Römischen Reich aufgegeben und dann von dem kraftvollen Volk der Angelsachsen erobert worden war, wurde durch ein einsames Kloster am Colosseum als neue, von Glaubenseifer glühende Provinz der orthodoxen römischen Kirche einverleibt. Gregor rief alte Erinnerungen herbei und nannte den König Adelbert und seine Gemahlin Adelberga den neuen Constantin und die neue Helena.

Gregorovius ebenda

 Da hätten also drei schöne Knaben auf dem Sklavenmarkt im christlichen Rom den Gregor an Engel und das noch unbekehrte Engelland erinnert.

Wer eigene Nachforschungen betreiben möchte, sei auf eine sehr interessante Website verwiesen, die in kurzer Form Hin- und Verweise zu unserem Thema enthält (ohne allerdings schon feste Resultate zu bieten):

 Bible (Old Testament. New Testament.) (was) is Fiction („historical Fiction“, etc.).

Jesus (was) is a Fictional character (not „historical“).

Paul (was) is a Fictional character. Etc.

Cristianism.com

 Sammlung denkwürdiger Stellen aus den heiligen Schriften:

 Compiled by Donald Morgan

 Die ältesten religiösen Gesetze dürften von Hammurapi stammen, falls wir unter religiösen Gesetzen nicht das Gebot eines eifernden Gottes (als Sprachrohr seiner um Opfer und Einfluss besorgten Priesterschaft) verstehen möchten, alle Anhänger anderer Götter abzuschlachten, sondern einen höheren moralischen Standard zugrunde legen.

 Codex Hammurapi

 ‚In the prologue [of the stela] Hammurapi [d. 1750 B.C.E. (king of Babylonia 1792 – 1750 B.C.E.)] states that the gods of old had predestined Babylon to be supreme in the world, and predestined him „to cause justice to shine in the land, to destroy the wicked and the evil, that the strong might not oppress the weak. “ ….It is significant that the authority of the law depends on its divine origin. This claim of divine origin made any infraction of the law an offense not only against the state or society but also against the divine order itself. The Bible is thus not the first way of life to claim divine authority, for the earliest books of the Bible date from long after Hammurapi’s Code. But laws like Hammurapi’s paved the way for mankind’s acceptance of Sacred Scripture as being of divine origin. Hammurapi’s claims did not stick, but ever since 621 B.C. [interesting date. source?], when the Law of Moses was once and for all time accepted as of divine origin, Scripture has stuck without interruption in Judaism, and subsequently in the daughter religions of Christianity and Islam. The success of the Bible has, in its rich prehistory, many an apparent failure, including the Code of Hammurapi.‘ [3].

Page 184

Merkwürdig bleibt, wie wenig Bezug die angeblich alte oder frühe Literatur auf diese erste Gesetzgebung nimmt. Der Verdacht, dass die Datierung des Codex Hammurapi und seines Urhebers gar nicht stimmen könnte, liegt ebenfalls nahe.

 Die Idee der Erbsünde

 Alle theologischen Fragen sind ein heikles Thema, weil es sich auf den ersten Blick um völlig absurde Kindereien handelt. Erst mit einem tieferen Blick lassen sich sinnvolle Gründe und Hintergründe erkennen. Am Beispiel der Erbsünde kann ich das kurz schildern:

 So, wie dieses Thema von den christlichen Kirchen behandelt wird, müsste man glauben, dass die Theologen entweder sämtlich zu dumm sind, um den Gehalt ihrer Lehren selber zu begreifen, oder aber so bösartig, diesen Gehalt vor ihrem Publikum zu verbergen, indem sie diesem die albernste und absurdeste Auslegung angedeihen lassen.

 Es geht bei der Erbsünde also nicht darum, dass die Eltern sich bei der Zeugung ihrer Kinder mit Fleischeslust versündigt hätten, wie es auf den Kanzeln gepredigt wurde, und die armen Kinder dafür ewig verdammt wären, falls sie nicht von einem Pfaffen mit geweihten Wässerchen benetzt werden. Sondern darum, dass alle „im Fleische“ geborenen Menschen zu bösartigen Absichten und Taten fähig und geneigt sind. Wer möchte das nach einem Blick auf die menschliche Gesellschaft und Geschichte bestreiten?

 Wir werden also im Laufe der Untersuchung auf eine rationale Grundlage der abendländischen Religion stoßen, die sich von allen von den Kanzeln gepredigten Kindereien und Absurditäten gewaltig unterscheidet.

 Der erste Sündenfall mit dem Apfel

 Falls die Herleitung dieser Geschichte (PDF S. 9) stimmt, wäre es verräterisch für die Heilige Schrift:

 Vom Griechischen (Attisch: to mälon, Jonisch: to malon) leitet sich das Lateinische malum für Apfel,
malus für Apfelbaum ab.
Von da führt der Weg durch Verwechslung und Umdeutung zum gleichnamigen Adjektiv
malus, mala, malum, was schlecht, schlimm, böse heißt.

…Dadurch erhielt der Apfel im Christentum den Sinn für Verlockung, Gefährdung, Sünde, Verderben
durch ADAM UND EVA. MALUM EX MALO – Das Übel vom Apfel, die sogenannte Erbsünde vom
Sündenfall im Paradies.

…In vielen christlichen Darstellungen nach der traditionellen Theologie wird MARIA dargestellt
mit einem Jesuskind, das mit einem Apfel spielt. Es hält den Apfel Evas in der Hand, die Ursünde.
Jetzt aber von JESUS gesühnt. Erlösung der Menschheit.

 Zumindest konnten die Theologen nicht erklären, welche Bewandtnis es wirklich mit dieser „Frucht vom Baum der Erkenntnis“ habe, die allerdings auch mehrere andere Deutungen zulässt, wenn man etwa an das „Erkennen“ einer Frau denkt. Vielleicht fällt uns noch eine sinnvolle Interpretation dieser zentralen Stelle der Heiligen Schrift ein.

 Zum Beispiel die Transsubstantiation:

 Dass die Gläubigen in ihren Heiligen Messen immer wieder das durch ein Mysterium verwandelte Fleisch und Blut ihres Heilands in Gestalt von Brot und Wein konsumieren, scheint ebenfalls auf einer Verwirrung alter Sitten und Bräuche zu beruhen, wie das Weihnachtsfest, mit dem ursprünglich die Wintersonnenwende gefeiert wurde.

 Der alte Brauch bestand wohl einfach darin, einen oder mehrere Fremde mit einem gemeinsamen Gastmahl zu empfangen und nicht den Leib des Herrn. Manchmal wurde einem Fremden auch Brot und Salz gereicht, nach dessen Verzehr er unter dem Schutz des Gastgebers stand, während bis dahin jeder den Fremden hätte erschlagen, ausrauben oder versklaven dürfen. Oder eben es wurde Brot miteinander gebrochen und aus einem Kelch gemeinsam Wein getrunken und darauf hat das Oberhaupt der Gemeinschaft den Fremden in seine Arme geschlossen und verkündet, dass dieser nun sein Fleisch und sein Blut und damit ein Bruder und gleichberechtigtes Mitglied der Familie, des Dorfes oder Stammes wäre. Von Karl May kennen wir entsprechend das Ritual der Blutsbrüderschaft bei Indianern. Es ist auch möglich, dass die Aufnahme des Fremden symbolisch vor den verehrten Ahnen erfolgte und damit sein Fleisch von deren Fleisch und sein Blut von deren Blut war.

 Das Christentum scheint es darauf angelegt zu haben, einerseits an ganz alten Bräuchen und Festen anzuknüpfen, diesen dabei aber eine völlig irrsinnige Auslegung zu geben. Dazu vielleicht später mehr, jedenfalls war der Fremde, vielleicht ein junger Mann aus einem anderen Stamm als Gatte für ein Mädchen aus dem Dorf oder einfach ein irgendwo bei der Jagd, beim Handel oder auf einem Kriegszug aufgelesener sympathischer Kerl, durch das Ritual der Kommunion für jeden aus der Sippe „mein Fleisch und mein Blut“ und nicht der Inhalt des Brotkorbs oder der Weinflasche.

 Das größte Wunder der Heiligen Schrift:

 Im alten Rom soll Caesar nach seinem Tod und manche schon zu Lebzeiten in den Rang der Götter erhoben worden sein, der Kaiser Hadrian ordnete sogar zum Andenken an seinen geliebten Antinous dessen Deifizierung an. Wie ist es zu erklären, dass der christlichen Kirche da ausgerechnet ein jüdischer Messias einfiel?

 Es war die Zeit der Buchreligion angebrochen. Man konnte auch nicht irgendwelche Bücher nehmen oder gar neu geschriebene Bücher zu heiligen Schriften erklären, sondern die Bücher mussten alt und ehrwürdig sein oder wenigstens verbreitet genug, damit ihnen hohes Alter zugeschrieben werden konnte. Ohne heilige Schriften war weder mit Caesar noch mit Antinous als Gott in Zukunft etwas anzufangen. Brauchbare Schriften hatten allein die Juden, aber wie sollte man Anspruch auf deren Werke erheben?

 Einzig der Glaube an einen jüdischen Messias konnte die heiligen Schriften der Juden in die Heilige Schrift der Christenheit verwandeln.

 Für dieses wahrlich weltbewegende Wunder des Glaubens danken die Mönche und Pfarrer der Christenheit, die sonst jegliche heilige Schriften hätten entbehren und von den Kanzeln vielleicht aus De bello Gallico oder Platons Symposion hätten lesen müssen, noch in unseren Tagen ihrem Jesus Christus als Erlöser.

 

Die Übersetzung der Heiligen SchriftGehörnter Moses

Wikipedia: Michelangelos Moses mit Hörnern statt einem Heiligenschein oder gar einer Königskrone

Rechts sehen wir den Moses (Grabmal Papst Julius II., San Pietro in Vincoli, Rom, 1515) von Michelangelo mit zwei Hörnern auf dem Kopf. Die Hörner zeugen von einem Übersetzungsproblem: Moses kam vom Berg Sinai nach heutiger Deutung mit strahlendem Antlitz zurück, hebräisch Q-R-N (qoph, resh, nun – qāran oder qärän: Horn), was als Ausstrahlung oder auch als Hörner übersetzt werden kann, so dass es in der Vulgata quod cornuta esset facies sua hieß. Noch zum Beginn des 16. Jahrhunderts war selbst in Rom in den höchsten Kreisen der Träger der christlichen Kultur die Rezeption der mosaischen Bücher nicht weit gediehen, wie wir an diesem Beispiel leicht sehen. Eine bis heute unterdrückte Übersetzung wäre, dass Moses vom Berg Sinai gekrönt herunter stieg, als König mit einer Krone auf dem Haupt. Merkwürdig, weil so naheliegend.

 Der Fehler sollte seit Hieronymus, der zum Ende des 4. Jahrhunderts in Bethlehem die Bibel in Latein übersetzt habe, niemandem aufgefallen sein? Und die Septuaginta sollte niemand auf Griechisch gelesen haben all die Jahrhunderte? Denn dort wäre es mit δεδόξασται ἡ ὄψις entweder schon im 2. Jh. v.u.Z. oder später, vermutlich im 16. Jahrhundert erst, richtig übersetzt worden. Ein gehörnter Moses findet sich übrigens an vielen christlichen Kirchen und in vielen Bildern aus dem 15./16. Jahrhundert.

 Kannte Michelangelo keinen Juden in Rom, der ihn mal schnell auf seinen Irrtum hingewiesen hätte? Der sich vielleicht durch einen gehörnten Moses gekränkt gefühlt hätte, denn ein Gehörnter ist für uns heute z. B. der Teufel oder ein betrogener Ehemann? Oder kannte die jüdische Gemeinde in Rom ihre mosaischen Schriften auch noch nicht besser im Jahr 1515?

 Die Wörter unserer Sprachen sind eng verwandt: corona für Krone oder cornu, plural cornua, für Horn klingen nach dem hebräischen qrn, wie auch nach einer deutschen Krone oder dem Horn. Eine Krone ist bildlich ein Heiligenschein, eine Ausstrahlung des Hauptes. Die Sprachen hängen viel enger zusammen, als wir das auf der Schule lernen (wo der englische war mit Krieg übersetzt wird, statt mit Wehr – siehe die Wehrmacht, das noch mit dem altfranzösischen guerre identisch ist, auch lateinisch vir (Mann, Mensch) und virtus (Tugend, Gott der Tapferkeit) etc.).

 Ein schönes Beispiel für den engen Sprachzusammenhang ist der Name des römischen Gottes Jove (Jupiter, Jove-Pater) mit dem hebräischen JHWH oder Yah, Yahu, Iahu, Io und Diodors Iao, ferner Janus und Janua oder Dianus und Diana, wohl alles aus Dyeus, mit Deus und Zeus und wohl sogar Jesus. Die Entwicklung der Götternamen aus IOU, IAO, IAΩ, IAOUE (Clemens von Alexandria) wird hier erklärt:  Thou, I and We und  Archaischer Vokalsymbolismus

Ein weiteres Beispiel ist der Koran: qurʼān von arabisch qaraʼa (lesen, rezitieren), syrisch qeryānā (Lektion) und englisch query – Question (von lateinisch quaerere „fragen“, „suchen“).

 Zur Bezeichnung Religion => re-legere (sammeln, wiederholt vortragen), Koran (das zu Lesende), Legende (zu Lesendes) bei Uwe Topper, Kalendersprung S. 285

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Schild der Cornuti (Quelle Wikipedia)

Die CORNUTI: Hilfstruppen der Römer aus Germanen

 

In dem Zusammenhang sollte auch ein Blick auf die berühmten Cornuti geworfen werden. Sie hätten unter Konstantin in der Schlacht um die Milvische Brücke unter dem Christuszeichen gekämpft. Ihr eigentliches Zeichen waren aber Hörner auf dem Schild und auf ihren Helmen.

 Mit den Cornuti werden die ersten Brakteaten erwähnt, eine spezielle Münzsorte, die einmal im vierten Jahrhundert schon aufgekommen sei und später wieder in der Blütezeit des Mittelalters und des Baus der gotischen Kathedralen. Ein Jahrtausend dazwischen mit eher komischen Geschichten statt Geschichte in den Büchern der Historiker:

 Bei Brakteaten des 5. und 6. Jahrhunderts handelt es sich um kreisrunde, einseitig geprägte Schmuckscheiben aus Edelmetall. Ihren Ursprung haben die Brakteaten in der Imitation spätantiker römischer Kaisermedaillons. Von den über 900 bisher gefundenen Brakteaten der Völkerwanderungszeit stammen etwa je 300 aus Dänemark und Schweden, 190 aus Norwegen, 30 aus England und 20 vom europäischen Kontinent südlich von Dänemark. Die größten Konzentrationen befinden sich auf Gotland und in Westnorwegen….

Brakteaten waren von Mitte des 12. Jahrhunderts bis ins 14. Jahrhundert fast im gesamten deutschsprachigen Raum (mit Ausnahme des Rheinlands, Westfalens und des Mittelrheingebiets) die vorherrschende regionale Münzsorte. Der Begriff Brakteat ist keine zeitgenössische Bezeichnung und wurde erstmals im 17. Jahrhundert für diesen Münztypus verwendet. In einigen Regionen wurden die Brakteaten in regelmäßigen Abständen verrufen (in Magdeburg im 12. Jh. zweimal jährlich), mussten also gegen neues Brakteatengeld eingetauscht werden.

Quelle: http://www.wolfgang-waldner.com

Gruß an die wahren Gläubigen

TA KI

 

Atlantis Teil 2.


Der Untergang

Die verhältnismäßig friedliche, von größeren kriegerischen Auseinandersetzungen freie Periode ging ab der Mitte des 13. Jhd. v.Chr. durch eine einsetzende Trockenheitsperiode und die darauf folgenden Abwanderungen der frühen Urnenfelderleute zu Ende. Als die erste Auswanderungswelle zwischen 1230 und 1220 v.Chr. Griechenland erreichte, ereignete sich an der Nordseeküste eine furchtbare Naturkatastrophe. Auf diese machten schon 1844 der dänische Forscher Johann Georg Forchhammer und 1910 der deutsche Geologe Dodo Wildvang aufmerksam. Sie rekonstruierten eine mindestens 20 m hohe Flutwelle, die demnach drei Mal höher war als die schlimmsten Sturmfluten, die wir aus den letzten Jahrhunderten kennen. Mehrere Brandungswälle wurden an den Küsten aufgerichtet, und eine Geröllschicht von 100 dänischen Quadratmeilen (über 5000 km²) bedeckte das Landesinnere. Neben der Zerstörung der Hauptbernsteininsel Althelgoland-Altsüdstrand und vieler fruchtbarer Marschen wurde die gesamte Westküste Schleswig-Holsteins um etwa 60 km nach Osten hin verschoben [58].

Das Zentrum von Atlantis versank „an einem Tag und einer Nacht voller entsetzlicher Schrecken“. Wahrscheinlich wurde diese extreme Nordsee-Sturmflut ausgelöst durch den Einschlag eines Asteroiden im „Helgoländer Loch“ 4 km südlich der Felseninsel. Die alte griechische Legende vom Sturz des Phaéthon, die vom römischen Dichter Ovid in seinen „Metamorphosen“ verarbeitet wurde, berichtet von einer „feurigen Kugel“, die in die Mündung des Bernsteinflusses Eridanos gestürzt sei [59].

Vermutlich ist das 56 m tiefe „Helgoländer Loch“ ein inzwischen mit Sedimenten bedeckter untermeerischer Einschlagkrater. Es gibt aber noch weitere Hinweise auf ein Impaktereignis. Nach dem Einschlag schien alten Überlieferungen zufolge einen Tag lang nicht die Sonne, und die längere Zeit wütenden Brände waren unerträglich für die Menschen. Auch ein durchgängiger Brandhorizont in den Mooren der Norddeutschen Tiefebene bestätigt eine umfassende Katastrophe um 1200 v.Chr. Es muss dabei ein orkanartiger Sturm getobt haben, denn unzählige der als standhaft geltenden Eichen wurden entwurzelt. Archäologen fanden verkohlte Überreste dieser Bäume in Schleswig-Holstein und im Emsland [60]. Schließlich berichten die altisländischen „Edden“ von einem dreijährigen Fimbulwinter im Anschluss an „Ragnarök“, dem Weltuntergang in der Mythologie der alten Germanen.

Vor der schleswig-holsteinischen Westküste breitete sich danach das heute noch jede Schifffahrt behindernde Wattenmeer aus. „Die ungeheuren Schlamm-Massen, die die versinkende Insel anhäufte“, finden so eine einleuchtende Erklärung. Durch die furchtbare Katastrophe bildete sich die so genannte Lundener Nehrung, die den alten Flusslauf der Eider nahe der heutigen Mündung versperrte. Deshalb wurde eine Fahrt in das „jenseitige Meer“ von nun an unmöglich.

Atlantis soll in einer Zeit „entsetzlicher Erdbeben“ versunken sein. Diesen Aspekt konnten Naturwissenschaftler ebenfalls belegen. Am Ende des 13. Jhd. v.Chr. kam es nahezu zeitgleich zum Ausbruch mehrerer Vulkane im Mittelmeerraum, zu einer Erdbebenserie im Nahen Osten und zur „Deukalionischen Flut“, die Griechenlands Küsten heimsuchte. Auch im geologisch ruhigen Nordseegebiet löste der Einschlag des Phaéthon laut Überlieferung ein Erdbeben aus, denn im Mündungsgebiet des Eridanos „erbebte die Erde und sank um ein weniges tiefer“ [61].

Das von Platon so plastisch geschilderte Leben der Bronzeleute sollte nach den Überschwemmungen und der anhaltenden Klimaverschlechterung nicht mehr auf dieser Kulturhöhe fortbestehen. Die danach im Gebiet der Nordischen Bronzekultur verbliebene Bevölkerung trug maßgeblich zur Herausbildung germanischer Stämme bei.

In den ersten eisenzeitlichen Jahrhunderten senkte sich der Meeresspiegel der Nordsee infolge der allgemeinen Abkühlung und anderer Faktoren. In der Helgoländer Bucht tauchten allmählich wieder zahlreiche Inseln auf. Ihre durchgängige Besiedlung wenigstens seit dem 4. Jhd. v.Chr. bis zum 14. Jhd. bezeugen antike Reiseberichte und mittelalterliche Chroniken:

  • In der Aithiopika, einem altgriechischen Epos, ist die Nachricht überliefert, dass an der Stelle, wo einst Atlantis lag, später wieder sieben kleine und drei große Inseln besiedelt gewesen seien. Die Bewohner hätten die von ihren Vorfahren überkommene Erinnerung an Atlantis bewahrt [62].
  • Erwähnt werden 23 „Elektriden“ und eine Hauptbernsteininsel „Basileia“ (im Keltischen „Abalus“ = Apfelinsel) im Zusammenhang mit einer Seereise des griechischen Forschungsreisenden Pytheas von Massalia. Er gelangte um 350 v.Chr. unter anderem bis zur Elbmündung.
  • Im Jahre 16 geriet eine vom Feldherrn Germanicus geleitete Flottenexpedition nahe der jütischen Halbinsel in Seenot. Die römischen Legionäre betraten die wegen des Bernsteins so genannte Insel „glaesaria“.
  • Dem Bischof und Chronisten Adam von Bremen zufolge nahm Helgoland im 11. Jhd. noch eine Fläche von 12 mal 6 km ein. Bei einer der vielen Sturmfluten im späten Mittelalter wurde das östliche Gebiet abgetrennt und bildete fortan die selbständige Insel „Südstrand“. Diese ging sehr wahrscheinlich während der „Großen Manndränke“ im Jahre 1362 unter. Auf einer Wattenkarte des Husumer Karthographen Johannes Mejer aus dem Jahre 1652 ist die ursprüngliche Lage der mittelalterlichen Inseln „Helgolandt“ und „Suderstrand“ noch gut erkennbar.
  • In der Neujahrsnacht 1720/21 wurde die Felseninsel durch eine Sturmflut von der „Düne“ getrennt. Beide Teile nehmen heute zusammen eine Fläche von etwa 2 km² ein, das ist etwa 1/200 der vermutlichen Größe der bronzezeitlichen „Königs- und Säuleninsel“ Basileia.

Atl010Abb. 8:
Das mittelalterliche Helgoland auf einer Karte des Husumer Karthographen Johannes Mejer (Außenkontur um das Jahr 800; graue Fläche: um das Jahr 1300; kleine Insel 1649)

Die im letzten Krieg schwer gezeichnete, aber nach 1952 neu bebaute Hochseeinsel zieht wieder viele Besucher an. Ein Blick vom Oberland in Richtung Düne lässt heute kaum noch den Gedanken an eines der bedeutendsten Handels- und Kultzentren der Bronzezeit aufkommen. Als einzige Erinnerung daran ist nur der Name „Helgoland“ – Heiliges Land – geblieben.

Seit Platons Zeiten beflügelte die Legende von Atlantis menschliche Phantasie und Forscherdrang. Die archäologischen Entdeckungen des vorigen Jahrhunderts brachten schließlich die entscheidenden Erkenntnisse, die der Forscher Jürgen Spanuth in einer wissenschaftlich fundierten Theorie zusammenfassen konnte. Die Lösung des alten Rätsels führte überraschenderweise zu unseren eigenen, erstaunlich hoch entwickelten Vorfahren und ihren europäischen Nachbarn. Die wertvollen frühgeschichtlichen Überlieferungen über die Atlanter, Phäaken und Hyperboreer werden dazu beitragen, die Lebensweise dieser Menschen besser zu verstehen.

Die große Ebene

 

[64] Schon immer bemühten sich Forscher bei der Suche nach dem legendären Inselreich auch um die Klärung der Frage, wo sich die große Ebene von Atlantis ausgebreitet haben könnte. Sie soll von annähernd rechteckiger Gestalt gewesen sein und 2000 mal 3000 Stadien (etwa 370 mal 555 km) gemessen haben [65]. An ihrem Rand hätte die Insel Basileia mit dem von Land- und Wasserringen umgebenen Kultzentrum gelegen und im Norden hätten Berge „an Zahl, Größe und Anmut alle anderen übertroffen“. Eine gute Atlantistheorie sollte diese nicht unwesentlichen geographischen Details sinnvoll interpretieren können.

Betrachtet man die bedeutendsten Hypothesen darauf hin näher, dann waren die bisherigen Erklärungsversuche mehr oder weniger unbefriedigend. Bei der früher häufig diskutierten Thera-/Kreta-Theorie besitzt keine der beiden Inseln eine Ähnlichkeit in den Abmessungen und in der Oberflächengestalt. Auch die Ebenen in Südengland, Nordwestfrankreich und bei der südspanischen Hafenstadt Gadiz wurden bereits in Betracht gezogen, aber sie weichen deutlich von der Rechteckform ab oder sind zu klein. Besser trafen schon die Vorstellungen des französischen Ingenieurs J.Deruelle zu. Bei seiner Deutung reichte die Ebene in der Jungsteinzeit von den Niederlanden bis zur Doggerbank. Doch hier fehlt das ausdrücklich erwähnte Gebirge im Norden.

Auch die ansonsten sehr überzeugende Theorie von J.Spanuth stimmte bisher in diesem Punkt nicht wie erhofft überein. Das Ausbreitungsgebiet der Nordischen Bronzekultur war zwar größtenteils eben, aber die geforderte Längsausdehnung von 3000 Stadien wird sowohl bei einer N-S-Ausrichtung des Rechtecks (Südnorwegen bis Norddeutschland) als auch bei einer O-W-Ausrichtung (Wesermündung bis zur Insel Gotland) um ein Drittel überschritten. Außerdem wäre die Ebene durch den Skagerrak und die westliche Ostsee von größeren Wasserflächen unterbrochen gewesen [66].

Mit einer verblüffenden Lösung des Problems trat im Jahre 2004 der pensionierte Gymnasiallehrer H.-W. Rathjen aus Minden an die Öffentlichkeit. Er ließ bei seiner Betrachtungsweise kurzerhand die Gebiete Südskandinaviens mit ihren „umlaufenden Bergen“ weg und grenzte die ehemals durchgängige Ebene auf Norddeutschland, die Halbinsel Jütland und die dänischen Inseln ein. Anhand der Land- und Wasserverteilung am Ende der Bronzezeit erkannte er ein um 20° von der N-S-Richtung abweichendes Rechteck mit einer sehr guten Übereinstimmung in den Abmessungen: Kap Skagen an der Nordspitze Dänemarks ist vom Odermündungsgebiet bei Stettin tatsächlich 3000 Stadien entfernt, und die Distanz zwischen Helgoland und dem Öresund beträgt recht genau 2000 Stadien (s. Abb. 9).

Als Rechtecksgrenze innerhalb Deutschlands nimmt H.-W. Rathjen die südliche Ausbreitung der Nordischen Bronzekultur einschließlich der so genannten Stader Gruppe, der Lüneburger und der Allermündungs-Gruppe an [67]. Die Atlanter haben offenbar das gesamte zumeist flache Land nördlich des Weserberglands bis hin zur Oder als ihren Lebensraum betrachtet. Der südliche Eckpunkt der Ebene, der wie der Ostpunkt keine geographisch exponierte Lage aufweist, kann demnach bei Minden angenommen werden, dem heutigen Kreuzungspunkt von Weser und Mittellandkanal. Die von Norden her genauer ausgemessene theoretische Südecke liegt allerdings in der Nähe der Externsteine im Teutoburger Wald. Vielleicht waren sich die Bronzeleute sogar dieses Zufalls bewusst, denn das hoch aufragende Felsengebilde wurde in vorgeschichtlicher Zeit als astronomische Beobachtungsstätte und möglicherweise auch als Ortungspunkt genutzt.

Atl11Abb. 9:
Die von H.-W. Rathjen rekonstruierte große Ebene von Atlantis

Zum „Reich des Atlas“ gehörten auch Landesteile von Norwegen, Schweden und Deutschland, doch nur Dänemark lag vollständig innerhalb der ehemaligen großen Ebene. Dieses fast durchweg flache Land büßte in den letzten 7000 Jahren mehr als die Hälfte seines ursprünglichen Territoriums durch Sturmfluten und andere Naturkatastrophen ein [68]. Heute überwiegt die Wasserfläche zwischen Jütland, Rügen und Südschweden, aber im 13. Jh. v.Chr., also unmittelbar vor dem Untergang der zentralen Gebiete von Atlantis, waren die großen dänischen Inseln Seeland, Fünen, Lolland und Falster durch merklich schmalere Belte getrennt. Etliche gegenwärtig existierende Inseln waren damals untereinander oder mit dem Festland verbunden. Auch die Westküste Jütlands säumten sehr viele inzwischen versunkene Inseln. Eine bronzezeitliche Landkarte hätte schon besser die Außenkontur des annähernd rechteckigen Tieflands hervorgehoben. Noch klarer trat sie zu Beginn der Jungsteinzeit um 5000 v.Chr. hervor. Hier vervollkommnete die Jütlandbank als Festland die NW-Spitze des Rechtecks, und die dänischen Ostseeinseln bildeten von Rügen bis Kap Skagen eine überwiegend geschlossene Landfläche [69].

Die Abweichung der idealisierten Ebene um 20° von der Nordrichtung ist an ihrer östlichen Seite noch gut erkennbar. Nicht nur die südwestschwedische Küste entlang des ehemals viel schmaleren Kattegats besitzt diese Ausrichtung, sondern auch die gedachte Verlängerung bis zur Odermündung. Die Westseite der Ebene hingegen wurde noch im 5. Jts. v.Chr. von einem mächtigen Strom begrenzt, der durch den Zusammenfluss von Weser, Elbe und Eider nordwestlich von Helgoland entstand. Die gemittelte Richtung dieser „Ur-Weser“ von Minden bis zur ehemaligen Mündung zwischen der Jütland- und der Doggerbank verlief annähernd parallel zur Ostseite der Ebene und ist heute noch anhand der 25 m – Tiefenlinie der Nordsee nachvollziehbar (s. Abb. 10) [70].

AtlE12

Abb. 10:
Südliche Nordsee im 7. Jts. v.Chr. mit festem Land (grau) sowie der noch vollständigen „Großen Ebene“ (Rechteck)

Das zumeist sehr flache norddeutsche und dänische Tiefland wird nur von wenigen Erhebungen unterbrochen; die Helpter Berge in Ostmecklenburg erreichen als höchste nicht einmal 180 m. Das Landschaftsbild dieser Ebene wurde von vielen Binnenseen, kleinen Flüssen, Fjorden und Sunden geprägt. Der große Reichtum an Gewässern bot den Menschen an den Küsten wie auch im Binnenland günstige Bedingungen zum Siedeln. Die Bronzeleute lebten offenbar in einem gewissen Wohlstand, denn nach Platons Beschreibung hatte die von Bergen umfasste Ebene „… viele reiche Ortschaften der Umwohnenden sowie Flüsse, Seen und Wiesen zu ausreichendem Futter für alles wilde und zahme Vieh …“.

Mit den „umlaufenden Bergen“ außerhalb der Ebene waren sicherlich im Süden die deutschen Mittelgebirge, in Schweden die flachwellige Waldlandschaft von Småland und im Norden die schneebedeckten, über 2000 m hohen Gipfel der norwegischen Fjordlandschaft gemeint, die die Atlanter wegen ihrer einzigartigen Schönheit rühmten.

Kanalbauer zwischen Nord- und Ostsee

Die Schifffahrt stellte schon in der Jungsteinzeit, aber mehr noch in der Bronzezeit die wichtigste Fortbewegungsart über weite Entfernungen dar. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Bronzeleute die vorhandenen Wasserwege noch ausbauten und einige Flüsse durch Kanäle und Schleusen verbanden [71]. Im Atlantisbericht ist mehrfach von „Gräben“, also Kanalbauten die Rede, darunter von einem „Superkanal“ mit 31 m Tiefe und 10.000 Stadien (1850 km) Länge, der die ganze Ebene umschlossen haben soll [72]. Platon selbst bezweifelte diese unglaublichen Angaben, gab sie aber dennoch zahlengetreu wieder. Durch die Entdeckung von H.-W. Rathjen lässt sich dieses wichtige Detail jetzt sinnvoll interpretieren. Natürlich existierte zu keiner Zeit ein Kanal dieser Länge, aber der Informant unter den aus dem Norden abgewanderten Philistern wollte damit offenbar ausdrücken, dass ein Schiff vollständig die große Ebene teils auf natürlichen Gewässern, teils auf künstlich geschaffenen Kanälen umfahren konnte.

Eine bronzezeitliche Schiffsbesatzung wäre auch beim damaligen Küstenverlauf problemlos von der Odermündung aus durch den Öresund in das Kattegat gelangt, hätte Dänemark durch den Skagerrak umschifft und wäre dann entlang der Inseln vor der Westküste Jütlands bis zum Mittellauf der Weser gesegelt. Heute gäbe es ab Minden den Mittellandkanal, den Elbe-Havel-Kanal und den Oder-Havel-Kanal, um die tatsächlich rund 1850 km lange Schiffsroute wieder in der Oder enden zu lassen. Ein durchgehendes bronzezeitliches Kanalsystem wird von den meisten Archäologen noch bezweifelt, aber der Berliner Historiker K.Goldmann nimmt eben dieses durchdachte System von Wasserstraßen von der Weichsel bis zum Rhein bereits für die Bronzezeit an [71].

Welche Bedeutung die Atlanter der vollständigen Umschiffbarkeit und der äußeren Gestalt der Ebene beimaßen, geht aus einer bisher unverstandenen Bemerkung hervor. Was „am Viereck fehlte“, schreibt Platon, „glichen sie mit einem ringsherum ausgehobenen Graben aus“. Die Bronzeleute empfanden es offenbar als Nachteil, dass am Südrand der Ebene und damit an der Grenze ihres Herrschaftsbereiches kein west-östlich verlaufender schiffbarer Fluss existierte. Um diesen Mangel zu beheben, legten sie demnach einen Kanal an. Sicherlich bezog man dabei zur Verminderung des hohen Arbeitsaufwandes möglichst viele Flüsse und Seen zwischen Weser und Oder mit ein.

Eine Art Nord-Ostsee-Kanal der Bronzezeit war der Eider-Schlei-Weg. Er verband das Nordseegebiet nahe der Kult- und Handelsmetropole Althelgoland/Altsüdstrand auf direktem Wege mit der Ostsee und teilte die Ebene in zwei annähernd gleich große Hälften. Der bronzezeitliche Eiderverlauf über die Treene, die Rheider Au bis zur Schlei wurde mit großer Wahrscheinlichkeit bei Schleswig durch ein Kanal- und Schleusensystem ergänzt, um eine durchgängige Verbindung in das „jenseitige Meer“ herzustellen.

Das im Südwesten der Ebene zwischen Weser und Leine gelegene Steinhuder Meer hat sicher ebenfalls eine verkehrsgeographisch bedeutende Rolle gespielt. Es war zudem – genau wie Helgoland – ein Vogelparadies und eine Drehscheibe des Vogelflugs in Mitteleuropa.

Der Bau von Kanälen, Schleusen und Deichen erforderte Organisationstalent, ingenieurtechnisches Wissen und mathematische Kenntnisse, aber er förderte dies zugleich. Der ständige Kampf gegen Meeresgezeiten und Landverluste prägte die Bronzeleute und zwang sie zu hochqualifizierter gemeinschaftlicher Arbeit. Dies scheint den Atlantern des Kernreiches im Laufe der Jahrhunderte die bei Platon erwähnte Führungsrolle unter den zehn Königreichen eingebracht und die Entwicklung eines geordneten Staatswesens beschleunigt zu haben. Bei der Organisation der Bauvorhaben und des öffentlichen Lebens spielten offenbar auch geometrische Überlegungen eine große Rolle. Die Querkanäle, die die Hauptwasserstraßen verbanden, wurden nicht willkürlich angelegt, sondern hatten den Angaben zufolge 100 Stadien Abstand voneinander. Des Weiteren hatte ein 10 mal 10 Stadien großer Bezirk im Kriegsfalle ein bestimmtes, genau festgelegtes Militärkontingent zu stellen.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Erkenntnisse klärt sich höchstwahrscheinlich ein weiteres Rätsel der Vorgeschichte Schleswig-Holsteins auf. H.Zschweigert machte 1997 auf eine frühere Entdeckung von G.Carstens aufmerksam, wonach vorgeschichtliche Kultanlagen entlang eines gedachten rechtwinkligen Gitternetzes angelegt worden seien [73]. Unverständlich daran war nur die 20°-Abweichung der Linien von der Nordrichtung (genau 341° Azimut), die weder astronomisch noch anderweitig einen Sinn ergab. Der Zusammenhang wird nun erst erkennbar: die prähistorischen Vermesser und Baumeister waren offenbar bestrebt, die Wege und Verbindungslinien zwischen bedeutenden Bauwerken und Kultstätten parallel zu den Außenseiten der idealisierten großen Ebene auszurichten. Da Vergleichbares noch nie zuvor bei anderen Völkerschaften beobachtet wurde, verdient diese Leistung der Bronzeleute und ihrer Vorfahren eine ähnliche Anerkennung wie die Organisation des Pyramidenbaus in Ägypten.

AtlE13Abb. 11:
Das Gebiet der Atlanter heute (NASA-Aufnahme)

Erdvermessung vor 5000 Jahren?

Die konkreten Größenangaben Platons zur Atlantisebene und ihre gute Übereinstimmung mit der Wirklichkeit lassen sich nur durch eine tatsächlich vorgenommene Vermessung erklären. Sie muss schon sehr frühzeitig stattgefunden haben, vielleicht im 5. oder 4. Jts. v.Chr., als Helgoland noch mit dem Festland verbunden war und „Ur-Dänemark“ eine größtenteils zusammenhängende Landfläche aufwies. Ausgangspunkt und Richtung der Messung können sogar in einem Falle dem Atlantisbericht entnommen werden: „vom Meere landeinwärts in der Mitte 2000 Stadien breit“ bedeutet nichts anderes als vom Kultzentrum Althelgoland aus quer über die Ebene nach dem Öresund zu. Der Nullpunkt der Messung war sicherlich ein Punkt nahe der Mitte oder sogar das Allerheiligste auf dieser Insel, die mit Bernstein verzierte große Weltsäule im Zentrum des Burghügels [74].

Warum aber wurde als Längeneinheit zur Landvermessung gerade 185 m gewählt und nicht das Hundertfache oder Tausendfache des Megalithischen Yards (83 cm)? Vermutlich war die alte Vorliebe der Menschen für kleine ganze und „runde“ Zahlen ausschlaggebend dafür. Man suchte nach einer „heiligen“, in der Natur vorkommenden Distanz mit einer hohen symbolischen Bedeutung und fand sie in der Breite des kleinsten Wasserringes auf Althelgoland. Er umgab den zentralen Kultbereich der Insel Basileia und hatte Platon zufolge „eines Stadions Breite“. Die anderen Land- und Wasserringe besaßen die doppelte und dreifache Breite, der Durchmesser der innersten Zentralinsel betrug 5 Stadien, die Kanallänge bis zum Meer „runde“ 50 Stadien und die Ebene umfasste annähernd 2000 mal 3000 Stadien. Eine „perfekte“ Maßeinheit war also mit einem Stadion von 185 m Länge gefunden worden. Die örtlichen Gegebenheiten auf Althelgoland könnten auf diese Weise „Maß“-gebend für das älteste Längenmaß zur Landvermessung in Alteuropa geworden sein [75].

Irgendwann nach Vermessung der Ebene entstand bei den Priesterastronomen oder den vorgeschichtlichen Seefahrern sicher auch der Wunsch, die Größe der ganzen Nordhalbkugel in Erfahrung zu bringen. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass dieses anspruchsvolle Vorhaben wirklich in Angriff genommen wurde, und das schon lange vor Eratosthenes, dem ersten namentlich bekannten Erdvermesser. H.Zschweigert verweist dazu auf merkwürdige, nur schwer verständliche Passagen in den Edden, wonach Walhall und Thors Palast Bilskirnir in 540 Abschnitte unterteilt gewesen seien. Möglicherweise ist damit die Länge des Erdquadranten gemeint, wenn einem Abschnitt ein Längenmaß von 100 Stadien zugrunde gelegt wird. 54.000 Stadien Gesamtlänge (etwa 9990 km) weichen in der Tat nur wenig von der Wirklichkeit ab [76].

Eine praktikable Methode zur Erdumfangsbestimmung in den nördlichen Breiten und mit einfachen Hilfsmitteln bestand in der Messung des Höhenwinkels beim damaligen Polarstern. Sie musste an zwei verschiedenen Orten erfolgen, die einigermaßen genau auf einem Meridian lagen und möglichst weit voneinander entfernt waren. Die Bewohner der großen Ebene besaßen gute Voraussetzungen für eine derartige Aufgabe. Möglicherweise waren bei den Kanal- und Deichbauern die erforderlichen Winkelmessgeräte bereits im Gebrauch. Eine ausreichend lange und wegen des flachen Landes gut ausmessbare N-S-gerichtete Strecke könnten sie nahe des 10. östlichen Längengrades vorgefunden haben. Die heutige Hafenstadt Hirtshals am Skagerrak ist von Celle im Süden 3000 Stadien entfernt. Auf dieser Länge ändert sich für einen Beobachter der Höhenwinkel des Himmelsnordpols um 5°, einem Achtzehntel des rechten Winkels. Aus diesem Verhältnis konnte leicht die Länge des Erdquadranten von 54.000 Stadien berechnet werden [77].

Dank der Präzessionsbewegung der Rotationsachse unseres Planeten lässt sich ein wahrscheinlicher Zeitpunkt für die vorgeschichtliche Erdvermessung bestimmen. Nur selten stand nämlich in den letzten Jahrtausenden ein ausreichend heller Stern ganz nah am Himmelsnordpol. Unser heutiger Polarstern an dieser Stelle ist langfristig gesehen die Ausnahme. Davor erfüllte der etwas schwächere Thuban im Sternbild Drache die Funktion als genauer Nordweiser, und zwar zwischen 3000 und 2650 v.Chr. [78]. Man darf den Menschen dieser Zeitepoche durchaus zutrauen, einen „Eratosthenes der Jungsteinzeit“ hervorgebracht zu haben, denn gerade der europäische Norden bot – wie bereits erwähnt – günstige Voraussetzungen für astronomische Entdeckungen sowie die Entdeckung der Kugelgestalt der Erde.

Wenn auch einige dieser Gedanken noch spekulativ sind, so gibt es doch mehrere Hinweise für eine intensive Beschäftigung mit der Landvermessung und die frühe Verwendung der Längeneinheit „Stadion“. H.Zschweigert fand in den letzten Jahren viele „Zufälligkeiten“ heraus. So gibt es in Schleswig-Holstein etliche Grundstücks- und Flurnamen mit Bezug auf diese Tätigkeiten wie „Maasholm“, „Rote Maas“, „Winkelholm“ usw., die überdies noch in geometrischer Beziehung zueinander stehen. Nicht zuletzt könnte es einen Zusammenhang der Bezeichnung „Stadion“ mit „Stade / Gestade“ und einer Häufung der Ortsnamen auf „stade“ im Elbe-Weser-Dreieck geben [79].

Die jüngsten Forschungen zur großen Ebene haben die vor einem halben Jahrhundert erstmals veröffentlichte Theorie von Jürgen Spanuth in einem wichtigen Punkt bereichert. Mehrere Angaben aus Platons Atlantisbericht sind nun verständlicher geworden. Zukünftige archäologische Entdeckungen werden zur weiteren Deutung dieser wertvollen Überlieferung aus der Bronzezeit beitragen und das Bild von einer hoch entwickelten vorgeschichtlichen Kultur im nördlichen Mitteleuropa ergänzen.

Die bronzezeitliche Metropole Althelgoland

[80] Es war nach dem gängigen Geschichtsbild nicht unbedingt zu erwarten, dass sich fernab der bekannten Mittelmeerkulturen Hinweise auf hochstehende Völkerschaften „jenseits der Säulen der Herakles“ finden lassen. Inzwischen zeugen solche Entdeckungen wie die „Himmelsscheibe von Nebra“, die frühen neolithischen Kreisgrabenanlagen in Mitteldeutschland und Funde im deutschen Wattenmeer aus mykenisch-minoischer Zeit von einer bemerkenswerten Zivilisation, wie sie vor hundert Jahren noch nicht in dieser Region für möglich gehalten wurde. Um jedoch zu verstehen, warum sich gerade im Gebiet der Helgoländer Bucht ein bedeutendes Kult- und Handelszentrum der Vorzeit entwickeln konnte, muss man weit in die Vergangenheit zurück blicken.

Als sich Europa nach der letzten Eiszeit wieder erwärmte, hatte dies auch tiefgreifende Auswirkungen auf die Land- und Wasserverteilung zwischen Großbritannien und Skandinavien. Die Südgrenze der Nordsee verlief vor 9000 Jahren noch zwischen Schottland und Nordjütland (Abb. 10). Südlich davon war zu jener Zeit trockenes Land, und das Gebiet um Helgoland befand sich 300 km von der Meeresküste entfernt. Trotzdem besaß es schon damals eine bevorzugte Lage. Mitten in der flachen Landschaft erhob sich unvermittelt der braun-rote Buntsandsteinfelsen, daneben die ebenso hohe, strahlend weiße „Witte Klyppe“ aus Kreide und Gips sowie ein mit kohlensaurem Kupfer imprägnierter schwarzblau gefärbter Felsen. Solche geologisch interessanten Einzelformationen zogen die Menschen schon immer zu Kultzwecken an, wie beispielsweise die Externsteine bei Detmold oder der Ayers Rock in Australien belegen.

Als Folge der allmählichen Entlastung der skandinavischen Halbinsel vom Eispanzer sank das Gebiet der südlichen Nordsee kontinuierlich ab, nach extremen Naturkatastrophen manchmal auch abrupt [81]. Das Meer verschlang schrittweise die Festlandgebiete zwischen Dänemark und England, bis um 2000 v. Chr. nur noch eine Inselkette westlich der jütischen Halbinsel übrig blieb. Die Nordsee hatte sich nunmehr bis zu einer Linie nördlich von Helgoland ausgebreitet, das inzwischen selbst zur Insel geworden war. Ihre Lage im südöstlichen Winkel des atlantischen Randmeeres war nun noch günstiger geworden, denn die weit ins Binnenland führenden Flüsse Elbe und Weser sowie die nahe der Ostseeküste entspringende Eider waren von großem Vorteil für den in der Bronzezeit aufkommenden europaweiten Handel mit wertvollen Gütern (Abb. 2) [87].

„Das meiste aber zum Bedarfe des Lebens bot die Insel selbst“. Diese Anmerkung Platons trifft sicher nicht mehr auf das heutige Helgoland zu, sie gibt aber recht genau die natürlichen Gegebenheiten in der Bronzezeit wieder. Das überaus fruchtbare Marschland erstreckte sich östlich der Felsengruppe etwa 20 km weit in Richtung Eiderstedt. Das Klimaoptimum in der Bronzezeit brachte die wärmste Periode nach der Eiszeit hervor. Die Felder wurden der Überlieferung zufolge bewässert und ermöglichten zwei Ernten im Jahr. Es wurden wahrscheinlich sogar Apfelplantagen angelegt, denn in verschiedenen griechischen Sagen, die sich auf diese Region beziehen, spielen Äpfel eine Rolle. Außerdem bezeichneten die Kelten das an dieser Stelle zwischenzeitlich wieder aufgetauchte Eiland als „Abalus“, die „Apfelinsel“ [82].

Darüber hinaus gab es auf Althelgoland zwei Rohstoffe, die beide mit Gold aufgewogen werden konnten. Zum einen war es der hauptsächlich auf dieser Insel gefundene Bernstein, den man in ganz Europa schätzte und der in der Bronzezeit bis nach Ägypten exportiert wurde. Des Weiteren nutzte man die auf der Insel gefundenen Kupfermineralien ab etwa 4000 v. Chr. für die Herstellung erster metallischer Gebrauchsgegenstände in dieser Region. Das Helgoländer Kupfererz zeichnet sich speziell durch seinen hohen Arsengehalt aus. Das daraus gewonnene Kupfer war deshalb auch ohne Beimischung von Zinn so hart, dass es sich gut zur Herstellung von Waffen eignete. Eine lokale Besonderheit erleichterte dabei den Inselbewohnern die Erzgewinnung außerordentlich. Das Rohkupfererz musste nicht wie bei vielen anderen Lagerstätten mühselig untertage abgebaut werden, sondern es trat infolge der Schrägstellung der geologischen Schichten damals an der westlichen Oberkante des Buntsandsteinfelsens und auch „im Inneren der Insel“ in Bodennähe zutage [83].

Das Vorhandensein großer Mengen an Bernstein und Kupfermineralien sowie die günstige geografische Lage waren somit entscheidend dafür, dass sich Handel und Handwerk besonders gut entwickeln konnten und die Stammesfürsten auf Althelgoland im Laufe der Jahrhunderte unvorstellbaren Reichtum erlangten. Platon beschreibt die mit Oreichalkos, Gold und Silber verzierten Bauwerke und Gegenstände im innersten heiligen Bezirk sehr anschaulich, darunter beispielsweise einen riesigen rechteckigen Tempel, mehrere überlebensgroße Götterbilder, die Weltsäule und ein Standbild des Poseidon. Auch der antike griechische Dichter Homer rühmt in seinen Phäaken-Gesängen Alkinoos’ Palast, „der vor allen strahle“ [84]. Um sich eine annähernde Vorstellung vom Glanz und Reichtum einiger Gebäude zu machen, sei nur an das inzwischen wieder entstandene Bernsteinzimmer in Puschkin (bei St. Petersburg) erinnert.

Auf der über 400 km² großen Insel Althelgoland könnten nach grober Schätzung mehrere zehntausend Einwohner gelebt haben. Für bronzezeitliche Verhältnisse entsprach das einer Großstadt [85]. Sehr anschaulich werden im Atlantisbericht die Zustände in der geschäftigen Handelsmetropole geschildert: „Dies alles (d. h. der äußere Wasserring; Anm. d. Verf.) war umgeben von dicht gedrängten Wohnungen; die Seezufahrt und der größte Hafen wimmelte von Schiffen und Kaufleuten, die von allen Orten dort zusammen strömten und durch ihr massenhaftes Auftreten bei Tag und bei Nacht Geschrei, Getümmel und Lärm mannigfacher Art verursachten“ [86].

Ein letztes, den urbanen Lebensstil unterstreichendes Detail sei noch angemerkt. Eine auf der Insel entspringende kalte und eine warme Quelle nutzte man, um für das Wohlbefinden der Bewohner mehrere Badeanstalten zu errichten, teils unter freiem Himmel, teils „in bedeckten Räumen“ für den Winter. Dieser Luxus war nicht nur den Königen vorbehalten, sondern es gab auch separate Bäder für die Untertanen und für Frauen.

Das Kult- und Handelszentrum Althelgoland war einst – das bezeugen die Überlieferungen – im ganzen Nordseeraum und weit darüber hinaus bekannt. Spätestens in der Bronzezeit drang die Kunde von dieser außergewöhnlichen Insel bis zu den Mittelmeerländern [87]. Die auf ihr gelegene Metropole dürfte in jenen Jahrhunderten eine ähnliche Ausstrahlung gehabt haben wie das antike Rom um die Zeitenwende.

Die Brücken von Basileia

Leider ist aus geologischer und archäologischer Sicht nur wenig über das tatsächliche Aussehen der bronzezeitlichen Insel und die darauf befindlichen Bauwerke bekannt. Bei den von J. Spanuth in den 1950er Jahren geleiteten Tauchexpeditionen stieß man auf dem Steingrund 10 km nordöstlich der Düne immerhin auf Türangelsteine, parallele Steinwälle, gepflasterte Straßen und gefugten Fliesenbelag. Das war angesichts der schlechten Bedingungen in der Nordsee mehr als erwartet. Eine wirklichkeitsgetreue Rekonstruktion von Althelgoland war beim damaligen Stand der Technik allerdings nicht möglich und wird auch in Zukunft schwierig sein. So blieb bis heute ungeklärt, wie gut Platons Überlieferung mit der Realität vor 3300 Jahren übereinstimmt. Doch es gibt hierzu neue, verblüffende Erkenntnisse.

Der griechische Philosoph beschrieb „Basileia“, die Stadt und Insel des Poseidon, sehr detailliert, aber einige seiner Aussagen erscheinen so unglaubwürdig, dass sie selbst von Atlantis-Befürwortern angezweifelt wurden. Es betrifft vor allem die Schilderung einer gigantischen Anlage von konzentrischen Land- und Wasserringen um den innersten Kultbereich, dem heiligsten Teil von Basileia. Der äußere und größte Wasserring soll drei Stadien (555 m) breit gewesen sein und einen Außendurchmesser von 27 Stadien (5 km) gehabt haben. Von dort aus soll ein drei Phlethren (93 m) breiter, 100 Fuß tiefer und etwa 9 km langer Kanal die Verbindung zum offenen Meer hergestellt haben. Die Ansicht des Prähistorikers G. Kehnscherper schien daher gerechtfertigt zu sein, dass diese Anlagen nicht wirklich existierten, sondern ihrer Beschreibung lediglich ungenaue Vorstellungen der Mittelmeeranwohner über kreisförmige Anlagen im Norden, speziell über das Stonehenge-Heiligtum, zugrunde lagen [88].

Dem Hollingstedter Privatforscher Hermann Zschweigert ist allerdings vor wenigen Jahren eine Entdeckung gelungen, der zufolge es diese konzentrischen Ringgewässer, Kanäle, Schleusen und Brücken sehr wahrscheinlich doch auf dieser Insel gab, auch wenn die Größenangaben vorerst nicht überprüfbar sind. Ausgangspunkt der Überlegungen waren die seit langem bekannten bronzezeitlichen Prunkschilde vom Typ „Herzsprung“. Ihren Namen erhielten die im Jahre 1844 von einem Bauern entdeckten, etwa 70 cm großen Exemplare nach ihrem Fundort in der Ostprignitz (NW-Brandenburg). Die meisten Prunkschilde dieser Art wurden seither im Verbreitungsgebiet der Nordischen Bronzekultur gefunden, die anderen verstreut im übrigen Europa. Ihre eigenartige Ornamentik konnten die Archäologen bisher nicht befriedigend deuten, und so bezeichneten sie beispielsweise die zwei halbkreisförmigen kleinen Leisten als „Möndchen“, „mondsichelartige Hörnchen“ oder als „u-förmige Bögen“ (Abb. 7 und 12).

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Abb. 12 a – d:
Herzsprung-Schilde; Paar aus Herzsprung (a), aus Dänemark und Südschweden (d)

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Als H. Zschweigert 2004 das Foto eines Herzsprung-Schildes auswertete, das er bei einem Besuch des Vitlycke-Museums in Tanum (Südschweden) gemacht hatte, erkannte er mit einem Mal die Bedeutung der ungewöhnlichen Muster: es handelt sich hierbei um stilisierte Darstellungen wichtiger Bauwerke der Insel Basileia [89]. Die Übereinstimmungen mit Platons Überlieferung sind in der Tat frappierend. Die zwei äußeren, leicht ovalen konzentrischen Leisten entsprachen in der Realität offenbar den von Wasserringen eingegrenzten zwei Landringen, und die halbkreisförmigen „Möndchen“ geben die bogenförmigen Brücken über die inneren Verbindungskanäle wieder. Mit dieser ersten Erkenntnis erschlossen sich dann auch die weiteren Besonderheiten der bronzezeitlichen Anlage: der zum Meer führende breite und lange Kanal wurde als dreifache Buckelreihe dargestellt, die mit Oreichalkos verkleidete Mauer rund um die knapp 1 km große Mittelinsel als weitere kreisförmige Leiste. Auch für den bei anderen Schildarten untypischen großen Buckel in der Mitte gab es eine sinnvolle Entsprechung in der Wirklichkeit: er sollte den niedrigen Burghügel in der Mitte von Basileia darstellen.

Mit Hilfe weiterer Details auf den Schilden lässt sich das Aussehen Althelgolands mosaikartig vervollständigen. Der innerste Ring ist nicht vollständig geschlossen. Wahrscheinlich war die Umfassungsmauer an dieser Stelle für eine Schiffsanlegestelle oder einen Hafeneingang direkt am heiligen Bezirk unterbrochen. Die Gezeitenwirkung konnte im inneren Wasserring vernachlässigt werden, denn die zwei schmalen Kanäle waren mit „Toren und Türmen“, also Schleusen ausgestattet. Die Deutung als Maueröffnung wird auch dadurch gestützt, dass bei einigen im Nationalmuseum Kopenhagen ausgestellten Herzsprung-Schilden die erhabene zentrale Kreisfläche mit einer runden Aussparung versehen wurde, was offenbar eine dahinter gelegene geschützte Hafenbucht darstellt (Abb. 12c). In der Mitte des sehr breiten Außenkanals könnte sich wiederum eine Bojenreihe, ein Wellenbrecher oder etwas Ähnliches befunden haben, dargestellt durch die mittelste der drei annähernd radial verlaufenden Buckelreihen.

AtlDetail

Schließlich wurde bei manchen Herzsprung-Schilden außen noch ein fortlaufender Kreis aus Wasservögeln dargestellt (Abb. 12d). Die Hyperboreer-Sagen erwähnen diesbezüglich eine Insel „Elektris“ oder „Helixoia“ im „Nördlichen Ozean“ an der Mündung des Bernsteinflusses Eridanos, auf der es einen Teich mit heiligen Schwänen gegeben haben soll [90].

Manchmal wurden die Herzsprung-Schilde auch paarweise gefunden, und auf dem einfacher gestalteten Schild waren lediglich die zwei Landringe mit den beiden Brücken stilisiert wiedergegeben. Diese weit gespannten Bauwerke haben die Seeleute offensichtlich besonders beeindruckt, wenn sie die Kanäle entlang fuhren und geradewegs vor sich den auf einem Hügel errichteten prachtvollen Königspalast sahen [91].

Gleich mehrere markante Einzelheiten des Inselaufbaus lassen sich also in der ungewöhnlichen Ornamentik der Herzsprung-Schilde wieder erkennen. Mit anderen Worten, die Verzierungen auf diesen Prunkschilden können als mehr oder weniger detaillierter „Stadtplan“ von Althelgoland interpretiert werden. Einmal mehr weist diese Entdeckung auf die Lage des Kerngebietes von Atlantis hin.

In der Kunst der Nordischen Bronzekultur stößt man aber noch auf weitere Gegenstände, die höchstwahrscheinlich das weithin bekannte Zentrum schematisiert wiedergeben. Die konzentrischen Kreisringe, die mit abwechselndem Muster die Land- und Wasserringe darstellen sollen, sind sehr häufig anzutreffen. Die von den „Bronzejuwelieren“ mit hoher Präzision hergestellten Bänder aus Doppelspiralen und kleinen Kreisen symbolisieren dabei die Wasserringe. Man findet sie beispielsweise auf beiden Scheibenseiten des Sonnenwagens von Trundholm und vielen anderen Kunstgegenständen. Bei den modebewussten Frauen waren vergoldete, mit dem Ringmotiv verzierte Gürtelscheiben sehr beliebt, die im Mittelpunkt einen Dorn aufweisen (Abb. 13). Er stellte vermutlich stark vereinfacht die mit Oreichalkos überzogene Weltsäule auf dem Burghügel dar. Ähnlich wie für die Christenheit das Kreuz zum Symbol ihrer Religion wurde, erlangte das konzentrische Ringmuster eine besondere Wertschätzung bei den Bronzeleuten. Es brachte den Stolz auf das Zentrum ihrer Kultur zum Ausdruck (Abb. 15).

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Atl20Abb. 13 a – c:
Gürtelscheibe mit Dorn und Ringmotiv mit stilisierten Wasserwellen
(Mädchen mit Gürtelscheibe, Gesamtansicht sowie Ausschnitt von der Scheibenmitte)

Eine Hochburg alteuropäischer Astronomie

Als die Archäologen erstmals die Himmelsscheibe von Nebra in den Händen hielten, waren sie sehr überrascht. Ein solches komplexes astronomisches Wissen hatte man den bronzezeitlichen Kulturen in Mitteleuropa bisher nicht zugetraut. Vielleicht wäre man über den erstaunlichen Kenntnisstand unserer Vorfahren nicht so verwundert gewesen, wenn man den frühgeschichtlichen Überlieferungen mehr Glauben geschenkt hätte. Der griechische Geschichtsschreiber Diodor von Sizilien (1. Jh. v. Chr.) beschrieb nämlich das astronomische Wissen der Atlanter wie folgt:

„Atlas, der erste König auf der heiligen Insel und Ahnherr des dort lebenden Geschlechts hat viel Mühe und Fleiß auf die Kenntnis der Gestirne verwendet und mit großem Scharfsinn herausgefunden, dass der Himmelsbau eine Kugel sei. Atlas … hat die Bewegung der himmlischen Gestirne erfasst und den Menschen offenbart. Dadurch entstand die Sage, dass er den Himmel auf seine Schultern trüge …“ [92].

Diodor erwähnte auch eine „Insel im nördlichen Ozean“ bei den Hyperboreern, auf der sich ein Bauwerk „im Schema der Sphären“ befunden haben soll. Die Archäoastronomen dachten dabei sogleich an das Stonehenge-Heiligtum auf der britischen Insel. Aber dieses konnte damit nicht gemeint sein, denn das Hyperboreerland lag nach Angabe antiker Schriftsteller aus britischer Sicht „in Richtung Asien“ [93]. Damit kommt nur eine Insel vor der Westküste Schleswig-Holsteins oder vor Jütland in Frage. Mit der ergänzenden Lagebeschreibung „in der Mündung des Bernsteinflusses Eridanos“ trifft das wiederum nur auf Althelgoland zu. Es ist daher nahe liegend, dass es auf dieser Insel in der Vorzeit eine ähnliche, vielleicht sogar größere astronomisch-kultische Anlage gab.

Die eigentliche Bedeutung dieses oft als „kreisrund“ beschriebenen Bauwerks erschloss allerdings erst J. Spanuth. Er legte die Eigenschaft „im Schema der Sphären“ („sphairoeide to schemati“) wörtlich aus und meinte, hierbei könne es sich nur um eine den gedachten Himmelssphären nachempfundene Bauweise handeln [94]. Dieser wichtige, aber damals nicht beweisbare Gedanke findet im Licht der neuen Erkenntnisse eine unerwartete Bestätigung. Ein solcher Tempel könnte tatsächlich ein „Weltmodell“ gewesen sein, das die damaligen Vorstellungen vom Aufbau des Planetensystems widerspiegelt. In diesem Tempel müsste daher, falls diese Vermutung zutrifft, in der Mitte ein Modell der Erdkugel aufgestellt gewesen sein, umgeben von 7 konzentrischen Kreisen in einer bestimmten Abstandsfolge entsprechend den Sphären für Mond, Sonne und die fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten.

Es bestand wenig Hoffnung, einen materiellen Hinweis auf diese Anlage zu erhalten, doch bei der Suche nach verschieden gestalteten Bronzeschilden wurde der Verfasser unverhofft fündig. In einer Vitrine des Nationalmuseums Kopenhagen hing ein Exemplar, das von der üblichen Ornamentik stark abwich und genau der theoretisch erwarteten Abbildung des „Sphären-Tempels“ entsprach. In der Mitte befand sich eine erhabene, gewölbte Kreisfläche, die sicherlich das Erdmodell in Form einer Kalotte oder Halbkugel vereinfacht darstellen soll, umgeben von 7 exakt kreisförmigen Leisten (Abb. 14) [95]. Dazwischen befanden sich 6 ebenfalls konzentrisch angeordnete Buckelreihen. Da die Anzahl der Buckel in jedem Kreis von 42 bis 112 streng in 14er-Schritten wächst, waren für die Durchmesser der realen „Sphären“ des Tempels sicher harmonische Verhältnisse gewählt worden. Die Buckel symbolisieren möglicherweise kreisförmig aufgestellte Pfosten, die ihrerseits ein Dach stützten, ähnlich der ehemaligen Woodhenge-Anlage in der Grafschaft Wiltshire in Südengland. Der Außendurchmesser der Gesamtanlage auf Althelgoland könnte durchaus 80 m betragen haben [96].

 

Atl21Abb. 14:
Bronzeschild mit „Sphären“-Ornamentik
(Foto: Nationalmuseum Kopenhagen)
[97]

Teilmuster auf den Herzsprung-Schilden der Nord. Bronzekultur Bauwerk / Landschaft auf Althelgoland (bzw. „Basileia“, dem Zentrum von Atlantis) Quelle der Überlieferung
2 konzentrische Kreisleisten mit Unterbrechung durch zwei halbkreisförmige kleine Leisten Die beiden kreisförmigen hohen Erdwälle auf dem inneren und äußeren Landring mit je einer bogenförmigen Brücke über die zwei inneren Kanäle Platon;
Dialog „Kritias“ 115e und 116a
innere Kreisleiste mit einer kleinen Unterbrechung Umfassungsmauer der Mittelinsel mit Maueröffnung für die Hafeneinfahrt nur Mauer: Platon;
„Kritias“ 116a
runde Aussparung in der erhabenen zentralen Kreisfläche innerster Hafen mit schmalem Eingang am Rande der Mittelinsel (gegenüber Innenkanal) Platon;
„Kritias“ 115d (?)
erhabene ovale Mittelfläche bzw. innerste ovale Kreisleiste niedriger (ovaler?) Burghügel auf der Mittelinsel Platon;
„Kritias“ 113c
einseitig nach außen führende zwei- oder dreifache Buckelreihe breiter und langer Außenkanal zur Nordsee (evtl. mit einer Bojenreihe o.Ä. in der Mitte) Platon;
„Kritias“ 115d
umlaufender Kreis mit Wasservögeln Teich (See) mit Singschwänen Hyperboreer-Sagen zur Insel Helixoia
1 oder mehrere kreisförmige Buckelreihen kreisförmig angelegte Reihen von Obstbäumen (?) Platon;
„Kritias“ 115b
7 konzentrische Kreisleisten mit einer gewölbten kreisförmigen Mittelfläche 1) kreisrunder Tempel „im Schema der Sphären“; (Rundtempel als Modell eines geozentrischen Planetensystems) Diodor von Sizilien II,47; (nach Hekatäus, 6.Jh. v.Chr.)
Dorn auf der erhabenen Mittelfläche einer Gürtelscheibe 1) Weltsäule (ähnlich einer germanischen Irminsul)im Zentrum der Mittelinsel auf dem Burghügel Platon;
„Kritias“ 119c-d
3 (o. 4) konzentrische Kreisringe mit stilisierten Wasserwellen 1) 3 konzentrische Wasserringe (Ringhäfen) um die Mittelinsel Platon;
„Kritias“ 115e

Tabelle 3:  Die Ornamentik der Herzsprung-Schilde und ihre Zuordnung zu Bauwerken und Landschaftsformationen auf der Insel Althelgoland / Basileia

Bem. 1) nicht auf Herzsprung-Schilden vorhanden, aber auf anderen kreisförmigen Kunstgegenständen

Atl22jpgAbb. 15:
Zentrum der Insel Basileia nach Platon,
ergänzt durch Informationen aus den Herzsprung-Schilden (s.a. Abb. 6)

Die Vorliebe der auf der Insel residierenden Stammesfürsten für die Sternkunde wird verständlich, wenn man Parallelen zu anderen Zeitepochen und Kulturkreisen zieht. In der Abfolge mächtiger und bedeutender Herrscher gab es stets einige, die die Wissenschaften in besonderem Maße förderten. Die Astronomie bzw. Astrologie nahm dabei oft eine bevorzugte Stellung ein, denn man glaubte aus dem Lauf der Gestirne das eigene Schicksal und das des gesamten Reiches vorhersehen zu können. Priester mit diesen Spezialkenntnissen wurden stets geachtet und waren sehr einflussreich. Es dürfte daher kein Zweifel daran bestehen, dass die Könige dieses überregionalen Kult- und Handelszentrums gute Astronomen und ebenso andere Wissenschaftler an ihren Hof geholt haben [98].

Die führende Rolle Althelgolands als Gesetzgebungs- und Wissenschaftszentrum kann daraus abgeleitet werden, dass sich Platons Überlieferung zufolge die zehn Könige des gesamten Kulturbereichs der Atlanter aller fünf bis sechs Jahre auf Basileia trafen und unter anderem über die Einhaltung der Gesetze berieten. Es ist leicht vorstellbar, dass sich auch die bronzezeitlichen Gelehrten der weit verbreiteten Gemeinschaft gelegentlich hier trafen, um ihr neuestes Wissen auszutauschen.

Sicherlich wurden im Laufe der Jahrhunderte neben dem „Sphären-Tempel“ noch andere astronomische Anlagen errichtet, um besonders genaue Beobachtungen durchführen zu können. Zudem gibt Diodor mit einer eigentümlichen Bemerkung Anlass zu einer weiteren Spekulation: von der Hyperboreer-Insel aus soll „der Mond in geringem Abstand von der Erde erschienen sein und ganz deutlich sichtbare Erhebungen wie auf der Erde zeigen“ [99]. Besaßen die bronzezeitlichen Astronomen bereits einfache optische Beobachtungshilfsmittel? Denkbar ist das schon, denn durch den Bernstein (lat. „glasarea“) könnten die Bronzeleute zu Experimenten mit verschiedenen Materialien angeregt worden sein und erste vergrößernde Gläser entwickelt haben. Die über zweitausend Jahre später hier lebenden Menschen, die Wikinger, benutzten übrigens geschliffene Quarze, deren polierte Fläche aufleuchtete, wenn man sie bei bedecktem Himmel in Richtung Sonne drehte. Dieser so genannte „Solarstein“ war ein nützliches Hilfsmittel für die Navigation auf hoher See [100].

Die besten Sternkundigen auf Althelgoland sollen sogar als Lehrmeister ihr Wissen an andere Völkerschaften weitergegeben haben. Griechische Überlieferungen berichten, dass

„Atlas, der auf Basileia geboren wurde und dort erster König war, die Lehre von den Sphären aufgebracht hat und dort ein Heiligtum im Schema der Sphären erbaute. … Herakles hat die Lehre von der Kugelgestalt des Himmels unter den Hellenen verbreitet, die er von Atlas im Hyperboreerland erfahren hatte“ [101].

An die freundschaftliche Verbindung der beiden weit entfernten Länder erinnert auch der Hinweis, dass der Gott Apoll alle 19 Jahre auf einem Schwanenwagen von der Insel im Norden nach Delphi und Delos gekommen sein soll. Die frühen griechischen Wissenschaftler Thales von Milet und Pythagoras, die auch hervorragende Astronomen waren, konnten wahrscheinlich noch auf altes, überliefertes Wissen aus der Bronzezeit zurückgreifen und darauf aufbauend neue Ideen entwickeln. Das Weltmodell „im Schema der Sphären“ jedenfalls hatte bis zu Kopernikus’ Zeiten Bestand und musste erst danach moderneren Vorstellungen weichen.

Man darf bei zukünftigen Sondierungen des Nordseegrundes auf neue Funde gespannt sein. Vielleicht gelingt einmal die Entdeckung eines archäologisch wertvollen Einzelstücks ähnlich der Nebra-Scheibe. Noch spektakulärer wäre das Aufspüren der konzentrischen Land- und Wasserringe mit Hilfe moderner geophysikalischer Messmethoden, denn dann gäbe es an der Lage des Atlantis-Zentrums bei Helgoland keinen Zweifel mehr [102].

Zusammenfassung

Platons Atlantislegende kann als weitestgehend enträtselt gelten. Trotz vieler neuer Hypothesen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jhd. aufgestellt wurden, ist weiterhin nur die Theorie von Jürgen Spanuth in ihren Hauptaussagen stichhaltig. Sie kann als einzige unter anderem den Kriegszug der Atlanter gegen die damals mächtigsten Länder des östlichen Mittelmeergebietes befriedigend erklären. Folgende Erkenntnisse dürften beim gegenwärtigen Wissensstand der Wahrheit nahe kommen [63] :

  1. Alle Geschehnisse, die mit dem Untergang von Atlantis im Zusammenhang stehen, ereigneten sich um 1200 v.Chr. ( 1250 – 1150 v.Chr.).
  2. Platons Beteuerung, er habe die Informationen (über Zwischenstationen) von Solon erhalten und dieser wiederum von ägyptischen Priestern in Sais, ist äußerst glaubwürdig. Noch heute sind Dokumente zugänglich (Papyrus Harris, Wandreliefs im Totentempel Ramses‘ III. in Medinet Habu), die ganz ähnliche Ereignisse wie im Atlantisbericht beschreiben.
  3. Die Atlanter befanden sich unter den Nord- und Seevölkern, die um 1200 v.Chr. im Zuge der „Großen Wanderung der frühen Urnenfelderleute“ Ägypten und andere Länder angriffen.
  4. Ein Teil der Nord- und Seevölker kam aus Mitteleuropa und dem Gebiet der Nordischen Bronzekultur
  5. Am Ende der Bronzezeit versanken in der Deutschen Bucht zahlreiche Marschen, Inseln und Teile der jütischen Halbinsel. Nur hier kann sich Atlantis (im engeren Sinne) befunden haben.
  6. Basileia, die „Heilige Insel“ der Atlanter, war eine größere zusammenhängende Insel, die sich vom heutigen Helgoland bis zur ehemaligen Insel „Südstrand“ erstreckte.
  7. Basileia ist mit hoher Wahrscheinlichkeit identisch mit der Phäakeninsel „Scheria“ (in Homers „Odyssee“) und der Insel „Helixoia“ bzw. „Elektris“ in den Sagen über die Hyperboreer.
  8. Als Untergangsursache für die Gebiete in der Deutschen Bucht kommt der Einschlag eines Asteroiden um 1220 v.Chr. in Frage (der Beweis durch Fachwissenschaftler steht allerdings noch aus). Damit könnte auch die griechische Sage vom „Sturz des Phaéthon“ eine naturwissenschaftliche Erklärung finden.

Wo lag Atlantis bzw. welche Gebiete umfasste Atlantis ?
Mit „Atlantis“ bezeichnete Platon drei unterschiedliche Gebiete:

  1. die Insel „Basileia“ als Zentrum von Atlantis; 127 Stadien (etwa 23 km) im Durchmesser:
    die bronzezeitliche Insel Althelgoland/Altsüdstrand
  2. das „Reich des Atlas“ (Kerngebiet von Atlantis):
    das Gebiet der Nordischen Bronzekultur; es umfasste Norddeutschland, Dänemark, Südschweden und Südnorwegen (Gesamtfläche in der Bronzezeit ca. 300.000 km²)
  3. der „Kulturbereich der Atlanter“, d. h. die 10 Königreiche insgesamt; das Gebiet war „größer als Libyen und (Klein-) Asien zusammen genommen“:
    das Verbreitungsgebiet der Megalithkulturen in der Jungsteinzeit. Wahrscheinlich ist auch das Verbreitungsgebiet der Bandkeramiker in Mitteleuropa hinzu zu rechnen.

Darüber hinaus flossen in den Atlantisbericht möglicherweise Informationen über Gebiete ein, die man nicht zu Atlantis (1.-3.) zählen kann, z.B. über transatlantische Stützpunkte.

Atlantis (im weitesten Sinne) existierte somit von ca. 5000 v.Chr. bis ca. 1220 v.Chr., und es umfasste vor allem diejenigen europäischen Gebiete, in denen astronomisch orientierte Megalithbauten und große Kreisgrabenanlagen errichtet wurden. Zu den wichtigsten archäologischen Funden aus der Bronzezeit kann man den „Sonnenwagen von Trundholm“ und die „Sternscheibe von Nebra“ zählen (etwa Mitte 2. Jtsd. v.Chr.).

Wichtige Entdeckungen, die noch nicht allgemein anerkannt sind:

  1. Kupfererz wurde (wenigstens) seit der Bronzezeit auf Helgoland abgebaut und verhüttet (J.Spanuth 1953, W.Lorenzen 1965).
  2. Herausgehobene Personen der Gesellschaft benutzten bereits in der Bronzezeit im Gebiet des Nordischen Kreises eine Alphabetschrift (Proto-Tifinagh-Schrift, B.Fell 1982).
  3. Bereits zu Beginn des 2. Jtsd. v.Chr. waren Seefahrer aus einigen an die Nordsee grenzenden Ländern in der Lage, den Atlantik zu überqueren und Amerika zu erreichen (B.Fell 1982).
  4. Auf der bronzezeitlichen Insel Althelgoland gab es eine Metropole, die als Kult- und Handelszentrum weithin in Europa bekannt war (J.Spanuth 1976, H.-W.Rathjen 2004).

Neue Entdeckungen, die zur Diskussion stehen:

  1. Die Ornamentik der so genannten Herzsprung-Schilde versinnbildlicht in verschiedenen Variationen das von Platon beschriebene Zentrum von Atlantis. Die Darstellung entspricht den landschaftlichen und baulichen Gegebenheiten auf der Insel Althelgoland vor ihrem Untergang um 1220 v. Chr. (H.Zschweigert, 2004, G.Bischoff, 2005-2006).
  2. Ein besonderer Typ von Bronzeschilden, die „Sphären-Schilde“, stellt wahrscheinlich den astronomischen Tempel „im Schema der Sphären“ künstlerisch dar, d.h. ein Bauwerk in Gestalt eines „Weltmodells“ (G.Bischoff, 2006).

Fragen und Antworten

Die Theorie von Jürgen Spanuth hat von allen früheren und gegenwärtig diskutierten Hypothesen die meisten Übereinstimmungen zwischen Überlieferung und Realität aufzuweisen (s. Tabelle 1). Dennoch werden bestimmte Aspekte der Atlantis-Legende bzw. Spanuths Deutungen immer noch falsch interpretiert. Zudem gibt es geteilte Meinungen, wie aus heutiger Sicht seine Veröffentlichungen einzuschätzen sind.
Oft geäußerte Fragen und Bedenken sollen daher an dieser Stelle kurz beantwortet werden.

1. Frage:

Sollte Atlantis nicht größer als Libyen und Asien zusammen gewesen sein? Althelgoland war doch viel zu klein!

Antwort:

Althelgoland war nur das Atlantis-Zentrum, das eine annähernd runde Insel mit einem Durchmesser von 127 Stadien (umgerechnet 23,5 km) gewesen sein soll. Die Angabe „größer als Libyen und Asien“ bezieht sich jedoch auf das gesamte Einflussgebiet der Atlanter, das aus zehn Königreichen bestanden haben soll.
Beide Größenangaben stehen im Einklang mit den damaligen geografischen Gegebenheiten. Platons Angaben zur Ausdehnung von „Basileia“ sind für eine Insel in der Helgoländer Bucht durchaus realistisch, und der hypothetische Inselradius (Entfernung des Steingrundes von der heutigen Felseninsel) beträgt tatsächlich annähernd 12 km. Ebenso gut trifft die Aussage „größer als Libyen und (Klein-) Asien“ auf das Verbreitungsgebiet der Megalithkulturen zu. Darüber hinaus passt auch die Größenangabe zur innerhalb des Kernreiches gelegenen Ebene (2000 mal 3000 Stadien), wenn man die ehemalige Landfläche von Dänemark und N-Deutschland in der Jungsteinzeit in Betracht zieht. Bei keiner anderen Hypothese stimmen alle drei Angaben so gut mit der Realität überein.

2. Frage:

Aber Atlantis sollte doch vor den „Säulen des Herakles“ (SdH), also westlich der Straße von Gibraltar gelegen haben?

Antwort:

Platon verwendete bei der Lagebeschreibung von Atlantis die Präpositionen „vor“ und „jenseits“ bezüglich der SdH. Mit dieser Richtungs- bzw. Ortsangabe war aus griechischer Sicht ganz allgemein das Meer außerhalb der Straße von Gibraltar gemeint, also der Atlantik mit seinen Randmeeren. Die genauen geografischen Kenntnisse der Griechen reichten im 5. und 4. Jh. v. Chr. im Westen nur bis zum Ende ihrer Kolonisierungsgebietes an dieser Meerenge; bessere Kenntnisse darüber hinaus verhinderten zu dieser Zeit die auch im Atlantik Seefahrt treibenden Phönizier. Platon konnte oder wollte die Insellage nicht genauer angeben, weil die Straße von Gibraltar gewissermaßen ein westliches „Ultima Thule“ für die Griechen darstellte.
Übrigens sollen nach Herodots Beschreibung die Kelten ebenfalls „jenseits der SdH“ gewohnt haben, und deren Ausbreitungsgebiet war bekanntlich (neben Mitteleuropa) auch NW-Europa. Die Angaben zur Lage von Atlantis und des Keltenlandes sind demnach aus Sicht der alten Seefahrer zu verstehen, die nach dem Passieren der Straße von Gibraltar selbstverständlich wussten, wie sie zu den Küstenländern an der Biskaya, zum Ärmelkanal und in die Deutsche Bucht weitersegeln mussten.

3. Frage:

Das Klima auf Atlantis wurde als „warm“ beschrieben, und es sollen dort sogar Elefanten gelebt haben. Beide Aussagen treffen ganz gewiss nicht auf Althelgoland und das Verbreitungsgebiet der Nordischen Bronzekultur zu, oder?

Antwort:

Während des Klimaoptimums am Ende der Bronzezeit war die Durchschnittstemperatur um 3 Grad höher als heute. Nach der Beschreibung des schwedischen Forschers E. Oxenstierna war diese Epoche eine „wärmebadende und lichtumflossene“ Zeit, in der sogar Wein in Südschweden wuchs [32]. Die Angabe „warm“ gibt also durchaus treffend die damaligen klimatischen Bedingungen im nördlichen Mitteleuropa wieder.
Die Existenz von Elefanten hingegen widerspricht unseren heutigen Vorstellungen von der bronzezeitlichen Tierwelt in dieser Region. Spanuths Theorie weist allerdings nur diesen einen wesentlichen Widerspruch zu Platons Überlieferung auf, während es bei anderen Hypothesen sehr viel mehr sind. Man kann also in diesem Falle von einem Übermittlungsfehler ausgehen. In seinen letzten Büchern favorisierte J. Spanuth die Ansicht, dass die „Elefanten“ mit Auerochsen (= „Elebhanten“, urindogerman. für „Hornträger“) verwechselt wurden. Andere Vermutungen gehen davon aus, dass vielleicht einzelne Elefanten als exotische Tiere aus Afrika importiert wurden und auf Althelgoland in einem „Zoo“ gehalten wurden. Oder es gab eine Verwechselung mit den Mammuts, die möglicherweise noch lange nach der letzten Eiszeit auf Restinseln in der südlichen Nordsee („Doggerland“) überlebt hatten [33].

4. Frage:

Gab es überhaupt eine Hochkultur im Norden?

Antwort:

Die Nordische Bronzekultur war eine typische bronzezeitliche Kultur, die den Nachbarkulturen keineswegs überlegen war. In der Metallverarbeitung galten die Bronzeleute jedoch mit als führend in Europa (Geschirr aus Gold, die bronzenen Griffzungenschwerter waren die gefährlichsten Waffen ihrer Zeit u.a.). Allerdings siedelten sie nach derzeitiger Ansicht der Archäologen nicht in Städten, und sie benutzten keine Schrift; beides Voraussetzungen, um von einer Hochkultur sprechen zu können. Eine 8 ha große Siedlung wurde allerdings schon ausgegraben (Büdelsdorf bei Rendsburg), die nach gebräuchlicher Definition (nach F. Korb) durchaus als Stadt bezeichnet werden könnte. Sie war aber sicher nicht mit den zeitgleichen Städten in den Ländern am Mittelmeer vergleichbar. Die vermutete bronzezeitliche Stadt auf der Insel Basileia östlich von Helgoland liegt (falls sie existierte) von Sedimenten bedeckt im Nordseegrund. Die Archäologen haben derzeit aber kein Interesse und keine finanziellen Mittel, nach ihr zu suchen.
Auch eine Schrift der Bronzeleute wurde vom Forscher Prof. Barry Fell in den 1980er Jahren in Südschweden und in Kanada entdeckt, aber als Buchstabenschrift fand sie bei den meisten Archäologen keine Anerkennung. Da man die Hochbronzezeit aber als erstes „globales“ Zeitalter mit einem europaweiten Austausch von Ideen und Rohstoffen ansieht, ist es nur logisch, dass die Bronzeleute des Nordens auch eine eigene Schrift entwickelten oder eine andere von Nachbarvölkern übernahmen.

5. Frage:

Warum veröffentlichte J. Spanuth später seine Bücher in rechtsgerichteten Verlagen?

Antwort:

Seine ersten beiden Bücher erschienen 1953 und 1955 im renommierten Verlag „Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart“, der nie als rechtsgerichtet eingeschätzt wurde. Nach seinen beiden Atlantis-Vorträgen im Schloss Gottorf in Schleswig im Jahre 1953, bei denen der Kieler Geologe Prof. Karl Gripp zusammen mit verschiedenen anderen Wissenschaftlern eine unsachliche und Spanuth demütigende Diskussion führten, wendete sich die ursprünglich wohlwollende Stimmung in der deutschen Presse zu seinen Ungunsten. Zunehmend spielten auch ideologische Aspekte eine Rolle. Man bemängelte z.B. das Festhalten am Begriff „Germanen der Bronzezeit“, man verglich auf einmal – ein völlig absurder Gedanke – Spanuths Theorie mit Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“ usw., weil die Fachwissenschaftler die Helgoland-Hypothese mit sachlichen Argumenten nicht zu Fall bringen konnten. Nach dieser Kampagne wollte der oben genannte Verlag aber keines seiner weiteren Buchmanuskripte mehr veröffentlichen, und so musste sich Spanuth notgedrungen anderen Verlagen (Zeller und Grabert) zuwenden, um seine Auffassungen zu verbreiten. In keinem seiner Bücher – auch nicht in den vom Grabert-Verlag herausgegeben – äußerte er rassistisches oder nationalistisches Gedankengut. Seine Abhandlungen waren stets sachlich abgefasst und frei von Polemik [103].

6. Frage:

Wurde Spanuths Theorie in den letzten Jahren nicht widerlegt? Treffen vielleicht die Kritikpunkte im Wikipedia-Artikel „Jürgen Spanuth“ zu?

Antwort:

Die Hauptthesen seiner Theorie, die er erstmals 1955 im Buch „ … und doch: Atlantis enträtselt!“ niederschrieb, konnten bisher – trotz anders lautender Meinungen von Journalisten und Wissenschaftlern – nicht widerlegt werden. Diese Kernpunkte wurden 1978 ähnlich formuliert vom Greifswalder Prähistoriker Prof. Dr. G. Kehnscherper im Buch „Auf der Suche nach Atlantis“ und nochmals 1997 von A. Strohmeyer. Diese Ansichten sind heute keineswegs veraltet. Aufgrund neuer Erkenntnisse muss lediglich der Zeitpunkt des Santorin-Ausbruchs von etwa 1400 bis 1220 v. Chr. auf etwa 1630 v. Chr. vordatiert werden. Damit entfällt dieser Vulkanausbruch als Ursache eines Tsunamis im Mittelmeer am Ende der Bronzezeit, dem Zeitpunkt der Nord- und Seevölker-Invasion (die Ursache dieses Tsunamis war also „nur“ ein Seebeben).
Die im Wikipedia-Artikel angeführten Kritikpunkte sind nicht geeignet, Spanuths Theorie als Ganzes zu widerlegen [106].

  • Mehrere Kritikpunkte sind einfach falsch (z.B. das Nichtvorhandensein archäologischer Funde in der Helgoländer Bucht, der Nichtgebrauch von Segeln bei den Schiffen der Bronzeleute u.v.a);
  • es wurden z. T. Behauptungen widerlegt, die Spanuth nie gemacht hat (z.B. dass die Nebraer Himmelsscheibe aus Helgoländer Kupfererz bestehen soll);
  • es wurden Meinungen aufgeführt, die derzeit auch in Wissenschaftskreisen noch kontrovers diskutiert werden und damit keine widerspruchsfreie Erkenntnis darstellen (z.B. sollen die Nord- und Seevölker nur aus dem ägäischem Raum abgewandert sein);
  • oder es sind Einzelmeinungen von Hobby-Atlantisforschern aufgeführt, die bestimmte Textstellen missverstanden haben (z.B. dass die großen Berge von Atlantis nach Platon angeblich im Norden von Basileia lagen, dagegen die Berge auf Helgoland im Süden).

Natürlich kann sich J. Spanuth in Einzelpunkten geirrt haben, denn die Wissenschaft schreitet mit ihren Erkenntnissen stetig voran und kein Forscher ist unfehlbar. Bei den Hauptaussagen hat er aber nach wie vor die besseren Argumente auf seiner Seite. Auch im 21. Jh. beziehen sich einige Autoren auf seine Theorie und haben wichtige neue Deutungen beigesteuert [104].

Ausblick

Der Streit um Atlantis wird sicherlich noch einige Jahrzehnte andauern, weil sich Platons Dialoge nicht in allen Abschnitten eindeutig auslegen lassen. Allmählich wird sich aber die Vorstellung von einem „Atlantis im Norden“ durchsetzen. Dazu tragen auch solche aufsehenerregenden Funde wie die Sternscheibe von Nebra bei, die das Interesse der Archäologen an den frühen europäischen Hochkulturen spürbar verstärkt hat. Es ist zu erwarten, dass durch zukünftige Entdeckungen auch einige noch verbliebene Rätsel des Atlantisberichts gelöst werden können.

 

Quelle: http://www.eichner-dresden.de/atlantis/

Gruß an Die Atlantider

TA KI

Atlantis Teil 1.


Atlantis

Die Enträtselung im 20. Jahrhundert

von Günter Bischoff

Noch immer fasziniert das Thema Atlantis viele historisch interessierte Menschen. Seitdem der griechische Philosoph Platon das versunkene Inselreich im 4. Jhd. v.Chr. in seinen Dialogen „Kritias“ und „Timaios“ erwähnte, haben sich viele bedeutende Forscher an der Lösung dieses großen Rätsels versucht [1]. Wollte uns Platon nur ein Fabelland vorstellen, oder hatte er tatsächlich Kunde erhalten von einer hochstehenden, lange vor seiner Zeit versunkenen Kultur? Lohnt es sich überhaupt noch zu suchen, wenn über zwei Jahrtausende an Nachforschungen keine eindeutigen archäologischen Beweise zutage brachten?

Schon manches Mal glaubte man, die Enträtselung sei gelungen, doch nach anfänglicher Euphorie wurden immer wieder ernst zu nehmende Einwände vorgebracht. Zu den bisher am häufigsten diskutierten Lokalisierungen zählen die Azoren, die Kanarischen Inseln, die alte südspanische Handelsstadt Tartessos, Kreta und die nahe gelegene Vulkaninsel Thera, die Sahara und neuerdings auch Troja. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte lassen aber bei diesen Hypothesen große Widersprüche zu Platons Überlieferung deutlich werden, und wichtige Passagen des Atlantisberichts finden keine Erklärung. Eine nunmehr über fünfzig Jahre alte, oft als Auffassung eines Außenseiters angesehene Theorie kommt nach dem heutigen Wissensstand der Wahrheit am nächsten. Sie stammt vom Pastor und Archäologen Jürgen Spanuth (1907-1998), der lange Zeit die kleine nordfriesische Landgemeinde Bordelum als Seelsorger betreute. Im Jahre 1953 veröffentlichte er seine Gedanken erstmals in dem Buch „Das enträtselte Atlantis“. Das löste den bisher heftigsten Meinungsstreit um dieses Problem aus, der bis heute noch nicht beendet ist. Doch eine ganze Reihe von Wissenschaftlern teilt inzwischen die Hauptansichten dieses Forschers [2]. In aller Kürze kann die Lösung des alten Rätsels so zusammengefasst werden:

Platon verarbeitete glaubwürdige Informationen ägyptischer Priester über die Heimat der Nord- und Seevölker in Südskandinavien und Mitteleuropa. Die meisten Einzelheiten beziehen sich dabei auf die ehemaligen Inseln in der Deutschen Bucht und die angrenzenden Küstengebiete. Ihre Zerstörung in einer besonders verheerenden Sturmflut am Ende der Bronzezeit ging als Untergang von Atlantis in die Geschichte ein.

Der Gedanke an ein Atlantis im Bereich der Nordsee mag zunächst befremden, doch bei Spanuths Deutungen stimmen Überlieferung und Realität am Besten überein. Auf seine Hauptargumente, aber auch auf wichtige Erkenntnisse anderer Wissenschaftler und auf besonders umstrittene Details der Atlantisforschung soll im Folgenden näher eingegangen werden.

Missverstandene Zeitangaben

Platon ging es bei der Abfassung der erwähnten Dialoge nicht so sehr um Vorstellungen von einem idealen Staat. Vielmehr suchte er für eine historische Abhandlung zuverlässige Informationen über einen realen, starken Gegenspieler zu Ur-Athen, um die ehemals vorbildliche Staatsordnung seiner Heimatstadt gebührend würdigen zu können. Bei einer seiner Zusammenkünfte mit Kritias und anderen befreundeten Gelehrten kam das Gespräch auch auf das Gemeinwesen der Atlanter. Es schien Platon für seine Absichten brauchbar und überdies verbürgt zu sein, weil die Kunde darüber der allgemein verehrte Staatsmann Solon aus Ägypten mitgebracht haben soll.

Wie wir jetzt wissen, enthält die Schilderung der Verhältnisse auf Atlantis neben überaus wertvollen Informationen auch Irrtümer, Missverständnisse und mythologische Ausschmückungen. Nicht zuletzt trugen fehlerhafte Übersetzungen und umstrittene Deutungen der griechischen Quellen dazu bei, ein teilweise falsches Bild des versunkenen Inselreiches von Generation zu Generation weiter zu geben. Welche Erkenntnisse können nun heute als gesichert angesehen werden oder wenigstens als äußerst wahrscheinlich gelten?

Zweifellos kann der in den Dialogen „Kritias“ und „Timaios“ beschriebene Untergang von Atlantis nur am Ende der Bronzezeit, im 14. oder 13. Jhd. v.Chr., stattgefunden haben. Diese Feststellung ist von großer Bedeutung, weil Platon uns unwissentlich falsche Zeitangaben überlieferte. 9000 oder 8000 Jahre vor seiner Zeit [3], also während der Mittelsteinzeit, gab es nachweislich noch keinen ägyptischen Staat und keine Stadt Athen, die von den Atlantern hätten angegriffen werden können. Eben so wenig wäre für diese Zeitepoche die Verwendung von Streitwagen und Kriegsschiffen, die massenhafte Nutzung von Kupfer und Zinn, vereinzelt auch schon von Eisen, erklärbar. Diese Errungenschaften lassen sich aber ohne Schwierigkeiten mit unserem Geschichtsbild in Einklang bringen, wenn man von einer Überlieferung aus der späten Bronzezeit ausgeht. Zu dieser Erkenntnis gelangte bereits der schwedische Universalgelehrte Olof Rudbeck am Ende des 17. Jahrhunderts. Mit einiger Sicherheit fand er auch die Erklärung für die falschen Zeitangaben, indem er auf die Verwechslung der altorientalischen Zählung nach Monaten mit der später aufkommenden Zählung nach Jahren hinwies. Nach J.Spanuth bedeutet die ägyptische Hieroglyphe für „Jahr“ auch „Umlauf“. Damit war in alten Zeiten offenbar der siderische Mondumlauf gemeint. Rechnet man nämlich 9000 Monate zu 28 Tagen von Solons Ägyptenbesuch im Jahre 571 v.Chr. zurück, so gelangt man in die 2. Hälfte des 13. vorchristlichen Jahrhunderts, dem tatsächlichen Zeitpunkt der Geschehnisse [4]. Auch später gab es in ägyptischen Urkunden noch andere unrealistische Zeitangaben. So sollen beispielsweise seit dem Beginn der 1. Dynastie (um 3100 v.Chr.) bis zum Ende der 30. Dynastie (332 v.Chr.) 36.525 „Jahre“ vergangen sein.

Dass wirklich nur das Ende der Bronzezeit und nicht etwa die Mittelsteinzeit vor über 10.000 Jahren als Untergangszeitraum in Frage kommt, kann mit einem weiteren sicheren Indiz belegt werden. Im Dialog „Kritias“ kommen nicht nur die Zustände auf Atlantis, sondern auch die in Ur-Athen zur Sprache. Es wird unter anderem detailliert eine zyklopische Mauer beschrieben, die tatsächlich von Archäologen ausgegraben wurde und von diesen als Schutzwall gegen die im 13. Jhd. v.Chr. vordringenden Nord- und Seevölker angesehen wird [5]

Der Angriff der Nord- und Seevölker

Der Wiener Altphilologe W.Brandenstein und J.Spanuth folgten vor 1950 als erste Forscher der Spur, wonach Solon sein Wissen von ägyptischen Priestern aus der im westlichen Nildelta gelegenen Stadt Sais erhalten habe. Tatsächlich finden sich heute noch zugängliche Dokumente, in denen erstaunlich genau dieselben Ereignisse wie in Platons Atlantisbericht geschildert werden. Allen voran seien hier der Papyris Harris, der die Kriegstaten des Pharaos Ramses III. verherrlicht, und die Inschriften auf dem Tempel in Medinet Habu genannt. Darin ist neben vielen anderen Übereinstimmungen die Rede von Völkerschaften, die über Teile von Europa und Afrika herrschten und Ägypten schwer bedrängten. Sie seien „von den Inseln und Festländern am Weltmeer im fernsten Norden“, „von den Inseln im Ozean“ und „von den Enden der Erde“ gekommen. Ihr Land sei untergegangen, das „Haupt ihrer Städte vernichtet“ und „ihre Inseln vom Sturm ausgerissen und weggeweht“ [6]. Danach steht fest: Platon hat Atlantis nicht erfunden, sondern seinen Dialogen liegen historische Ereignisse zugrunde.

Die Völkerschaften, die zur Regierungszeit Ramses III. in die Mittelmeerwelt einbrachen, wurden in den ägyptischen Urkunden als „Nord- und Seevölker“ bezeichnet. Sie zogen im 13. und 12. Jhd. v.Chr. durch weite Teile Europas, unterwarfen die griechischen Stadtstaaten mit Ausnahme Ur-Athens und zerstörten das in Kleinasien gelegene Hethiterreich binnen weniger Wochen. Schließlich hatten sie die Absicht, zusammen mit den Libyern in Ägypten einzufallen. Im Jahre 1191 v.Chr. kam es im Nildelta zu einer Entscheidungsschlacht, die bis zu diesem Zeitpunkt die größte der Weltgeschichte gewesen sein dürfte. Die zeitgenössischen ägyptischen Quellen verschweigen die sonst mit Akribie angegebenen Zahlen über gefangene und getötete Feinde. Jedoch die für die Reichsverteidigung aufgebotenen 700.000 Krieger und 2000 Kriegsschiffe lassen das für damalige Zeiten ungeheure Ausmaß der Kämpfe ahnen. Der Angriff konnte unter Aufbietung aller Kräfte noch einmal zurückgeschlagen werden. Weitere Kämpfe mit den Nord- und Seevölkern in den darauf folgenden Jahrzehnten schwächten das Land aber derart, dass die Pharaonen einen wirtschaftlichen und politischen Niedergang nicht mehr verhindern konnten.

Einen plastischen Eindruck von der erbitterten Abwehrschlacht der Ägypter vermitteln die auf etwa 10.000 Quadratmeter Fläche eingemeißelten Reliefs an den Tempelwänden von Medinet Habu. Beispielsweise trägt ein Teil der Eroberer runde Bronzeschilde und als Kopfschmuck Hörnerhelme oder als Rosshaarbüschel gedeutete „Strahlenkronen“. Außerdem müssen jene Krieger tüchtige Seefahrer gewesen sein. Ihre wendigen Segelschiffe mit den hochgezogenen und mit Vogelköpfen verzierten Vorder- und Hintersteven ähneln sehr den zweitausend Jahre später die Weltmeere kreuzenden Wikingerschiffen. Gerade die abgebildeten Kampfszenen konnten nun neben archäologischen Fundstücken zu Rate gezogen werden, um Hinweise über die Herkunft der fremden Völkerschaften zu erhalten. Dass sich Platons Atlanter unter den in Ägypten eingefallenen Nord- und Seevölkern befanden, ist zweifellos die wichtigste Entdeckung der modernen Atlantisforschung.

Atl01_40Abb. 1:
Seeschlachtszenen zwischen Ägyptern (Schiffe mit Löwenköpfen) und den Nord- und Seevölkern (Schiffe mit Vogelköpfen; Krieger mit „Strahlenkronen“)

Es bedurfte jahrelanger Forschungsarbeit der Archäologen zur Beantwortung der Frage, um welche Völkerschaften es sich bei den Nord- und Seevölkern im Einzelnen handelte und woher sie kamen. Nach unseren heutigen Erkenntnissen stellen die Nord- und Seevölker eine Vereinigung von spätbronzezeitlichen Stämmen dar, die vor allem aus Mitteleuropa und den nördlicher gelegenen Gebieten kamen und durch Naturkatastrophen großen Ausmaßes zur „Großen Wanderung“ in neue Siedlungsgebiete gezwungen wurden [7]. Den militärisch stärksten Teil dieser Koalition bildeten die aus der Bibel bekannten Philister, die sich nach dem misslungenen Angriff auf Ägypten in Palästina ansiedelten und diesem Land seinen Namen gaben. Sie gehörten ebenfalls zu den so genannten frühen Urnenfelderleuten. Ihr Name wurde aus der Sitte abgeleitet, die Asche der verbrannten Toten in verzierten Tonurnen aufzubewahren und auf Feldern beizusetzen.

Die ägyptischen Quellen berichten von den Philistern, sie seien die „Übriggebliebenen von versunkenen Inseln“ gewesen, die im nördlichen Ozean gelegen hätten. Sie wurden auch als „Haunebu“ bezeichnet, aus deren Heimat der Bernstein gekommen sein soll [8]. Ein anderes Mal ist in diesem Zusammenhang von den „Neunbogenvölkern“ die Rede. Nach ägyptischer Vorstellung unterteilte man den damals bekannten Erdkreis von Süden nach Norden in zehn Bogen. Der neunte Bogen befand sich dort, wo „der längste Tag 17 Stunden dauert“, also das Gebiet um den 54. Breitengrad [9]. Es kamen deshalb bei der Suche nach Atlantis nur die an die Nord- und Ostsee angrenzenden Gebiete der frühen Urnenfelderleute in Frage.

Die Spur führt nach Helgoland

Tatsächlich konnten Geologen im 19. und zu Beginn des 20. Jhd. an der Nordseeküste den Untergang zahlreicher Marschen und die Zerstörung weiter Küstengebiete nachweisen. Am Ende der Bronzezeit, etwa um 1220 v.Chr., versanken in einer verheerenden Sturmflut ein großer Teil der Westküste von Schleswig-Holstein und Dänemark sowie viele vorgelagerte Inseln.

Atl023Abb. 2:
um 1220 v.Chr. versunkene Marschen und Inseln vor der Westküste von Schleswig-Holstein; (nach J.Spanuth, 1953)

Eine von ihnen war die Hauptbernsteininsel Althelgoland. Sie war um ein Vielfaches größer als heute und erstreckte sich östlich des Buntsandsteinfelsens in Richtung Eiderstedt. In ihr sah J.Spanuth die „Heilige Insel“ Basileia des Atlantisberichtes, und er hatte gute Argumente dafür. Platon charakterisierte Lage und Aussehen der „Königs- und Säuleninsel“, wie man Basileia übersetzen könnte [10], wie folgt :

  • sie lag an der Mündung großer Ströme,
  • von der Insel aus war eine Fahrt in das gegenüber liegende Meer möglich,
  • zuvorderst befand sich ein Felsen, der „wie mit dem Messer abgeschnitten“ aufragte,
  • auf der Insel gab es rote, weiße und schwarze Steine,
  • das Versinken der Insel hinterließ ein Schlamm-Meer, das es auch zu Platons Zeit noch gab.

Die natürlichen Gegebenheiten in der Helgoländer Bucht ausgangs der Bronzezeit lassen sich mit vielen Details des Atlantisberichts gut in Einklang bringen. Althelgoland lag an der Mündung von vier großen Strömen: der Weser, der Elbe, der Eider und ihrem heute nicht mehr existierenden Nebenfluss Hever. Alle Mündungsgebiete lagen vor der Überschwemmungskatastrophe südlich der Insel nahe beieinander. Eine fast durchgehende Verbindung „in das gegenüber liegende Meer“, nämlich die Ostsee, war über die damals viel größere Eider, die Treene, die Rheider Au bis zur Schlei möglich. Die kleine Lücke zwischen den beiden letztgenannten Flüssen dürfte durch Kanalbauten geschlossen worden sein [11]. Althelgoland besaß demnach eine hervorragende Lage als Handelszentrum für Waren aus dem Landesinneren und den Ostseeküstengebieten. Außerdem waren die Häfen der Insel günstige Umschlagplätze im Fernhandel mit den anderen Nordseeländern sowie den Mittelmeerländern.

Für Seefahrer, die sich von England her näherten, war der damals über 70 m hohe Buntsandsteinfelsen ein unverwechselbares Erkennungsmerkmal. Eine solche Insel, deren vorderster Teil „wie mit dem Messer abgeschnitten“ aufragt, gibt es im gesamten Nordseeraum kein zweites Mal. Auch die roten, weißen und schwarzen Steine sind in dieser Kombination nur an wenigen Stellen auf der Erde anzutreffen. “ …rot ist die Kant …“ wird in einem alten Helgoländer Spruch die auffällige Farbe des Buntsandsteinfelsens wiedergegeben. Die heute nicht mehr existierenden weißen Felsen bestanden aus Gips, Kreide und Muschelkalk. Die letzten Reste der ehemals sehr hohen „Wittenklyppe“ im Gebiet der heutigen „Düne“ fielen im Jahre 1711 einer Sturmflut zum Opfer. Ein blauschwarzer bis schwarzer Felsen steht heute noch in geringer Meerestiefe nördlich der Düne. Er erhielt seine Farbe durch eine Imprägnierung mit kohlensaurem Kupfer [12]. Diese drei farblich markanten und hoch aufragenden Felsen boten in der Bronzezeit gewiss ein prächtigen Anblick.

Nach dem Versinken von Althelgoland und anderer friesischer Inseln breitete sich an dieser Stelle ein seichtes Schlamm-Meer aus, das jede Schifffahrt behinderte. Die meisten Atlantisforscher ignorieren diese wichtige Aussage, weil sie keine Erklärung dafür finden [13]. In der Deutschen Bucht fällt hingegen das Wattenmeer sogleich ins Auge, das sich bis zur niederländischen Küste hinzieht. Dieser amphibische Saum zwischen festem Land und offenem Meer kann nur in den flachen Schelfmeeren der Festlandsockel entstehen. Starke Gezeitenkräfte bewirken die regelmäßige Ablagerung von Schlamm und Schlick sowie die Bildung von sporadischen Wasserabläufen, den Prielen. Platon erhielt sehr wahrscheinlich aktuelle Kunde von diesem Schlamm-Meer, weil der Forschungsreisende Pytheas von Massalia um 350 v.Chr. gerade von seinen Erkundungen zurück gekehrt war, die ihn bis nach Schottland, Thule und zu den Inseln in der Deutschen Bucht führten.

Der geheimnisvolle Oreichalkos

Eine weitere starke Stütze erhielt Spanuths Theorie durch die glaubwürdige Deutung eines sonderbaren Stoffes, den die „damals lebenden Menschen nächst dem Gold am meisten schätzten“, den Oreichalkos. Das feurig glänzende „Goldkupfererz“, so die wörtliche Übersetzung, sollen die Atlanter benutzt haben, um die Decke, die Säulen und Fußböden ihres Tempels zu belegen und Mauerkronen zu verzieren.

Die Wissenschaftler erhofften sich gerade von der Enträtselung dieses Stoffes einen wichtigen Hinweis zur Lage von Atlantis. Es fehlte nicht an den seltsamsten Vermutungen. Am meisten Verbreitung fand schließlich die Annahme, dass es sich wohl nur um Messing handeln könne. Jedoch Platons Überlieferung zufolge grub man den Oreichalkos an vielen Stellen aus der Erde, und Legierungen kommen bekanntlich in der freien Natur nicht vor. Wiederum kam Spanuth als Erstem der Gedanke, dass die Beschreibung nur auf den Bernstein zutreffen kann [14].

Dieses gelbe bis dunkelbraune fossile Harz wurde aber in der Bronzezeit nicht wie heute im Ostseegebiet, sondern hauptsächlich vor der Westküste Schleswig-Holsteins gewonnen. Der Handel mit dem begehrten nordischen Bernstein verhalf der einheimischen Bevölkerung zu ansehnlichem Reichtum. Das „Gold des Nordens“ gelangte auf Bernsteinstraßen, die in der Elbmündung ihren Anfang nahmen, über beschwerliche Alpenpässe hinweg bis in die Mittelmeerländer. Kostbare Grabbeigaben aus Bernstein wurden in fast ganz Europa und im Königsgrab des ägyptischen Pharaos Tutanchamum gefunden. Die Bevölkerung Jütlands entwickelte im Laufe der Jahrhunderte eine hohe Kunstfertigkeit in der Bearbeitung der Schmuckgegenstände. Man verstand es, das fossile Harz in Öl zu kochen und als „Bernsteinlack“ zum Maueranstrich zu verwenden. So ist der Hinweis verständlich, dass die Atlanter den Oreichalkos mit Öl auftrugen. Nach dem Untergang der bronzezeitlichen Marschen ging der Bernsteinhandel mit den Mittelmeerländern spürbar zurück. Deshalb war der Oreichalkos zu Platons Zeiten „nurmehr noch dem Namen nach bekannt“. Eine Frage blieb bisher jedoch ungeklärt. Warum verwendete der griechische Philosoph nicht die damals gebräuchlichere Bezeichnung „elektron“ für Bernstein? Zumindestens aber haben die Griechen den „Oreichalkos“ dem fossilen Harz nahe gestellt [15]. Trotz dieser geringfügigen Bedenken ist Spanuths Gleichsetzung des „Oreichalkos“ mit Bernstein bis heute die beste Deutung geblieben [16].

Um einen weiteren, in der Bronzezeit dringend benötigten Rohstoff, wurde ebenso heftig gestritten. Dem Atlantisbericht zufolge brachen die Bewohner gediegenes und schmelzbares Kupfer auf der Insel. Auch der Helgoländer Felsen birgt in den weißen, grünlichen und braunroten Schichten des Buntsandsteins sehr auffällig einige Kupfererze. Häufig fand man erbsengroße Stücke von gediegenem Kupfer. Die größten wiesen immerhin ein Gewicht von einigen hundert Gramm auf. Das Helgoländer Kupfererz hat auch ohne Beimischung von Zinn durch seinen hohen Arsengehalt eine große Härte und war somit für die Herstellung von Waffen besonders gut geeignet.

Um die Argumente seiner Gegner zu entkräften, unternahm J.Spanuth eigenhändig Schmelzversuche in speziell dafür hergestellten Öfen. Dabei gelang ihm eine frappierende Entdeckung. Die Untersuchung eines Schwertes der Nord- und Seevölker, das von den Ägyptern zur Zeit des Pharaos Sethos II. erbeutet worden war, lieferte den eindeutigen Beweis, dass das enthaltene Kupfer nur von der Lagerstätte auf Helgoland stammen konnte [17]. In den Folgejahren legten W.Lorenzen und der Geologe H.Schulz weitere Beweise für die Nutzung der Kupfervorkommen bereits in vorgeschichtlicher Zeit vor. Leider wird die Bedeutung dieser Kupferlagerstätte für die bronzezeitlichen Kulturen an der Nord- und Ostsee immer noch von der Wissenschaft unterschätzt [18].

Odysseus segelte bis zu den Phäaken

Lange Zeit wurde die Meinung vertreten, dass es außer Platons Atlantisbericht keine anderweitigen Überlieferungen vom versunkenen Inselreich gibt. Aber vor allem die beiden deutschen Wissenschaftler A.Schulten und R.Henning erschlossen nach 1930 eine weitere unabhängige Quelle. Beim Studium von Homers „Odyssee“, die eine Irrfahrt des Königs von Ithaka durch das Mittelmeer und atlantische Gewässer beschreibt, stießen sie überraschend auf eine große Ähnlichkeit zwischen der Phäakeninsel „Scheria“ und Platons „Basileia“. In einer Parallelübersicht beider Schilderungen konnten über dreißig wesentliche, zum Teil sogar wörtliche Übereinstimmungen gefunden werden [19]. Erwähnt werden beide Male die von breiten Wasserringen umgebene Königsburg, ein durch die Ebene führender Kanal, ein herrlicher Tempel des Poseidon im Mittelpunkt der Königsinsel u.v.a. Genau wie Basileia lag Scheria am „Ende der Welt“ im Ozean, und unmittelbar vor der Insel befand sich ein „steil ins Meer abfallendes Felsmassiv“.

Aber es gibt auch einige wesentliche Unterschiede. Das Phäakenreich wurde beispielsweise von 12 Königen regiert, das Atlanterreich nur von 10. Homer erwähnt mit keinem Wort den Untergang von „Scheria“. Das ist historisch korrekt, denn er lässt seinen Helden die fiktive Reise um 1300 v.Chr., zur Blütezeit des mykenischen Reiches, unternehmen. Weitestgehend einig sind sich die Wissenschaftler, dass der König von Ithaka diese Irrfahrt nicht wirklich unternahm, sondern der Dichter lediglich Seefahrerberichte und Fahrtenjournale aus der Bronzezeit verarbeitete.

Homer gibt auch Auskunft darüber, wie Odysseus zur Phäakeninsel Scheria gelangte. Die Nymphe Kalypso, die die abgelegene Insel Ogygia bewohnte und ihn sieben Jahre lang fest hielt, gab dem Helden eine Segelanweisung mit auf den Weg. Er befuhr auch nachts den Ozean,

„… ihm schloss kein Schlummer die wachsamen Augen.
Auf die Plejaden gewandt und auf Bootes, der spät erst untergeht,
und den ‚Bären‘, den andre auch ‚Wagen‘ benennen,
welcher im Kreis sich dreht, den Blick zum Orion gewendet,
und alleine niemals in Okeanos Bad sich hinabtaucht.
Denn beim Abschied befahl ihm die hehre Göttin Kalypso,
dass er auf seiner Fahrt den Nordstern zur Linken stets ließe.
Siebzehn Tage befuhr er die ungeheuren Gewässer,
am achtzehnten Tage tauchten von ferne die schattigen Hügel auf
vom phäakischen Land, denn dieses lag nun am nächsten,
anzusehn wie ein Schild im wolkenverhangenen Meere …“ [20].

Als gesuchter Ausgangspunkt der Seereise kam nur eine einsame, menschenleere Insel außerhalb der Straße von Gibraltar in Frage. Dabei wurden auch Madeira und die Kanaren in Betracht gezogen, aber die meisten Argumente sprechen für die Azoreninsel St. Miguel. Diese Insel wurde noch im 18.Jhd. mit „umbelicus maris“ („Nabel des Meeres“) bezeichnet, also genau so wie Ogygia in der „Odyssee“.

Der Segelkurs lässt sich dank Homers Angaben wissenschaftlich auswerten. Aus der Orientierung nach dem Sternbild „Großer Wagen“ und den gemittelten Aufgangsorten von Bootes und Plejaden zu unterschiedlichen Nachtzeiten leitete Prof. K.Bartholomäus, ehemals Dozent für Archäogeodäsie in Essen, einen NO-Kurs mit einem Azimut von 54° (gegen Norden) ab [21]. Wenn die bronzezeitlichen Seefahrer diesen Kurs von St. Miguel aus einschlugen und täglich eine damals übliche Strecke von 100 Seemeilen zurück legten, so mussten sie schließlich durch den Kanal bei Dover bis in die Deutsche Bucht vorstoßen. In 17 Tagen war die Distanz von reichlich 3100 km gut zu bewältigen. Die Beschreibung des Anblickes der Phäakeninsel „…wie ein Schild im wolkenverhangenen Meer“ trifft genau auf Althelgoland zu, denn von weiter Ferne erhob sich in der Mitte das „steil ins Meer abfallende Felsmassiv“ wie ein Schildbuckel, und beiderseits erstreckte sich dahinter die flache, nur von Dünen und Hügeln unterbrochene Landschaft der Hauptinsel.

Auch der Name „Scheria“ selbst deutet auf eine Lage in der Nähe der kimbrischen Halbinsel hin. Die Namensähnlichkeit mit den „Schären“, den felsigen Inseln bei Schweden, ist nicht zu übersehen. Eigentlich bedeutet „Schären“ die „Geschorenen“ oder die „Kahlen“, und das ist eine überaus treffende Bezeichnung des fast glatten, steil abfallenden Buntsandsteinfelsens von Helgoland [22].

Manchmal werden auch andere Lokalisierungen für Ogygia und Scheria vorgeschlagen. Aber die von R.Henning und K.Bartholomäus ermittelte Lage der Phäakeninsel Scheria berücksichtigt am besten alle astronomischen, nautischen und geographischen Aspekte, die aus Homers „Odyssee“ ableitbar sind [23]. Damit spricht ein weiteres Argument dafür, das Zentrum von Atlantis in der Nordsee zu suchen.

Schließlich sei noch auf die griechischen Sagen über die Hyperboreer verwiesen, einem sorglos lebenden Volk im fernen Norden. Die Hyperboreerinsel „Helixoia“, die manchmal auch „Elektris“ genannt wird, soll in der Mündung des antiken Bernsteinflusses Eridanos gelegen haben. Bei diesem legendären Fluss handelt es sich um die heute noch Bernstein anschwemmende Eider, möglicherweise aber auch um die Elbe.

Auf Helixoia soll es der Sage nach einen großen Teich mit vielen Schwänen gegeben haben. Jedes Jahr zur Frühlingszeit umschwärmten diese Vögel die Insel. Auf eine enge Verbindung und besondere Freundschaft der Inselbewohner mit den Griechen weist der Mythos vom hyperboreischen Apoll hin. Alljährlich einmal besuchte er in einem von Schwänen gezogenen Wagen seine Heimat im Norden und kehrte anschließend im Frühling nach Delphi und Delos zurück [24].

Basileia, Scheria und Helixoia sind demnach nur unterschiedliche Namen für dieselbe Insel, die in der Bronzezeit über ihren Kulturkreis hinaus eine große Bedeutung erlangt hatte.

Expeditionen zum Steingrund

In den vergangenen Jahrzehnten haben zahlreiche archäologische Funde auf der Felseninsel und in der Helgoländer Bucht die Nordsee-Theorie untermauert, auch wenn bestimmte Einzelheiten noch nicht restlos geklärt sind. Althelgoland muss, seiner damaligen Bedeutung angemessen, vor 1220 v.Chr. eine stattliche Bevölkerung gehabt haben. Am Ende des 19. Jahrhunderts untersuchte man mehrere Steinkisten- und Hügelgräber auf dem Oberland. In ihnen fand man neben den Skeletten von Männern einen kleinen Bronzedolch, zwei goldene Spiralscheiben, eine weitere Bronzewaffe, goldene Ringe, eine Bronzenadel von fast 18 cm Länge und einige Doppelknöpfe.

Erste Tauchgänge wurden 1911 unternommen, als das Kriegsschiff „Zähringer“ auf dem so genannten „Steingrund“, einer untermeerischen Erhebung östlich von Helgoland, auflief. Marinetaucher sollen damals Reste „der alten Burg Basileia“ entdeckt haben, des Weiteren einen alten „Tempel“ mit einer aufgesetzten Steinmauer, Waffen und Scherben gesichtet haben. Im Frühjahr 1943, also mitten im Krieg, fand dort im Beisein von P.Wiepert, dem späteren Ehrenbürger der Universität Kiel, ein weiterer Tauchversuch statt. Hierbei sollen eine Anzahl Steine, von Menschenhand aufgesetzte Steinplatten und eine Art Steingewölbe entdeckt worden sein. Leider sind die Aufzeichnungen in den Kriegswirren verloren gegangen, so dass Wieperts Erinnerungen aus dem Jahre 1956 für Skeptiker keine Beweiskraft haben dürften [25].

Spanuth selbst rüstete in den Jahren 1950, 1952 und 1953 drei von insgesamt fünf Expeditionen aus, um nach Siedlungsspuren auf dem „Steingrund“ zu suchen. Die Erwartungen waren nicht allzu hoch und die Sichtbedingungen äußerst schlecht. Doch die Taucher, unter ihnen H.Beelte und E.Fries, entdeckten 10 km östlich von Helgoland einen Hügel, der stellenweise von einem doppelten, etwa 3 m hohen Steinwall umgeben war. Offenbar waren sie auf den im Atlantisbericht erwähnten Burghügel gestoßen, der über 50 Stadien (10 km) landeinwärts gelegen haben soll. Die Taucher bargen Türangelsteine, bearbeitete Feuersteinplatten und Reste von Bronzeguss. Bei einem weiteren Tauchgang wurde ein gefugter Fliesenbelag auf dem Meeresgrund gesichtet, und eine mit Kopfsteinen gepflasterte Straße konnte über 50 Meter weit verfolgt werden [26].

Völlig unabhängig von Spanuths Tauchplänen soll 1951 das deutsche Forschungsschiff „Meta“ ausgelaufen sein, das den Auftrag hatte, den Meeresboden in der Nähe von Helgoland zu inspizieren. Die Tageszeitungen meldeten daraufhin Funde von unschätzbarem Wert. In 30 m Wassertiefe wurden angeblich in einer Schlickbank zwei Hünengräber aufgespürt, außerdem Wohnbaureste, Grabbeigaben, Handwerkszeug und andere Gebrauchsgegenstände aus dem 3. und 2. vorchristlichen Jahrtausend [27]. Diese Meldungen müssen allerdings mit Vorsicht betrachtet werden, weil bis heute keine diesbezüglichen Fundgegenstände in einem Institut oder Museum registriert worden sind.

Einige Jahre darauf startete mehrmals ein Forschungsschiff einer archäologischen Gesellschaft unter Leitung von C.Röper. Dabei wurden bronzezeitliche Siedlungen im Gebiet der versunkenen Marschen nachgewiesen. Auch später rissen die Funde nicht ab. Man förderte im Jahre 1971 verschieden durchbohrte Kupferscheiben von einem Viertelmeter Durchmesser und beträchtlichem Gewicht zutage. Neun Jahre später untersuchte eine Tauchergruppe des Geologischen Instituts in Kiel das Meeresgebiet. Dabei fanden sie 2 km südlich der Helgoländer Düne in 6 bis 8 m Wassertiefe einen „Massenfundplatz an Kupferbarren“ aus dem dortigen Kupfererz mit einem Gesamtgewicht von 90 kg. Um eine verloren gegangene Schiffsladung konnte es sich nicht handeln, weil auch verschieden große Stücke aus Guss-Schlacke gefunden wurden [28].

Nach den bisherigen Forschungsergebnissen steht zumindestens fest, dass es bis zu ihrem Untergang um 1220 v.Chr. eine oder mehrere bewohnte Inseln zwischen Helgoland und Eiderstedt gab. Bisher fehlt leider noch der entscheidende archäologische Beweis, der auch die Skeptiker überzeugen könnte: hier lag vor 3300 Jahren die bedeutende Atlanterinsel Basileia. Sensationsfunde sind wegen der schlechten Bedingungen in der Nordsee auch in Zukunft nicht zu erwarten. Vielleicht sind trotzdem eines Tages bei Einsatz modernster Technik weitere Entdeckungen möglich.

Die Nordische Bronzekultur

Platon gab drei sehr unterschiedlichen Regionen dieselbe Bezeichnung „Atlantis“. Das trug in der Vergangenheit sehr zur Verwirrung der Forscher bei. Einmal meinte er damit nur die „Heilige Insel“ Basileia, die tatsächlich versank, ein anderes Mal ein sehr viel größeres Gebiet auf dem Festland und auf weiteren Inseln, und schließlich eine Gemeinschaft von Ländern, die von zehn Königen regiert wurden. Auf das „Reich des Atlas“, nach Platon das bedeutendste aller zehn Königreiche, soll nun etwas näher eingegangen werden.

Etwa um 2400 v.Chr. vereinigten sich im Gebiet von Nord- und Ostsee die alteingesessenen Erbauer der Megalithgräber mit den kriegerischen Streitaxtleuten, die vorher als Reiter- und Hirtenvölker die südosteuropäischen Ebenen bewohnten. Es begann ein relativ kurzer, intensiver Verschmelzungsprozess beider Kulturen. Als Ergebnis entstand die „Nordische Bronzekultur“, die häufig auch als „Nordischer Kreis“ bezeichnet wird. Nach einer Jahrhunderte währenden ungestörten Entwicklung erreichten diese Völkerschaften ab dem 15. Jhd. v.Chr. eine erstaunliche Blüte und zeigten sich in einigen Lebensbereichen durchaus den bekannten Hochkulturen des Mittelmeerraumes ebenbürtig. Manche Historiker sehen die Träger dieser Kultur als die bronzezeitlichen Vorfahren der Germanen an.

Das Siedlungsgebiet der Bronzeleute wurde in west-östlicher Richtung von den Flüssen Weser und Oder eingegrenzt. Es reichte von Mecklenburg-Vorpommern und Teilen Niedersachsens bis zu den großen Seen westlich von Stockholm einschließlich eines schmalen Küstenstreifens in Südnorwegen. Die im Atlantisbericht erwähnte große Ebene mit einer Ausdehnung von 2000 mal 3000 Stadien (etwa 370 mal 560 km) liegt zwar nicht auf einer Insel, aber die eng mit dem Meer verbundene Landschaft wird treffend charakterisiert. In Norddeutschland, Dänemark und Südschweden breitet sich bekanntlich eine nur von niedrigen Erhebungen unterbrochene Tiefebene aus, und in der wegen ihrer Schönheit gepriesenen Bergwelt erblickt man die über 2000 m hohen schneebedeckten Gipfel der norwegischen Fjordlandschaft. Bedenkt man ferner die relativ raschen Veränderungen beiderseits der jütischen Halbinsel in jüngster geologischer Vergangenheit, dann wird die Beschreibung der großen Ebene noch besser verständlich. Erst nach 7000 v.Chr. kam es in der südlichen Nordsee zu großen Landverlusten. Noch lange waren die Doggerbank und die Jütlandbank festes Land, ehe das offene Meer um 2000 v.Chr. Althelgoland und die nördlich davon gelegenen Inseln erreichte. Die Abmessungen der großen Ebene treffen demnach eher auf die geografischen Gegebenheiten während der mittleren Jungsteinzeit zu (s.a. dazu Abschnitt „Die große Ebene„).

Die Menschen lebten anfangs noch in urgemeinschaftlichen Verhältnissen, die sich aber immer mehr auflösten. Bei den freien Bauern waren Standesunterschiede noch wenig ausgeprägt. Dagegen nahmen im 14. und 13. Jhd. v.Chr. Einfluss, Macht und Reichtum der Stammesfürsten stark zu. Ackerbau und Viehzucht, die in einigen Gebieten durch das überaus fruchtbare Marschenland begünstigt waren, bildeten eine solide Lebensgrundlage. Die Bevölkerung lebte aufgrund ihrer bäuerlichen Produktionsweise fast ausschließlich in kleinen Dörfern. Vereinzelt errichtete man jedoch schon ab der Jungsteinzeit größere, von Ringwällen umgebene Ansiedlungen, die regionale Zentren gewesen sein dürften. Eine derartige stark befestigte Anlage von 8 Hektar Ausdehnung wurde beispielsweise im Jahre 1971 bei Rendsburg in einer Flussschlinge der Eider ausgegraben [30]. Die große bronzezeitliche Siedlung auf Althelgoland kann durchaus schon als Stadt angesehen werden, auch wenn sie ganz sicher nicht mit anderen mächtigen Städten ihrer Zeit wie Ur-Athen oder Troja konkurrieren konnte. Platons Beschreibung des urbanen Zentrums mit seinen kultischen Einrichtungen, verschiedenartigen Gebäuden, Schiffswerften, mehreren Häfen und sportlichen Wettkampfstätten lässt eine wohlhabende Kult- und Handelsmetropole der Bronzezeit erkennen. Eine ähnlich herausragende Bedeutung in ihrer Region erlangten über 2000 Jahre später die große friesische Siedlung Haithabu und die reiche mittelalterliche Handelsstadt Vineta.

Nicht nur die in den bronzezeitlichen Gräbern entdeckten Schmucksachen und Gebrauchsgegenstände lassen wichtige Rückschlüsse auf die Lebensweise der Menschen zu. Umfangreiche Kenntnisse über die schlichte und dennoch ausgesprochen modische wollene Kleidung, über Schuhwerk und Haartrachten der Bronzeleute verdanken die Archäologen den aufgefundenen Moorleichen. Sie wurden über Jahrtausende hinweg infolge des luftdichten Abschlusses besser konserviert als vergleichsweise die ägyptischen Mumien. Einen vorzüglich gewebten blauen Mantel, den ein bedeutender Würdenträger viel später, etwa im 3. Jhd. n.Chr. trug, fand man im Thorsberger Moor in Schleswig-Holstein. Hier ist die lange Tradition ersichtlich, denn auch im Atlantisbericht wird ein dunkelblauer Königsmantel „von wunderbarer Schönheit“ erwähnt, den jeder der zehn Könige zum Höhepunkt des Festes auf Basileia trug [31].

Viele Kulthandlungen waren der Wärme spendenden Sonne geweiht. Unübersehbar ist die Zahl der Felszeichnungen mit Sonnensymbolen, dargestellt als Kreise und Räder zusammen mit den verschiedensten Arten von Kreuzen. Anfangs verehrte man das vorrangig als Reittier genutzte Pferd, das außerdem nach mythischen Vorstellungen die Sonnenscheibe über den Taghimmel zog. Später kam die kultische Verehrung von Vögeln, insbesondere des in Nordeuropa beheimateten Singschwanes, auf. Einige Kulte der Bronzeleute werden auch im Atlantisbericht beschrieben. Dazu gehören die aus der Frühzeit der Menschheit überkommene Wertschätzung von Zwillingen, der Feuerkult und Opferhandlungen mit heiligen Kesseln.

Eine der Ursachen für das „Goldene Zeitalter“ war das Klimaoptimum im 2. Jtsd. v.Chr. In keiner anderen Epoche der letzten 15.000 Jahre war die Durchschnittstemperatur so hoch wie damals. Archäologen sprechen von der „lichtdurchflossenen, wärmeliebenden Bronzezeit“, und so verwundert es nicht, dass in Südschweden Wein angebaut wurde [32]. Trotz der viel milderen Temperaturen im nördlichen Mitteleuropa gab es ganz sicher keine Elefanten. Es ist das einzige Detail in Platons Überlieferung, für das die bedeutendsten Theorien eine Erklärung schuldig bleiben. Zumindestens erscheint eine Verwechselung dieser Tiere mit Hirschen oder Auerochsen in diesem Teil Europas recht glaubhaft [33].

Gold, Silber und Bronze

Die Atlanter sollen das Hauptheiligtum auf ihrer „Königs- und Säuleninsel“ Basileia überaus reichlich mit Gold, Silber, Zinn und Bernstein ausgestattet haben. Im Tempel des Poseidon prangten überdies viele goldene Standbilder. Das alles mag eine bei alten Legenden häufig vorkommende Übertreibung sein. Doch ist daraus ersichtlich, welche große Rolle diese seit jeher wertvollen Metalle im Leben der Atlanter spielten.

Den Bronzeleuten kann es nach heutigen Erkenntnissen keineswegs daran gemangelt haben. Die Archäologen bargen allein in den wieder entdeckten Gräbern in Dänemark kunstvolle goldene Schmucksachen mit einem Gesamtgewicht von mehr als drei Tonnen. Der Reichtum wird als so bedeutsam eingeschätzt, dass er sich nicht allein auf Stammesfürsten beschränkte, sondern dass auch Bauern und Handwerker zu beachtlicher Wohlhabenheit gelangen konnten. Auch in Norddeutschland fehlt es nicht an Funden aus dieser Zeit. Beispielsweise kam 1987 bei Feldarbeiten in einem Dorf bei Greifswald eine reich verzierte, 147 Gramm schwere Goldmanschette zum Vorschein. Und im Jahre 2011 gelang bei der Verlegung der Nordeuropäischen Erdgasleitung mit dem „Goldhort von Gessel“ sogar ein Jahrhundertfund. Die 117 Teile aus Gold mit einem Gesamtgewicht von fast zwei Kilogramm hatten die Bronzeleute im 14. Jh. v. Chr. nahe der heutigen Stadt Syke niedergelegt [105]. Das begehrte Edelmetall wurde wahrscheinlich auf dem Seewege aus Irland herbei geschafft, vielleicht auch in Thüringen aus Goldwäschereien gewonnen. Man tauschte es gegen Bernstein ein, der in der Bronzezeit fast den Rang einer europäischen Währung hatte.

Weniger beliebt war bei den Bronzeleuten offenbar das Silber. In reiner Form ist es äußerst selten verarbeitet worden, hingegen fand es häufiger als Beimischung in anderen Legierungen Verwendung. Ein für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ungleich höher zu bewertendes Metall ist die Bronze, eine aus Kupfer und Zinn bestehende Legierung. Die Bergleute bargen das weiche, weiße Zinn in dem nicht weit entfernten südenglischen Cornwall. Hier lagen die Kassiteriden, die Zinninseln der Antike. Andererseits sind auch Handelsbeziehungen in das Erzgebirge nicht auszuschließen, denn auch dort wurde dieses Metall gewonnen.

Die meisten Archäologen vertreten auch heute noch die Meinung, dass man bei Kupfer ausschließlich auf teure Importe aus Mitteleuropa angewiesen war. Die umfangreichen Untersuchungen von J.Spanuth und W.Lorenzen belegen allerdings, dass die Bronzeleute die Helgoländer Kupfererzvorkommen tatsächlich ausgebeutet haben [34]. Der Abbau erfolgte im 2. Jtsd. v.Chr. unter günstigen Bedingungen an der westlichen Oberkante des damals noch größeren Buntsandsteinfelsens. Neben Bernstein war dieses Erz die Quelle des enormen Reichtums vor allem auf Althelgoland.

Anfangs knüpfte man wahrscheinlich bei der Herstellung von Bronzegegenständen noch an Vorbilder benachbarter Kulturen an. Schon bald fanden geschickte Handwerker ihre eigenen Formen bei Griffzungenschwertern und Rasiermessern, bei Gürtelschnallen, Wendelringen und Fibeln, die die Kleidung zusammen hielten. Ein beliebtes Verzierungsmotiv war die in sich zurück laufende Spirale, die das ewige Rollen der Meereswellen symbolisieren sollte. Besonders typisch für den Nordischen Kreis sind die oft reich verzierten Griffzungenschwerter und -dolche. Ihr Fundgebiet umreißt sehr gut das Siedlungsgebiet dieser Menschen und auch ihre späteren Wanderwege in den Süden. Den Höhepunkt der Metallverarbeitung in dieser Zeit stellen die aus Bronze gegossenen Luren dar, die immer paarweise zu Festen geblasen wurden. Experimentalarchäologen haben heutzutage Mühe, diese Musikinstrumente so meisterhaft wie damals herzustellen. Einer der bedeutendsten Funde aus jener Zeit ist der so genannte Sonnenwagen von Trundholm, der 1902 beim Pflügen auf der Insel Seeland zum Vorschein kam. Bei dieser 60 cm langen und 36 cm hohen bronzenen Statuette zieht ein etwas steifbeiniges Pferd eine vergoldete, mit Spiralmotiv verzierte Sonnenscheibe hinter sich her.

Atl03-6Abb. 3:
Der Sonnenwagen von Trundholm (um 1500 v.Chr.)

Das Metallzeitalter veränderte grundlegend die Beziehungen der Völkerschaften untereinander. Es entwickelte sich ein reger Handel, weil dringend benötigte Rohstoffe nur in weit entfernten Regionen zu beschaffen waren. Teils nutzte man die Händlerwege entlang der europäischen Flüsse, teils machten sich Schiffe auf den langen Weg durch die Straße von Gibraltar. Mitte der 1990er Jahre bargen Unterwasserarchäologen vor der südtürkischen Küste bei Kas die Reste eines Handelsschiffes aus der Bronzezeit. Die auf dem Meeresgrund verstreute Ladung des um 1318 v.Chr. versunkenen Seglers war eine Sensation: neben prunkvollen Gold- und Silberschmuck, riesigen Vorratsgefäßen, Harz, Waffen, Tongeschirr und vielfarbigen Glasbarren fand man Tonnen von Zinn, Kupfer und Bernstein [35]. Vermutlich hatten diese Seefahrer auch in den Häfen von Cornwall und Althelgoland angelegt, um diese wertvollen Rohstoffe gegen andere Güter einzutauschen.

Hochkulturen ohne Schrift?

Fast einhellig sind die Archäologen von der Schriftlosigkeit aller nördlich der Alpen lebenden Völkerschaften in der Bronzezeit überzeugt. Entgegen dieser Ansicht gibt es jedoch einige frühgeschichtliche Hinweise auf die Verwendung einer Schrift in dieser Region. So berichtet Euhemeros von Messene in seiner „Heiligen Aufzeichnung“, dass im nördlichen Ozean auf einer Insel ein altes Heiligtum stand, in dem goldene Tafeln aufbewahrt würden, auf denen die Geschichte der dortigen Könige in uralter Zeit aufgezeichnet sei. Eine ähnliche Aussage ist im Atlantisbericht zu finden : „… die Herrschaft und Gemeinschaft unter ihnen wurde aufrecht erhalten nach den Anordnungen des Poseidon, wie sie ihnen das Gesetz und die Inschriften überlieferten, die von den Urvätern auf einer Säule aus Oreichalkos eingegraben waren; sie stand in der Mitte der Insel im Heiligtum des Poseidon“ [36].

Das galt schon immer als eindeutiger Hinweis auf eine Schrift. Dafür jedoch gab es bis in die 1970er Jahre hinein keine Anhaltspunkte in Nordwesteuropa, und man zweifelte deswegen schon die Nordsee-Theorie an. Um das Jahr 1982 gelang allerdings eine sensationelle Entdeckung. Prof. Barry Fell, der ehemals an der Havard-Universtität in Cambridge (USA) lehrte, spürte in der südschwedischen Provinz Bohuslän auf Felsritzungen Punkt- und Strichfolgen auf, die er als Buchstaben einer Alphabetschrift deutete. Die Entzifferung gelang ihm deshalb ohne größere Schwierigkeiten, weil die Zeichen denjenigen sehr ähnlich sind, die die Tuareg in Libyen heute noch für ihre Schrift benutzen.

Da ihm die Lautwerte der Buchstaben bekannt waren, konnte er auf den Felsbildern einzelne sinnvolle Worte erkennen. Die Entzifferung lässt allerdings einen gewissen Interpretationsspielraum zu, weil die Leserichtung oft nicht eindeutig ist und es nur einen Universalvokal gab, der meistens auch noch weggelassen wurde. Beispielsweise waren neben der Felszeichnung von drei Vogelmenschen die Buchstaben „SWaN“ (Schwan) zu erkennen, ein anderes Mal „B-L“ und „GH-W“ neben einer Darstellung eines Bullen und einer Kuh. Neben Ritzungen von mehreren verschiedenartigen Schiffen konnten die Buchstaben „M K-GH A-GH GH-L L W-K S-A-M-S-L“ für eine vermutliche Gebetsinschrift zusammengefasst werden. Das lautet altnorwegisch „ma kugge aga gul ol vik samsla“ oder deutsch etwa „Möge eine sanfte Brise unsere Koggen laufen lassen und wir alle den Hafen zusammen erreichen“ [37]. Bei dieser Sprache handelt es sich offenbar um einen urgermanischen oder altnordischen Dialekt, bevor sich später daraus die englische, norwegische und deutsche Sprache entwickelten.

Noch sehr verbreitet ist die Annahme, die Schrift der Tuareg sei eine späte, vereinfachte Form der phönizischen. Aber die Buchstaben des so genannten Tifinagh-Alphabets leiten sich nur dann sinnvoll aus den Anfangsbuchstaben wichtiger Begriffe ab, wenn der altnordische Dialekt und nicht die Berbersprache zugrunde gelegt wird. So verwendeten die bronzezeitlichen Schreiber das Zeichen „Ring“ für den Buchstaben „R“, das Zeichen „Tür“ (engl. „dorway“) für „D“, das Zeichen „Gewichte“ (engl. „weights“) für „W“, das Zeichen „(Schild-) Buckel“ (engl. „buckler“) für „B“ usw. [38]. Bemerkenswert ist ferner die Herleitung einiger Buchstaben von den Himmelsobjekten Mond („M“), Sonne („S“), den 4 Kastensternen des Sternbildes Pegasus („H“ = Hestemerki; d.h. „Pferdemarken“) und der auffälligen Konstellation des Himmels-W („Y“ aus Yorsa = Cassiopeia).

Atl04_5Abb. 4:
Formen der Buchstaben des Tifinagh-Alphabets

Der Biologielehrer W.P.A.Fischer glaubt einen Anhaltspunkt für das Alter dieser Alphabetschrift gefunden zu haben. Für ihn stellen die drei gleichseitig angeordneten Punkte des Buchstabens „K“ für „Kopf“ ein Symbol für den Himmelsnordpol dar. Ihm steht heute der Polarstern im „Kleinen Wagen“ nahe. Vor etwa 4000 Jahren befand sich aber kein markanter Stern an dieser Stelle. Stattdessen wurde um 1800 v.Chr. der Himmelspol von Kochab, Thuban und einem weiteren Stern im Sternbild Drachen eingerahmt. In dieser Zeit oder nur wenig davor haben vermutlich die Bronzeleute diese Schrift erfunden [39].

Im Unterschied zur babylonischen Keilschrift und zu den ägyptischen Hieroglyphen wurden die Bronzezeit-Runen wahrscheinlich nicht für Verwaltungsaufgaben verwendet. Lediglich Priesterastronomen und hohe Würdenträger dürften diese Alphabetschrift beherrscht haben. Sie wurde nach derzeitigem Erkenntnisstand nur in heiligen Bezirken angewandt und auf Felsen oder bedeutenden Bauwerken eingeritzt. Den Weg zu den Berberstämmen fand die Schrift, weil sich Bronzeleute schon einige Jahrhunderte vor der Großen Wanderung in Nordafrika niederließen.

Wikinger der Bronzezeit

Eine einheitliche, hochstehende Kultur, die sich über viele Inseln und Küstengebiete ausbreitete, ist ohne eine gut entwickelte Schifffahrt nicht vorstellbar. Noch heute stellt es besondere Anforderungen an die Lotsen, innerhalb der gefürchteten Schären zwischen Jütland und Südschweden zu manövrieren. Die Bronzeleute müssen auf dem Meer in ihrem Element gewesen sein. Davon zeugt eine Vielzahl an Felszeichnungen in der südwestschwedischen Küstenlandschaft Bohuslän. Auf ihnen sind Tausende stilisierte, mit hohen Vorder- und Hintersteven versehene Schiffe und sogar ganze Schiffsarmadas dargestellt. Auf einigen Ritzungen sind kultische Handlungen auf dem Schiffsdeck zu erkennen [40].

Die schlanken, bis über 10 m langen Holzschiffe konnten ein bis zwei Dutzend Ruderer tragen und besaßen einen umlegbaren Mast. Im deutlichen Unterschied zu den Schiffstypen im Mittelmeergebiet waren die Steven mit Enten- und Schwanenköpfen, mitunter auch mit drachenähnlichen Köpfen verziert. Eine äußerst sinnreiche Erfindung für die Fahrt in Küstengewässern war ein doppelter Steven, der das Boot bei Unterwasserklippen federnd abfangen und vor Beschädigung schützen sollte.

Die Bronzeleute wagten sich ebenso auf die hohe See hinaus. Bei ihren einträglichen Handelsunternehmungen nach Britannien und Irland segelten sie wegen der starken Gezeiten in sicherer Entfernung zur Küste. Wahrscheinlich gelangten wagemutige Expeditionen bis nach Nordafrika, denn auf einigen schwedischen Felszeichnungen sind mit einiger Sicherheit exotische Tiere wie Giraffen, Strauße und Elefanten erkennbar [41]. Bereits A.Köster, ein hervorragender Kenner der antiken Seefahrt, zählte 1923 die Bronzeleute zu den „erfahrensten Seeleuten ihrer Zeit“.

Diese Einschätzung wird erneut bestätigt durch weitere Entdeckungen von Prof. B.Fell in den 1980er Jahren. Er stieß nämlich in der Nähe von Peterborough in Kanada auf jene Schriftzeichen, die er zuvor in Südschweden auf Felszeichnungen vorgefunden hatte. Eine der Einritzungen wies ihm neben der Gleichartigkeit der Schrift deutlich auf die Herkunft der kühnen Seefahrer hin: „Woden-lithi stor konungr hringriki kweid runa gneidi“. Diesen altnordischen Text deutete B.Fell als „Wotan-Lithi, der große König aus dem Ringreich, befahl, dass Runen geritzt werden sollen“ [42]. Man schloss aus weiteren Inschriften, dass die Schiffsbesatzung, beladen mit Kupfer aus einer nahen Lagerstätte, nach neunmonatigem Aufenthalt zurückkehren sollte. Die Heimat der Seefahrer war eine flussreiche Landschaft Norwegens nordwestlich des Oslofjordes, die heute noch die Bezeichnung „Ringerike“ (Ringreich) trägt [43].

B.Fell datierte den aus astronomischen Anhaltspunkten abgeleiteten Zeitpunkt der Expedition auf 1700 v.Chr. Die Anwohner der Nordsee waren somit mindestens seit dem frühen 2. Jtsd. v.Chr. in der Lage, den Atlantik routinemäßig zu überqueren. Das stellt eine einmalige nautische Leistung dar, die erst ein Jahrtausend später durch andere Völkerschaften, die Phönizier, wiederholt wurde [44].

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse ist es nicht unwahrscheinlich, dass die nordischen Seefahrer auch zu anderen Gebieten in der Neuen Welt gelangten und Zeugnisse ihrer Anwesenheit hinterließen. Im brasilianischen Urwald entdeckte der Franzose Homet beispielsweise vor einiger Zeit Steinkreise, Großsteingräber und Dolmen. Die Ähnlichkeit der Megalithbauten am Amazonas mit denen in Nordwesteuropa ist nicht zu bestreiten [45]. Die Bezeichnung „Atlantik“ wurde demnach nicht zu Unrecht vom Namen des legendären Inselreiches abgeleitet.

Jenseits der Säulen des Herakles

Platon zufolge herrschten die Atlanter „seit vielen Menschenaltern“ nicht nur über die Königsinsel Basileia und ihre unmittelbare Umgebung, sondern auch über einige weitere europäische Küstenländer und Inseln und sogar über Teile von Nordafrika: „Auf dieser Insel Atlantis also entstand eine große und bewundernswerte Macht von Königen, welche die ganze Insel beherrschte sowie viele andere Inseln und Teile des Festlandes. Außerdem beherrschten diese Könige noch von den Ländern am Binnenmeer Libyen bis nach Ägypten und in Europa bis nach Tyrrhenien“. Und der nachgeborene Zwillingsbruder des Atlas „erhielt den äußersten Teil der Insel von den Säulen des Herakles bis zum Gadeirischen Land“, das demnach jenseits der Straße von Gibraltar lag.

Die erwähnten Territorien gehören alle zum Verbreitungsgebiet der Megalithkulturen während der Jungsteinzeit. So darf mit einiger Sicherheit angenommen werden, dass auch die nicht erwähnten Königreiche zu diesem Kulturkreis gehörten. Seit etwa 5000 v.Chr. siedelten von Norwegen bis Spanien und von Irland bis Deutschland Menschen, deren religiöse Vorstellungen und kultischen Bräuche sich sehr ähnelten. Vor allem war bei ihnen die Sitte verbreitet, aus tonnenschweren Steinen große Grab- und Wohnanlagen zu errichten. Die Megalithleute bewohnten vorzugsweise küstennahe Regionen und Inseln des Nordatlantiks. Eine Vorliebe hatten die alten Baumeister für Rundtempel aus Holzpalisaden und meist kreisrunde, seltener auch ovale Graben- und Wallanlagen. Diese Anlagen spiegeln in ihrem Grundbauplan die „Trojaburg“ im Zentrum der Insel Basileia wider, die aus insgesamt fünf konzentrischen Ringen bestand. Eine spätere Variante der Trojaburgen mit labyrinthischen Gängen ist besonders häufig in Südschweden anzutreffen.

Folgende Gebiete können mit großer Wahrscheinlichkeit zum Einflussbereich der Atlanter gezählt werden :

  • das „Reich des Atlas“: das Verbreitungsgebiet der Nordischen Bronzekultur mit dem Zentrum Althelgoland; ein weiteres astronomisches Zentrum waren die Externsteine bei Detmold;
  • das „Reich des Gadeiros“: Südspanien um die Hafenstadt Cadiz (Gades); außerdem Portugal; ein Zentrum war die südspanische Ortschaft Los Millares (ab 2900 v.Chr.)
  • England und Schottland; hier gibt es die größte Dichte an megalithischen Kultanlagen; Zentren waren z.B. Stonehenge (1. Bauphase ab 3100 v.Chr.) und die Anlage von Avebury
  • Irland; das Gangkammergrab in New Grange ist das älteste erhaltene Bauwerk der Welt (3250 v.Chr.);
  • Nordwestfrankreich und Gebiete zwischen den Flüssen Garonne, Loire und Rhône; Zentren waren die Steinreihen bei Carnac und steinzeitliche Anlagen bei Gavrinis (ab 4800 v.Chr.)
  • Nordafrika; Atlas-Gebirge; Gebiet der Tuareg (Libyen)
  • Inseln des westlichen Mittelmeeres (Balearen, Sardinien, Korsika, Malta) und Küstengebiete am Tyrrhenischen Meer
  • Atlantikinseln vor der Straße von Gibraltar (Kanarische Inseln, Madeira)
  • Mitteleuropa; Verbreitungsgebiet der Kreisgrabenanlagen; um 5000 v.Chr. erbaute Kultanlagen, z. B. bei Goseck (Sachsen-Anhalt); Kyhna (Sachsen); Osterhofen-Schmiedorf (Bayern)

Atl02_30Abb. 5:
Das Verbreitungsgebiet der Megalithbauwerke und Kreisgrabenanlagen in der Jungsteinzeit sowie das Gebiet der Nordischen Bronzekultur um 1500 v.Chr.

Das Siedlungsgebiet der Megalithleute erstreckte sich über ein riesiges Territorium und war somit „größer als Libyen und (Klein-) Asien zusammen genommen“. Es entstand nicht durch kriegerische Expansion eines starken Kernlandes, sondern religiöse Vorstellungen, Bräuche und Architekturideen fanden auf friedlichem Wege durch Händler und Seefahrer Verbreitung und wurden so zum Allgemeingut dieser Menschen.

Die Megalithkulturen-Theorie hat in den letzten Jahren zunehmend an Popularität gewonnen. Allerdings schlagen einige Anhänger nicht die Insel „Basileia“ in der Helgoländer Bucht, sondern andere Orte als Hauptzentrum vor. H.Tributsch favorisierte 1986 das Gebiet rund um Carnac in der Bretagne, der Holländer de Meester dagegen Stonehenge und seine Umgebung. Einen Nachteil haben diese von Spanuth abweichenden Vorstellungen jedoch. Die erstgenannte Hypothese kann den Untergang von Atlantis nur als Fata Morgana und die andere gar nicht erklären.

Sachverhalt
(bzgl. Hauptinsel und Umland)
Azoren 1) Kreta/Thera Tartessos3) Tunesien
Sch.El Djerid
Althelgoland/
NBK/MKn
Hauptvertreter der Theorie I. Donelly S. Marinatos A. Schulten P. Borchardt J. Spanuth
Jahr der Veröffentlichung 1875 1938 1925 1930 1953
Untergang um 9000 v.Chr. nein nein nein nein nein
Untergang im 14./13. Jhd. v.Chr. nein ja / nein 2) nein nein ja
archäologische Funde aus dem 14./13. Jhd. v.Chr. nein ja nein nein ja
jenseits der Straße von Gibraltar ja nein ja nein ja
Übereinstimmung mit Lage der Phäakeninsel Scheria nein nein nein nein ja
westlich und/oder nördlich von Sizilien (laut Diodor von Sizilien) ja nein ja nein ja
größer als Libyen u. Kleinasien zusammen nein nein nein nein ja (MKn)
370*560 km große Ebene nein nein z.T. (kleiner) / um Cadiz nein ja (Dän./ Norddtl.)
hohe, schöne Berge im Norden der Ebene nein nein ja (Sierra Morena) nein ja (Berge der norw. Fjorde)
an der Mündung großer Flüsse gelegen nein nein z.T. (Gua-dalquivir) z.T. (Triton-Fluss) ja (Weser, Elbe, Eider, …)
Schlamm-Meer nach Untergang nein nein nein nein ja/ Wattenmeer
Bevölkerung führte Krieg gegen Ägypten, Griechenland und Kleinasien nein nein nein z.T. (Libyer gegen Ägypter) ja (Nord-/ Seevölker)
Oreichalkos (Bernstein) vorhanden nein nein nein nein ja
gediegenes, schmelzbares Kupfer nein nein ja ja ja
große Bauwerke mit Ringstruktur nein nein nein nein ja
Elefanten nein nein nein ja nein

Tabelle 1:  Die bedeutendsten Atlantis-Theorien im Vergleich [57]

(NBK= Gebiet der Nordischen Bronzekultur; MKn= Gebiet der Megalithkulturen)
Bem. 1) entsprechend den realen Gegebenheiten um 9000 v.Chr. bzw. 14./13. Jhd. v.Chr.
2) ja, falls Vulkanausbruch um 1220 v.Chr.; nein, falls Vulkanausbr. um 1628 v.Chr.
3) phönizische Gründung (= Cadiz ?) in S-Spanien, von 1100 v.Chr. bis 500 v.Chr.

Frühe Astronomen und Erdvermesser

Die Seewege zwischen den einzelnen Kulturen und vor allem die Fahrten zu den entlegensten Inseln erforderten frühzeitig überdurchschnittliche nautische Leistungen. Den Menschen der Jungsteinzeit und Bronzezeit standen zwar keine modernen Navigationsinstrumente zur Verfügung, doch sie waren ausgezeichnete Naturbeobachter. Sie orientierten sich auf dem Meer tagsüber am Sonnenstand und des nachts an den jahreszeitlich vorherrschenden Sternbildern [46]. Wahrscheinlich nutzten sie schon den später bei den Wikingern gebräuchlichen Sonnenkompass. Mit diesem einfach handhabbaren Navigationsgerät konnte man ziemlich exakt während eines bestimmten Jahresabschnittes zu jeder Tageszeit die Nordrichtung feststellen [47].

Zunutze machten sie sich ein über Jahrtausende hinweg von Priesterastronomen angesammeltes Wissen. Gerade der europäische Norden bietet einige ungewöhnliche Himmelserscheinungen, die dem Betrachter auf der geographischen Breite des Mittelmeeres verwehrt bleiben :

  • Nördlich des Polarkreises geht die Sonne über einen längeren Zeitraum nicht auf bzw. unter.
  • Der Himmelspol steht fast im Zenit. Daher kann nur ab ca. 65° n.Br. die Vorstellung von der Himmelsstütze und vom Riesen Atlas entstehen, der das Himmelsgewölbe auf den Schultern trägt.
  • Alle knapp 19 Jahre treten extreme Mondstellungen auf, die auf einer nördlichen Breite von ca. 61° auch von astronomischen Laien beobachtbar sind. Dabei steht der Sommervollmond bei seiner Kulmination extrem niedrig über dem Horizont bzw. berührt ihn (9 oder 10 Jahre später dagegen beträgt die Kulminationshöhe reichlich 10°). Ebenso wird der Wintervollmond alle 19 Jahre zirkumpolar.
  • Die Schifffahrt auf langen Distanzen ist an der W-Küste Norwegens zwangsweise N-/S-gerichtet, dagegen im Mittelmeer vorzugsweise O-/W-gerichtet. Die Abnahme der Polhöhe von 71° in Nordnorwegen bis auf 54° bei Helgoland lässt daher eher den Gedanken an eine Kugelgestalt der Erde aufkommen.

Es darf daher nicht verwundern, dass Diodor von Sizilien über die Atlanter und ihre astronomischen Fähigkeiten berichtet:

„Atlas, der erste König auf der heiligen Insel und Ahnherr des dort herrschenden Geschlechts hat viel Mühe und Fleiß auf die Kenntnis der Gestirne verwendet und mit großem Scharfsinn herausgefunden, dass der Himmelsbau eine Kugel sei. Atlas … hat die Bewegung der himmlischen Gestirne erfasst und den Menschen offenbart. Dadurch entstand die Sage, dass er den Himmel auf seinen Schultern trüge. …Als ein fleißiger Beobachter der Gestirne sagte er Vieles, was am Himmel geschah, voraus. Das Volk lehrte er nach der Bewegung der Sonne das Jahr, und nach der des Mondes die Monate bestimmen.“ [48].

Das astronomische Wissen der Megalithleute war in der Tat erstaunlich. Sie kannten die genaue Jahreslänge, unterteilten sie in 16 Monate zu je 22 und 23 Tagen und richteten ihre Steinsetzungen nach den Auf- und Untergängen heller Sterne aus. Am bemerkenswertesten aber war ihre Kenntnis des 18,6 jährigen Zyklus‘ bei der Abfolge der Mond- und Sonnenfinsternisse. Diesen so genannten Meton-Zyklus kannten die Erbauer der Stonehenge-Anlage mindestens seit 1800 v.Chr. Die Kenntnis einer ähnlich langen Zeitdauer zur Finsternisberechnung, die Sarosperiode, wird den Babyloniern erst um 600 v.Chr. zugeschrieben.

Ein anderer Anreiz zu intensiver astronomischer Betätigung entstand durch den Übergang unserer Vorfahren von der nomadischen Lebensweise zum Ackerbau. Um den richtigen Zeitpunkt für Aussaat und Ernte bestimmen zu können, war erstmals die genaue Kenntnis des jährlichen Sonnenlaufs erforderlich. Während es anfangs noch genügte, die Aufgangspunkte zur Winter- und Sommersonnenwende mit einfachen Pfostenreihen zu markieren, entstanden später runde Sonnentempel, in denen man an ganz bestimmten Tagen im Jahr Feste feierte. Besonders verbreitet waren die astronomisch orientierten Kreisgrabenanlagen und mehrfachen Holzpalisadenringe in Mitteleuropa. Hier siedelten ab 5300 v.Chr. die Bandkeramiker, die wahrscheinlich ersten Bauern auf unserem Kontinent. Eine über mehrere Jahrtausende währende Beschäftigung mit den Himmelsereignissen lässt sich im mitteldeutschen Raum nachweisen. Um 5000 v.Chr. wurde die Kreisgrabenanlage in Goseck errichtet, und nicht weit davon entfernt legte man um 1600 v.Chr. einem hohen Würdenträger der Aunjetitzer Kultur die berühmte Sternscheibe von Nebra ins Grab.

Bewundernswert sind ebenfalls die vermessungstechnischen Fähigkeiten dieser Menschen in so früher Zeit. Sie wahrten bei ihren Steinsetzungen und Kreisgrabenanlagen bestimmte Proportionen, die bei Umfang und Durchmesser runde Maßzahlen in ihrem Maßsystem ergaben. Die praktische Anwendung des Lehrsatzes des Pythagoras war ihnen bereits vertraut, wie beispielsweise Steinsetzungen in Odry (Westpreußen) und in der Bretagne zeigen [49]. Es wurden sogar vorgeschichtliche Heiligtümer über große Entfernungen hinweg geradlinig oder in einem besonderen Winkel zueinander angeordnet. Während in Südengland schon seit längerer Zeit so genannte Ley-Linien aufgespürt wurden, gelangen K.Bedal und H.Zschweigert ähnliche Entdeckungen vor einigen Jahren auch in Oberfranken und Schleswig-Holstein [50]. Die vorgeschichtlichen Vermesser benutzten beim Errichten ihrer Bauwerke eine einheitliche, von A.Thom nachgewiesene Maßeinheit, das „Megalithische Yard“ (MY) von etwa 83 cm Länge [51]. Wahrscheinlich wurde bereits für größere Distanzen die später auch in Griechenland gebräuchliche Maßeinheit „Stadion“ (ca. 185 m) verwendet und der Erdumfang mit 216.000 Stadien bestimmt [52]. Sollte dieses erstaunliche Wissen tatsächlich vorhanden gewesen sein, dann ist die Vermessung der 2000 mal 3000 Stadien große Ebene sicherlich von den dort lebenden Menschen selbst vorgenommen worden. Auch wenn eine Überinterpretation archäometrischer Fakten nie ganz auszuschließen ist, so dürften doch die mathematischen und astronomischen Fähigkeiten dieser Menschen höher gewesen sein als noch vor Jahrzehnten angenommen.

Die „Heilige Insel“ Basileia

Die Archäologen kennen schon seit längerem einige bedeutende jungsteinzeitliche Kultanlagen und Ansiedlungen der Megalithleute und Bandkeramiker. Es muss jedoch darüber hinaus ein Ausstrahlungszentrum gegeben haben, das ordnend in das Gemeinleben aller zehn Königreiche der Atlanter eingriff. Anders ist beispielsweise die Ausbreitung des „Megalithischen Yard“ in halb Europa nicht erklärbar. Auch für Prof. W.Schlosser bedeutet die Existenz und strenge Einhaltung der „megalithischen Elle“ als Grundmaß in einem so großen Gebiet eine fast hochkulturelle Durchstrukturierung zumindestens in der Geometrie [53]. Billigt man dem Atlantisbericht auch in diesem Punkte Wahrheitsgehalt zu, dann kann diese „Maßgebende“ Rolle nur die mehrfach hervor gehobene „Heilige Insel“ Basileia gespielt haben. Hier trafen sich alle fünf oder sechs Jahre die Könige der weit verbreiteten Gemeinschaft zu kultischen Handlungen und berieten über die von allen einzuhaltenden Gesetze.

Bisher ist es noch nicht gelungen, die genaue äußere Gestalt dieser Insel zu ermitteln. Zumindestens aber gibt es Anhaltspunkte für ihre ungefähre Lage. Schon frühzeitig erkannte man, dass das heutige Helgoland nicht die gesuchte antike Bernsteininsel gewesen sein kann. Nach einer Untersuchung der geologischen Gegebenheiten durch E.Wasmund im Jahre 1937 konnte sie sich nur über dem Südstrandrücken in Richtung Eiderstedt erstreckt haben. Das Zentrum von Atlantis war demnach eine relativ große zusammenhängende Insel, die von Helgoland bis zu einer Stelle reichte, an der sich später zeitweilig die separate Insel „Südstrand“ befand. Der aus Platons Angaben für Basileia abgeleitete Durchmesser von 127 Stadien (23,5 km) erscheint glaubhaft, weil einige im Mittelalter zerfallene nordfriesische Inseln ursprünglich eine ähnliche Größe hatten.

Ein strittiger Punkt ist noch die Frage nach dem Mittelpunkt der bronzezeitlichen Insel, wo sich „ein allseits niedriger Hügel“ mit den wichtigsten Kultanlagen befunden haben soll. J.Spanuth war stets davon überzeugt, ihn 50 Stadien östlich der Düne auf dem etwas höher liegenden Steingrund gefunden zu haben, wo auch seine wichtigen Tauchfunde gemacht wurden. W.P.A.Fischer nimmt dagegen als Zentrum eine zweite untermeerische Erhebung etwa 11 km nö. vom Steingrund an. Nur hier war seiner Meinung nach genug Platz für eine annähernd runde, große Insel mit über 10 km Radius. Für diese Annahme spricht der Verlauf der 20 m – Tiefenlinie, die etwa den bronzezeitlichen Küstenverlauf widerspiegelt. Allerdings wurden bisher noch keine Unterwasserfunde gemacht, die den Mittelpunkt genau an dieser Stelle belegen, und andere Forscher teilen eher Spanuths Auffassung.

Ebenso sind bei der detailreichen Beschreibung der „Königsinsel“ hinsichtlich der Größenangaben und der Ausstattung einiger Bauwerke Zweifel angebracht. Es wird beispielsweise von einem 93 m breiten und 31 m tiefen und mit Kupfer ausgelegten Kanal berichtet. Der Haupttempel soll Ausmaße von 185 mal 93 m gehabt haben. G.Kehnscherper vermutete daher, dass Platon nur ganz allgemein sein Wissen über die nördlich der Alpen lebenden Völkerschaften zusammengefasst hat und die Insel Basileia mit nur ganz wenigen „echten“ Bausteinen ausstattete. Die zentrale Trojaburg mit insgesamt fünf Land- und Wasserringen und einem Außendurchmesser von 27 Stadien (5 km) wäre seiner Meinung nach nur die ins Überdimensionale vergrößerte Kultanlage von Stonehenge gewesen [54].

 

Atl08Abb. 6:
Aufbau des Zentrums der Insel Basileia, rekonstruiert nach den Angaben Platons (Dialog „Kritias“);

Neuere Überlegungen machen es allerdings wahrscheinlich, dass die gefangenen Philister den Ägyptern doch relativ genaue Ortsbeschreibungen gaben. Einige in Museen ausgestellte Fundgegenstände aus dem Gebiet der Nordischen Bronzekultur verraten dazu erstaunliche Einzelheiten, die bisher nur unbefriedigend gedeutet werden konnten. Die Ornamentik mehrerer fast 1 m großen Rundschilde stellt nach Auffassung von H.Zschweigert nichts anderes als das Zentrum der Insel Basileia künstlerisch dar [55]. So erkennt man die Land- und Wasserringe rings um den Inselmittelpunkt mit dem ovalen Burghügel, die Überbrückungen über den schmalen Schleusen, den äußeren langen Kanal bis zum Meer und auf einigen Schilden auch Schwäne, die heiligen Vögel der Hyperboreer.

Atl09Abb. 7:
Einer der 16 in Schweden gefundenen „Herzsprung-Schilde“ aus der Bronzezeit mit stilisierter Darstellung des Zentrums von Basileia (?)
(Foto: H.Zschweigert)

Bedeutsam ist ferner, dass diese in Schweden gefundenen Bronzeschilde fast identisch verziert sind wie die zwei aus Herzsprung in der Prignitz stammenden Schilde [56]. Die so genannten Herzsprung-Schilde fand man nicht nur im Gebiet der Nordischen Bronzekultur, sondern auch auf den Britischen Inseln, in Mitteleuropa, Spanien, Griechenland und auf Zypern. Die Verbreitung dieser Schilde zeugt von der überregionalen Bedeutung und Verehrung der wichtigsten Insel der Atlanter.

Einige bis zu 12 cm große, vornehmlich von Frauen getragene Gürtelscheiben erinnern ebenfalls in ihrer künstlerischen Darstellung an das Zentrum der „Säulen- und Königsinsel“: eine mit einem kleinen Sporn versehene, leicht erhabene Mittelfläche ist umgeben von mehreren Ringen, von denen jeder zweite mit einem Wellenband dargestellt wurde. Auch beim Sonnenwagen von Trundholm ist die vergoldete Scheibe nicht ideal glatt, wie für eine Sonnendarstellung zu erwarten wäre, sondern mit einem ähnlichen Ring- und Wellenmuster verziert.

Zu den „echten“ Bausteinen bei der Beschreibung der Insel zählen sicherlich auch die mit Bernstein bedeckte zentrale Säule, auf der Stiere geopfert wurden, die warme und kalte Quelle, die „barbarisch“ aussehenden Tempel, der Heilige Hain, mehrere Häfen und das „Kaufmannsviertel“. Wahrscheinlich steckt selbst in den angeblich mit Kupfer ausgelegten Kanälen eine noch nicht richtig deutbare Information, denn einer alten Helgoländer Sage zufolge soll auf dem Steingrund einst eine unermesslich reiche Stadt mit kupfernen Kanälen gelegen haben.

Anlage Gebiet Bauzeit
v.Chr.
Außen-Ø
in m
Anzahl Ringe Besonderheiten / Anmerkungen
Basileia / Althelgoland Deutsche Bucht vor 5000 1) 4995
(27 Stadien)
5 3 Wasser- und 2 Landringe;
Tempel u.a. Heiligtümer im Zentrum
Avebury Südengland 2700 427 1 + 2 mit 2 kleineren Innenringen, (Steinkreise);
größte erhaltene Anlage
Birkendegaard Seeland /DK 1000 (?) 320 3 mit Steinsäulen (wie bei Stonehenge)
Kyhna Sachsen 5500 150 4 3 Tore
Stonehenge Südengland 3100 /
ab 2600
104 /
30
Erdwall
4 2)
erhaltene Steinkreise; in Hufeisenform aufgestellte 5 Trilithe
Quenstedt Sa.-Anhalt 2200 95 5 5 Holzpalisadenringe, 3 Tore
O.-Schmiedorf Bayern 4800 75 3 2 Tore
Goseck Sachsen-Anhalt 5000 74 2 früheste Anlage mit nachgewiesener astronomischer Ausrichtung; 3 Tore

Tabelle 2:  Die Kreisgrabenanlage auf Basileia im Vergleich zu anderen bedeutenden Anlagen in Europa

Bem. 1) Laut Platon war die 1. Ausbaustufe (ohne Schleusen und Kanäle) „vor Beginn der Schifffahrt“
2) Steinkreise z.T. nicht vollständig geschlossen

 

Quelle: http://www.eichner-dresden.de/atlantis/

Gruß an Die Atlantider

TA KI