Symbole schreiben Urgeschichte 2 von 2


Das Blut der Frauen – Symbol des Lebens und der Schöpfungsmacht

»Seit dem Paläolithikum steht Blut mit Ritual und Anbetung in engem Zusammenhang. Das Blut ist die Grundlage von Familienverband, Königtum und Erblinie und man vermutet, dass die Frauen in alten Gesellschaften einen hohen Status hatten, weil sie durch den Geburtsakt Bewahrerinnen und Übertragende des Blutes des Klans und damit des Geistes waren.« (Husain 2001, S. 139)
Dem einst mit Furcht und Ehrfurcht verehrten Menstruationsblut wurde eine besondere Kraft zuge­schrieben. Eine Kraftfülle, die in vielen Gebieten als eines der stärksten Zauber- und Heilmittel galt. Durch die liebende sexuelle Vereinigung mit einer menstruierenden Frau wurde der Liebesakt für den Mann zur spirituellen Nahrungs- und Kraftquelle; damit erfuhr er Transzendenz, der den Weg ins Paradies bereitete.
Aus dem Liebesakt »resultierten nicht nur einige wenige Augenblicke gottähnlicher Seligkeit, sondern auch ein essentieller Kontakt mit dem mysteriösen und magischen Innern des weiblichen Körpers, der tatsächlich neues Leben erzeugen kann.« (Walker ›Die geheimen Symbole der Frauen‹ 1997, S. 21)

Das Blut der Frau ist das Wichtigste im Leben der Menschheit, denn ohne das Blut wird es kein menschliches Leben geben. (Jutta Voss)

Die patriarchale Verfemung des Menstruationsblutes

Die Patriarchalisierung der Welt begann mit den im Iran, in Mesopotamien, Ägypten, Alt-Europa und Indien eingewanderten Indo-Europäern/Ariern. Sie erfanden die ersten männlichen Götter und eine männliche Priesterkaste, die sie auf ihren Raubzügen begleitete. Die barbarischen Indo-Europäer/Arier, die als Invasoren, Eroberer, Landräuber und Kolonialisten die Welt des Matriarchats zerstörten, ist charakteristisch, dass sie immer von einer dünkelhaften Priesterkaste (Missionaren), die den Menschen einen neuen Glauben und das Heil versprechen, unterstützt wurden – bis heute!
Die Frau im allgemeinem und ihr monatlich fließendes Lebensblut im besonderen, wurde von ihnen als ›unrein‹ verfemt und an seiner Stelle das männliche Beschneidungs- und Tötungsblut vergöttlicht, um männlichen Göttern und göttlichen Männern ›Schöpfungskraft‹ zuzuschreiben; wie es in Alt-Ägypten hieß: Das Blut der Beschneidungdes Phallus des Re wird zur schöpferischen Kraft, aus der das Götterpaar Hu und Sia entstehen (Westendorf LÄ I, S. 840 ff. ›Blut‹).
»Als mit Beginn der patriarchalen Entwicklung die männlichen Götter die religiöse Weltbühne betraten, berichteten die neuen Mythen von ihnen, dass sie nun Himmel und Erde erschaffen hätten. Als der männliche Gott auch im alten Israel zum Schöpfergott aufstieg, benötigte er nicht mehr das Blut der Frau zur Erschaffung der Menschen […] Der männliche Gott braucht kein Frauenblut mehr, um Kinder zu ›schenken‹. Der Menstruationszyklus ist nicht mehr erforderlich, der Mann ›schafft‹ ohne.« (Voss 1988, S. 30)
Im Buch des Patriarchats, der Bibel, finden wir im Levitikus viele ungeheuerliche – ja, geradezu mörderische – Verse gegen die den Priestern verhasste Verehrung der Frau und ihr Blut. Gott, bzw. der levitische (luvitisch-indoarische) Mann Moses, verbot die alten Kulte, zu denen die Verehrung des Menstruationsblutes und der Beischlaf in der Zeit der heiligen Menstruation gehörten und damit die Möglichkeit, den Mann an der Heiligkeit des Mysteriums teilhaben zu lassen.

Das vorher Heilige und Vollmächtige der Naturreligion wird nun in den moralischen Kategorien zum ›Unreinen‹ gemacht (Jutta Voss)

Der mit Blut gefüllte Kelch wurde zum patriarchalen Symbol des Tötungsblutes und des Sterbens Christi. Der mit heiligem, Leben spendendem, Menstruationsblut angefüllte Nut-Kelch der matriarchalen Zeit wurde im Christentum zum Kelch des Blutes Christi. Die ursprüngliche weibliche Machtfülle wurde hier einer erschreckend an Kannibalismus erinnernden patriarchalen Umwandlung unterworfen, während das weibliche Blut entwertet wurde.
Yutta Voss warnt: »Solange das Blut der Frau und mit ihm die Frau verteufelt und parallel das Blut des Mannes, sei es am Kreuz oder in unzähligen Kriegen verherrlicht wird, so lange wird es keine Heilung geben. Das historisch-politische Energiefeld der Frauenverbrennungen hat sich in der weiblichen Seele als Angst-Energie und in der männlichen Seele als Schuld-Energie niedergeschlagen.« (Voss 1988, S. 116)Wenn der Priester bei der ›Wandlung‹ der katholischen Messe den Kelch mit dem Wein emporhebt, greift er das matriarchale Mysterium des Menstruationsblutes auf und wandelt es als ›Symbol des ewigen Lebens‹ um in Christi Blut. ›Seht, das ist mein Blut‹, soll Jesus zu seinen Jüngern gesagt haben. Aber es ist das Blut der Frau, das die ewige Geburt der Menschen garantiert. Ab der beginnenden Patriarchalisierung in der Bronzezeit haben Männer durch blutige Tier- und Menschenopfer das Wandlungsmysterium des weiblichen Blutes pervertiert. Jedoch »dieser patriarchale Opfergedanke kann nicht in die Urzeit der Menschheit zurückprojiziert werden« (Weiler ›Der aufrechte Gang der Menschenfrau – Eine feministische Anthropologie II‹ 1994, S. 92).

Die wieder entdeckte Heilkraft des Menstruationsblutes

Menstruationsblut, diese wunderbare Körperflüssigkeit der Frauen, von dem es viele Hinweise gibt, dass es in matriarchaler Zeit bereits für seine medizinische Heilkraft bekannt war, wurde jetzt – nach Tausenden von Jahren der Verfemung – neu erforscht, mit ›vielversprechenden‹ Ergebnissen. Im Menstruationsblut wurde eine Art von Stammzellen gefunden, welche jenen aus dem Knochenmark ähnlich, aber bei der Bildung von neuen Blutgefäßen wesentlich effizienter sind und zur Therapie von Leukämie eingesetzt werden können. Man hofft, dass sie sich auch für regenerative Therapien, z.B. bei schweren Durchblutungsstörungen, zur Verhinderung einer Amputation, zum Aufbau neuer Gefäße nach einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall eignen.

Wieder einmal zeigt sich, Heil und Heilendes kommt von den Frauen!

Es überrascht nicht, dass clevere Geschäftsleute bereits ein lukratives Geschäft wittern und die Nutzung des Regelblutes patentieren ließen. (›Journal of Translational Medicine‹, April 2010).

Das neidische Patriarchat beendete die Verehrung der Frau und ihren schöpferischen Leib und ersetzte ihn durch die Darstellung des männlichen Körpers und durch den patriarchalen Phalluskult. »Religionen, die von einer Göttin dominiert waren, machten die Yoni zum allerheiligsten Symbol, und dementsprechend beteten Religionen, in denen ein Gott dominierte, den Phallus an. Patriarchalische Semiten verehrten ihre eigenen Genitalien und leisteten bindende Eide auf sie, was unter Arabern bis heute gebräuchlich ist. Im Christentum hielt sich die Phallusverehrung minde­stens bis ins 14. Jahrhundert. Archäologische Forschungen ergaben, dass sich in etwa 90 Prozent der englischen Kirchen, die vor 1348 erbaut worden waren, verborgene Steinphalli befanden.« (Walker 1993 ›Das geheime Wissen der Frauen‹, S. 866 – 869)

Die weiblichen Symbole sind universell:
Die Dreizahl und das heilige Dreieck

In der Höhle von Blombos in Südafrika entdeckten Archäologen zwei Ockerstücke mit Ritzzeichnungen, die auf 77’000 Jahre geschätzt werden und als die frühesten aller bisher gefundenen Kunstwerke gelten. Der in ›Science‹ vom 11.1.2002 veröffentliche Fund überraschte die Fachwelt durch die rätselhaften Zeichen, die als ›abstraktes geometrisches Design‹, bestehend aus ›X-förmigen Einkerbungen‹, als ›vermutlich symbolische Zeichen‹ absichtlich eingeritzt worden waren, die von drei horizontalen Linien durchzogen werden. Bei diesem ›rätselhaften, geometrischen Design‹ handelt es sich um ineinander geschachtelte Dreiecke. Dreieck und drei Linien sind heilige Zeichen der weiblichen Trinität.
Das auf der Spitze stehende Dreieck sei weiblich, das Umgekehrte hingegen männlich lautet eine patriarchale Interpretation. Während das Dreieck als Symbol der Vulva deutlich und erkennbar ist, hat ein Dreieck nichts mit einem Phallus zu tun. Das Patriarchat usurpierte sämtliche bedeutenden Symbole der Göttin, auch die weibliche Trinität (s. Barbara Walker 1993, S. 1104 – 1107).

Das patriarchal theologische Denken hat die Dreizahl, das Symbol für Geburt, Tod und Wiedergeburt und der Göttinnen-Trinität – der Weisen Alten, der Mutter und der jungen Frau (der Jungfrau) – usurpiert und zur Grundlage der Dreieinigkeit Gottes – Vater, Sohn und heiliger Geist – und das ›Gottesauge‹ gemacht.

Das Dreieck in der Kunst der neolithischen Keramik

Die Keramik gehört zu den häufigsten Symbolträgern des Dreiecks. Alle neolithischen Kulturen zeichnen sich durch eine künstlerisch hochstehende Töpferware aus. Sie übertrifft in ihrer sorgfältigen Ausführung alles Spätere an Schönheit und Perfektion. Wie der sowjetische Archäologe P. N. Tretjakow festgestellt hat, weist die Form der Fingerabdrücke ganz klar darauf hin, dass die Tonwaren von Frauen hergestellt worden sind (E. Morgan 1989, S. 193). Vor der Eroberung durch die Indo-Europäer/Arier blühte auch in Oberägypten eine eigentliche Industrie von unverwechselbarer, hochstehender Keramik, die vor allem als Grabbeigaben Verwendung fand. Michael Hoffman stellte fest, dass dann in der Zeit des Umbruchs eine neuar­tige, grobe Töpfer­ware auftauchte und zwar ge­nau vor der ersten Dynastie. Die kriegerische Zeit ließ dem Künst­lerischen keinen Raum mehr; die Töpferware hatte nun strikten Gebrauchs-Charakter: als Ess- und Vorrats Geschirr.
99 Prozent der in Abydos ge­fun­denen Töpferscherben aus der frühen dynasti­schen Zeit waren grobes Ge­brauchsgut und nur ein Prozent feinere, rot polierte und schwarz gerandete Ware. Dagegen betrug der An­teil einer in ei­nem neolithischen Testfeld im oberägyptischen Hierakon­polis untersuchten Keramik 50 Prozent feine Töp­ferwaren (Hoffman ibd. 1980, S. 152). Die hochstehende Qualität der dünnwandigen neolithischen Keramik wurde in der späteren Geschichte Altägyptens und Vorderasiens nie mehr erreicht.

Keramik der C-Gruppen-Kultur (2300 –1600) Aniba, Nubien (Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung)

keramik c-gruppen kultur»Ein Charakteristikum der nubischen Kulturen vom Neolithikum bis in die nachmeroitische Zeit, also über einen Zeitraum von ca. 5000 v. Chr. bis 1000 n. Chr., ist die hohe Qualität der keramischen Produktion. Ihre Eigenständigkeit drückt sich sowohl in den Formen, der Bearbeitung der Oberfläche wie auch in der Dekoration aus, die oftmals eine Entsprechung in afrikanischer Ware findet und damit die Wurzeln Nubiens in Schwarzafrika belegt. Die Funde der neolithischen Zeit belegen bereits für das späte 5. und frühe 4. Jahrtausend einen technischen und künstlerischen Standard, der im zeitgleichen Ägypten keine Entsprechung findet: Nubien geht Ägypten in der kulturellen Entwicklung mehr als 500 Jahre voran. Von wenigen Jahrhunderten abgesehen bleibt die Keramik über 7000 Jahre lang das bevorzugte Ausdrucksmittel der Kunst: Tongefäße aus den verschiedenen Kulturen des antiken Sudan sind Meisterwerke keramischen Schaffens und zählen zum Besten, was in dieser Gattung auf dem ›schwarzen Kontinent‹ geschaffen wurde«. (http://www.aegyptisches-museum-muenchen.de/specials/nubien/index.php?wahl=O)
Der Kunst der Keramik-Herstellung und -Dekoration kommt bei der Erforschung der vor-patriarchalen Zeit aller Länder eminente Wichtigkeit zu. Die Archäologin Helene J. Kantor wies beispielsweise anhand ihrer Studien der Keramikkunst die frühen Beziehungen Ägyptens mit Alt-Iran, Elam und Mesopotamien nach. Die Schönheit, Feinheit und Vielfalt der Keramik ist ein Indikator für die Zeit des Friedens und der Freiheit im Matriarchat. Frieden, Kultur und Kunst werden durch die Eroberungen der patriarchalen Indo-Europäer/Arier zerstört.

Symbole sind die ältesten Schriftzeichen der Welt

Die Verzierungen auf Ton waren die Vorläufer der ältesten Bilderschrift. Schon bald entstanden hieraus die ersten Schriftzeichen. (Carel J. Du Ry ›Völker des Alten Orient‹ in ›Enzyklopädie der Weltkunst‹ 1977, S. 289).
Symbole sind Zeugnisse der meisterhaften Kreativität der Frauen des Neolithikums und beinhalten weit mehr als die späteren Zeichen- und Buchstaben-Schriften der sogenannten ›Hoch‹-Kulturen der geschichtlichen Zeit.

Aus den religiösen Symbolen des altsteinzeitlichen Matriarchats entwickelten sich die Schriftzeichen des Neolithikums.

»Die Sumerer gelten im allgemeinen zwar als die Erfinder der Schriftsprache, aber in Ostmitteleuropa entwickelte sich eine Schrift, die etwa zweitausend Jahre früher entstanden ist als alle bisher bekannten Schriften […] Dass vor mehr als achttausend Jahren bereits eine Schrift erfunden wurde, erschien bisher so undenkbar, dass die Möglichkeit gar nicht in Erwägung gezogen und den Beweisen für ihre Existenz kaum Beachtung geschenkt wurde […] Bei dieser Schrift des Alten Europa handelt es sich zweifellos nicht um eine indoeuropäische Schrift, ebenso wenig wie bei den kretischen Hieroglyphen, der Linear A und der kyprominoischen Schrift.« (Gimbutas, ›Zivilisation‹ 1996, S. 308)

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Schrift der Theiß-Kultur (ca. 5300-5000, Kökenydomb, Ungarn aus Gimbutas ›Zivilisation‹ 1996, S. 312)

Keine Verzierungen, sondern Bordüren mit Schriftzeichen auf einem anthropomorphen Keramik-Gefäß der Theiß-Kultur (nach Marija Gimbutas ›Die Zivilisation der Göttin‹ 1996, S. 312)

»Etwa um 6’000 – 5’300 tauchen die ersten Zeichenverbindungen auf: Symbole, denen lineare Zeichen hinzugefügt wurden. Wir finden die Schrift des Alten Europa, von der zwischen 5’300 – 4’300 allgemein Gebrauch gemacht wurde, in Inschriften auf sakralen Gegenständen: auf Idolen, Thronen und Tempelmodellen, auf Opferbehältern, Altären, Opferkelchen, auf heiligen Miniaturmodellen von Broten, Anhängern, Tafeln und Spinnwirteln«. (Gimbutas ›Zivilisation‹ 1996, S. 320)

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Statuetten aus Terrakotta vom Siedlungshügel Tangirua im unteren Donaubecken, Rumänien. Auf Rücken und Brust befinden sich Streifen mit Schriftzeichen (Boian-Gruppe, Phase IIa, Ende 6. Jahrtausend, nach Gimbutas ›Zivilisation‹ 1996, S. 315)

Wir können in allen Ländern nach den Invasionen der Indo-Arier den Niedergang, ja die Zerstörung der Erzeugnisse der Kultur und der Kunst beobachten; was besonders deutlich beim Verschwinden der künstlerischen Keramik zu sehen ist. So schreibt etwa Alexander Scharff, die bemalte Keramik in Vorderasien, die uns am vollendetsten und ältesten in Susa I entgegentritt und die älteste bemalte Tonware Mesopotamiens, die der Obeid-Periode angehörte, verschwanden.
In Mesopotamien belegen die archäologischen Funde aus der vor-sumerischen, vor-arischen Zeit große Kulturen lange vor dem durch die arischen Eroberer verursachten gewaltsamen Umbruch: Zeugen sind die Halaf-Kultur ca. 6000 – 5400 in Nordmesopotamien, die Obeid/Ubaid-Kultur ca. 5900 – 4300 mit Eridu, der wahrscheinlich frühesten Stadt in Südmesopotamien, die Uruk-Zeit ca. 4300 – 3450 und die Djemdet/Jemdet Nasr Periode von 3300 – 2900 die mit der Umbruchszeit in Ägypten etwa zeitgleich ist.
Alexander Scharff betrachtet es als »merkwürdige Parallele, dass mit der Frühgeschichte, etwa seit 3000 in Ägypten und Babylonien jede bemalte Keramik aufhört«, und vermutet darin einen »allgemeinen Gleichlauf der Kulturen« (Scharff ZÄS 1935, S. 91). Der Gleichlauf der Kulturen ist die ›Gleichzeitigkeit‹ der Invasionen aus dem Norden. Erstaunliche Parallelen sind auch in der iranischen Kunst von Aratta/Jiroft und in den frühen Kunst-Importen in Ägypten zu finden. (s. ›Die Kunst von Aratta erscheint in der Frühzeit Ägyptens‹ D. Wolf 2009, S. 43 – 49)
Alexander Scharff spricht von einer ›morphologischen Verwandtschaft der Endperiode der prädynastischen Zeit Ägyptens‹ (Nagada II) und einer ›unbestreitbaren zeitlichen Verklammerung‹ mit der mesopotamischen Djemdet-Nasr-Kultur, ›die auf keinen Fall aus­einan­dergerissen‹ werden dürfe(Scharff 1950, S. 17). Die Wissenschaftler schreiben der Djemdet-Nasr-Periode einen ent­scheidenden künstlerischen Einfluss auf Ägypten zu. ›Das Vergleichs Material ist in solcher Fülle vorhanden, dass es schwierig ist, Bei­spiele aus­zu­wählen‹ (S. Langdon ›The early Chronology of Sumer and Egypt and the similarities in their culture‹, JEA 7, 1921 S. 146)

Isis – die Göttin des Dreiecks und des Nil-Deltas

Archaische Anschauungen haben ein langes Leben. »Man weiß, dass bei den Griechen das Wort Delta die Frau symbolisierte. Die Pythagoräer betrachteten das Dreieck als Urgestalt, wegen seiner vollkommenen Form, aber auch weil es den Archetypus universaler Fruchtbarkeit darstellt.« (Mircea Eliade 1956, S. 43)

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Das Nildelta und der Sinai (Luftaufnahme Nasa)

 

Das Delta in Form des Dreiecks, das immer grün, immer fruchtbar ist, gleicht mit seinen vielen Flussverzweigungen einer Baumkrone, einem riesigen – immer weiblichen – ›Lebensbaum‹, dessen Stamm vom Nilwasser genährt wird. Vielleicht ist es ein Zufall, aber auffallend ist es doch, dass die drei Großen Pyramiden am südlichen Ende der Deltaspitze, an den Wassern des Nil – genau dort errichtet wurden – wo bei der Frau unterhalb des dreieckigen Venushügels die Vulva beginnt. (Zum Rätsel der drei Großen Pyramiden von Gizeh  und im Buch D. Wolf 2009, S. 86-90)
Das Delta in der Form eines Dreiecks wird auch als Lotosblüte bezeichnet; beide haben eine Beziehung zur weiblichen Sexualität. »Sie ist die bedeutendste ägyptische Symbolpflanze überhaupt und geradezu omnipräsent«, schreibt Brunner-Traut (LÄ, III, S. 1092). Die Lotosblume steigt aus dem mütterlichen Urwasser des Nils, dem Schoss der Göttin auf und symbolisiert ihre Vulva, aus der die Lotos-Geborenen Götter Ra/Re und Chepre entstanden sind. Ra/Re, dem die Priester Schöpfermacht zuschrieben, verdankte seine Existenz der Göttin, die beschrieben wurde als die ›Große Weltlotosblume aus der die Sonne bei der Schöpfung zum ersten Mal aufging‹.« (Budge 1969, I, S. 473) Das ›Schwimmen im Lotos-Teich‹ schafft Fruchtbarkeit und ist die Metapher für die geschlechtliche Vereinigung. »In den Liebesliedern wird der Lotos oft zitiert, doch wenn die Finger der Geliebten ›wie Lotos‹ sind, dann bezieht sich der Vergleich auf die Anmut der poesievollen Blüte«, ist Brunner-Trauts züchtige Interpretation dieses Symbols für Erotik und Sexualität (LÄ, III, S. 1094). Nicht nur in Ägypten, im ganzen vorderasiatischen Raum ist die Lotosblüte das wichtigste Symbol der Yoni/Vulva, des Dreiecks, der Göttin aus der Götter und Menschen geboren und wiedergeboren werden.

Isis – die Göttin der sakralen Pyramiden von Gizeh

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Die Pyramiden von Gizeh (Foto D. Wolf)

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Wenn man die armseligen ›Beweise‹, welche die Drei Großen Pyramiden von Gizeh den Königen der 4. Dynastie, Cheops, Chefren und Menkaura zuweisen, nicht als letzte Weisheit anerkennt, muss man zugeben: Dies sind Spekulationen. Wir wissen nicht, wann, wie, von wem, warum und wozu die drei Großen Pyramiden erstellt wurden. Jedoch wissen wir aus den Dokumenten, dass Isis ›die Göttin der drei Großen Pyramiden‹ genannt wurde! Dies dürfte ein triftiger Grund sein für eine andere Hypothese, die genau so gültig und bedenkenswert wie die bisherigen Spekulationen ist: Das Dreieck ist immer weiblich und so sind es auch die Pyramiden und sie wurden zur Ehre der Göttinnen-Trinität errichtet – möglicherweise schon Jahrtausende vor den Pharaonen! Und so wie das Uterus-Heiligtum im Tal der Königinnen mit dem davorliegenden Gräberfeld und die Begräbnisstätte vor dem symbolträchtigen Hintergrund in Abydos, so dürfte auch die Nekropole bei den drei Großen Pyramiden einen Bezug zur Großen Göttin Ägyptens und zwar zur Göttinnen-Trinität, die vor der dynastischen Zeit verehrt wurde, haben. Dass auch das Gizeh-Plateau und das Gebiet um die Sphinx, wie schon das vor-dynastische Abydos und das neolithische Grottenheiligtum im Tal der Königinnen, das Zentrum eines vor-dynastischen ›Wallfahrtsortes‹ war, bestätigt die Ägyptologin Christiane Zivie, eine Spezialistin des Gizeh-Plateaus (C.M. Zivie LÄ, II, S. 604 ff.). (Zum Rätsel der Sphinx s. ›Die Schwarze Göttin Afrikas?‹
Wie bei der Sphinx hat sich nie ein König gerühmt, einer der Auftraggeber der drei Großen Pyramiden gewesen zu sein. Das war nicht etwa Bescheidenheit, wofür die Könige nie sonderlich aufgefallen sind, sondern das im Volk verankerte Wissen, dass ›Isis die Göttin der Pyramiden‹ war. Die Namenszuschreibungen der drei Könige erhielten die Pyramiden erst 2000 Jahre später von Herodot und noch später von Diodorus, deren Spekulationen von den Ägyptologen gerne und unbesehen übernommen wurden. Hellmut Brunner berichtet in der Einleitung zu Leonard Cottrells’ ›Das Volk der Pharaonen‹ jedoch Unglaubliches: »Nur bei der Beisetzung standen die Pyramiden im Mittelpunkt einer religiösen Handlung. Danach […] standen die mächtigen Pyramiden unbeachtet da. Kein ägyptischer Text späterer Zeit kündet von ihnen. Sie hatten ihren Zweck erfüllt, man brauchte sie nicht mehr, man beachtete sie nicht mehr.« Ist das nicht merkwürdig? Heute bestaunen jährlich Millionen von Touristen dieses Weltwunder, und damals soll es niemanden beeindruckt haben, weil es seinen Zweck erfüllt hatte? Könnte es nicht sein, dass die Pyramiden die Göttinnen-Trinität symbolisierte? Dass ihre Verehrung verfolgt, ihre Nennung unterdrückt, ja verboten war? Die Verehrung der Göttin wurde von den patriarchalen Invasoren und ihrer patriarchalen Priesterschaft bekämpft, weil sie ihre männlichen indoeuropäisch/arischen Götter an ihre Stelle setzen wollten. Wir wissen, dass der Kult der Göttin I-Seth (Isis), deren älteste Erscheinung möglicherweise die Sphinx war, in der 4. Dynastie von Cheops verfolgt wurde. Herodot berichtet, dass unter Cheops und Chephren die Tempel geschlossen blieben und das Opfern verboten wurde, was die ÄgypterInnen in grenzenloses Unglück stürzte. »Die Ägypter hassen diese Könige so sehr, dass sie vermeiden, ihre Namen zu nennen« (Herodot II, S. 124–128). Das dürfte auch der Grund sein, warum von Cheops keine einzige Großskulptur und keine ehrenvolle Erinnerungsschrift übrig geblieben ist.
Der Ägyptologe E.A. Wallis Budge vermutete, dass die Sphinx: wohl mit einer anderen Religion verbunden war und aus der urgeschichtlichen Zeit stammt. Der gleiche Grund dürfte auch für die Pyramiden zutreffen.
Es existiert kein einziger Beweis, der die Zuordnung der drei Pyramiden an Cheops, Chefren und Menkaura (Mykerinos) rechtfertigen würde. Cheops, den man für den Erbauer der Großen Pyramide hält, wurde in den späteren Dokumenten kaum mehr erwähnt und nur eine 7 Zentimeter große Statue ist von ihm geblieben – und das ist doch sehr sonderbar für einen König, den man für den Erbauer eines Weltwunders hält. Ebenso erstaunlich ist, dass man schon in der 1. Dynastie von einem bedeutenden Friedhof auf dem Plateau von Gizeh weiß, der schon viel früher – möglicherweise schon im Neolithikum – angelegt worden war und der auch von der Elite der 2., 3. und 4. Dynastie mit ihren riesigen Grab-Mastabas benutzt wurde; ausgerechnet in der Zeit als nur wenige Meter davon entfernt die Pyramiden erbaut wurden! Ein Wunder der Logistik.
Auf dem Gizeh-Plateau konnten nur die sechs Kleinen Pyramiden identifiziert werden. Dies sind effektiv Gräber – jedoch von Königinnen. Wahrscheinlich schlossen die Wissenschaftler daraus: Wenn die Königinnen in den Kleinen Pyramiden begraben sind, dann müssen die Könige in den Großen Pyramiden bestattet worden sein. Doch von diesen Königen und ihren Überresten fehlt jede Spur. (s. auch François-Xavier Héry et Thierry Enel ›La Bible de Pierre – L’Alphabet sacré de la grand Pyramide‹1990)
Nach der 4. Dynastie der ›Pyramidenbauer‹ wurden noch während beinahe 1000 Jahren über achtzig weitere Pyramiden gebaut – lauter mehr oder weniger gescheiterte Versuche, von denen keine einzige eine Spur der Baukunst der Großen Pyramiden aufweist. Alan Gardiner meint, die Handwerkerarbeit dieser späteren Pyramiden sei entschieden ein Pfusch, sodass fast alle zu formlosen Abfallhaufen zusammenfielen (›Egypt of the Pharaohs‹ 1961, S. 92). Wie will man das erklären? Es ist wohl nicht so, wie Rainer Stadelmann in seinem Buch ›Die ägyptischen Pyramiden – vom Ziegelbau zum Weltwunder‹ suggeriert, sondern umgekehrt: ›Vom Weltwunder zum Ziegelbau‹. (D. Wolf 2009, S. 86 – 88) Die fragwürdigen Interpretationen der ÄgyptologInnen wurden durch ständige Wiederholung zu ebenso fragwürdigen Fakten.

Die Dreiecks-Symbolik der Unas-Pyramide

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Der Sargraum unter der Unas-Pyramide

Unas, der letzte König der 5. Dynastie erhielt seine gut erhaltene Grabstätte unter einer kleinen Pyramide unweit der Stufenpyramide des indoeuropäisch/arischen Djoser/Zeser/Cäsar in Sakkara. Im Sargraum mit dem steinernen Sarkophag wurde das Dreieck ­– die Pyramidenform – im Bau der Decke im Innern der Unas-Pyramide wieder aufgenommen und dürfte eine Erinnerung an die matriarchale Zeit sein. »Man kann wohl sagen, dass in gewisser Weise, Sarg, Grab und Pyramide einen Mutterleib repräsentieren.« (H. P. Duerr ›Sedna oder Die Liebe zum Leben‹ 1984, S. 334 f.)
Es ist offensichtlich, dass man die Bauweise der Drei Großen Pyramiden nicht kannte, denn wie die Pyramide des Djoser, die man unmittelbar vor die drei großen Pyramiden datiert, wurde die Pyramide des Unas, die nach den Großen Pyramiden erstellt wurde, ebenfalls als Stufenpyramide gebaut, die genauso rasch zur Ruine verfiel.
Die Wände des Unterbaus sind erstmals mit ›Totensprüchen‹, den ältesten Pyramidentexten dekoriert und sind eines der schönsten Dokumente hieroglyphischer Schriftkunst. Die Texte scheinen eine Anklage der Zustände zu enthalten, die zur Zeit des Unas herrschten, wozu Kurt Lange schrieb: Wir wissen aus den ›Kannibalentexten‹ der Unas Pyramide von der »Maßlosigkeit des ungezügelten Emporkömmlingtums, die schließlich den Thron gefährden und die erste große soziale Revolution heraufbeschwören sollte.« (Lange 1952, S. 31) Das kann nur einen Ägyptologen erstaunen, denn immer haben sich die ›ungezügelten‹ Völker gegen Invasoren und Unterdrücker gewehrt und deren ›Thron gefährdet‹.
Eine der Töchter des Königs Unas, Prinzessin Seschat Idut, die in Sakkara ebenfalls ein prachtvoll gestaltetes Grab hat, war eine begabte Schreiberin. Es liegt nahe, dass sie es war, die ihrem Vater das unvergessliche Denkmal setzte; wäre sie ein Sohn, würde man dies jedenfalls ohne Weiteres annehmen. Die Schriftkunst der Unas-Pyramide zeigt exemplarisch, wie Frauen von den Wissenschaftlern übergangen werden können.

Die Große Göttin der kosmischen Pyramiden-Berge in aller Welt

Wie die Pyramiden vermuten lassen, steht Eines fest: Einst waren – besonders die pyramidenförmigen Berge – Kultorte ›heidnischer‹ Göttinnen. Als Zauberberge, Venus- und Hexenberge erinnern sie noch daran, dass auf den vergöttlichten Bergen der Kult der Göttin gefeiert wurde. Die Göttin IST der Heilige Berg, die Höchste, die Spitze, die Mächtigste. Der höchste Berg der Welt Sagarmatha heißt nepalesisch: ›Göttin des Himmels‹ oder Chomolungma, tibetisch: ›Göttin der Erde‹. Die ›Göttin und Mutter aller Berge‹ wurde im letzten Jahrhundert dem Erstbesteiger, Mr. Everest, zugesprochen; eine takt- und respektlose Umbenennung; die Einheimischen, die den Berg als ›Göttin des Schneegebirges‹ verehren, waren empört und sehen darin einen Frevel. Die Berge der Göttin wurden nicht nur von Bergsteigern – sondern vom Christentum ganz allgemein – usurpiert, christianisiert und mit Kreuzen versehen! Die Macht und Erhabenheit der Göttin sollte dem männlichen Gott unterstellt werden, doch sie behielten im Volk die Erinnerung und viele noch ihren Namen.
Im Berner Oberland wurde der Göttin – die Jungfrau – einer der schönsten Pyramiden-Berge geweiht. Sie ist wie das Matterhorn (Mutterhorn) weltberühmt und zieht jährlich Tausende von VerehrerInnen und ›PilgerInnen‹ an.

 

 

Einer der schönsten Schweizerberge, das Matterhorn, ist wie das oberägyptische el-Qurn ein ›Mutter-Horn‹, ein Füllhorn der Göttin, der Spenderin von Fruchtbarkeit und Reichtum und ein mythologisches Symbol des Glücks.

 

Der höchste Berg der Westalpen, der Mont Blanc, der 4807Meter hohe, mit ewigen Schnee bedeckte Berg, ist eine ›Dame Blanche‹, eine Weiße Göttin. (Postkarte)

 

 

Die pyramidenförmige Rigi im Morgenlicht. Die ›Königin der Berge‹ wurde nach der Himmelskönigin ›Rigina‹ benannt. (Foto Doris Wolf)

Die sprudelnde Drei-Schwestern-Quelle aus der Vulva Spalte auf der Rigi (Foto Doris Wolf)

Die alte Kultstätte, die heute als Rigi Kaltbad bezeichnet wird und die dort in einem Felsenkessel mit nur einem Zugang liegt, erreicht man nur durch ein gewaltiges Felsentor, eine Vulva aus Nagelfluhblöcken. Dahinter befindet sich die kalte Quelle und eine 1556 erbaute Felsenkapelle. Diese Kapelle war einst ein beliebter Wallfahrtsort, denn hier entspringt die an die Göttinnen-Trinität erinnernde Drei-Schwestern-Quelle. Die Gegend am Südabhang der Rigi soll schon in der Altsteinzeit besiedelt worden und somit die älteste bekannte Niederlassung der Menschen im Gebiete der Zentralschweiz sein. (www.terraner.de/CH/Zentralschweiz.htm)Die sprudelnde Drei-Schwestern-Quelle aus der Vulva Spalte auf der Rigi (Foto Doris Wolf)
Im 15. Jh. wurde die Heilkraft der Quelle christlich umgedeutet: Als die letzte der drei legendären Schwestern gestorben sei, soll plötzlich Wasser hervor gesprudelt sein und die Menschen wurden durch ihren ›Glauben an Gott‹ geheilt; sagt man(n)!
Auf der ganzen Welt wurde die Göttin der Berge verehrt. »Man vermutet, dass die [indoeuropäisch/arischen] Sumerer aus einem Gebirgsland kamen und dass dort die Göttinnen auf Bergen verehrt wurden. So sprechen sie als Bewohner einer Tiefebene von ihrer Hauptgöttin Ninchursanga als von der ›Herrin der Berge‹.« (Jörg Zink ›Tief ist der Brunnen der Vergangenheit‹ 1988, S. 65) Die sumerische Bergmutter, ›die den Toten das Leben schenkt‹ ist ein Beweis dafür, dass die Indo-Europäer nicht ›schon immer‹ patriarchal waren. Nin-chur-sanga schuf aus Lehm die ersten menschlichen Wesen. Diesen besonderen Zauber ahmte später der biblische Gott nach.« (Walker 1993, S. 794)
Auch die feuerspeienden Vulkane waren der Göttin geweiht. Der ›Feuerberg‹ Ararat – hieß vor dem sprachlichen R⇾L – Wandel und der Patriarchalisierung Alalat bzw. Al-Lat (Göttin) und wurde von den Armeniern von alters her ›Masis – Göttin der Berge‹ und ›Mutter der Welt‹ genannt. Es erstaunt nicht, dass dieser symbolträchtige Mutterberg von den patriarchalen Priesterkasten für ihre Zwecke usurpiert und sich im Mythos von der Sintflut und der Arche Noah, der auf diesem Berg gestrandet sein soll, zu Eigen machten.
Der höchste Vulkan Europas, erhielt seinen Namen Ätna von der römischen Vulkangöttin und der Vesuv von Vesta, der Göttin des Herdfeuers. Hawaii verehrt ebenfalls eine Göttin des Feuers, die ›Lava sprudelnde Berggöttin Pele‹. Der Mount Hara ist der Berg der iranischen Göttin Anahita, der ›Goldenen Mutter‹. Der heiligste aller heiligen Berge des Himalaya ist der Kailash. Der Berg wird im Volksglauben aus tibetischer Urzeit noch immer als ›Göttin des Himmelsraumes‹, gNam phi gun rgal, verehrt. Mit dieser Göttin stehen auch frühe Schöpfungsmythen der ursprünglichen Bön-Religion in Zusammenhang. Durch die Pyramidenform und die besondere Lage wird der Kailash als Berg Meru identifiziert und zählt heute für tibetische Buddhisten, Hindus und die Anhänger der ursprünglich weiblichen Religion der indigenen Tibeter, der Bön, zu den bedeutendsten spirituellen Orten. Zu den weiblichen Pyramidenbergen gehört auch der Pumori an der Grenze zwischen Nepal und China. Der Name Annapurna im Himalaya in Nepal ist eine andere Bezeichnung der Göttin Parvati, der ›Tochter der Berge und ihre nährende Brust‹. In Südamerika ist der Machu Picchu die personifizierte ›Mutter Erde‹. Die omnipotente Göttin der Anden ist die Pachamama oder Mama Pacha. Popocatepetl ist in Mexiko ›die weiße Dame‹. In Japan ist die Sonnengöttin Fuji auch die ›Göttin der Baumblüten‹. Nowah’us ist der heilige Berg der Cheyenne, in dem die Wiederbelebung im Mutterbauch stattfand. Immer thront SIE als Berg, als Gipfel, als die Höchste, wie Isis, deren Emblem der Thron ist. Thron und Berg symbolisierten den Schoß der Muttergöttin, durch deren Gnade Könige den Thron bestiegen; Isis ist der ›Heilige Stuhl‹, den honorige Patriarchen für ihren Patriarchen-Chef usurpierten, der sich als Konkurrenz zur Mutter, Vater nennt, sogar ›heiliger Vater‹, obwohl die wenigsten dieser religiösen Machtmenschen Vater oder besonders heilig waren.
»Ursprünglich stand an Stelle des Throns der Berg, der in sich die Symbole der Erde, der Höhle, der Masse und der Höhe verbindet, die unbeweglich-sesshafte Gottheit, welche sichtbar über die Erdlandschaft herrscht. Der Berg ist zunächst die numinose Gottheit als Bergmutter, später wird es der Sitz und Thron auf dem das sichtbare und das unsichtbare Numen sitzt, noch später der ›leere Thron‹, auf dem sich die Gottheit ›niederlässt‹. Der Bergsitz als Thron der Großen Göttin, der Frau vom Berge, ist ein späteres Stadium der Entwicklung, seine schönste Darstellung hat er wohl in dem bekannten kretischen Siegel, auf dem die Muttergottheit oben auf dem Berge steht und von dem sie anbetenden Jüngling verehrt wird. Die Symbolik der weiblichen Gottheit als Hügel und Berg finden wir noch spät im Orient, wo der Hieros Gamos zwischen Himmel und Erde auf dem Berge oder dem ihn symbolisierenden Stufenturm, wie in Babylon, statthat.« (Neumann ›Die Große Mutter‹ 1974, S. 103)
Die Göttin der heiligen Berge, überschaut ihr Land, schützt, nährt und leitet es. Berge sind es auch, die in matriarchaler Zeit den Menstruierenden und Gebärenden in ihren bergenden Höhlen Geborgenheit und in patriarchaler Zeit den Verfolgten Refugium und Schutz bieten.
Im Patriarchat wurden viele Berge vermännlicht und auffallend häufig haben die Gott-Religionen mit Bergen zu tun. Jahwe ist ein Gott der Berge, er soll Moses auf dem Berg Sinai die Gebotstafeln übergeben haben und »will auf dem Berg Zion in Jerusalem angebetet werden, und bis ins Neue Testament reichen die Offenbarungen des Gottes auf dem Berge. Es gibt den Berg der Bergpredigt, den Berg der Verklärung und Golgatha, den Berg, auf dem der Gott stirbt, um wiedergeboren zu werden« (Weiler 1984, S. 88). Die Berge, die Symbole der Großen Göttin wurden für den männlichen Gott usurpiert.

Jedoch ursprünglich waren die Berge der Großen Göttin geweiht und ihre Anziehungskraft ist bis heute geblieben.

Heilige Wasser, heilende Quellen

Wie die Berge, waren alle Wasser, Quellen, Flüsse Seen, Meere Symbole der Göttin und ihrer ewigen, segensbringenden Anwesenheit. Die fließenden Wasser winden sich stetig und befruchtend, Leben und Nahrung schenkend über die Welt. Flüsse und Ströme entsprangen der Vulva der Erdmutter. ›Ägypten ist ein Geschenk des Nil‹ sind die meist zitierten Worte Herodots.
»Der Glaube an die Heiligkeit von lebenspendendem Wasser an Quellen und Brunnen existiert seit vorgeschichtlicher Zeit bis in unser Jahrhundert. Wir hören noch immer vom Lebenswasser, das Kräfte verleihen, Kranke heilen, alte Menschen verjüngen, das Sehvermögen wiederherstellen und einen zerstückelten Körper wieder lebendig machen kann. Die Mythen um Brunnen und warme Quellen, vor allem im Entstehungsgebiet großer Flüsse und Ströme, lassen sich nicht vom Kult der Lebenspendenden Göttin trennen.« (Marija Gimbutas ›Die Sprache der Göttin‹ 1995, S. 43)
Die Göttin des Nils wurde in ihrer Form als göttliche Nilpferd-Mutter – im Alten Reich Ipet genannt – später als Thoeris, (Taueret, Taweret oder Ta-Urt), ›die Grosse‹ verehrt. Als Flussgöttin des ›Urwassers‹ symbolisiert sie das Fruchtwassers, das den menschlichen Embryo umhüllt und das Kind im Mutterleib schützt. Der Blasensprung, der die Eröffnungsphase der Geburt einleitet, ist die jährliche Nilschwemme. Als Göttin des befruchtenden Nilwassers begleitet sie die Schwangeren und ist die Schutzgöttin der Gebärenden und der stillenden Mütter. Es sind alles Metaphern für die lebenspendende Kraft des Nils, der Schöpfergöttin und der Frau. Sie ist auch Reret, die Muttersau, ›die Erste der Entbindungsstätte‹, Hebamme und Amme und Schutzgöttin der Menstruierenden, denn die Nilsau sondert zum Schutz ihrer empfindlichen Haut eine blutrote Flüssigkeit ab, was an das Blut der Frauen erinnert.
Dargestellt wird Ipet/Thoeris mit einem Nilpferdleib auf Löwenbeinen stehend. Die Vorderbeine sind als menschliche Arme gestaltet, die das Ankh-Kreuz für Leben und das Sa-Symbol für das lebenspendende Mutterblut halten. Der Kopf kann menschlich, der eines Nilpferdes, eines Krokodils oder einer Löwin sein, als Symbole für ihre gewaltige Stärke, ihre Macht und magischen Kräfte. Die Verehrung der Göttin Thoeris gehörte zur matriarchalen Volksreligion.

Das Speeren der Nilpferd-Göttin in Edfu.

Hapi, der patriarchale Nilgott mit den weiblichen Brüsten

Mit der Invasion der patriarchalen Indo-Europäer/Arier und ihren männlichen Göttern, welche in die dynastische Zeit führte, wurde das Nilpferd mit Seth, der vermännlichten und verfolgten Göttin I-Set (Isis), gleichgesetzt und vom Klerus zum ›Götterfeind‹ erklärt. Als Symbol für die beneidete Macht der Frau – der Menstruation, Schwangerschaft und Geburt – wurde sie von der oberägyptischen Priesterkaste besonders in Edfu verfolgt; nichts sollte daran erinnern, dass es nicht einer ihrer neu erfundenen männlichen Götter war, sondern die Göttin und die Frauen, die Schöpferinnen des Lebens sind.
Im oberägyptischen Elephantine wurde die Göttin Sati als Flussgöttin verehrt; sie goss das befruchtende Nilwasser aus bis sie durch männliche Nilgötter ersetzt wurde, die jedoch noch ihren verräterisch weiblichen Ursprung, ihre weiblichen Brüste beibehielten und deshalb unglaubwürdig waren.
Um Hapi mehr Bedeutung zu geben, nannte man ihn in griechisch-römischer Zeit ›Vater und Mutter der Götter und Menschen, Amme des ganzen Landes‹ und ›der die beiden Länder mit Lebenswasser überflutet‹ (Kurth, LÄ IV, S. 486). Trotzdem blieb Hapi eine fragwürdige Figur und verblasste neben den starken, lebenspendenden Göttinnen.
Interessanterweise bezeichnen die einheimischen ÄgypterInnen den Nil mit dem indoeuropäischen Ausdruck ›Bach‹; die Aussprache ist lediglich etwas rauer, was durch ein tief im Kehlkopf gehauchtes H verursacht wird und wie ›Bach’r‹ tönt. Es könnte sich dabei um ein ›Laryngale‹, eine sprachwissenschaftliche Bezeichnung der indoeuropäischen Sprache handeln. (s. ›Ultimative Beweise‹ zum Sprachenmix: Die afro-asiatische Sprache Ägyptens)
Der Niger einst ebenfalls von einer Fluss-Göttin bewohnt, wird von den (muslimischen) Einheimischen als das Reich der ›Königin des Wassers‹ bezeichnet und als ›Urmutter der Bozo-Fischer‹, die halb Frau, halb Fisch sein soll. Von den heiligen Flüssen Mesopotamiens, Euphrat und Tigris, wurde angenommen, dass sie »ihren Ursprung im gebärenden Organ der Großen Mutter hatten. Die Quelle der Flüsse wurde als die Vagina der Erde betrachtet« (Giedion, 1964, S. 145). Der heilige Urubamba-Fluss in Südamerika ist die mütterliche Quelle und der allmächtigen Schöpfergöttin Patchamama geweiht. Der Mekong wird in Laos ›Mutter aller Wasser‹ genannt. Sibieriens mächtigster Strom, die Lena, wird liebevoll Matuschka, Mütterchen und von den Einheimischen ›die Große Ernährerin‹ genannt.

Es waren immer die Flüsse, Seen und Meere, die die Menschheit ernährten. Auf der ganzen Welt gibt es noch immer viele Völker, die von Fisch und andern Wassertieren leben, während nur ganz wenige Menschen jagen; die Jagd und die einst großen Jäger ist eine Phantasie patriarchaler Männer, die ihrer Eitelkeit schmeichelt und ihnen eine Bedeutsamkeit geben soll, die sie nie hatten.
Wasser galt stets als weiblich und ›Mutter aller Dinge‹. Die der Göttin geweihten Heiligtümer waren meistens mit Brunnen, Quellen, Seen, Meeren, Flüssen und Strömen in Verbindung. Viele dieser Heiligtümer wurden zwar im Laufe der Patriarchalisierung christianisiert oder islamisiert, haben aber für Pilger noch immer eine große Anziehungskraft.
W. Robertson Smith, schottischer Theologe, Alttestamentler und Orientalist, geboren 1846 und aufgewachsen im viktorianischen Zeitalter, beobachtete, dass heilige Kultstätten in Verbindung mit Gewässern noch in allen Teilen der semitischen Welt erwähnt werden, jedoch weniger unter den nomadischen Arabern (Hirtenvölkern, Tierzüchtern), als unter den Ackerbau treibenden Völkern Syriens und Palästinas, bei denen heilige Gewässer eine hervorragende Stellung einnahmen. Es findet sich hingegen kaum je ein Zeugnis dafür, dass bei der beträchtlichen Anzahl von arabischen Heiligtümern bei denen Quellen und Ströme erwähnt sind, diese Gewässer heilig waren oder im Kultus eine bestimmte Rolle spielten. Am klarsten liegt diese Tatsache in Mekka vor, wo die Heiligkeit des Zemzem Brunnens sicher vorislamisch ist (Smith 1899, S. 130). Smith spricht von den vorislamischen, ›heidnischen Semiten‹, will heißen: matriarchalen Semiten, die noch unbeschadet von den patriarchalen Riten und Mythen der indoarischen Eroberer lebten, welche Anhänger und Erfinder männlicher Götter waren und den Umbruch vom Matriarchat zum Patriarchat herbeiführten (zum Matriarchat in Arabien (s. W. Robertson Smith ›Die Nildelta Religion der Semiten‹ 1899).
In Europa waren ursprünglich alle Flüsse weiblich. In Deutschland sind von 72 Flüssen mit einer Länge von mehr als hundert Kilometern lediglich acht vermännlicht worden. In etwa dem gleichen Verhältnis steht es mit den Flüssen europaweit. Millionen von Hindus baden sich am indischen Fest Maha Kumbh Mela in ›Mutter Ganges‹ von ihren Sünden rein.
Die Menschen siedelten immer am Wasser – Wasser ist lebenswichtig – und Fische und andere Wassertiere waren ihre Nahrung. Heute nehmen namhafte Forscher an, dass die Menschheit der Ernährung von Wassertieren, Fischen, Muscheln etc. den intellektuellen Fortschritt vor 2 Millionen Jahren verdankt.

Muscheln und Schnecken – Symbole der Vulva, des Schoßes und der Wiedergeburt

Die Muschel wurde verglichen mit dem Mutterschoß, einer bergenden Schale, einer Höhlung, die das innere Leben, das Kind und die Perle schützt. Im Abri de la Madeleine (Südfrankreich) wurde das Skelett eines vor 10’000-12’000 Jahren verstorbenen 2-4-jährigen Kindes gefunden, das mit Ocker bestreut und mit mehr als 1500 Muscheln bedeckt war. (Musée de Prèhistoire des Eyzies) Die Muschel als Begleitsymbol der Göttin hat sich uns erhalten.

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Muscheln sind auch erotische Symbole. Form und Aussehen von Muscheln, Austern und Schnecken sind das einer nassfeuchten Vulva, weshalb sie als weibliches Aphrodisiakum, luststeigernde, erotische ›Appetitanreger‹ für das Auge des Mannes gelten. (Im Islam gehört die Muschel wohl aus diesem Grund zu den verpönten Tieren.) Noch mehr als die Muscheln erinnert die Kauri-Schnecke an die weiblichen Genitalien. Sie sind Symbole für Glück, Fruchtbarkeit und Reichtum, was ihre Verwendung als Zahlungsmittel deutlich macht. Aufgereihte Kauris werden in Afrika als Körperschmuck und Glück bringende Amulette getragen.
In unseren Breitengraden wurde die Schnecke als Symbol der Vulva – im Gegensatz zur Muschel, die als mystisches Symbol galt – mehr im vulgären Sinn gebraucht. Aigremont schreibt in ›Anthropophyteia‹: »Außer den bereits genannten Gründen, mag noch ein anderer dazu beigetragen haben: das Schlüpfrige, Schleimige, Glatte, Geschmeidige, das die Vulva mit der Schnecke gemein hat. Vielleicht gab auch der starke Wollusttrieb sehr vieler Schnecken einen Grund zu ihrer erotischen Symbolik ab. So sind z.B. die gewöhnlichen Weinbergschnecken Zwitter, haben beide Geschlechtsteile, befruchten sich aber nicht selbst, sondern spielen bald das Männchen, bald das Weibchen. Ehe sie sich begatten, vollführen sie ein längeres Minnespiel, bei dem sie sich durch ihren ›Liebespfeil‹, ein besonderes Organ, wollüstig erregen (›Anthropophyteia – Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral‹ 1909, S. 35 – 50 passim).
Muscheln aus dem Nil, dem Roten Meer und dem Mittelmeer wurden im Alten Ägypten bereits in steinzeitlichen Fundstellen, etwa in Maadi oder Merimde ausgegraben, die nicht nur als Nahrung und als wichtige Versorger von Proteinen dienten, sondern weit verbreitete Symbole, für Schoss und Vulva waren. Kauri- oder Porzellan-Schnecken und die Schalen von zweischaligen Muscheln und Austern wurden wegen ihrer Form und der ›Perlmutter‹ zu symbolträchtigem Schmuck verarbeitet.
Aigremont schrieb zum religiösen Symbolismus, dass die sexuelle und erotische Symbolik der zweischaligen Muschel bis ins graue Altertum zurück geht. »Es sind verschiedene Gründe, welche die Muschel zum Symbol des Mutterschoßes wie der Vulva, der äußeren Gestalt des weiblichen Organs, werden ließen. Nach Strabo hatte die Muschel schon bei manchen Naturvölkern im Altertum eine sexuelle Bedeutung: ›Ihre Frauen bemalen sich schwarz mit vieler Sorgfalt. Um den Hals tragen sie Muscheln als Amulette‹. Diese Sitte ist schon in alter prähistorischer Zeit bezeugt: So trug der Diluvialmensch von Cro Magnon ein Halsband von Mittelmeermuscheln um den Hals, und zwar sind kleine Kammmuscheln und die Cypraea (Kaurischnecke) hier die bevorzugten Muschelarten. In den neolithischen Gräbern Mitteleuropas finden wir auch die Herzmuscheln vertreten« (Aigremont S. 40), weil Muscheln nicht nur Symbole für die Vulva sondern auch für das Herz sind. Beide sind Metaphern für Liebe, Erotik, Liebeslust und Genuss.
Die Kammmuschel wurde nach dem ›Kamm‹ benannt und »das griechische Wort für Kamm ›kteis‹ wurde auch für die Vulva gebraucht« (Walker 1997, S. 186). Auch bei modernen Völkern sei der Kamm ein Symbol der Vulva und speziell auch der Klitoris: »Es ist das Bild des Kammes, das wohl auf die anschwellende Clitoris und auf die zackigen oder kammähnlichen labia minora übertragen wurden; die Clitoris wie die labia minora schwellen bei der geschlechtlichen Erregung an wie der Kamm des Hahns, des Puters. Es würde also hier der tierische, rote Fleisch- Stirn- oder Kopfkamm zum Vergleich gedient haben (Aigremont). Ihre besondere sexuelle Bedeutung kann diese Muschel nur durch ihre äußere Ähnlichkeit mit der Vulva erhalten haben.

Botticelli

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Als Attribut der Göttin Venus ist die Muschel ein Symbol der Liebe und der Wasser spendenden Vulva. Im Kult der Aphrodite – der Göttin der sexuellen Liebe – die einer Kammmuschel entstieg, hat die zweischalige Kammmuschel eine nachhaltige Bedeutung als Beschützerin und Erhalterin der Liebe und der Liebeslust erfahren.
Neben Aphrodite sind es die Nymphen, und zwar die Nymphen als Wassergottheiten, die das Symbol der Muschel führen. Die Muschel ist auch hier als Erzeugnis des Wassers, des Meeres, zu deuten, die Haltung der Nymphen aber weist deutlich auf die erotische Symbolik der Muschel hin: Die Nymphen halten die Muschelschale direkt vor ihren Schoss, so dass das Wasser aus dem vorgehaltenen Becken floss mit leisem Hinweis auf die wasserspendende Vulvamuschel. (Vergleiche auch Nymphae = Labia minora, Wasserlefzen, aus denen der Wasserstrahl, Urin, hervorschießt. (Aigremont S. 39) Aigremont erzählt auch von den festlichen Thesmophorien der Göttin Demeter im bereits patriarchalisierten Griechenland, bei denen man riesenhafte Phallen und ein Kolossalbild jener rosigen Kammmuschel; eine äußerst naturalistische Abbildung der Vulva, dem Mysterienzuge voran trug. Sie ist das Bild der göttlichen Vulva, der göttlichen Fruchtbarkeit der großen Weberin Demeter, die sich auf dreimal geackertem Brachfeld ihrem Liebling Jasion in Liebe vereinte… Nach den Griechen nennt auch der Lateiner die Kammmuschel, – die Spezielle ist die Pecten Jacobaeus, Jakobsmuschel – die auch bei ihm ein ausgesprochenes Symbol der Vulva war, wird durch die römische Plastik [und Malerei] hinreichend belegt. (s. auch die Bedeutung der Kammmuschel auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela http://www.doriswolf.com/wp/?page_id=3859)
Die Muschel als Symbol der Vulva, des Schosses und der Fruchtbarkeit repräsentierte in Griechenland die Magna Mater, die Große Erdmutter Demeter, »Symbol hellenischer Weiblichkeit gegenüber dem Männertum, dem Phalluskult. Etwa um 450 v.Chr. tritt diese Entwicklung deutlich hervor, die dann im Laufe der Jahrhunderte bis in die christliche Zeit hinein anschwillt. Die Kirchenväter, z.B. Clemens von Alexandria, greifen diese Symbolik, wie auch die Demetermysterien als zügellos auf und benutzen sie als Gründe gegen das Heidentum« (Aigremont S. 37). Erstaunlicherweise usurpiert die frauen- und sexualfeindliche christliche Kirche ausgerechnet die Kammmuschel, dieses Symbol der ›Zügellosigkeit‹ für sich und wandelt es zu einem Symbol von heiligen Männern. Dazu erfindet sie Legenden, wie jene von der Begegnung des hl. Augustinus mit einem Kind, das versuchte, mit einer Muschel das ganze Meer in ein Loch im Sand zu füllen. Die Unmöglichkeit dieses Unterfangens soll er als Metapher dafür gedeutet haben, dass wir unfähig seien Gott zu erkennen. Eine andere Legende ist die vom hl. Jakobus (spanisch San Tiago, Santiago), der schon fast wie Aphrodite dem Meer entstieg. Man(n) gibt der weiblichen Kammmuschel den Namen ›Jakobsmuschel‹. Ohne es zu ahnen, pilgern die Christen nach Santiago zum vor-christlichen Pilgerort der ›heidnischen‹, dreifachen keltischen Göttin Brigid; so wie die Muslime nicht mehr wissen, dass sie eigentlich, zur vor-islamischen Göttinnen-Trinität Al Lat, Al Uzza und Manat nach Mekka pilgern. Der heilige Ort ihrer Verehrung ist mit einer meterhohen – an der Kaaba angebrachten Silber-Vulva – verziert, die jeder Muslim berühren möchte. Die Silber-Vulva wurde zur ›Hand Gottes‹ umbenannt. Das ist interessant, denn der Ausdruck stammt ursprünglich aus Ägypten. Die ›Gottesgemahlin‹ wurde ›Gotteshand‹ genannt, »eine Bezeichnung, in der auf die durch Masturbation vollzogene Selbstzeugung des Schöpfergottes angespielt wird. Die Königin oder Prinzessin als ›Gotteshand‹ übernimmt es, im Kultvollzug den Gott zufriedenzustellen und damit den Weltlauf in guter Ordnung zu halten.« (Nofret – Die Schöne 1984, S. 52) Der Gipfel der pharaonischen Dekadenz und nicht weniger abstossend ist, dass sich »in der Regel Königstöchter als Gottesgemahlinnen des Amun zu lebenslänglicher Jungfräulichkeit verpflichten, um nur [dem königlichen Gott als ›Gotteshand‹ bzw. als seine Masturbatorinnen] zu dienen« (ibd. S. 53).
Doch kommen wir noch einmal zurück zur Muschel. Das Unglaublichste ist doch wohl, dass die Muschel – dieses Symbol  weiblicher ›Unersättlichkeit‹ – ausgerechnet zu einem der bedeutungsvollsten Symbole der christlichen Kirche in Rom wurde. Aigremont schreibt (S. 39):

Die Muschel ist am besten vertreten »durch das Votivrelief des Vatikans«.

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Das von Joseph Ratzinger gewählte Wappen mit der zweischaligen Kammmuschel

Ausgerechnet die weibliche Kammmuschel, Symbol der Göttin, des Schosses und der Vulva, wird von Joseph Ratzinger als er zum Papst gewählt wurde, in sein Wappen, einem kelchförmigen (ein ebenfalls weibliches Symbol!) Schild aufgenommen; bestens platziert und erhöht im Zentrum: Eine goldene Kammmuschel.
Eine interessante Rolle spielt beim Klerus auch die Farbe Purpur, einem Produkt der Purpurschnecke: Bei der Nahrungssuche ist die Ähnlichkeit der herausgestreckten roten Zunge dieser Schnecke mit der Vulva nicht zu übersehen. Purpur war in vorpatriarchaler Zeit die Farbe der Kleidung der Priesterinnen der Großen Göttin. Heute kleiden sich die hohen katholischen Kleriker bei festlichen Gelegenheiten in Purpur. Ihre Roben aus edelsten Brokat-Seiden-Stoffen lassen sie sich bei der römischen Haute-Couture-Branche schneidern. Zur Ausstattung der eitlen Herren gehört das purpurrote Kardinalsbirett, sowie purpurrote, mit Goldstickerei verzierte Handschuhe und lächerliche purpurrote Söckchen und rote Schuhe von Prada. Es geht auch anders, weniger eitel, weniger prunksüchtig, weniger prahlerisch, weniger pompös. Der Dalai Lama und der neue Papst, der bescheidene Franziskus machen es vor!

Der Kamm, ein weibliches Symbol der Sexualität

Der Kamm, dem die Kammmuschel ja ihren Namen verdankt, ist, wie wir sehen, in den alten Kulturen ein außerordentlich wichtiges weibliches Symbol für Erotik, Liebe, Wollust, Sexualität und Fruchtbarkeit. Bereits aus der ur- und frühgeschichtlichen Zeit Ägyptens wurden Kämme aus Elfenbein, Knochen, Holz, Stein, einmal auch aus Schildpatt (ein Produkt aus den Rückenpanzern von Meeresschildkröten) unter den Grabbeigaben gefunden (Müller, LÄ, III, S. 305 f.). Grabbeigaben haben immer eine bedeutungsvolle Symbolik und stehen – wo sie noch nicht patriarchal usurpiert und umgedeutet wurden – in Zusammenhang mit der Religion der Göttin.
In einem riesigen, ausgeraubten Grab im ägyptischen Abydos, das unglaublich wertvolle Grabbeigaben enthalten haben muss, wurde unter den spärlichen, von den Grabräubern übersehenen Gegenständen, ein fein dekorierter Kamm, kostbarer Schmuck, ein Haarzopf und Toilettenartikel einer Frau gefunden. Trotzdem wurde das Grab einem ›König Schlange‹ zugeschrieben. Wobei die Schlange und die schlangenförmige Spirale immer weiblich sind. Immerhin gibt es Zweifel an der Zuschreibung des Grabes an einen männlichen König. Man gibt Unsicherheiten zu; es sei nicht bekannt, wem dieses Grab gehörte, auch nicht der Grund für seinen ungewöhnlichen Standort (Toby Wilkinson 1999, S. 74). Und Wilkinson bemerkt nebenbei, leider ohne Quellenangabe, Siegel dieses Königs mit dem Namen Wadjet/Djet führten zu der Vermutung, dass es für »Djets Königin« erbaut wurde. Eine andere Erklärung sei, es könnte Djets Mutter gehören (1999, S. 73). Auch könne die Nischen-Mastaba von Gizeh ein verschwenderisches Begräbnis für die Mutter des Königs gewesen sein. Alles andere – nur nicht das Grab einer KönigIN!

kamm der königin schlange

Kamm der Königin Schlange

Der Elfenbein-Kamm aus einem Grab in Abydos, das einem ›König Schlange‹, Wadjet, zugeschrieben wird. (Ashmolean Museum, Foto Werner Forman) Im Serekh, der Palastmauer, die Kobragöttin Ua-Zet/Wadjet/Djet (griechisch Isis. (s. ›Der Irrtum mit Wadjets Grabstele

Beachtenswert ist, dass die vielen ›Übersetzungen‹ der Hieroglyphenzeichen für Schlange die weibliche T-Endung haben: Wadjet/Djet/Zet/Ua-Zet/Ua-Set/I-Zet/I-Set alles Transkriptionen des Namens der Großen Göttin ISIS sind. Erstaunlich, dass bis heute niemand auf die Idee gekommen sein will, dass es sich um Grabbeigaben einer Priester-Königin der Göttin Isis handelte, deren Name auf Siegeln, Steingefäßen, Holz- und Elfenbeintäfelchen gefunden wurde. (s. D. Wolf 2009, S. 193)
Eine der Bezeichnungen für einen Webkamm ist ›Meryt‹ oder ›Merit‹. Der Name ist aber auch die Bezeichnung für eine Priesterin. So scheint die Königin Merit-Neith die Hohepriesterin der Göttin Neith und ihre irdische Stellvertreterin gewesen zu sein. Der ›Webkamm‹, Merit/Meryt, aus dem Grab der Königin Wadjet/Zet weist sie auch als Vorsteherin der Weberinnen aus und als Vertretung der ›Großen Weberin‹, der Göttin, die das Schicksal der Menschen webt. »Der Kamm«, schreibt Aigremont, »gilt überhaupt als Symbol des Weibes, der großen weiblichen Naturgottheit, der großen Weberin. Der Kamm ist der große Weberkamm, mit dessen Zähnen die Muttergöttin das große Gewebe der Natur schafft. (Aigremont ibd.)
Fügt man der Zuschreibung des Grabes an einen ›König Wadji‹ auch noch die Symbolik des Kammes hinzu, gibt es keinen Zweifel, dass Grab und Beigaben nicht einem Mann, sondern einer Frau gehörten, einer Königin mit dem Namen ›Schlange‹, einer Vertreterin der Schlangengöttin Wadjet/Ua-Set/I-Zet/I-Set/Isis. Schlangen symbolisierten Weisheit, Unsterblichkeit und Heil und und waren weiblich – was noch die späte Paradieslegende deutlich macht. Die Schlange des Heilens, die sich um den Äskulapstab windet, wurde auch bei den Griechen vermännlicht. Asklepios soll die Medizin, Chirurgie und Kräuterkunde beherrscht haben.
Mit der Patriarchalisierung wurden Schlangen, bzw. die Schlangengöttin verteufelt und zum mythologischen Drachen, hinter dem sich unschwer die Schlangengöttin erkennen lässt. Zum Beispiel im ägyptischen Apophis, dargestellt als riesige Schlange der vermännlichten und verteufelten Göttin I-Set (Isis). Apophis wird im patriarchalen Ägypten der elitären Priesterschaft Finsternis und Chaos zugeschrieben und wird zum großen Widersacher des patriarchalen Sonnengottes Ra/Re (s. D. Wolf ›I-Set wird Seth, wird Apophis, wird Typhon, wird Satan‹ 2009, S. 266)

Seth die vermännlichte und verteufelte Göttin I-Set (Isis) wurde zum personifizierten Bösen aller patriarchalen Religionen. Die Satanisierung der Göttin ist das niederträchtigste Werk patriarchaler Priesterschaften.

Die aggressive Usurpation und Perversion weiblicher Symbole im Patriarchat

»Wo der männliche Geist nicht fähig ist, eine rein abstrakte Welt – wie in der Mathematik – zu konstruieren, muss er die natürlichen Symbole benutzen, die dem Unbewussten entspringen. Das aber bringt ihn in einen Widerspruch mit dem natürlichen Charakter der Symbole, die er entstellt und pervertiert. Unnatürliche Symbole und eine Feindseligkeit gegenüber den natürlichen Symbolen – z.B. Eva, die aus Adam entnommen wird – sind charakteristisch für den patriarchalen Geist. Aber auch dieser Versuch der Umdeutung bleibt erfolglos, wie eine Analyse dieses Symbolismus zeigen könnte, denn der matriarchalische Charakter der natürlichen Symbole setzt sich immer wieder durch« (Erich Neumann ›Die Große Mutter‹)

Quelle: http://www.doriswolf.com

Gruß an die Entsetzten

TA KI