Sag nie wieder »Gutmensch«!


Warum dieses Wort dringend verschwinden muss, wie man Gut und Böse auseinanderhält, und wozu wir uns mit Russland streiten sollen / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

29.03.15

 Wie sorge ich dafür, dass eine Sache, die ich nicht hören will, auch keiner mehr sagt? Sprich: Wie setze ich ein Diskussionsverbot durch? Natürlich auf eine Weise, dass es niemand merkt, sonst fühlen sich die Leute ja bevormundet und kriegen mit, dass ich ihnen brutal über den Mund fahren will. Das macht sich nicht gut.

Also, wie fange ich es geschick­ter an? Nun, für alles, worüber man reden will, muss man ja erst mal einen Namen finden, einen Begriff. Damit die Leute nicht mehr darüber reden können, muss ich lediglich den Namen wieder aus der Welt schaffen.
Ist das wirklich so simpel? Oh ja, ein Beispiel: In den 90er Jahren haben wichtige Leute und ihre weniger wichtigen Hinterherläufer alles daran gesetzt, die Debatte über grassierenden Asylbetrug zu ersticken, die Deutschland damals ziemlich heftig durchgeschüttelt hat. Sie wollten, dass so viele Ausländer wie möglich ins Land kamen, daher musste das Gerede über den Betrug beendet werden.
Um das zu erreichen, erklärten sie das Wort „Asylbetrüger“ zum bösen Hetzbegriff von finsteren Ausländerhassern. Wer es zu benutzen wagte, war demnach als schlechter Mensch gekennzeichnet. Viele trauten sich da nicht mehr, über Asylbetrug und -betrüger zu sprechen. Die Aktion war ein Erfolg.
Ende vergangenen Jahres versuchten sie, den Erfolg mit der Vokabel „Lügenpresse“ zu wiederholen. Ein Komitee brandmarkte den Begriff als „Unwort des Jahres“.
Das ging leider ziemlich in die Hose. Durch die versuchte Brandmarkung hat der Vorwurf „Lügenpresse“ nämlich erst richtig Flügel bekommen und ist seitdem nicht mehr totzukriegen.
Trotzdem kann man es ja noch mal versuchen, dachte sich ein Journalist, und blies in einer großen Tageszeitung zum Sturm auf das Spottwort „Gutmensch“. Das liegt der linken Hälfte des politischen Spektrums schon seit Jahren wie Blei im Magen.
Um das ärgerliche Etikett ein für alle Mal loszuwerden, fährt der Schreiber gleich das ganz fette Geschütz auf und zetert: „Gutmensch sagen eigentlich nur noch Nazis und Idioten ohne sprachliches Feingefühl. Und manchmal – immer noch – Leute, die eine Klammer auf der Nase haben und von dem üblen Geruch nichts mitbekommen.“
Donnerwetter! „Nazi“, „Idiot“, „übler Geruch“ – da ist aber einer sauer! Nach langatmigen, ziemlich nichtssagenden Erörterungen über die Herkunft des geächteten Wortes und seine Verwendung in der Vergangenheit kommt er zum Schluss zu dem hammerharten Urteil: „Es ist völlig egal, ob die Nazis von früher das Wort erfunden haben. Entscheidend ist, dass die Nazis von heute sich den Begriff angeeignet haben.“ Klatsch!
Was bezeichnet „Gutmensch“ überhaupt? Ungeschickterweise bringt der Autor eine recht gute Erklärung von Harald Martenstein, der geschrieben habe: „Der Gutmensch glaubt, dass er, im Kampf für das, was er für das ,Gute‘ hält, von jeder zwischenmenschlichen Rücksicht und zivilisatorischen Regel entpflichtet ist.“
Mit anderen Worten: Der „Gutmensch“ ist einer, der Andersdenkende oder Leute, die anders reden als er, als „Nazis“, „Idioten“ oder Verbreiter „übler Gerüche“ diffamiert, weil er sich einbildet, für das Gute zu kämpfen und daher alles zu dürfen.
Wie Sie sehen, schießt der Autor des Kampfartikels gegen die Benennung von „Gutmenschen“ ein fulminantes Eigentor. Unbeabsichtigt demonstriert er darin, welche Sorte Mensch mit dem Wort zielgenau beschrieben wird: Die, zu der er selbst gehört.
Gutmenschen begegnen uns nicht allein in politischen Kämpfen, wo sie in ihrer unappetitlichsten Ausfertigung mit hassverzerrter Miene brüllend und prügelnd auf Polizisten und Andersdenkende losgehen. Es gibt sie auch im Alltag. Da sind beispielsweise die aggressiven Radfahrer: Weil sie glauben, mit ihrer Art der Fortbewegung die Welt zu retten, weil sie weder Strom noch Benzin verbrauchen, meinen sie, sich an keinerlei Regeln halten zu müssen. Wer das anders sieht und daraus kein Geheimnis macht, muss sich auf wüste Beschimpfungen gefasst machen. Habe ich selbst erlebt.
Gutmenschen sind geübte Heuchler, das zeigen sie uns sogar in der großen Weltpolitik. Mit eingeschränkter Erleichterung haben es unsere Staats- und Konzernmedien verkraftet, dass Marine Le Pens „rechtsextremer Front National“ beim ersten Durchlauf der französischen Kreiswahlen „nur“ so um die 25 Prozent erreicht hat.
Es sind dieselben Medien, die seit Anfang 2014 wie ein Mann hinter der „Majdan-Regierung“ der Ukraine stehen. Sie finden nichts dabei, dass dort Leute mit drinnen sitzen, die selbst ein strammer deutscher Rechts-ganz-außen-Erznationalkonservativer naserümpfend als „Nazis“ verurteilen würde. Tja, der „Gutmensch“ kann alles, darf alles, und ist daher auch für jede erdenkliche Heuchelei zu haben, ihr „Idioten“!
Dabei kann sich seine Position auch schon mal um 180 Grad drehen. Einst waren die deutschen Gutmenschen eher USA-kritisch. Heute marschieren die meisten von ihnen stramm unter dem Sternenbanner.
Was draußen in der Welt „gut“ ist und was „böse“, hängt daher im Wesentlichen davon ab, ob es den US-Interessen nützt. Für die Einsetzung der derzeitigen ukrainischen Regierung hat Washington bekanntlich mehrere Milliarden Dollar bezahlt. Daher muss die nun einfach zu den „Guten“ zählen, Nazis hin, „Rechter Sektor“ her.
Wozu Washington die Ukraine so dringend benötigt, hat George Friedman, Gründer und Chef der sehr einflussreichen US-Denkfabrik „Statfor“, Anfang Februar in Chicago vor erlauchter Runde kundgetan (siehe S. 8).
Nicht der islamische Terror oder iranische Raketen seien die größte Herausforderung für die Weltmachtstellung der USA, China erwähnt er gar nicht, sondern eine Annäherung zwischen Deutschland und Russland. Die zu verhindern sei schon seit 100 Jahren US-Politik.
Deutschland fanden die deutschen Gutmenschen schon immer übel. Ihrem Land in den Rücken zu treten war und ist ihnen eine moralische Pflicht. Egal, zu wessen Nutzen, diesmal eben zu dem der US-Weltmacht. So horchen sie seit Monaten die gesamte Bundesrepublik nach den verruchten „Putin-Verstehern“ ab. Das sind nämlich jene Burschen, welche eine Annäherung der beiden größten Völker Europas immer noch attraktiv finden. Deshalb ist ein deutscher „Putin-Versteher“ auch viel schlimmer als die braunen Bengel von Kiew.
Um Deutschland und Russland dauerhaft auseinanderzutreiben, baut Washington einen Sperr-Riegel zwischen die beiden von Finnland bis zum Schwarzen Meer, weshalb die Ukraine so wichtig ist und jeder Russenhasser dort ein Verbündeter, egal wie braun der sein möge.
Man stelle sich den Horror vor: Statt in die Falle von TTIP und Co. zu tappen, vereinbart Berlin mit Moskau ein umfangreiches Kooperations- und Handelsabkommen. Zu allem Überfluss womöglich bei einem weltweit beachteten Gipfeltreffen am Pregel anlässlich der Feierlichkeiten zur symbolträchtigen Rückbenennung der Stadt Königsberg!
Alles gut, alles schön, aber was bitte hat Madame Le Pen mit alldem zu tun? Sie will den Euro loswerden! Dann käme wohl die Mark zurück. Also ein Deutschland mit einer starken Währung, seiner starken Wirtschaft und befreit von den Mühlsteinen gescheiterter Staaten wie Griechenland. Ein Deutschland, das seine Außenpolitik zudem ganz neu ordnen müsste und dabei seinen natürlichen Partner Russland wiederentdecken könnte.
Entsetzlich! Eine Gefahr für die imperialen Interessen der U …, nein, es muss natürlich heißen: für Freiheit und Demokratie in der Welt. Da weiß jeder Gutmensch sofort, was er zu bellen hat: Die „Putin-Versteher“ sind die neuen Nazis.

Quelle: http://www.preussische-allgemeine.de/nachrichten/artikel/sag-nie-wieder-gutmensch.html

Gruß an die guten Menschen

TA KI