Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 10


Wolfszeit

Von Tor Åge Bringsværd

ve und villi

Seit es die Welt gibt, hetzen Tag und Nacht zwei Wölfe über den Himmel. Der eine jagt hinter dem Sonnenwagen her, der andere schnappt nach dem Mond. Sie knurren und geifern mit blutunterlaufenen Augen und ihrem Ziel kommen sie immer näher.
In Mitgard verdorrt das Gras auf der Wiese. Nachtfrost sucht Äcker und Felder heim, und ständig bläst ein kalter Wind. Die Wolken treiben wie Rauch über die Baumwipfel. Ab und zu dunkelt es mitten am Tag.
In Asgard geht der blinde Hod umher und wartet auf seine Stunde. Er weiß, dass er sterben muss, denn es war seine Hand, die den Pfeil abschoss, den Baldur getötet hat; und er weiß, was alle Asen sich geschworen haben: Ein solcher Tod muss gesühnt werden, auch wenn es kein Mord war. Denn nie hat Hod seinem Bruder etwas Böses antun wollen. Doch was geschehen ist, kann niemand ungeschehen machen.
Die andern Asen gehen ihm aus dem Weg. Sie denken: Wer von uns wird der Rächer sein? Keiner will der Henker seines Bruders sein und das Richtschwert gegen ihn führen. Aber Sühne muss sein.

 

Ein alter Mann reitet durch den Nachtschwarzen Wald. Er spricht laut vor sich hin. Er ballt die Faust gegen den Sturm. Er hört die beiden Wölfe heulen und klagt über sein Schicksal. Es ist Odin. Wirre Gedanken gehen ihm durch den Kopf. Keiner unter den Lebenden kann ihm raten, was er tun soll, und die Nornen lächeln nur, wenn er sie fragt, und schweigen. Nun will er die Toten um Hilfe bitten. Er reitet in den hohen Norden, auf der Suche nach einem Grab.
Dort liegt die klügste aller Wahrsagerinnen tief unter der Erde. Es ist die Volve, die einst so viele Geheimnisse kannte. Nun braucht Odin sie; denn sie ist die einzige, die ihm helfen kann. Auf einem Hügel lässt er sich nieder und singt. Es sind Zauberlieder, die so stark sind, dass sie die Toten zum Leben erwecken können. Leise und vorsichtig hebt sein Gesang an, dann wird er lauter und fordernder, so lange bis der Torfboden sich öffnet und die kalte Erde Risse zeigt.
Ein Häufchen Lumpen steigt aus dem Grab. Es ist die Tote, die er aufgeweckt hat. „Wer ist es, der meine Ruhe stört?“ fragt sie. „Wer zwingt mich, mein Grab zu verlassen?“ – „Ich bin es, und Wegtam werde ich genannt“, antwortet Odin. Er lügt. Die Volve blickt auf ihre wurmzerfressenen Hände und sagt: „Siehst du nicht, wie kalt ich bin und bis aufs Mark vom Schnee durchnässt? Ich bin schon lange tot. Lass mich in Ruhe!“
Aber Odin will von ihr wissen, was mit Hod geschehen soll, der Baldur umgebracht hat. Wie soll dieser Tod gesühnt werden, und wer soll die Rache auf sich nehmen? Am liebsten riefe er laut: Es sind doch beide meine Söhne! Wie soll ich es übers Herz bringen, mein eigen Fleisch und Blut zu töten? Aber er hält an sich, er spricht kalt und gefasst mit der Wahrsagerin. Er will ihr nicht verraten, mit wem sie es zu tun hat.
Endlich antwortet die Volve ihm. Sie spricht wie im Schlaf. „Ich sehe vor mir eine Frau“, murmelt sie.
„Weit im Osten wohnt eine Frau, die Rinde heißt. Und ich sehe, wie Odin sich auf den Weg macht, um sie zu suchen; denn sie wird ihm einen Sohn gebären. Er soll den Namen Wole tragen, und nie soll er sich waschen und kämmen, ehe er den, der an Baldurs Tod schuld ist, auf den Scheiterhaufen gebracht hat. Und es soll keine Nacht vergehen nach seiner Geburt, bevor er vollbracht hat, was ihm auferlegt ist. Und ich sehe….
„Sprich“, ruft Odin. „Ich will alles hören, was mir bevorsteht.“ Aber die Volve zuckt zusammen, als ob sie sich verbrannt hätte. „Du bist nicht der, für den du dich ausgibst!“ heult sie. „Du bist Odin!“ Langsam sinkt sie in ihr Grab zurück. „Und du“, ruft Odin ihr nach, „du bist nur ein Schatten unter Schatten.“ – „Reite nach Hause“, hört er sie schwach unter der Erde murmeln. „Reite und kehre nicht wieder, ehe der Fenriswolf sich befreit hat und alle dunklen Mächte erwacht sind!“

 

Odin aber macht sich auf den Weg nach Osten, um Rinde zu suchen. Jeden, der ihm begegnet, fragt er nach dieser Frau, aber keiner hat je ihren Namen gehört, bis er ins Land der Finnen kommt, dorthin, wo sie die Rinde der Bäume essen, und sich von großen Tieren über den Schnee ziehen lassen, die den Elchen und den Hirschen ähnlich sind. Überall fragt er nach Rinde. „Es ist wichtig! Es duldet keinen Aufschub“, sagt er, und endlich trifft er einen Alten, der ihm helfen kann. Der weiß zu berichten, dass Rinde die Tochter des Königs von Russland ist.
Da zieht Odin weiter in die Tiefen des Ostens. In Russland nimmt er die Gestalt eines Kriegers an, der am Hof des Königs Dienst sucht. Er wird angenommen, und bald zeigt sich, wozu er imstande ist; denn im Krieg führt er so unerhörte Heldentaten aus, dass der König ihn zu seinem Ratgeber und Vertrauten macht. Einmal schlägt er ganz allein ein feindliches Heer in die Flucht, und als er von diesem Feldzug heimkehrt und den Fürsten um die Hand seiner Tochter bittet, willigt der, ohne sich lange zu besinnen, ein.
Als er aber in Rindes Gemach tritt, versetzt die Königstochter dem Freier eine schallende Ohrfeige und schickt ihn fort. Was bleibt Odin anderes übrig, als den Rückzug anzutreten. Aber er gibt nicht so schnell auf, und nach einiger Zeit erscheint er wieder. Diesmal hat er sich als Schmied verkleidet. Die feinsten Arbeiten aus Gold und Silber legt er Rinde vor, und sie nimmt freudig das kostbare Armband entgegen, das er ihr schenkt. Doch als der Schmied sie um einen Kuss als Lohn für seine Künste bittet, schlägt sie ihm mit der Faust ins Gesicht, und er holt sich eine blutige Nase. „Fort mit Schaden“, ruft sie ihm nach. „Du bist mir zu alt. Ich kann dich nicht leiden!“
Beim dritten Mal versucht es Odin mit der Reitkunst. Niemand kann ein Pferd dazu bringen, höher zu springen, und so gewinnt der fremde Ritter alle Wettkämpfe. Nach seinem Sieg raubt Odin der Prinzessin einen Kuss, doch sie versetzt ihm einen so heftigen Stoß, dass er kopfüber von seinem Ross stürzt.
Nun aber tobt Odin vor Zorn und Begierde nach Rinde. Er lässt alle Scham fahren und greift zu einer List.
In Frauenkleidern verdingt er sich als Magd im Schloss. Dort muss er den Fußboden scheuern und Brei kochen, die Kleider flicken und die Wäsche waschen. Tag und Nacht geht er der Prinzessin zur Hand, und so pünktlich verrichtet er seine Arbeit, dass er ihr Vertrauen gewinnt. Nun darf er ihr jeden Abend die Füße waschen. Wenn er über ihre Schenkel streicht, muss er sein Verlangen im Zaume halten; Aber er weiß, dass es gilt, geduldig auf seine Stunde zu warten. Er sorgt dafür, dass sich im Schloss ein Gerücht verbreitet. Rindes Magd, flüstert man sich zu, verstehe sich wie keine andere auf die Heilkunst.
Eines Tages wird die Prinzessin krank, und wen anders, als die treue Magd soll sie um Rat fragen? Sie leidet an einer seltenen und geheimnisvollen Krankheit. Niemand ahnt, dass ein Stück Baumborke daran schuld ist, in das ein paar Zauberverse eingeritzt sind, in so winziger Schrift, dass kaum jemand sie bemerken kann; und Rinde weiß nicht, dass es Odin war, der sie mit diesen Runen verhext sind.
Die Krankheit macht Rinde schwindlig und verwirrt. Jeden Tag wird sie schwächer. Da geht Odin zum König. „Sie wird sterben“, sagt er, „wenn ich ihr nicht meinen Zaubertrunk einflöße. Der aber ist so bitter, dass sie ihn nicht trinken will. Wir müssen sie fesseln, damit sie ihn einnimmt.“ – „So soll es geschehen“, befiehlt der König. „Es darf aber niemand außer mir dabei sein, wenn sie ihn trinkt, sonst wirkt das Mittel nicht.“ Der König ist einverstanden. Er ahnt keine Gefahr; denn er glaubt, dass Odin eine Frau ist
Nun ist Odins Stunde gekommen. Die Prinzessin ist schwach und wehrlos, und er kann tun, wonach ihn gelüstet. Ein paar Wochen vergehen. Rinde ist gesundet, doch bald wird offenbar, dass sie ein Kind erwartet. Aber da hat sich Odin längst aus dem Staub gemacht.
Zu Fuß hat er sich aus dem Königshof geschlichen. Denn er war ohne Sleipnir gekommen. Ein achtbeiniges Pferd hätte zuviel Aufsehen erregt und verraten, wer der fremde Gast in Wahrheit war. Deshalb ließ Odin sein Ross in der weiten russischen Steppe bei den Wildpferden zurück.

 

Ein Pfiff aus seinem Mund, und laut vor Freude wiehernd kommt Sleipnir ihm entgegen. Odin hat es eilig. Viel zu lange war er unterwegs. Nun wählt er den raschesten Heimweg. Aber der führt durch den Eisenwald, der weit im Osten liegt. Die meisten meiden ihn. Selbst die Tiere und die Vögel trauen ihm nicht, denn dort draußen hausen gefährliche Trolle. Doch Odin lenkt sein Pferd geradewegs auf die düsteren Hügel zu, wo ein kalter Wind herrscht.
Dort sind die Bäume und die Sträucher aus Eisen, und der Boden ist rot von Rost. Nur ein heiseres Gebell und ein wütendes Geheul bricht die Stille. Eine gewaltige Riesin lebt hier, die immerfort Söhne und Töchter in Wolfsgestalt gebiert. Bei jedem Wurf wird es kälter auf der Welt. Auch die beiden Untiere, die mit triefenden Lefzen über den Himmel fahren und hinter Sonne und Mond herjagen, haben eins an ihren Brüsten gelegen.
In diesem Wald schlägt Odin sein Lager für die Nacht auf. Bevor er zur Ruhe geht, ritzt er ringsum Runen in die Erde, starke Zeichen, die das Grauen von ihm fernhalten sollen. Dennoch findet er noch Sleipnir Schlaf. Sie frieren beide. Die ganze Nacht hindurch raschelt es und flüstert es im Eisenwald, und im Dunkel leuchten gelbe, gierige Augen auf.
Odin denkt an Rinde und an all die andern Frauen, die er gelockt und betrogen hat. Auch Frigga, die es so lange bei ihm ausgehalten hat, will ihm nicht aus dem Sinn. Aber diesmal, denkt er, war es etwas anderes. „Diesmal blieb mir nichts anderes übrig!“ murmelt er vor sich hin. „Der Wahrspruch musste in Erfüllung gehen. Ich hatte keine Wahl. Glaub mir, Frigga, es hat mir keine Freude gemacht.“ Doch er hat das Gefühl, dass der Wind ihn auslacht. „Stell dich nicht so an“, zischen tausend Wolfsstimmen. „Du bist um kein Haar besser als wir!“
Der Götterkönig ballt die Fäuste in der Dunkelheit. Aber im tiefsten Innern weiß er: Keiner hat nur einen einzigen Grund für das, was er tut. Wie oft ist er nach Utgard gereist, um seine Klugheit mit den besten Köpfen zu messen! Mit Rätseln und Wortspielen hat er um den Sieg gekämpft. Und manchmal hat er dabei um das eigene Leben gewettet. Derjenige, der keine Worte mehr fand, sollte sterben. Zu solchen heimlichen Begegnungen kam er zuweilen verkleidet, unter einem fremden Namen. War es wirklich nur sein Wissensdurst, der ihn trieb? Frohlockte er nicht jedes Mal, wenn er seinem Widersacher eine Falle stellte und ihn mit List und Tücke überwand?
Der scharfe Wind trägt ihm Stimmen zu, die ihn in Versuchung führen. Sie quälen und verletzen ihn, aber zugleich versuchen sie ihm zu schmeicheln. Wie schnurrende Katzen schmiegen sie sich um seine Gedanken. „Du wünschst dir Macht und Überlegenheit. Daran ist doch nichts Ehrenrühriges!“ knurren die Wölfe. „Nur wer stark ist, hat die Freiheit, zu tun und zu lassen, was er will. Komm mit uns! Werde ein Wolf! Schließ dich dem Rudel an!“ Odin hält sich beide Ohren zu, aber die Worte rinnen wie Wasser durch die Finger. „Denk daran, dass auch du vom Stamm der Riesen bist! „flüstert eine Stimme in seinem Kopf.
Die ganze Nacht hindurch kämpft er mit den Lockungen der Wölfe. Sobald der Morgen graut, reitet er weiter. Gegen Mittag lässt er den Eisenwald hinter sich und spürt die Sonne wieder im Gesicht. Es ist ein heiterer Tag, und Odin lebt. Noch am selben Abend reitet er über die Regenbogenbrücke in die Götterburg. Die Asen scharen sich um ihn. Lange waren sie ohne ihren Häuptling. Lange hat Frigga auf ihn gewartet. Doch sie fragt nicht nach, wo er war und was er getan hat. Wortlos nimmt sie ihn in die Arme. Dann richtet sie das Bad für ihn. Dort sitzen sie und schütten Wasser über die glühenden Steine, reiben einander mit Eschenlauge ein und schlagen sich mit Birkenreisern.
Später gehen sie Hand in Hand zum Abendessen. Die Asen setzen sich an die reich gedeckten Tische. Auf dem Dach steht wie immer, die Ziege Heidrun, deren Zitzen voll von Met sind. Sobald ein Krug geleert ist, braucht nur einer zu ihr hinaufzusteigen, um ihn wieder zu füllen. An den Wänden leuchten große Fackeln. Die Asen lachen, essen und trinken nach Herzenslust. Nur einer fehlt. Der blinde Hod bleibt Tag und Nacht für sich und lässt den Kopf hängen. Keiner geht mehr zu ihm, um ihn zu trösten.
Mitten im Mahl erhebt sich Odin und sucht ihn in seiner Kammer auf. „Hast du getan, wozu du aufgebrochen bist?“ fragt ihn der Blinde und greift nach seinen Händen. „Es ist geschehen, was Not getan hat“, antwortet Odin. Vater und Sohn sitzen sich schweigend gegenüber. Endlich fragt Hod: „Wird mein Warten noch lange dauern?“ Da spürt Odin, wie ihm die Augen tränen. „Nein“, sagt er, „bald ist es soweit.“
In dieser Nacht hat Odin einen merkwürdigen Traum. Er träumt von den Menschen, und sie tun ihm leid. Ihr Leben geht so schnell vorbei, und sie wissen fast nie, was sie tun und lassen sollen. Wie erschrockene Küken taumeln sie hin und her. Er träumt, dass er sich mitten unter ihnen niederlässt und versucht, sie um sich zu sammeln. „Ich will euch lehren, wie ihr leben müsst“, sagt er. Aber da hört er, wie jemand hinter seinem Rücken lacht, und die verstörten Menschen stieben piepsend auseinander.
Es ist Loki, der hinter ihm steht und lacht. „Du willst andere lehren?“ kichert er und schlägt einen Purzelbaum im Gras. „Ausgerechnet du?“ Davon erwacht Odin. Doch Lokis Gelächter will ihm nicht aus dem Kopf gehen. Lange liegt er mit offenen Augen da und denkt nach. Neben ihm liegt Frigga, und er lauscht ihrem leichten, sorglosen Atem.

 

3 nornen

Wenn Odin auf seinem Thron sitzt, kann er die ganze Welt überblicken. Sein Augenmerk gilt besonders seinen Kindern und Kindeskindern. Denn er hat viele Nachkommen unter den Menschen in Mitgard. Selten ist er zufrieden mit dem, was er dort sieht.
Diesmal fällt sein Blick auf einen seiner Urenkel, der Froda heißt und in Dänemark König geworden ist. Früher sahen alle zu ihm auf, denn er war streng, aber gerecht. Doch in letzter Zeit ist er hochmütig und habsüchtig geworden wie die meisten Mächtigen unter den Menschen.
Es hat damit angefangen, dass ein Mann namens Hängmaul an seinen Hof gekommen ist. Er hat ein wunderliches Geschenk mitgebracht: eine riesige Handmühle. „Oh“, sagte er mit einem schlauen Lächeln, „glaub nur nicht, dass das eine gewöhnliche Mühle ist! Mit ihr hat es eine besondere Bewandtnis. Sie kann alles herbei malen, was du dir nur wünschst. Verlangst du Gold und Silber von ihr, so genügt ein Wort, und sie bringt es hervor.“
Das gefiel dem König, doch bald zeigte sich, dass er sich zu früh gefreut hatte. Denn die Mühlsteine, die dazugehörten, waren so groß und so schwer, dass es kein Gespann in ganz Dänemark gab, das stark genug gewesen wäre, die Mühle herbeizuschaffen.
Das ärgerte den König über alle Maßen. Wo blieb nun das versprochene Gold? Musste er nicht das Gespött der Leute fürchten, die von seinem künftigen Reichtum gehört hatten? Am Ende lag sogar Hängmaul irgendwo auf der Lauer und lachte sich ins Fäustchen.
Da fuhr Frode zum Schwedenkönig nach Uppsala, um Hilfe zu holen. Er wusste wohl, dass der ein paar starke Riesenweiber in seinen Dienst genommen hatte. Zwei von diesen Leibeigenen kaufte er dem Schweden ab und nahm sie mit nach Hause. Nun mussten sie ihm die schwere Mühle samt den Mahlsteinen herbeischleppen, und kaum stand sie auf dem Hof, da befahl er ihnen, sie in Gang zu setzen. Erst mussten sie ihm Gold und Reichtum herbei malen. Dann verlangter er Glück und Erfolg, soviel die Mühle hergab.
Nun plagen sich die beiden Riesenmägde Tag und Nacht ab, aber Frode ist ein Nimmersatt. Er gibt ihnen nichts zu essen. Kaum dass er ihnen eine Viertelstunde Ruhe gönnt, um zu schlafen. Das geht so lange, bis die Riesentöchter die Geduld verlieren. Sie fordern die Mühle auf, anstatt Gold und Silber nun ein gewaltiges Heer von Kriegern herbeizumahlen, das König Frode das Fürchten lehren soll.
Noch am selben Abend kommt diese Streitmacht über das Meer, angeführt von einem Seekönig, der Mysing heißt und Frode erschlägt.
Doch die Riesentöchter täuschen sich, wenn sie glauben, nun hätte ihre Fron ein Ende. Denn nun lässt Mysing sie in Fesseln schlagen, und befiehlt, dass sie samt der Zaubermühle an Bord seines Schiffes gebracht werden. Bald zeigt sich, dass er um kein Haar besser ist als der Dänenkönig. „Mahlt mir Salz“, brüllt er, und die beiden müssen wie zuvor die schwere Mühle antreiben. Um die Mitternacht fragen sie, ob es nicht bald genug ist, aber der Seekönig schüttelt den Kopf und schreit: „Mehr! Ich brauche Salz, immer mehr Salz“ Bald ist das ganze Deck weiß von Salz. Nun haben die Trolltöchter es satt, geplagt zu werden. Sie lassen die Mühle immer weiter mahlen, bis die Ladung so schwer wird, dass das Schiff kentert und mit Mann und Maus im Meer versinkt.
Von dieser Nacht an schmeckt das Meer salzig. Und dort, wo Mysings Schiff untergegangen ist, mahlt die große Mühle bis auf den heutigen Tag und wirbelt die See auf. An dieser Stelle schäumt und braust der Maelstrom.

 

Das alles hat Odin von seinem Thron gesehen. Doch als er den Asen davon erzählt, lachen sie nur, als wäre es ein Märchen. „Was scheren dich die Menschen“, sagen sie, doch Odin schüttelt den Kopf. „Es ist zuviel Falschheit unter ihnen“, sagt er, „zuviel Gier und zuviel Bosheit.“ – „Ach, lieber Milchbruder“, lächelt Loki und schlägt ihm auf die Schulter. „Immer musst du alles schwarz sehen. Du übertreibst!“ Aber Odin schenkt ihm keinen Blick. Vielleicht wissen sie es nicht besser, denkt er. Vielleicht hat ihnen niemand gesagt, wie man leben soll? Er zieht die Kappe ins Gesicht und geht auf den Hofplatz. Ein kalter Wind weht ihm entgegen.
Die Tage sind kurz geworden. Der Wind kommt aus dem Norden. Odin weiß, dass auf einem Eisberg am Ende der Welt ein riesiger Vogel sitzt und mit den Flügeln schlägt. Es ist ein Riese, der das Flügelkleid eines Raubvogels trägt. Jedes Mal, wenn er seine Schwingen regt, erhebt sich ein Sturm. Odin geht trotzig dem eisigen Hauch entgegen. Hinter ihm öffnet sich einen Spalt weit eine Tür, und eine hohe Stimme ruft ihm nach: „Keiner kann sein Wesen ändern. Jeder bleibt, was er ist.“ Es ist Loki, der ihm das einreden will. „Was erwartest du von den Menschen? Sollen sie besser sein als wir? Glaub mir, Milchbruder, wir sind ihnen ähnlicher, als du meinst.“ Aber Odin hört nicht auf ihn. Er will nichts mehr von Loki wissen.
Den ganzen Winter hindurch zieht er sich zurück. Er will die dunklen Tage nützen, um den Menschen ein paar Lebensregeln zu geben. Er möchte sie Freundlichkeit und Gastfreiheit lehren und ihnen beibringen wie sie der Arglist und der Falschheit begegnen sollen. Auch will er, dass sie einsehen, wie leicht es ist, einen Fehltritt zu tun, den nichts wieder gutmachen kann.
Die andern Götter wissen nicht, was sie davon halten sollen. „Was verspricht er sich davon?“ fragen sie sich. „Für so etwas ist es längst zu spät. Die Menschen kann niemand mehr bessern.“ Odin aber lässt den Mut nicht sinken. Lange sitzt er am Feuer und grübelt, oder er steigt hoch in die Äste der Weltesche Yggdrasil und redet laut vor sich hin. Als der Winter endlich weicht und der Boden taut, sendet er seine Raben in alle Himmelsrichtungen hinaus. Sie sollen seine Regeln in ganz Mitgard verkünden.
Dies sind einige seiner Ratsprüche:

Du sollst dich nie deiner Tugenden rühmen.
Wer den Leuten klug und schweigsam kommt, geht selten fehl.
Auf das Wort dessen, der zuviel redet, ist kein Verlass.
Wer seine Zunge nicht im Zaum hält, kräht sich oft ins Unglück.
Sag, was nötig ist, oder schweige.
Solange du deinen Mund hältst, merkt niemand, dass du nichts weißt.
Wenn der Tor zu Gast ist, sitzt er und glotzt und murmelt vor sich hin. Kaum hat er den ersten Schluck genommen, beginnt er zu faseln.
Im Trinken halte Maß. Der Vogel des Vergessens kreist über dem Gelage. Je mehr du trinkst. desto rascher schwindet dein Verstand.
Das Vieh weiß, wann Zeit ist, von der Weide heimzukehren, aber der Törichte merkt nicht, wann er satt ist.
Auch den willkommenen Gast wird man leid, wenn er zu gehen vergisst.
Niemand wird dich schelten, wenn du zeitig zu Bett gehst.
Halte immer deine Waffen bereit, wenn du auf dem freien Platz bist, denn du kannst nicht wissen, wann du sie brauchst.
Der Mutlose denkt, wenn er den Kampf scheut, wird er ewig leben. Doch das Alter gibt auch dem keinen Frieden, den der Speer verschont hat.
Der Unkluge liegt immer wach und denkt an vieles. Wenn der Tag anbricht, ist er müde, und alles ist so wirr wie zuvor.
Der Gemeine sieht überall Gefahr, und den Geizigen graut vor jedem Geschenk.
Froh und freundlich soll ein jeder leben.
Das Vieh verendet, und die Freunde sterben. So stirbst auch du. Aber ein ehrenvolles Andenken kann dich überleben.
Guten Freunden sollst du Freude machen und lernen, für andre zu sorgen.
Nie sollst du es sein, der mit einer festen Freundschaft bricht. De Reue nagt an deinem Herzen, wenn du keinen hast, mit dem du deine Gedanken teilen kannst.
Hast du einen vertrauten Freund, so such ihn auf, so oft du kannst; denn das Unkraut wuchert schnell auf dem überwachsenen Pfad.
Sei Freund dem Freund und seinen Freunden. Doch nie sollst du dich mit des Freundes Feind befreunden.
Unter Ungetreuen flammt die Freundschaft fünf Tage lang auf wie ein Feuer, doch der sechste Tag löscht alles wieder aus.
Der Unkluge traut jedem Gutes zu, der ihm mit einem Lächeln begegnet. Er weiß nicht, dass hinter dem freundlichen Wort die Arglist lauert.
Merkst du, dass einer dir Böses antun will, so bring es ans Licht und gib deinem Feind keinen Frieden.
Einen so freigebigen Mann trag ich nie, dass er nicht selber beschenkt werden wollte.
Was die Alten sagen, darüber sollst du nie lachen, denn oft ist es gut und verständig.
Auf die frühe Saat ist kein Verlas. Auch deinem Sohn sollst du nicht zu früh vertrauen. Das Wetter herrscht über den Acker, und die Seele über den Sohn. In beiden kannst du dich täuschen.
Es kennt keiner den Tag, ehe die Sonne untergeht. Dein Schwert sollst du nicht loben, ehe du es gebraucht hast, das Eis nicht, bevor du das Ufer erreichst, das Bier erst, wenn es getrunken ist.
Früh aufstehen muss, wer Leben und Reichtum gewinnen will. Selten reißt der ruhende Wolf ein Lamm, selten wird dem Schlafenden der Sieg zuteil.
Dumm ist es, mit Dummen zu streiten. Verschwende keine drei Worte an nutzlosen Zwist. Der Kluge gibt nach, wo der Törichte zuschlägt.
Vertraust du dich einem andern an, so vergiss nicht: Was einer weiß, bleibt zweien nicht verborgen, und was drei wissen, wissen alle.
Sei klug genug, doch nicht allzu klug. Am leichtesten lebt, wer nur weiß, was ihm gut tut. Wer aber allzu gescheit ist, dessen Herz ist selten von Sorgen frei. Am fröhlichsten ist einer, der sein Schicksal nicht im Voraus kennt.
Niemand soll auf das Wort eines Mädchens bauen. Eine Frau ändert leicht ihren Sinn. Doch Wankelmut ist auch Männern nicht fremd. Keiner redet so falsch wie der Schönredner. Die nüchternsten Mädchen lassen sich durch süße Worte betören.
Willst du die Liebe einer Frau gewinnen, gib ihr Geschenke und schöne Worte und sage, wie schön du sie findest. Mit Schmeichelei haben schon viele gewonnen.
Eines anderen Frau sollst du nicht verlocken und heimlich zu deiner Freundin machen.
Ruhe nie im Schoß einer Trollfrau.
Keiner soll einen andern tadeln, wenn ihm zustößt, was so manchem widerfährt. Leicht macht sich auch der Klügste zum Narren, wenn die Liebe ihn überfällt.

Diese Ratschläge und viele andere gab Odin den Menschen. Weitererzählt und aufgeschrieben werden sie auf vielerlei Weise, aber ihr Sinn bleibt bestehen. Havamal werden sie genannt, und das heißt die Hohe Rede, weil sie aus dem Mund des Götterkönigs kommen.

 

Es sind wahrhaftig sonderbare Zeiten. Der Herbst war kein richtiger Herbst, der Winter kein richtiger Winter, und jetzt, wo der Frühling da ist, bleibt alles fahl und bleich.
Ein Schlitten fährt vor, von zwölf Rappen gezogen, mit einem Gefolge von allerhand Dienerschaft und geleitet von einer Kriegerschar aus Asgards eigener Reiterei.
Es ist Rinde, die in die Götterburg gekommen ist. Odin heißt sie willkommen. Er sieht ihr an, dass sie bald sein Kind zur Welt bringen wird. Doch sie ist unbeugsam wie eh und je. „Du hast mich holen lassen“, schnaubt sie. „Glaub nur nicht, dass ich aus freien Stücken gekommen bin.“ Noch am selben Abend fangen die Wehen an. Lange bevor der Morgen graut, hat sie einen Sohn geboren. Er ist groß und wohlgestalt, und im Nu kann er gehen und sprechen. Noch hat ihn die Mutter nicht gewaschen und gekämmt, da gibt Odin ihm ein Messer in die Faust und deutet auf Hod. Der Blinde steht ruhig da und wartet auf den Neugeborenen, der ihm entgegenstapft. Ohne ein Wort lässt er sich niederstechen.
„So ist es vorhergesagt, und so ist es geschehen“, spricht Odin und nimmt den Kleinen in den Arm. „Er ist mein Sohn! Er soll Wole heißen. Aus ihm wird einst ein mutiger Krieger und ein guter Bogenschütze werden. Hier in Asgard will ich ihm und seiner Mutter eine eigene Wohnstatt geben. Von heute an sollen sie beide als Asen gelten.“
Rinde aber reißt ihm das Kinde aus den Armen. „Was bist du für ein Mann?“ ruft sie wütend. „Was bist du für ein Vater?“ Sie fühlt, dass Odin sie und ihren Sohn missbraucht hat. Doch am Ende nimmt sie seinen Vorschlag an und bleibt bei den Göttern. Zeit ihres Lebens wird sie Russland nicht wiedersehen.
Auf diese Weise, mit List und Scharfsinn, hat Odin endlich Baldur gerächt. „Aber war es wirklich nötig, ein kleines Kind vorzuschicken?“ fragt Loki und spielt den Entsetzten. Doch weiß er so gut wie jeder andere, dass einer wie Wole vonnöten war, wenn die Blutrache ein Ende haben sollte. Er ist Odins Sohn und hat ein Recht auf Sühne. Doch was er tun muss, tut er, kaum dass er zur Welt gekommen ist, und das heißt, bevor er zählt, bevor er in die Schar der Asen aufgenommen worden ist, bevor die andern ihn als ihren Bruder anerkannt haben.
In dieser Nacht weint Odin um seinen Sohn Hod. In dieser Nacht muss Frigga ihn fest in ihre Arme schließen. Noch ist es lange bis zum Morgen.

 

Auf einer einsamen Insel weit draußen steht ein furchtbares Wesen angekettet, ein Untier mit Augen so groß wie Schilde und mit Zähnen so scharf wie lange Messer. Kaum dass der Wolf sich regen kann, so streng sind seine gewaltigen Tatzen gefesselt. Ein riesiges Schwert steckt mit der Spitze nach oben und dem Griff nach unten in seinem Rachen. Deshalb muss er immer seinen Schlund aufsperren, so weit es nur geht, so, dass ihm der Schleim wie ein Bach aus den Mundwinkeln rinnt.
Plötzlich stellt er die Ohren auf. Was ist das für ein Geräusch? Sind es Ruderschläge? Er reißt die großen, gelben Augen auf. Ein Mann kommt über die schwarze See gerudert und geht an Land. Der Wolf erkennt ihn wohl. Vorsichtig wedelt er mit dem Schwanz. „Vater“, röchelt er, „löse meine Fesseln! Binde mich los!“ Aber der Mann schüttelt den Kopf.
„Bald, mein Junge, bald“, sagt er. „Bald darfst du laufen, wohin du willst.“ – „Nein“, ächzt der Wolf. „Jetzt!“ Das Schwert in seinem Rachen zuckt. Das Zahnfleisch blutet. „Bald“, lächelt der Mann und krault das Untier hinter den Ohren. „Bald ist die Wolfszeit gekommen.“
Das Tier knurrt, aber der Mann lacht. Zusammen stehen die beiden unter den Sternen, der Fenriswolf und sein Vater Loki. Erst im Morgengrauen reitet er nach Haus.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an die Geschichtenliebhaber

TA KI

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Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 5


Der Donnergott

Nach Odin ist Thor der mächtigste unter den Göttern. Wenn er mit seinen Böcken über den Himmel fährt, dann bebt die Erde, und die Berge erzittern. Thor ist der Gott des Donners. Aber er ist auch der Beschützer der Menschen. Er hilft ihnen, wenn ihnen die Riesen drohen. In der Stunde der Gefahr wenden sich die Menschen an Thor.
Es sind aber nicht nur die fremden Ungeheuer, mit denen Mitgard zu kämpfen hat. Mit den langen Jahren des Friedens und des Vertrauens unter den Menschen ist es nämlich vorbei. Ein neues Geschlecht ist, wie Odin es wollte, herangewachsen; stärker und ausdauernder als seine Vorfahren, aber auch gnadenloser und gefährlicher. Jetzt weiß Thor nicht mehr, wem er trauen und an wen er sich halten soll, Denn jetzt kämpfen Menschen gegen Menschen; die Kinder nehmen es mit den Eltern auf, und Brüder stechen auf Brüder mit dem Messer ein.

midgardschlange

Eine wilde und kriegerische Zeit ist angebrochen. Die Leute haben sich voneinander abgewandt. Jeder zieht eine Grenze zwischen sich und andern. Alle versuchen, soviel Hab und Gut wie möglich an sich zu raffen. In kleinen und großen Banden ziehen sie in Mitgard umher und schlagen sich um Felder und Weideland. Sie streiten sich um Wälder und Bootsplätze, ja sogar wegen öder Klippen und nackter Felskuppen geraten sie sich in die Haare. Mein und dein- darum geht es ihnen, und um nichts anderes.
Doch wenn dann endlich die Schwerter und Streitäxte ihr Werk getan haben, wenn die Überlebenden davon gehinkt oder fortgesegelt sind und die Toten verlassen auf der Walstatt zurückbleiben oder wie leere Säcke auf dem Wasser schwimmen, dann kreisen nicht nur die Geier und Raben über dem Schlachtfeld. Etwas Neues und Unerhörtes ist auf der Welt erschienen; eine Schar von himmlischen Reiterinnen, welche die gefallenen Krieger heimsuchen. Frauen in eiserner Rüstung sind es, die zu den Toten niederfahren.
Das sind die Walküren, von Odin, dem König der Götter, gesandt um unter den Gefallenen die Besten, die Mutigsten, die Stärksten zu suchen. Sie betten die Toten vor sich auf den Rücken ihrer Pferde und ziehen mit ihnen davon durch die Lüfte. Über die große Regenbogenbrücke bringen sie ihre Beute nach Asgard, der Götterburg, die wie ein Berg im Zentrum der Welt hochragt.
Odin erwartet sie und nimmt die Toten entgegen. Sie haben bewiesen, dass sie tapfere Krieger sind, dass sie wenn es um den Kampf Mann gegen Mann geht, vor keiner Gefahr zurückschrecken. Deswegen erweckt Odin sie zu neuem Leben. Von nun an sollen sie in seinem Dienst stehen, ein gewaltiges Heer von Untoten, die jedem Feind gewachsen sein werden: Die eine Hälfte soll in Walhall wohnen, die anderen werden bei Freia in Folkwang hausen.
Damit sie nicht aus der Übung kommen, leitet Odin selber seine Truppe an. Morgens legen die Kämpfer Helm und Harnisch an, dann stellen sie sich auf dem Hofplatz von Walhall auf, und das Hauen und Stechen nimmt seinen Anfang. Aber ob es ihnen damit tödlicher Ernst ist? Sie lachen und scherzen, während sie miteinander kämpfen; denn das Spiel mit Speer und Axt ist ihre größte Freude. Um die Mittagszeit, wenn Andrimne, der Koch sie zum Essen ruft, zeigt sich, dass der blutige Streit ihnen nichts anhaben konnte. Zwar haben sie einander manchen Arm und manches Bein abgehackt, aber die fehlenden Glieder werden einfach wieder zusammengefügt, das ganze Heer stürmt freudig den Festsaal, und die Gegner lassen sich als Freunde brüderlich nieder, um zu essen und zu trinken.
Jeden Tag lassen sie sich dasselbe Gericht servieren: gekochtes Schweinefleisch mit Speck. Das ist ihnen ganz recht, denn es ist ihre Lieblingsspeise, Sonderbar ist nur, dass ein und dasselbe Schwein ist, das sie tagaus, tagein verzehren. Es ist nämlich der berühmte Eber Särimne, den der Koch Andrimne jeden Morgen von neuem schlachtet und kocht, und er steht am Abend jedes Mal wieder springlebendig da und grunzt fröhlich und zufrieden in seinem Koben.
Die schönen, stolzen Walküren schenken den Helden Met ein, soviel sie nur haben wollen. Den Met liefert eine Ziege, die Heidrun heißt; sie steht auf dem Dach Walhalls und nährt sich vom Laub der Weltesche Yggdrasil. Aus ihrem Euter rinnt der Met in Strömen. Man darf nur nicht vergessen, immer genug Eimer und Kessel unter sie zu stellen!
Odin ist immer in der Nähe. Mit seinen beiden Wölfen Geri und Freke bei Fuß und den zwei Raben Hugin und Munin auf den Schultern spaziert er in seinem gewaltigen Heerlager herum. Die von den Toten auferstandenen Kämpen sehen zu ihm auf. Sie bewundern ihn; denn sie wissen, dass sie sich keinen besseren Häuptling wünschen könnten. Sie geben ihm viele neue Namen. Einmal nennen sie ihn den Rabengott, dann wieder nennen sie ihn Ygg oder Flammenauge, Herjan oder Walvater. Das gefällt Odin sehr. Er redet von nichts anderem mehr als vom großen Krieg, der bevorsteht, der letzten Auseinandersetzung mit den Mächten der Finsternis. Früher oder später wird es soweit sein, denn die Nornen haben diesen Kampf vorhergesagt, und die Nornen irren sich nie. Auch alle Stern – und Mondzeichen deuten darauf hin. Wer in den Eingeweiden der Tier zu lesen versteht, der weiß, dass dieser Krieg unvermeidlich ist. Jedes Mal, wenn Odin die Augen schließt, sieht er den Untergang der Welt vor sich. Drachen, Lindwürmer, Trolle und Wölfe, suchen ihn im Schlaf heim.
Auch die andern Asen wissen, dass es gilt, auf der Hut zu sein, und dass sie so viele Hilfstruppen brauchen, wie nur aufzutreiben sind. Doch nach und nach bringen die Walküren immer mehr Kämpfer mit nach Asgard. Das Heer der Untoten wächst und wächst, und fast wird es den Asen zuviel. Es wird eng auf der Götterburg. Vorbei sind die schönen Zeiten, wo jeder genug Platz hatte. Damals konnte man nach Herzenslust Feste feiern, ohne dass einem die Menschen auf die Zehen traten!

 

Loki, Frei, Thor und sein Stiefsohn Ull sind eines Morgens zur Jagd gegangen, und es gibt für sie nur ein Thema, das Gedränge, das neuerdings in Asgard herrscht. Die vier Götter sind weit nach Norden geritten, und jetzt sind sie am Meeresstrand angekommen. Der Winter ist früh hereingebrochen und der Fjord ist zugefroren. Wie immer ist es Loki, der einen kühnen Einfall hat. „Wenn wir schon in unserer eigenen Burg nicht mehr in Ruhe feiern können- wie wäre es, wenn wir uns an den Meeresriesen Ägir hielten? Vielleicht können wir ihn dazu bringen, dass er ein großes Fest für alle Asen ausrichtet? Keiner soll besseres und stärkeres Bier brauen als er, und er wohnt nicht weit von hier.“
Thor will dieser Vorschlag ganz und gar nicht gefallen. „Die Zeit, da Asen und Riesen miteinander am Tisch saßen, ist längst vorbei.“, murmelt er, „Und es ist auch gar nicht sicher, ob er Lust hat, uns einzuladen.“
„Aber mein Lieber“, lächelt Loki und klopft ihm auf den Rücken, „du wirst doch wohl stark genug sein, um ihm klarzumachen, dass ihm nichts anderes übrigbleibt!“
Die vier Götter springen von Eisscholle zu Eisscholle über den weiten Fjord. Aber in der Mitte klafft eine Lücke. Die See rings um die Insel. auf der Ägir wohnt, friert nie zu. Deshalb wird sein Hof auch Unkühle genannt, will heißen, der Ort, an dem es nie friert. Aber einer von den vieren, nämlich Frei, weiß Rat. Er zieht etwas Kleines aus dem Sack, das wie eine Nussschale aussieht. Aber kaum setzt er es aufs Wasser, da wird es größer und größer, und am Ende wächst es sich zu einem großen Schiff aus. Er hat mit Vorbedacht den Skidbladner mitgebracht, das magische Fahrzeug, da immer Wind in den Segeln hat, dasselbe, das einst zwei Zwerge für die Asen gebaut haben. Die vier gehen an Bord und steuern auf die Insel des Seeriesen zu.
Nun ist Ägir ein sehr mächtiger Troll. Seine Brüder sind Wind und Feuer. Ein Feind der Götter ist er nie gewesen, und so nimmt er die Gäste freundlich auf. Nur Ron, seine Frau, wirft ihnen scheele Blicke zu. Jeder kennt sie und weiß, wie böse und gefährlich sie ist. Ihr größtes Vergnügen ist es, Seeleute in ihrem großen Netz zu fangen, um sie dann mit sich in die Tiefe zu ziehen. Das Trollpaar hat neun Töchter, jede von ihnen ist eine Welle, und allesamt sind sie ebenso schön, wie ihre Mutter hässlich ist, Sogar Odin, heißt es, habe sich in eine von ihnen verliebt, damals, als die Welt noch jung und unschuldig war. Auch will es ein Gerücht, dass er mit ihr ein Kind gezeugt hat, nämlich seinen Sohn Heimdall, den geheimnisvollsten unter den Asen, der manchmal verkündet: „Neun Mütter habe ich, und neun Schwestern haben mich geboren.“ Aber wie soll das zugegangen sein? Wer in aller Welt kann so viele Mütter haben? Ägirs Töchter wollen nichts davon wissen, und auch Odin schweigt sich, wie es seine Art ist, darüber aus.
Besonders angetan ist Ägir nicht von dem Vorschlag, die Asen zu einem Fest einzuladen. „Es sollte euch doch nicht schwerfallen, andere und bessere Wirtsleute zu finden“, sagt er. Doch die Asen bleiben bei ihrem Wunsch und am Ende muss der Troll nachgeben; denn schon hat er gemerkt, dass Thor mit seiner Geduld am Ende ist. Seinen Augenbrauen, die sich drohend zusammenziehen, sieht man es an. „Also meinetwegen“, sagt Ägir, „aber nur unter einer Bedingung!“ – „Wenn es etwas Einfaches ist, warum nicht.“, die Götter nicken.
„Wenn Thor wirklich durstig ist, leert er ganz allein die tiefsten Brunnen aus. Das weiß doch jeder! Kein Kessel ist groß genug für seinen Durst. Wie soll ich euch da bewirten? Ich brauch einen Trog, der so riesig ist, dass ich das ganze Bier für euer Fest auf einmal brauen kann. Das ist doch nicht zuviel verlangt.“
Die Götter sehen sich an. Wie sollen sie diese Bedingung erfüllen? Es ist doch klar, dass es einen so großen Kessel nicht geben kann. Der Seeriese lacht. „Wenn ihr fertigbringt, was ich verlange, dann gebe ich nicht nur in diesem Winter ein Fest für euch; ihr könnt jedes Jahr wiederkommen!“ Mit diesen Worten winkt er ihnen zum Abschied.
Als die vier aber in Asgard ankommen, fragen sich die Asen, warum Thor wohl so grimmig dreinblickt.
„Was hast du nur? Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?“ Aber Thor schweigt. Nur Loki findet nichts dabei, zu berichten wie Ägir sie zum Narren gehalten hat.
Selbst Odin lächelt, als er die Geschichte hört. Doch Tyr eilt dem Donnergott zu Hilfe. „Wir werden diesem Riesen schon noch zeigen, wer hier den Kürzeren zieht! Ich glaub, ich weiß, wo wir einen so riesigen Braukessel finden können.“, sagt er leise. „Als ich klein war, hat Hyme, der Riese – ihr kennt ihn doch! – einen Kessel haben soll, der ein paar Meilen tief ist. Den wollen wir uns holen. Aber allein werde ich das nicht schaffen. Wer will mich begleiten?“ Da zögert Thor keinen Augenblick. Er will unbedingt mit von der Partie sein.
Sogleich spannt er die Böcke vor sein Fuhrwerk, und die beiden machen sich auf den Weg. Tyr weiß, wohin sie sich wenden müssen, nach Nordosten. Die Räder schlagen Funken, und sie fahren mit Dröhnen und Grollen über den Himmel. Tief unter ihnen liegt ein kleiner Hof im Gebirge. „Dort sollten wir landen und die Böcke absetzen“, sagt er, „denn sonst sieht Hyme uns schon von weitem kommen, und mir wäre es lieber, wenn wir ihn überraschen.“
Die Leute auf dem Hof haben sich versteckt. Aber als sie sehen, dass es Tyr ist, der auf dem Hofplatz steht, kommt der Bauer mit seinen beiden Töchtern herbeigelaufen. Er verspricht, die beiden Böcke gut zu hüten, und leiht den beiden Asen Skier, damit sie gut über die hohen Berge hinweg weiterkommen.
„Du kennst dich ja erstaunlich gut aus hier in der Gegend“, sagt Thor, als sie eine Weile gelaufen sind.
„Ich bin doch hier aufgewachsen“, antwortet Tyr, „und was man als Kind gesehen hat, vergisst man nie wieder.“ Weiter geht es an gefrorenen Wasserstellen und Gletschern vorbei. Keiner von beiden sagt ein Wort. Erst als der Abend anbricht und sie sich durch eine Schneehöhle gegraben haben, in der sie übernachten wollen, sagt Tyr: „Morgen sind wir da. Dann werde ich meinen Vater und meine Mutter wiedersehen, zum ersten Mal, seit ich erwachsen bin.“ – „So?“, sagt Thor. „Wie kann das sein? Ich habe immer gedacht, wir wären Brüder?“ – „Dass ich nicht von Friggas Fleisch und Blut bin, das ist doch kein Geheimnis“, erwidert Tyr mit einem schiefen Lächeln, „nur glauben alle, dass Odin mein Vater ist. Wenn es nur so wäre! Aber meine Mutter die Riesenfrau, hat sich zwar mit ihm ins Bett gelegt, aber Kinder hat sie keine von ihm bekommen. Übrigens konnte ich schon laufen, als sich die beiden zum ersten Mal trafen. Ich weiß noch, wie sie Odin beschworen hat, er möge mich nach Asgard mitnehmen und wie seinen eigenen Sohn erziehen. Das sei für alle das Beste, hat sie gesagt. Und so ist es dann auch gekommen.“
Thor nickt, aber weiß vor Verlegenheit nicht, was er sagen soll. „Weißt du“, sagt Tyr. „es ist nicht wahr das alle Trolle Übeltäter sind. Unsereins kann so gut wie ihr unterscheiden zwischen Gut und Böse. Es kommt nur darauf an, wie sich einer entscheidet. Und du wirst zugeben, dass ich es verdient habe, einer von den Asen zu sein.“ Er weist auf seinen verstümmelten Arm, der am Handgelenk endet. „Ja“, sagt Thor mit ernster Miene, „deine beste Hand hast du geopfert, um den Fenriswolf zu fesseln. Keiner von uns ist tapferer als du.“ – „Ihr habt es gut.“, gibt Tyr ihm trocken zurück, „Ihr habt nie beweisen müssen, auf welcher Seite ihr steht – obwohl es wahrhaftig Asen genug gibt, deren Mütter irgendwo in Jotunheim zu Hause sind. Nur dass ich der einzige bin, der ganz und gar von den Trollen abstammt.“
Thor will ihn trösten und legt ihm beide Hände auf die Schultern. „Mach dir nichts daraus.“, sagt er. „Das alles bleibt unter uns. Du kannst mir alles sagen.“
Tyr schaut ihm fest in die Augen und erklärt: „Der Riese Hyme, den wir Morgen aufsuchen, das ist mein Vater. Und was meine Großmutter angeht, so hat sie neuhundert Köpfe.“ – „Und wenn sie tausend hätte, was geht mich das an!“ brummt Thor.
„Du bist immer mein Bruder gewesen, und Brüder wollen wir auch in Zukunft bleiben.“
Aber in dieser Nacht kann keiner von beiden schlafen. Tyr denkt an seine Kindertage auf Hymes Hof, und Thor grübelt, wie sonderbar es mit der alten Feindschaft zwischen Asen und Trollen bestellt ist. Das sind doch beides uralte Geschlechter, älter als die Menschen und Tiere, älter als die Berge und das Meer. Wann mögen sich ihre Wege getrennt haben, und warum? Solche Fragen könnte höchstens Odin beantworten. Er wüsste, warum die Asen stets alles ordnen wollen, aufbauen, etwas Neues schaffen, während die Riesen immer nur alles durcheinanderbringen, einreißen und zerstören. Die Trolle, denkt Thor, haben ein kaltes Herz, sie sind im Dunkeln zu Hause. Manche von ihnen scheuen das Licht der Sonne und können es nicht ertragen. Wenn es ihnen zu hell wird, erstarren sie zu Stein.
Doch dann fällt ihm wieder sein Blutsbruder Tyr ein, und er muss ihm recht geben. Nicht alle Riesen sind böse und grausam. Immer noch kommt es vor, dass Asen und Trolle einander in Freundschaft begegnen. Thor weiß, dass Odin so etwas nicht gerne sieht. Der Götterkönig hat sie gewarnt. Er sagt, die Zeit, da Asen und Riesen einander vertrauen konnten, neige sich ihrem Ende zu. Und trotzdem kommt es wie in alten Zeiten vor, dass ein Ase sich auf Freiersfüßen nach Jotunheim schleicht. Wer sagt denn, dass die Riesenfrauen alle hässlich sind? Thor denkt an die Trolltochter Eisenscher, die er, kaum ein Jahr ist´s her, gekannt hat. Ihr Bauch ist warm wie eine Schäre in der Sonne, und ihre Schenkel sind stark, wie zwei Türpfosten. Nie hat er eine Frau geliebt, die so stolz und lüstern war wie sie.

 

Am andern Tag kommen sie auf Hymes Hof an. Schon in der Halle erwartet sie die Großmutter mit den neunhundert Köpfen – ein wahres Monster. Aber auch Tyrs Mutter ist da. Sie weint vor Freude über das Wiedersehen mit ihrem Sohn. Hyme kommt erst am Abend zurück von der Jagd. „Versteckt euch dort drüben hinter dem Pfosten“, rät sie den Asen. „Mein Mann kann ziemlich heftig werden, wenn er Gästen begegnet, die er nicht erwartet hat.“
Mit so schweren Schritten, dass die Bohlen dröhnen, tritt der Riese ein. Eiszapfen klirren in seinem gefrorenen Kinnbart. „Willkommen zu Hause, mein Lieber“, ruft Tyrs Mutter mit einem Lächeln. „Wir haben Besuch bekommen, als du fort warst. Unser Sohn, an den wir so oft gedacht haben, hat eine lange Reise angetreten, um uns aufzusuchen, und er hat den Donnergott persönlich mitgebracht, den Beschützer der Menschen und Feind aller Unholde. Dort sitzen die beiden, hinter dem Pfosten.“ Aber als Hyme das hört, wird er rot vor Zorn, denn auf Thor ist er nicht gut zu sprechen. Er wirft einen so scharfen, bösen Blick auf die Gäste, dass der Pfosten splittert und der Querbalken bricht. Acht Pfannen stürzen von der Wand auf die Köpfe der Götter und zerspringen an ihren Schädeln.
Schon springt Thor auf und will zurückschlagen. Der Schaft Mjölners, seines Hammers, zuckt in seiner Hand. Aber Tyr legt ihm die Hand auf die Schulter. „Erst müssen wir ihn soweit bringen, dass er uns verrät, wo er seinen großen Kessel hat“, flüstert er. Die Asen wissen sich zu beherrschen. So gelassen bleiben sie, dass sich am Ende auch Hyme beruhigt. Aber nach wie vor glotzt er Thor böse an. Dieser Besuch ist ihm gar nicht recht, und von seinem Sohn will er offenbar auch nichts wissen. Trotzdem befiehlt er, drei Kälber zu schlachten.
„Gäste hin oder her, ein bisschen was zu essen müssen wir haben!“ sagt er mürrisch. Im Nu hat Thor ganz allein zwei Kälber verschlungen.
„Wie soll ich derart verfressene Gäste füttern?“ fragt sich Hyme am nächsten Morgen, und er beschließt, dass es von nun an nur noch Fisch geben wird. Er macht sein Boot bereit, um auf Fang zu gehen. „Ich komme mit!“ ruft Thor. „Wenn es sein muss“, brummt Hyme. „Aber für deinen Köder musst du selber sorgen.“ Da geht Thor in den Stall und dreht dem größten Ochsen mit einer Hand den Hals um, schleppt den Kopf ins Boot und rudert, dass es um den Bug nur so schäumt. Bald sind sie so weit draußen auf dem Meer, dass Hyme anfängt, sich zu ängstigen. Weit und breit ist kein Land mehr in Sicht, und wenn das Boot kentern sollte, wäre es zu weit, um schwimmend das Ufer zu erreichen.
Da tauchen vor dem Boot plötzlich zwei Wale auf. Hyme wirft seine Angelschnur hinaus und fängt beide. Er lacht und sieht Thor herausfordernd an, als wollte er sagen: Mach es nach, wenn du kannst! Thor hat sich achtern hingesetzt. Er befestigt den Ochsenkopf an der Angelrute und wirft ihn hundert Faden weit hinaus. Sogleich beginnt das Meer zu kochen. Wogen, so hoch wie Berge, schütteln das Meer, und aus der See erhebt sich ein fürchterliches Haupt. Es ist der Kopf der Mitgardschlange, die Thor am Haken hat. Das Ungeheuer brüllt, dass das Meer erzittert, und giftige Flammen züngeln aus seinem Maul, aber Thor holt mit letzter Kraft die Schnur ein. Als der Schlangenkopf an der Dollbord schlägt, hebt er seinen Hammer und trifft das Ungeheuer zwischen die Augen. Durch ganz Jotunheim dröhnt das Geheul der Schlange. Hyme ist so erschrocken, dass er sich fast die Zunge abbeißt. Als Thor zum zweiten Mal mit dem Hammer ausholt, hält es den Riesen nicht mehr. Er zieht sein Messer aus der Scheide und kappt die Schnur. „Warte nur, Thor, es kommt die Zeit, wo ich dich besiegen werde!“ gurgelt die Schlange. Der Donnergott winkt ihr zum Abschied mit dem Hammer, und sie ruft ihm zu: „So wird es geschehen, denn so ist´s gewahrsagt und so steht´s geschrieben!“ Stöhnend und seufzend versinkt das Monster im Meer. „Nach Hause“, ruft Hyme, der an diesem Fischzug wenig Gefallen gefunden hat.

 

Als das schwere Boot knirschend den Sand des Ufers streift, sagt der Riese: „Was ist dir lieber, Thor? Willst du unsern Fang nach Hause tragen oder mein Boot an Land ziehen?“ Thor würdigt ihn keiner Antwort, hievt den Kahn samt Ruder und Schöpfeimer – und den beiden Walen – aus dem Wasser und trägt ihn auf den Schultern über Stock und Stein bis vor die Haustür.
Hyme sieht es mit Neid und will dem Donnergott am Zeug flicken. „Rudern kannst du“, sagt er, „Lasten schleppen auch, aber das ist noch lange keine wirkliche Kraftprobe. Schau dir diesen Becher an! Glaubst du, dass du den zerbrechen kannst? Versuch es doch, wenn du Muskeln in den Knochen hast und nicht nur Fett!“
Das lässt sich Thor nicht zweimal sagen. Er drückt und presst, aber der Becher bleibt ganz. Er schmettert ihn mit voller Wucht gegen einen steinernen Pfeiler, aber nicht der Becher zerbricht, sondern der Pfeiler stürzt ein. Tyrs Mutter, die ihm zugeschaut hat, flüstert ihm ins Ohr: „Der größte Dickschädel auf der Welt, das ist mein Mann. Wirf den Becher gegen seine Stirn, und du wirst sehen, was geschieht.“ Das tut Thor und diesmal zerbricht der Becher in tausend Stücke.
Hyme ist benommen. Der Kopf schwindelt ihm. Er ist wütend darüber, dass er den stärksten Becher eingebüßt hat, den er je besaß und brüllt: „Das ist noch gar nichts! Ich weiß eine Probe, die du nie und nimmer bestehen wirst.“ Auf diese Herausforderung haben die Asen nur gewartet, denn jetzt zeigt Hyme ihnen, wo er seinen riesigen Braukessel versteckt hat. „Wer ihn haben möchte, der kann ihn meinetwegen mitnehmen“, ruft er lachend. Er ist fest davon überzeugt, dass keiner das Monstrum von der Stelle bewegen kann.
Tyr versucht es, aber auch beim zweiten Mal rührt sich der Kessel nicht vom Fleck. Dann ist Thor an der Reihe. Im Spagat stellt er sich über das Gefäß und spannt die Beine so weit, dass er kopfüber in den Kessel fällt. Mit letzter Kraft erhebt er sich, und nun ruht das Beutestück auf seinen Schultern. Wankend, macht er sich auf den Weg. Tyr bleibt gerade noch Zeit, seine Mutter zum Abschied zu umarmen, dann eilt er seinem Blutsbruder nach.
Weit sind die beiden aber nicht gekommen, da hören sie in ihrem Rücken Waffenlärm. Hyme setzt ihnen mit einem ganzen Heer von vielköpfigen Trollen nach. Aus jeder Geröllhalde stoßen neue Riesen zu seiner Schar. Thor legt den Kessel weg und greift zu seinem Hammer. Mjölner ist eine furchtbare Waffe, denn er trifft stets sein Ziel und kehrt jedes Mal in die Hand, die ihn geworfen hat, zurück. Es dauert nicht lange, bis die Verfolger den aussichtslosen Kampf aufgeben. Nun können die beiden Asen ihren Weg in aller Ruhe fortsetzen. Wenn es bergab geht, setzen sie sich auf den hinteren Henkel und rutschen auf dem Kessel zu Tal.
Dann aber geraten sie in ein Nebelfeld, und auf der Suche nach dem Bauernhof, wo Thor seine Böcke gelassen hat, verirren sie sich. Nachdem sie stundenlang umhergetappt sind, lichtet sich der Nebel, und sie merken, dass sie weit draußen an der Küste angekommen sind, nicht weit von der Stelle, wo der Riese Ägir wohnt. „Das trifft sich gut“, sagt Tyr. „Dort soll der Kessel hin, damit Ägir keine Ausrede mehr bleibt. Hier hast du ihn, du Meerestroll“, ruft er über den Fjord. „Fang nur beizeiten an zu brauen. Die Asen sind durstig!“ Mit diesen Worten schleudert er den Kessel über das Wasser, mit solcher Kraft, dass er über die glatte Fläche springt und springt, bis er auf Ägirs Insel landet, als wäre er einer von den Steinen, wie sie die Kinder am Strand auf die See hinauswerfen.

 

Nun trennen sich die beiden Weggefährten. Tyr will auf dem schnellsten Weg zurück nach Asgard, aber Thor muss noch seine beiden Böcke abholen. Unterwegs in den Bergen hört er einen Mann um Hilfe rufen. Auch der hat sich im Nebel verirrt. Im Schneesturm ist er im Geröll gestürzt und hat sich verletzt. Wenn Thor ihm nicht geholfen hätte, wäre er verhungert oder erfroren. „Wie heißt du?“ fragt er ihn. „Aurwandil ist mein Name“, flüstert der Mann und zeigt auf seine Zehe, die sich schon blauschwarz verfärbt hat. Thor versteht sogleich, dass der Wundbrand auf das ganze Bein übergreifen wird, wenn er nicht sofort handelt.
„Es geschieht zu deinem Besten“, sagt er und bricht ihm die verletzte Zehe ab, so dass das Blut sauber und frisch aus der Wunde fließen kann. Damit das Opfer nicht umsonst ist, wirft er die Zehe hoch in den Nachthimmel und erschafft aus ihr einen neuen Stern. Der heißt seitdem Aurwandils Zehe, aber heute nennen ihn viele den Orion.
Erst am Nachmittag des folgenden Tages erreichen die beiden den Bauernhof, wo Thor zu seiner großen Freude die beiden Böcke bei bester Gesundheit antrifft. Warum schlachtet er sie dann, zieht ihnen das Fell ab und kocht sie? Warum bittet er alle am Hof, sich an den Tisch zu setzen und mitzuessen? Das sagt er nicht. Doch die Ziegenhäute legt er sorgsam vor den Kamin zum Trocknen und von allen, die mitessen, verlangt er, dass sie alle Reste auf die Felle werfen. „Dass ihr mir vorsichtig mit den Gebeinen umgeht!“, ruft er, „Nicht einmal das winzigste Knöchelchen darf zerbrechen.“ Aber der Bauer hat zwei Kinder, einen Sohn, der Tjalve, und eine Tochter, die Roskva heißt, und die beiden hören nicht auf Thor.
So kommt es, dass Tjalve, der an einer Keule nagt, vor lauter Hunger mit dem Messer darauf einhackt, weil er das Mark aus dem Knochen schlürfen will.
Noch bevor der Morgen graut, steht Thor auf, nimmt seinen Hammer zur Hand und schwingt ihn über den Ziegenfellen. Sofort stehen die beiden Böcke wieder auf, so lebendig wie eh und je. Allerdings- einer von ihnen lahmt am Hinterlauf. Thor wird rot im Gesicht vor Wut, und die Knöchel seiner Hand werden weiß, so fest hält er den Hammer, denn er versteht sehr wohl, was geschehen ist. Einer der Schmausenden hat sich nicht an seinen Befehl gehalten! Der Bauer und seine Leute flehen um Gnade. Als er die Angst in ihren Augen sieht, lässt Thors Zorn nach, doch um eine Buße sollen sie nicht herumkommen. Der Bauer muss ihm seine beiden Kinder, Tjalve und Roskva, überlassen. Von nun an sollen sie ihm folgen. ganz gleich, wo er hingeht! Und so kommt es auch.
Zu dritt nehmen sie nun Abschied und fahren nach Asgard. Thor führt den Wagen an, Tjalve und Roskva nehmen die Böcke an die Leine. So schnell geht es voran, dass die Kinder gar nicht auf die Idee kommen, zu jammern. Sie denken an das Abenteuer, das vor ihnen liegt. Hat der Donnergott ihnen nicht versprochen, dass sie beim großen Fest dabei sein dürfen, das bei Ägir stattfinden soll?

 

regin der mächtige

Unterdessen hat sich Odin wieder auf eine seiner Reisen begeben. Jedes Mal wenn ihn seine grüblerischen Gedanken heimsuchen, setzt er sich auf sein achthufiges Pferd Sleipnir, das ebenso leicht auf dem Wasser, wie in den Lüften dahingaloppiert, und reitet so schnell davon, dass nicht einmal der Wind es mit ihm aufnehmen kann. Diesmal führt in sein Ausflug weit nach Jotunheim, ins Land der Riesen. Als er gerade umkehren will, tritt ihm ein Riese namens Rugne in den Weg. Auch er kommt hoch zu Ross daher, und er ist berühmt für sein Geschick im Umgang mit den Pferden.
Die beiden Reiter wechseln ein paar Worte. Beide behaupten, ihr Pferd sei das Beste auf der Welt. „Nicht umsonst heißt meines Gullfachse“, prahlt der Riese. „sieh nur wie sein Fell glänzt!“ – „Du kennst meinen Sleipnir nicht“, antwortet Odin. „was gilt die Wette, dass er schneller ist als deine Mähre?“
„Das wird sich zeigen! Ich halte dagegen“, ruft Rugne und gibt seiner Gullfachse die Sporen.
Aber Odin überholt ihn und hält seinen Vorsprung auf dem ganzen Weg nach Asgard. Rugne ist so hitzig, dass er gar nicht merkt, wohin die Reise geht, bis auch er mitten in der Götterburg angekommen ist. Schon eilen die Asen mit Speer und Axt herbei, doch Odin lächelt und sagt: „Diesmal soll der Troll nicht wie ein Feind, sondern wie ein Gast aufgenommen werden.“
Also wird Rugne nach Walhall eingeladen, und die Asen setzen ihm die großen Hörner vor, aus denen Thor zu trinken pflegt. Der Riese leert sie, eins nach dem andern, mit einem Zug, und bald ist er ziemlich betrunken. Nun nimmt er, wie es seine Art ist, große Worte in den Mund. „Wartet nur“, schreit er, „wenn ich nach Hause gehe, nehme ich euer ganzes Walhall unter dem Arm mit nach Jotunheim. Dort soll mir euer Haus als Hundehütte für meine Jagdmeute dienen. Und euer Asgard will ich im Meer ersäufen. Mit jedem von euch werde ich fertig, Keinen Gott und keine Göttin will ich am Leben lassen. Nur Siv und Freia, die will ich verschonen, und jede zweite Nacht will ich sie im Bett haben!“
Er säuft und säuft, während er seine Drohungen brüllt. Anfangs lachen die Asen und ihre Kämpfer über ihn, doch allmählich wird ihnen seine Prahlerei zu dumm. Freilich, er ist immer noch ein gefährlicher Gegner, und nur Freia wagt es, ihm nachzuschenken.
In eben diesem Augenblick kommt Thor von seiner weiten Reise nach Hause. Er ist ziemlich schlecht gelaunt, und was er in Walhall sieht, ist nicht dazu angetan, ihn aufzuheitern. „Wer hat diesem widerlichen Troll erlaubt, unser Haus zur Bude eines Säufers zu machen?“ ruft er „Und wie kommt Freia dazu, dem Schwätzer die Hand zu geben?“ – „Odin selber hat mich eingeladen“, antwortet Rugne. „Trotzdem wirst du es noch bereuen, dass du zu uns gekommen bist“, brummt Thor und greift nach dem Hammer in seinem Gürtel. „Du hast wohl für uns Riesen nichts übrig“, lacht Rugne, „dein Hass sitzt tief, wie mir scheint. Aber wie war das im vergangenen Frühjahr, als du die Trolltochter Eisenscher getroffen hast? Da saß wohl etwas anderes noch tiefer als der Hass, denn nun läuft sie mit dem dicksten Bauch von ganz Jotunheim herum.“
Thor steht der Zorn ins Gesicht geschrieben: denn es gefällt ihm nicht, dass die Asen von dieser Liebschaft hören. Vor allem ärgert es ihn, dass seine Frau Siv davon erfährt. Schon wiegt er seinen Hammer in der Hand, und es hat nicht viel gefehlt, da hätte er ihn dem Riesen an den Kopf geworfen. Aber Rugne ruft ihm zu; „Ehrlos ist es, einen waffenlosen Gegner umzubringen. Du weißt genau, dass ich zu Hause meinen Schild und meinen Wetzstein liegen habe. Hätte ich ihn mitgebracht, dann würde ich über deinen Hammer nur lachen. Auf der Stelle würde ich dich zum Zweikampf fordern.“ – „Wann und wo du willst“, sagt Thor. „Gut“, brüllt der Troll, “du triffst mich auf halber Strecke am Wegweiser zu meinem Hof.“
Noch nie hat jemand gewagt, Thor zum Zweikampf herauszufordern. Er ist so überrascht von dieser Dreistigkeit, dass er sofort einwilligt. Rugne ist derart betrunken, dass er sich kaum aufrecht halten kann; die Gastgeber müssen ihm helfen und ihn auf sein Ross setzen. So schaukelt der Riese nach Hause.

 

Die beiden Kinder vom Bauernhof haben dem Spektakel atemlos zugesehen. Nun bringt sie Thor in ihr neues Heim, nach Trudwang, wo Siv sie erwartet. Mit großen Augen schauen sie sich um, denn Thors Haus ist größer als alles, was sie sich bisher träumen ließen. Fünfhundertvierzig Zimmer hat es. „Kein Wunder“, murmelt Roskva, „dass ihr jemanden braucht, der hier Ordnung hält.“ Die goldhaarige Siv nimmt die beiden freundlich auf. Bald, denkt sie, werden sie sich auch mit ihren eigenen Kindern, Trud, der Tochter, und Mude, dem Sohn, gut verstehen.
Alle in Trudwang hüten sich, auch nur ein Sterbenswörtchen über Eisenscher zu verlieren. Nur Loki, der wie immer Bescheid weiß, kann seine Zunge nicht im Zaum halten. Sein alter Groll gegen Thor will sich Luft machen, und hier sieht er eine gute Gelegenheit, dem Hausherrn einen Streich zu spielen. Sogleich macht er sich auf den Weg ins Land der Riesen, um Eisenscher zu besuchen. „Weißt du, wer mich zu dir geschickt hat? Thor! Er vergeht vor Sehnsucht nach dir. Du sollst sobald wie möglich nach Trudwang kommen, damit dein Kind dort zur Welt kommen kann.“
Und weil Eisenscher ihm Glauben schenkt, klopft sie eines schönen Tages an der Pforte von Trudwang an. Siv ist von diesem Besuch keineswegs erbaut, und sie ist drauf und dran, der Fremden die Tür zu weisen. Aber dann bemerkt sie, dass Loki in der Ecke steht und sich ins Fäustchen lacht. Den Triumph, sie gekränkt zu sehen, will sie ihm auf keinen Fall gönnen. Lieber öffnet sie und lässt die Trollfrau ins Haus. Noch in derselben Nacht gebiert Eisenscher ihren Sohn Magne.
Sie weiß zu berichten, dass es in Jotunheim nur noch ein Gesprächsthema gibt: den Zweikampf zwischen Thor und Rugne. Alle rätseln darüber, wer ihn gewinnen wird, denn schließlich ist Rugne der stärkste Riese, den die Trolle je hatten.
„Sein Kopf ist aus Stein“, behauptet Eisenscher, „genau wie sein Herz, das zackig ist und drei Ecken hat. Und damit nicht genug! Die Riesen haben sich zusammengetan, um ihm einen Helfer zu machen, der ihn auf dem Kampfplatz begleiten soll, und zwar ist das ein Mann aus Lehm, neun Meilen hoch und drei Meilen breit über der Brust. Den haben die Trolle zum Leben erweckt und ihm das Herz einer Stute eingepflanzt.“
Als das die Asen hören, wird ihnen zweierlei zumute. Nur Loki lacht. „Na ja“, sagt er, „wer weiß, vielleicht wird unser Fest bei Ägir mit einem Leichenschmaus enden; fragt sich nur für wen.“ – „Sei still!“ ruft Odin, der das Schicksal nicht herausfordern möchte. „Übrigens, wenn Rugne mit einem Knappen anrückt, bringen wir auch unsere Helfer mit. Das ist nur recht und billig.“ Und er zeigt stolz auf das gewaltige Heer der Untoten. „Bessere Krieger gibt es auf der ganzen Welt nicht.“ Das wiederum hört Thor nicht gern. „Mag mein Vater es mit den Untoten halten; ich jedenfalls habe für lebendige Menschen mehr übrig. Ich nehme den jungen Tjalve mit.“ – „Was?“, fragt Loki grinsend. „Mit einem kleinen Jungen willst du den Riesen besiegen?“
Als der Tag der großen Kraftprobe gekommen ist, haben sich viele Asen und Trolle am Schauplatz versammelt. Der wilde Rugne ist mit einem starken steinernen Schild angetreten und hat seinen gewaltigen Wetzstein mitgebracht. Neben ihm ragt einer in die Höhe, der fast noch gefährlicher aussieht; ein enormer Riesenkerl aus Lehm mit Füßen wie Felskuppen und einem Dickschädel, der bis in die Wolken ragt.
Aber wo bleibt Thor? Ein Junge kommt über das Feld gelaufen, und ruft dem Troll zu. „Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen!“ Der Riese weiß nicht, wer Tjalve ist, und er ist überrascht, dass sich ein kleiner Mensch zu ihm auf den Kampfplatz wagt. Er beugt sich zu ihm hinab, um besser zu hören. „So wie du deinen Schild vor dich hinhältst, wirst du sicher den Kürzeren ziehen“, sagt Tjalve ihm ins Ohr. „denn Thor hat schon von weitem gesehen, wie du dastehst. Ich weiß was er vorhat. Er hat sich nämlich einen Stollen unter der Erde gegraben, und wenn er in deiner Nähe angekommen ist, greift er dich von unten an:“ – „Das soll ihm nichts nützen“, brüllt Rugne, legt seinen Schild auf den Boden und springt mit beiden Beinen darauf. Aber da hört man ein Donnern und ein Dröhnen und schon zeigt sich Thor, Odins Sohn. Aus einer dunklen Wolke schießt er hernieder, aufrecht im Wagen stehend, die Zügel in der einen, den Hammer in der andern Hand. Sein roter Bart leuchtet wie Feuer, und ein Sturmwind peitscht seine Böcke voran.
Jetzt greift Rugne wutentbrannt nach seinem Wetzstein. Der Goliath aus Lehm aber erschrickt so sehr über den rollenden Donner, dass er das Wasser nicht halten kann. Nach allen Seiten sprudelt es heraus, und auf dem Leib des Riesen zeigen sich nasse Flecken.
Jetzt schleudern die beiden Kämpfer einander ihre Waffen entgegen. Thor seinen Hammer, Rugne seinen Wetzstein. Dröhnend prallen Eisen und Stein aufeinander. Der Wetzstein zerspringt in tausend Scherben, die wie ein Hagelschauer über der ganzen Welt zu Boden fallen. Heute noch kann man an allen Küsten sehen, wo sie niedergegangen sind, an den spitzen Schären, die aus dem Meer ragen.
Einer der Splitter aber hat Thor am Kopf getroffen, mit solcher Wucht, dass er aus seinem Wagen stürzt. Den Treffer überlebt er, bleibt aber benommen liegen, und kriechend versucht er, wieder in die Höhe zu kommen. Siv und ihre Kinder kreischen vor Angst, und Eisenscher, die ihrem Säugling Magne die Brust gibt, jammert. Aber mit Rugne nimmt es ein viel schlimmeres Ende. Thors Hammer spaltet ihm den Schädel, und der Riese fällt tot um. Jetzt jubeln Siv und Eisenscher und reichen sich vor Freude die Hand.
Doch der gefällte Riese stürzt so, dass einer seiner schweren Füße quer auf den Hals des Donnergottes zu liegen kommt. Thor ist eingeklemmt und kann sich nicht mehr rühren. Tatenlos muss er zusehen, wie der junge Tjalve nun ganz allein den Kampf mit dem Goliath aus Lehm aufnimmt. Aber der zeigt sich ebenso ängstlich und feige, wie er groß und abscheulich ist, und der Junge bringt es fertig ihn umzulegen. Daran kann man wieder einmal sehen, dass es in dieser Welt nicht auf den Brustumfang und die Schuhgröße ankommt. Als die Trolle sehen, wie das Monster in Stücke springt, schlagen sie sich in die Büsche, und manche, die einen Schwanz haben, schleifen ihn mutlos hinter sich her.

 

Nun kümmert sich Tjalve um seinen Herrn Thor, der immer noch unter dem Fuß von Rugne daliegt. Er versucht, das Bein des Gefallenen hoch zu heben, aber das geht über seine Kräfte. Die Asen eilen herbei, um ihm zu helfen, aber der Riesenfuß bewegt sich nicht; es ist als wäre er festgenagelt. Alle kratzen sich am Kopf und überlegen, was sie tun sollen. Auch Siv und Eisenscher sind herbeigeeilt. Der kleine Magne, Eisenschers Sohn, der erst drei Tage alt ist, findet, dass er nun genug Milch getrunken hat. Er lässt die Brust der Mutter los, wischt sich zufrieden den Mund ab, und springt aus ihren Armen. Dann krabbelt er zu Thor hin und greift nach dem Fuß des Riesen. Mit einem Ruck hat er ihn in die Höhe gehoben und seinen Vater befreit. „Schade, dass ich so durstig war“, sagt er, „sonst hätte ich den dummen Troll mit meinen bloßen Fäusten erschlagen.“
Thor ist so stolz auf seinen kleinen Sohn, dass er ihm auf der Stelle Rugnes Pferd, die herrliche Gullfachse zum Geburtstag schenkt. Das will Odin nur halb gefallen. Er räuspert sich und sagt: „Wäre es nicht besser, ein so wunderbares Ross mir zu überlassen? Soll sie denn wirklich in die Hände eines hergelaufenen Trollkindes fallen?“ Aber Thor lacht nur über diesen Einfall und drückt den kleinen Magne an sein Herz. „Mag schon sein, dass er ein Trollkind ist, aber wer sein Vater ist, das steht fest!!“ Odin macht sich wortlos auf den Heimweg, doch Thor und Tyr, die Blutsbrüder, zwinkern sich verständnisinnig zu. Sie wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können.
Thor ist immer noch halb betäubt vom Schlag des Wetzsteins, der in seinem Kopf festsitzt, und niemand weiß wie man ihn herausholen soll. Er legt einen Arm um Siv, und den andern um Eisenscher. Auf sie gestützt, kehrt er heim nach Trudwang, gefolgt von den Kindern. „Du warst auch nicht schlecht“, sagt Magne, spuckt weit aus und klopft Tjalve anerkennend auf den Rücken.
Unterwegs begegnet ihnen eine alte Frau, die berühmt ist für ihre magischen Künste. Sie legt ihre Hand auf den Wetzstein und singt und kräht die stärksten Zauberreime, die sie kennt. Nach einer Weile spürt Thor, wie der Stein sich langsam löst. Da fällt ihm ein, dass auch er der Alten etwas zu bieten hat. Denn sie ist mit Aurwandil verheiratet, dem Wanderer, den Thor hoch im Norden verwundet im Eis gefunden und gerettet hat, „Du hast dir sicherlich Sorgen um ihn gemacht“, sagt er, „aber keine Angst! Er wird sicherlich bald gesund nach Hause kommen.“ Da ist die Alte außer sich vor Freude, dass sie darüber die letzten Strophen ihres Zauberreims vergisst und nicht mehr weiterweiß. Und so bleibt der Wetzstein wieder stecken.
Solange er lebt, wird Thor nun mit diesem Andenken an den Kampf mit Rugne herumlaufen müssen. Deshalb heißt es bis auf den heutigen Tag, dass man nie einen Wetzstein fortschleudern darf, denn dann rührt sich der Riesensplitter in Thors Stirn, und der Geplagte fängt an zu wüten. Mit einem Donnergott der Kopfweh hat, ist aber nicht zu spaßen. Freund und Feind tun gut daran, sich vor ihm zu hüten.
Trotz allem steht es nicht so schlecht um Thor, dass er nicht von Herzen gern mitgekommen wäre, als Ägir endlich sein Bier im Kessel des Riesen fertig gebraut hat und die Asen zum großen Fest lädt. Alle finden sich ein, sogar Odin lässt sich zu diesem Ausflug überreden.
Der Festsaal auf Ägirs Hof heißt Brime, und das heißt soviel wie „Der Schäumende“. Er macht seinem Namen alle Ehre, denn zu trinken gibt es mehr als genug. Die Biertonnen gleiten auf den Tischen hin und her und schenken ganz von selbst nach, sobald ein Becher geleert ist. Um den großen Saal zu erleuchten, braucht es kein Feuer und keine Fackeln, denn Ägir hat ihn mit Gold verkleidet, das so rein ist, dass es im Dunkeln leuchtet. Auch Tjalve und Roskva sind eingeladen, und der kleine Magne sitzt auf Thors Schoß und trinkt mit seinem Vater um die Wette. Selten haben die Asen ein so vergnügliches Fest gefeiert.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an das Mystische

TA KI

Odins Runen – unsere Schrift


Geschrieben von: Dr. Wielant Hopfner

Bei der Beschäftigung mit der Literatur zum Thema „Runen“ fällt auf, daß die Verfasser so gut wie niemals über den Gebrauchswert der Runen in der heutigen Zeit sprechen. Durchweg ist man der Ansicht, die Runen „hatten ihre Zeit“, man kann sie heute gelegentlich schon mal anwenden, vielleicht eine Urkunde damit verzieren und das eine oder andere Symbol zur Bezeichnung eines Dienstrangs bei Bundeswehr oder U.S. Army verwenden.

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Bei der Beschäftigung mit der Literatur zum Thema „Runen“ fällt auf, daß die Verfasser so gut wie niemals über den Gebrauchswert der Runen in der heutigen Zeit sprechen. Durchweg ist man der Ansicht, die Runen „hatten ihre Zeit“, man kann sie heute gelegentlich schon mal anwenden, vielleicht eine Urkunde damit verzieren und das eine oder andere Symbol zur Bezeichnung eines Dienstrangs bei Bundeswehr oder U.S. Army verwenden. Nur Thorolf Wardle spricht in seinem Büchlein „Neue Runenlehre“ davon, daß man sehr wohl die heutigen germanischen Sprachen in Runenschrift schreiben könne. Rudolf John Gorsleben – ein nicht unumstrittener Autor – glaubte, daß eine neue deutsche Schrift, die auf der Runenschrift gründet, „wie von selbst hervorgehen“ wird. Welch ein Wunschdenken!

Die bei den anderen Autoren erkennbare negative Beurteilung des Gebrauchswerts der Runen mag vielleicht daher rühren, daß man z.B. ein Schriftstück, einen Brief oder eine Zeitung von Hand, Zeichen für Zeichen, in die Runenschrift umsetzen müßte, was wegen des Zeitaufwands heute nahezu unmöglich ist. Schreibmaschinen herkömmlicher Bauart sind mit Runenschriftzeichen nicht zu bekommen, Einzelanfertigungen kaum bezahlbar. Und wer soll eigentlich ein in Runenschrift abgefasstes Schriftstück lesen, gibt es doch nur ganz wenige Menschen, die die Runenschrift fließend lesen können. Und vielleicht gehören gerade diese nicht zu unseren Freunden. Fragen über Fragen.

An dieser Stelle sei daran erinnert, daß seit einigen Jahren das Computerzeitalter angebrochen ist. Computer erobern langsam, aber unaufhaltsam öffentliche und vor allem private Bereiche. Schriftstücke, Briefe oder Zeitungen werden zunehmend häufiger mittels Computer geschrieben und einer solchen Maschine ist es gleichgültig, ob sie kyrillische, griechische, lateinische oder Runenzeichen ausdruckt. Man muß ihr nur einmal den Zeichensatz eingegeben haben.

Daher gilt von nun an die negative Beurteilung des Gebrauchswerts der Runen nicht mehr! Und:

Die Runen sind als Gebrauchs-Schriftzeichen allen anderen Zeichen gegenüber völlig gleichwertig!

Die Frage heißt also nicht, ob man die Runen heutzutage zum Schreiben gebrauchen kann oder nicht, sondern ob wir das wollen!Wie so oft müssen wir uns entscheiden. Jeder einzelne von uns muß sich entscheiden, ob er z.B. die gemeingermanische Runenreihe, den Futhark, erlernen will und ob er die Runenzeichen auch bei passender Gelegenheit zum Schreiben verwenden will, oder ob er weiterhin alles und jedes in lateinischer Schrift schreiben will. Ein kurzer Blick auf die Entwicklung unserer Runenschrift kann bei dieser Entscheidung hilfreich sein:

Mit dem Schwachsinn, wonach die „nordischen Barbaren“ alles Heil und jegliche Kultur von Juden oder Phöniziern, „geschenkt“ bekommen haben sollen, brauchen wir uns nicht aufzuhalten. Das ist linke Tendenzpropaganda, die im Widerspruch zu den Ergebnissen der archäologischen Forschung steht. Die mehr „diplomatisch“ Vorgehenden unter den „Ex oriente Lux-Anpreisern“ versuchen es mit dieser Aussage: „Den Griechen gehört der Ruhm der Vermittlung phönizischer Buchstabenschrift nach Europa. Die Etrusker und Italer lernten von ihnen.“ Man möchte gerne verhehlen, daß der antike Historiker Diodoros in seinem dreißigbändigen Geschichtswerk (III,67 und V,74) in den Kapiteln über die griechische Urgeschichte schreibt, daß der trazische Sänger Lionos und sein Schüler Orpheus „die Schrift aus dem Norden nach Griechenland“ brachten, wo sie der griechischen Sprache angepaßt wurde. Noch etliche andere Zeugnisse gibt es, aus denen eindeutig hervorgeht, daß die Ziegenhirten der Levante ihren Hauch von Kultur den vor langer Zeit eingewanderten Nordleuten abgeschaut haben.

Unsere Runen sind nicht aus griechischen, lateinischen, etruskischen, altalpinen oder sonstigen Schriftzeichen entstanden, sondern all diese Schriften gehen auf eine im Norden gebrauchte Ur-Runenschrift sehr alten Datums zurück. Mit den Eroberungszügen der Indogermanen kam diese in alle Teile der damals bekannten Welt. Hier wurde sie von den einzelnen Völkern, die den Zusammenhang mit der alten Heimat verloren hatten und nun immer mehr einer materiellen, städtischen Lebensweise verfielen, ihres kultischen Sinngehalts entkleidet und zu einer profanen Schrift umgebildet. Jürgen Spanuth hat dies schlüssig in seinen Werken nachgewiesen. Da bei den in Mitteleuropa lebenden Germanen infolge der unterbliebenen Vermischung mit anderen Elementen Rasse und Geisteshaltung ziemlich rein bewahrt wurden, haben sich hier die Runenzeichen in der ältesten Zeichnungsart und am ursprünglichsten erhalten.

Das Wort „Runen“ hängt zusammen mit „Raunen“, Flüstern, heimlichem Reden. Dem Germanen waren die Runen etwas Vertrautes, den Fremden waren sie unverständlich und unheimlich. Schon vor vielen tausend Jahren zeichneten mitteleuropäische Menschen buchstabenähnliche Zeichen auf Rentierschaufeln oder auf Bachkiesel und die Archäologen rechnen diese Urkunden zu den ältesten Kundgebungen menschlichen Geistes auf der Erde. Dreifuß, Hakenkreuz, Drudenfuß, Radkreuz, Rechtkreuz, Sonnenscheibe sind wohl die bekanntesten. Die Ur-Rune, die Wenne-Rune, die Odal-Rune, die Man-Rune, die Jar-Rune, die Kaun-Rune und die Yr-Rune sind bereits seit der Steinzeit belegt.

Erinnern wir uns:

Vor rund 5000 Jahren stießen die an der Nord- und Ostsee ansässigen Großsteingräberleute mit den aus Mitteldeutschland nachdrängenden Schnurkeramikern und Streitaxtleuten zusammen. Diese Zeit des „Asen-Wanenkampfs“ ging einher mit einem gewaltigen geistigen Umbruch. Beide Völker schlossen sich nach Übereinkunft zusammen. Aus dieser Verbindung sind unsere Vorfahren, die Germanen hervorgegangen.

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Ihre Vorstellungen waren diese:

Sie glaubten, den Ursprung des Lebens im Wirken von überirdischen Wesen, ihren Göttern zu begreifen, von denen sie abstammten, denen zu helfen sie berufen waren, und zu denen sie nach dem Tode wieder zurückkehrten. Das Ringen um Weisheit schien unseren Vorfahren das Höchste. Und dieses Verlangen floß auch in ihre Mythologie ein. Allvater Odin-Wotan, der seinen Odem allen Wesen einhauchte, suchte nach dem Glauben unserer Ahnen selbst nach höherem Wissen. Dabei fand er die Runen. Der Gelehrte Dr.Hammerbacher schildert das Runenlied der Edda so:

Einst ritt Odin auf seinem Schimmel Sleipnir zur Weltenesche Yggdrasil. Da sah er drei Frauen am Brunnen sitzen und eifrig Fäden spinnen. Sie woben das Schicksalskleid für Götter und Menschen. Nornen wurden sie genannt, Urd, Werdandi und Skuld. Da enthüllten die drei Frauen dem Gott viele Geheimnisse aus grauer Vorzeit und weissagten ihm die ferne Zukunft.

Aber den Gott drängte es, noch mehr zu erfahren über den Weltengrund. Da verwiesen ihn die Frauen an den Riesen Mimir, der am Weisheitsquell haust, dessen nährende Säfte den Weltenbaum speisen.

Odin ritt zu Mimir. Doch der Riese wollte sein Wissen nicht sogleich preisgeben. Da gab Odin dem Gewaltigen sein linkes Auge zum Pfand. Nun eröffnete Mimir ihm tiefe Geheimnisse über die Welt.

Dennoch war Allvater noch nicht ganz zufriedengestellt bei seiner Suche nach Weisheit. Auf dem Rückweg kam er an einem kahlen Baum in öder Heide vorbei. Es war Nebelmond, kalte Dämmerung herrschte ringsum. Da verfing sich sein Mantel in den Ästen des Baumens. Odin hing zwischen Himmel und Erde. Vergeblich versuchte er sich zu befreien. Heervaters Schimmel „Sleipnir“, auch „Gleithuf“ genannt, umkreiste ihn wiehernd. Seine Raben „Hugin“ und „Munin“ – Kunde und Wissen – umflogen ihn unruhig und trugen ihm die Gedanken der Welt zu.

Odin rang mit sich selbst um höchste Weisheit. Neun Nächte hing er am windkahlen Baum. In ihm wurde es immer klarer und lichter. Jetzt endlich fand er die Zeichen der höchsten Lebenswerte. Er beugte sich tief vom Baum herab. Ächzend vor äußerster Anstrengung hob er die Zeichen auf und ritzte sie mit dem Schwert in den Stamm. Runen nannte er die heiligen Zeichen, denn sie raunen dem Kundigen Wissen zu. Nun wuchs dem Himmelsvater die übermächtige Kraft, sich vom Baume zu befreien. Er stürzte hinab, sprang er wieder auf, rief seinen Schimmel und ritt zurück nach Walhall, seiner Götterburg.

(Welch ein Gegensatz zum Gotte der Hebräer, Jehova! In deren Mythos vertrieb dieser seine Kinder, weil sie so werden wollten wie er, weil sie nach Wissen strebten!)

Odin-Wotan weihte seine göttlichen Gefährten in die Kenntnis der Runen ein. Er schenkte sie auch seinen treuesten Mannen, die nach seinen Gesetzen lebten und mit ihm für die göttliche Ordnung in der Welt und gegen die finsteren Mächte stritten. Ausgewählte Frauen wies der Gott ebenfalls in die Kunst der Runen ein. Die Zeichen wurden nun zur heiligen Schrift der Germanen, wie uns das Runenlied der Edda verkündet.
Soweit der Mythos, versuchen wir eine Deutung. Odin reitet zur Weltenesche. Diese war unseren Ahnen als Welten-Achse bekannt. Wir wissen, daß unsere Ahnen eine hochentwickelte Astronomie betrieben – und dies ohne Fernrohre. Ihre Berechnungen führten sie mit Visierungen, Messungen von Schattenlängen und Vergleichen von Sternenpositionen durch. Die Verbindungslinien und Fixpunkte der Sterne wurden in verkleinertem Maßstab mit Hilfe von Holzstäben auf der Erde ausgelegt.

Solche Stäbe mögen vor Odin gelegen haben, als er über die Gesetze der Welt nachdachte.“In ihm wurde es immer klarer und lichter“. Was war der springende Punkt auf der Suche nach den Gesetzen der Welt? Was war die bahnbrechende Erkenntnis?

– Alles kreist! –

Das war es! Für uns Heutige mag es nur wenig sein, denn wir wachsen im Zeitalter der Weltraumfahrt auf. Aber damals war das eine völlig neue Erkenntnis.

Odin hob die Stäbe, die ihm diese Wissen vermittelt hatten, auf und nannte sie Runen. Noch heute heißt im Englischen das Wort „laufen“ „run“, was auch auf den kreisförmigen Lauf der Sterne hindeutet. Und in der Tat lassen sich alle Runenzeichen aus einem Kreis, seinem Durchmesser, seinem Halbmesser und einer Bogensehne ableiten.

Odin ritzte die Runen in den Stamm der Weltenesche. Im Althochdeutschen gibt es das Wort „writan“, was ritzen heißt. Auf der Runenspange von Freilaubersheim ist noch das alte Wort „reitan“ für Schreiben gebraucht. Im Englischen bezeichnet „write“ das Schreiben. Unser heute benutztes Wort „schreiben“ ist hingegen aus dem Lateinischen entlehnt. Es hat mit den Runen nichts zu tun.

Für viele Jahrhunderte wurden nun die Runen in Form der „Gemeingermanischen Runenreihe“ zum gemeinsamen Gut aller Germanenstämme. Ihre Kenntnis war, der damaligen Zeit entsprechend, nicht bei allem Volk verbreitet, sondern hauptsächlich bei den weisen Frauen und den Gelehrten. Auch Fürsten und Heerführer haben sie gekannt, denn man grub sie gerne in die Schmuckstücke der Frauen und in die Waffen der Männer ein. Der eiserne Helm von Negau/Steiermark aus dem Jahre 6 n.Ztw., ist ein solches Beispiel. Wenn auch hölzerne Runendenkmale aus früher Zeit verständlicherweise nicht erhalten geblieben sind, so kennen wir doch etliche Zeugnisse aus den Zeiten, in denen die Metallbearbeitung (Bronze, Gold, Eisen) in Blüte stand.

Als der Römer Tacitus um etwa 90 n.Ztw. seine „Germania“ schrieb, berichtete er, daß Runen aus den Zweigen fruchttragender Bäume geschnitten und über ein weißes Tuch gestreut wurden. Aus ihrer Lage zueinander versuchte man die Zukunft zu ergründen. Dies wurde insbesondere von weisen Frauen, Seherinnen, geübt. Der römische Feldherr Drusus, der im Jahre 9 vor der Zeitenwende auf seinem Marsch durch Germanien beabsichtigte, den römischen Herrschaftsanspruch auf die an der Elbe ansässigen Germanen zu erweitern, war einer solchen Seherin begegnet. Sie weissagte ihm seinen baldigen Tod, was Drusus lachend als „Geschwätz einer Barbarin“ abtat. Kurz darauf stürzte er vom Pferd und starb.

Vor der Zeitenwende überwog die Anwendung der Runen zu rein kultischen Zwecken. Natürlich war damit auch eine Übermittlung von Gedanken, Tatsachen, Beobachtungen, Nachrichten mystischen oder überragenden Inhalts verbunden. Ab dem 3.Jahrhundert nach der Zeitenwende aber wurden die Runen vermehrt als bloße Schriftzeichen gebraucht.Aus dem 6.Jahrhundert ist uns ein diesbezügliches Zeugnis überliefert:

Venantius Fortunatus, Bischof von Poitiers, ein geborener Norditaliener, der seine Jugend in Ravenna verlebte, schreibt in einem Brief an seinen Jugendfreund Flavus, er möge ihm entweder in lateinischer oder in einer anderen Sprache antworten. Wolle er sich der lateinischen Schrift nicht bedienen, dann könne er auch mit „barbarischen Runen“ auf Holztafeln oder glatten Holzstäben schreiben. Mehrere Jahrhunderte später zeichnete der Mainzer Bischof Hrabanus Maurus ( gestorben 856 ) eine vollständige Runenreihe auf mit der Bemerkung: „Dieses wird von den Markomannen, welche wir Normannen nennen, gebraucht“. Und weiter sagt er: „Mit diesen Buchstaben pflegen diejenigen, welche noch Heiden sind, ihre Lieder, Zaubergesänge und Weissagungen aufzuzeichnen.“

Bis etwa um das 8.Jahrhundert standen in Deutschland die Runen in hohem Ansehen. Dann setzten die christlichen Kannibalen zum Sturm auf das Heidentum an. Die Runen wurden nun als heidnisches Zauberwerk verächtlich gemacht und verboten. Fast alle Runendenkmale wurden in Deutschland vernichtet und mit ihnen die Männer und Frauen, die sich zum Glauben und zur Kultur ihrer Vorfahren bekannten.

Jetzt wurden fremde Lettern eingeführt, die nur die christlichen Unterdrücker kannten. Die lateinische Buchstabenschrift wurde vor allem in den Klöstern, den Zwingburgen der Dunkelmänner, verbreitet und zum Werkzeug einer sich bevorrechtigt haltenden Priesterkaste. Die lateinische Sprache drang auf diesem Wege in Germanien ein. In lateinischer Schrift wurden nur jene Ereignisse festgehalten, die der christlichen Bekehrung und der Verbreitung der jüdisch-christlichen Lehre dienten. In der fremden Schrift wurde der Lüge und Verleumdung über unsere frühe Geschichte und unsere Lebensart Tür und Tor geöffnet. Das germanische Geistesgut wurde weitgehend ausgeschaltet und dort, wo das den christlichen Priestern und ihren weltlichen Verrätern nicht gelang – weil es zutiefst in unserem Wesen gründet – zum Teufelswerk verfälscht oder entstellt.

Nicht mehr unter freiem Himmel, an besonders ehrwürdigen Plätzen, wurde jetzt Recht gesprochen. Mit der lateinischen Schrift wurden Rechtsgrundsätze aufgezeichnet, die das germanische Recht ausschalten sollten. Das römische Recht verbreitete sich bei uns. Todesstrafen wurden für Menschen eingeführt, die dem Glauben der Väter treu bleiben wollten. Die „Sachsengesetze“ Kaiser Karls sind ein entsetzliches Beispiel dafür.

Im Alter ließ Kaiser Karl trotz christlicher Verderbtheit die alten germanischen Götter- und Heldenlieder sammeln und aufzeichnen. Er hätte das besser nicht getan! Sein Sohn Ludwig der „Fromme“ ließ das gesamte wertvolle Schriftgut in christlicher Verblendung verbrennen, sodaß es für immer verloren ist. Das wundert uns gewiß nicht, wenn wir erfahren, daß er sehr unter dem Einfluß seiner zweiten Frau namens Judith stand. Auf ihr Betreiben hin räumte er den Hebräern weitestgehende Rechte ein, erlaubte ihnen die Haltung von Sklaven, das Pachten und Eintreiben von Steuern, die Freistellung von der kaiserlichen Gerichtsbarkeit. Einen eigenen Beamten mit dem Titel „Judenmeister“, stellte er für die Überwachung und Einhaltung dieser Privilegien ab.

Die Erinnerung an die Runen als Schriftzeichen, aber auch als magische Heils- oder Unheilszeichen blieb bei den Nordgermanen, die erst viel später zum Christentum gezwungen wurden, noch lange lebendig, in Resten sogar bis in unsere Tage. Selbstbewußt stellt sich der Runenmeister des Seeländer Brakteaten (Münze) mit dieser Inschrift vor: „Harihua heiß ich – der Gefährliches Wissende – ich gebe Glück“. Noch 1333 können wir den Gebrauch der Runen zur Beschwörung feststellen: Auf einer Insel der nordamerikanischen Davis-Straße wurden drei Jäger der Wikingersiedlung auf Grönland von einem Schlechtwetter überrascht. Den drohenden Schneesturm beschworen sie nun durch Runen, und zwar verwendeten sie die IS-Rune in Zahlenwerten. In Wodans Runenlied in der Edda heißt es von der IS-Rune: „Dem Sturm biet ich Stille, wie steil auch die See – und wiege die Wogen in Schlummer“.

Im Norden haben viele Runendenkmale die Versuche der jüdisch-christlichen Kirche sie zu beseitigen, überstanden. Dabei ließ die Kirche auch im Norden kein Verbrechen aus. Als im Jahre 1626 in Island 22 Männer und Frauen als Hexen verbrannt wurden, war das erste Opfer dieses christentypischen Verbrechens ein gelehrter Mann, unter dessen Schriften man nur ein einziges Runenzeichen gefunden hatte.

Diese Männer und Frauen sind – wie alle Opfer der christlichen Gewaltherrschaft – nicht vergessen bis ihnen Genugtuung zuteil geworden ist. Sei es als öffentliche Entschuldigung der Kirchen, sei es als Vergeltung!

Auch die lateinische Schrift wurde im Laufe der Zeit verändert. Kaiser Karl hatte um 800 den lateinischen Kleinbuchstaben, die „karolingische Minuskel“ eingeführt. Jetzt, um 1200, bildete sich aus dieser Schrift mit ihren vielen Rundungen eine neue, schmale, lange, eckige Schrift heraus, die wir „gotische Schrift“ nennen. In ihr drückten sich hervorragende Geister wie Meister Eckhard, Heinrich Seuse, Johann Tauler – Menschen, die das Christentum geistig schon überwunden hatten – aus. Als Johannes Gutenberg die Buchdruckerkunst erfunden hatte, kam auch wieder die deutsche Sprache, die lange Jahrhunderte in der Gelehrtenwelt garnicht mehr gesprochen wurde, zur Geltung. Mit ihr begann sich die seelische Freiheit wieder zu entfalten, die Kennzeichen unserer Menschen ist.

Eine neue Schriftform entwickelte sich aus der gotischen Schrift heraus unter Benutzung altgriechischer und altlateinischer Buchstaben. Wir nennen diese die „deutsche“ Schrift. Unter Hinzufügung weiterer fremder Teile entwickelte sich diese zur „Fraktur“, die nicht zu Unrecht „gebrochen“ heißt. Sie stellt einen Bruch mit unserer heiligen Schrift dar und entspricht damit dem seelischen und rassischen Bruch, den das deutsche Volk und das Germanentum, mit seiner Vergangenheit und seinem Ursprung aus der Geborgenheit bei seinen Göttern erlitten hatte. Mit den Runen hat die Fraktur-Schrift nichts zu tun.

Rom setzte die „Gegenreformation“ sowie den Jesuitenorden in Marsch um die in Deutschland aufkommenden freiheitlichen Regungen zu unterdrücken, was leider teilweise gelang. Aber insgesamt gesehen war der Durchbruch geschafft. Das Zeitalter der Aufklärung tat ein übriges.

Nach den Freiheitskriegen der Jahre 1807 bis 1815 widmeten sich deutschbewußte Gelehrte, insbesondere Jakob Grimm, nach Vorarbeiten skandinavischer Forscher, den Runen. Die wenigen noch vorhandenen Zeugnisse wurden nun wissenschaftlich untersucht und ihre Bedeutung größtenteils erkannt. Aber auch heute noch sind nicht alle Geheimnisse der Runen enträtselt und es gibt unterschiedliche Auffassungen in einigen Einzelheiten. Im großen Ganzen aber haben wir doch ein ziemlich sicheres Wissen über unsere heilige Schrift, auch wenn künftige Forschungen den einen oder anderen Gesichtspunkt noch ergänzen oder berichtigen sollten.

Warum also zögern wir, die Runenschrift als unsere ureigenste Schrift einzuführen, und sei es zunächst nur innergemeinschaftlich? Wollen wir warten bis andere das tun oder diese Schrift vielleicht „von selbst kommt“? Sind wir zum Gebrauch nicht sogar verpflichtet? Vergessen wir nicht:

Die Runenschrift steht uns zu. Wer aber ein Recht nicht wahrnimmt, gibt es preis!

Als Gemeinschaft, die zur Religion ihrer Vorfahren zurückgefunden hat, die gemeingermanisches Lebensgefühl entwickeln und pflegen will, die vielleicht einmal die Begründerin einer nordisch-germanischen Nation sein wird, ist es unsere Pflicht, alles zu tun, um das zu bewahren, was von unseren Ahnen auf uns gekommen ist. Und dazu gehören unsere Runen!

Also, entscheiden wir uns!

Ein ernst zu nehmender Einwand soll nicht verschwiegen werden:

Runen sind ehrwürdige Zeichen, die zunächst zu kultischen Zwecken und nicht zum Schreiben von Mitteilungen gefunden/erfunden wurden. Jedes Zeichen hat seinen eigenen Namen und seine eigene Bedeutung und umschreibt Gegebenheiten oder Lebensbereiche, die unseren Ahnen verehrenswert schienen. Daher sprechen wir auch von den Runen als heiligen Zeichen. Das soll nicht angetastet werden!

Man muß aber auch sehen, daß mit zunehmender Verbreitung der Runen diese schon ziemlich frühzeitig und bis in unsere Zeit für gewöhnliche Mitteilungen verwendet wurden. Ein besonderes Beispiel für den profanen Gebrauch dieses unseres Erbes sei noch erwähnt:

Die berühmte Arne Magnussensche Sammlung isländischer Handschriften in Kopenhagen enthält nicht nur das in Runen geschriebene „Gesetz von Schonen“, sondern auch ein kleines Bruchstück eines alten, in Runen geschriebenen nordischen Volkslieds, sogar mit Noten. Hier der Text:

Droemde mik aen droem i nat

um silki ok aerlik pael

„Träumte mir ein Traum heut nacht

von Seide und herrlichem Pelz.

Die Melodie dieses Lieds war bis vor einigen Jahren das Erkennungszeichen des Mittelwellensenders Kopenhagen.

Noch andere Beweise sind uns erhalten, daß die Runenschrift als Gebrauchsschrift nie ganz verschwunden war. So ist uns ein Tagebuch des schwedischen Generals Mogens Gyldenstjerne aus dem Jahre 1543 erhalten, das mit so fließender Hand in Runenschrift geschrieben ist, daß man darin große Übung voraussetzen muß. Unter Gustav Adolf schrieb der schwedische Feldherr Jacob de la Gardie alle geheimen Anweisungen an seine Platzkommandanten in Runenschrift, und unter den Bauern Dalarnes, sowie in anderen abgelegenen nordischen Gegenden hielten sich die Runen bis in unsere Zeit.

Auch in Deutschland haben wir ein Schreiben in Runenschrift. Es stammt aus der Zeit zu Beginn des 30-jährigen Kriegs. Im Archiv des Gutes Haseldorf in der Elbmarsch fand man 1893 eine Papierhandschrift mit Runenzeichen, die aus dem Kloster Doberan in Mecklenburg stammt. Es ist das „Anthyr-Lied“, das wohl um 1521 gedichtet wurde. In ihm wird der griechische Held Anthyr, ein Kampfgenosse Alexanders des Großen, als Stammvater der mecklenburgischen Herrscher besungen. Der Dichter ist unbekannt.

Runen umschreiben Lebensbilder, ähnlich wie das die japanischen oder chinesischen Schriftzeichen auch tun. Einzelne Runen stellen nichts anderes als eine Bilderschrift dar. Lateinische Buchstaben sind nur Einzelteile eines Wortes. Nun ist es in der heutigen Zeit nicht mehr möglich, sich in Bilderschriften auszudrücken. Japaner und Chinesen haben derzeit die größten Schwierigkeiten, ihre annähernd 70 000 Zeichen (Bilder) trotz Computereinsatzes in eine zeitgemäße Ausdrucksweise zu verändern. Sie sind derzeit dabei, ihre Zeichen auf die Bedeutung von zunächst Silben, später Buchstaben zu vermindern.

Das soll mit den Runen nicht geschehen! Sie sollen als Einzelzeichen ihren Namen und ihre alte Bedeutung unverändert und vollständig beibehalten. Aneinandergereiht aber sollen sie Wörter und Sätze bilden, die wir zu unserer schriftlichen Verständigung gebrauchen wollen – so wie das unsere Ahnen auch taten.

Damit wir uns recht verstehen:

Niemand will die lateinische Schrift abschaffen, aber steht es der AG nicht zu, sie als ein uns aufgedrängtes fremdes Gut zu erkennen und sie zumindest für den innergemeinschaftlichen Gebrauch infrage zu stellen? Wenn wir wirklich zu den Quellen unseres Wesens gelangen wollen, dann müssen wir nicht nur gegen den Strom dieser Zeit schwimmen, sondern auch konsequent das Verschüttete freilegen und wieder in Gebrauch nehmen. Auf religiösem Gebiet sind wir dabei schon ein gutes Stück vorangekommen. Auch in unserer schriftlichen Ausdrucksweise sollten wir das wieder aufnehmen, was unsere Ahnen nicht weiterentwickeln konnten, als sie in die christliche Knechtschaft gehen mußten.

Treffen Sie Ihre Entscheidung! Falls diese für die Runenschrift ausfällt, fangen die Schwierigkeiten jetzt an.Zunächst müssen die Runenzeichen „gelernt“ werden. Aber welche? Es gibt mehrere Runenreihen, was historische Gründe hat:

Als um etwa 1000 die Nachricht vom brutalen Vorgehen der christlichen Priester in den Norden drang, erfüllte das die Bewohner mit Besorgnis. Zur Abwehr jener Einflüsse aus dem Süden, schufen die Runenmeister eine abgewandelte Runenschrift, die für fremde Reisende unkenntlich war. Daraus entstand der „Jüngere Futhark“ mit nur noch 16 Zeichen. Etwa um 1200 erkannte man, daß die 16 Zeichen nicht ausreichten. Der isländische Skalde Olaf Hvitaskjald erweiterte diese im Auftrag König Waldemars von Dänemark zu den „König Waldemars Runen“, die alle in dem Satz „Der Mann, dessen Kinn zerschlagen wurde, flieht das Ballspiel“ enthalten sind. Diese Runen wurden nur in Südschweden und Dänemark verwendet. In England entwickelten sich die Altenglischen Runen. Die jüngeren, vereinfachten, nur im Norden gebrauchten Runen, wurden übrigens besonders gern auf Runensteinen eingemeißelt. Daneben wurden noch stablose Runen und punktierte Runen entwickelt.

Einerseits ist die kulturelle Vielfalt des germanischen Geisteslebens sehr erfreulich. Leider entstand damit aber auch eine Kluft zwischen Nord- und Südgermanen, die sich nie wieder ganz schließen ließ.

Da wir heute an einem Neuanfang stehen und „gemeingermanisch“ denken und handeln, kommen die nur in eng begrenzten Räumen verwendeten Runen, also die punktförmigen Runen, die altenglischen Runen oder die des jüngeren Futharks für den modernen Gebrauch nicht infrage. Es müssten außerdem zu den vorhandenen 16 Runen noch 10 weitere hinzugefügt werden, was ein Gemisch aus alten und jüngeren Runen ergäbe. Viel besser ist es, den bereits vorhandenen, älteren, gemeingermanischen Futhark zu verwenden. Schließlich war diese Runenreihe schon einmal gemeinsames Kulturgut aller Germanen. Es müssen zu den 24 Zeichen nur zwei neu hinzugefügt werden und zwar die ohnehin selten gebrauchten Zeichen für Q und X.

Wer Runenschrift also schreiben möchte, lerne zuerst die 26 Zeichen der „Odinsschrift“, wie wir zu unserer Schrift auch sagen können.

Dazu kommen noch zehn „Stabzahlen“, wie sie unsere Vorfahren verwendeten. Die Interpunktion kann so bleiben wie sie ist.

Es gibt viele Wege, die Runenschrift und das Runenlesen zu erlernen. Wenn man jeden Tag nur drei Zeichen sich merkt, kann man nach einer Woche bereits Runenschrift schreiben und lesen. Es fehlt dann nur noch die Übung um „flüssig“ zu werden. Für Schreibübungen kann man z.B. alle möglichen Schriftstücke in die Odinsschrift übertragen. Zum Übungslesen könnte z.B. künftig jeder Ausgabe dieser Zeitschrift eine Seite Runentext beigefügt sein. Außerdem können beim Verfasser Aufsätze, die in Runenschrift geschrieben sind, angefordert werden.

Es ist eigentlich sehr leicht, den gemeingermanischen Futhark zu erlernen und zu gebrauchen und es macht auch Spaß, letztendlich bringt man durch den Gebrauch ein altes, eigenes Kulturgut „zum Leben“.

Fassen wir zusammen:Die Runen gehören zu den ältesten Zeugnissen menschlichen Geistes.Sie sind schon vor vielen tausend Jahren hier in Mitteleuropa entstanden und bei den indogermanischen Wanderungen in alle Teile der damals bekannten Welt verbreitet worden. Sie dienten den Völkern, die mit ihnen in Berührung kamen als Anregung und Vorbild für die Entwicklung eigener Schriften.

Die Runen wurden zunächst als kultische Zeichen erfunden. In der germanischen Mythologie kommt ihnen eine zentrale Bedeutung zu. Ihre Herkunft von Odin weist darauf hin.

Jedes Runenzeichen beschreibt ein ganzes Lebensbild, so wie es bei unseren Ahnen tatsächlich vorkam.

Runen als einzelne Zeichen hatten magische Bedeutung, vorwiegend sollten sie beschützen. Daher wurden sie gern auf Waffen und Schmuckstücken eingeritzt. In späterer Zeit wurden die einzelnen Zeichen aneinander gereiht und zur Erstellung von Worten, Sätzen, Schriftstücken verwendet. Bis zur gewaltsamen Christianisierung, etwa um 800, wurden in Deutschland Lieder, Zaubersprüche, Weissagungen in Runenschrift aufgezeichnet.

Mit dem Eindringen des Christentums wurde der Gebrauch der Runen verboten, die gesammelten Aufzeichnungen wurden vernichtet. Es wurde jetzt die lateinische Schrift, das lateinische Recht und die lateinische Denkweise gewaltsam eingeführt.

Erst im 19. Jahrhundert begann die wissenschaftliche Erforschung der Runen. Leider wurde bis heute der Gebrauchswert der Runen als schriftliches Ausdrucksmittel nicht entsprechend untersucht und nicht diskutiert.

Im Computer-Zeitalter ist es kein Problem, jedes beliebige Schriftstück in Runenschrift zu schreiben, man muß es nur wollen.

Abschließend sei allen Menschen unserer Art, die sich um unsere heilige Schrift verdient gemacht haben, dieser Satz Thorolf Wardles gewidmet:

Einst mit den Asen kamen sie –

Einst mit den Asen verschwanden sie.

Heut kehren wieder Asen und Runen!

Quelle: http://www.asatru.de/nz/index.php?option=com_content&view=article&id=87:odins-runen-unsere-schrift-&catid=7:runen&Itemid=28

Gruß an die Asen

TA KI

Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 2


Der Krieg der Götter

Von Tor Åge Bringsværd

 

Noch war es nicht soweit. Denn die Welt war jung. Alles musste erst gelernt und ausprobiert werden. Die Vögel mussten lang üben, bis sie so gut singen konnten wie heutzutage und die Bienen wussten noch nicht so genau, wie sie an den Honig kamen. Fliegen, Schwimmen, Laufen – das alles wollte gelernt sein. Noch war das Leben nicht festgelegt und festgefahren, alles konnte sich ändern. Auch die Menschen fanden erst nach und nach heraus, wozu sie fähig waren, zu Liebe und Treue, aber auch zu Hass und Verrat. Wer war Freund und wer Feind? Das war nicht immer leicht zu entscheiden. Die Zeit war voller Unsicherheit und Neugier. Zum Beispiel sahen die Menschen gar nicht ein, warum ein Mann nicht viele Frauen haben kann und auch die Frauen sahen es nicht so genau mit der Treue und wussten nicht, ob sie sich an einen halten sollten, oder ob es nicht lustiger mit mehreren war. So war es auch bei den Göttern. Odins Frau war Frigga, die erste und vornehmste unter den Göttinnen. Mit ihr hatte er auch seinen erstgeborenen Sohn, der Baldur hieß. Aber das hinderte ihn nicht daran, sich mit anderen Frauen einzulassen. Seinen zweiten Sohn, den Donnergott Thor, zeugte er mit einer Trollfrau, obwohl es zwischen Asen und Riesen einen uralten Streit gab. Aber man kann sich auch in eine Feindin verlieben – warum nicht? Vielleicht ist das sogar spannender. Damals hat es auch Überläufer gegeben. Loki zum Beispiel, dessen Eltern Riesen waren, hat sich schon sehr früh mit Odin angefreundet und ist in Asgard, der Burg der Götter eingezogen. Ja es war eine recht verworrene Zeit, das muss man schon sagen. Auch Odin war rastlos. Es gab so vieles, was er nicht wusste und das war ihm sehr unangenehm; denn als der oberste aller Götter wollte er sich wohl ganz genau auskennen in der Welt, über die er herrschte. Deshalb begab er sich auf Wanderschaft und damit ihn nicht jeder gleich erkannte, verkleidete er sich in tausenderlei Gestalten. Er sprach mit Tieren und Menschen, mit Trollen und Wahrsagerinnen, wo er sie traf. Wer die Welt erschaffen hat, sagte er sich, muss sie auch verstehen.

 

Er wagte sich weit ins Land der Riesen, nach Jotunheim, hinein. Er hatte nämlich gehört, dass dort einer lebte, von dem es hieß, er sei das klügste von allen Geschöpfen. Dieser Troll hieß Mime. Er war ein Einsiedler, der sich fern von den andern Riesen hielt und der Weg zu seiner Behausung war voller Gefahren. Was scherten Odin solche Hindernisse! Er wollte wissen, woher Mime seine Weisheit hatte, als er ihn heimsuchte, sah er, wie der Troll aus seiner Quelle trank. Das war Mimes Geheimnis; denn das Wasser aus diesem Brunnen macht jeden, der davon trinkt, jedes Mal ein wenig klüger als zuvor. „Ich will auch von deiner Quelle trinken“, sagte Odin. „da könnte ja jeder kommen“, antwortete Mime. „Wer bist du überhaupt? Und wer hat dich eingeladen?“ „Ich bin nur ein gewöhnlicher Wanderer“, sagte Odin, der nicht wollte, dass jeder wusste, wer er war. „Diese Quelle ist nicht für jeden hergelaufenen Landstreicher da“, rief Mime, „der einzige der aus ihr trinken darf bin ich!“ Odin versuchte es zuerst mit Versprechungen, doch Mime sagte: „Was kann ein Kerl wie du mir schon versprechen, das ich nicht selber hätte?“ Und als sich Odin auf Drohungen verlegte, lachte er ihn aus. Nun muss man wissen, dass Odin damals noch ein sehr junger Gott war, dem es an Selbstvertrauen fehlte. Seiner Allmacht war er ganz und gar nicht sicher und er hatte nicht das Gefühl, dass er der Klügste war. Vielleicht hatte Mime mich durchschaut, dachte er und macht sich lustig über mich? Aber so war es nicht, denn plötzlich fuhr ihn Mime an: „Gib mir eins von deinen Augen!“

 

Fenrir

Fenrir beißt Tyr´s Hand ab, als die Götter ihn fesseln.

Odin traute seinen Ohren nicht zu trauen. „Her damit!“ rief der Troll, „dann kannst du von meinem Brunnen trinken, soviel du willst.“ Odin ließ sich durch Mimes Verlangen nicht abschrecken, denn noch nie war einer im Himmel oder auf der Erde so auf Weisheit und Erkenntnis erpicht wie er. Ohne einen Moment zu zögern, riss der Fremde sich ein Auge heraus, legte sich an die Quelle und trank. Da fiel es Mime wie Schuppen von den Augen und er begriff, mit wem er es zu tun hatte. Er war schließlich der Klügste unter den Riesen. Das war kein gewöhnlicher Landstreicher, das war ein Gott. Und Mime beschloss, sich Odin anzuschließen, sein Freund und Ratgeber zu werden. Mimes Quelle lag unter einer gewaltigen Baumwurzel. „Warum schlägst diese Wurzel nicht ab?“ fragte Odin. „Dann ist es bequemer aus ihr zu trinken.“
„Wo denkst du hin? Weißt du nicht, dass es kein gewöhnlicher Baum ist, aus dem diese Quelle ihr Wasser zieht? Es ist die Weltesche Yggdrasil, die drei Wurzeln hat, eine hier wo du jetzt sitzt, die zweite in Niflheim, weit im nördlichen Nebel und die dritte….“
„Die dritte dort, wo ich herkomme“, sagte Odin. „Bei allen Göttinnen in Asgard.“
„Dann begreifst du wohl, dass man Wurzeln dieses Baumes nicht antasten darf, denn er ist heilig und wehe uns allen, wenn ihm jemand etwas zuleide tut. Ja mein Freund, wer die Welt verstehen will, der muss wissen, was es mit Yggdrasil auf sich hat.“
Das nahm Odin sich zu Herzen und als er wieder zu Hause war, legte er sich auf die große Wiese und blickte nach oben. Er sah, dass die Weltesche einer Säule glich, auf der der Himmel ruht. Aber er bemerkte auch, dass in ihrer Krone und ihrem Geäst allerhand Getier hauste. Von dem Honigtau, der aus ihrem Laub tropfte, lebten die Bienen. Die waren harmlos, aber von den vier Hirschen, die zwischen den starken Ästen herumspringen, konnte man das nicht sagen, denn sie rauften das Laub ab und nagten an den frischen Trieben. In Yggdrasils Wipfel nistet ein kluger Adler und zwischen seinen Augen, hat sich ein Habicht niedergelassen. Und das ist noch nicht alles! Odin hat auch von der großen Schlange Neidhieb reden hören, die im fernen Niflheim zu Hause ist, an einer der drei Quellen. Ausgerechnet an der Wurzel soll sie sich niedergelassen haben. An der nagt und wer weiß, wie lange die Esche das aushalten kann. So geriet Odin ins Grübeln. Was geschieht wenn de Baum verrottet, oder wenn jemand ihn fällt, fragte er sich. Doch zögerte er auch, das zu ändern, was er nicht verstand, oder das zu vernichten, was er nicht leiden mochte. Lieber wollte er versuchen, zu schützen und zu hüten, was ihm gut und teuer schien. Vor allem musste er sich um seine eigene Quelle kümmern, die mitten in Asgard entsprang. Ihr frisches Wasser, speist einen Teich, auf dem zwei Schwäne schwimmen und drei mächtige Frauen, die man die Nornen nennt, behüten sie: Urd, Werlande und Skuld, die das Gute und das Böse bestimmt. Also bat Odin als erstes die Nornen, die Wurzel jeden Tag reichlich zu wässern, damit die große Esche nie vermodern sollte. Außerdem befahl er, um Yggdrasil Ehre zu erweisen, dass die Asen fortan, um ihren Rat zu halten, an der Quelle sitzen sollten.

 

Das war auch dringend nötig, denn lange währte der Frieden nicht. Eines Tages tauchte in Asgard eine Hexe auf. Odin war nicht geneigt, sie zu empfangen. Aber er war und ist ja der Gott der Gastfreundschaft und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sich an seine eigenen Gesetze zu halten. Gullveig – so hieß der unerwünschte Gast – leuchtete die Gier aus den Augen. Gold und Reichtum, das war für sie das Wichtigste auf der Welt und mit dieser Liebe zum Gold, suchte sie auch alle anderen anzustecken. „Wie könnte ich nur glücklich sein, wenn ihr keine Schätze habt?“ geiferte sie. Das waren starke Worte, die auch auf die Asen Eindruck machte. Schon dachten einige daran, auf Beute auszugehen. Aber Odin sah beizeiten, wohin das führen musste, und er warnte seine Leute. „Ohne diese Hexe“, sagte er, „Wäre die Welt ein besserer Ort. Wir müssen sie los werden.“ Da ergriffen die Asen Gullveig, stachen mit ihren Speeren auf sie ein und warfen sie ins Feuer. Aber die Hexe war zäh. Als die Flammen abgebrannt waren, stand sie wieder auf und war so lebendig wie zuvor. Dreimal versuchten die Asen, sie auf den Scheiterhaufen zu werfen, doch jedes Mal stieg sie frisch und munter aus dem Feuer. Die Götter konnten ihr nicht den Garaus machen, denn Gullveig war eine äußerst trickreiche Trollfrau und noch dazu eine die zaubern konnte. Den Asen war es nicht gegeben, mit schwarzer Magie umzugehen. Ihre Kraft war nicht darin, zu trügen und zu lügen, sondern darin, Neues zu erschaffen. Höhnisch lachend ging Gullveig ihres Weges und seitdem wandert sie unter tausend falschen Namen und Masken durch die Welt und verleumdet die Asen. Überall stiftet sie Unfrieden unter den Menschen und freut sich jedes Mal, wenn sie wieder eine Freundschaft zerstört, oder einen Familienstreit angezettelt hat. Zuerst aber machte sie sich auf den Weg nach Wanheim zu den unbekannten Göttern, die dort lebten. Mit herzbewegenden Worten schilderte sie den Wanen, welche Grausamkeiten sie in Asgard zu erdulden hatte. Die Wanen waren empört. Vielleicht war ihnen die Hexe auch sympathisch, weil sie, wie es heißt, selber reichlich viel Gefallen an der Zauberkunst fanden. Jedenfalls wusste Gullveig, wie sie es anstellen musste, sie gegen die Asen aufzuhetzen. „Mag schon sein“, sagte sie, „dass die Asen die Welt erschaffen haben. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie über alle anderen herrschen sollen. Immer führen sie das große Wort, so als hätte unsereins nichts zu sagen.“
Diese Reden gefielen den Wanen, die sich schon lange darüber geärgert hatten, dass sich niemand um sie kümmerte. „Recht hast du!“ riefen sie. „Wir haben es satt, die zweite Geige zu spielen. So kann man mit uns Wanen nicht umspringen. Lasst uns ein Heer rüsten und denen auf Asgard zeigen, wer auf dieser Welt die Stärkeren sind.“ Und das ließen sich die Wanen nicht zweimal sagen. Aber Odin entgeht so leicht nichts, was auf der Welt vorgeht. Er bemerkte von seinem Hochsitz aus, wie sich die Wanen zum Kampf rüsteten. Schon von weitem sah er sie mit ihren Reitern anrücken und er befahl den Seinen, sich zu rüsten. Vor den Mauern von Asgard trafen die beiden Heere aufeinander. Einen Augenblick lang standen sie Auge in Auge. Dann zögerte Odin nicht länger und warf seinen Speer in die Schar der Feinde. Der erste Krieg hatte begonnen.
Anfangs sah es ganz so aus, als behielten die Wanen die Oberhand. Sie hatten die stärkeren Flüche, die sie den Asen an den Kopf warfen, aber das war nur ein Teil ihrer Zaubertricks. Manche benützten Tarnkappen, andere täuschten Angreifer vor, die gar nicht da waren; wenn die Asen auf sie losgingen, fanden sie nur tote Baumstümpfe, auf die sie einschlugen. Sogar die Mauern der Götterburg erzitterten unter den Zaubersprüchen und hie und da gelang es den Wanen, Breschen in die Festung zu schlagen und auf die große Wiese vorzudringen. Aber auf die Dauer waren die Machenschaften der Wanen der Kraft der Asen nicht gewachsen und die Angreifer wurden in die Flucht geschlagen. Das Heer der Götter trieb sie vor sich her, bis in ihr eigenes Gebiet und nun begann ein Plündern und Brandschatzen, in Wanheim, das den Besiegten die Tränen in die Augen trieb. Der Kampf kostete auf beiden Seiten vielen das Leben. Odins Brüder fielen, aber auch die alte Hexe Gullveig überlebte nicht.
Doch die Wanen wehrten sich erbittert und je länger der Krieg dauerte, desto mehr mussten die Kämpfer einsehen, dass keine der beiden Seiten gewinnen würde. Wenn keiner diesem Wahnsinn ein Ende machte, stünde bald die ganze Welt in Flammen. Deshalb beschlossen die Anführer zu verhandeln. Ein Treffen der Gesandten wurde vereinbart und nach langem Hin und Her riefen sie einen Waffenstillstand aus. Als Unterpfand des Friedens, tauschten sie Geiseln aus. Die Wanen sandten einen ihrer besten Männer nach Asgard. Er hieß Njord und er brachte einen Sohn und eine Tochter mit, Frei und Freia. Dafür mussten die Asen Huhne einen der Ihren, nach Wanheim schicken, und Mime, der klügste aller Trolle, musste ihn begleiten.
Odin wollte den Streit ein für allemal zu Ende bringen. Deshalb befahl er, dass die drei Geiseln aus Wanheim wie Gäste behandelt werden sollte. Er räumte ihnen sogar einen Platz im Rat der Götter ein. „Von nun an“, sagte er, „sollen sie gleiche Rechte und Pflichten wie wir alle haben und zu uns gehören.“
Im Gegenzug dazu wählten die Wanen Huhne zu ihrem Häuptling.
Odins Entscheidung war klug, denn auf diese Weise erfuhren die Asen vieles, was sie von ihren Gegnern nicht gewusst hatten: Wie es in Wanheim zuging und was für seltsame Sitten dort herrschten. Zum Beispiel war es bei den Wanen immer noch der Brauch, dass Geschwister einander heirateten. Njord war einer von denen, die ihre eigene Schwester geschwängert hatten und so waren Frei und Freia enger miteinander verwandt als andere Leute.
Noch viel spannender war das, was die Asen über die magischen Künste der Wanen zu hören bekamen; dass Njord sich darauf verstand, den Wind, die See und das Feuer zu beherrschen; wenn er will, kann er Glück beim Fischen und Heil bei der Jagd herbeizaubern. Und Frei ist noch mächtiger als sein Vater, denn er kann gutes und schlechtes Wetter machen und ist Herr über alles, was wächst. Auf diese Weise bringt er denen, die er schätzt Wohlstand und Frieden. Aber die reizendste und gefährlichste unter den Wanen ist doch seine Schwester Freia. Keine auf der Welt ist schöner als sie. Sie fährt einen Wagen, der von zwei Katzen gezogen wird und wenn sie fliegen will, verwandelt sie sich in einen Falken. Wenn sie weint, vergießt sie Tränen aus schierem Gold. Vor allem aber ist sie die Göttin der Liebe und von allen Mächten die das Leben der Götter und der Menschen beherrschen, ist die Liebe die Stärkste.
Das alles vernahmen die Asen und sie konnten von diesen Wundern nicht genug kriegen. Odin merkte sich alles, was er zu hören bekam, aber auch Loki, der Riesensohn, der mit ihm Blutsbrüderschaft geschlossen hatte, spitzte die Ohren. Loki ist ein ausgesprochen hübscher Troll, aber man kann ihm nie ganz über den Weg trauen, denn er ist listig und gemein. Insgeheim hält er es immer noch mit dem Clan der Riesen. Doch Odin hat von Anfang an einen Narren an ihm gefressen und vertraut seiner glatten Zunge. Loki versteht sich auf die Kunst, Worte zu verdrehen und alles zu seinem Vorteil zu wenden. Schon vorher war ihm die Zauberkunst nicht fremd, aber was er nun von den Wanen gelernt hat, macht ihn noch viel gefährlicher.
Der erste, den er in seiner Bosheit aufs Korn nahm, war Thor, Odins erstgeborener Sohn. Der hat von der Klugheit seines Vaters kaum etwas geerbt. So simpel, wie er war, bot er sich Loki als leichtes Opfer an. Außerdem ist er hitzig und kann sich nur schwer beherrschen. Andererseits fehlt es ihm nicht an Gerechtigkeitssinn; gern beschützt er die Schwachen, wenn ihnen jemand unrecht tut. Jedes Mal wenn die Riesen in Mitgard einfallen, um die Menschen zu plagen, ist Thor zur Stelle, um ihnen zu helfen. Da sind die Trolle gut beraten, wenn sie von ihren Opfern ablassen und fliehen; denn Thor ist groß und stark und wenn er seinen Gürtel anlegt, verdoppeln sich seine Kräfte. Er hasst Verrat und Ränkespiele. Wahrscheinlich war das der Grund dafür, dass Loki sich gerade ihn ausgesucht hatte, um eine Probe seine Tücke zu liefern.

 

In der Nacht können sich die Asen sicher fühlen. Sie schlafen ruhig, denn sie wissen, dass Heimdall, der Gott der am Fuß der Regenbogenbrücke wohnt, Wache hält. Der braucht weniger Schlaf als ein Vogel und er kann, ob es Tag oder Nacht ist, hundert Meilen weit sehen. So gute Ohren hat er, dass er nicht nur das Gras, sondern auch die Wolle an den Schafen wachsen hört. Kein Feind kann sich den Mauern von Asgard nähern, ohne dass Heimdall es bemerkt.
Aber diesmal kommt der Feind nicht von draußen. Der Schwarzgewandte, der sich von Haus zu Haus schleicht, ist einer von den eigenen Leuten. Jetzt nähert er sich einem riesigen Gebäude, das vierhundertfünfzig Zimmer hat. Thor hat sich in seinem Übermut dieses Haus gebaut. Aber heute schläft er nicht in seinem Bett. Er ist hinausgeritten um gegen die Riesen zu kämpfen.
Alle Lichter sind gelöscht und es ist still im ganzen Haus. Der Eindringling geht auf Zehenspitzen durch die Flure und blickt durchs Schlüsselloch in jedes Zimmer. Endlich findet er, was er gesucht hat. Der Mond scheint durchs Fenster und in seinem schwachen Schein sieht er Thors Frau daliegen. Dann macht er sich so klein, dass er durchs Schlüsselloch in Sivs Schlafzimmer kommt.
Am andern Morgen kommt Thor nach Hause. Wieder einmal hat er die Riesen besiegt. Jetzt ist er müde und möchte sich ausschlafen. Er ruft: „Liebe Siv, las mich herein!“
Aber Siv antwortet ihm nicht. Er hört wie sie weint und hitzig wie er ist, sprengt er sogleich die Tür auf. „Schau mich nicht an!“ bittet ihn seine Frau, „bitte schau mich nicht an!“ Und sie versteckt sich unter der Bettdecke.
Ungeduldig reißt Thor die Decke in die Höhe und was er da zu sehen bekommt, erfüllt ihn mit rasender Wut. Denn Siv, die so wunderbares Haar hatte, dass sogar Freia, die Liebesgöttin neidisch wurde, ist am ganzen Kopf kahl wie eine Puppe. „Wer hat das getan?“ brüllt Thor. „Ich weiß es nicht“, sagte Siv. „Ich bin eingeschlafen und als ich aufwachte…“ Sie bricht in Tränen aus. Thor glaubt ihr; ja, er ahnt sogar, wer das gewesen sein könnte. Und er hat richtig geraten.
Denn zur gleichen Stunde sitzt Loki bei seinen Kumpanen und prahlt. „Oh, bei Siv war ich mehr als willkommen. Sie hatte nichts dagegen, im Bett Besuch zu bekommen.“ Großes Gelächter „Kein Wunder“, sagen Lokis Freunde. „Thor ist ja fast nie zu Hause.“
Aber das Lachen vergeht ihnen rasch, denn nun steht Thor in der Tür. Seine Augen sprühen Funken und er hat drohend seine Faust erhoben. „Immer mit der Ruhe“, zwitschert Loki. „Du wirst doch ein wenig Spaß verstehen, oder nicht!“
Thor geht auf ihn los und es sieht ganz so aus, als wolle er ihm alle Knochen brechen. Im letzten Augenblick werfen sich Lokis Kumpane dazwischen.
„Ich bring dich um, wenn du ihr nicht neues Haar verschaffst“, ruft Thor und versucht sich loszureißen. „Ich verspreche es“, winselte Loki, „hoch und heilig!“
„Dir werde ich Beine machen! Neues Haar und zwar sofort, ich will das es noch schöner wird als das, das du ihr abgeschnitten hast.“
„Ja, ja“, jaulte Loki, „gib mir nur ein paar Tage Zeit.“ Erst da löst Thor den Würgegriff um Lokis Kehle und der Übeltäter rennt davon. „Versuche ja nicht dich zu drücken“, brüllte Thor ihm nach. „Sonst kannst du was erleben! Ich finde dich überall und wenn du dich in den Gluten von Muspilheim versteckst.“

 

Sigyn

Die Göttin Sigyn schützt ihren Mann Loki vor dem Gift der Mitgardschlange.

Wie wird sich Loki aus der Schlinge ziehen? Ach, dieser Kerl ist nie um Rat verlegen. Er macht sich auf den Weg zu den Schwarzalben, die unter der Erde wohnen. Die Strecke kennt er von früher, und in den Höhlen und Grotten kennt er sich aus. Die einzigen, die ihm helfen könnten, sind die Zwerge, denn sie verstehen sich auf die Schmiedekunst.
„Ich brauche Fäden aus Gold. Tausende von langen, feinen Fäden, so dünn wie Menschenhaar.“
„So“, sagen die Zwerge. „Wozu denn?“
„Meine Frau“, antwortet Loki, „hat bei einem Feuer ihr Haare eingebüßt und ich will ihr neue schenken.“
„Das ist aber viel Arbeit, erwidern die Zwerge. „Und überhaupt, warum sollen wir dir helfen?“
Aber Loki weiß immer eine Antwort. „Stellt euch nur einmal vor, wie berühmt ihr in Asgard werden könnt, wenn ihr tut, was ich von euch verlange! Man muss sich gut mit den Asen stellen, denn sie sind sehr mächtig, besonders Odin. Ihr solltet ihn als Freund und Beschützer gewinnen.“
Schon haben die Zwerge mit ihrer Arbeit angefangen. Überall hört man sie hämmern und in unbegreiflich kurzer Zeit haben sie tausend Goldfäden fertig geschmiedet. Nun murmeln sie Beschwörungen und Zauberformeln. „Deine Frau braucht sich das Goldhaar nur auf den Kopf zu setzen“, versichern sie Loki, „schon wird es festsitzen und weiterwachsen.“
Aber Loki ist noch nicht zufrieden. In seinem Übermut bittet er die Zwerge noch um ein paar andere Gefälligkeiten.
„So flink, wie ihr seid, wird euch das sicher nicht viel Mühe machen. Die Sache ist nämlich so: Ich möchte nicht gern ohne ein paar Geschenke nach Asgard zurückkehren. Wisst ihr nicht ein, oder zwei andere Kunststücke. mit denen ihr euch bei den Göttern einschmeicheln könnt?“
Gutmütig wie sie sind, machen sich die Zwerge von neuem ans Werk. Zuerst schmieden sie einen Speer, der Gügne heißt. Das ist keine gewöhnliche Waffe. Denn diesen Speer können kein Schild und keine Mauer aufhalten und er trifft immer mitten ins Ziel.
„Habt ihr nicht eine Idee für die Seefahrt?“ fragt Loki, der Nimmersatt. „Warum nicht“, sagen die Zwerge und sie bauen ein Schiff, das nicht nur auf dem Wasser, sondern auch auf dem Land fahren kann. Außerdem ist es so beschaffen, dass es immer Rückenwind hat, es heißt Skidbladner und obwohl es groß genug ist, um alle Asen samt ihren Waffen zu tragen, kann man es zusammenfalten und in die Tasche stecken.
„Wunderbar“, sagte Loki. „Das wird ein Aufsehen machen in Asgard! Vielen Dank für eure Hilfe!“ Und schon ist er auf dem Heimweg. Ein paar Höhlen weiter, kommt er an einer anderen Werkstatt vorbei und hört, wie dort zwei Zwerge klopfen und hämmern. Brokk und Sinder sind Brüder und unter den Schmieden sind sie für ihre Kunst berühmt. Was gilt es, ich versuche bei denen noch einmal mein Glück, denkt Loki, tritt ein und zeigt den beiden seine Kostbarkeiten.
„So etwas Feines habt ihr gewiss noch nie gesehen. Schaut nur was eure Vettern da zustande gebracht haben. Da können Zwerge wie ihr nie und nimmer mithalten. Darauf will ich meinen Kopf wetten.“
„So?“ rufen die beiden Brüder wie aus einem Mund. „Da kennst du uns aber schlecht! Was die können, können wir auch.“ Sie tuscheln miteinander und verschwinden in der Schmiede. Loki muss draußen warten. „Sollen wir die Wette eingehen?“ fragt Brokk. „Dieser Loki ist doch nur ein Windbeutel. Eine Pest und eine Plage.“
„Das mag schon sein. Aber das wir schlechtere Schmiede sind als unsere Vettern, das können wir nicht auf uns sitzen lassen“, meinte Sinder, „und was haben wir schon zu verlieren?“
„Also gut“, sagte Brokk. „Meinetwegen. Machen wir uns an die Arbeit.“
Vor der Schmiede sitzt Loki und lauscht ihrer Unterhaltung. Ich bin gespannt, was ihnen einfallen wird, denkt er. Am besten ist es, ich behalte sie im Auge damit sie keinen Unsinn treiben. Und er verwandelt sich in eine winzige Mücke, fliegt in die dunkle Schmiede und setzt sich an die Wand. Er sieht wie Sinder Gold in kleine Stücke schneidet, sie in die Esse legt und eine große Schweinehaut darüber wirft. „Ich muss ein wenig Luft schnappen“, sagt er. „Du Brokk, passt solange auf den Blasebalg auf, damit das Feuer nicht ausgeht.“ Kaum ist Brokk allein, da setzt sich eine Mücke auf seinen Arm und kitzelt und sticht ihn. „Verfluchtes Biest“, ruft er, aber stören lässt er sich nicht und als sein Bruder wiederkommt, holen sie ihr Werk aus der Esse. Siehe da, es ist ein großes Schwein geworden, ein Eber mit Borsten aus reinem Gold.
Als nächstes schmiedet Sinder einen starken goldenen Armring. „Damit auch die Frauen etwas schönes haben“, sagt er.
Doch das dritte und letzte Meisterstück macht er nicht aus Gold, sondern aus Eisen. das ist eine schwere Arbeit. Lange muss Sinder hämmern, bis er den Klotz in die Esse werfen kann. „Bei dieser Hitze schwitzt man sich das Fleisch von den Knochen. Ich muss hinaus an die frische Luft. Hüte mir solange den Blasebalg“, bittet er den Bruder, „aber pass gut auf! Wenn du auch nur einen Augenblick lang aussetzt, ist die ganze Arbeit umsonst.“
Schon ist die aufdringliche Mücke wieder zur Stelle. Diesmal setzt sie sich genau zwischen Brokks Augen. Als sie zu sticht, tut es so weh, dass der Zwerg einen Augenblick lang den Blasebalg fahren lässt, um sie zu verscheuchen. Ausgerechnet jetzt kommt Sinder wieder. „Hab ich dir nicht gesagt du sollst aufpassen?“ ruft er ärgerlich. Vorsichtig nimmt er das Werkstück aus der Esse. „Das war knapp“, murmelt er. „Um ein Haar hätten wir es zum alten Eisen werfen können. Aber zum Glück hat es nur den Schaft getroffen. Er ist ein bisschen zu kurz geraten. Doch ansonsten ist es ein Hammer, der nicht seinesgleichen hat!“
„Ach ihr seid schon fertig, sagt Loki mit seiner besten Unschuldsmiene, als Brokk und Sinder aus der Schmiede kommen. „Das ist aber schnell gegangen.“ Er grinst, während Sinder ganz erschöpft ist…
„Das ist aber ein schönes Hämmerchen!“
„So, und jetzt verschwindest du“, sagte Sinder. „Und du Brokk, nimmst den Hammer, den Ring und den Eber mit und folgst ihm nach Asgard. Die Götter sollen entscheiden, wer die Wette gewonnen hat, und ich bin sicher dass sie diesen Kerl um einen Kopf kürzer machen.“

 

Schon von weitem sieht Heimdall, der Wächter, Loki kommen. Thor kann es kaum erwarten, ihn dafür zu strafen, was er Siv angetan und er ruft die Götter zusammen. Odin nimmt auf seinem Thron Platz und als Loki mit heiterster Miene auftaucht, mit dem Zwerg im Gefolge, ist die Stimmung eisig.
„Ihr werdet staunen über die großartigen Geschenke, die ich mitbringe“, prahlt er. “Sechs Wunderdinge, die ich den Zwergen abgehandelt habe für viele gute Worte!
„Weh dir“, brüllt Thor, „wenn kein goldenes Haar dabei ist.“ und Brokk murmelt: „Rede nur, solange du noch eine Zunge hast, alter Lügner!“ Den Asen erklärt er mit gerunzelter die Wette, die er und Sinder mit Loki abgeschlossen haben. „Es geht um seinen Kopf“, ruft er. „Aber wer soll entscheiden, ob die Zwerge recht behalten?“ Die Götter beschließen, dass Odin, Thor und Frei das letzte Wort in der Sache haben sollen.
Aber zuvor zeigt Lokiwas er sonst noch alles mitgebracht hat. Er will gut Wetter bei den Richtern machen. Und tatsächlich macht seine Beute großen Eindruck. Die Asen bewundern Gügne, den Speer, der nie sein Ziel verfehlt. Loki überreicht ihn Odin, der sich begeistert zeigt. Das wunderbare Schiff Skidbladner schenkt er Frei und schon ist der zweite Richter hocherfreut. Nur Thor blickt immer noch drohend in die Runde. Da zieht Loki das Goldhaar aus der Tasche und überreicht es Siv. Kaum hat sie es sich auf den Kopf gesetzt, ist es schon angewachsen und Thor muss gestehen, dass sie nie schöner ausgesehen hat.
„Und jetzt zu eurer Wette“, spricht Odin. Brokk tritt vor und zeigt den Asen seinen goldenen Ring.
„Er heißt Draupne“, erklärt er. „Aber ihr ahnt gar nicht, wie wertvoll er ist. Denn über Nacht tropfen aus diesem Ring acht genauso große Ringe hervor. Dies ist ein Geschenk meines Bruders für Odin.“
Dann zeigt er den goldenen Eber hervor. „Er heißt Gullborste und ist schneller als das schnellste Pferd“, erklärt er. „Er kann durch die Luft und auf dem Wasser laufen und wo er hinrennt, da wird es nie dunkel, so hell schimmern seine Borsten. Das, Frei, ist unser Geschenk für dich.“
Endlich holt er den Hammer hervor, den Sinder geschmiedet hat. „Der ist für dich, Thor. Er ist härter als Diamant und wohin du ihn auch wirfst, er wird immer zu dir zurückkehren. Sieh nur!“ Und er schleudert den Hammer weit fort und fängt ihn wieder auf. Jetzt ist Thor glücklich über sein neues Spielzeug. „Oh, das ist noch nicht alles“, setzt Brokk hinzu. „Wenn du es wünschst, kannst du den Hammer auch verstecken. Du brauchst ihn nur in deiner Hand verschwinden zu lassen. So!“ Er macht es vor. Thor kann es nicht erwarten, diese neue mächtige Waffe auszuprobieren. „Hat er auch einen Namen?“ fragt Odin. „Der Hammer heißt Mjölner“, sagt Brokk und verneigt sich vor dem Götterkönig.
Welches von diesen Geschenken ist das allerschönste? Die Wahl fällt den Asen schwer. Loki bekommt es mit der Angst zu tun und mischt sich ein. „Der Hammer ist es auf keinen Fall“, behauptet er. „Schaut euch nur den Schaft an. Der ist doch viel zu kurz.“ Doch Odin, Thor und Frei sind anderer Meinung. Sie wissen das Mjölner der beste Schutz vor Angreifern ist, den sich die Asen wünschen können. „Brokks Geschenk ist unübertroffen“, urteilen sie. Du, Loki hast deine Wette verloren.“
„Das kostet dich deinen Kopf“, sagt der Zwerg und zieht sein Schwert.
„Aber, mein Lieber“, wendet Loki ein, „was hast du denn davon, wenn du mich umbringst? Mit einem Totenkopf kannst du doch nichts anfangen. Willst du nicht lieber einen Haufen Gold haben? Ich zahl dir Kopfgeld soviel du willst.“
„Gold haben wir selber“, sagt Brokk. Da versucht Loki, sich aus dem Staub zu machen, doch Thor ist auf der Hut und fängt den Übeltäter ein.
„Also gut“, ruft Loki, „wenn es sein muss, dann nimm eben meinen Kopf. Nur den Hals und den Nacken darfst du nicht antasten, denn so haben wir nicht gewettet.“ Die Asen lachen. Wieder einmal hat Loki es fertiggebracht, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Nur Brokk ist wütend. „Verdammt sei deine Lügenzunge“, schimpft er, und im nu hat er einen Pfriem und einen Lederriemen aus der Tasche gezogen und näht damit dem verblüfften Loki die Lippen zusammen. Das ist fast so schlimm für ihn, als hätte ihn seine Wette Kopf und Kragen gekostet, denn ohne sein loses Maul ist er verloren. Die Götter machen sich lustig über ihn und Loki läuft wütend nach Hause.
„Was ist denn mit dir los“, fragt seine Frau Sigyn, aber er bringt nur ein unverständliches Stöhnen hervor. Sie ruft ihre beiden Söhne herbei und gemeinsam ziehen sie den Riemen aus seinen Lippen. das tut allerdings weh. „Eine Schande, wie sie dich zugerichtet haben“, schimpft Sigyn, „wo du doch so klug und tüchtig bist. Eigentlich bist du doch der Gescheiteste unter den Asen. Nicht einmal Odin kann dir das Wasser reichen.“
„Wohl wahr“, brummt Loki und tupft sich das Blut von den Lippen. „Aber meine Zeit kommt noch und dann werde ich es ihnen heimzahlen.“

 

Immerhin herrscht jetzt Frieden in Asgard. Der Krieg mit den Wanen ist glücklich überstanden. Nur die große Mauer um das Heim der Götter liegt immer noch in Trümmern. Schon seit langem ist es beschlossen, sie wieder aufzubauen. Aber der Frieden hat die Asen faul und bequem werden lassen, und sie sagen sich: „Wenn uns die Riesen angreifen, wird Heimdall uns schon rechtzeitig warnen, Und den Rest besorgt dann Thor mit seinem unfehlbaren Hammer.“
Eines Tages kommt ein Mann geritten und bittet Heimdall ihn über die Brücke zu lassen. „Ich habe euch einen Handel vorzuschlagen“, erklärt er den Asen. „Ich biete euch an, die große Mauer um Asgard wieder aufzubauen, und zwar so hoch und so stark, dass es niemand mehr wagen wird, gegen sie anzurennen.“
„Wie lange brauchst du, um das Werk zu vollenden?“ fragt Odin. „Eineinhalb Jahre“, antwortet der Baumeister. „Und welchen Lohn verlangst du? Ganz umsonst wirst du wohl nicht für uns arbeiten wollen.“
„Oh“, sagt der Mann, „ich fordere weiter nichts, als dass ihr mir Freia zur Frau gebt. Und als Mitgift, hätte ich gern die Sonne und den Mond.“
Die Götter wissen nicht, ob sie wütend werden oder lachen sollen. Odin hätte den Kerl am liebsten hinausgejagt, aber da mischt Loki sich ein. „Wir schulden unserm Gast jedenfalls eine Antwort auf sein Angebot“, meinte er, „lasst ihn draußen vor der Tür warten, während wir uns beraten.“
Der Baumeister wird vor die Tür gesetzt. Odin ruft: „Was gibt es da schon zu beraten! Der Kerl ist ja verrückt.“ Aber Loki hat eine Idee. „Wir geben ihm einfach eine so kurze Frist, dass er unmöglich beizeiten fertig werden kann. Auf diese Weise schuftet er mit aller Kraft und am Ende geht er leer aus. Wir bekommen den größten Teil der Mauer umsonst und brauchen keinen Finger zu rühren.“ Das leuchtet den Asen ein und der Baumeister wird wieder in den Saal gerufen.
„Morgen fängt der Winter an“, sagt Odin, „wenn du bis zum ersten Sommertag fertig wirst, sollst du den Preis bekommen, den du verlangst.“
„Was?“ ruft der Besucher, „die ganze Mauer im Lauf eines einzigen Winters?“
„Und zwar ganz allein, ohne fremde Hilfe.“
Der Baumeister denkt nach. „Aber mein Pferd darf ich wohl brauchen?“ fragt er endlich. Odin ist unschlüssig und wendet sich an Loki. Der zischt ihm ins Ohr: „Sag ja! Es ist doch ganz und gar unmöglich, dass er es schafft.“ Und so wird es mit Handschlag abgemacht und beschworen. Die Asen lachen froh und loben Loki für seinen schlauen Plan.
Doch als der Baumeister sich an die Arbeit macht, stellt sich heraus, dass er wirklich über Riesenkräfte verfügt, und sein Pferd kann unglaubliche Lasten ziehen. Es sieht ganz so aus, als bräuchten beide keinen Schlaf, denn sie arbeiten Tag und Nacht. Untertags zieht der Meister die Mauern hoch und nachts schleppt er mit seinem Pferd die großen Steinbrocken herbei. Manchen unter den Asen wird die Sache unheimlich. „Und wenn er nun tatsächlich fertig wird, was machen wir dann?“ Aber Loki wiegelt ab. „Wartet nur bis es schneit“, sagt er, „dann wird es langsamer vorangehen.“
Der Wind heult fast wie ein verlassener Hund, dicke Schneewehen decken die große Wiese von Asgard zu, es ist so kalt, dass die Suppe auf dem Tisch gefriert, doch den Baumeister scheint das nicht zu stören. Die Mauer wächst von Tag zu Tag und Odin macht sich Sorgen.
Als es zu tauen anfängt, sieht es schlecht für die Asen aus. „Was machen wir nun, wenn der Mann fertig wird?“ fragen sie sich. „Sollen wir ihm wirklich Sonne und Mond geben und die Welt zugrunde richten? Und was ist mit Freia? So rede doch Odin!“
„Das kommt gar nicht in Frage“, ruft der Götterkönig. „Die Göttin der Liebe mit einem hergelaufenen Handwerker! Obwohl… obwohl… Ein Versprechen ist ein Versprechen, und ein Schwur ist ein Schwur. Das ist alles deine Schuld, “ sagt er und schaut Loki schief an.
Die Stimmung in Asgard ist trübe. Thor ist wütend und hält es nicht mehr zu Hause aus. Er zieht in den Osten, um seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Kampf gegen die Riesen nachzugehen. Freia lässt sich nicht mehr blicken; sie hat sich eingeschlossen und will mit niemand reden.
Drei Tage vor Sommeranfang ist der Baumeister soweit, dass er nur noch die Burgpforte fertig stellen muss. Da beruft Odin eine Ratsversammlung ein. Alle klagen Loki an. Das kommt davon, sagen sie, wenn man auf diesen Lügner hört. Aber Lokis Frau erinnert daran, dass alle mit seinem Vorschlag einverstanden waren und damit hat sie recht. Frei lässt sich nicht beschwichtigen. „Falls dieser Lumpenkerl mit meiner Schwester Freia davonzieht, Loki“, brüllt er, „dann hast du nichts mehr zu lachen! Dann breche ich dir sämtliche Knochen im Leib und du stirbst einen langsamen und schmerzhaften Tod.“
Loki fleht Odin um Hilfe an, aber der hört nicht auf ihn. Sein Blick ist kalt und unerbittlich. „Und wenn du hundertmal mein Milchbruder bist“, ruft er, „das wird dir nichts nützen. Du hast uns in diese Klemme gebracht. Nun sieh zu, wie du uns und dir wieder heraushilfst!“
Am selben Abend – der Baumeister ist gerade dabei, die letzten Steine herbeizuschaffen, erscheint plötzlich aus dem Wald eine fremde Stute. Sie wiehert verspielt, schlägt mit den Hinterläufen, schlägt übermütig mit dem Schwanz und tanzt um den großen Hengst des Baumeisters herum. Der kann ihr nicht widerstehen, und die beiden Pferde verschwinden im Wald. Der Baumeister stolpert durch die Nacht und versucht sie einzufangen, aber er kann sie nirgends finden.
Am anderen Morgen kehrt sein Hengst zurück, aber es ist zu spät. Für die Burgpforte fehlen die Steine. Er kann sie nicht fertig stellen. Die Asen sind herbeigeeilt und schauen ihm zu. Seine ganze Arbeit war vergebens. „Ihr habt mich hereingelegt!“, schreit er und droht ihnen mit der Faust. Vor lauter Wut zeigt sich seine Trollnatur. Er sprengt seine Verkleidung, und die Asen merken, dass er kein Mensch ist, sondern einer von den Riesen. Immer größer bäumt er sich auf und schon will er handgreiflich werden, da kehrt Thor von seinem Ausflug zurück. Der Hammer Mjölner saust durch die Luft und zerschmettert den Schädel des Trolls.
Aber wo ist Loki? Er hat sich vorsichtshalber aus dem Staub gemacht und wagt sich erst spät im Herbst wieder nach Hause. Er humpelt, und hinter sich zieht er ein graues Fohlen, das acht Beine hat. „Was ist denn das?“ fragt Odin. „Das ist mein Geschenk für dich“, sagt Loki. Dieses Fohlen heißt Sleipnir, und wenn es aufgewachsen ist, wird sich kein anderes Pferd mit ihm messen können. Auf Sleipnir kannst du ins Totenreich reiten und unversehrt wiederkehren.“
„Sag mir, wo du es her hast“, fragt Odin und streichelt das Fohlen. „Ganz einfach“, antwortet Loki, „ich habe es selber zur Welt gebracht.“ Da verstand Odin, dass die Stute, die sich mit dem Hengst des Baumeisters herumgetrieben hatte, eine von Lokis Verwandlungen war. „Du mit deinen Zauberkünsten!“ murmelt er und schenkt ihm einen bewundernden Blick. Soviel ich auch weiß, denkt er, aus Loki werde ich nie richtig klug werden.

 

Lange Zeit hat der Frieden zwischen Asen und Wanen gehalten, aber eines Tages geht er zu Ende. Etwas Großes, Blutiges wird über die Mauer nach Asgard hereingeworfen. Es ist ein Kopf, der über die große Wiese rollt – Mimes Kopf. Die Wanen haben ihn abgeschlagen, und niemand weiß, warum. Vielleicht, weil er ein alter Freund Odins war? Der König der Asen hebt ihn auf und reibt ihn mit einer Salbe aus Kräutern ein. Er kennt auch die richtigen Beschwörungsformeln; denn mit der Zeit ist Odin ein Meister der Zauberkünste geworden. Und tatsächlich, das Wunder geschieht. Der Kopf wird wieder lebendig. Mime schlägt die Augen auf, er macht den Mund auf und fängt an zu reden.
„Was ist passiert?“ fragt Odin. „Es sieht übel aus“, antwortet Mimes Kopf. „Die Wanen finden, dass sie einen schlechten Handel gemacht haben, als sie Njord, Frei und Freia gegen Huhne und mich ausgetauscht haben.“ „Aber dieser Tausch war doch das Unterpfand des Friedens. Außerdem haben die Wanen selber den Huhne zu ihrem Häuptling gewählt. Worüber beklagen sie sich?“
Ja“, spricht Mimes Kopf, „das ist es eben! Diese Wahl haben sie oft bereut. Anfangs ging alles gut, und sie waren froh, dass der Krieg vorbei war.“
„Na also! Und was Huhne betrifft, so ist er stark und hochgewachsen, ein echter Häuptling.“
„Ja, er sieht gut aus, das kann niemand bestreiten. Aber das ist auch alles, was für ihn spricht. Breite Schultern und schmale Hüften. Nur um ordentlich zu regieren, braucht es auch ein wenig Verstand, und daran fehlt es ihm.“
„Er hatte doch dich als Ratgeber, Mime“, sagt Odin. „Da konnte er kaum etwas falsch machen.“
„Gewiss“, antwortet der Kopf, „aber wie sollte ich denn Tag und Nacht aufpassen, dass er keine Dummheiten macht? Solange ich dabei war, ist alles gut gegangen. Aber kaum ließ ich ihn aus den Augen, da wusste er nicht, was er machen sollte. – das müssten sie selber entscheiden, so sagte er, wie solle er das wissen – und dabei bildete er sich noch wunder was ein. Du musst wissen, dass er ziemlich größenwahnsinnig geworden ist. Er wäre es, behauptete er, der mit dir zusammen die Welt erschaffen hat; auch die Menschen hat er angeblich die Seele eingehaucht.“
„Dummes Gerede“, sagt Odin.
„Ja, das fanden die Wanen auch. Und eines Tages hatten sie es satt, ihm zu folgen.“ „Aber warum haben sie dann dich umgebracht und nicht ihn?“ fragt Odin.
„Ich glaube, sie wollten der Welt zeigen, was für ein Dummkopf dieser Huhne ist. Ohne mich bringt er nichts zustande und macht sich zum Gespött von ganz Wanheim.“
„Das geht zu weit!“ ruft Odin erbost. „Nicht nur lachen sie Huhne aus, der immerhin einer der Unseren ist, sie vergreifen sich auch noch an dir, meinem alten Freund!“
„Ja“, antwortet der Kopf ruhig. „Es reut sie, dass sie besser und klüger sind als ihr.“
„Wenn sie Krieg haben wollen, sollen sie Krieg haben“, sagt Odin, „und diesmal werden wir bis zum Ende kämpfen.“

 

Die Asen rüsten ein mächtiges Heer. Odin teilt seine Truppen in zwei Teile. Die größte Schar, angeführt von Tyr, zieht auf dem Landweg gen Wanheim. Tyr ist nicht der stärkste unter den Asen, aber keiner ist kühner und unverfrorener. Odin selbst steht an der Spitze der zweiten Truppe. Er wählt den Seeweg. Von Frei leiht er sich das Zauberschiff, das ihm die Zwerge geschenkt haben, und das auf dem Land so gut wie auf dem Wasser fährt. Frei und Njord, die von den Wanen abstammen, erlaubt Odin nicht, mit ins Feld zu ziehen, damit sie nicht gegen ihre Verwandtschaft kämpfen müssen. Sie bleiben in Asgard, um die Burg im Notfall zu verteidigen. Der zweite Krieg wird härter als der erste, aber diesmal haben die Asen bessere Waffen, und auch in der Zauberkunst sind sie den Wanen ebenbürtig geworden. Der Gegner merkt, dass er der Übermacht der Asen nicht gewachsen ist, und zieht sich nach Wanheim zurück. Immer wieder greifen die Asen die belagerte Festung an, aber die Mauern halten stand, bis endlich dunkle Wolken aufziehen und ein seltsames Dröhnen die Luft erfüllt. Die Asen haben noch eine unangenehme Überraschung für ihre Feinde bereitgehalten. Ein Fuhrwerk, von zwei Böcken gezogen, rollt donnernd über den Himmel. Sein Lenker ist Thor, der, mit Eisenhandschuhen angetan, Blitze in die Festung schleudert. Mit der einen Hand treibt er die Zauberböcke an, in der anderen schwingt er Mjölner, seinen Hammer. Bald fällt die Festung, und die Wanen ergeben sich. Huhne besiegelt den Frieden und kehrt zu den Asen zurück. Aber diesmal endet der Krieg nicht wie beim ersten Mal. Diesmal sind die Wanen endgültig besiegt. Odin hat keine Lust, ihnen eine dritte Chance zu geben. Er ist schon lange zu dem Schluss gekommen, dass die Welt nicht Platz für zwei Göttersippen hat. Es muss ein Ende haben mit Eifersucht und Rangelei. Aber muss man deshalb alle Wanen umbringen? Nicht unbedingt. Alle, die Odins Herrschaft anerkennen, sollen am Leben bleiben. Odin ist sogar bereit, sie in Asgard aufzunehmen.
Er lässt ein großes Gefäß aufstellen und versammelt alle Überlebenden, Asen wie Wanen, um diesen Napf. Jeder muss in das Gefäß spucken, als Zeichen dafür, dass er sich vor Odin beugt. Wer sich weigert, muss sterben. Und so geschieht es. Aus dem Speichel der Götter erschafft Odin eine lebendige Gestalt, einen Mann, den er Kvasir nennt, und gibt ihm eine Zunge. „Geh zu den Menschen“, sagt Odin, „erzähle ihnen von unserm Sieg und lehre sie Weisheit. Weil du aus Götterspucke erschaffen bist, wirst du so klug sein, dass niemand dich etwas fragen kann, ohne dass du die Antwort weiß.“
Nun wird auf Asgard ein großes Fest ausgerichtet. Die Asen haben allen Grund zu feiern. Nur Odin findet keine Ruhe. Es gibt etwas, was er mit sich allein abmachen muss. Deswegen verlässt er heimlich den Festsaal und reitet nach Jotunheim zu den Riesen. Unter seinem Mantel trägt er den Mimes Kopf. Er sucht die Quelle auf, an der sich die beiden vor langer Zeit zum ersten Mal begegnet sind. Behutsam bettet er den Kopf auf das Moos am Brunnenrand.
„Ich werde einen langen Schlaf tun“, flüstert Mimes Kopf. „Doch wenn einer kommt, um aus dieser Quelle zu trinken, werde ich erwachen und ihn verjagen. Denn dieses Wasser gehört uns beiden allein. So war es, und so soll es bleiben.“
„Ich werde wiederkommen“, sagt Odin. „So oft du willst“, antwortet der Kopf. „Tot oder lebendig, ich werde immer dein Freund und Ratgeber bleiben.“
So nimmt Odin Abschied von Mime und reitet langsam nach Asgard. Er ist kein junger Gott mehr. In seinem Bart zeigen sich schon die ersten grauen Haare. Gewiss, er ist Odin, der Einäugige, Herr über alles, was schwimmt, kriecht und fliegt. Und trotzdem liegt ihm die Ratlosigkeit im Blut. Nach wie vor gibt es viele Entdeckungen zu machen und viele Rätsel, die es noch zu lösen gilt.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

Gruß an die Freunde nordischer Sagen

TA KI

Die Asen


Einführung


Asgard, der Götterwohnsitz der Asen
(Illustration von H. Hendrich, um 1890)

Die Asen sind die Hauptgötter des Nordischen Pantheons. Sie erschufen die Menschen und greifen aktiv in ihre Geschicke ein. Sie wohnen in Asgard, der Burg der Götter, die Menschen bewohnen Midgard, Utgard ist dem Riesengeschlecht vorbehalten. Den Asen zur Seite stehen die älteren Wanen, die Naturgötter. Beide kämpfen gegen die Kräfte des Bösen, das Geschlecht der Riesen, die auf die Vernichtung der Welt und der Götter, Ragnarök, hinarbeiten.

Der vornehmste, Erstgeborene der Asen ist Odin, der Allvater mit den vielen Namen. Seine beiden Brüder sind Wili und Wili . In anderen Sagen treten diese drei auch als Wotan, Loki und Hönir auf.

Odin ist mit Frigga vermählt, einer Fruchtbarkeitsgöttin, hat aber noch viele weitere Frauen und zeugt zahlreiche Kinder, darunter auch seine Söhne Thor und Baldur. Er reitet auf seinem Hengst Sleipnir durch die Welt und stiftet Kriege an, er beobachtet die Welt durch die Augen seiner zwei Raben Hugin (Gedanke) und Munin (Erinnerung). Und nicht zuletzt schickt er seine Walküren aus, um von den Schlachtfeldern (Walstätten) die gefallenen Helden zu bergen, damit sie sich in Walhalla mit ihm auf die letzte große Schlacht vorbereiten.

Die Geschicke der Asen sollen nun an ausgewählten Beispielen vorgestellt werden.

Baldurs Tod


Wikingerbestattung, F. Dicksee, 1893

Baldur, dem guten sanftmütigen, träumte, dass seinem Leben Gefahr dräute. Und als er den anderen Asen seine Träume sagte, pflogen sie Rat zusammen und beschlossen, ihm Sicherheit vor allen Gefahren auszuwirken. Frigg, die Herrin über die Natur, nahm Eide von Feuer und Wasser, Eisen und allen Erzen, Steinen und Erden, von Bäumen, Krankheiten und Giften, dazu von allen vierfüßigen Tieren, Vögeln und Würmern, dass sie Baldurs schonen wollten. Als das geschehen war, trieben die Asen allerlei Kurzweil mit Baldur, stellten ihn inmitten ihres Kreises und schossen nach ihm, hieben auf ihn ein, wieder andere warfen schwere Steine nach ihm. Doch was sie auch anstellen mochten, nichts konnte ihm einen Harm tun.

Das verdross nun freilich den Loki und er ging zu Frigg in Verkleidung eines alten Weibes und frug sie, ob sie denn wirklich alles in Eid genommen. Solcherart erfuhr der Listige, dass östlich von Walhall eine Staude, Mistel genannt, wachse ,die für zu jung befunden worden wäre, in Eid genommen zu werden.

Darauf ging nun Loki hin, bemächtigte sich der Mistel und gesellte sich wieder den anderen Asen zu. Im äußersten Kreise der Männer stand der blinde Hödur; diesen nahm Loki alsbald zur Seite und nötigte ihn, mit dem Zweiglein, dass er ihm reichen wolle, auch Baldur Ehre zu tun und nach ihm zu schießen. Wie groß das Entsetzen aller, als nun dieses Zweiglein von des Blinden Hand den Baldur durchbohrte, dass er tot zur Erde stürzte!

Frigg befrug nun jeden, ob er sich reichen Lohn verdienen wolle, und in ihrem Auftrag der Hel ein reiches Lösegeld für Baldur anbieten , auf dass er heimkommen könne nach Asgard. Diesen Auftrag nahm Hermodhr an, des Odins Sohn, bestieg dessen unvergleichlichen Hengst Sleipnir und nahm den Helweg auf sich.

Unterdessen wurde Baldurs Leichnam mit allen Ehren bestattet, jedoch ohne Rache, denn der Heimtückische befand sich auf geheiligter Freistätte.

Hermrodhr gelangte auch wirklich ins Reich der Hel und forderte Baldurs Rückkehr ins Land der Lebenden, doch stellte Hel für die Erfüllung dieses Wunsches eine Bedingung: Baldur solle nach Asgard zurückkehren dürfen, wenn alle Dinge auf Erden, tote wie Lebende, um ihn weinten, doch sei auch nur eines dabei, welches keine Trauer zeige und nicht um ihn weine, müsse er in ihrer, Hels, Obhut immerdar bleiben.

So ritt Hermodhr wieder zurück ins Land der Lebenden und verkündete seine Botschaft; die Asen sandten daraufhin Abgesandte in alle Länder, auf dass alle Dinge um Baldur weinten, damit er von der Hel erlöst werden könnte.

Die Gesandten erfüllten ihr Werk auch vortrefflich, doch, schon auf dem Rückweg nach Asgard, fanden sie das Riesenweib Thöck, die sich, man erzählt sich, Loki habe sie aufgehetzt, weigerte, um Baldur zu weinen, da sie weder im Tode noch im Leben etwas mit ihm zu schaffen gehabt hätte und ihr sein Schicksal, Hel oder nicht, herzlich gleichgültig sei.

So musste Baldur denn auf immer in Hels Reich verbleiben und Loki der Heimtückische hatte einen großen Sieg errungen.

Quelle: http://www.mythentor.de/nordisch/asen.htm

Gruß an die nordische Mythologie

TA KI