Das Leben des Organempfängers


Die Schweizer ExpressZeitung berichtet: All das Vorerwähnte hätte vielleicht noch einen gewissen Sinn, wenn wenigstens dem Organempfänger tatsächlich geholfen wäre, doch auch für ihn überwiegen die Nachteile in den meisten Fällen die Vorteile. Nach der Transplantation werden notwendig: lebenslange (!) medizinische Überwachungen, häufige Klinikaufenthalte und stark nebenwirkungsreiche Medikamenteneinnahmen (sogenannte Immunsuppressiva).

Die Medikamente, die mehrere tausend Euro im Monat kosten können, schalten das Immunsystem aus, damit der Körper das fremde Organ nicht abstösst. Das Leben wird dadurch massiv negativ beeinflusst. Die Bezeichnung «Wandlung des Leidens» beschreibt die Situation akkurat, in der sich der Mensch mit dem fremden Organ wiederfindet.

Zudem kann zunehmend der Sinn des Lebens infrage gestellt werden, woraus sich schliesslich eine Medikamentenverweigerung entwickeln kann. Allein daraus lässt sich erahnen, dass eine Organübertragung der menschlichen Natur zuwiderläuft: Der Körper wehrt sich oft so sehr gegen den gravierenden Eingriff, dass für ihn die Abstossung des fremden Organs wichtiger ist als die Erhaltung des Lebens des eigenen Körpers.

Durch die Einnahme der Immunsuppressiva erhöht sich die allgemeine Infektionsgefahr drastisch. Der Mensch wird anfällig gegen kleinste Infekte, Pilze, Bakterien, und die Blutgerinnung wird herabgesetzt (Bluter). Der Schweizer Tagesanzeiger titelte am 11.09.2018 «Krebsrisiko steigt nach Organtransplantation» massiv. (1) Durch das in den Medikamenten vorhandene Cortison schwemmt der Körper auf.

Das fremde Organ bringt zudem niemals eine Heilung, lediglich eine Lebensverlängerung, die zwischen wenigen Monaten und einigen Jahren liegen kann. Bei einer endgültigen Abstossung des Organs beginnt der Wettlauf nach einem neuen, oder es folgt ein qualvoller Tod.

Schuldgefühle

Eine Befragung (2) hat ergeben, dass 34% der Menschen mit einem fremden Organ sich vorher ein «Spenderwetter» gewünscht hatten (Nebel, Glatteis, Urlaubszeit, Verkehrstaus). Nun können Schuldgefühle gegenüber dem Spender entstehen, dessen Tod man sich herbeigesehnt hat. Manche denken gar, ihm gar das Organ gestohlen oder zu dessen Tötung direkt beigetragen zu haben. Es entsteht ausserdem ein psychologischer Druck, negative Gefühle zu unterdrücken, da man ja für das Organ dankbar zu sein hat (Tyrannei des Geschenks).

Die Völkerkunde kennt als «Kitt» jeder menschlichen Gesellschaft und jeder sozialen Beziehung die «Praxis des Gabentausches» mit einer Quasi-Verpflichtung zur Erwiderung einer Gabe. Wird der nicht nachgekommen, führt dies zu sozialen Spannungen.

Da der Organempfänger aber dieser Verpflichtung zur Erwiderung einer Gabe wegen des Todes des Spenders und der Anonymisierung seiner Angehörigen nicht nachkommen kann, sitzt er unwiderruflich in einer ihn belastenden Schuldnerfalle.

Veränderungen der Persönlichkeit

Es gibt eine grosse Dunkelziffer von Organempfängern, die plötzlich ganz anders empfinden, ihre Gefühle nicht mehr einordnen können, suizidgefährdet, zielund orientierungslos sind und eine für sie unerklärliche Todessehnsucht haben. Ansprechpartner für diese Probleme gibt es kaum. In Kliniken werden Betroffene damit in der Regel zurückgewiesen.

Zwischenzeitlich haben sich Selbsthilfegruppen gegründet, getrennt nach den jeweils transplantierten Organen. Ein betreuender Pfarrer erkannte bei diesen Menschen ein «Kuddelmuddel» an Gefühlen. Zusätzlich hat sich dazu ein neuer psychiatrischer Zweig entwickelt: die Organ-Transplantations-Psychiatrie (OTP).

Hier einige Zitate aus dem Buch von Elisabeth Wellendorf «Mit dem Herzen eines anderen leben»:

Susan bekam ein fremdes Herz. Über den Spender sagte sie:

«Ich fühle mich an ihn gebunden wie an einen Zwillingsbruder. Er begleitet mich ständig. Wir sind einander verpflichtet. Manchmal habe ich das Gefühl, als hörte ich ihn atmen. Oder wenn ich unter einem Baum sitze, hängt er oben im Geäst.»

Als nach zwei Jahren das Herz wieder ausgetauscht werden sollte, sagte sie:

«Jetzt sterben wir zusammen, ich werde ihn nicht verlassen.»

Andere Aussagen von Organempfängern:

«Kann ich das Herz eines bösen, kalten Menschen bekommen haben? Ich fühle nichts mehr»; «Ich schäme mich permanent und weiss nicht warum»; «Mein bisheriges Ich hat sich in ein Wir verwandelt»; «Kann ich mit einem Männerherz noch wie eine Frau lieben?»

1997 erschien unter dem Titel «A Change of Heart» ein Buch, das die Persönlichkeitsveränderung der Transplantationspatientin Claire Sylvia beschreibt. (3) Sylvia bekam 1988 im New Haven Krankenhaus in Yale ein neues Herz und eine neue Lunge. Sie berichtet, wie sich verschiedene ihrer Ansichten, Gewohnheiten und Geschmacksneigungen nach der Operation veränderten.

Mit einem Mal verspürte sie einen unerklärlichen Appetit auf Nahrungsmittel, die sie zuvor nicht gemocht hatte. So hatte sie etwa, als sie das Krankenhaus verliess, einen unkontrollierbaren Heisshunger auf Chicken Nuggets von einem Schnellrestaurant der Kentucky Fried Chicken Kette; etwas, was sie sonst nie ass, da sie eine gesundheitsbewusste Tänzerin und Choreographin war. Sie mochte plötzlich kühle Farben und trug nicht mehr wie früher knallrote und orangefarbene Kleidung. Sie legte ein aggressives und impulsives Verhalten an den Tag, das vollkommen untypisch für sie war, aber der Persönlichkeit ihres Spenders ähnelte. Interessanterweise wurde eine Packung unverzehrter Kentucky Fried Chicken Nuggets in der Jacke des Spenders gefunden, nachdem er gestorben war.

Der amerikanische Kardiologe Dr. Paul Pearsall hat 2002 mehr als 100 herztransplantierte Patienten untersucht, die nach der Transplantation bei sich selbst seelische Veränderungen bemerkt haben. In einzelnen Fällen zeigte sich das so stark, dass sich die Patienten «wie ein fremder Mensch im eigenen Körper» fühlten.

So äusserte eine Leber-Empfängerin nach der Operation überraschend ihren ersten Wunsch nach einem «grossen Bier» – vor der Operation war sie Alkoholabstinenzlerin. Richtig befremdend wurde es für diese Empfängerin, dass sie – als passionierte Klassikliebhaberin – jetzt zu Hause am liebsten Rap-Musik hörte, sie fühlte sich seitdem «unheimlich» in ihrem Körper. Ein anderer Transplantationspatient berichtete unter der Bedingung, dass sein Name nicht genannt wird, von seinem Gefühl, durch die Transplantation «seinen Körper an eine fremde Seele übergeben zu haben» – sein Verhalten, seine Wahrnehmung, sein Denken und seine Wünsche seien anders geworden, es sei, «als ob zwei Seelen in meinem Körper leben». Angehörige berichteten Pearsall, wie die Persönlichkeit, der Charakter, die Gewohnheiten und die Vorlieben des Menschen verloren gingen. Der Transplantierte konnte weiterleben, schien jedoch in manchen Fällen nicht mehr wieder zu erkennen. (4)

Eine mögliche Erklärung für die Persönlichkeitsveränderungen gibt Bruce H. Lipton in seinem Buch «Intelligente Zellen». Danach sind Informationen nicht im Zellkern gespeichert, sondern jede Zelle hat auf der Membranoberfläche Identitätsrezeptoren, die wie Antennen Signale aus ihrer Umgebung empfangen, auch Signale ihrer Identität.

Dadurch unterscheide sich ein Individuum von einem anderen, und daraus ergebe sich laut Lipton, dass Organe in einem fremden Körper weiterhin die Signale des Organspenders aufnehmen .

Schilderungen von Einzelschicksalen

Im Rahmen der Vortragstätigkeit des Autors Werner Hanne kam es immer wie der zu Schilderungen von Einzelschicksalen nach dem Leben mit einem fremden Organ, wie: permanente Gürtelrose im Gesicht nach Nierentransplantation; Wachsen von Warzen am ganzen Körper und aus allen Körperöffnungen mit einem damit verbundenen teuflischen Aussehen der Person; durch die Cortisonmedikamente aufgedunsener Körper mit einem «Mondgesicht», kein Lebenswille mehr; sehr traurige Schilderung eines Ehemannes über seine Frau, dass «ihr Herz zwar noch schlägt, mehr aber auch nicht»; ein Hilferuf aus Österreich um Aufklärung, weil dort zwei Angehörige kurze Zeit nach der Organtransplantation unter schlimmsten Qualen gestorben waren.

Von solchen Fällen hört man immer wieder. So berichtete die Webseite tag24 am 13.09.2018:

«Eigentlich sollte ein Organspender das Leben anderer Menschen retten. Doch die Organe einer 53-Jährigen wurden vier Menschen zum Verhängnis. Sie alle starben nach der Transplantation.» (5)

Überlebensraten

Die mit der Transplantationsmedizin befassten Stellen geben grundsätzlich keine Statistiken zu den Überlebensraten von Organempfängern heraus. Dass damit offenbar keine Werbung zu machen ist, sollte zu denken geben. Ebensowenig gibt es Angaben zu Komplikationen im Leben dieser Menschen.

Aus unterschiedlichen Quellen gehen laut dem Autor Werner Hanne in etwa folgende Zahlen hervor (ohne Gewähr): Sterberate innerhalb des ersten Jahres bei Herzempfängern 20%, bei Lungenempfängern 28%, bei Leberempfängern 27%, bei Nierenempfängern 15%. Nach fünf Jahren leben noch 50 bis 60% der Organempfänger. (6)

Angehörige des Organempfängers

Neben Transplantationen, die zunächst durchaus gut verlaufen können, gibt es aber auch eine andere Seite. Die Mitteilung «Ein neues Organ ist notwendig, sonst bleibt nur der Tod» kommt überraschend wie jede andere nicht erwartete Diagnose. Die Wartezeit auf ein Organ kann «zur Hölle» werden. Ärzte empfehlen, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben, um diese extrem schwierige Zeit besser zu überstehen. Partnerschaften können zerbrechen, Familienmitglieder sind in dieser Zeit suizidgefährdet.

Sie sind dann nach der Transplantation oft entsetzt über den Zustand und das Aussehen ihres Angehörigen. Wegen seiner Persönlichkeitsveränderungen müssen sie sich auch noch häufig mit einem «neuen» Menschen auseinandersetzen.

Wenn die Empfänger anschliessend von den Ärzten erfahren, dass nun ein Leben mit ständiger Todesangst wegen Abstossung und Infektionsgefahr und mit lebenslanger Einnahme von nebenwirkungsreichen Medikamenten beginnt, dann müssen sie feststellen, dass viele Versprechungen sich nicht erfüllt haben .

Verweise:

1.tagesanzeiger.ch, Krebsrisiko steigt nach Organtransplantation massiv, 11.09.2018

2.transplantation-information.de, Facharbeit- Grenzsituationen im Arbeitsbereich des OPPflegepersonals, Cathrin Marschall

3.Die Tagespost, 11.2.2012, Nr. 18/Nr. 6

4.epochtimes.de, Organtransplantationen können die menschliche Psyche verändern, 13.01.2016

5.tag24.de, Mysteriös: Vier Menschen starben, nachdem sie Organe vom selben Spender bekamen, 13.09.2018

6.Quellen des Autors: ctstransplant.org, Outcome

Auszug aus der Express Zeitung

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Gruß an die Erkennenden

TA KI

Forscherteam lässt künstliche Rattenpfote wachsen


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Den Arm eines Spenders von körpereigenen Zellen besiedeln lassen und ihn dann transplantieren: Das ist die Therapie-Idee eines Forscherteams. Mit der Pfote einer Ratte ist zumindest das Züchten einer Gliedmaße nun geglückt – allerdings mit erheblichen Einschränkungen.

Eine künstliche Rattenpfote hat ein US-Forscherteam in einem Nährmedium wachsen lassen. Die Pfote habe ein funktionierendes Gefäß- und Muskelgewebe und sei ein Schritt hin zu Ersatzgliedmaßen auch für Menschen, hieß es von den Wissenschaftlern um Harald Ott vom Massachusetts General Hospital (MGH) in Boston.

Sie hätten mit ihrer Forschung zugleich nachweisen können, dass die Methodik prinzipiell auch bei Primaten angewendet werden könne. Künstliche Arme oder Beine für den Menschen sind damit allerdings noch lange nicht in Sicht.

Immunreaktion fällt geringer aus

Die Forscher hatten mit einem Lösungsmittel in einem tagelangen Prozess alle lebenden Zellen von der amputierten Pfote einer Ratte gelöst, berichten sie im Fachjournal „Biomaterials“. Nur die Grundstrukturen seien erhalten geblieben. Dann hätten sie die einzelnen Teile wieder mit lebenden Zellen eines anderen Tieres besetzt. In den folgenden Tagen seien die einzelnen Gewebe wie Muskeln und Adern wieder herangewachsen. Bei den Muskeln sei das Zellwachstum zusätzlich durch elektrische Stimulation angeregt worden. Insgesamt dauerte der Wiederbesiedlungsprozess demnach zwei Wochen.

Der große Vorteil des Verfahrens ist, dass die Immunreaktion nach einer Transplantation weit geringer ausfiele, weil das transplantierte Organ ja mit den eigenen Zellen besiedelt wurde. Funktionstests hätten gezeigt, dass die Muskeln der künstlichen Pfote auf elektrische Anregung mit Kontraktionen reagierten, erläutern die Forscher. Ihre Kraft habe etwa 80 Prozent der von Muskeln einer neugeborenen Ratte erreicht.

Nervenaufbau bleibt große Herausforderung

Nach der selben Methode – Entfernung aller Zellen eines Spenderorgans und Besiedelung mit lebenden Zellen – seien schon Nieren, Lebern, Herzen und Lungen von Tieren geschaffen worden. Gliedmaßen seien aber viel komplexer. In einem weiteren Versuch seien bei einem Unterarm eines Pavians alle Zellen entfernt und mit der Neubesiedlung begonnen worden, ergänzt Otts Team. Die bisherigen Ergebnisse nährten zwar die Hoffnung, so irgendwann auch beim Menschen Gliedmaßen ersetzen zu können. Der Aufbau der Nerven bleibe aber eine große Herausforderung.

Den Medizinern zufolge leben allein in den USA mehr als 1,5 Millionen Menschen mit fehlenden Gliedmaßen. Trotz großer Fortschritte bei den Prothesen sei dies eine Belastung für das tägliche Leben und nicht zuletzt das Empfinden. „Die komplexe Natur unserer Gliedmaßen macht es zu einer großen Herausforderung, sie zu ersetzen“, so Ott. „Sie bestehen aus Muskeln, Knochen, Knorpel, Sehnen, Bändern und Nerven – alles muss aufgebaut werden und alles bedarf einer bestimmten Grundstruktur.“ Sein Team habe nun bewiesen, dass diese Struktur erhalten und mit neuem Gewebe versehen werden kann.

Mangel an Spenderorganen bleibt Problem

Wirklich neu sei der Ansatz nicht, sagte Prof. Raymund Horch, Direktor der Plastisch- und Handchirurgischen Klinik am Universitätsklinikum Erlangen. Eine solche Dezellularisierung und Repopularisierung sei auch schon mit anderen Geweben wie Herz und Trachea gemacht worden, habe aber bisher dennoch keinen Einzug in die klinische Anwendung gefunden.

„Es ist aber ein interessanter Ansatz, weil man letztlich doch die Natur braucht, um ein optimales Stützgerüst zu haben, welches dann durch Dezellularisieren wieder lebendig gemacht werden soll“, so Horch. „Das eigentliche Anliegen, nämlich einmal ganze Organe zu züchten, wird damit nicht wirklich gelöst.“

Selbst wenn bei dem Ansatz künftig einmal alles gut funktionieren sollte, werde immer noch ein Spenderorgan benötigt. „Das ist aber das Problem bei der initialen Idee des Tissue Engineering gewesen: Man wollte eben gerade den Mangel an Spenderorganen umgehen.“

Quelle: http://www.t-online.de/nachrichten/wissen/id_74296404/us-forscher-lassen-kuenstliche-rattenpfote-wachsen.html

Gruß an die Frankensteinlabore

TA KI

2017 soll der erste Kopf transplantiert werden


Eine medizinische Sensation: Ein Arzt plant, den Kopf eines Todkranken auf den Rumpf eines anderen zu setzen. Kann das funktionieren – wer ist dann wer? Das Innenministerium hat eine Antwort.

Neurochirurg-Professor-Sergio-Canavero

Bislang wussten die Ärzte in der Regel noch immer, was sie bei einer Transplantation verpflanzten: Niere, Leber, Herz oder anderes, klar Umrissenes. Bei dem, was ein Turiner Neurochirurg jetzt vorhat, ist es nicht mehr so klar: Wird es sich um eine Kopfverpflanzung oder um eine Rumpfverpflanzung handeln? Genau genommen ist nicht einmal ausgemacht, wer der Empfänger und wer der Spender sein wird.

Es ist, wie so oft, eine Definitionsfrage. So oder so: Sergio Canavero plant einen medizinischen Eingriff, der wie keiner zuvor seit den ersten Amputationen von Neandertalern vor etwa 50.000 Jahren ethische, rechtliche und auch philosophische Fragen („wer bin ich, und warum?“) aufwerfen dürfte. 2017 soll es losgehen. Doch bis dahin sind es zunächst einmal ganz praktische medizinische Probleme der Chirurgie, die noch gelöst werden müssen.

Canavero plant Ungeheuerliches: das Haupt eines Menschen mit einem todkranken Körper auf den Rumpf eines Anderen zu setzen, der an einer unheilbaren Kopfverletzung leidet. Mit anderen Worten: Die überlebensfähigen Teile zweier im Sterben Liegender werden zusammengeflickt.

Im kommenden Juni will Canavero, wie er jetzt der Wissenschaftszeitschrift „Science“ für ihre kommende Ausgabe verriet, seine Pläne in Annapolis im US-Bundesstaat Maryland vorstellen, bei der Jahreskonferenz der American Academy of Neurological and Orthopaedic Surgeons (AANOS). Vor allem will er dort noch kundige Teilnehmer für sein Projekt gewinnen. Neugierige könnte er vielleicht rekrutieren, erfahrene Fachkräfte gibt es noch nicht, Canavero betritt weitgehend Neuland.

Unzählige Nervenstränge müssten verknüpft werden

Der Knackpunkt des Vorhabens wird darin bestehen, von beiden Patienten das Rückenmark in der Wirbelsäule so zu verbinden, dass die Befehle aus dem Kopf unterhalb des Halses ankommen und umgekehrt die Empfindungen, die der Körper wahrnimmt, im Kopf registriert werden. Es geht um unzählige Nervenstränge, die korrekt verknüpft werden müssen.

„Wie zwei dicht gepresste Packungen Spaghetti“, zieht der „New Scientist“ seinen Vergleich. Hierbei in jedem Einzelfall das zusammenwachsen zu lassen, was zusammengehört, ist noch lange nicht möglich. Könnten es die Chirurgen, so wären sie schließlich in der Lage, Gelähmten zum Gehen zu verhelfen.

Dabei ist Canavero nicht einmal der erste, der auf die Idee kam. Jahrzehnte lang ging der US-amerikanische Neurologe Robert White von der University of Cleveland in seinen Fachkreisen damit hausieren. 1970 soll ihm so etwas sogar schon einmal geglückt sein – mit einem Rhesusaffen. Der Affe konnte sich zwar nicht mehr bewegen und starb auch nach einer Woche, als beide zusammengefügten Systeme sich gegenseitig abstießen. Die Immunabwehr war in jenen Jahren in der Tat noch ein größeres Problem, dem etwa auch die ersten Patienten des südafrikanischen Herzverpflanzers Christiaan Barnard zum Opfer fielen. Inzwischen hat die Transplantationsmedizin es weitgehend im Griff.

White verfolgte daher seinen Plan, auch einen menschlichen Kopf zu verpflanzen, jahrzehntelang weiter. Der deutsche Journalist Christian Jungblut besuchte ihn während der Zeit, führte häufig Gespräche mit ihm über die chirurgischen Implikationen, aber auch über Menschen, Medizin und Machbarkeit. 2001 schrieb Jungblut darüber das Buch „Meinen Kopf auf deinen Hals“.

Was wird eigentlich verpflanzt – Kopf oder Körper?

In dem Zusammenhang ging „Die Welt“ damals bereits der Frage nach: Was würde hier eigentlich verpflanzt, Kopf oder Körper? Das Geburtsdatum von welchem Teil gilt fortan? Das Bundesinnenministerium antwortete auf Anfrage: „Die Identität ist an den Kopf gebunden – bei allem Respekt vor den vielfältigen und wichtigen Funktionen des Körpers.“ Entscheidend sei, wo die Erinnerung, die Persönlichkeit und damit die Person ihren Sitz habe, und das sei das Gehirn.

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Der Kopf macht vielleicht fünf Prozent der Körpermasse aus, ein geringes Gewicht mithin, das mancher Diätfreund in ein paar Wochen abmagert. Ist der Kopf dennoch so etwas wie der Identitätsausweis? Wie die Fahrgestellnummer von heillos verrosteten Oldtimern, ein keines Stahlplättchen, um das herum im Jahr 2015 Karosserie, Motor und Innenraum neu gebaut werden, und das Baujahr bleibt bei 1930?

Bekannte Neurologen meldeten gegenüber der einfachen Definition der Bundesregierung durchaus Bedenken an. Detlef Linke, inzwischen verstorben, sagte der „Welt“, für die Persönlichkeit sei der soziale Umgang des Menschen entscheidend, und „der Begegnungsort des Menschen ist nun mal der Körper, denken sie an die Sexualität“. Verstand und Gefühl machen die Identität aus. Und wenn der Volksmund dies mit „Kopf und Bauch“ gleichsetzt, ist diese nur allzu populäre Weisheit gänzlich unberechtigt? Linke meinte: Sollte nur der Kopf die Identität vorgeben, so sei das nicht weniger als ein „Bruch der abendländischen Tradition seit Aristoteles“. Schließlich gingen wir davon aus, dass der „Körper beseelt ist.“

Neurologen sprechen längst von einem „zweiten Hirn im Bauch“. Allein im Darm sind mehr Neuronen zu finden als im Rückenmark. Sie lösen autonom Bewegungen und Reaktionen aus, auch die Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin werden im Bauch hergestellt. „Diese Entdeckung wird vielleicht einmal für unser Menschen- und Weltbild so wichtig werden wie jene des Kopernikus“, meint Michael Gershon, Professor für Anatomie und Zellbiologie an der Columbia-Universität in New York.

Was alles noch ohne Kopf geht

Und was alles, wenn es hart auf hart geht, auch ohne Kopf funktioniert, zeigen die Beispiele gleich mehrerer Hingerichteter. Der Seeräuber Klaus Störtebeker rannte noch nach dem Schwerthieb an mehreren Spießgesellen vorbei und rettete ihnen so – nach einer damaligen Konvention – das Leben. Dass ihm der Henker dann ein Bein stellte, konnte er allerdings ohne Kopf nicht mehr erkennen.

In Marseille erhob sich 1875 ein Geköpfter, worauf öffentliche Hinrichtungen verboten wurden. In Montpellier beobachtete ein Arzt bei einem Delinquenten nach dem Fall der Guillotine, dass sein Auge noch etwa 30 Sekunden weiter blinzelte – was wiederum beweist, dass es auch ohne Körper gehen kann. In den 40er-Jahren wurde in den USA der Farmer Lloyd Olsen reich mit Vorführungen seines Hahns Mike, dem er für seinen Festtagsbraten den Kopf abgeschlagen hatte, der aber einfach weiterlebte.

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Canavero macht geltend, er kenne bereits mehrere Kandidaten, die an ihren Kopf einen anderen Körper anschließen lassen wollten. Von den dafür nötigen „Counterparts“ sagte er allerdings nichts. Auch er erkennt, dass sein Vorhaben sehr kompliziert werden könnte. Um die Nervenstränge zu verbinden, will er eine chemische Substanz in das Rückenmark injizieren: Polyethylenglycol. Dass das Mittel das Zusammenwachsen fördert, habe er in Tierversuchen festgestellt, sagt er.

Erst einmal kommt der Körper in das Frost-Koma

„So wie heißes Wasser Spaghetti zusammenkleben lässt“, zieht der „New Scientist“ seine Parallelen weiter, „regt Polyethylen die Zellmembranen an, aneinanderzukleben.“ Aber was wächst da zusammen? Zufällig die richtigen Stränge? Canavero scheint sich da nicht so sicher zu sein, denn zunächst will er jede Bewegung des Körpers ausschließen. Quasi um Kurzschlüsse zu vermeiden, will er beide Teile erst mal stark herunterkühlen, für mehrere Wochen in eine Art Frost-Koma versetzen. Damit sie sich nach und nach an die neuen Verbindungen gewöhnen können.

Die ethischen Fragen und solche der persönlichen Identität stehen für den Italiener nicht im Vordergrund. „Sie sind der größte Hemmschuh für das Ganze“, sagt er sogar. Die AANOS will nach eigenen Angaben Canavero die Möglichkeit geben, sein Projekt vorzustellen, fördern will man es nicht. Der „New Scientist“ bat eine ganze Reihe von Neurologen um Stellungnahmen zu dem Vorhaben. Die meisten antworteten gar nicht. Harry Goldsmith, Neurochirurg von der University of California, reagierte immerhin: „Das ist ein so überwältigendes Projekt – dessen Realisierung aber sehr unwahrscheinlich ist.“ Er glaube nicht, dass es funktionieren kann.

Und so wird es wohl auch nichts mit der Vision von Thomas Mann in seinem Roman „Die vertauschten Köpfe“, in dem es um ein Dreiecksverhältnis geht: eine Frau und zwei Männer, deren Köpfe ausgetauscht wurden. Um Eifersucht geht es da, um Sex, und deshalb um die Frage: Kopf oder Unterleib? Weise Geister mussten konsultiert werden, die sich die Antwort nicht leicht machten: Letztlich meinten auch sie, wie die Bundesregierung, der Kopf sei das Entscheidende. Doch es half nichts. Die Verbindung von Kopf und Körper ging im Roman noch glatt. Letztlich aber waren es die Identitätsprobleme, die später beide Männer in den Tod trieben.

Quelle: http://www.welt.de/vermischtes/article137912632/2017-soll-der-erste-Kopf-transplantiert-werden.html

Gruß an die „Verständnisvollen“ die offenbar völlig kopflos leben

TA KI