Die germanische Mythologie


Die nordische Mythologie, so wie sie uns in der Edda (Sammlung germanischer Götter- und Heldenlieder) überliefert ist, entstand zum Großteil in den noch heidnischen skandinavischen Ländern, überwiegend auf Island. Es gibt allerdings auch einige Hinweise, auf christliche Einflüsse (z. B. Hel als höllenähnliche Unterwelt). Diese wurden zur Zeit der Niederschrift (um 1200 n. Chr.) von den bereits missionierten Dichtern eingestreut bzw. entstanden während der Zeit der Christianisierung.
Leider gingen durch den „Eifer christlicher Missionare“ so gut wie alle mündlichen Überlieferungen der südgermanischen Mythologie verloren. Im großen und ganzen kann man aber davon ausgehen, daß die verschiedensten germanischen Stämme mehr oder weniger identische Mythen ihr Eigen nannten. Gerade die germanischen Schöpfungsmythen dürften die ältesten Überlieferungen darstellen, weil das Szenario von der Entstehung der Welt stark an die Vorkommnisse während der letzten Eiszeit erinnern. Womöglich entstanden aus den Erinnerungen der Urahnen der germanischen Völker an diese schlimme Zeit die ersten Fragmente der heutigen germanischen Schöpfungsmythologie.

 

Die nordgermanische Schöpfungsmythologie

Über die Entstehung der Welten wird in der Völuspa der Älteren Edda und im Gylfaginning der Jüngeren Edda berichtet:

    Einst war das Alter, da Ymir lebte:
    Da war nicht Sand nicht See, nicht salz’ge Wellen,
    Nicht Erde fand sich noch Überhimmel,
    Gähnender Abgrund und Gras nirgend.

    Bis Börs Söhne den Boden erhoben,
    Sie, die das mächtige Midgard schufen.
    Die Sonne von Süden schien auf die Felsen
    Und dem Grund entgrünte grüner Lauch.

    (aus der Völuspa – Der Seherin Weissagung)

    Am Anfang gab es nur Ginnungagap (AN mit Kräften/Magie erfüllter Raum), das man sich als Schlucht des Nichts und der Windstille vorstellte.
    Im Süden von Ginunngagap entstand später Muspelheim (AN Reich des Muspel => Der Feuerriese Muspel (=Surtur) herrschte über diese Welt.), die Welt des Feuers und der Hitze.
    Nach Muspelheim entstand nördlich von Ginnungagap Niflheim (AN Nebelwelt), die Welt des Nebels und des Eises, wo Finsternis und Kälte herrschten.
    Im Zentrum von Niflheim befindet sich der Brunnen Hvergelmir (AN brodelnder Kessel). Aus dieser Quelle entsprangen 12 Flüsse, die alle zusammen Elivagar genannt werden. In der Urzeit überfluteten diese Wassermassen Niflheim bis sie zu Eis erstarrten. Dabei legte sich eine Eisschicht über die andere, bis sogar Ginnungagap erreicht wurde (Hinweise auf Eiszeit?!). Seitdem lagen im Norden von Ginnungagap große Eis- und Schneemassen, wo Stürme wüteten. Der südliche Teil von Ginnungagap wurde von den Feuerfunken, die von Muspelheim herüberflogen, erwärmt, wodurch das Eis im Norden zu schmelzen begann. Aus den Tropfen des geschmolzenen Reifs bildete sich der Urriese Ymir (AN Zwitter ?!) und die Urkuh Audhumbla (AN die Milchreiche) taute aus dem Eis auf. Ymir ernährte sich von Audhumla’s Milchströmen. Danach fiel er in einen tiefen Schlaf. Während Ymir schlief, entstand aus dem Schweiß seiner linken Achselhöhle ein männliches und ein weibliches Riesenwesen und durch das Aneinanderreiben seiner Füße entstand ein Sohn. Dieser, genannt Vafthrudnir, galt als Stammvater des Geschlechts der Hrimthursar (AN Frost- oder Reifriesen).

    Audhumbla schleckte das salzige Eis als Nahrung, weil es noch kein Gras zum Fressen gab. Durch das Lecken setzte sie den Urriesen und Stammvater der Götter Buri (AN Erzeuger, Vater) aus dem Eis frei. Buri zeugte aus sich selbst den Riesen Bör (AN Sohn, Geborener). Bör wiederrum zeugte mit der Riesin Bestla (AN Baumrinde) drei Söhne – Odin, Vili und Ve, die ersten göttlichen Asen. Bör und Bestla sind folglich Urvater und Urmutter der Götter. Bestla, Tochter des Hrimthursen Bölthorn, war aus dem Geschlecht der Reifriesen, das aus Ymir hervorging. Sie galt jedoch als besonders friedliebend, ganz im Gegensatz zu den sonst bösen, zerstörerischen Reifriesen.

    Die drei Brüder Odin, Vili und Ve erschlugen den Urriesen Ymir und in den Fluten seines Blutes ertranken alle Reifriesen bis auf Bergelmir und seine Gemahlin, die sich in einem Boot retten konnten (christl. Einfluß -> Arche Noah ?). Aus dem Riesenpaar ging später das neue Reifriesengeschlecht hervor.
    Die drei Brüder legten Ymir ins Zentrum von Ginnungagap und schufen aus seinem Körper die Welt: Aus seinem Blut machten sie das Weltmeer, aus seinem Körper die Erde, aus seinen Knochen die Berge, aus seinen Haaren die Bäume und aus den Zähnen und Knochensplittern Steine und Felsen. Aus den Maden in Ymir’s verrottendem Körper schufen sie die Zwerge. (Nach einer anderen Version wurden sie aus Brimirs Blut und Blains Gliedern geschaffen.) Aus seinem Schädel machten sie das Himmelsgewölbe mit Hörnern an den vier Ecken. Sie hoben ihn hoch und setzten je einen Zwerg unter jedes Horn, damit diese das Gewölbe halten konnten. Die vier Zwerge sind nach den vier Himmelsrichtungen benannt worden: Austri (Osten), Westri (Westen),  Nordri (Norden) und Sudri (Süden). Anschließend nahmen die drei Brüder Feuerfunken aus Muspelheim und hefteten sie als Gestirne an den Himmel – anderen wurde erlaubt, sich am Himmel frei zu bewegen.

    Um die Tag- und Nachtphase festzulegen erhielt der Gott Dag (AN Tag) und seine Mutter, die Jötun-Riesin Nótt (AN Nacht), jeweils einen mit Pferden bespannten Wagen von den Göttern. Mit diesen fahren sie im Abstand von einem Tag um die ganze Welt. Dadurch bestimmen sie den Beginn bzw. das Ende von Tag und Nacht.
    Der Riese Mundilföri wagte es, seine Tochter Sol1) (AN Sonne) und seinen Sohn Mani (AN Mond) mit den Göttern gleichzusetzen. Als Strafe wurden die beiden von Odin in den Himmel versetzt, wo seitdem Sol den Sonnenwagen und Mani den Mondwagen über das Himmelsgewölbe lenken, um die Erde zu erhellen. Die beiden Wagen schufen die Götter aus zwei größeren glühenden Brocken aus Muspelheim. Mani wird vom Wolf Hati (AN Verächter) verfolgt. Immer wenn er dem Mondwagen zu nahe kommt, entsteht eine Mondfinsternis. Analog dazu wird Sol vom Wolf Sköll (AN Spott) verfolgt, wobei sich die Sonne verdunkelt, wenn er ihrem Wagen zu nahe kommt.

    Die Erde war kreisrund und vom Meer umgeben. Das Land an den Küsten im Osten wird Jötunheim genannt und ist das Reich der Riesen. Zum Schutz vor den zerstörerischen Kräften der Thursen2) bauten die Götter einen Wall aus Ymirs Augenbrauen kreisrund um Midgard (AN Mittelerde). Midgard lag im Zentrum aller anderen Welten und sollte die Wohnstätte der Menschen werden. Nachdem dies alles geschaffen war, nahmen die drei Brüder Ymirs Gehirn und warfen es in den Himmel, woraufhin die Wolken entstanden sind.

    Die ersten Menschen Ask (AN Esche) und Embla (AN Ulme) wurden von Odin, Hönir (= Vili: AN Wille) und Lodur (AN der Lodernde = Ve) aus zwei Bäumen geschaffen, die vom Meer an den Strand geschwemmt wurden. Odin gab ihnen als Luftgott Atem, Leben und Geist. Hönir gab ihnen als Wassergott klaren Verstand und Gefühl. Lodur gab ihnen als Feuergott das warme Blut, das blühende Aussehen, die Sprache und das Gehör. Ask und Embla bewohnten Midgard und aus ihnen ging das ganze Menschengeschlecht hervor. Auffallend im Vergleich zu Mythologien anderer Kulturen ist an der nordischen Version, daß die Menschen aus bereits lebendigem Material (Bäume) geschaffen worden sind.

      Gingen da dreie aus der Versammlung
      Mächtige, milde Asen zumal,
      Fanden am Ufer unmächtig
      Ask und Embla und ohne Bestimmung.

      Besaßen nicht Seele und Sinn noch nicht,
      Nicht Blut noch Bewegung, noch blühende Farbe.
      Seele gab Odin, Hönir gab Sinn,
      Blut gab Lodur und blühende Farbe.

      (aus der Völuspa – Der Seherin Weissagung)

       

      Yggdrasill – die Weltesche

      Es heißt in der Edda, Yggdrasill sei „der erste der Bäume“ – über seine Entstehung steht jedoch nichts geschrieben. Yggdrasill steht im Zentrum von Midgard und verbindet alle 9 Welten. Die 9 Welten sind in der nordischen Kosmologie auf drei Ebenen verteilt vorzufinden. Hierbei handelt es sich nicht unbedingt um eine „geographische“ Aufteilung anhand der Beschreibungen in den Schöpfungsmythen, sondern vielmehr um eine Schematisierung der germanischen Vorstellung vom Zusammenspiel des Kosmos: (Die strenge Unterteilung in Himmel und Hölle ist wohl auf christliche Einflüße zurückzuführen. Ursprünglich befand sich z. B. Walhalla in der Unterwelt und die Götterburg Asgard wurde auf Midgard erbaut.)

      1. Ebene („Himmel“):
      Asgard: Sitz der Götter, Wohnort der Asen
      Vanaheim3): Wohnort der Wanen
      Ljossalfheim: Wohnort der (Licht-)Alfen4)2. Ebene („Erde“):
      Midgard: Welt der Menschen im Zentrum aller anderen Welten
      Jötunheim: Reich der Riesen (im Osten)
      Svartalfheim: Wohnort der Dunkel-Alfen, (Zwerge) – unterirdisch
      Muspelheim: Reich des Feuers bzw. der Feuerriesen (südl. Midgard)

      3. Ebene („Unterwelt“):
      Hel(heim): Reich der Totengöttin Hel (Tochter Lokis)
      Niflheim: Reich des Nebels, Eises

      Der Weltenbaum Yggdrasill

       

      Bei näherer Betrachtung stellt man fest, daß die Welten immer Gegensätze bilden, Muspelheim – Niflheim (Feuer – Eis), Asgard – Hel (Himmel – Hölle), Ljossalfheim – Svartalfheim (Hell – Dunkel) und Vanaheim – Jötunheim (Friede – Zerstörung) übrig bleibt einzigartig Midgard im Zentrum, wo die restlichen 8 Welten aufeinandertreffen. Folglich ist in Midgard quasi „alles möglich“.

      „Diese Esche ist der größte und beste von allen Bäumen: seine Zweige breiten sich über die ganze Welt und reichen hinauf über den breiten Himmel. Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht, die sich weit ausdehnen: die eine zu den Asen, die andere zu den Hrimthursen, wo vormals Ginnungagap war; die dritte steht über Niflheim, und unter dieser Wurzel ist Hvergelmir, und Nidhöggr nagt vonunten auf an ihr. Bei der anderen Wurzel hingegen, welche sich zu den Hrimthursen erstreckt, ist Mimirs Brunnen, worin Weisheit und Verstand verborgen sind. ….. Unter der dritten Wurzel der Esche, die zum Himmel geht, ist ein Brunnen, der sehr heilig ist, Urds Brunnen genannt: da haben die Götter ihre Gerichtsstätte, …“

      (Ausschnitt aus dem Gylfaginning)

      Außerdem sitzen die drei Nornen / Schicksalsgöttinnen (AN Raunende) Urd (Vergangenheit), Verdandi (Gegenwart) und Skuld (Zukunft) an Urds Brunnen. Dort bestimmen sie das Schicksal aller Lebewesen.
      Auf der Spitze des Baumes sitzt der Jötunn-Riese Hräswelgr in Gestalt eines Adlers. Wenn er mit seinen Flügel schlägt, entsteht der Wind.

        Hräswelg heißt, der an Himmels Ende sitzt
        In Adlerskleid ein Jote.
        Mit seinen Fittichen facht er den Wind
        Über alle Völker.

        (aus dem Gylfaginning)

        Das Eichhörchen Ratatöskr läuft ständig am Stamm des Yggdrasill entlang zwischen dem Adler und dem Drachen Nidhöggr (AN Neiddrache) hin und her. Es galt als Sinnbild der ewigen Streitigkeiten zwischen den Menschen, weil es immer Zwietracht zwischen den beiden sät, indem es jeweils dem einen erzählt, was der andere schlechtes über ihn erzählt hätte.

        Wenn der immergrüne Lebensbaum zu welken beginnt, ist dies die Ankündigung von Ragnarök (AN Weltuntergang). Unter den Menschen herrscht Grausamkeit und moralischer Verfall. Darauf folgt eine Eiszeit und die alles vernichtende Endschlacht, bei der alle Götter und Menschen sterben werden. Nach einer langen Zeit wird die Welt neu entstehen. Der Lichtgott Balder wird zurückkehren und alle Wesen werden in Frieden miteinander leben.

          Brüder befehden sich und fällen einander,
          Geschwisterte sieht man die Sippe brechen.

          Unerhörtes ereignet sich, großer Ehbruch.
          Beilalter, Schwertalter, wo Schilde krachen,
          Windzeit, Wolfszeit, eh die Welt zerstürzt.
          Der eine achtet des andern nicht mehr.

          Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer,
          Vom Himmel schwinden die heitern Sterne.
          Glutwirbel umwühlen den allnährenden Weltbaum,
          Die heiße Lohe beleckt den Himmel.

          Da seh’ ich auftauchen zum andernmale
          Aus dem Wasser die Erde und wieder grünen.

          Alles Böse bessert sich, Baldur kehrt wieder.

          (aus der Völuspa – Der Seherin Weissagung)

           

          Der erste Krieg

          Um an den Reichtum der Wanen zu gelangen, begannen die kriegerischen Asen den allerersten Krieg, der erst endete, als die beiden Göttergeschlechter ewigen Frieden schlossen, indem sie Geißeln austauschten.
          Wahrscheinlich wurde hier ein geschichtlich bedeutendes Ereignis im Mythos verarbeitet: Nach der Entmythologisierung stellt man fest, daß es sich bei den Asen im Grunde um kriegerische indogermanische Stämme und bei den Wanen um die bäuerliche  germanische Urbevölkerung handelt. Zwischen denen etwa 2000 v. Chr. ein realer Krieg herrschte. Auch damals wird der Friede durch Heirat zwischen Angehörigen der zuvor verfeindeten Stämme gesichert worden sein. Nach der Vermischung der germanischen Urbevölkerung mit den indogermanischen Stämmen überwog nach und nach die Verehrung der eher kriegerischen Götter der Indogermanen, eben der Asen als der friedlichen Wanen. Wahrscheinlich aus dem ganz einfachen Grund, weil sich die indogermanischen Religionsvorstellungen durchsetzten und die der Urbevölkerung mehr oder weniger in den Hintergrund drängten. So ist es z. B. auch auffallend, daß die Herkunft der Wanen in den altnordischen Quellen nicht näher beschrieben wird.
          Eine andere Theorie verweist jedoch auf den sozialen Konflikt zwischen den Herrschenden und dem einfachen Volk. Erst nach dem Friedensschluß zwischen diesen beiden Gruppen war ein Leben in einer geordneten Gesellschaft möglich geworden.
           Anmerkungen1) Die Verehrung einer Licht und Wärme spendenden Sonnengöttin als Personifikation der Sonne läßt sich bis in die Bronzezeit zurückverfolgen.

          2) An dieser Stelle ist es vielleicht notwendig, anzumerken, daß man die „Riesen“ eigentlich in verschiedene Arten unterteilen kann:
          Die Jötunen, auch genannt Etins, stellen sich entweder auf die Seite der Götter oder wenden sich zusammen mit den Thursen gegen sie. Oft besitzen die Jötunen ein enormes Wissen und verfügen über Zauberkräfte. Die Körpergröße spielt bei den Jötunen keine entscheidende Rolle. Ein gutes Beispiel für einen Jötun wäre z. B. der bösartige, aber hochintelligente Gott Loki, Sohn des Riesen Farbauti. (Loki wird den Weltuntergang Ragnarök heraufbeschwören.)
          Zusätzlich gibt es noch das Geschlecht der Thursen, die man sich als riesengroß, zerstörerisch und allgemein als dumm vorstellte. Ihre Bosheit treibt sie zu Handlungen, die den Menschen und Göttern oft schaden. Zu den Thursen zählen die Eis-, Stein-, Wasser- und Feuerriesen: Verkörperung der Naturgewalten.

          3) Wahrscheinlich stellten sich die Germanen Vanaheim als Reich im Erdinneren vor, die Wanen sind ja auch Erdgottheiten. Hier ist Vanaheimr in die erste Ebene gesetzt, da es letzlich auch ein „himmlischer“ Wohnort von Göttern ist.

          4) Licht-Alben (= Alfen/Elfen) sind geisterhafte, schöne Lichtwesen mit großer Weisheit. Sie sind den Menschen gegenüber freundlich und hilfsbereit und stehen den Göttern nahe. Dunkel-Alben hingegen sind pechschwarz, leben unter der Erde und sind eher bösartig gesinnt. Die Dunkel-Alben werden oft auch mit den Zwergen in Verbindung gebracht. Eine weitere Vorstellung war, daß es sich bei Elfen um die Seelen der verstorbenen Ahnen handelt.

          AN: altnordische Übersetzung oder Bedeutung
            

          Stammbaum der nordischen Gottheiten
          Stammbaum der nordischen Gottheiten

           

           Literaturhinweise Die Edda, (Übersetzung v. Karl Simrock), Manfred Stange (Hrsg.), Bechtermünz VerlagEdda, (Übersetzung v. Felix Genzmer), Max Thalmann, Eugen Diederichs VerlagHerder Lexikon / Germanische und keltische Mythologie, Herder VerlagLexikon der germanischen Mythologie, Rudolf Simek, Kröner VerlagLexikon der Mythologie, Gerhard J. Bellinger, Bechtermünz VerlagRunenkunde, Edred Thorsson, Urania Verlag 

           NMYTH.DOC & STAMBAUM.DOC (Word7)    NMYTH.RTF & STAMBAUM.RTF.

          Quelle: http://ingheim.tripod.com/nmyth.htm

          Gruß an die Ahnen

          TA KI

           

           

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          Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden Kapitel 3


          Der Einäugige König

          Von Tor Åge Bringsværd

          odin himmelsgott

          Jeden Morgen ganz früh in der Dämmerung, flogen zwei Raben in die Welt hinaus. Sie heißen Hugin und Munin. Hoch über Götter und Menschen, Alben und Zwergen schweben sie, und nichts entgeht ihnen, nicht einmal in Jotunheim und in Einöd.
          Sie erblicken Riesenfrauen, die auf rasenden Wölfen heim reiten. Sie sehen, wie gewaltige Trolle in Gebirgsschluchten und Grotten schlüpfen. Die meisten von dieser Sippe, können nämlich das Tageslicht nicht ertragen. Über ganz Einöd verstreut liegen die mit Moss bewachsenen Überreste von Riesen, die zersprungen und zu Stein geworden sind, weil sie getrödelt und nicht beizeiten ihre Schlupfwinkel erreicht haben, bevor die Sonne aufging. Wie Findlinge liegen sie herum, hier ein Finger, dort ein Fuß.
          Bis hinaus, auf das wilde Weltmeer fliegen die beiden Raben. Sie sehen wie die Meermänner und Meerfrauen in den Wellen spielen. Bis zum Nabel sehen diese wie Menschen aus, aber am Unterleib gleichen sie Fischen. Zwischen ihren Fingern spannen sich Schwimmhäute, und ihre Hände sind riesengroß.
          Hier draußen herrscht der Troll Ägir. Er ist der Bruder des Feuers und des Windes. Seine Frau heißt Ron, und ihre Töchter sind die Wogen. Ron wirft ein Netz aus und fischt nach den Seefahrern. Wer sich nicht vor ihr hütet, den zieht sie in die Tiefe.
          Wenn die Sonne aufgegangen ist, fliegen die Raben über Mitgard, der Heimat der Menschen. Dort lecken die Leute immer noch ihre Wunden, denn der Krieg zwischen Asen und Wanen war langwierig und blutig.
          Wenn die Großen und Mächtigen miteinander kämpfen, haben die Kleinen am meisten unter ihrem Streit zu leiden. Doch jetzt herrscht wieder Frieden. Die Asen haben ja gesiegt, und nie wieder soll es andere Götter neben ihnen geben. Trotzdem sind die Menschen ängstlich und fühlen sich unsicher. Denn es ist eine Sache, Krieg zu führen, und eine ganz andere, die Welt in Friedenszeiten zu regieren. Die Menschen fragen sich, ob Odin und seine Söhne dieser Aufgabe gewachsen sind.
          Die Raben spähen und lauschen. sie folgen einer hochgewachsenen, bleichen Gestalt, die von Ort zu Ort, von einem Dorf zum anderen geht. Keiner weiß so viele Geschichten zu erzählen, wie dieser Wanderer, und keiner kann so viele Fragen beantworten. Überall scharen sich die Menschen um ihn, und bereitwillig gibt er ihnen Auskunft. Dennoch ist und bleibt er seltsam einsam. Denn Kvasir ist nicht so wie andere Männer. Nie ist er ein Kind gewesen. Keine Frau hat ihn geboren.
          Er ist erwachsen zur Welt gekommen, als Geschenk der Götter, zu den Menschen gesandt, um sie Weisheit zu lehren. Die Götter schufen ihn gemeinsam, als einer nach dem andern hervortrat, um in den großen Napf zu spucken.
          Wenn es Zeit wird zu frühstücken, fliegen die beiden Raben nach Asgard zurück. Sie flattern ins Haus, und setzen sich auf Odins Schultern. Während er isst, flüstern und krächzen sie ihm ins Ohr und sagen ihm alles, was sie gesehen und erlebt haben. Auf diese Weise erfährt der Götterkönig, was es von nah und fern Neues auf der Welt gibt.
          wenn ihre Botschaft ihn neugierig macht, dann zieht Odin selber hinaus, um sich mit eigenen Augen Gewissheit zu verschaffen, denn er will alles ganz genau wissen. Dazu wählt er eine Verkleidung. Er zieht einen dunklen Mantel an und verbirgt sein Gesicht im Schatten eines Hutes mit breiter Krempe. Wenn er etwas nicht versteht, sucht er die drei Nornen auf. Das sind die Göttinnen, die an der Wurzel der Weltesche Yggdrasil wohnen.
          Die Nornen heißen Urd, Werdande und Skuld. Die erste, ist die Göttin der Vorzeit, die zweite der Gegenwart, die dritte der Zukunft. Sie wissen alles, was geschehen ist, geschieht und geschehen wird. Wenn ein Kind geboren wird, ist immer eine der Nornen zur Stelle. Sie sieht das Schicksal, das dem Kind bestimmt ist. keiner lebt länger, als die Nornen vorausgesagt haben. Die drei sind nicht die einzigen ihrer Art; es gibt auch andere Nornen, aus der Sippe der Alben und der Zwerge. Manche sind gut, manche böse, aber keine von ihnen ist so mächtig wie die drei, die an der Quelle leben.
          Am liebsten möchte auch Odin teilhaben an ihrer Gabe, in die Zukunft zu sehen. Wenn er den dreien zuhört, wird er unruhig. Ist denn alles immer vorausbestimmt? Kann keiner etwas daran ändern? Spielt es keine Rolle, was wir tun oder lassen?
          Er fragt seine Frau Frigga. „Was geschehen soll, geschieht“, sagt sie. Auch Frigga hat das Zweite Gesicht. Ein Stück weit kann sie in die Zukunft sehen, aber ihr Blick reicht nicht weiter, als ein paar Winter. Odin hört ihr zu und schweigt. Für ihn liegt das Kommende im Nebel. Eigentlich ist ihm das ganz recht; denn er will die Geschicke der Welt lenken. Er möchte kämpfen, um zu erreichen, was er sich vorgenommen hat, und er braucht den Glauben daran, dass dieser Kampf einen Sinn hat. Und trotzdem kann er es nicht lassen, die drei Nornen aufzusuchen. Er fragt und sie antworten. Wenn ihre Antwort anders ausfällt, als er hofft, wird er ärgerlich.
          „Nein“, ruft er, „so soll es nicht gehen. Was ihr seht ist nur eine unter tausend Möglichkeiten. Wir selber haben die Wahl!“ Dann lächeln die Nornen und Odin wird wütend.
          Er hat noch so viel vor, dass er keine Zeit mit Schachspielen und Turnieren verschwenden kann. Selten geht er mit den anderen Asen auf die Jagd. Meistens sitzt er allein da und grübelt. „Was hast du denn Milchbruder?“ fragt Loki. „Komm lieber mit nach Jotunheim. Lass uns den Trollmädchen nachlaufen, so wie früher.“
          Loki hat dort eine neue Freundin gefunden. „Lüstern wie ein Fohlen ist sie“, sagt er, „und wild wie eine Katze.“ Aber Odin schüttelt den Kopf. Er hat Wichtigeres zu tun. Es ist nicht mehr so wie früher. Jetzt lastet die Verantwortung auf ihm für alles, was er erschaffen hat. Er will die Welt so gut wie möglich regieren. Aber wie kann er das, wenn die Nornen recht haben und alles seine eigenen Wege geht, so wie es vorbestimmt ist? Wie kommt es, dass sie mehr wissen als er selber? Schließlich sind diese drei auch nur ein paar Wahrsagerinnen – oder bestimmen sie am Ende wirklich, was geschehen soll? „Dein eines Auge hast du schon eingebüßt“, sagt Loki, „Nimm dich in acht, dass du nicht auch noch den Verstand verlierst! Wer viel grübelt, geht viel in die Irre.“

           

          Eines Morgens kehren die beiden Raben zurück und bringen schlechte Nachrichten mit. Kvasir der Weise soll gestorben sein. In Mitgard sagen die Leute zum Spaß, er sei an seiner eigenen Weisheit erstickt. „Da siehst du es“, sagt Loki. „Lass es dir eine Lehre sein!“
          Aber Odin ist bekümmert. Kvasir war die Stimme der Vernunft, und jetzt ist sie verstummt. Odin will sich nicht mit bloßen Gerüchten begnügen.
          Bald entdeckt er, wie es zugegangen ist. Zwei Zwerge, Fjalar und Galar, haben Kvasir in ihr Reich gelockt.
          „Wir wollen mit dir sprechen, wo uns niemand stören kann“, sagten sie und er folgte ihnen. Die Zwerge warfen sich über ihn und stachen mit scharfen Messern auf ihn ein. Das Blut spritzte aus seinen Adern, aber kaum ein Tropfen ging verloren, denn die Zwerge fingen es in zwei Krügen und einem großen Kessel auf. Dann mischten die Zwerge Honig in das viele Blut und brauten daraus einen Trank. Wer von diesem kostbaren Met trinkt, wird ein Dichter oder Weiser.
          Doch die Zwerge wollen diesen Trank mit niemandem teilen. Er soll ihr Geheimnis bleiben. Trotzdem hat sich die Sache herumgesprochen. Denn die beiden gierigen Zwerge waren mit dem Mord an Kvasir nicht zufrieden. Sie brachten auch noch einen Riesen um, der ihnen im Wege war, und als dessen Frau ihnen mit ihrem Jammer in den Ohren lag, haben sie einen Mühlstein auf ihren Kopf fallen lassen.
          Als aber der Troll Suttung hörte, was die Zwerge seinen Eltern angetan hatten, verfolgte er Fjalar und Galar, fing sie und band sie an einer Schäre fest, die so flach ist, dass das Meer sie bei jeder Flut überspült. Die Zwerge winselten und baten um Gnade. Sie versprachen Suttung Gold und geschmiedete Kostbarkeiten, doch er lachte sie aus, bis sie in ihrer Not verrieten, was es mit dem Met auf sich hatte. Da ging Suttung auf einen Handel ein. Er bekam den Met und schenkte ihnen das Leben.

           

          Odin ist außer sich, als er erfährt, wie Kvasir umgebracht worden ist. Er will sich an den Zwergen rächen. Noch wichtiger ist es ihm, den magischen Met zu kosten. Hat er nicht bestimmt, dass Kvasirs Weisheit den Menschen zugute kommen soll? Odin gönnt den Mächten der Finsternis ihren Triumph nicht. Er will sein Geschenk zurückfordern. Das wird nicht leicht sein, denn Suttung ist ein reicher und mächtiger Riese. Schon heißt der Trunk nicht mehr Kvasirs Blut; die Leute nennen ihn Suttungs Met. Er hat ihn an einem sichern Ort versteckt, tief im Innern eines Berges. Hätte Odin Thor mitgebracht, so könnte er den Troll zum Kampf herausfordern; Thors Hammer wäre rasch mit ihm fertig geworden. Aber ohne Waffen muss Odin es mit List versuchen. Er geht nicht zu Suttung, sondern zu dessen Bruder Bauge. Auf dem Hof begegnet er neun Leibeigenen, die dabei sind, das Heu zu mähen. „Soll ich euch eure Sensen dengeln?“, fragt er sie. Damit sind sie gerne einverstanden. Odin holt einen Wetzstein hervor und macht sich ans Werk. Am Ende sind die Sensen so scharf wie nie zuvor. Die verwunderten Schnitter wollen ihm seinen Wetzstein abkaufen. „Ich will ihn hoch in die Luft werfen“, sagt Odin, „und derjenige, der ihn auffängt, soll ihn haben.“ Alle strecken gleichzeitig die Hände nach dem Stein aus, und in dem Durcheinander schneiden sie einander mit ihren Sensen die Hälse ab.
          Nun geht Odin weiter und klopft an Bauges Tür. Er gibt sich für einen armen Wanderer aus und bittet den Riesen um Unterkunft für die Nacht. Am andern Morgen beklagt sich Bauge darüber, dass seine neun Leute sich gegenseitig umgebracht haben. „Ich weiß nicht, wie ich nun mein Heu einbringen soll“, sagt er.
          „Oh, das kann ich gern übernehmen“, antwortet Odin.
          Der Riese lacht ihn aus. „Was, du willst ganz allein die Arbeit von neun Männern tun?“
          Aber der Gast bleibt bei seinem Vorschlag. „Also gut“, sagt der Riese. „Doch sag mir, welchen Lohn du dir ausbedingst.“
          „Ich möchte nur von Suttungs Met trinken“, antwortet Odin. „Ho“, lacht der Riese, „das kann ich dir wahrhaftig nicht versprechen. Denn darüber bestimmt allein mein Bruder. Und es würde mich wundern, wenn er bereit wäre, dir etwas davon abzugeben.“
          „Du könntest ihn wenigstens fragen“, meint Odin. „Das schon“, sagt Bauge, „aber was ist, wenn er nein sagt?“
          „Dann versprichst du, mir den Met auf andere Weise zu verschaffen.“ Da kann sich Bauge kaum halten vor Lachen. „Versprechen kann ich alles, das kostet nichts“, sagt er, weil er ganz genau weiß, dass er Odins Verlangen unmöglich erfüllen kann.
          Den ganzen Sommer übernimmt Odin die Arbeit der neun Männer, und als der Herbst kommt, verlangt er seinen Lohn. Doch Suttung weigert sich, auch nur einen Tropfen von dem Met herzugeben. „Dann müssen wir es eben mit einer List versuchen“, sagt Odin und erinnert Bauge an sein Versprechen.
          Hinterm Berg, wo Suttung die beiden nicht sehen kann, holt Odin eine Bohrwinde hervor und wendet sich an seinen Schuldner: „Worauf wartest du? Bohr mir ein Loch in den Berg! Stark genug bist du doch.“ Und der Riese macht sich an die Arbeit. Langsam, aber sicher frisst der Bohrer sich in Suttungs Festung hinein. „Nun ist das Loch durch“, behauptet Bauge. Odin bläst hinein, doch es wirbeln ihm Staub und Späne ins Gesicht. „Du willst mich für dumm verkaufen“, ruft er. „Weiterbohren!“
          Beim nächsten Mal fliegt ihm kein Staub mehr entgegen, und nun weiß er, dass der Bohrer in die Festung eingedrungen ist. „Was soll das Ganze“, fragt sich Bauge. „So ein winziges Loch, damit kannst du doch nichts anfangen.“ Aber sein Grinsen verrät, dass er sich seiner Sache nicht mehr sicher ist. Und ehe er sich’s versieht, hat Odin sich in eine Schlange verwandelt und ist im Bohrloch verschwunden. Bauge sticht mit der Spitze des Bohrers nach ihm, aber er kann ihn nicht treffen.
          Kaum in der Burg des Riesen angekommen, nimmt Odin wieder seine wahre Gestalt an. Er weiß. dass Bauge es nicht wagen kann, ihn zu verraten; denn dann müsste er seinem Bruder gestehen, dass er Odin geholfen hat. Vorsichtig tastet sich Odin von einem Zimmer zum andern und sucht nach dem Met. Im tiefsten Keller der Bergfestung wird er fündig. Der Riese hat seine Tochter Gunnlod als Wächterin neben die Gefäße mit dem Trank gesetzt. Sie ist groß und stark, aber Odin wirft einen Zauberbann über sie, und als sie ihm entgegentritt, vergisst sie, dass sie kämpfen wollte, und umarmt ihn. Als der Gott sie küsst, gibt sie ihm nach. Sanft wie ein verliebtes Lamm kann sie ihm nichts verweigern.
          Drei Nächte lang schläft Odin mit ihr, und jede Nacht lässt sie ihn den Met schmecken. In der ersten Nacht trinkt er den ersten Kessel aus, und in den folgenden Nächten leert er die übrigen. Dann denkt er nur noch daran, sich aus dem Staub zu machen. Als die Trolltochter schläft, schleicht er sich hinaus. Er verwandelt sich in einen Adler und fliegt davon. Das Mädchen erwacht. Ihre Schreie wecken Suttung. Der Riese versteht, was geschehen ist. Auch er nimmt die Gestalt eines Adlers an und jagt Odin nach. Der fliegt, so schnell er kann, aber er ist schwer, weil er so viel Met getrunken hat. Sein Verfolger kommt immer näher. Ob Odin die Burg der Götter heil erreichen wird?
          Auf der großen Wiese in Asgard blicken die Asen zum Himmel und sehen zwei Adler, die einander jagen. Beide kommen immer näher. Erst als Odin ruft, erkennen sie ihn. „Schnell“, ruft er, „holt so viele Krüge und Schüsseln herbei wie ihr könnt!“ Dann flattert er nieder und speit Kvasirs Met in die Gefäße. Doch schon schwebt Suttung über ihm und droht ihm seine Klauen ins Genick zu schlagen. Da weiß Odin keinen andern Rat, als ihn zu blenden, indem er ihm eine Ladung Met ins Gesicht spritzt. Nun können die andern Asen ihn mit Steinen und Speeren verjagen.

           

          kwasir

          So hat Odin Kvasirs Blut zurückerobert. Seitdem heißt dieser Met auch der Trunk der Zwerge, Suttungs Met und Odins Beute. Auch nennt man ihn den Met der Dichter; denn Odin sagt, dass nur jene Götter und Menschen davon trinken dürfen, die sich auf die Dichtkunst verstehen. Als Hüter des Trankes bestellt er einen seiner Söhne. Brage soll von nun an der Gott der Poesie und der Redekunst sein. Odin hat erkannt, dass er allein sich nicht um alles kümmern kann. Um über die ganze Welt zu herrschen, müssen sich die Asen die Arbeit teilen.
          „Meinetwegen“, sagt Loki, „soll Brage nur über das Zeug verfügen, das wir in Krügen und Schüsseln gesammelt haben, Aber was ist mit dem Rest, den du dem Troll ins Gesicht gepinkelt hast?“
          „Der soll uns nicht kümmern“, sagt Odin, „was davon zu Boden gefallen ist, kann da liegenbleiben. Wer davon kosten will, soll es haben.“ Loki grinst. „Wir wollen es das Getränk der schlechten Dichter nennen“, schlägt er vor, und die Asen stimmen ihm lachend zu.
          An diesem Abend feiern die Asen ein Fest um Odin willkommen zu heißen. Es wird gesungen und getanzt. Jeder möchte eine neue Geschichte erzählen und mit seinen Taten prahlen. Einer übertrifft dabei den anderen, doch als Loki das Wort ergreift, wird es still im Saal. Denn er weiß von einer Trollfrau zu berichten, mit der er sich den ganzen Frühling über herumgetrieben hat. Drei Kinder hat sie ihm geboren.
          „Das erste Kind ist ein Wolf“, erzählt er, „das zweite eine Schlange, und das dritte ein Mädchen. Sie ist weiß auf der rechten und blauschwarz auf der linken Seite.“
          Alle haben das Gefühl, dass dies ein böses Zeichen ist. Sogar Lokis Frau Sygin, die sich alles von ihm gefallen lässt, wird es dabei ängstlich zumute. „Diesmal bist du wirklich zu weit gegangen …“, sagt sie. Aber Loki lacht nur. „Wer von uns hat sich wohl noch nie mit den Trollfrauen eingelassen?“ fragt er. „Wer hat keine Kinder in Jotunheim?“ Aber mit seinen Späßen kann er die beklommene Stimmung nicht vertreiben. Odin verlangt, dass er seine drei Kinder nach Asgard bringt, damit die Asen sehen können, was es mit ihnen auf sich hat.

           

          Noch in derselben Nacht reitet eine bewaffnete Schar von Asen über die Regenbogenbrücke gen Osten. Thor und Tyr sind mit von der Partie, und Loki weist ihnen den Weg. Die Asen wissen ganz genau, dass die Trolle ihnen die drei Kinder Lokis nicht aus freien Stücken überlassen werden. Also gehen sie gleich zum Angriff über. Die Riesen verteidigen sich so gut sie können, aber gegen Thors Hammer kommen sie nicht auf. Bald haben die Asen die Kinder in ihre Gewalt gebracht und schleppen sie mit nach Asgard.
          Es sind sehr sonderbare Sprösslinge. Weder Riesen- noch Menschengestalt ist ihnen anzusehen. Fenris, der Wolfswelpe, ist für sein Alter entsetzlich groß. Seine Kiefern gleichen starken Eisenscheren, und seine Augen erinnern an tückische Moorlöcher. Die Schlange ist ein unheimliches, giftsprühendes Reptil. Und was das Mädchen Hel angeht – niemand hat je ein Kind mit so kaltem Gesicht und so gierigen Augen gesehen. „Sind sie nicht erstaunlich meine Kinder?“ fragt Loki und lacht triumphierend.
          Aber die Asen wollen seine Brut am liebsten gleich umbringen. „Deine Bankerten sind eine Schande für Asgard“, sagen sie, „und wer weiß, ob sie uns nicht Verderben bringen.“ Doch Odin erinnert sie an ein altes Versprechen. „Habt ihr nicht alle gelobt, dass Asgard eine heilige Freistatt sein soll? Dieses Gesetz gilt für alle, die zu uns kommen, ob wir sie mögen oder nicht.“
          „Es muss doch Wege geben, diese drei Ungeheuer loszuwerden“, murmeln die Asen.
          Odin beschließt, die Nornen um Rat zu fragen. Und was sagt Urd? „Mächtigere Feinde als diese haben sich nie in Asgards Mauern eingenistet. Eines Tages werden sie sich an die Spitze aller Mächte der Finsternis stellen.“
          „Ich sehe Blut“, sagt Werdande, die zweite der Nornen. „Das ihrige oder das meine?“ fragt Odin. Darauf wollen die Seherinnen nicht antworten, doch Odin ist hartnäckig und wiederholt seine Frage. Da sagt Skuld, die dritte: „Der Fenriswolf wird dich eines Tages verschlingen“, und schlägt die Augen nieder. Odin ballt die Fäuste. „Und was ist, wenn ich ihn jetzt gleich umbringe, solange er noch ein Welpe ist?“
          „Niemand kann sein Schicksal ändern“, flüstern die Nornen, und mehr bekommt Odin nicht aus ihnen heraus. Als er nach Asgard zurückkehrt, ist er so klug wie zuvor.
          Er weiß. dass die Nornen das Leben als ein großes Gewebe betrachten. Die Schicksalsfäden aller Geschöpfe sind mit denen aller anderen verflochten. Odin hat großen Respekt vor allem, was sie sagen. Nie würde er ihrem Rat offen zuwiderhandeln; denn er hat gelernt mit allem, was er nicht versteht, vorsichtig umzugehen. Doch zugleich hat er die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sein Wille etwas ändern kann; er glaubt, dass es immer einen Ausweg gibt.
          Deshalb schickt er Hel weit weg in die Verbannung nach Niflheim, in den hohen Norden, wo es immer dunkel, kalt und neblig ist. Dort wird sie über das Reich der Toten herrschen. Die Schlange schleudert er weit ins tiefe Weltmeer hinaus. Nur das Wolfskind soll in Asgard bleiben, damit die Asen ein Auge auf das Untier haben können. Sie lassen den Fenris wie einen wilden Hund frei in der Götterburg herumlaufen obwohl er so gefährlich ist, dass selbst sein Vater Loki sich nicht in seine Nähe wagt. Der einzige, der kühn genug ist, den Fenris zu füttern ist Tyr.
          Frigga, Odins Frau, gefällt das nicht. „Warum schickst du ihn nicht ans Ende der Welt, wo er keinen Schaden stiften kann?“ fragt sie ihn. Odin hat ihr erzählt, was die Nornen ihm anvertraut haben. Nun schüttelt er den Kopf und antwortet ihr: „Wenn dieser Wolf ein Teil meines Schicksals ist, dann nützt es nichts, ihn fernzuhalten. Lieber habe ich ihn in der Nähe. Dann sehe ich, was er tut und lässt.“

           

          Odin weiß, dass auch die Götter nicht ewig leben. Doch anders als die gewöhnlichen Sterblichen wissen sie, was sie tun können, um jung zu bleiben. Sie halten sich an Iduna. Diese Göttin besitzt einen Schrein, der den wertvollsten aller Schätze birgt, die in Asgard zu finden sind. Das sind ihre Zauberäpfel. Wer davon einen Bissen nimmt, der wird im nu viele Jahre jünger. Ohne Idunas Äpfel wären die Asen längst ergraut; denn sie haben ja viel länger gelebt als alle anderen Wesen auf der Welt.
          Aber was wird geschehen, wenn eines Tages alle ihre Äpfel verzehrt sind? Leider hat Iduna vergessen, wo sie diesen Schatz her hat. Sie findet den Weg zu dem Baum, der die Früchte trägt, nicht wieder. Deshalb sind die Asen sehr vorsichtig geworden. Sie beißen immer nur ein winziges Stückchen von den Äpfeln ab. Auch Odin geht sparsam mit ihnen um. Er muss oft an den Tod denken, weil er weiß, wie leicht er durch einen Speer oder eine Axt umkommen kann, oder durch die scharfen Fänge eines Raubtiers. Wie oft hat er mit ansehen müssen, dass einer der Götter gestorben ist, sei es im Kampf oder durch ein Unglück.
          Mächtig sind sie, die Asen, aber alles hat seine Grenzen. Freia zum Beispiel herrscht über die Liebe, bei den Göttern und bei den Menschen. Und dennoch hat Odin erlebt, wie sie verzweifelt die Hände rang und Tränen schieren Goldes weinte, als ihr erster Mann sie verraten und verlassen hat. Anderen kann sie helfen, aber sie selber bleibt nicht vom Kummer der Liebe verschont. Allmächtig ist niemand. Das weiß Odin, auch wenn er sich nicht damit abfinden kann.
          Jedes Mal wenn ihn dieser Gedanke streift, ist es ihm, als tanze er auf glühenden Eisen. Er möchte alles verstehen und alles können. Das ist seine Stärke, aber auch sein Fluch.
          Der Winter zieht sich hin. Draußen auf der großen Wiese streift der Fenriswolf unter den Schneewehen umher. Jeden Tag wird er stärker und gefährlicher. „Was kann denn ein Vater dafür, dass er so schreckliche Kinder bekommt?“ sagt Loki und zuckt die Schultern. Odin behält den Wolf wohl im Auge, doch lieber betrachtet er den Weltenbaum Yggdrasil, der immer grün bleibt, sommers wie winters. Kein Sturm kann ihn umwerfen, kein Frostwind ihm die Blätter von den Zweigen raufen. Tag und Nacht grübelt Odin über das, was Mime ihm einst ins Ohr geflüstert hat: „Wer die Welt verstehen will, muss Yggdrasil verstehen.“ Was bedeutet es eigentlich zu leben? Was bedeutet es zu sterben? Das möchte Odin wissen.
          Eines Morgens nach dem Aufstehen bietet sich den Asen ein furchtbares Schauspiel. Der Göttervater hat sich einen Speer in die Rippen gestoßen, und ist hoch in die Äste Yggdrasils geklettert. Dort hängt er jetzt in einer Gabel wie an einem Galgen. Freia läuft hin und will ihn herunterholen. „Las mich in Ruhe!“ ruft Odin. „Ich will mit keinem von euch reden, und ich brauche weder Essen noch Trinken.“
          So hängt er dort oben, mehr tot als lebendig, neun Tage und neun Nächte lang. Die Schmerzen machen ihn blind für alles, was um ihn herum vorgeht. Er sieht alles nur durch einen roten Nebel. Doch in der Ferne, jenseits des Leidens, schimmern andere Orte und andere Welten auf. Er ist an die Grenze der Wirklichkeit gelangt. Hin und her pendelt er in der großen Esche zwischen Leben und Tod. Keiner hat sich so nach Weisheit gesehnt wie Odin. Von den Lebenden kann er nichts mehr lernen. Jetzt sucht er Hilfe bei den Toten.
          Sie suchen ihn heim, Bekannte und Unbekannte. Jene die erst vor kurzem aus dem Leben geschieden, und andere, die vor langer, langer Zeit fortgegangen sind. Er begegnet seinen eigenen Eltern, den Riesen, die am Leben waren, bevor die Welt geschaffen wurde. Odin ruft sie, er fragt, er spricht mit ihnen, und die Alten antworten ihm.
          Er erfährt, das alles einen Namen hat, und das alle diese Namen etwas zu bedeuten haben für den, der sich die Zeit nimmt, ihnen nachzuhorchen. Er lernt Runen zu ritzen, geheimnisvolle und mächtige Zeichen in Holz und Stein zu schneiden. Auch achtzehn starke Zauberlieder erlernt er, mit denen er jedes Feuer löschen und alle Bande und Ketten sprengen kann. Er kann den Sturm fesseln und das Meer bändigen, bösen Hexen Sinn und Verstand rauben. Er kann die Waffen der Feinde stumpf machen und den fliegenden Pfeil in der Luft anhalten. Die Zauberlieder können ihm in der Liebe helfen und ihn gegen Sorgen und Krankheiten feiern.
          Als er heruntersteigt vom Baum Yggdrasil, ist er zum wahrhaften Allvater geworden, zum mächtigsten von allen, zum König der Toten und der Lebendigen. Und dennoch fühlt er, dass dies alles nicht genug ist, dass es kein Genug geben kann. Denn seine Ratlosigkeit ist ihm geblieben. Er weiß, dass er sich niemals ruhig und sicher fühlen wird. Doch darüber wird er schweigen.

           

          Unterdessen ist der Fenriswolf so groß geworden, dass es gefährlich wäre, ihn frei herumlaufen zu lassen. Auch hat er gelernt zu sprechen. Jetzt lacht er die Götter aus. Weil die Asen es fast nicht mehr wagen, ohne Wachen und unbewaffnet aus dem Haus zu gehen, verhöhnt er sie.
          Zweimal haben die Asen gewaltige Ketten geschmiedet. Beim ersten Mal haben sie so getan, als wollten sie nur die Kräfte des Ungeheuers auf die Probe stellen. Der Fenris ließ sich festketten, ohne sich zu sträuben. Aber kaum war er gefesselt, da brach er seine Ketten entzwei. Beim zweiten Versuch schmiedeten sie eine viel stärkere Kette. „Wenn du die sprengst, wirst du in der ganzen Welt berühmt werden“, sagten sie, um ihm zu schmeicheln, und so ließ er es sich gefallen, dass sie ihn an Haupt und Gliedern fesselten. Doch dann stemmte er sich mit beiden Pranken gegen den Boden und riss sich los, so dass die schweren Eisenglieder durch die Luft wirbelten.
          Da ist guter Rat teuer. In ganz Asgard gibt es keinen, der eine noch stärkere Kette schmieden könnte. Und dabei ist der Wolf noch gar nicht ausgewachsen! Die Asen sehen nur einen Ausweg. Sie müssen noch einmal Hilfe bei den Unterirdischen suchen
          So schickt Odin einen von Freias Dienern zu den Zwergen. Damit es rascher geht, leiht ihm Frei seinen Eber Gullborste, der schneller ist als jedes Pferd. Er läuft auch auf dem Wasser und durch die Lüfte, und seine Borsten glänzen so hell, dass es um ihn herum nie dunkel wird.
          Die Zwerge freuen sich über Odins Geschenke und über die Zeichen seiner Freundschaft. „Wir helfen euch gerne“, sagen sie und fangen sogleich an, eine ganz besondere Kette zu schmieden. Sie besteht aus den Wurzeln der Berge, den Sehnen der Bären, dem Speichel der Vögel, dem Atem der Fische, dem Bart der Frauen und dem Lärm der Katzenpfoten. Diese Kette ist glatt und weich wie ein Seidenband. Seit diesem Tag tragen die Frauen keinen Bart mehr, die Berge haben keine Wurzeln und die Katzen kommen lautlos daher.
          Die Asen sind von dem Werk der Zwerge sehr angetan. Sie locken den Wolf zu einer Insel im See und zeigen ihm die Kette. „Sie ist stärker als sie aussieht“, sagen sie. „Wir haben versucht, sie mit den Händen zu zerreißen, aber keiner von uns war stark genug dafür. Das kannst nur du schaffen.“ Aber der Fenriswolf ist misstrauisch und will sich auf keinen Versuch einlassen. „So ein dünnes Band“, sagt er. „Das zu sprengen, würde mir kaum viel Ruhm einbringen. Vielleicht steckt doch eine List dahinter, sonst hättet ihr mich wohl nicht hierhergelockt. Aber das lasse ich nicht mit mir machen.“
          „Früher warst du nicht so ängstlich“, antworten die Asen. „Die stärksten Eisenketten hast du wie Strohhalme zerfetzt, und jetzt schreckst du vor einer solchen Schnur zurück? Übrigens sollte es dir nicht gelingen, die Ketten zu sprengen, so bräuchten wir dich nicht mehr zu fürchten. Dann würden wir dich augenblicklich lösen.“
          Da lacht der Wolf. „Das soll ich euch glauben?“ ruft er „Wenn ich mich wirklich nicht von diesem lächerlichen Band befreien könnte, dann wärt ihr sicherlich die letzten, die mich freiließen. Aber sei´s drum. Niemand soll mir nachsagen, dass es mir an Mut fehlt. Nur verlange ich, dass einer von euch seine Hand in mein Maul steckt, als Pfand dafür dass ihr keinen Hinterhalt im Sinn habt.“
          Jetzt stecken die Asen in der Zwickmühle. Sie sehen einander an, und keiner zeigt große Lust, die Hand in den Rachen des Wolfes zu stecken. Odin nicht, und auch Thor nicht. Am Ende aber tritt Tyr hervor, Er ist nicht der stärkste der Asen, aber keiner ist so tollkühn wie er. Er hat sich in vielen Kämpfen bewährt, und er weiß, dass man etwas wagen muss, wenn man siegen will.
          Er legt die Hand in den Wolfsrachen und der Fenris lässt sich fesseln. Die Asen lachen, denn je heftiger das Ungeheuer zappelt und stößt, desto strammer schlingt sich das Band um seine Glieder. Er begreift, dass er gefangen ist und dass die Asen ihn nie wieder befreien werden. Nur Tyr lacht nicht, denn der Wolf beißt ihm die Hand ab.
          Die Asen ziehen das Ende der Kette unter einem großen Felsblock hindurch und vergraben es tief in der Erde. Darüber wälzen sie einen noch größeren Stein. Der Fenriswolf knurrt und schnappt wild um sich. Thor tritt hervor und stößt sein Schwert in den Schlund des Untiers, so dass der Griff gegen den unteren, die Spitze aber gegen den oberen Gaumen stößt. Gegen diese Maulsperre kann der Wolf nichts ausrichten. Er legt sich nieder, doch heult er furchtbar und der Schaum tritt ihm aus den Lefzen.
          Noch einmal sucht Odin die Nornen auf. „Hab ich den Kampf gewonnen?“ fragt er sie. Doch die drei Nornen schütteln den Kopf. „Alles geschieht, wie es geschehen muss“, antwortet Urd.
          „Wir haben den Wolf doch gebunden“, wendet Odin ein. „Eines Tages wird er sich befreien“, sagt Werdande, und Skuld fügt hinzu: „Alles ist im voraus bestimmt. Auf die Namen musst du achten. Jeder Name hat etwas zu bedeuten.“ Odin weiß nicht, was er mit diesem Rat anfangen soll. „Hast du vergessen, dass du unter den Menschen zuweilen Ygg genannt wirst?“ fragt Urd. Und dieser Name bedeutet der Schreckliche. Und das Wort Drasil, heißt soviel wie Pferd. Wenn du nun diese beiden Namen zusammenlegst, was kommt dabei heraus?“ – „Yggdrasil“, sagt Werdande, „und das bedeutet: Odins Pferd. Weißt du noch wie du dich selbst in die Esche aufgehängt hast? Man kann sagen dass Du auf ihr geritten bist. Und der Baum hat nur darauf gewartet, dass du ihm Sinn und Bedeutung verleihst. Doch du hast nichts dergleichen getan.“
          „Hört auf“, ruft Odin „ich will nichts davon wissen. Sagt mir lieber wozu ich da bin, wenn ohnehin alles im Voraus bestimmt ist! Wer bin ich? Könnt ihr mir das sagen?“
          „Du bist Odin“, flüstern die drei Nornen. „Du bist der, der kämpft, der nie aufgibt.“
          „Und der, der siegen wird“, schreit Odin. Doch die Nornen lächeln nur und schweigen.

           

          Kaum ist er nach Hause gekommen, da ruft Odin Heimdall zu sich, den Torwächter der Asen, der die Regenbogenbrücke zwischen Mitgard und Asgard hütet. Der braucht weniger Schlaf als ein Vogel, und er sieht gleich gut bei Tag und bei Nacht. Er ist sehr stattlich und hochgewachsen, und Zähne hat er aus purem Gold.
          „Wie stark die Mächte der Finsternis sind“, sagt Odin, „das weißt du selbst am besten. Von deinem Posten aus siehst du ja täglich, wie die Trolle uns belauern.“ Heimdall nickt „Und was das Schlimmste ist“, sagt er, „sie sind zahlreich wie der Sand am Meer, und sie werden immer mehr.“
          „Das ist bei den Asen anders“, meint Odin. „Wir Asen sind wenige, und wir zeugen nicht so viele Kinder wie sie. Wie soll das nur weitergehen? Eines Tages werden sich die Riesen stark genug fühlen, um über uns herzufallen.“
          „Das wird ein böser Tag werden für Mitgard und Asgard“, antwortet Heimdall. „Von den Menschen ist kaum viel Unterstützung zu erwarten. Die meisten von ihnen sind schwach und ängstlich.“
          „Um so dringender muss bald etwas geschehen“, sagt Odin. „Ich möchte, dass du nach Mitgard gehst. Nicht alle Menschen sind Duckmäuser. Mit den besten von ihnen müssen die Götter ihr Blut mischen. Leg dich zu ihren Frauen, damit sie Kinder von dir bekommen, so viele wie möglich. Wir brauchen viele starke und mutige Krieger.“ Das lässt Heimdall sich nicht zweimal sagen. Er geht nach Mitgard, um Stammvater einer neuen, stärkeren Menschenverwandtschaft zu werden.
          Odin befiehlt inzwischen den Bau eines neuen Hauses in Asgard. Es soll ein Gästehaus werden für die Krieger, die Heimdall eines Tages herbeischaffen wird. „Sechshundertundvierzig Türen soll es haben“, sagt Odin. „Und jede Tür soll so breit sein, dass neunhundertsechzig Männer gleichzeitig durch sie eintreten können. Er verlangt dass das Dach mit goldenen Schildern gedeckt wird. Auch einen Namen gibt er dem Haus. Es soll Walhall heißen.“
          Während die Asen sich an das große Werk machen, hält Odin sich abseits. Er sitzt ganz allein auf seinem Thron und blickt in die Welt hinaus. Er sieht das Lokis scheußliche Tochter Hel nun wie eine Königin über Leichen und wurmzerfressene Kadaver herrscht. Er sieht dass aus dem Schleim, der aus dem Rachen des Fenriswolfes rinnt, ein breiter Strom geworden ist. er sieht auch dass das dritte der Geschwister, die Schlange, so groß geworden ist, dass sie sich um die ganze Welt ringeln und in den eigenen Schwanz beißen kann. Weil sie auf diese Weise ganz Mitgard umspannt, nennt man sie jetzt Mitgardschlange. Alle Welt fürchtet sich vor ihrem Gift. Die ganze Welt ist umzingelt von Bosheit, denkt Odin. Doch in der Ferne sieht er auch Heimdall. Beeil dich, denkt er und ballt die Fäuste, schaffe uns Krieger herbei! Denn wir geben nie auf! Nie!
          Wenn die Zeit zum Essen gekommen ist, sitzt Odin mit den anderen Göttern am Tisch, aber er hat keinen Appetit. „Ich brauche nichts“, behauptet er. Nur auf den Wein will er nicht verzichten.
          Auf seinen Schultern sitzen Hugin und Munin, die Raben, und zu seinen Füßen liegen zwei Wölfe. Geri und Freke heißen die beiden. Odin hat sie selber gezähmt und nun sind sie folgsam und wedeln mit dem Schwanz wie Hunde. Odin kann es sich leisten, dem Schicksal ins Gesicht zu lachen; denn ist es ihm nicht geweissagt worden, dass es ein Wolf sein wird, der ihn einst umbringen wird, ihn, den höchsten der Götter? Doch es ist kein frohes Lachen, und die andern Asen merken, dass seine Miene sich verdüstert, wenn er daran denkt.

           

          Quelle:
          Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
          Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

          Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

          Gruß nach Asgard

          TA KI

          Die wilden Götter Sagenhaftes aus dem hohen Norden – Kapitel 2


          Der Krieg der Götter

          Von Tor Åge Bringsværd

           

          Noch war es nicht soweit. Denn die Welt war jung. Alles musste erst gelernt und ausprobiert werden. Die Vögel mussten lang üben, bis sie so gut singen konnten wie heutzutage und die Bienen wussten noch nicht so genau, wie sie an den Honig kamen. Fliegen, Schwimmen, Laufen – das alles wollte gelernt sein. Noch war das Leben nicht festgelegt und festgefahren, alles konnte sich ändern. Auch die Menschen fanden erst nach und nach heraus, wozu sie fähig waren, zu Liebe und Treue, aber auch zu Hass und Verrat. Wer war Freund und wer Feind? Das war nicht immer leicht zu entscheiden. Die Zeit war voller Unsicherheit und Neugier. Zum Beispiel sahen die Menschen gar nicht ein, warum ein Mann nicht viele Frauen haben kann und auch die Frauen sahen es nicht so genau mit der Treue und wussten nicht, ob sie sich an einen halten sollten, oder ob es nicht lustiger mit mehreren war. So war es auch bei den Göttern. Odins Frau war Frigga, die erste und vornehmste unter den Göttinnen. Mit ihr hatte er auch seinen erstgeborenen Sohn, der Baldur hieß. Aber das hinderte ihn nicht daran, sich mit anderen Frauen einzulassen. Seinen zweiten Sohn, den Donnergott Thor, zeugte er mit einer Trollfrau, obwohl es zwischen Asen und Riesen einen uralten Streit gab. Aber man kann sich auch in eine Feindin verlieben – warum nicht? Vielleicht ist das sogar spannender. Damals hat es auch Überläufer gegeben. Loki zum Beispiel, dessen Eltern Riesen waren, hat sich schon sehr früh mit Odin angefreundet und ist in Asgard, der Burg der Götter eingezogen. Ja es war eine recht verworrene Zeit, das muss man schon sagen. Auch Odin war rastlos. Es gab so vieles, was er nicht wusste und das war ihm sehr unangenehm; denn als der oberste aller Götter wollte er sich wohl ganz genau auskennen in der Welt, über die er herrschte. Deshalb begab er sich auf Wanderschaft und damit ihn nicht jeder gleich erkannte, verkleidete er sich in tausenderlei Gestalten. Er sprach mit Tieren und Menschen, mit Trollen und Wahrsagerinnen, wo er sie traf. Wer die Welt erschaffen hat, sagte er sich, muss sie auch verstehen.

           

          Er wagte sich weit ins Land der Riesen, nach Jotunheim, hinein. Er hatte nämlich gehört, dass dort einer lebte, von dem es hieß, er sei das klügste von allen Geschöpfen. Dieser Troll hieß Mime. Er war ein Einsiedler, der sich fern von den andern Riesen hielt und der Weg zu seiner Behausung war voller Gefahren. Was scherten Odin solche Hindernisse! Er wollte wissen, woher Mime seine Weisheit hatte, als er ihn heimsuchte, sah er, wie der Troll aus seiner Quelle trank. Das war Mimes Geheimnis; denn das Wasser aus diesem Brunnen macht jeden, der davon trinkt, jedes Mal ein wenig klüger als zuvor. „Ich will auch von deiner Quelle trinken“, sagte Odin. „da könnte ja jeder kommen“, antwortete Mime. „Wer bist du überhaupt? Und wer hat dich eingeladen?“ „Ich bin nur ein gewöhnlicher Wanderer“, sagte Odin, der nicht wollte, dass jeder wusste, wer er war. „Diese Quelle ist nicht für jeden hergelaufenen Landstreicher da“, rief Mime, „der einzige der aus ihr trinken darf bin ich!“ Odin versuchte es zuerst mit Versprechungen, doch Mime sagte: „Was kann ein Kerl wie du mir schon versprechen, das ich nicht selber hätte?“ Und als sich Odin auf Drohungen verlegte, lachte er ihn aus. Nun muss man wissen, dass Odin damals noch ein sehr junger Gott war, dem es an Selbstvertrauen fehlte. Seiner Allmacht war er ganz und gar nicht sicher und er hatte nicht das Gefühl, dass er der Klügste war. Vielleicht hatte Mime mich durchschaut, dachte er und macht sich lustig über mich? Aber so war es nicht, denn plötzlich fuhr ihn Mime an: „Gib mir eins von deinen Augen!“

           

          Fenrir

          Fenrir beißt Tyr´s Hand ab, als die Götter ihn fesseln.

          Odin traute seinen Ohren nicht zu trauen. „Her damit!“ rief der Troll, „dann kannst du von meinem Brunnen trinken, soviel du willst.“ Odin ließ sich durch Mimes Verlangen nicht abschrecken, denn noch nie war einer im Himmel oder auf der Erde so auf Weisheit und Erkenntnis erpicht wie er. Ohne einen Moment zu zögern, riss der Fremde sich ein Auge heraus, legte sich an die Quelle und trank. Da fiel es Mime wie Schuppen von den Augen und er begriff, mit wem er es zu tun hatte. Er war schließlich der Klügste unter den Riesen. Das war kein gewöhnlicher Landstreicher, das war ein Gott. Und Mime beschloss, sich Odin anzuschließen, sein Freund und Ratgeber zu werden. Mimes Quelle lag unter einer gewaltigen Baumwurzel. „Warum schlägst diese Wurzel nicht ab?“ fragte Odin. „Dann ist es bequemer aus ihr zu trinken.“
          „Wo denkst du hin? Weißt du nicht, dass es kein gewöhnlicher Baum ist, aus dem diese Quelle ihr Wasser zieht? Es ist die Weltesche Yggdrasil, die drei Wurzeln hat, eine hier wo du jetzt sitzt, die zweite in Niflheim, weit im nördlichen Nebel und die dritte….“
          „Die dritte dort, wo ich herkomme“, sagte Odin. „Bei allen Göttinnen in Asgard.“
          „Dann begreifst du wohl, dass man Wurzeln dieses Baumes nicht antasten darf, denn er ist heilig und wehe uns allen, wenn ihm jemand etwas zuleide tut. Ja mein Freund, wer die Welt verstehen will, der muss wissen, was es mit Yggdrasil auf sich hat.“
          Das nahm Odin sich zu Herzen und als er wieder zu Hause war, legte er sich auf die große Wiese und blickte nach oben. Er sah, dass die Weltesche einer Säule glich, auf der der Himmel ruht. Aber er bemerkte auch, dass in ihrer Krone und ihrem Geäst allerhand Getier hauste. Von dem Honigtau, der aus ihrem Laub tropfte, lebten die Bienen. Die waren harmlos, aber von den vier Hirschen, die zwischen den starken Ästen herumspringen, konnte man das nicht sagen, denn sie rauften das Laub ab und nagten an den frischen Trieben. In Yggdrasils Wipfel nistet ein kluger Adler und zwischen seinen Augen, hat sich ein Habicht niedergelassen. Und das ist noch nicht alles! Odin hat auch von der großen Schlange Neidhieb reden hören, die im fernen Niflheim zu Hause ist, an einer der drei Quellen. Ausgerechnet an der Wurzel soll sie sich niedergelassen haben. An der nagt und wer weiß, wie lange die Esche das aushalten kann. So geriet Odin ins Grübeln. Was geschieht wenn de Baum verrottet, oder wenn jemand ihn fällt, fragte er sich. Doch zögerte er auch, das zu ändern, was er nicht verstand, oder das zu vernichten, was er nicht leiden mochte. Lieber wollte er versuchen, zu schützen und zu hüten, was ihm gut und teuer schien. Vor allem musste er sich um seine eigene Quelle kümmern, die mitten in Asgard entsprang. Ihr frisches Wasser, speist einen Teich, auf dem zwei Schwäne schwimmen und drei mächtige Frauen, die man die Nornen nennt, behüten sie: Urd, Werlande und Skuld, die das Gute und das Böse bestimmt. Also bat Odin als erstes die Nornen, die Wurzel jeden Tag reichlich zu wässern, damit die große Esche nie vermodern sollte. Außerdem befahl er, um Yggdrasil Ehre zu erweisen, dass die Asen fortan, um ihren Rat zu halten, an der Quelle sitzen sollten.

           

          Das war auch dringend nötig, denn lange währte der Frieden nicht. Eines Tages tauchte in Asgard eine Hexe auf. Odin war nicht geneigt, sie zu empfangen. Aber er war und ist ja der Gott der Gastfreundschaft und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sich an seine eigenen Gesetze zu halten. Gullveig – so hieß der unerwünschte Gast – leuchtete die Gier aus den Augen. Gold und Reichtum, das war für sie das Wichtigste auf der Welt und mit dieser Liebe zum Gold, suchte sie auch alle anderen anzustecken. „Wie könnte ich nur glücklich sein, wenn ihr keine Schätze habt?“ geiferte sie. Das waren starke Worte, die auch auf die Asen Eindruck machte. Schon dachten einige daran, auf Beute auszugehen. Aber Odin sah beizeiten, wohin das führen musste, und er warnte seine Leute. „Ohne diese Hexe“, sagte er, „Wäre die Welt ein besserer Ort. Wir müssen sie los werden.“ Da ergriffen die Asen Gullveig, stachen mit ihren Speeren auf sie ein und warfen sie ins Feuer. Aber die Hexe war zäh. Als die Flammen abgebrannt waren, stand sie wieder auf und war so lebendig wie zuvor. Dreimal versuchten die Asen, sie auf den Scheiterhaufen zu werfen, doch jedes Mal stieg sie frisch und munter aus dem Feuer. Die Götter konnten ihr nicht den Garaus machen, denn Gullveig war eine äußerst trickreiche Trollfrau und noch dazu eine die zaubern konnte. Den Asen war es nicht gegeben, mit schwarzer Magie umzugehen. Ihre Kraft war nicht darin, zu trügen und zu lügen, sondern darin, Neues zu erschaffen. Höhnisch lachend ging Gullveig ihres Weges und seitdem wandert sie unter tausend falschen Namen und Masken durch die Welt und verleumdet die Asen. Überall stiftet sie Unfrieden unter den Menschen und freut sich jedes Mal, wenn sie wieder eine Freundschaft zerstört, oder einen Familienstreit angezettelt hat. Zuerst aber machte sie sich auf den Weg nach Wanheim zu den unbekannten Göttern, die dort lebten. Mit herzbewegenden Worten schilderte sie den Wanen, welche Grausamkeiten sie in Asgard zu erdulden hatte. Die Wanen waren empört. Vielleicht war ihnen die Hexe auch sympathisch, weil sie, wie es heißt, selber reichlich viel Gefallen an der Zauberkunst fanden. Jedenfalls wusste Gullveig, wie sie es anstellen musste, sie gegen die Asen aufzuhetzen. „Mag schon sein“, sagte sie, „dass die Asen die Welt erschaffen haben. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie über alle anderen herrschen sollen. Immer führen sie das große Wort, so als hätte unsereins nichts zu sagen.“
          Diese Reden gefielen den Wanen, die sich schon lange darüber geärgert hatten, dass sich niemand um sie kümmerte. „Recht hast du!“ riefen sie. „Wir haben es satt, die zweite Geige zu spielen. So kann man mit uns Wanen nicht umspringen. Lasst uns ein Heer rüsten und denen auf Asgard zeigen, wer auf dieser Welt die Stärkeren sind.“ Und das ließen sich die Wanen nicht zweimal sagen. Aber Odin entgeht so leicht nichts, was auf der Welt vorgeht. Er bemerkte von seinem Hochsitz aus, wie sich die Wanen zum Kampf rüsteten. Schon von weitem sah er sie mit ihren Reitern anrücken und er befahl den Seinen, sich zu rüsten. Vor den Mauern von Asgard trafen die beiden Heere aufeinander. Einen Augenblick lang standen sie Auge in Auge. Dann zögerte Odin nicht länger und warf seinen Speer in die Schar der Feinde. Der erste Krieg hatte begonnen.
          Anfangs sah es ganz so aus, als behielten die Wanen die Oberhand. Sie hatten die stärkeren Flüche, die sie den Asen an den Kopf warfen, aber das war nur ein Teil ihrer Zaubertricks. Manche benützten Tarnkappen, andere täuschten Angreifer vor, die gar nicht da waren; wenn die Asen auf sie losgingen, fanden sie nur tote Baumstümpfe, auf die sie einschlugen. Sogar die Mauern der Götterburg erzitterten unter den Zaubersprüchen und hie und da gelang es den Wanen, Breschen in die Festung zu schlagen und auf die große Wiese vorzudringen. Aber auf die Dauer waren die Machenschaften der Wanen der Kraft der Asen nicht gewachsen und die Angreifer wurden in die Flucht geschlagen. Das Heer der Götter trieb sie vor sich her, bis in ihr eigenes Gebiet und nun begann ein Plündern und Brandschatzen, in Wanheim, das den Besiegten die Tränen in die Augen trieb. Der Kampf kostete auf beiden Seiten vielen das Leben. Odins Brüder fielen, aber auch die alte Hexe Gullveig überlebte nicht.
          Doch die Wanen wehrten sich erbittert und je länger der Krieg dauerte, desto mehr mussten die Kämpfer einsehen, dass keine der beiden Seiten gewinnen würde. Wenn keiner diesem Wahnsinn ein Ende machte, stünde bald die ganze Welt in Flammen. Deshalb beschlossen die Anführer zu verhandeln. Ein Treffen der Gesandten wurde vereinbart und nach langem Hin und Her riefen sie einen Waffenstillstand aus. Als Unterpfand des Friedens, tauschten sie Geiseln aus. Die Wanen sandten einen ihrer besten Männer nach Asgard. Er hieß Njord und er brachte einen Sohn und eine Tochter mit, Frei und Freia. Dafür mussten die Asen Huhne einen der Ihren, nach Wanheim schicken, und Mime, der klügste aller Trolle, musste ihn begleiten.
          Odin wollte den Streit ein für allemal zu Ende bringen. Deshalb befahl er, dass die drei Geiseln aus Wanheim wie Gäste behandelt werden sollte. Er räumte ihnen sogar einen Platz im Rat der Götter ein. „Von nun an“, sagte er, „sollen sie gleiche Rechte und Pflichten wie wir alle haben und zu uns gehören.“
          Im Gegenzug dazu wählten die Wanen Huhne zu ihrem Häuptling.
          Odins Entscheidung war klug, denn auf diese Weise erfuhren die Asen vieles, was sie von ihren Gegnern nicht gewusst hatten: Wie es in Wanheim zuging und was für seltsame Sitten dort herrschten. Zum Beispiel war es bei den Wanen immer noch der Brauch, dass Geschwister einander heirateten. Njord war einer von denen, die ihre eigene Schwester geschwängert hatten und so waren Frei und Freia enger miteinander verwandt als andere Leute.
          Noch viel spannender war das, was die Asen über die magischen Künste der Wanen zu hören bekamen; dass Njord sich darauf verstand, den Wind, die See und das Feuer zu beherrschen; wenn er will, kann er Glück beim Fischen und Heil bei der Jagd herbeizaubern. Und Frei ist noch mächtiger als sein Vater, denn er kann gutes und schlechtes Wetter machen und ist Herr über alles, was wächst. Auf diese Weise bringt er denen, die er schätzt Wohlstand und Frieden. Aber die reizendste und gefährlichste unter den Wanen ist doch seine Schwester Freia. Keine auf der Welt ist schöner als sie. Sie fährt einen Wagen, der von zwei Katzen gezogen wird und wenn sie fliegen will, verwandelt sie sich in einen Falken. Wenn sie weint, vergießt sie Tränen aus schierem Gold. Vor allem aber ist sie die Göttin der Liebe und von allen Mächten die das Leben der Götter und der Menschen beherrschen, ist die Liebe die Stärkste.
          Das alles vernahmen die Asen und sie konnten von diesen Wundern nicht genug kriegen. Odin merkte sich alles, was er zu hören bekam, aber auch Loki, der Riesensohn, der mit ihm Blutsbrüderschaft geschlossen hatte, spitzte die Ohren. Loki ist ein ausgesprochen hübscher Troll, aber man kann ihm nie ganz über den Weg trauen, denn er ist listig und gemein. Insgeheim hält er es immer noch mit dem Clan der Riesen. Doch Odin hat von Anfang an einen Narren an ihm gefressen und vertraut seiner glatten Zunge. Loki versteht sich auf die Kunst, Worte zu verdrehen und alles zu seinem Vorteil zu wenden. Schon vorher war ihm die Zauberkunst nicht fremd, aber was er nun von den Wanen gelernt hat, macht ihn noch viel gefährlicher.
          Der erste, den er in seiner Bosheit aufs Korn nahm, war Thor, Odins erstgeborener Sohn. Der hat von der Klugheit seines Vaters kaum etwas geerbt. So simpel, wie er war, bot er sich Loki als leichtes Opfer an. Außerdem ist er hitzig und kann sich nur schwer beherrschen. Andererseits fehlt es ihm nicht an Gerechtigkeitssinn; gern beschützt er die Schwachen, wenn ihnen jemand unrecht tut. Jedes Mal wenn die Riesen in Mitgard einfallen, um die Menschen zu plagen, ist Thor zur Stelle, um ihnen zu helfen. Da sind die Trolle gut beraten, wenn sie von ihren Opfern ablassen und fliehen; denn Thor ist groß und stark und wenn er seinen Gürtel anlegt, verdoppeln sich seine Kräfte. Er hasst Verrat und Ränkespiele. Wahrscheinlich war das der Grund dafür, dass Loki sich gerade ihn ausgesucht hatte, um eine Probe seine Tücke zu liefern.

           

          In der Nacht können sich die Asen sicher fühlen. Sie schlafen ruhig, denn sie wissen, dass Heimdall, der Gott der am Fuß der Regenbogenbrücke wohnt, Wache hält. Der braucht weniger Schlaf als ein Vogel und er kann, ob es Tag oder Nacht ist, hundert Meilen weit sehen. So gute Ohren hat er, dass er nicht nur das Gras, sondern auch die Wolle an den Schafen wachsen hört. Kein Feind kann sich den Mauern von Asgard nähern, ohne dass Heimdall es bemerkt.
          Aber diesmal kommt der Feind nicht von draußen. Der Schwarzgewandte, der sich von Haus zu Haus schleicht, ist einer von den eigenen Leuten. Jetzt nähert er sich einem riesigen Gebäude, das vierhundertfünfzig Zimmer hat. Thor hat sich in seinem Übermut dieses Haus gebaut. Aber heute schläft er nicht in seinem Bett. Er ist hinausgeritten um gegen die Riesen zu kämpfen.
          Alle Lichter sind gelöscht und es ist still im ganzen Haus. Der Eindringling geht auf Zehenspitzen durch die Flure und blickt durchs Schlüsselloch in jedes Zimmer. Endlich findet er, was er gesucht hat. Der Mond scheint durchs Fenster und in seinem schwachen Schein sieht er Thors Frau daliegen. Dann macht er sich so klein, dass er durchs Schlüsselloch in Sivs Schlafzimmer kommt.
          Am andern Morgen kommt Thor nach Hause. Wieder einmal hat er die Riesen besiegt. Jetzt ist er müde und möchte sich ausschlafen. Er ruft: „Liebe Siv, las mich herein!“
          Aber Siv antwortet ihm nicht. Er hört wie sie weint und hitzig wie er ist, sprengt er sogleich die Tür auf. „Schau mich nicht an!“ bittet ihn seine Frau, „bitte schau mich nicht an!“ Und sie versteckt sich unter der Bettdecke.
          Ungeduldig reißt Thor die Decke in die Höhe und was er da zu sehen bekommt, erfüllt ihn mit rasender Wut. Denn Siv, die so wunderbares Haar hatte, dass sogar Freia, die Liebesgöttin neidisch wurde, ist am ganzen Kopf kahl wie eine Puppe. „Wer hat das getan?“ brüllt Thor. „Ich weiß es nicht“, sagte Siv. „Ich bin eingeschlafen und als ich aufwachte…“ Sie bricht in Tränen aus. Thor glaubt ihr; ja, er ahnt sogar, wer das gewesen sein könnte. Und er hat richtig geraten.
          Denn zur gleichen Stunde sitzt Loki bei seinen Kumpanen und prahlt. „Oh, bei Siv war ich mehr als willkommen. Sie hatte nichts dagegen, im Bett Besuch zu bekommen.“ Großes Gelächter „Kein Wunder“, sagen Lokis Freunde. „Thor ist ja fast nie zu Hause.“
          Aber das Lachen vergeht ihnen rasch, denn nun steht Thor in der Tür. Seine Augen sprühen Funken und er hat drohend seine Faust erhoben. „Immer mit der Ruhe“, zwitschert Loki. „Du wirst doch ein wenig Spaß verstehen, oder nicht!“
          Thor geht auf ihn los und es sieht ganz so aus, als wolle er ihm alle Knochen brechen. Im letzten Augenblick werfen sich Lokis Kumpane dazwischen.
          „Ich bring dich um, wenn du ihr nicht neues Haar verschaffst“, ruft Thor und versucht sich loszureißen. „Ich verspreche es“, winselte Loki, „hoch und heilig!“
          „Dir werde ich Beine machen! Neues Haar und zwar sofort, ich will das es noch schöner wird als das, das du ihr abgeschnitten hast.“
          „Ja, ja“, jaulte Loki, „gib mir nur ein paar Tage Zeit.“ Erst da löst Thor den Würgegriff um Lokis Kehle und der Übeltäter rennt davon. „Versuche ja nicht dich zu drücken“, brüllte Thor ihm nach. „Sonst kannst du was erleben! Ich finde dich überall und wenn du dich in den Gluten von Muspilheim versteckst.“

           

          Sigyn

          Die Göttin Sigyn schützt ihren Mann Loki vor dem Gift der Mitgardschlange.

          Wie wird sich Loki aus der Schlinge ziehen? Ach, dieser Kerl ist nie um Rat verlegen. Er macht sich auf den Weg zu den Schwarzalben, die unter der Erde wohnen. Die Strecke kennt er von früher, und in den Höhlen und Grotten kennt er sich aus. Die einzigen, die ihm helfen könnten, sind die Zwerge, denn sie verstehen sich auf die Schmiedekunst.
          „Ich brauche Fäden aus Gold. Tausende von langen, feinen Fäden, so dünn wie Menschenhaar.“
          „So“, sagen die Zwerge. „Wozu denn?“
          „Meine Frau“, antwortet Loki, „hat bei einem Feuer ihr Haare eingebüßt und ich will ihr neue schenken.“
          „Das ist aber viel Arbeit, erwidern die Zwerge. „Und überhaupt, warum sollen wir dir helfen?“
          Aber Loki weiß immer eine Antwort. „Stellt euch nur einmal vor, wie berühmt ihr in Asgard werden könnt, wenn ihr tut, was ich von euch verlange! Man muss sich gut mit den Asen stellen, denn sie sind sehr mächtig, besonders Odin. Ihr solltet ihn als Freund und Beschützer gewinnen.“
          Schon haben die Zwerge mit ihrer Arbeit angefangen. Überall hört man sie hämmern und in unbegreiflich kurzer Zeit haben sie tausend Goldfäden fertig geschmiedet. Nun murmeln sie Beschwörungen und Zauberformeln. „Deine Frau braucht sich das Goldhaar nur auf den Kopf zu setzen“, versichern sie Loki, „schon wird es festsitzen und weiterwachsen.“
          Aber Loki ist noch nicht zufrieden. In seinem Übermut bittet er die Zwerge noch um ein paar andere Gefälligkeiten.
          „So flink, wie ihr seid, wird euch das sicher nicht viel Mühe machen. Die Sache ist nämlich so: Ich möchte nicht gern ohne ein paar Geschenke nach Asgard zurückkehren. Wisst ihr nicht ein, oder zwei andere Kunststücke. mit denen ihr euch bei den Göttern einschmeicheln könnt?“
          Gutmütig wie sie sind, machen sich die Zwerge von neuem ans Werk. Zuerst schmieden sie einen Speer, der Gügne heißt. Das ist keine gewöhnliche Waffe. Denn diesen Speer können kein Schild und keine Mauer aufhalten und er trifft immer mitten ins Ziel.
          „Habt ihr nicht eine Idee für die Seefahrt?“ fragt Loki, der Nimmersatt. „Warum nicht“, sagen die Zwerge und sie bauen ein Schiff, das nicht nur auf dem Wasser, sondern auch auf dem Land fahren kann. Außerdem ist es so beschaffen, dass es immer Rückenwind hat, es heißt Skidbladner und obwohl es groß genug ist, um alle Asen samt ihren Waffen zu tragen, kann man es zusammenfalten und in die Tasche stecken.
          „Wunderbar“, sagte Loki. „Das wird ein Aufsehen machen in Asgard! Vielen Dank für eure Hilfe!“ Und schon ist er auf dem Heimweg. Ein paar Höhlen weiter, kommt er an einer anderen Werkstatt vorbei und hört, wie dort zwei Zwerge klopfen und hämmern. Brokk und Sinder sind Brüder und unter den Schmieden sind sie für ihre Kunst berühmt. Was gilt es, ich versuche bei denen noch einmal mein Glück, denkt Loki, tritt ein und zeigt den beiden seine Kostbarkeiten.
          „So etwas Feines habt ihr gewiss noch nie gesehen. Schaut nur was eure Vettern da zustande gebracht haben. Da können Zwerge wie ihr nie und nimmer mithalten. Darauf will ich meinen Kopf wetten.“
          „So?“ rufen die beiden Brüder wie aus einem Mund. „Da kennst du uns aber schlecht! Was die können, können wir auch.“ Sie tuscheln miteinander und verschwinden in der Schmiede. Loki muss draußen warten. „Sollen wir die Wette eingehen?“ fragt Brokk. „Dieser Loki ist doch nur ein Windbeutel. Eine Pest und eine Plage.“
          „Das mag schon sein. Aber das wir schlechtere Schmiede sind als unsere Vettern, das können wir nicht auf uns sitzen lassen“, meinte Sinder, „und was haben wir schon zu verlieren?“
          „Also gut“, sagte Brokk. „Meinetwegen. Machen wir uns an die Arbeit.“
          Vor der Schmiede sitzt Loki und lauscht ihrer Unterhaltung. Ich bin gespannt, was ihnen einfallen wird, denkt er. Am besten ist es, ich behalte sie im Auge damit sie keinen Unsinn treiben. Und er verwandelt sich in eine winzige Mücke, fliegt in die dunkle Schmiede und setzt sich an die Wand. Er sieht wie Sinder Gold in kleine Stücke schneidet, sie in die Esse legt und eine große Schweinehaut darüber wirft. „Ich muss ein wenig Luft schnappen“, sagt er. „Du Brokk, passt solange auf den Blasebalg auf, damit das Feuer nicht ausgeht.“ Kaum ist Brokk allein, da setzt sich eine Mücke auf seinen Arm und kitzelt und sticht ihn. „Verfluchtes Biest“, ruft er, aber stören lässt er sich nicht und als sein Bruder wiederkommt, holen sie ihr Werk aus der Esse. Siehe da, es ist ein großes Schwein geworden, ein Eber mit Borsten aus reinem Gold.
          Als nächstes schmiedet Sinder einen starken goldenen Armring. „Damit auch die Frauen etwas schönes haben“, sagt er.
          Doch das dritte und letzte Meisterstück macht er nicht aus Gold, sondern aus Eisen. das ist eine schwere Arbeit. Lange muss Sinder hämmern, bis er den Klotz in die Esse werfen kann. „Bei dieser Hitze schwitzt man sich das Fleisch von den Knochen. Ich muss hinaus an die frische Luft. Hüte mir solange den Blasebalg“, bittet er den Bruder, „aber pass gut auf! Wenn du auch nur einen Augenblick lang aussetzt, ist die ganze Arbeit umsonst.“
          Schon ist die aufdringliche Mücke wieder zur Stelle. Diesmal setzt sie sich genau zwischen Brokks Augen. Als sie zu sticht, tut es so weh, dass der Zwerg einen Augenblick lang den Blasebalg fahren lässt, um sie zu verscheuchen. Ausgerechnet jetzt kommt Sinder wieder. „Hab ich dir nicht gesagt du sollst aufpassen?“ ruft er ärgerlich. Vorsichtig nimmt er das Werkstück aus der Esse. „Das war knapp“, murmelt er. „Um ein Haar hätten wir es zum alten Eisen werfen können. Aber zum Glück hat es nur den Schaft getroffen. Er ist ein bisschen zu kurz geraten. Doch ansonsten ist es ein Hammer, der nicht seinesgleichen hat!“
          „Ach ihr seid schon fertig, sagt Loki mit seiner besten Unschuldsmiene, als Brokk und Sinder aus der Schmiede kommen. „Das ist aber schnell gegangen.“ Er grinst, während Sinder ganz erschöpft ist…
          „Das ist aber ein schönes Hämmerchen!“
          „So, und jetzt verschwindest du“, sagte Sinder. „Und du Brokk, nimmst den Hammer, den Ring und den Eber mit und folgst ihm nach Asgard. Die Götter sollen entscheiden, wer die Wette gewonnen hat, und ich bin sicher dass sie diesen Kerl um einen Kopf kürzer machen.“

           

          Schon von weitem sieht Heimdall, der Wächter, Loki kommen. Thor kann es kaum erwarten, ihn dafür zu strafen, was er Siv angetan und er ruft die Götter zusammen. Odin nimmt auf seinem Thron Platz und als Loki mit heiterster Miene auftaucht, mit dem Zwerg im Gefolge, ist die Stimmung eisig.
          „Ihr werdet staunen über die großartigen Geschenke, die ich mitbringe“, prahlt er. “Sechs Wunderdinge, die ich den Zwergen abgehandelt habe für viele gute Worte!
          „Weh dir“, brüllt Thor, „wenn kein goldenes Haar dabei ist.“ und Brokk murmelt: „Rede nur, solange du noch eine Zunge hast, alter Lügner!“ Den Asen erklärt er mit gerunzelter die Wette, die er und Sinder mit Loki abgeschlossen haben. „Es geht um seinen Kopf“, ruft er. „Aber wer soll entscheiden, ob die Zwerge recht behalten?“ Die Götter beschließen, dass Odin, Thor und Frei das letzte Wort in der Sache haben sollen.
          Aber zuvor zeigt Lokiwas er sonst noch alles mitgebracht hat. Er will gut Wetter bei den Richtern machen. Und tatsächlich macht seine Beute großen Eindruck. Die Asen bewundern Gügne, den Speer, der nie sein Ziel verfehlt. Loki überreicht ihn Odin, der sich begeistert zeigt. Das wunderbare Schiff Skidbladner schenkt er Frei und schon ist der zweite Richter hocherfreut. Nur Thor blickt immer noch drohend in die Runde. Da zieht Loki das Goldhaar aus der Tasche und überreicht es Siv. Kaum hat sie es sich auf den Kopf gesetzt, ist es schon angewachsen und Thor muss gestehen, dass sie nie schöner ausgesehen hat.
          „Und jetzt zu eurer Wette“, spricht Odin. Brokk tritt vor und zeigt den Asen seinen goldenen Ring.
          „Er heißt Draupne“, erklärt er. „Aber ihr ahnt gar nicht, wie wertvoll er ist. Denn über Nacht tropfen aus diesem Ring acht genauso große Ringe hervor. Dies ist ein Geschenk meines Bruders für Odin.“
          Dann zeigt er den goldenen Eber hervor. „Er heißt Gullborste und ist schneller als das schnellste Pferd“, erklärt er. „Er kann durch die Luft und auf dem Wasser laufen und wo er hinrennt, da wird es nie dunkel, so hell schimmern seine Borsten. Das, Frei, ist unser Geschenk für dich.“
          Endlich holt er den Hammer hervor, den Sinder geschmiedet hat. „Der ist für dich, Thor. Er ist härter als Diamant und wohin du ihn auch wirfst, er wird immer zu dir zurückkehren. Sieh nur!“ Und er schleudert den Hammer weit fort und fängt ihn wieder auf. Jetzt ist Thor glücklich über sein neues Spielzeug. „Oh, das ist noch nicht alles“, setzt Brokk hinzu. „Wenn du es wünschst, kannst du den Hammer auch verstecken. Du brauchst ihn nur in deiner Hand verschwinden zu lassen. So!“ Er macht es vor. Thor kann es nicht erwarten, diese neue mächtige Waffe auszuprobieren. „Hat er auch einen Namen?“ fragt Odin. „Der Hammer heißt Mjölner“, sagt Brokk und verneigt sich vor dem Götterkönig.
          Welches von diesen Geschenken ist das allerschönste? Die Wahl fällt den Asen schwer. Loki bekommt es mit der Angst zu tun und mischt sich ein. „Der Hammer ist es auf keinen Fall“, behauptet er. „Schaut euch nur den Schaft an. Der ist doch viel zu kurz.“ Doch Odin, Thor und Frei sind anderer Meinung. Sie wissen das Mjölner der beste Schutz vor Angreifern ist, den sich die Asen wünschen können. „Brokks Geschenk ist unübertroffen“, urteilen sie. Du, Loki hast deine Wette verloren.“
          „Das kostet dich deinen Kopf“, sagt der Zwerg und zieht sein Schwert.
          „Aber, mein Lieber“, wendet Loki ein, „was hast du denn davon, wenn du mich umbringst? Mit einem Totenkopf kannst du doch nichts anfangen. Willst du nicht lieber einen Haufen Gold haben? Ich zahl dir Kopfgeld soviel du willst.“
          „Gold haben wir selber“, sagt Brokk. Da versucht Loki, sich aus dem Staub zu machen, doch Thor ist auf der Hut und fängt den Übeltäter ein.
          „Also gut“, ruft Loki, „wenn es sein muss, dann nimm eben meinen Kopf. Nur den Hals und den Nacken darfst du nicht antasten, denn so haben wir nicht gewettet.“ Die Asen lachen. Wieder einmal hat Loki es fertiggebracht, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Nur Brokk ist wütend. „Verdammt sei deine Lügenzunge“, schimpft er, und im nu hat er einen Pfriem und einen Lederriemen aus der Tasche gezogen und näht damit dem verblüfften Loki die Lippen zusammen. Das ist fast so schlimm für ihn, als hätte ihn seine Wette Kopf und Kragen gekostet, denn ohne sein loses Maul ist er verloren. Die Götter machen sich lustig über ihn und Loki läuft wütend nach Hause.
          „Was ist denn mit dir los“, fragt seine Frau Sigyn, aber er bringt nur ein unverständliches Stöhnen hervor. Sie ruft ihre beiden Söhne herbei und gemeinsam ziehen sie den Riemen aus seinen Lippen. das tut allerdings weh. „Eine Schande, wie sie dich zugerichtet haben“, schimpft Sigyn, „wo du doch so klug und tüchtig bist. Eigentlich bist du doch der Gescheiteste unter den Asen. Nicht einmal Odin kann dir das Wasser reichen.“
          „Wohl wahr“, brummt Loki und tupft sich das Blut von den Lippen. „Aber meine Zeit kommt noch und dann werde ich es ihnen heimzahlen.“

           

          Immerhin herrscht jetzt Frieden in Asgard. Der Krieg mit den Wanen ist glücklich überstanden. Nur die große Mauer um das Heim der Götter liegt immer noch in Trümmern. Schon seit langem ist es beschlossen, sie wieder aufzubauen. Aber der Frieden hat die Asen faul und bequem werden lassen, und sie sagen sich: „Wenn uns die Riesen angreifen, wird Heimdall uns schon rechtzeitig warnen, Und den Rest besorgt dann Thor mit seinem unfehlbaren Hammer.“
          Eines Tages kommt ein Mann geritten und bittet Heimdall ihn über die Brücke zu lassen. „Ich habe euch einen Handel vorzuschlagen“, erklärt er den Asen. „Ich biete euch an, die große Mauer um Asgard wieder aufzubauen, und zwar so hoch und so stark, dass es niemand mehr wagen wird, gegen sie anzurennen.“
          „Wie lange brauchst du, um das Werk zu vollenden?“ fragt Odin. „Eineinhalb Jahre“, antwortet der Baumeister. „Und welchen Lohn verlangst du? Ganz umsonst wirst du wohl nicht für uns arbeiten wollen.“
          „Oh“, sagt der Mann, „ich fordere weiter nichts, als dass ihr mir Freia zur Frau gebt. Und als Mitgift, hätte ich gern die Sonne und den Mond.“
          Die Götter wissen nicht, ob sie wütend werden oder lachen sollen. Odin hätte den Kerl am liebsten hinausgejagt, aber da mischt Loki sich ein. „Wir schulden unserm Gast jedenfalls eine Antwort auf sein Angebot“, meinte er, „lasst ihn draußen vor der Tür warten, während wir uns beraten.“
          Der Baumeister wird vor die Tür gesetzt. Odin ruft: „Was gibt es da schon zu beraten! Der Kerl ist ja verrückt.“ Aber Loki hat eine Idee. „Wir geben ihm einfach eine so kurze Frist, dass er unmöglich beizeiten fertig werden kann. Auf diese Weise schuftet er mit aller Kraft und am Ende geht er leer aus. Wir bekommen den größten Teil der Mauer umsonst und brauchen keinen Finger zu rühren.“ Das leuchtet den Asen ein und der Baumeister wird wieder in den Saal gerufen.
          „Morgen fängt der Winter an“, sagt Odin, „wenn du bis zum ersten Sommertag fertig wirst, sollst du den Preis bekommen, den du verlangst.“
          „Was?“ ruft der Besucher, „die ganze Mauer im Lauf eines einzigen Winters?“
          „Und zwar ganz allein, ohne fremde Hilfe.“
          Der Baumeister denkt nach. „Aber mein Pferd darf ich wohl brauchen?“ fragt er endlich. Odin ist unschlüssig und wendet sich an Loki. Der zischt ihm ins Ohr: „Sag ja! Es ist doch ganz und gar unmöglich, dass er es schafft.“ Und so wird es mit Handschlag abgemacht und beschworen. Die Asen lachen froh und loben Loki für seinen schlauen Plan.
          Doch als der Baumeister sich an die Arbeit macht, stellt sich heraus, dass er wirklich über Riesenkräfte verfügt, und sein Pferd kann unglaubliche Lasten ziehen. Es sieht ganz so aus, als bräuchten beide keinen Schlaf, denn sie arbeiten Tag und Nacht. Untertags zieht der Meister die Mauern hoch und nachts schleppt er mit seinem Pferd die großen Steinbrocken herbei. Manchen unter den Asen wird die Sache unheimlich. „Und wenn er nun tatsächlich fertig wird, was machen wir dann?“ Aber Loki wiegelt ab. „Wartet nur bis es schneit“, sagt er, „dann wird es langsamer vorangehen.“
          Der Wind heult fast wie ein verlassener Hund, dicke Schneewehen decken die große Wiese von Asgard zu, es ist so kalt, dass die Suppe auf dem Tisch gefriert, doch den Baumeister scheint das nicht zu stören. Die Mauer wächst von Tag zu Tag und Odin macht sich Sorgen.
          Als es zu tauen anfängt, sieht es schlecht für die Asen aus. „Was machen wir nun, wenn der Mann fertig wird?“ fragen sie sich. „Sollen wir ihm wirklich Sonne und Mond geben und die Welt zugrunde richten? Und was ist mit Freia? So rede doch Odin!“
          „Das kommt gar nicht in Frage“, ruft der Götterkönig. „Die Göttin der Liebe mit einem hergelaufenen Handwerker! Obwohl… obwohl… Ein Versprechen ist ein Versprechen, und ein Schwur ist ein Schwur. Das ist alles deine Schuld, “ sagt er und schaut Loki schief an.
          Die Stimmung in Asgard ist trübe. Thor ist wütend und hält es nicht mehr zu Hause aus. Er zieht in den Osten, um seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Kampf gegen die Riesen nachzugehen. Freia lässt sich nicht mehr blicken; sie hat sich eingeschlossen und will mit niemand reden.
          Drei Tage vor Sommeranfang ist der Baumeister soweit, dass er nur noch die Burgpforte fertig stellen muss. Da beruft Odin eine Ratsversammlung ein. Alle klagen Loki an. Das kommt davon, sagen sie, wenn man auf diesen Lügner hört. Aber Lokis Frau erinnert daran, dass alle mit seinem Vorschlag einverstanden waren und damit hat sie recht. Frei lässt sich nicht beschwichtigen. „Falls dieser Lumpenkerl mit meiner Schwester Freia davonzieht, Loki“, brüllt er, „dann hast du nichts mehr zu lachen! Dann breche ich dir sämtliche Knochen im Leib und du stirbst einen langsamen und schmerzhaften Tod.“
          Loki fleht Odin um Hilfe an, aber der hört nicht auf ihn. Sein Blick ist kalt und unerbittlich. „Und wenn du hundertmal mein Milchbruder bist“, ruft er, „das wird dir nichts nützen. Du hast uns in diese Klemme gebracht. Nun sieh zu, wie du uns und dir wieder heraushilfst!“
          Am selben Abend – der Baumeister ist gerade dabei, die letzten Steine herbeizuschaffen, erscheint plötzlich aus dem Wald eine fremde Stute. Sie wiehert verspielt, schlägt mit den Hinterläufen, schlägt übermütig mit dem Schwanz und tanzt um den großen Hengst des Baumeisters herum. Der kann ihr nicht widerstehen, und die beiden Pferde verschwinden im Wald. Der Baumeister stolpert durch die Nacht und versucht sie einzufangen, aber er kann sie nirgends finden.
          Am anderen Morgen kehrt sein Hengst zurück, aber es ist zu spät. Für die Burgpforte fehlen die Steine. Er kann sie nicht fertig stellen. Die Asen sind herbeigeeilt und schauen ihm zu. Seine ganze Arbeit war vergebens. „Ihr habt mich hereingelegt!“, schreit er und droht ihnen mit der Faust. Vor lauter Wut zeigt sich seine Trollnatur. Er sprengt seine Verkleidung, und die Asen merken, dass er kein Mensch ist, sondern einer von den Riesen. Immer größer bäumt er sich auf und schon will er handgreiflich werden, da kehrt Thor von seinem Ausflug zurück. Der Hammer Mjölner saust durch die Luft und zerschmettert den Schädel des Trolls.
          Aber wo ist Loki? Er hat sich vorsichtshalber aus dem Staub gemacht und wagt sich erst spät im Herbst wieder nach Hause. Er humpelt, und hinter sich zieht er ein graues Fohlen, das acht Beine hat. „Was ist denn das?“ fragt Odin. „Das ist mein Geschenk für dich“, sagt Loki. Dieses Fohlen heißt Sleipnir, und wenn es aufgewachsen ist, wird sich kein anderes Pferd mit ihm messen können. Auf Sleipnir kannst du ins Totenreich reiten und unversehrt wiederkehren.“
          „Sag mir, wo du es her hast“, fragt Odin und streichelt das Fohlen. „Ganz einfach“, antwortet Loki, „ich habe es selber zur Welt gebracht.“ Da verstand Odin, dass die Stute, die sich mit dem Hengst des Baumeisters herumgetrieben hatte, eine von Lokis Verwandlungen war. „Du mit deinen Zauberkünsten!“ murmelt er und schenkt ihm einen bewundernden Blick. Soviel ich auch weiß, denkt er, aus Loki werde ich nie richtig klug werden.

           

          Lange Zeit hat der Frieden zwischen Asen und Wanen gehalten, aber eines Tages geht er zu Ende. Etwas Großes, Blutiges wird über die Mauer nach Asgard hereingeworfen. Es ist ein Kopf, der über die große Wiese rollt – Mimes Kopf. Die Wanen haben ihn abgeschlagen, und niemand weiß, warum. Vielleicht, weil er ein alter Freund Odins war? Der König der Asen hebt ihn auf und reibt ihn mit einer Salbe aus Kräutern ein. Er kennt auch die richtigen Beschwörungsformeln; denn mit der Zeit ist Odin ein Meister der Zauberkünste geworden. Und tatsächlich, das Wunder geschieht. Der Kopf wird wieder lebendig. Mime schlägt die Augen auf, er macht den Mund auf und fängt an zu reden.
          „Was ist passiert?“ fragt Odin. „Es sieht übel aus“, antwortet Mimes Kopf. „Die Wanen finden, dass sie einen schlechten Handel gemacht haben, als sie Njord, Frei und Freia gegen Huhne und mich ausgetauscht haben.“ „Aber dieser Tausch war doch das Unterpfand des Friedens. Außerdem haben die Wanen selber den Huhne zu ihrem Häuptling gewählt. Worüber beklagen sie sich?“
          Ja“, spricht Mimes Kopf, „das ist es eben! Diese Wahl haben sie oft bereut. Anfangs ging alles gut, und sie waren froh, dass der Krieg vorbei war.“
          „Na also! Und was Huhne betrifft, so ist er stark und hochgewachsen, ein echter Häuptling.“
          „Ja, er sieht gut aus, das kann niemand bestreiten. Aber das ist auch alles, was für ihn spricht. Breite Schultern und schmale Hüften. Nur um ordentlich zu regieren, braucht es auch ein wenig Verstand, und daran fehlt es ihm.“
          „Er hatte doch dich als Ratgeber, Mime“, sagt Odin. „Da konnte er kaum etwas falsch machen.“
          „Gewiss“, antwortet der Kopf, „aber wie sollte ich denn Tag und Nacht aufpassen, dass er keine Dummheiten macht? Solange ich dabei war, ist alles gut gegangen. Aber kaum ließ ich ihn aus den Augen, da wusste er nicht, was er machen sollte. – das müssten sie selber entscheiden, so sagte er, wie solle er das wissen – und dabei bildete er sich noch wunder was ein. Du musst wissen, dass er ziemlich größenwahnsinnig geworden ist. Er wäre es, behauptete er, der mit dir zusammen die Welt erschaffen hat; auch die Menschen hat er angeblich die Seele eingehaucht.“
          „Dummes Gerede“, sagt Odin.
          „Ja, das fanden die Wanen auch. Und eines Tages hatten sie es satt, ihm zu folgen.“ „Aber warum haben sie dann dich umgebracht und nicht ihn?“ fragt Odin.
          „Ich glaube, sie wollten der Welt zeigen, was für ein Dummkopf dieser Huhne ist. Ohne mich bringt er nichts zustande und macht sich zum Gespött von ganz Wanheim.“
          „Das geht zu weit!“ ruft Odin erbost. „Nicht nur lachen sie Huhne aus, der immerhin einer der Unseren ist, sie vergreifen sich auch noch an dir, meinem alten Freund!“
          „Ja“, antwortet der Kopf ruhig. „Es reut sie, dass sie besser und klüger sind als ihr.“
          „Wenn sie Krieg haben wollen, sollen sie Krieg haben“, sagt Odin, „und diesmal werden wir bis zum Ende kämpfen.“

           

          Die Asen rüsten ein mächtiges Heer. Odin teilt seine Truppen in zwei Teile. Die größte Schar, angeführt von Tyr, zieht auf dem Landweg gen Wanheim. Tyr ist nicht der stärkste unter den Asen, aber keiner ist kühner und unverfrorener. Odin selbst steht an der Spitze der zweiten Truppe. Er wählt den Seeweg. Von Frei leiht er sich das Zauberschiff, das ihm die Zwerge geschenkt haben, und das auf dem Land so gut wie auf dem Wasser fährt. Frei und Njord, die von den Wanen abstammen, erlaubt Odin nicht, mit ins Feld zu ziehen, damit sie nicht gegen ihre Verwandtschaft kämpfen müssen. Sie bleiben in Asgard, um die Burg im Notfall zu verteidigen. Der zweite Krieg wird härter als der erste, aber diesmal haben die Asen bessere Waffen, und auch in der Zauberkunst sind sie den Wanen ebenbürtig geworden. Der Gegner merkt, dass er der Übermacht der Asen nicht gewachsen ist, und zieht sich nach Wanheim zurück. Immer wieder greifen die Asen die belagerte Festung an, aber die Mauern halten stand, bis endlich dunkle Wolken aufziehen und ein seltsames Dröhnen die Luft erfüllt. Die Asen haben noch eine unangenehme Überraschung für ihre Feinde bereitgehalten. Ein Fuhrwerk, von zwei Böcken gezogen, rollt donnernd über den Himmel. Sein Lenker ist Thor, der, mit Eisenhandschuhen angetan, Blitze in die Festung schleudert. Mit der einen Hand treibt er die Zauberböcke an, in der anderen schwingt er Mjölner, seinen Hammer. Bald fällt die Festung, und die Wanen ergeben sich. Huhne besiegelt den Frieden und kehrt zu den Asen zurück. Aber diesmal endet der Krieg nicht wie beim ersten Mal. Diesmal sind die Wanen endgültig besiegt. Odin hat keine Lust, ihnen eine dritte Chance zu geben. Er ist schon lange zu dem Schluss gekommen, dass die Welt nicht Platz für zwei Göttersippen hat. Es muss ein Ende haben mit Eifersucht und Rangelei. Aber muss man deshalb alle Wanen umbringen? Nicht unbedingt. Alle, die Odins Herrschaft anerkennen, sollen am Leben bleiben. Odin ist sogar bereit, sie in Asgard aufzunehmen.
          Er lässt ein großes Gefäß aufstellen und versammelt alle Überlebenden, Asen wie Wanen, um diesen Napf. Jeder muss in das Gefäß spucken, als Zeichen dafür, dass er sich vor Odin beugt. Wer sich weigert, muss sterben. Und so geschieht es. Aus dem Speichel der Götter erschafft Odin eine lebendige Gestalt, einen Mann, den er Kvasir nennt, und gibt ihm eine Zunge. „Geh zu den Menschen“, sagt Odin, „erzähle ihnen von unserm Sieg und lehre sie Weisheit. Weil du aus Götterspucke erschaffen bist, wirst du so klug sein, dass niemand dich etwas fragen kann, ohne dass du die Antwort weiß.“
          Nun wird auf Asgard ein großes Fest ausgerichtet. Die Asen haben allen Grund zu feiern. Nur Odin findet keine Ruhe. Es gibt etwas, was er mit sich allein abmachen muss. Deswegen verlässt er heimlich den Festsaal und reitet nach Jotunheim zu den Riesen. Unter seinem Mantel trägt er den Mimes Kopf. Er sucht die Quelle auf, an der sich die beiden vor langer Zeit zum ersten Mal begegnet sind. Behutsam bettet er den Kopf auf das Moos am Brunnenrand.
          „Ich werde einen langen Schlaf tun“, flüstert Mimes Kopf. „Doch wenn einer kommt, um aus dieser Quelle zu trinken, werde ich erwachen und ihn verjagen. Denn dieses Wasser gehört uns beiden allein. So war es, und so soll es bleiben.“
          „Ich werde wiederkommen“, sagt Odin. „So oft du willst“, antwortet der Kopf. „Tot oder lebendig, ich werde immer dein Freund und Ratgeber bleiben.“
          So nimmt Odin Abschied von Mime und reitet langsam nach Asgard. Er ist kein junger Gott mehr. In seinem Bart zeigen sich schon die ersten grauen Haare. Gewiss, er ist Odin, der Einäugige, Herr über alles, was schwimmt, kriecht und fliegt. Und trotzdem liegt ihm die Ratlosigkeit im Blut. Nach wie vor gibt es viele Entdeckungen zu machen und viele Rätsel, die es noch zu lösen gilt.

           

          Quelle:
          Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum „Nordische Mythologie“ dankenswerterweise zur Verfügung.
          Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

          Quelle: http://www.manfrieds-trelleborg.de

          Gruß an die Freunde nordischer Sagen

          TA KI

          Die alte Sitte


          Peter Walthard

          Für unsere germanischen Vorfahren war die Welt von Lebendigem durchdrungen. In den tausendjährigen Eichen der Urwälder, in klaren Quellen und tiefen Seen, in Auen und Wasserfällen, auf Bergeshöhen und im nebligen Moor, überall spürten sie Leben, mit dem sie sich verwandt fühlten, und dem sie in ihren Sagen Gestalt verliehen. Es war ratsam, den gewaltigen Riesen aus dem Wege zu gehen, und die freundlichen Landwichte nicht zu verärgern.

          Wer etwa das Wasser verpestete, heilige Bäume fällte oder sich sonst rücksichtslos gegenüber dem Land und seinen Bewohnern verhielt, zog sich ihre Unfreundschaft zu und wurde mit Krankheit, Gift und Unfruchtbarkeit gestraft.

          In den Bergen, in Gletscher, Fels und Firn lebten Riesen, Türsten oder Jetten genannt. Sie waren nicht böse, doch in ihrer Wildheit verwüsteten sie die Fluren der Menschen mit Hochwasser, knickten ihre Wälder im Sturm und begruben ihre Häuser unter Lawinen und Murgängen. Die Jetten waren das älteste Geschlecht der Erde. In der Urzeit, als nichts war, ausser Feuer und Eis, wuchs aus dem Tau, den diese beiden Elemente bildeten, der erste Riese. Er war ein Zwitter und vereinigte alle Gegensätze. Die Götter töteten ihn und schuffen aus ihm die Welt, aus seinen Knochen die Berge, aus seinem Fleische die Erde, aus seinem Blut das Wasser und aus seinem Hirn die Wolken.

          Den Menschen und Göttern freundlicher gesinnt waren die lichten Elbe. Sie wohnten unter Hügeln, in Schluchten und eigentümlichen Felsen. Sie sorgten für fruchtbare Fluren und gesundes Vieh. Im Winter feierte man ihnen zu Ehren ein grosses Fest. Die schwarzen Elbe, verschlagene, hässliche Gestalten, lebten tiefer in der Erde, in Klüften und Höhlen gruben sie nach Gold und Edelsteinen. Sie horteten riesige Schätze und schmiedeten verzauberte Waffen für Götter und Helden.

          Auch manche Menschen wurden nach ihrem Tod zu Elben. Sie lebten in ihren Grabhügeln, und Fro, der Gott der Fruchtbarkeit und des Reichtums war ihr Herr. Die verstorbenen Mütter wurden Itisen genannt. Sie schützte die Kinder ihrer Sippe, wirkten ihnen ein gutes Schicksal und sorgten für fruchtbare Felder und Herden.

          Manche Verstorbene geisterten aber auch als Bôtzen herum. Sie waren unschön aus dem Leben geschieden, hatte noch offene Rechnungen zu begleichen und terrorisierten nicht selten ihre Nachkommen, bis ihrem Anliegen genüge getan wurde. Nicht minder furchterregend war der Zug der Toten, der in finsteren Nächten gesehen werden konnte. Die im Kampf gefallenen Krieger ritten mit Wuodan des Nachts als wilde Jagd über Wald und Weid, und es graute denen, die ihnen begegneten. Doch auch sie brachten den Feldern, über die sie sprengten, Segen. Ein Gefühl der Verbundenheit und Verwandschaft mit dem Leben auf der Erde, und nicht minder mit den Toten, deren Lebenskraft nicht verloren, sondern in die grosse Natur eingegangen war, prägte unsere heidnischen Vorfahren. Das Göttliche verehrten sie in den Erscheinungen einer vielfältigen, sich immer erneuernden und doch immer gleichen Natur.

          Alle Welten wurden zusammengehalten durch den grossen Weltenbaum, die Irmansûl. In seiner Spitze lebte ein Adler, an seinen Wurzeln nagte ein Drache, in den Blättern weideten sich Hirsche. Am Fusse dieses leuchtenden Bildes des Lebens sprudelte eine Quelle, deren Wasser der Tau aus den Blättern der Weltenesche war. Der Wurtbrunnen, so hiess er nach dem alten Wort für „Schicksal, Geschick“, war die Quelle allen Lebens, allen Schicksals und allen Wissens. Drei Nornen sassen an seinem Ufer, schöpften sein heiliges Wasser und begossen damit den Stamm der Irmansûl, die vom Sinter weiss glänzte. In der Tiefe des Quells aber lag das eine Auge Wuodans, dass er dem Riesen Mimer zum Pfande gegeben, um einen Schluck der Weisheit aus dem Brunnen der Erinnerung zu trinken.

          Von der Heiligkeit des Schicksals

          In einer Welt, die während eines halben Jahres in Schnee und Eis, in Dunkelheit und Kälte erstarrte, in einer Natur, die dem Menschen nur während eines kurzen, lichten Sommers die Möglichkeit gibt, sich von ihr zu nähren, wo die Heimstätten der Menschen zwischen wildem Gletschergebirge und der am Lande nagenden See, zwischen undurchdringlichen Urwäldern und tückischen Mooren lagen, war das Leben ein kostbares Gut, dass man sich täglich zu erkämpfen hatte. Um in diesen Breiten zu bestehen, brauchte man vorallem eines: Kraft. Körperkraft, um zu arbeiten, geistige Kraft, um sich den Anforderungen dieser rauhen Welt zu stellen, und schliesslich auch Zeugungskraft, denn wer keine Kinder hatte, um den war es arg bestellt. Die Menschen, die in dieser Welt heranwuchsen, machten sich keine Illusionen über Gut oder Böse. Die Gesetze der Natur waren unnachsichtig. Wer durch Nachlässigkeit die Ernte verdarb, hungerte im Winter. Ob gerecht oder ungerecht, was mochte das für eine Rolle spielen? Im Norden zu leben hat immer geheissen, sich dem Unvermeidlichen zu beugen, die Chancen zu nutzen, die sich boten, und das, was zu tun war, möglichst gründlich zu tun. Was die Natur des Nordens unseren Vorfahren gelehrt hatte, finden wir in ihren Mythen.

          Unerbittlich wie der einfallende Winter erscheint uns hier das Schicksal. Alles, was geschieht, ist, oft auf verhängnissvolle Weise, miteinander verwoben. Eine Tat führt zur anderen, alles kommt, wie es kommen muss. Dem Menschen bleibt, zu tun, was zu tun ist. Wuodan weiss von seiner Niederlage in der letzten Schlacht, Palter träumt von seinem Tod. Sigfrid, der grosse Held, weiss von Anfang an um den unheilvollen Gang der Dinge. Doch erstaunlicherweise finden wir in dieser Welt, in der alles gezählt und gewogen ist, keine Spur einer Revolte gegen das ungerechte Schicksal, keine enttäuschte Abkehr von der brutalen Welt. Es gab auch keinen zynischen Nihilismus, keinen Rückzug in die Befriedigung privater Gelüste, wie man vermuten könnte. Die Figuren, die uns in der germanischen Mythologie entgegentreten, erfüllten ihr Schicksal mit Verve, sie waren voller Lebensenergie, aktiv, selbstbewusst. Nicht, dass sie sich in ihr Los schickten, nein, sie schienen ihr Schicksal förmlich zu lieben.

          Warum?

          Eine wahre Lebenswut wohnte diesen Menschen inne. Sie waren vom Kampfgeist beseelt. Das Leben war ihnen heilig, und das Schicksal, das „Gewordene“, wie es in germanischer Tradition so treffend heisst, war das Leben, das Sein, an und für sich. Es wurde dem Menschen mit seiner Geburt gegeben, und er hatte ein Leben lang daran Teil, wurzelte als Individuum im ewigen Urgrund des Seins. Er wusste, dass in ihm etwas Heiliges lebte, jene Kraft, die sein Herz und seine Lenden belebte. Dies machte ihn würdig zu Leben und sein Leben lebenswürdig. Dies war die Grundlage seines Mutes und seiner Ehre.

          So war es geradezu eine religiöse Pflicht, sich dem Heiligen in sich würdig zu erweisen, indem man eine starke und bewundernswerte Persönlichkeit zu werden versuchte. Es war die Lebensaufgabe eines alten Germanen, zu dem zu werden, was er war. Da er am Heiligen Teil hatte, musste er dieses Privileg durch seine Taten rechtfertigen. Selbstverachtung oder gar Selbsthass wären ein eigentliches Sakrileg gewesen.

          Die Götter

          Wenn die heidnischen Götter auch nicht Weltenlenker im eigentlichen Sinn waren, so kam ihnen doch grosse Bedeutung zu. Sie waren die Freunde und Beschützer der Menschen und wurden mit Opfern und Liedern geehrt. In den Göttergestalten der germanischen Sage erkennen wir unschwer die Götter jenes rätselhaften Volkes, dass einst nicht nur ganz Europa, sondern auch Asien und Indien besiedelte, der „Indogermanen“, wie sie ein unglücklicher Fachbegriff nennt.

          Auf Felsenzeichnungen aus der Bronzezeit finden wir schon die Themen, die die Germanen bis zum Abbruch ihrer kulturellen Entfaltung durch das Christentum beschäftigte. Die in Skandinavien niemals brennend heisse, stets milde und segenbringende Sonne nahm einen wichtigen Platz in ihrer Symbolik ein. In unzähligen Variationen finden wir das Thema der heiligen Hochzeit, dass noch in drei eddischen Liedern mitschwingt. Schiffe, Pferde, Schweine und Zwillingspaare deuten ebenfalls auf die zentrale Rolle, die die sommerliche Fruchtbarkeit in jenen Gegenden spielte. Eine der ältesten Gottheiten der Germanen war Nerde, die Muttergöttin, die Frieden und Fruchtbarkeit schenkte. Sie hatte ein männliches Pendant, den skandinavischen Njörd, den Gott des Reichtums. Beide gehören zum Göttergeschlecht der Wanen. Diese waren lichte und beliebte Götter des Wachstums, des Reichtums, des Überflusses, der Liebe und des Friedens. In jüngerer Zeit traten Fro und Frouwe in den Mittelpunkt des Wanenkultes.

          Ebenfalls uralte Götter waren Ziu und Wulder. Beide mussten in ältester Zeit weit grössere Verehrung genossen haben als zur Wikingerzeit. Wulder war der Gott der Eide und Schwüre, Ziu der Gott des Rechts und des Dings, der germanischen Landsgemeinde. Wie zu Ziu der helle Taghimmel, der Sommer gehörte, so war Wulder der Gott der Nacht und des Winters. Beide waren Götter, die Werte wie Mut, Ehre, Wahrheit und Recht schützten.

          Diesen Zug teilten sie mit Donar, der bei den nordischen Adelsbauern wohl der beliebteste Gott war. Der kraftstrotzende, mit unbändigem Appetit gesegnete, ehrenhafte, aber aufbrausende Rotbart war geradezu das Urbild bäuerlicher Lebenskraft. Wie sein Name verrät, war er Herr über Blitz und Donner. Mit seinem Hammer kämpfte er gegen die Türsten und Jetten und schützte die Saaten der Menschen. Seine Kinder hiessen Mut und Kraft. Der mächtigste der Götter war aber Wuodan, der Gott der heiligen Wut. Er war der Meister der Magie und des geheimen Wissens. Er hatte sich selbst geopfert und im Weltenbaum aufgehängt. Nach neun endlosen Tagen der Folter waren ihm so die Runen offenbart worden. Um den Zugang zum Brunnen der Erinnerung zu erhalten, musste er dem Riesen Mimer ein Auge opfern. Die dritte Quelle seiner Weisheit war sein Met „Wutreger“, den er mit List und Tücke der Jettenmaid Guntlada entwunden, und nun mit Göttern und ausgewählten Kriegern teilte. Wie Donar und Ziu war Wuodan auch Kriegsgott. Doch kämpfte er nicht selbst, wie Donar, und unterstützte auch nicht stets die Gerechten, wie Ziu. Sein Krieg war magischer Art. Er blendete, fesselte, erschreckte Gegner, er versetzte die eigenen Krieger in rasende, übernatürliche Wut und liess oft gerade die besten sterben, um sie in seine Schar auserlesener Totenkrieger aufzunehmen. Man rief ihn um Sieg an und opferte ihm zum Dank die geschlagenen Feinde.

          Wuodan war ein düsterer, unberechenbarer Gott, ohne die von ihm verliehene Lebens-, Liebes- und Kampfeswut hätten die Mensche im Norden aber nicht überleben können. Die Germanen sahen in ihm den Vater aller Götter und Menschen und den Erschaffer der Welt. Neben diesen wichtigsten Göttern erzählen uns die Mythen noch vom lichten Palter, vom verschlagenen und hinterlistigen Loder, der diesen ermorden lässt, von der weisen Göttermutter Frîja und von der Totenkönigin Hellia. Für eine ausführliche Darstellung der germanischen Mythenwelt ist an dieser Stelle wenig Platz. Halten wir fest, dass die Germanen Götter des Rechts und der Ehre, der Lebenslust, der Lebenskraft und der Lebenswut verehrten. Nie erscheint uns eine Gottheit ruhend oder gar transzendent. Wie ihre Verehrer waren die nordischen Götter ständig aktiv und führten ein rauhes, aber leidenschaftliches Leben.

          Eine Religion der Praxis

          Wenn die Religion der Germanen in diesem Artikel „Alte Sitte“ und nicht etwa „Alte Lehre“ genannt wird, hat das seinen Grund. Denn diese Religion bestand in der Tat ausschliesslich aus symbolischen Handlungen und Ritualen. Es existierte kein Gebäude esoterischer Lehren, kein Dogma, keine Gebote, keine Bekenntnisse. Es gab keine Gottsucher und keinen Mystizismus. Die Mythen, die uns bekannt sind, sind kunstvoll gedichtete Variationen überlieferter Sagen. Sie sind kein heiliges Buch, keine letzte Wahrheit und keine Offenbarung. Von grösserer Bedeutung war das überlieferte Recht, dem sakraler Charakter zukam. Es wurde bei der Versammlung der Freien, dem Ding gesprochen. Diese Landsgemeinde beschloss und pflegte Recht und Gesetz, hielt Gericht und bestimmte in Kriegszeiten den König. Sie war auch eine heilige Zusammenkunft, die von Opfern begleitet war. Dass das Ding in der Regel auch Markt, Börse und Volksfest war, tat dem nach germanischer Auffassung nicht den geringsten Abbruch.

          Daneben bestand die religiöse Praxis hauptsächlich aus Festen. Das germanische Opferritual hiess Pluostar. Wenn die Götter gepluostart wurden, wenn ihnen also Opfer gebracht wurden, wurde ihre Macht gestärkt. Ziel des Opfers war nicht, einen Gott gnädig zu stimmen, sondern in ihm einen starken Verbündeten zu finden, denn die Menschen, wenn Not am Mann war, in die Pflicht nehmen konnten. Selten wurde einem Gott allein geopfert, im allgemeinen war es Brauch, das Opfer der ganzen Göttersippe darzubieten. Nicht minder als die Asen und Wanen wurden auch die Idisen und Elbe mit Opfern gestärkt. Ein Pluostar bestand in der Regel darin, dass zu Ehren der Götter ein Tier geschlachtet wurde. Das Blut wurde in einem heiligen Kessel gesammelt und war für die Götter bestimmt. Die Haut wurde an einen Baum gehängt, das Fleisch aber in grossen Kesseln gekocht und von der ganzen Gemeinschaft verzehrt. Dem zu opfernden Blut kam magische Kraft zu, es verband die Welt der Lebenden mit der Welt der Toten, die Menschen mit den Göttern. Runenzweige wurden in den Kessel geworden, um das Wurt zu erforschen. Zum folgenden Gelage, dem Hunsal, gehörte auch Bier und Met. War das Fleisch genossen begann das „ernsthafte Trinken“. Ein Horn mit Met wurde gereicht und auf die Götter, die Lebenskraft der Sippe, das Glück des Königs und das Andenken der Ahnen getrunken. Der Met versinnbildlichte die Lebensessenz, das Horn den Brunnen der Wurt. Die Trinkenden erinnerten sich grosser Taten, die vollbracht waren, und schworen heilige Eide für die Zukunft. Im Ring der Trinkenden herrschte geweihter Friede. Die Erinnerung an die Ahnen und die selbst vollbrachten Taten, der kühne Gedanke an die Zukunft, das prasselnde Feuer in der Mitte der Halle und der süsse Met, mit seiner begeisternden, Herz und Zunge beflügelnden Wirkung gaben den Feiernden Mut, Kraft und Zuversicht, das Gefühl, vom Leben und den mächtigen Kräften geliebt zu werden. Dreimal im Jahr kam man zu einem solchen Fest zusammen. Zu Beginn des Winters, wenn die Erntearbeit getan und die Vorräte üppig waren, in der Mitte des Winters, wenn der Toten gedacht und die Fruchtbarkeit beschworen wurde, und im Frühling, wenn man um Sieg opferte, um Erfolg im Kampf, auf dem Ding und in der Arbeit. Dreimal im Jahr kehrte der gemanische Mensch zurück in den Kreis seiner Sippe und seiner Genossen, feierte die Gemeinschaft mit Lebenden und Toten, mit den Göttern und Elben, feierte bei Tanz, Honigwein und Schweinefleisch nicht zuletzt auch sich selbst, vorallem aber die pure Lebenskraft, die ihn ihm wohnte. Um sie drehte sich in dieser Religion mit all ihren Mythen, Bräuchen und Sagen letztlich alles. Die grosse Esche im Zentrum der Erde, die Quelle allen Lebens, allen Schicksals und aller Weisheit war das höchste Weihtum, das Leben an sich das Allerheiligste unserer Alten Sitte.

          Quelle: http://www.eldaring.de/pages/artikel/heidentum/alte-sitte.php

          Gruß an die alten Sitten

          TA KI

          Die Asen


          Einführung


          Asgard, der Götterwohnsitz der Asen
          (Illustration von H. Hendrich, um 1890)

          Die Asen sind die Hauptgötter des Nordischen Pantheons. Sie erschufen die Menschen und greifen aktiv in ihre Geschicke ein. Sie wohnen in Asgard, der Burg der Götter, die Menschen bewohnen Midgard, Utgard ist dem Riesengeschlecht vorbehalten. Den Asen zur Seite stehen die älteren Wanen, die Naturgötter. Beide kämpfen gegen die Kräfte des Bösen, das Geschlecht der Riesen, die auf die Vernichtung der Welt und der Götter, Ragnarök, hinarbeiten.

          Der vornehmste, Erstgeborene der Asen ist Odin, der Allvater mit den vielen Namen. Seine beiden Brüder sind Wili und Wili . In anderen Sagen treten diese drei auch als Wotan, Loki und Hönir auf.

          Odin ist mit Frigga vermählt, einer Fruchtbarkeitsgöttin, hat aber noch viele weitere Frauen und zeugt zahlreiche Kinder, darunter auch seine Söhne Thor und Baldur. Er reitet auf seinem Hengst Sleipnir durch die Welt und stiftet Kriege an, er beobachtet die Welt durch die Augen seiner zwei Raben Hugin (Gedanke) und Munin (Erinnerung). Und nicht zuletzt schickt er seine Walküren aus, um von den Schlachtfeldern (Walstätten) die gefallenen Helden zu bergen, damit sie sich in Walhalla mit ihm auf die letzte große Schlacht vorbereiten.

          Die Geschicke der Asen sollen nun an ausgewählten Beispielen vorgestellt werden.

          Baldurs Tod


          Wikingerbestattung, F. Dicksee, 1893

          Baldur, dem guten sanftmütigen, träumte, dass seinem Leben Gefahr dräute. Und als er den anderen Asen seine Träume sagte, pflogen sie Rat zusammen und beschlossen, ihm Sicherheit vor allen Gefahren auszuwirken. Frigg, die Herrin über die Natur, nahm Eide von Feuer und Wasser, Eisen und allen Erzen, Steinen und Erden, von Bäumen, Krankheiten und Giften, dazu von allen vierfüßigen Tieren, Vögeln und Würmern, dass sie Baldurs schonen wollten. Als das geschehen war, trieben die Asen allerlei Kurzweil mit Baldur, stellten ihn inmitten ihres Kreises und schossen nach ihm, hieben auf ihn ein, wieder andere warfen schwere Steine nach ihm. Doch was sie auch anstellen mochten, nichts konnte ihm einen Harm tun.

          Das verdross nun freilich den Loki und er ging zu Frigg in Verkleidung eines alten Weibes und frug sie, ob sie denn wirklich alles in Eid genommen. Solcherart erfuhr der Listige, dass östlich von Walhall eine Staude, Mistel genannt, wachse ,die für zu jung befunden worden wäre, in Eid genommen zu werden.

          Darauf ging nun Loki hin, bemächtigte sich der Mistel und gesellte sich wieder den anderen Asen zu. Im äußersten Kreise der Männer stand der blinde Hödur; diesen nahm Loki alsbald zur Seite und nötigte ihn, mit dem Zweiglein, dass er ihm reichen wolle, auch Baldur Ehre zu tun und nach ihm zu schießen. Wie groß das Entsetzen aller, als nun dieses Zweiglein von des Blinden Hand den Baldur durchbohrte, dass er tot zur Erde stürzte!

          Frigg befrug nun jeden, ob er sich reichen Lohn verdienen wolle, und in ihrem Auftrag der Hel ein reiches Lösegeld für Baldur anbieten , auf dass er heimkommen könne nach Asgard. Diesen Auftrag nahm Hermodhr an, des Odins Sohn, bestieg dessen unvergleichlichen Hengst Sleipnir und nahm den Helweg auf sich.

          Unterdessen wurde Baldurs Leichnam mit allen Ehren bestattet, jedoch ohne Rache, denn der Heimtückische befand sich auf geheiligter Freistätte.

          Hermrodhr gelangte auch wirklich ins Reich der Hel und forderte Baldurs Rückkehr ins Land der Lebenden, doch stellte Hel für die Erfüllung dieses Wunsches eine Bedingung: Baldur solle nach Asgard zurückkehren dürfen, wenn alle Dinge auf Erden, tote wie Lebende, um ihn weinten, doch sei auch nur eines dabei, welches keine Trauer zeige und nicht um ihn weine, müsse er in ihrer, Hels, Obhut immerdar bleiben.

          So ritt Hermodhr wieder zurück ins Land der Lebenden und verkündete seine Botschaft; die Asen sandten daraufhin Abgesandte in alle Länder, auf dass alle Dinge um Baldur weinten, damit er von der Hel erlöst werden könnte.

          Die Gesandten erfüllten ihr Werk auch vortrefflich, doch, schon auf dem Rückweg nach Asgard, fanden sie das Riesenweib Thöck, die sich, man erzählt sich, Loki habe sie aufgehetzt, weigerte, um Baldur zu weinen, da sie weder im Tode noch im Leben etwas mit ihm zu schaffen gehabt hätte und ihr sein Schicksal, Hel oder nicht, herzlich gleichgültig sei.

          So musste Baldur denn auf immer in Hels Reich verbleiben und Loki der Heimtückische hatte einen großen Sieg errungen.

          Quelle: http://www.mythentor.de/nordisch/asen.htm

          Gruß an die nordische Mythologie

          TA KI

          Die germanische Religion vor ihrem indo-europäischen Hintergrund


          Kurt Oertel

          Germanische Religion ist kein isoliertes Phänomen, sondern eng verwandt mit den Religionen der anderen indo-europäischen Völker von Europa bis Indien. Hier werden zahlreiche genaue Parallelen aufgezeigt, was für viele Interessierte ganz neu sein dürfte.

          Vorbemerkung

          Man kann immer wieder feststellen, dass viele Menschen nur eine sehr vage Vorstellung davon haben, dass es im vorchristlichen Europa überhaupt Religion gegeben hat. Erst bei näherem Nachdenken fallen einigen dann vielleicht jene Namen aus der griechischen Mythologie ein, die sie im Zusammenhang mit populären Versionen griechischer Sagenstoffe schon einmal gehört haben (Zeus, Herkules, Aphrodite usw.). Auch römische Gottheiten wie Iuppiter, Mars, Saturn usw. erzielen leichte Wiedererkennungseffekte, allerdings weniger auf Grund mythologischer Kenntnisse, sondern deshalb, weil diese Namen auch in unserer Kultur immer noch in vielen Zusammenhängen präsent sind. So tragen z.B. alle Planeten immer noch die Namen römischer Gottheiten, und auch alle Monatsnamen haben noch ihre alte römische Bezeichnung. Auch ein tieferes Verständnis der europäischen Kunst- und Literaturgeschichte ist ohne Kenntnis der antiken Mythologien undenkbar. Umgekehrt hat aber gerade das auch oft dazu geführt, dass z.B. die germanische Götterwelt weit mehr aus der extrem verzerrten Perspektive ihrer Rezeptionsgeschichte (wie z.B. den Opern Richard Wagners) bekannt ist, als aus den Quellen selbst. Und den wenigsten dürfte bewusst sein, dass sie noch täglich die Namen germanischer Gottheiten in Form unserer Wochentagsnamen im Mund führen.

          Aber auch jenen, die tiefere Kenntnis der Materie haben, ist kaum bekannt, dass es sich hier nicht um verschiedene Einzelreligionen gehandelt hat, sondern um eine ursprünglich einheitliche Religion, deren Ausprägungen nicht nur ganz Europa, sondern auch Indien und den Iran umfassten. Diese zunächst einmal erstaunlich klingende Aussage bezieht sich natürlich auf die gemeinsame indoeuropäische Herkunft all dieser Völker. Wem diese Zusammenhänge unbekannt sind, tut gut daran, zuerst den Artikel „Die Indoeuropäer und ihre Entdeckung durch die Wissenschaft“ zu lesen (ebenfalls auf dieser Website zu finden), in dem die geschichtlichen Hintergründe allgemeinverständlich beleuchtet werden.

          Genauso, wie sich alle indoeuropäischen Sprachen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückverfolgen lassen, so verhält es sich auch mit der Religion. Und genauso, wie sich die Sprachen im Lauf der Jahrhunderte auseinanderentwickelt, dabei aber große Übereinstimmungen behalten haben, so auch die Religionen. Wenn die römischen Autoren in ihren verstreuten Berichten über die germanische Religion deren Götter mit den eigenen namentlich gleichsetzen, so spricht dies eben nicht für hilfloses Unverständnis, sondern im Gegenteil dafür, dass sie in den germanischen Gottheiten problemlos jene griechisch-römischen Götter erkannten, die sie selbst auch verehrten.

          Die Auseinanderentwicklung lag natürlich nicht nur an den ungeheuren geographischen und zeitlichen Räumen, sondern auch daran, dass viele sprachliche und religiöse Elemente der vorgefundenen eingeborenen Kulturen ihren Weg in das ursprünglich einheitlichere indoeuropäische Erbe fanden.

          Hier sollen nun einmal die markantesten Beispiele für diese oft bis ins Detail übereinstimmenden Mythen aufgezeigt werden. Es muss betont werden, dass es sich dabei weder um vereinzelte Zufälligkeiten handelt, wie sie in ähnlicher Form in allen Religionen der Welt auftreten können, noch um Übernahmen von einer Religion in die andere, sondern um Gemeinsamkeiten, die ganz klar auf den gemeinsamen Ursprung der Indeoeuropäer zurückzuführen sind.

          Nun ist die vergleichende Mythologie eine recht komplizierte Materie, und Fachleute mögen mir verzeihen, wenn manches hier recht vereinfachend und plakativ dargestellt ist. Es geht hier aber gerade darum, diese meistens nur Spezialisten bekannten Tatsachen möglichst so allgemeinverständlich darzustellen, dass sie auch bei jenen Menschen zu einem Erkenntnisgewinn führen, denen dieses Wissen bisher vorenthalten wurde.

          Die Quellen

          Wenn wir uns hier hauptsächlich auf drei geographische Räume beschränken, nämlich Skandinavien, Indien-Iran und Griechenland, liegt das einzig und allein an der Quellenlage. Die ist für Indien und Griechenland hervorragend. Die mustergültig überlieferten indischen Traditionen auch aus ältester Zeit stellen einen wahren Glücksfall dar, hier vor allem der Rig-Veda und die anderen Veden. Auch das überlebende griechische Schrifttum ist beträchtlich. Als vorzügliche Quellen haben wir Homer und vor allem den fast gleichzeitig mit ihm lebenden Hesiod, der – ähnlich wie Snorri Sturluson mit seiner Edda – eine systematische Gesamtdarstellung griechischer Mythologie in seiner „Theogonie“ geliefert hat. Aber auch das weitere griechische Schrifttum bietet durchgängig viele Informationen über Weltbild und Gottheiten.

          So berechtigt man einerseits die Quellenlage der germanischen Religion beklagen mag, so ist man andererseits damit doch noch reich beschenkt, wenn man sie mit der keltischen, slawischen und baltischen Mythologie vergleicht. Im Fall der Kelten kennen wir zwar etliche Namen von Gottheiten aus dem gallischen Bereich, sowie zahlreiche Heldensagen aus dem irischen Mittelalter, in denen auch Götter vorkommen. Leider sind diese Quellen aber zu lückenhaft, widersprüchlich und entstellt, um auch nur annähernd eine zusammenhängende Mythologie liefern zu können.

          Im Fall der slawischen Religion ist das Bild noch düsterer. Auch hier sind einige Götternamen und Volksbräuche überliefert, mehr jedoch nicht. Die schriftlichen Quellen der slawischen Welt beginnen erst lange nach der gründlichen Christianisierung zu fließen, so dass man die meisten Details über die Religion der Slawen als endgültig verloren ansehen muss.

          Sehr viel besser verhält es sich mit den baltischen Quellen, denn die Balten waren für lange Zeit wortwörtlich die letzten Heiden Europas. Seit dem 19. Jahrhundert sind dort von einheimischen Volkskundlern und Heimatforschern buchstäblich Tausende von Liedern aufgezeichnet worden, die sehr reiches mythologisches Material bieten. Das Problem ist, dass dies international noch kaum ausgewertet ist. Das liegt zunächst daran, dass außer den Balten selbst kaum jemand die litauische Sprache beherrscht (die übrigens die noch heute urtümlichste aller indoeuropäischen Sprachen ist, weit mehr als das Sanskrit). Das zweite Problem liegt in der politischen Geschichte, denn die baltischen Länder waren über Jahrhunderte Spielball der Großmachtinteressen, was dazu führte, dass die kulturelle Identität der Litauer und Letten stets unterdrückt wurde, und dass gerade im 20. Jahrhundert durch die gewaltsame Sowjetisierung kaum ausländische Forschungen vor Ort oder unzensierte internationale Publikationen litauischer Wissenschaftler möglich waren. So steht die Einbeziehung baltischer Mythologie in das Netz indoeuropäischer Zusammenhänge erst am Anfang, von der für die Zukunft aber sehr viel zu erhoffen ist. Das Wenige, das wir über die Religion der Kelten, Slawen und vor allem der Balten wissen, zeigt aber dieselben indoeuropäischen Parellelen.

          Bleiben noch die lateinisch-römischen Quellen zu erwähnen, die ja ebenfalls äußerst reichhaltig sind. Das Problem dabei ist jedoch, dass die Römer zur Zeit der Verschriftlichung bereits mehr oder weniger komplett die griechische Mythologie übernommen hatten. Die Griechen hatten schließlich vor dem Aufstieg Roms über lange Zeit die völlige kulturelle Herrschaft über große Teile Italiens ausgeübt. Was die Römer nicht von den Griechen übernommen haben, das stammt wiederum von den nicht-indoeuropäischen Etruskern im Norden Italiens, so dass wir außer dem alten Iuppiter kaum etwas besitzen, das sich als wirklich eigene römische Gottesvorstellung bezeichnen ließe.

          Letztlich muss Ähnliches allerdings auch von der griechischen Mythologie gesagt werden. Die indoeuropäischen Vorfahren der Griechen stießen bei ihrem Eindringen auf alteingesessene Völker, die teilweise auf sehr viel höherem kulturellem Stand waren und von denen sehr viele Eigenheiten in die griechische Religion Aufnahme fanden. Auch dort ist Zeus die einzige Gottheit, die mit absoluter Sicherheit als indoeuropäisch angesehen werden kann.

          Der Ursprung der Welt

          Die germanischen Quellen berichten über den Zustand vor dem Werden der Welt von einem „gähnenden Abgrund“ (ginnungagap), der aber mit einer magischen Kraft gefüllt war.

          Die Edda sagt:

          „In uralten Zeiten, da gab es nichts, weder Sand noch Meer, noch nasskalte Wellen. Erde war nirgends und kein Himmel oberhalb davon, nur gähnender Abgrund.“

          Vergleichen wir damit nun die folgenden Zeilen aus dem Rig-Veda (X, 129 ff.):

          „Nicht existierte Nicht-Seiendes, noch auch existierte Seiendes damals, nicht existierte der Raum, noch auch der Himmel oberhalb davon. Exisitierte das Wasser? Nein, nur ein tiefer Abgrund.“

          Dieser Abgrund war der Ursprung allen Seins, denn aus ihm entstand ohne Zutun irgendeiner Gottheit die Schöpfung des Kosmos. Die Edda sagt:

          „Und der gähnende Abgrund wurde dort so warm wie die windlose Luft. Und wo sich der Reif und der heiße Luftzug begegneten, da taute und tropfte es. Und aus diesen Gischttropfen entstand Leben.“

          Der indische Text:

          „Es begann zu atmen, windlos, durch eigene Kraft. Der Keim, der von Leere bedeckt war, kam als Einziges zum Leben durch die Macht einer Hitze.“

          Es ist schwer zu glauben, dass zwischen der Abfassung der beiden Texte nicht nur Tausende von Kilometern, sondern auch fast 2000 Jahre liegen. Sie sind nicht nur inhaltlich, sondern auch vom Wortlaut her fast noch identisch.

          Der Grieche Hesiod berichtet ebenfalls dasselbe (Theogonie 116):

          „Zuerst war nur die gähnende Leere des Raumes (Chaos), danach die breitbrüstige Erde (Gaia), weiter entstand das Liebesbegehren (Eros).“

          Auch hierzu ein identisches Detail aus dem Rig-Veda:

          „Das Begehren bildete sich da im Anfang, das als Same des Denkens als erstes existierte.“

          Jeder wird erkennen, dass hier nicht nur inhaltliche, sondern teilweise sogar wörtliche Übereinstimmung besteht, woraus man entnehmen kann, dass hier uralte Kultdichtung aus gemeinsamer indoeuropäischer Zeit in treuer Bewahrung überlebt hat. Dass die altnordische Version kein „vereinzelter Zufall“ oder eine Erfindung des Völuspa-Dichters ist, wird durch Bruchstücke aus dem süddeutschen Raum belegt. Obwohl es bereits aus christlicher Zeit stammt, haben sich in dem sogenannten Wessobrunner Gebet ebenfalls diese alten Kultzeilen über den Zustand der Welt vor ihrem Beginn erhalten:

          „Es gab weder Erde, noch Himmel oberhalb davon, noch Baum, noch Berg. Auch schien keine Sonne, noch leuchtete der Mond, noch gab es das herrliche Meer.“

          Einen weiteren Beleg finden wir in der Kirchengeschichte Adams von Bremen (IV, 39), der ebenfalls von dem leeren Abgrund der germanischen Urzeit berichtet („immane baratrum abyssi“), dessen Namen „Ginnungagap“ er aber falsch verstanden mit „Ghinmendegoþ“ wiedergibt.

          Spätere indische Erläuterungen geben detailliertere Auskunft über diesen ursprünglichen Zustand: Die Urmaterie befindet sich im Zustand der „Weltenruhe“. Sie besteht aus drei Grundsubstanzen: „Sattva“ (leicht, Freude bewirkend), „Rajas“ (beweglich, Schmerz hervorrufend) und „Tamas“ (schwer, dunkel und hemmend). Diese drei Substanzen halten sich im Gleichgewicht, werden dann aber erschüttert, beginnen dadurch gegeneinander zu wirken und sich miteinander zu vermischen. Auf diese Weise entsteht zunächst feine, dann immer festere und grobere Materie, aus der nicht nur die Denktätigkeit der Lebewesen und Gottheiten, sondern auch die fünf Elemente (Wasser, Feuer, Erde, Luft und Äther) hervorgehen.

          Nachdem der Beginn der Schöpfung dergestalt in Gang gekommen ist, entsteht aus der Erde ein Urwesen. In der Edda ist das Ymir, ein Urriese, der sich von der Milch einer Urkuh ernährt, die genauso in der indischen wie auch persischen Überlieferung auftaucht. Der Ahnvater allen Lebens trägt dort sogar denselben Namen: Yima. Tacitus berichtet uns bei den kontinentalen Germanen von dem „erdgeborenen“ Tuisto.

          Nun ist die Bedeutung all dieser Namen genau dieselbe: Zwitter bzw. Zwilling. Nicht ohne Grund, denn er zeugt mit sich selbst ein weiteres männliches Wesen, bei den kontinenetalen Germanen Mannus, bei den Indern Manu, bei den indoeuropäischen Phrygiern in Anatolien Manus genannt. Von diesem Sohn des Urwesens stammen im Altnordischen sowohl die Riesen, wie später auch die drei Götter Odin, Vili und Vé ab, bei den kontinentalen Germanen die Stammväter der Ingväonen, Istväonen und Herminonen.

          In der griechischen Version ist es der Riese Kronos, der mit dem Urwesen vergleichbar ist, denn auch er wurde von der Erde (Gaia) und dem Himmel (Uranos) gezeugt, zusammen mit dem weiteren Riesengeschlecht der Titanen. Kronos ist zwar kein Zwitter, wohl aber ein Zwilling, denn mit seiner Schwester Rhea zeugt auch er die drei ersten Götter Zeus, Poseidon und Hades. In der Edda erschaffen diese drei Götter das erste Menschenpaar aus zwei Bäumen, den Mann aus einer Esche, die Frau aus einer Ulme. Bei Hesiod findet sich ebenfalls der Rest des altgriechischen Mythos von der Erschaffung des ersten Menschen aus einer Esche.

          Nun aber passiert Unerhörtes: Die erste Tat der Götter besteht darin, dass sie das riesige Urwesen, dem sie letztlich ihre Existenz verdanken, töten. Das aber ist kein hinterlistiger Meuchelmord aus niederen Motiven, sondern gerade aus der indischen Variante geht hervor, dass es sich um die erste heilige Opferhandlung handelt. Vor allem aber dient der Körper des Urwesens dazu, dass die Götter aus seinen Teilen die Welt formen, wie wir sie kennen.

          Die isländische Edda berichtet:

          „Sie nahmen den Ymir und schufen aus ihm die Erde: aus seinem Blute das Meer und die Seen. Das Festland machten sie aus seinem Fleisch, die Berge aber aus seinen Knochen, und Gestein und Geröll aus seinen Zähnen. Sie nahmen auch seinen Schädel und schufen den Himmel daraus und stülpten ihn mit allen vier Ecken über die Erde“.

          Im indischen Rigveda liest sich das 2000 Jahre früher so:

          „Der Mond wurde aus seinem Geist geschaffen, aus seinem Auge wurde die Sonne. Aus seinem Nabel wurde die Luft geschaffen, aus einem Kopf entstand der Himmel, aus seinen Füßen die Erde. So schufen die Götter die Welt.“

          Im Indischen entstehen aus der Zerteilung des Urwesens auch die verschiedenen Menschen, das sind die drei indoeuropäischen „Kasten“, zusätzlich der für Indien charakteristischen vierten Kaste der Einheimischen. Das wiederum erinnert an die kontinentalgermanische Variante von der Herkunft der Ingväonen, Istväonen und Herminonen, obwohl es sich hierbei nach allgemeiner Anschauung nicht um Kasten, sondern um Kultgemeinschaften handelt.

          Im Griechischen finden wir von diesem Motiv nur Anklänge. Dort ist es Kronos, der seinen Vater Uranos durch Kastration mit einer Sichel tötet. Dieses Detail scheint aber aus dem Kumarbi-Zyklus der hurritischen Mythologie übernommen worden zu sein. Im Persischen hat sich ebenfalls das Wissen erhalten, dass das Urwesen Gayomart (auch hier ist der Name Ymir noch gut zu erkennen) durch drei göttliche Brüder getötet wurde.

          Die verblüffenden Übereinstimmungen all dieser Überlieferungen sind nicht nur in der reinen Abfolge zu sehen: „Urknall“ im namenlosen Nichts, Lebensfunken und erdgeborenes Urwesen, daraus Riesen, Götter, Menschen. Wie wir sehen, stimmen auch die einzelnen Details überein.

          Deshalb sei hier noch auf eine seltsame Übereinstimmung dieser Vorstellungen mit denen im chinesischen Taoismus hingewiesen. Das Tao (Weltgesetz) ist der Urgrund (!) der Welt, aus dem alles entstanden ist. Vor dem Beginn der Weltentstehung wird ein Zustand des „Nichtseins“ vorausgesetzt. Aus diesem transzendenten „Urgrund“ geht das Sein hervor, d.h. der Zustand der All-Einheit, in welcher alle Unterschiede noch ungetrennt sind. Diese Einheit erzeugt die geschlechtliche Zweiheit von Yang und Yin. Aus dem Dualismus dieser zweigeschlechtlichen Urkraft entsteht der „Lebensatem“, der die Harmonie der beiden Kräfte bewirkt, die wiederum die fünf Elemente erzeugen (die identisch mit den oben erwähnten indischen sind). Die jetzt vorhandenen „Sieben“ bringen als weitere Faktoren Himmel und Erde hervor und haben sich damit zu einer „Neunheit“ entwickelt. Diese Neunheit ist insofern wieder eine Einheit, als sie zusammen den gesamten Kosmos bildet.

          Wenn man die Enstehung des zweigeschlechtlichen Urriesen im indoeuropäischen Bereich bedenkt (Yin und Yang), sowie die Tatsache, dass auch die germanische Kosmologie aus neun Welten besteht, ist diese Übereinstimmung der Schöpfung so verblüffend, dass man sich fragen muss, ob hier nicht eine Verbindung besteht. Der Taoismus wird nun zwar nicht zu den indoeuropäischen Religionen gezählt, es ist aber mehr als wahrscheinlich, dass bei dessen Entstehung ca. im 5. Jahrhundert v.Chr. die zu diesem Zeitpunkt schon weitaus älteren vedischen Vorstellungen des eng benachbarten Indien bekannt gewesen sind, so dass hier eine Übernahme oder Beeinflussung keineswegs ausgeschlossen werden kann.

          Die Vorstellung von dem äußeren Aufbau der Welt unterscheidet sich bei den Indo-Europäern allerdings kaum von dem aller anderen Völker, was daran liegt, dass diese Anordnung der Dinge dem Augenschein zu entsprechen scheint: die Erde wurde als vom Meer umgebene Scheibe gedacht. Darunter befinden sich Unter- und Jenseitswelten, darüber stockwerkartig die Welten der Götter und anderer himmlischer Wesen, woraus sich insgesamt das zwiebelschalenförmige Modell eines „Welteies“ ergibt. Allerdings gehen bereits die frühen indischen Texte wie selbstverständlich davon aus, dass es unzählige solcher bewohnten „Welteneier“ im Universum gibt. Eine erstaunliche Erkenntnis! Die Griechen wiederum waren die ersten, die die Kugelgestalt der Erde entdecken und bereits erste Versuche machten, ihren Umfang zu berechnen. Beide Fälle waren aber keine Vorwegnahme des Kopernikanischen Weltbildes, denn nach wie vor wurden Sonne, Mond und Sterne als um die Erde kreisend gedacht. Und bei dem indischen Beispiel hatte jedes dieser „Welteneier“ natürlich eine eigene Sonne und Sternenwelt, die sie schichtweise umgab, genau wie eine eigene Göttersphäre.

          Das höchste Weltprinzip

          Allen indeoeuropäischen Religionen ist der Glaube an ein höchstes Weltgesetz gemeinsam, das sich in dreifacher Form manifestiert:

          1. Als natürliche Ordnung der Dinge, die die Pflanzen wachsen lässt, die Jahreszeiten und das Wetter bewirkt, sowie die Himmelslichter in den zugewiesenen Bahnen hält.
          2. Als sittliche Ordnung, die allen Wesen ein ihnen gemäßes Verhalten und Einhaltung der Pflichten vorschreibt.
          3. Als magisch-rituelle Ordnung, welche die heiligen Handlungen und Opfer gebietet, die für den richtigen Verlauf des Lebens unerlässlich sind.

          Dieses Urgesetz ist das letzte, nicht weiter zurückführbare Weltprinzip, das in und über allem waltet. Im Altindischen wird dieses Prinzip als Dharma (Gesetz) bezeichnet (in jüngeren – vor allem buddhistischen – Texten hat das Wort aber die Bedeutung „Lehre“ angenommen). Auch das chinesische Wort „Tao“ hat genau dieselbe Bedeutung. In den als „Brahmana“ bezeichneten priesterlichen Erläuterungstexten zu den Veden taucht dieses ewige All-Eine, das den Urgrund allen Seins bildet, unter dem ganz unpersönlich gedachten Begriff „Brahma“ auf, die heilige Macht, die dem Opfer seine wirkende Kraft verleiht, und die als innerster Kern alles Existierenden auch in allem verborgen ist. Da ein winziger Teil dieser Kraft auch in jedem Einzelwesen wirkt, denn alle Wesen sind mit diesem kosmischen Urgrund verbunden, bezeichnete man diesen Brahma-Funken in jedem Lebewesen als „Atman“. Und das Wort ist völlig mit unserem „Atmen“ verwandt. Die Wichtigkeit des Atems und seiner vielfältigen Techniken in den indischen Religionen ist ja bekannt. Im Altindischen hat das Wort dann auch die Bedeutung „Geist“ schlechthin angenommen (wie auch im Ehrentitel Gandhis „Mahatma“ = großer Geist). Dieses Konzept eines göttlichen Funkens in uns allen hat übrigens seine genaue Entsprechung in dem frühchristlichen Gnostizismus, der dann auch prompt als schlimme Ketzerei bekämpft wurde, da das Christentum diese Vorstellung ablehnt. Diesem Konzept liegt aber auch der indische und buddhistische Gedanke zugrunde, dass der Mensch aus eigener Kraft zur Erleuchtung und Selbsterlösung gelangen kann, was das Christentum ebenfalls strikt leugnet.

          Auch die Ethik wird auf diese der Welt immanenten Ordnung gegründet. Selbst der große Philosoph Immanuel Kant kam übrigens ganz unabhängig davon im Europa des 18. Jahrhunderts zu einer identischen Überzeugung, nämlich dass die Erkenntnis dieser Wirkmächtigkeiten („der gestirnte Himmel über mir und das sittliche Gesetz in mir“) völlig ausreicht, um ein ethisch einwandfreies Leben führen zu können. Ein Gesetzestext, wie die Zehn Gebote des Alten Testaments, existiert in den indoeuropäischen Quellen nicht. Er wäre auch mehr als überflüssig, denn wer die in den Zehn Geboten aufgeführten Forderungen – von den ersten beiden (Eingottglaube und Sabbatheiligung) einmal abgesehen – nicht auch ohne ausdrücklichen göttlichen Erlass verinnerlicht hat, ist für das menschliche Zusammenleben absolut ungeeignet.

          Der Begriff der „Sünde“ war den Indoeuropäern unbekannt. Natürlich entschied man auch hier sehr wohl nach guten und schlechten, ehrenhaften und unehrenhaften Taten. Im Gegensatz zur „Sünde“ aber (von der man sich durch Reue oder Beichte reinigen kann, bei der man sich auch immer mit den Versuchungskünsten des „Teufels“ herausreden kann), ist das bei unehrenhaftem Tun nicht ganz so einfach. Hier ist man absolut selbst für seine Taten und deren Wiedergutmachung verantwortlich. Keine Gottheit bietet hier „Vergebung“ an.

          Entscheidend ist nun, dass auch die Götter diesem Gesetz unterworfen sind, denn die Götter der indeoeuropäischen Religionen sind weder allwissend noch allmächtig, und auch nicht unsterblich. Auch sie haben „menschliche“ Fehler und laden Schuld auf sich. Das finden wir bei den indischen Gottheiten genauso, wie bei den griechischen und germanischen. Sie haben die Welt ja auch nicht aus dem Nichts geschaffen, sondern entstanden erst danach und ordneten die Welt nur aus dem schon reichlich vorhandenen Baustoff des Urriesen und sonstiger Materie. Und natürlich verehren die altindischen Götter dieses höchste und weit über ihnen stehende Weltprinzip ebenfalls und opfern ihm auch.

          Dieses Detail scheint auf den ersten Blick in den germanischen Quellen unbekannt zu sein, denn in der Sekundärliteratur wird auf diesen Aspekt nie eingegangen. Und doch gibt es drei bisher unbeachtete Stellen, die tatsächlich einen Hinweis darauf liefern könnten.

          In der Völuspa wird berichtet, dass die Asen als eine ihrer ersten Taten „Heiligtum und Altar“ errichten. Aber für wen? Menschen, die hier die Asen verehren könnten, sind noch nicht erschaffen. Zudem wird das Heiligtum in Asgard, also dem Reich der Götter, errichtet. Dass die Götter sich hier in Zeremonien selbst verehren und Opfer bringen, kann man wohl ausschließen. Wenn diese Stelle nicht ein „geistiges Versehen“ des Dichters ist, was man in dem so ungemein kunstvoll komponierten Gedicht aber ausschließen kann, ist das tatsächlich ein Hinweis darauf, dass sich auch die germanischen Götter einer höheren Macht verpflichtet fühlten.

          Die zweite Stelle befindet sich im Hyndla-Lied, wo direkt in der ersten Strophe ebenfalls auf ein ganz bestimmtes „Heiligtum“ in Asgard Bezug genommen wird. Hier ist der Zusammenhang der, dass Freyja die Riesin Hyndla zum Mitkommen nach Asgard bewegen will. Da Riesen dort aber nicht willkommen sind, erwähnt sie dieses Heiligtum als „sicheren“ Ort für die Riesin, denn wie auch in allen anderen Kulturen galten Heiligtümer als ein Ort der Zuflucht, vor dem der Arm des Gesetzes (hier die Furcht vor dem Riesentöter Thor) Halt machen musste, wie wir es auch heute noch vom christlichen Kirchenasyl her kennen.

          Die dritte Stelle findet sich in Snorris Edda, und dort erfahren wir genau dasselbe. Zu Beginn des Textes wird als Motiv für die Reise König Gylfis zu den Göttern ausdrückliches folgendes genannt:

          „Er [Gylfi] wunderte sich sehr darüber, dass die Asen so beschlagen waren. Er überlegte, ob das von ihrer eigenen Natur herrühre, oder ob ihre Götter daran schuld seien, denen sie opferten“.

          Was in der Völuspa und dem Hyndla-Lied nur angedeutet ist, finden wir hier von Snorri unmissverständlich ausgesprochen. Und da diese identische Information aus drei sehr unterschiedlichen und nicht voneinander abhängigen Quellen kommt, darf man ihr folgenden allgemeinen Wert zubilligen: Es gab eine Macht über den Asen, denen auch sie opferten. Und wir finden im Altnordischen auch ein Wort, das bis ins letzte dem aus indischen Zusammenhängen bekannten Urgesetz entspricht: „Ørl?g“. Das wird zwar in vielen Texten als „Schicksal“ übersetzt, ganz wörtlich aber heißt es „Urgesetz“ (im althochdeutschen „urlag“). Auch die römisch-griechischen Götter kennen dieses obere Prinzip, das dort ebenfalls als „Schicksal“ (fatum) bezeichnet wird.

          Trotz der inhaltlich ganz genauen Entsprechung des Wortes „Ørl?g“ ist dieses im Altnordischen aber mehr mit dem persönlichen Schicksal des einzelnen Menschen verbunden (und scheint sogar einige Parallelen zum Begriff des Karma aufzuweisen!). Für das über allem waltende Schicksal gab es aber noch weitere Begriffe.

          Da ist zunächst das altnordische Wort „mj?tuðr“ (altsächsisch „metud“). Das ist mit unserem Wort „messen“ verwandt und bezeichnet die „zumessende“, also schicksalbestimmende Macht. Das Leben als Ganzes wird nicht als ein von den Göttern bestimmtes, sondern als von einer inneren Gesetzmäßigkeit gelenktes Los gedacht. Die germanische Vorstellung sah darin also eine gleichsam äußere wie innere Kraft, was sich durch die Verbindung dieser Kraft mit Bestandteilen der eigenen Seele ausdrückt. Begriffe wie „Ørl?g“, „hamingja“ und „fylgja“, die sowohl Teile des eigenen Selbst, aber gleichzeitig davon losgelöste Bestandteile sind, geben davon Zeugnis. Die außerordentlich komplizierte Seelenvorstellung der germanischen Religion, mit denen diese Begriffe zusammenhängen, ist allerdings ein Kapitel für sich, worauf in einem anderen Beitrag gesondert eingegangen werden wird.

          Ein weiterer Begriff dieser Schicksalsmacht war „urðr“, althochdeutsch „wurt“, welches wörtlich unserem Begriff „das Gewordene“ entspricht. Dass es solch verschiedene Begriffe für dieses Konzept gibt, legt nahe, dass die Vorstellungen davon sehr viel differenzierter und vielschichtiger gewesen sind, als es uns heute aus den spärlichen Quellen noch ersichtlich werden kann.

          Natürlich hat es immer wieder verständliche Versuche gegeben, dieses Prinzip auch mit einer personellen Vorstellung zu verbinden. So entstand die Vorstellung der Schicksalsfrauen, die meist als Dreiheit auftreten: bei den Griechen waren das die Moiren, bei den Römern die Parzen und bei den Germanen die drei Nornen Urd, Verdandi und Skuld. Diese drei Nornen sitzen unter dem Weltenbaum an einer heiligen Quelle und bestimmen von dort das Schicksal. Sie sind wesentlich älter, als die Götter. In der Völuspa werden sie als Töchter der Riesen geschildert (wenn diese Interpretation der drei Riesentöchter als Nornen in Vsp. 8 denn richtig ist!), allerdings genauso bei den Griechen, wo sie Töchter der Nacht sind und ebenfalls den Riesen (Titanen) zugerechnet werden. Gegen die Entscheidungen der Schicksalsfrauen sind auch die Götter machtlos, die Götter sind ihnen sogar genauso unterworfen, wie die Menschen. Selbst Zeus kann lediglich am Ausschlag seiner goldenen Waage erkennen, dass sich das Schicksal seiner Lieblinge (Herakles, Hektor) dem Dunkel zuneigt, so wie auch Odin den Tod seines Lieblingssohnes Baldr zwar voraussehen, aber trotz aller Versuche nicht verhindern kann.

          Bei den Germanen scheint die Vorstellung dieser Schicksalsfrauen allerdings eine Vermengung ursprünglich anderer Vorstellungen zu sein. Denn die Nornen galten gleichzeitig als Geburtshelferinnen und erscheinen nicht immer in Form dreier Frauen. Sie waren bei der Geburt jedes Kindes anwesend und bestimmten ihm Gutes wie Böses. In dieser Form treten sie noch gut erkennbar zu Beginn des Märchens von Dornröschen auf. Ihre Funktion überschneidet sich außerdem teilweise mit der der Walküren, die ja auch über Leben und Tod entscheiden, und der Nornenname Skuld ist auch als Walkürenname belegt. Weiterhin dürfte es eine Verwandtschaft zu den aus dem keltisch-germanischen Grenzgebiet bekannten Matronen geben, die ja auch stets in Form einer Dreiheit verehrt wurden. Auch die Disen (dísir), im Altnordischen ein nicht ganz klarer Begriff für weibliche Schutz- und/oder Fruchtbarkeitsgottheiten, dürften dieser Kategorie von Wesenheiten angehört haben.

          Die altnordischen Disen (und deutschen Idisen, wie sie noch im Ersten Merseburger Zauberspruch auftreten) haben übrigens ihre genaue sprachliche und inhaltliche Entsprechung in den indischen „Dhisanas“, die uns nicht nur ebenfalls als „Reichtum erzeugend, Gaben und Güter verteilend, beglückend“, beschrieben werden, sondern genau wie die Matronen auch in Form einer weiblichen Dreiheit verehrt werden.

          Aber zurück zu unserem eigentlichen Thema: Wenn man dieses besagte Urgesetz, den Urgrund aller Dinge, nun personifiziert, wie es zeitweise auch in der indischen Tradition ansatzweise passiert ist (nämlich dadurch, dass das unpersönliche Brahma-Prinzip zu einem Gott wurde, aber auch in der Gestalt Vishnus), ist man gar nicht mehr so weit von der Gottesvorstellung entfernt, wie sie von Christentum, Judentum und Islam vetreten wird.

          Es ist nämlich ein grundlegender Irrtum, der bis heute von christlicher Seite besteht, die Wesensart der indoeuropäischen Götter mit der ihres einzigen Gottes gleichzusetzen und darin einen unauflöslichen Gegensatz zwischen Monotheismus (Eingottglaube) und Polytheismus (Vielgottglaube) zu sehen. Schließlich haben auch die Christen, Juden und Muslime genaue Entsprechungen zu den indoeuropäischen Göttern: die große Zahl von Engeln, Erzengeln und anderen himmlischen Heerscharen mit genauer Abstufung ihrer Kompetenzen. In älterer christlicher Zeit war diese „Angelogie“ sogar eine ganz eigene theologische Spezialdisziplin. Im Katholizismus kommt noch die gewichtige Schar der Schutzheiligen hinzu. Und deren Funktionen entsprechen auch sehr viel mehr z.B. denen der indischen bzw. germanischen Gottheiten. Das Fehlen dieser simplen Erkenntnis hat dem Dialog der Religionen oft völlig unnötige Grenzen vorgeschoben, die allerdings stets von Seiten der monotheistischen Religionen aufgebaut wurden. Natürlich ebnet diese Erkenntnis keineswegs die weiteren (sehr erheblichen) Unterschiede ein, aber sie hätte zumindest die grundsätzliche Verständigung etwas erleichtert.

          Dennoch gibt es auch bei der Erkenntnis dieser Zusammenhänge einen unüberbrückbaren Gegensatz. Das indoeuropäische „Urgesetz“ ähnelt eher einem unveränderlichen Naturgesetz. Sein Wirken ist unabhängig davon, ob man daran glaubt oder nicht, genauso, wie es z.B. der Schwerkraft völlig egal ist, ob man an sie glaubt (deren Wirken bekommen „Ungläubige“ genauso zu spüren, nur meistens etwas schmerzhafter). Im Gegensatz dazu muss die Vorstellung von nur einem einzigen und allmächtigen Gott zu dem Glauben führen, dass jede natürliche Ordnung der Dinge gerade durch die Allmacht dieses Gottes jederzeit wieder durchbrochen und rückgängig gemacht werden kann (oder wenigstens könnte).

          Das Problem dabei ist, dass zwischen dem monotheistischen Gott auf der einen Seite und seiner Schöpfung (= Welt, Pflanzen, Tiere, Menschen) auf der anderen Seite eine unüberbrückbare Kluft besteht. Gott und Schöpfung sind von unvereinbarer Unterschiedlichkeit, was in den indoeuropäischen Religionen gerade nicht der Fall ist. Dort sind Menschen, Tiere, Gottheiten, ewiges Weltgesetz und Schöpfung untrennbar miteinander verbunden, da ja auch die Gottheiten selbst Teil der Schöpfung sind. Fairerweise muss man aber zugeben, dass heute auch die meisten Christen Probleme mit der Ferne dieser biblischen Gottesvorstellung haben und viele sich in einem Prozess ökologischer Bewusstseinswerdung und Einsicht dem „heidnischen“ Gottesverständnis annähern, ohne dass ihnen aber bewusst würde, wie radikal sie sich dabei von den Grundlagen des christlichen (und hier vor allem evangelischen) Gottesbildes entfernen.

          Die monotheistische Doktrin, dass Gott gleichermaßen allmächtig, wie auch die Verkörperung reinster Liebe ist, hat denn auch zu dem Grundproblem der Christen schlechthin geführt: Wie ist es nämlich dann zu erklären, dass diese Welt so unvollkommen ist? Warum gibt es so viel Leid und Unglück, das vorzugsweise über „Unschuldige“ hereinbricht, wenn dieser allmächtige und liebevolle Gott doch mit einem winzigen Willensakt das Paradies auf Erden verwirklichen könnte?

          Auf die Beantwortung dieser Frage (die man mit dem Fachbegriff „Theodizee-Problem“ bezeichnet) ist von christlicher Seite seit nun fast 2000 Jahren großer Scharfsinn verwandt worden, ohne dass man eine befriedigende Antwort gefunden hätte. Schon daraus wird deutlich, dass die Gottesvorstellung christlicher Prägung in sich unstimmig ist und nicht befriedigen kann. Ein scheinbar genialer Schachzug bestand darin, dass man zur Erklärung dieses Problems den Teufel als Verkörperung des „Bösen“ schlechthin erfand. Dieser heute nur noch bei christlichen Fundamentalisten populäre Kinderschreck löst das Problem aber auch nicht, da er Gott ja unterlegen ist. Auch alle anderen Erklärungsversuche laufen ins Leere und beschränken sich letztlich auf die resignierende Feststellung, dass Gottes Wege unergründlich seien.

          Nun gibt es natürlich auch in den indoeuropäischen Religionen Kräfte, die den Göttern feindlich gegenüberstehen. Im Indischen gibt es unzählige Dämonen, mit denen die Götter in ständigem Kampf liegen, und auch in der germanischen und griechischen Religion gibt es die Riesen, auch sie auf gewisse Art Gegner der Götter. Diese Riesen aber haben wenig gemeinsam mit jenen dummen und tolpatschigen Gestalten, wie wir sie aus den Volksmärchen kennen. Die Riesen der Edda sind im Gegenteil äußerst schillernde Gestalten, uralt und mächtig, sehr zauberkundig und von großem Wissen. Die Götter stammen ja überhaupt erst von ihnen ab, und später finden wir sogar Ehen zwischen Göttern und Riesinnen.

          Die Gefährlichkeit, die diesen Riesen eigen ist und gegen die Thor fortgesetzt kämpft, liegt eben nun gerade nicht darin, dass sie das Prinzip des „Bösen“ verkörpern, wie der christliche Teufel. Sie sind vielmehr ein gelungenes Bild für die gefährliche Seite der Natur. Auch im modernen Sinn sehen wir jene Seite der Natur, wie sie durch Flut- und Wetterkatastrophen, Erdbeben, Vulkanausbrüche usw. repräsentiert wird, zwar als gefährlich, aber nicht als „böse“, sondern eben auch als „natürlich“ an. Einen heutigen Naturbegriff, der sich ausschließlich auf die schöne, romantische, harmonische und idyllische Seite der Natur beschränkt, kannte man früher nicht. Es gibt im Germanischen auch kein Wort, das unserem Begriff „Natur“ entsprechen würde, denn allein diese Wortbildung würde eine grundsätzliche Abgrenzung des Menschen von der Natur bedeuten, ein Konzept, das sich erst in der Neuzeit entwickeln konnte. Insofern ist auch die oft zu findende pauschale Behauptung, die Germanen hätten „die Natur verehrt“, historisch gesehen Unsinn oder zumindest grob missverständlich. Natürlich sah man in einzelnen Manifestationen der Natur auch das Göttliche, eine allgemeine Verehrung der Natur als solche aber ist schon deshalb undenkbar, weil die Natur gerade früher höchst lebensbedrohlich für die Menschen war. Jeder Winter war eine Sache auf Leben und Tod, jede Wetterkatastrophe und Überschwemmung bedeutete wegen der daraus folgenden Missernte das sichere Todesurteil für viele Menschen. Jeder Gang in den Wald konnte in einer tödlichen Begegnung mit damals noch existierenden Tierarten enden (Bär, Wolf, Wisent, Auerochse).

          Entscheidend aber ist nun, dass das Leid in der Welt – und dabei vor allem das durch Menschen verursachte – in den indoeuropäischen Religionen keiner Erklärung durch göttliche Mächte bedarf. In einer erstaunlich modernen Weise ist dort die Tatsache menschlicher Unzulänglichkeiten wie Habgier, Neid, Dummheit und Kleingeistigkeit als Erklärung völlig ausreichend. Man muss die Schuld nicht auf die Götter oder auf einen Teufel schieben. Insofern ist auch die in christlichem Zusammenhang oft gestellte Frage, warum z.B ein Unglück ausgerechnet einen Menschen trifft, der es unserer Meinung nach nicht „verdient“ hat, während ein anderer, der es „verdient“ hätte, ungeschoren davonkommt, sehr viel weniger relevant. Sie stellt sich im Grunde gar nicht. Der griechische Dichter Aischylos hat die Essenz der menschlichen Existenz in der Erkenntnis zusammengefasst: „Wer handelt, der leidet“.

          Zu einem Problem konnte diese Frage allerdings erst in einer modernen Gesellschaft werden, die den Tod aus ihrem Bewusstsein verdrängt hat, was Hand in Hand mit einer schleichenden „Entreligionisierung“ einherging, die z.B. in Frankreich schon Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzte. Die sehr pointierte Formulierung „Alle wollen in den Himmel, aber niemand will sterben“, ist nicht wirklich auf das Christentum zu beziehen, sondern nur auf seine spießbürgerliche Fratze der Neuzeit, die sich oft genug auf reine Fassade beschränkt. Dass der Tod lediglich das Tor zu einer anderen, neuen und interessanten Welt war, daran „glaubte“ man früher nicht, sondern das wusste man. Bezeichnend ist ja auch, dass man heute bei der Geburt eines Kindes nicht die geringsten Gedanken darauf verschwendet, woher dessen Seele denn kommt, während man sich in furchtsamer Spekulation (oder meistens Verdrängung) darüber ergeht, wo die Seele nach dem Leben wieder hingeht.

          Natürlich finden wir auch in der altnordischen Literatur Beispiele dafür, dass Menschen auf Grund von schlimmen Schicksalsschlägen mit den Göttern hadern, ja sogar vom Glauben abfallen. Das ist nur allzu menschlich. Und auch hier findet sich die Erklärung, dass uns die langfristigen Pläne der Götter verhüllt bleiben. Nur hat von diesen Göttern ja auch niemals jemand behauptet, sie seien allmächtig, fehlerfrei und bestünden aus reiner Liebe den Menschen gegenüber. Und erst recht geht nicht „jedes Blatt, das vom Baume fällt“ auf einen direkten Willensakt der Götter zurück, so wie es in der Bibel von Jahwe, dem christlichen Gott, gesagt werden muss, weil neben ihm ja keine anderen Kräfte existieren dürfen. Bei aller Erhabenheit, die das christliche Gotteskonzept natürlich auch hat, stellt es in Hinsicht auf Welterklärungsmöglichkeiten aber eine Verarmung dar, die in scharfem Gegensatz zu den alten vorchristlichen Konzepten steht. Die nämlich sind gerade vor dem heutigen Hintergrund einer modernen, pluralistischen Gesellschaft und Weltentwicklung sehr viel überzeugender und stimmiger.

          Der Weltenbaum

          Ein weiteres und sehr schönes kosmologisches Bild ist ebenfalls weit außerhalb des germanischen Kulturraumes nachweisbar, das Bild des gewaltigen Weltenbaumes, der die gesamte Schöpfung durchzieht, die verschiedenen Welten der Gottheiten, Menschen und anderer Wesenheiten miteinander verbindet und Stütze und zentrale Achse der Welt ist. In den altnordischen Quellen wird er gemeinhin Yggdrasill genannt, er scheint aber auch andere Namen gehabt zu haben (Læráðr, Hoddmímir). Am Fuß des Baumes findet sich der Schicksalsbrunnen (und weitere Quellen mythologischer Flüsse und Gewässer).

          Dort sitzen und wirken auch die Nornen. Von dem Baum tröpfelt konstant eine lebensspendende Flüssigkeit herab, und auch einige mythologische Tiere sind mit dem Baum verbunden. In dem Astwerk leben vier Hirsche, an der Spitze sitzt ein Adler, der wiederum einen Habicht trägt, und an den Wurzeln nagen verschiedene Schlangen, unter ihnen auch der Drache Niðh?ggr, den wir aus der Völuspa kennen. Das Eichhörnchen Ratat?skr („Rattenzahn“) läuft als kleiner Intrigant den Stamm hinauf und hinab und stiftet Unfrieden zwischen dem Adler und dem Drachen, indem es jedem von beiden Unwahrheiten über den anderen erzählt.

          Auch im Iranischen und Indischen haben wir den Weltenbaum. Im Iranischen wird er „Baum des Adlers“ genannt, weil in seiner Krone der Sonnenvogel sitzt. Zu seinen Füßen entspringt die Wunderquelle Ardwi Sura. Die Hirsche gehören dort ebenfalls zu dem Bild, wie uns aus iranischen Bilddarstellungen bekannt ist.

          Die indischen Quellen geben uns auch besseren Aufschluss über die Art der lebensspendenden Flüssigkeit, die von dem Baum tropft. Man ahnt es schon: es handelt sich um „madhu“, das indische Wort für Met, der ja als kultischer Rauschtrank auch beim Opfer eine besondere Bedeutung hatte. Andere indische Quellen bezeichnen den Baum als „somaträufelnd“ („somasavana“). Soma war die heiligste Kultdroge der altindischen Quellen, und wir wissen bis heute nicht genau, woraus sie bestanden hat.

          Bei den Griechen war der Weltenbaum unter dem Namen „Baum der Hesperiden“ bekannt. Auch zu seinen Füßen finden wir das lebensspendende Wasser, und um seinen unteren Stamm ringelt sich eine Schlange. Der Baum wird im Griechischen auch „Spindel der Notwendigkeit“ genannt, denn an seinem Fuße sitzen ebenfalls die drei Moiren und spinnen das Geflecht des Schicksals. Sogar das Eichhörnchen scheint auch hier dazuzugehören, denn sowohl griechische wie auch indische Traditionen kennen den Streit zwischen dem Adler in der Spitze des Baumes und der Schlange an seinem Fuß. Noch in der Spätantike findet sich der Nachhall dieser alten Vorstellung in einer Fabel des Phaedrus, wo es eine Katze ist, die zwischen Adler und Wildschwein Feindschaft stiftet, die auf demselben Baum wohnen.

          Die altnordische Bezeichnung Yggdrasill für den Weltenbaum hat einige Rätsel aufgeworfen. Wörtlich übersetzt heißt das „Pferd des Ygg(r)“, wobei Yggr (der Schreckliche) ein belegter Beiname Odins ist. Dafür müsste man aber die nicht belegte Urform „Yggsdrasill“ annehmen. Erklärt wurde diese Bedeutung mit dem Selbstopfer Odins, bei dem er „neun Tage am Baum hing“. Der Baum hätte dann deshalb die bildhafte Umschreibung „Pferd“, weil auch der Galgen als „Pferd des Gehängten“ bezeichnet wurde. Nun gibt es allerdings auch noch die Form „askr Yggdrasills“ was wörtlich „Esche des Pferdes von Ygg“ bedeuten würde.

          Ein wenig Licht auf dieses Rätsel könnte der indische Name des Weltenbaums werfen, der „asvatta“ (Pferdestätte) lautet. Dort finden wir nämlich die Vorstellung, dass an den obersten Teil des Weltenbaums die Sterne genauso angebunden sind, „wie Rosse an einen Pfahl“. Eine sehr poetische Vorstellung. Und deshalb kreisen die Sterne auch um seine Spitze (den Polarstern). Wenn wir diese Vorstellung auch für die germanische Welt für möglich halten, wogegen nichts spricht, wäre das eine bessere Ursprungserklärung für den Namen des Baumes, als es der Hinweis auf das Selbstopfer Odins wäre.

          Ob es sich in allgemein-germanischer Vorstellung bei dem Baum tatsächlich um eine Esche handelte, ist eher fraglich. Diese Bezeichnung taucht nur in isländischen Quellen auf. Isländische Texte sind aber bis in jüngere Zeit dafür bekannt, dass Baumnamen dort häufig verwechselt werden, was ganz einfach daran liegt, dass es auf Island kaum Bäume gibt, wodurch sich das genaue Wissen um Baumarten dort teilweise verloren hatte. Die Bezeichnung „immergrün“, sowie die Beschreibung des heiligen Kultbaumes bei dem Tempel von Uppsala als Nadelbaum, hat etliche Forscher zu der Annahme gebracht, dass man sich den Weltenbaum ursprünglich als Eibe gedacht hat, deren kultische Bedeutung auch in vielen anderen Zusammenhängen belegt ist. Auch den Namen Yggdrasill hat man aus den ur-indoeuropäischen Wörtern *igwja (Eibe) und *dher- (stützen) als „Eibensäule“ zu deuten versucht.

          Die Gottheiten

          So wie das maßgebliche Göttergeschlecht der Germanen Aesir (Asen) genannt wurde, hat das Sanskrit für göttliche Wesenheiten schlechthin die Sammelbezeichnung Asura. Auch hier haben wir also noch genau dasselbe Wort.

          Unter den Gottheiten selbst haben wir nun die augenfälligste Übereinstimmung zwischen dem in den indischen Veden maßgeblichen Gott Indra und dem skandinavischen Thor. Die Parallelen erstrecken sich bis in die kleinsten Details: Beide sind von riesenhafter Stärke, und ihre wichtigste Tätigkeit ist der Schutz und die Verteidigung der Welt gegen Trolle, Dämonen und Ungeheuer. Beider Hauptfeind ist eine drachenartige Schlange (bei Indra Vritra, bei Thor die Midgardschlange), beide Monstren sind an das Element Wasser gebunden. Beide Götter sind außerordentlich beachtliche Esser und Trinker, beide sind Wagenfahrer, sie tragen einen roten Bart, den sie schütteln, wenn sie in Zorn geraten, und sie befinden sich in ausgesprochenem Gegensatz zu den göttlichen Vertretern der geistigen Fähigkeiten und des Zaubers (in der Edda Odin, im Veda Varuna). Beide kämpfen mit einer Blitzwaffe, die von zauberkundigen Wesen geschmiedet wurde, und die nach Gebrauch in die Hände des Werfers zurückkehrt (genauso wie der Wurfstein des irischen Gottes Dagda). Natürlich ist auch der griechische Blitzeschleuderer Zeus niemand anderes, als eben genau derselbe Gott.

          Der andere germanische Hochgott Wodan/Odin hat eine recht wechselvolle innergermanische Geschichte durchlaufen, deshalb ist eine klare Parallele mit den indischen Quellen nicht ganz so einfach herzustellen, sie verteilt sich dort nämlich auf zwei Götter.

          Was die Äußerlichkeiten angeht, hat er seine beste Entsprechung in dem indischen Gott Rudra. Dessen Name bedeutet „der Schreckliche, Furchtbare“, und genau diese Bedeutung hat auch Odins Beiname „Yggr“. Sie teilen einen weiteren Beinamen, den des „Lärmers“ („Ómi“ bei Odin, „uccairghosa“ bei Rudra). Beide lieben es, ihre Gestalt zu wechseln, und wie Odin hat auch Rudra nur ein Auge. Während Odin dies durch einen tief herabgezogenen Schlapphut verbirgt, trägt Rudra eine tief in die Stirn herabreichende Binde. Rudra wird als „kavi“ bezeichnet, d.h. jemand, der das geheime Zauberwissen besitzt, was auch die wohl maßgeblichste Eigenheit Odins ist. Beider Attribut ist der Speer, der bei Rudra allerdings drei Spitzen hat. Weiterhin ist Rudra Gottheit des „vrata“, des durch ein Gelübde auf diesen Gott eingeschworenen menschlichen Kriegerbundes. Der hat im Indischen sein Gegenstück in den himmlischen „vratas“, die Rudra in seinen mythologischen Kämpfen zur Seite stehen. Das ist eine weitere und ganz auffällige Übereinstimmung mit Wodan/Odin, der ebenfalls Herr der irdischen Kriegerbünde, sowie der himmlischen „einherjar“ in Valhall ist.

          Der zweite indische Gott, mit dem Odin verglichen werden kann, ist Varuna. Der bildet in Indien zusammen mit Mithra ein Herrscherpaar, wobei der eine die weltlich-rechtliche, der andere die magisch-sakrale Seite des Königtums repräsentiert. Dem Mithra würde bei den Germanen dann Tyr/Teiwaz entsprechen, dessen Rolle aber in der altnordischen Literatur schon sehr verblasst ist. Denn zur Zeit der altisländischen Quellen ist Odin unangefochtener Götterkönig.

          Nun haben wir in den skandinavischen Quellen aber zwei sehr seltsame und schon damals wohl nicht mehr richtig verstandene Mythenfragmente, in denen es um eine zeitweilige Abwesenheit Odins geht. Die Umstände sind recht turbulent, aber der Kern der Geschichte ist, dass Odin seine Stellung auf bestimmte Zeit einem gewissen Mithotyn überlassen muss, der uns schon vom Namen her auffällig an den indischen Mithra erinnert. In der zweiten Version wird er von einem Ollerus vertreten, hinter dem man wohl Ullr vermuten darf. Es könnte sein, dass hier eine uralte Erinnerung an das zweigeteilte Herrscheramt durchschimmert, vor allem, da ja auch in Ullr eine früher weitaus prominentere Himmelsgottheit vermutet wird.

          In allen indoeuropäischen Kulturen hat der Name des alten und ursprünglichen Himmelsgottes überlebt. Der muss ursprünglich ungefähr „Dyaus“ gelautet haben, was einfach nur „Himmel“ bedeutet hat. Daraus aber wurde schnell der „Dyaus pitar“ der „Himmelsvater“. Dieses Wort hat sich zu folgenden Varianten gewandelt: im Griechischen zu „Zeus pitar“ (Vater Zeus), im Römischen zu „Dispiter“ (daraus später: „Iuppiter“), im Germanischen zu „Teiwaz“, im Baltischen zu „Dievs“ und im Indischen zu „Deva“. Interessant ist, dass schon früh damit nicht mehr nur ein bestimmter Gott verbunden war, sondern dass das Wort zu einem allgemeinen Begriff für „Gott/Götter“ schlechthin wurde, so im lateinischen „deus“, im griechischen „theos“, im baltischen „dievs“, im indischen „deva“ und im altnordischen „tiv“ (Plural: „tivar“), wobei der eigentliche Gott Teiwaz parallel dazu als Tyr weiterexistierte. Und heute ist es so, dass der Name des uralten indoeuropäischen Himmelsgottes im Baltischen als „Dievs“, im Französischen als „Dieu“ und im italienischen und spanischen „Dio“ auf eine sehr viel jüngere Gottheit übertragen worden ist, deren eigentlicher Eigenname „Jahwe“ lautet.

          Der Konflikt zwischen Asen und Wanen

          In den germanischen Quellen taucht außer den Asen noch ein weiteres Göttergeschlecht auf, von dem völlig unklar bleibt, woher es stammt: die Wanen. Nach Ordnung der Welt durch die Asengötter kommt es zu einem Konflikt dieser beiden Götterfamilien, der in einen Krieg mündet, durch den die Asen zu anschließendem Friedensschluss und Verbrüderung gezwungen werden. Die Hinweise darauf sind in den Quellen aber so vage und lückenhaft, dass man aus den Hintergründen nicht recht klug wird.

          Lange glaubte man, darin die historische Erinnerung an den Aufeinanderprall der eindringenden Indo-Europäer und den einheimischen Ackerbaugesellschaften Norddeutschlands zu sehen, wo eben auch zwei unterschiedliche Religionen und somit Gottheiten aufeinandertrafen, die bäuerlich-bodenständige Familie der wanischen Fruchtbarkeitsgötter und die eher kriegerische Familie der Asen, die dann zu einer neuen Gesellschaft und Religion verschmolzen sind.

          Diese Erklärung ist faszinierend und auch heute noch in vielen Büchern zu lesen. Aber sie ist deshalb problematisch, weil die Spuren dieses Konfliktes nicht nur in den germanischen, sondern auch in den indischen und römischen Quellen auftauchen. Wenn die Interpretation dieser parallelen Quellen richtig ist, kann es sich also nicht um die Erinnerung an historische Vorgänge handeln, die in Nordeuropa stattgefunden haben.

          In den Quellen der Edda präsentiert sich der Mythos so, dass die Wanen eine Frau zu den Asen schicken, Gullveig, die man als Verkörperung der Goldsucht ansehen darf. Als Odin die Gefahr bemerkt, versucht er sie zu töten, sie aber kehrt stets wieder zum Leben zurück und treibt es unter dem Namen Heid noch ärger. Wegen der versuchten Tötung Gullveigs durch die Asen verlangen die Wanen aber eine Entschädigung, es kommt zur kriegerischen Konfontation, bei dem sich die Wanen als stärkere Partei erweisen und die Asen zu einem Friedensschluss gezwungen werden, so dass Schlimmeres verhütet wird. Die Wanen werden als gleichberechtigte Gottheiten aufgenommen, während Götter der jeweils einen Gruppe in die andere überwechseln.

          Diese Erzählung hat nun eine sehr augenfällige Parallele zu dem römischen Mythos vom Raub der Sabinerinnen. Auch dort ist ein Krieg die Vorbedingung dazu, dass Römer und Sabiner einen staatlichen Zusammenschluss bilden. Auch dort wird im letzten Moment vermittelt, so dass der eigentlich drohende Krieg abgewendet wird. Lange hat man diese Erzählung für eine rein historische Erinnerung gehalten, erst in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts dämmerte dem französischen Indogermanisten George Dumézil die Erkenntnis, dass es sich hierbei um einen Mythos handelt, eine Erkenntnis, die heute weitgehend akzeptiert ist.

          In der indischen Variante sind es die Asvins (auch Nasatyas genannt), Fruchtbarkeitsgottheiten, die erst zu dem Somagelage der Götter zugelassen wurden, nachdem Indra sich gegen seinen Willen dazu gezwungen sieht. Die Übereinstimmungen gehen soweit, dass auch in den letztgenannten Varianten eine Art von Gullveig-Gestalt auftritt: bei den Römern die vom Sabinergold geblendete Vestalin Tarpeia und in Indien Mada, die die Macht der Trunkenheit symbolisiert.

          Wie ist dieser Götterkonflikt nun religionshistorisch einzuschätzen? Der Mythos ist zu lückenhaft, um endgültige Klarheit zu gewinnen. Es spricht insgesamt aber mehr dafür, dass hier das Schichtenmodell der indo-europäischen Gesellschaft selbst Pate gestanden hat und nicht die Verschmelzung der Indo-Europäer mit einer gänzlich anderen Kultur. Es ist nämlich bezeichnend, dass in allen Varianten nicht die Darstellung des Krieges die Hauptsache ist, sondern ganz im Gegenteil der Friedensschluss. Der mythische Krieg, der ja gar nicht erst wirklich ausbricht, ist nur eine erzählerisch nötige Vorbedingung des Vertrages, auf dem die Gesellschaftsform selbst beruht. In diesem Fall wäre der Mythos sehr viel älter, als man bisher anzunehmen wagte. Auch in historischer skandinavischer Zeit schimmert noch die grundsätzlich unterschiedliche Verehrung der beiden Götterfamilien in unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen durch. Und es mag schon immer so gewesen sein, dass es die Bauern eher zu den Vanen, Krieger und Adel eher zu den Asen hingezogen hat. Bindeglieder und Mischformen aber waren stets möglich, wie gerade die starke Stellung Thors als typischer Bauerngott zeigt.

          Die indischen Asvins sollen hier aber noch etwas näher beleuchtet werden, da sie uns möglicherweise bei einigen Rätseln der germanischen Religion weiterhelfen können. Die Asvins werden als Zwillinge gedacht, und ihr Name bedeutet „Pferdeleute“. Ihre Funktionen sind mannigfaltig, aber sie sind in erster Linie friedfertige Schutzgottheiten. Sie heilen Krankheiten und stehen für die ewige Jugend. Sie werden bei der Hochzeit angerufen, um der Braut Fruchtbarkeit zu verleihen. Diese Fruchtbarkeitseigenschaften haben sie im Indischen sehr mit den Elementen der Natur verschmelzen lassen. Als ihr Aufenthaltsort werden abwechselnd Erde, Wasser, Luft oder das „Himmelsmeer“ genannt. Sie sind die Kinder des Himmels(gottes) und sind beide mit einer gemeinsamen Frau verheiratet, der Tochter der Sonne, die gleichzeitig ihre Schwester ist. Wir sehen nun, wie auffällig diese Asvins den germanischen Wanen entsprechen. Nicht nur in ihren unkriegerischen Schutzfunktionen, sondern auch in dem Detail der Geschwisterehe, was ebenfalls den germanischen Wanen nachgesagt wird.

          Dasselbe Motiv finden wir in der baltischen Mythologie, wo die „Dieva deli“, die beiden Himmelssöhne, mit einer „Saules meita“ (Sonnenmädchen) verheiratet waren, die ebenfalls ihre Schwester gewesen sein muss, da der Himmelsgott Dievs die Sonne („Saule“) zur Frau hatte.

          Dieses göttliche Zwillingspaar taucht in den indeuropäischen Mythen wiederholt auf, meistens mit einer weiblichen Gestalt verbunden und mit ganz deutlichen Hinweisen auf ihr pferdegestaltiges Wesen. Im Griechischen sind das die sogenannten Dioskuren („Zeussöhne“) Kastor und Polydeukes (römisch: Castor und Pollux), die ebenfalls eng mit ihrer Schwester Helena verbunden sind. Zumindest Kastor hat ebenfalls eine Beziehung zum Pferd, denn er gilt vor allem als geschickter Rossbändiger. Andere Hinweise aber deuten darauf hin, dass man sich auch die griechischen Dioskuren insgesamt als pferdegestaltig vorstellte.

          Nun aber zur möglichen Verbindung der indischen „Pferdezwillinge“ mit der germanischen Religion. Tacitus berichtet uns:

          „Bei den Naharnavalen wird der Hain eines alten Kultes gezeigt. Den Vorsitz hat ein Priester in Frauenkleidung. Die Götter nennt man nach römischer Ausdrucksweise Castor und Pollux, denn sie sind diesen Alcis genannten Göttern an Macht gleich. Sie haben keine Götterbilder und nichts deutet auf den Einfluss fremder Religionen, dennoch werden sie als Brüder, als Jünglinge verehrt“ (Germania 43,3).

          Der Name „Alcis“ ist nicht ganz sicher geklärt. Er kann im Germanischen (*Alhiz) einerseits einfach „Schutzgötter“ bedeuten, er kann aber auch mit dem durch Caesar überlieferten Wort „alsces“ (Elche) zusammenhängen, wodurch dann die Interpretation als pferdegestaltiges Brüderpaar naheliegt, zumal sich aus völkerwanderungszeitlichen Bilddarstellungen dieses pferdegestaltige Dioskurenmotiv bei den Germanen sicher nachweisen lässt. Die seltsame Nachricht eines Priesters in „Frauenkleidung“ hat nun deutliche Parallelen zu den vagen Hinweisen, die wir über die tatsächliche Wanenverehrung noch aus skandinavischer Zeit haben. Auch dort gibt es verstreute Hinweise auf „weibisches“ Gebaren der Wanenverehrer. Es ist also gut möglich, dass wir in den Alcis eine frühe Ausprägung des Wanenkultes haben. Ob die noch mit einer ihnen anverheirateten Schwester verbunden waren, weiß Tacitus uns nicht zu berichten. Die aus späterer altnordischer Zeit belegte wanische Geschwisterehe von Freyja und Freyr aber lässt diese Vermutung sehr wohl zu.

          Das bringt uns letztlich zu dem Punkt des angeblichen Doppelkönigtums, das uns in den Abstammungsmythen der völkerwanderungszeitlichen Germanen selbst belegt ist. Dabei handelt es sich in allen Fällen um angeblich ursprüngliche Könige, die aber erst in späterer Überlieferung genannt werden. Das finden wir z.B. bei den Vandalen, am markantesten aber bei den Angeln, deren Anführer bei der Übersiedlung nach England ein Paar namens Hengist und Horsa gewesen sein sollen. Beide Namen bedeuten „Pferd“, teilweise werden sie auch als „Hengst“ und „Stute“ gedeutet. Es spricht einiges dafür, dass es sich dabei nicht um historische Häuptlinge gehandelt hat, sondern um die bei germanischen Adelsgeschlechtern übliche Rückführung auf Gottheiten als Stammväter des eigenen Geschlechts. Hinter denen dürften wir in diesem Fall dann genau jene pferdegestaltigen Zwillinge vermuten, die wir von den Naharnavalen als Alcis und aus Indien als Asvins kennen, und die uns noch bis in neueste Zeit von den Giebeln norddeutscher Bauernhäuser entgegenblicken.

          Dass die als wanische Gottheiten mit so einem kriegerischen Unternehmen nicht zusammenpassen, ist als Argument nicht sehr schlagkräftig. Denn zum einen mag es sich um die persönlichen Gottheiten der späteren Königsfamilie gehandelt haben, also um eine Rückprojektion bereits friedlicherer Verhältnisse. Zudem sind gerade die Angeln als Nerthus-Verehrer ausdrücklich erwähnt, was gerade bei ihnen eher einen eher wanischen Hauptkult vermuten lässt. Vor allem aber dürfte die strikte Trennung zwischen angeblich friedlichen „matriarchalischen“ Wanen und kriegerischen „patriarchalischen“ Asen eher ein Klischee der heutigen Zeit sein. Vergessen wir nicht, dass die Wanen im Krieg gegen die Asen Sieger blieben und die Asen klein beigeben mussten.

          Die Erlangung des Rauschtrankes

          Ein bekannter altnordischer Mythos ist die Erlangung des Dichtermets, des heiligen Rauschtrankes Oðr?rir („Ekstase-Aufrührer“). In Snorris Skáldskaparmál (einem Teil der Prosa-Edda) ist es Odin, der es auf den Met abgesehen hat, welcher sich bewacht im Innern eines Berges befindet. Nachdem Odin durch verschiedene Listen in seinen Besitz gelangt ist, verwandelt er sich in einen Adler, und es gelingt ihm die Flucht mit dem Met, auch wenn er von Suttung, dem Wächter des Trankes, hart verfolgt wird und nur knapp sichere Gefilde erreicht.

          Im altindischen Rigveda (IV, 27) ist der Rauschtrank (Soma) nicht in, sondern auf einem hohen Berg gefangen. Der personifizierte Soma erzählt hier selbst von seiner Errettung. Ein Falke ist es, der ihn von dem Berg hinwegträgt, und dieser Falke ist niemand anderes als der verwandelte Indra. Der Wächter des Soma bringt den Falken durch Pfeilschüsse noch in höchste Gefahr, aber auch hier glückt die Entführung.

          Snorri erzählt, dass der Met in drei Gefäßen aufbewahrt wurde, deren Namen schwer zu deuten sind (was auf ein hohes Alter schließen lässt). Auch das hat seine genaue Entsprechung, wenn in der indischen Mythologie drei Becher erwähnt werden, in denen der Soma für Indra gepresst wird.

          Vom griechischen Zeus kennen wir übrigens dieselbe Tat: Auch er entführt in Gestalt eines Adlers den Mundschenk Ganymedes zu den Göttern des Olymp. Hier ist der Rauchtrank bereits ganz personifiziert.

          In der altnordischen Variante hat die Entstehung des Dichtermets eine lange Vorgeschichte. Beim Friedensschluss zwischen Asen und Vanen spucken beide Parteien in ein Gefäß, und aus diesem Speichel entsteht das Wesen „Kvasir“, das alle Weisheit der Welt in sich trägt.

          Der Name Kvasir ist recht durchsichtig, Noch im heutigen Russischen („kvas“) und Norwegischen („kvase“) bezeichnet er vergorenen Beerensaft. Und die Methode, bei zerkauten Pflanzenteilen durch den Speichel einen Gärprozess anzuregen, findet man bei allen Naturvölkern. Kvasir wird in der Edda später von zwei heimtückischen Zwergen zerstückelt, woraus der göttliche Met entsteht.

          Nun müssen wir abermals jenen indischen Mythos erwähnen, in dem es zum Konflikt zwischen den Göttern um Indra und den Asvins kommt. Wir kennen letztere bereits als Fruchtbarkeitsgottheiten, die den Wanen ähnlich sind. Die indischen Götter haben Vorbehalte, sie in ihre Gemeinschaft aufzunehmen.

          In der indischen Version kommt den Asvins nun ein mächtiger Weiser zu Hilfe, der ein Wesen namens Mada (Trunkenheit) erschafft (was der nordischen Gullveig und der römischen Tarpeia entspricht), das den gewaltigen „Metvernichter“ Indra letztlich zum Einlenken zwingt. Die Asvins werden in die Götterfamilie aufgenommen. Genau wie in der Edda, wird das Rauschwesen nun in jene Bestandteile zerstückelt, denen nach indischer Auffassung Rauschcharakter zukommt: Trunk, Frauen, Glücksspiel und Jagd. Auch dies eine klare Parallele zu dem germanischen Kvasir.

          Nun gibt es noch eine weitere und sehr unterschiedliche indische Variante der Erlangung des Rauschtrankes, die im Rigveda nur aus verstreuten Andeutungen ersichtlich ist (IV, 18,10-12; III 48,1-4; VIII 7,24). Aus diesen kann man herauslesen, dass die Gewinnung des Trankes offenbar damit einhergeht, dass hier ein Gott seinen Vater umbringt. In dieser Variante spielt Indra ebenfalls die Hauptrolle, entscheidend dabei ist aber, dass er dabei aber von einem anderen Hochgott begleitet wird (einmal Vishnu, das andere Mal Trita).

          Und diese indische Variante findet dann tatsächlich ihre erstaunlich genaue Entsprechung in einem Lied der älteren Edda. Und erst diese Erkenntnis macht Einzelheiten des Liedes verständlicher. Es handelt sich um das Hymir-Lied.

          Als man bei dem Meeresgott Aegir ein Gelage abhalten will, fehlt es an einem geeigneten Kessel für das Getränk. Also zieht Thor in Begleitung von Tyr los, um für d[…Textpassage fehlt…]

          Erstaunlich aber ist nun, dass hier der Riese Hymir als Vater von Tyr/Teiwaz genannt ist, was allen anderen Quellen widerspricht. Auch hier geht die Geschichte also mit dem Detail einher, dass der alte Blitzschleuderer bei der Erlangung des Rauschtrankes (und als nichts anderes darf man diese Kesselaktion bewerten) von einem weiteren Hochgott begleitet wird, und dass bei dieser Unternehmung ein Gott seinen Vater tötet. Und gerade diese verblüffende Parellele zum indischen Material macht deutlich, dass hier ein Jahrtausende altes Motiv getreu bewahrt worden ist, auch wenn es im altnordischen Kontext keinen genealogischen Sinn mehr ergibt.

          Aber nicht genug damit: Durch diese germanische Version wird nämlich abermals die Brücke zurück zur indischen Mythologie geschlagen, denn eine weitere indische Variante über den Rauschtrank berichtet von der Suche nach einem geeigneten Gefäß, bei dem der Beherrscher der Gewässer (wie der altnordische Aegir) ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.

          Man sieht, dass die Erlangung des Rauschtrankes ein bei den Indoeuropäeren wohl sehr beliebtes Thema war. Gerade der zahlreichen Variationen wegen aber erstaunen die über Jahrtausende treu bewahrten parallelen Details bei Indern und Germanen.

          Ende und Neugeburt der Welt

          In den Quellen der Edda wird uns das Ende der Welt recht genau beschrieben. Die Sonne verfinstert sich, ein mehrjähriger Winter bricht herein, die Menschen verlieren Anstand und Moral und es kommt zum sinnlosen Morden aller gegen alle, und in einer gewaltigen zum Himmel lodernden Feuersbrunst geht die Welt unter. Aus allen Richtungen ziehen dämonische Kräfte und Wesen heran und es kommt zu einem letzten Kampf der Götter gegen die zerstörerischen Kräfte des kosmischen Geschehens, bei dem die Götter unterliegen und ebenso sterben, wie alles andere auf der Welt. In düsteren und mächtigen Bildern wird uns das ausgemalt.

          In den altrömischen Sibyllinischen Weissagungen finden wir dieses Ende und den Weltenbrand nun mit teilweise identischen Formulierungen beschrieben wie in der Edda. In der römischen Quelle heißt es u.a.:

          „Wenn aber einst auf der Erde Erdbeben mit schrecklichem Blitzstrahl gemengt sein wird, flüchtiger Wölfe rasende Wut und Männer-Ermorden […], dann wird des siebenhügeligen Roms gewaltiger Reichtum zugrunde gehen, von stark loderndem Feuer verzehrt und der Flamme des Vulkan. Aber die sämtliche Welt mit all den unzähligen Menschen tötet einander in rasender Wut. Und in der sämtlichen Welt wird es so an Menschen mangeln.“

          Aber nach dieser totalen Vernichtung steigt eine neue Erde aus dem Nichts empor. Jene Götter, die schuldlos blieben, werden wiedergeboren. Es ist von einem „Mächtigen“ die Rede, der „von oben“ kommen und alles gut lenken wird. Und auch ein Menschenpaar hat überlebt, indem es sich im Holz des Weltenbaumes versteckt hat. Es wird auch die neue Erde wieder mit Menschen bevölkern. Die mehrfache Überlieferung dieser Tatsache (Völuspa, Vafþruðnismál und Gylfaginning) macht deutlich, dass es sich hierbei nicht nur um eine individuelle Eingebung des Völuspa-Dichters handeln kann.

          Auch in den römischen Quellen finden wir das passende Gegenstück:

          „Goldene Zeit mit gefahrlosem Frieden wird wiedergeboren. Huldreich kehrt endlich zur Erde zurück, ohne Zeichen der Trauer, Themis [Göttin der Gerschtigkeit, die die Erde aus Trauer über die Ungerechtigkeit der Menschen als letzte verlassen hatte]. Es folgen glückliche Zeiten. Während der Gott hier die Völker regiert, lässt die arge Bellona [Göttin des Krieges] rückwärts die Hände sich binden.“

          Über lange Zeit konnte man nicht anders, als dieses Bild für eine direkte Übernahme christlicher Vorstellungen zu halten. Zu ähnlich war die Darstellung den apokalyptischen Bildern aus der Offenbarung des Johannes. Zu offensichtlich schien in „dem Mächtigen von oben“ der christliche Gott durchzuschimmern, der nach dem Untergang des Heidentums zur Herrschaft kam, und zu offensichtlich erinnerte die neue Erde an das Paradies oder das „himmlische Jerusalem“.

          Erst seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts brachte die Bibelforschung Erkenntnisse zu Tage, die früher nicht einmal gedacht werden durften. Zunehmend wurde klar, dass die Verbreitung dieser Vorstellungen genau umgekehrt verlaufen war. Diese Vorstellungen von einem solchen Ende und Neubeginn entstammen nicht den biblischen Quellen, sondern das Judentum hat sie von den indoeuropäischen Iranern übernommen. Sie sind also indeoeuropäisches Erbe. Bezeichnenderweise tauchen sie auch im gesamten Alten Testament nicht auf, sondern erst in einer extrem späten Zeitphase. Zum objektiven Beleg dafür zwei Zitate von international angesehenen Religionswissenschaftlern:

          „Die Frage stellt sich, wie das altisländische Endzeitszenar sowohl mit dem biblischen übereinstimmen kann, als auch offensichtlich mit dem im iranischen und indischen Kulturbereich überlieferten. Die nordischen Vorstellungen zu Schöpfung und Urzeit können dabei beiseite bleiben, da ja nicht ‚christentumsverdächtig‘, aber die folgenden Überlegungen stützen helfen. Die Antwort wird dann lauten müssen: Es ist mit einem indogermanischen (gemeinsamen) Grundstock eschatologischer Vorstellungen, einem indogermanischen Endzeitszenar zu rechnen, die im germanischen und im iranischen (und indischen) Raum unter je bestimmten historischen Bedingungen aktiviert wurden. Im Zuge der engen kulturellen Berührung Israels mit Persien (Palästina war über 200 Jahre lang Teil des Persischen Großreiches) sind dieselben Vorstellungen, ist dieses selbe Szenar auch Bestandteil der jüdischen und später christlichen Apokalyptik geworden. Die Gemeinsamkeiten zwischen nordgermanischer und christlicher Eschatologie ergäben sich dann aus einer gemeinsamen (indogermanischen) Quelle, nicht primär aus christlicher Beeinflussung.“ (Hasenfratz, S. 125 f.)

          „Die persische Vorstellung von einem Weltdrama, das mit der Schöpfung beginnt und mit der Vernichtung alles Bösen seinen Abschluss findet, weist eine Reihe von Zügen auf, die vom Judentum übernommen wurden und aus diesem in das Christentum und in den Islam übergegangen sind. Die Juden haben diese Vorstellungen sich zu eigen gemacht, in angemessener Weise umgebildet und ihrem Geschichtsschema eingefügt. Diese kosmische [indogermanische] Eschatologie ist also die Wurzel, aus welcher die Geschichtskonstruktion der westlichen Religionen erwachsen ist.“ (Glasenapp, S. 228 f.)

          Vor allem aber sind die indischen Quellen der beste Beweis für den indoeuropäischen Kontext, denn hier finden wir abermals wieder die genauen Parallelen zu den germanischen Quellen. Das Weltende zeichnet sich ebenfalls durch einen Untergang von Moral und Anstand ab. Beim Untergang der Welt erscheint „von oben“ Vishnu („der Mächtige“) auf einem weißen Ross, um jedem Menschen die karmischen Belohnungen oder Strafen für seine Taten zuzuteilen. Und diese Parallele zu dem „Mächtigen, der von oben kommt“ aus der germanischen Völuspa ist nun so augenfällig, dass auch hier der Verdacht auf christlichen Einfluss ziemlich zu schwinden beginnt.

          Nun ist die indische Anschauung aber noch viel weitergehender. Sie unterscheidet zwischen dem ständigen Untergang einzelner „Welteneier“ (also Planeten und ihrer Bewohner) und dem endgültigen Untergang des gesamten Kosmos. Aber auch hier kommt es in beiden Fällen zu einer Neugeburt. Man geht von einer ständigen Neuentstehung von Planeten aus, die wiederum Wohnstätte für inkarnierte Seelen bilden. Aber auch nach dem Untergang des gesamten Kosmos erfolgt eine Rückbildung in jene undifferenzierte Urmaterie, wie wir sie am Anfang in Form des „Abgrundes“ kennengelernt haben, die aber nach einer langen Pause völliger Ruhe in einem identischen Schöpfungsprozess einen neuen Kosmos bildet, den neue Götter und Lebewesen bevölkern werden.

          Verblüffend ist dabei nicht nur, dass hier in exakt angegebenen Zeiträumen gerechnet wird, die in die Jahrmilliarden gehen und somit den tatsächlichen Gegebenheiten nahekommen, sondern auch, dass diese uralten religiösen Vorstellungen unglaubliche Ähnlichkeiten mit modernsten kosmologischen Modellen der Astronomie aufweisen: Urknall, Expansion des Kosmos, der irgendwann wieder in sich zusammenfällt, was zu einem neuen Urknall mit anschließender Neuentstehung des Kosmos führen wird.

          Wenngleich es auf Grund der Quellenlage etwas verwegen wäre, für die germanische Welt ähnlich durchdachte Feinheiten anzunehmen, haben wir doch genug Hinweise auf dasselbe zyklische Weltbild von Werden, Vergehen und Wiedergeburt als ewigem Kreislauf, wie es für alle indoeuropäischen Religionen typisch gewesen zu sein scheint. Dieses zyklische Weltbild steht aber in unvereinbarem Kontrast zu dem linearen Weltbild der monotheistischen Religionen, das von einem einmaligen Anfang der Schöpfung durch Gott zu einem endgültigen Ende aller Dinge verläuft.

          Schlussbemerkung

          Die hier behandelten Zusammenhänge sind nur die Spitze eines Eisberges. Sie ließen sich beliebig vertiefen und vermehren. Aus Gründen der Übersichtlichkeit ist der Artikel auf die markantesten Beispiele begrenzt worden. Er dürfte aber auch in dieser Form seine Funktion erfüllen, denn die dargestellten Zusammenhänge sind in der Regel nur professionellen Religionswissenschaftlern oder Indogermanisten bekannt. Leider! Das Klischee, dass die vorchristlichen Religionen Europas „primitiv und barbarisch“ gewesen seien, ist immer noch weit verbreitet. Bezeichnenderweise aber macht niemand den noch heute existierenden indoeuropäischen Religionen diesen Vorwurf, sondern die werden gerade ihrer philosophischen Tiefe wegen oft bewundert.

          Das bringt uns zu der Frage, welche indoeuropäischen Religionen denn überhaupt noch überlebt haben. In Europa keine, zumindest nicht offiziell. Natürlich hat sich ein unübersehbarer Strom dieses Denkens im Untergrund fortgesetzt. Nicht nur alle Märchen sind voll davon und viele Volksbräuche gehen auf vorchristliche Traditionen zurück, sondern gerade der Katholizismus ist in vielen seiner Dogmen und Ausformungen (die weniger auf jüdische, sondern sehr viel mehr auf spätantike Strömungen zurückgehen) sehr viel heidnischer, als es seinen offiziellen Vetretern (und Kritikern!) recht sein mag. Genau das war ja das entscheidende (und gewissermaßen völlig brechtigte!) Argument des Protestantismus gegen den Katholizismus.

          Wie aus dem gesamten Artikel schon deutlich werden sollte, ist Indien mit fast einem Drittel der Weltbevölkerung bis heute eine der tragenden Kräfte indoeuropäischen Religionsverständnisses. Andererseits aber handelt es sich beim heutigen Hinduismus nicht um EINE Religion, sondern der Begriff ist eine Sammelbezeichnung für alle Traditionen des indischen Subkontinents, die in sich teilweise äußerst widersprüchlich sind. Die uralte vedische Schicht der indischen Tradition ist heute durch vielfältige andere Einflüsse überlagert, so dass es falsch wäre, die heutigen religiösen Ausprägungen indischen Denkens aus einer rein indoeuropäische Quelle abzuleiten.

          Sehr viel berechtigter aber ist es, eine frühe Weiterentwicklung alt-indischen Denkens als typisch indoeuropäisch anzusehen: den Buddhismus. Der entspringt gänzlich der alten indoeuropäischen Weltsicht, und auch alle Texte des frühen Buddhismus sind in Pali, einer dem Sanskrit sehr ähnlichen, altertümlichen indoeuropäischen Sprache verfasst. Allein schon deshalb muss man ihn zu den indoeuropäischen Religionenen zählen.

          Kleine Reste indoeuropäischer Religionen haben im iranischen Kulturbereich überlebt, darunter auch die der kurdischen Yesidi, deren Religion allerdings eine Art Geheimlehre ist, die gegenüber Außenstehenden abgeschirmt wird. Das entspricht bitterer Erfahrung, denn sie werden nicht nur staatlicherseits ihrer kurdischen Identität wegen verfolgt, sondern zusätzlich vor allem von den anderen (muslimischen) Kurden als „Götzenanbeter“ diskriminiert.

          Eine weitere iranische Religionsgemeinschaft sind die Parsen. Dabei handelt es sich um die alt-iranische Religion schlechthin, wie sie vor der Islamisierung des Landes Staatsreligion war, jener Religion, die Zarathustra ca. 800 v.Chr. aus den alten indoeuropäischen Traditionen in eine neue Form gebracht hatte. Der Begriff „Persien“ leitet sich aus ihrem Namen ab. Sie sind heute in ihrer Heimat ebenfalls eine verfolgte Minderheit. Prominentestes und religiös bekennendes Mitglied dieser Religion war übrigens Queen-Sänger Freddy Mercury.

          Der Mythenschatz, den all diese Religionen hervorgebracht haben, ist von einer unermesslich reichen und schönen Ausformung, von der wir auch in den alten europäischen Quellen noch zahlreiche Beispiele finden. Der Untergang und das Vergessen dieser reichen Mythologie wäre ein unersetzlicher Verlust des kulturellen Erbes großer Teile der Menschheit.

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          Literatur

          Das Problem beginnt schon bei den Quellen. Es gibt keine Gesamtübersetzung der Veden, sondern nur kleine Auswahlbände:

          Paul Thieme: Gedichte aus dem Rig-Veda. Stuttgart: Reclam 1993

          Arthur A. MacDonell: A Vedic Reader for Students. Oxford University Press 1917 (bis heute immer wieder nachgedruckt)

          Walter Ruben: Texte der indischen Philsophie. Bd.1: Aus den Veden. Berlin 1961

          Die Texte der Veden sind für „Uneingeweihte“ aber noch weitaus schwieriger und unverständlicher, als es die Lieder-Edda für Anfänger ist. Deshalb sind Sekundärwerke zur vedischen Religion grundsätzlich der bessere Einstieg. Die allerdings sind leider oft nur für Fachleute verständlich.

          Für die griechischen Quellen ist Hesiods Theogonie zu erwähnen, die in einer preiswerten Neuübersetzung von Otto Schönberger 1999 im Reclam Verlag erschienen ist. Auch Hesiods Schrift „Werke und Tage“ bietet vereinzelte Hinweise. Das Maßgebliche aber muss man sich leider aus zahlreichen anderen Quellen und Handbüchern zusammensuchen.

          Vor allem aber gibt es kein Einzelwerk, in dem die Parallelen so systematisch aufgeführt werden, wie es in diesem Artikel erstmals versucht worden ist. Man muss sich das Material auch hier buchstäblich aus Dutzenden von verstreuten Spezialwerken zur Indogermanistik heraussuchen. Von den auch für Laien verständlichen Werken, in denen einiges davon erwähnt wird, seien folgende Titel genannt:

          Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte. Berlin 1956/57

          Herbert Gottschalk: Lexikon der Mythologie. München 1993

          Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart 1984

          Helmuth von Glasenapp: Die fünf Weltreligionen. München 1998

          Hans-Peter Hasenfratz: Die religiöse Welt der Germanen. Freiburg 1992

          Norbert Oettinger: Isländische Edda und indische Veden. Ein mythologischer Vergleich. In: Große Werke der Literatur, Bd.1. Augsburg 1990

          Heinrich Zimmer: Abenteuer und Fahrten der Seele. Ein Schlüssel zu indogermanischen Mythen. München 1977 (sowie zahlreiche andere Arbeiten dieses Verfassers)

          Gruß an unsere Geschichte
          TA KI

          Wotan


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          Geschrieben von: Birka Vibeke
          Wotan (altnordisch: Odinn, angelsächsisch: Woden, altsächsisch: Woden, altfränkisch: Wodan) wird heute meist Wotan oder Wodan oder mit dem nordischen Odin bezeichnet. Als die vielschichtigste Göttergestalt gilt er als Hauptgott der Germanen.

           

          Wotan (altnordisch: Odinn, angelsächsisch: Woden, altsächsisch: Woden, altfränkisch: Wodan) wird heute meist Wotan oder Wodan oder mit dem nordischen Odin bezeichnet. Als die vielschichtigste Göttergestalt gilt er als Hauptgott der Germanen.
          In der germanischen Mythologie gehört er mit seinen beiden Brüdern Vili und Vé (Hönir und Lodur) zu den ersten Göttern überhaupt.
          Seine Eltern sind Bur (der „Sohn“ von Buri dem „Erzeuger“) und Bestla (sie ist Riesin und Tochter des Riesen Bölthorn).

          Odin ist der Ehemann von Frigg (auch Frija) und ihr gemeinsamer Sohn ist Balder (Baldr oder Baldur). Mit der Göttin Jörd (Erde) hat Odin den Sohn Thor (Donar). Mit der (Riesin) Gridr hat er den Sohn Vidar, welcher nach dem Ragnaröck als Rächer für denVater den Fenriswolf besiegt. Mit der Königstochter Rindr hat er den Sohn Vali, welcher den Tod Balders rächt. Auch Heimdall, Tyr, Brage, Hermod und Hödr sind seine Söhne.

          Wichtige Attribute Odins sind sein Speer (Gungnir), sein Ring (Draupnir), die beiden Raben Huginn (Gedanke) und Muninn (Erinnerung), sein achtbeiniges Pferd Sleipnir und seine Wölfe Freki (der Gefräßige) und Geri (der Gierige). Neben seiner Einäugigkeit sind sein Hut und sein (blauer) Mantel für ihn bezeichnend.

          Wotan hat eine Unmenge von Namen, weil seine Persönlichkeit so vielerlei Seiten aufweist. Allfodr – Allvater, Atridr – der zum Kampf Vorreitende, Fiolnir – der der viel weiß und viele Gestalten annehmen kann, Göndlir – der Zauberkundige, Hroptatyr – Beschwörer der Mächte, Sigfodr – siegreicher Schlachtvater, Valfodr – Walvater für die Gefallenen; dies sind nur einige dieser Namen, welche uns sein Wesen etwas näherbringen.

          Sprachlich leitet sich odr von „wütend, rasend“ ab. Wotan ist Wut! Kurz und treffend wollen wir das als seinen Wesenskern darlegen. Die Wut ist ein Eerregungszustand des menschlichen Inneren, ihr Wesen ein Außersichgeraten, aus sich selbst Heraustreten, Entrückung, Ekstase.

          Nicht das er die Wut des Strumes persönlich gemacht hätte (er ist kein „Naturgott“), doch wir werden ihn nie ganz fassen, wenn wir nicht die einsamen nächtlichen Schauer des wutenden Windes, das Ächzen und Schreien in Luft und Wald fernhalten. Die „Wut“ ist das Urerlebnis. Die Wut jagt nicht nur die Seelen der Toten durch die Nacht, sie herrscht auch in der Seele der Lebendigen, sie rührt auf und riß hoch, weit über das Gemeinmenschliche hinaus. Die überirdische Macht, die den gewaltigen Sturmwind draußen entfacht, entfacht ihn auch drinnen, die hohe Erregung erscheint in der Natur wie im Gemüt und befähigt das „Außersichtreten“.

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          Hier stehen wir auch schon bei dem Rätsel des Kriegsgottes Wotan. Er ist nicht Totendämon, der mit Leichen zu tun hat. Wäre er nur der Gott der Wal, dann hätte der lebende Krieger ihn zu scheuen, anstatt zu ehren und sich zu ihm zu bekennen. Er ist der, der den kriegerischen Mut in der Brust schwellen läßt. Das Wütende, Berauschte, Besessene des Dreinstürmens und Dreinschlagens der germanischen Krieger kam durch ihn. Sie waren außer sich, rasend. Ihr Mut war Wut. Er ist also der Gott der erhabendsten und wichtigsten Wut, der des Kampfes. Die eines gewaltsamen Endes gestorben sind, gehen Wotan besonders an; Sie kamen ihm aber nicht zu, weil er der Höchste war, sondern weil er in geheimnisvollem Zusammenhang mit ihnen stand, besonders mit den Kriegsgefallenen und den Gehängten.

          An die unterweltlichsten Seiten von Wotans Wesen rühren wir, wenn wir hören, daß der Gott mit den Toten Umgang pflegt, sich unter sie setzt und sich Rat von ihnen holt.

           

           

          Das führt uns zu einem weiteren wichtigen Wesenszug Wotans, dem Zauberer. Der Germane kannte den erhöhten Zauber des gottbegeisterten Menschen. Er führt ihn keineswegs immer auf Wotan zurück; aber dieser selbst ist Meister und Lehrmeister der Kunst: von dem Sturmwind des Übermschlichen sich durchfahrenzu lassen.Wotan ist Führer des nächtlichen Heeres, man sah und hörte die Seelenjagd im Sturm, in den Lüften. Noch heute ziehen Scharen vermummter und außer sich geratener Menschen mit Lärm und Unfug durch das Land; unter den Verkleidungen spielt die Maske im eigentlichsten Sinn die Hauptrolle.

          Die wilde Jagd in den „Zwölften“ ist das Totenheer Wotans. Manche wollen darin eine ganz bestimmte Kultübung, die dem Totenführer und wirklichen Kriegsgott huldigte, sehen. Mit einem Fruchtbarkeitskult läßt sich das Wilde Heer aber nicht erklären.

          Die Entrücktheit des Zauberers entfachte die Kampfeswut des Berserkers genauso wie die erhabenste Regung der menschlichen Seele, die Begeisterung eines Künstlers. Die Vorstellung, daß man in dem Schaffen des Dichers eine gotteingegebene hohe Zauberei sah, erhebte unsere Vorfahren zu ungeahnten Geisteshöhen. Diese begründet dann auch, daß das Vermögen, unter Wotans Befeuerung Gedichtete mit Zeichen festzubannen, etwas besonders Hohes und Erhabenes, die Runenschrift eine zauberische Fähigkeit wurde.Wotans Anteil an der Kunst kommt aber nicht von außen, durch seine Geschicklichkeit, sondern von innen; er wirkt auf die Künstlerseele, nicht auf die Künstlerhand. Das wahre Zaubern ist keine Geschicklichkeit, sondern setzt den besonderen magischen Seelenzustand voraus. So hoffte der germanische Zauberer, in Wotans Dienst und Gefolge, zur letzten Höhe der „Wut“ und der Macht emporzusteigen.

          Doch diesen Zustand des Außer-sich-seins, der allein befähigt, Wunder zu wirken, mußte sich Wotan mühsam erarbeiten. Er, der keinen Höheren über sich erkennt, hat sich selbst geopfert und leidete die Pein am Mittelpunkt der Welt, am Weltbaum selbst. Er ist erst Herr der Runen geworden durch den Zustand des höchsten Leidens. Erst dem Tode nah, vermag er jenes schöpferische Außersichsein zu erreichen, welches ihn dann zum fimbulthulr, zum obersten aller Magier machte, und ihn befähigte, schreiend, noch voller Qual, die Runen aufzunehmen und sie als das große Zaubermittel zu erkennen und zu nutzen. Diese sind aber nicht nur Zauberzeichen, sondern auch Schrift. Wotan wird damit zum Schöpfer der geistigen Künste.

          Auch, daß er sein eines Auge dem Wasser Mimirs preisgab, war ein wichtiges Opfer. Durch einen Schluck aus Mimirs Brunnen ist es ihm möglich geworden Inneres und Äußeres zu verbinden. Nicht nur „Augenscheinliches“ zu sehen, sondern auch die Hintergründe, das Unbewußte mitaufzunehmen. Erst als er auf ein Auge verzichtete, welches für uns das einzige Sinnesorgan zum Sehen ist, wurde ihm ein intuitives Schauen innerer Wirklichkeiten ermöglicht.

          Als die Wanen in den Umkreis der Asen treten, vollendet sich die Herrschaft Wotans, als oberster Gott. Es beginnen jedoch auch bestimmte wanische Mythen sich an seine Gestalt zu heften. Er, der furchtbare Totengott, der Vernichter war kein Fruchtbringer, für den das Ende zugleich ein neuer Anfang ist. Bei den Wanen, wo Werden und Vergehen, das Gewesene und das Zukünftige, das Unterirdische und das Lebendige zusammenhängen war in der asischen Denkart nicht nachzuweisen. Die Wanengötter setzten nur Werte um, führten unter die Erde, um Neues zu schaffen, Wotan aber zerstörte auch aus Grausamkeit und riß Leben aus dem großen Vorgang des Wachstums und Lebens endgültig heraus.

          Die Übernahme wanischer Verehrungsformen auf Wotan wurde natürlich dadurch erleichtert, daß er Totengott war. Neben den eben erwähnten Unterschieden gab es auch Gemeinsamkeiten.Tobende Umzüge, Vermummung, auch Totenmasken sind bei beiden gemeinsam bezeugt. Eine weitere wanische Überlagerung zeigte sich, als man Wotan für das Gedeihen der Fluren dankte, und ihm dafür zu opfern begann. Später finden wir ihn auch an Stelle der Korngeister und Ackeralten.

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          Wotan ist Ase, von Anfang ein Wesen ganz anderen Schlags als die Wanen, ein Herr geistiger Umkreise und ein alter Totengott. Aber ein furchtbarer, ein Vernichter, kein Fruchtbringer. Für manche mochte er „ein und alles“ werden, und so auch Schützer des Ackers. Das liegt aber nicht in seinem Wesen. Wir wollen in ihm, wie Jakob Grimm schrieb,das alldurchdringende Wesen des germanischen Glaubens sehen. Das Große an Wodan scheint uns zu sein, daß in ihm ein Innerliches, Geistiges so ganz zum Siege gelangt ist. Daß dieser alte Verlöscher, dessen bösartige Züge sich nie ganz verloren haben, zu einem großen Entzünder werden konnte. Daß er sich nicht an äußere Gebärde und Geschicklichkeit verlor, sondern in den Mittelpunkt alles menschlichen Werdens und Geschehens vordrang und sich die Seele als Sitz erkor. Er lehrt nicht Hiebe führen und wirft keine Kriegslose, er packt die Seele des Kriegers und füllt sie mit heiliger Wut. Er übermittelt nicht die Taschenspielergriffe des Zauberers, sondern er erzeugt den Seelenzustand, der die Naturkräfte aufhebt. Die Schrift, die er brachte, ist nicht Verständigungsmittel, sondern jedem Zeichen wohnt Macht und Seele inne. Seine Dichtkunst ist kein Können, sondern sie ist Wut, Genie, Ergriffenheit vom Göttlichen.

          Daß diese Wut seinen Bekennern in allem das Wichtigste und Letzte ist, daß sie ihnen göttlich wurde, daß der Höchste ihnen zu einem Gott der Wut, des Enthusiasmus, der Seele, des Unkörperlichwerdens heranwuchs, das ist das Ewige und germanische an der Wodansgestalt.

          Quelle: http://www.asatru.de/nz/index.php?option=com_content&view=article&id=105:wotan&catid=8:mythologie&Itemid=27

          Gruß an die Ahnen

          TA KI