Rede von Häuptling Seattle 1855


Wir sind ein Teil der Erde

Erzählung nach einer Rede des Häuptlings Seattle
vor dem Präsidenten der USA im Jahre 1855

“Der große Häuptling in Washington sendet Nachricht, daß er unser Land zu kaufen wünscht.

Der große Häuptling sendet uns auch Worte der Freundschaft und des guten Willens. Das ist freundlich von ihm, denn wir wissen, er bedarf unserer Freundschaft nicht. Aber wir werden sein Angebot bedenken, denn wir wissen – wenn wir nicht verkaufen, kommt vielleicht der weiße Mann mit Gewehren und nimmt sich unser Land.
Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen – oder die Wärme der Erde? Diese Vorstellung ist uns fremd. Wenn wir die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers nicht besitzen – wie könnt ihr sie von uns kaufen? Wir werden unsere Entscheidung treffen.

Was Häuptling Seattle sagt, darauf kann sich der große Häuptling in Washington verlassen, so sicher, wie sich unser weißer Bruder auf die Wiederkehr der Jahreszeiten verlassen kann.

Meine Worte sind wie die Sterne, sie gehen nicht unter. Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig, jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jede Lichtung, jedes summende Insekt ist heilig in den Gedanken und Erfahrungen meines Volkes. Der Saft, der in den Bäumen steigt, trägt die Erinnerung des roten Mannes.

Die Toten der Weißen vergessen das Land ihrer Geburt, wenn sie fortgehen, um unter den Sternen zu wandeln.
Unsere Toten vergessen die wunderbare Erde nie, denn sie ist des roten Mannes Mutter.
Wir sind ein Teil der Erde, und sie ist ein Teil von uns.
Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern, die Rehe, das Pferd, der große Adler – sind unsere Brüder.
Die felsigen Höhen, die saftigen Wiesen, die Körperwärme des Ponys und des Menschen – sie alle gehören zu der gleichen Familie.

Wenn also der große Häuptling in Washington uns Nachricht sendet, daß er unser Land zu kaufen gedenkt, so verlangt er viel von uns.
Der große Häuptling teilt uns mit, daß er uns einen festen Platz gibt, wo wir angenehm und für uns leben können. Er wird unser Vater sein und wir seine Kinder. Aber kann das jemals sein? Gott liebt euer Volk und hat seine roten Kinder verlassen. Er schickt Maschinen, um dem weißen Mann bei seiner Arbeit zu helfen, und baut große Dörfer für ihn. Er macht euer Volk stärker, Tag für Tag. Bald werdet ihr das Land überfluten, wie Flüsse Schluchten hinabstürzen nach einem unerwarteten Regen.

Mein Volk ist wie eine ebbende Gezeit – aber ohne Wiederkehr. Nein, wir sind verschiedene Rassen. Unsere Kinder spielen nicht zusammen, und unsere Alten erzählen andere Geschichten. Gott ist euch gut gesonnen, und wir sind Waisen. Wir werden euer Angebot, unser Land zu kaufen, bedenken. Das wird nicht leicht sein, denn dieses Land ist uns heilig.

Wir erfreuen uns an diesen Wäldern. Ich weiß nicht – unsere Art ist anders als die eure.

Glänzendes Wasser, das sich in Bächen und Flüssen bewegt, ist nicht nur Wasser – sondern das Blut unserer Vorfahren. Wenn wir euch Land verkaufen, müßt ihr wissen, daß es heilig ist, und eure Kinder lehren, daß es heilig ist, und daß jede flüchtige Spiegelung im klaren Wasser der Seen von Ereignissen und Überlieferungen aus dem Leben meines Volkes erzählt.
Das Murmeln des Wassers ist die Stimme meiner Vorväter.
Die Flüsse sind unsere Brüder, sie stillen unseren Durst. Die Flüsse tragen unsere Kanus und nähren unsere Kinder.

Wenn wir unser Land verkaufen, so müßt ihr euch daran erinnern und eure Kinder lehren: Die Flüsse sind unsere Brüder und eure -, und ihr müßt von nun an den Flüssen eure Güte geben, so wie jedem anderen Bruder auch. Der rote Mann, zog sich immer zurück vor dem eindringenden weißen Mann – so wie der Frühnebel in den Bergen vor der Morgensonnen weicht. Aber die Asche unserer Väter ist heilig, ihre Gräber sind geweihter Boden, und so sind diese Hügel, diese Bäume, dieser Teil der Erde uns geweiht. Wir wissen, daß der weiße Mann unsere Art nicht versteht. Ein Teil des Landes ist ihm gleich jedem anderen, denn er ist ein Fremder, der kommt in der Nacht und nimmt von der Erde, was immer er braucht.

Die Erde ist sein Bruder nicht, sondern Feind, und wenn er sie erobert hat, schreitet er weiter. Er läßt die Gräber seiner Väter zurück und kümmert sich nicht. Er stiehlt die Erde von seinen Kindern und kümmert sich nicht. Seiner Väter Gräber und seiner Kinder Geburtsrecht sind vergessen. Er behandelt seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern, zum Verkaufen wie Schafe oder glänzende Perlen. Sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurücklassen als die Wüste.

Ich weiß nicht – unsere Art ist anders als die eure. Der Anblick eurer Städte schmerzt die Augen des roten Mannes. Vielleicht, weil der rote Mann ein Wilder ist und nicht versteht.

Es gibt keine Stille in den Städten der Weißen. Keinen Ort, um das Entfalten der Blätter im Frühling zu hören oder das Summen der Insekten.
Aber vielleicht nur deshalb, weil ich ein Wilder bin und nicht verstehe. Das Geklappere scheint unsere Ohren nur zu beleidigen. Was gibt es schon im Leben, wenn man nicht den einsamen Schrei- des Ziegenmelkervogels hören kann oder das Gestreite der Frösche am Teich bei Nacht. Ich bin ein roter Mann und verstehe das nicht. Der Indianer mag das sanfte Geräusch des Windes, der über eine Teichfläche streicht – und den Geruch des Windes, gereinigt vom Mittagsregen oder schwer vom Duft der Kiefern. Die Luft ist kostbar für den roten Mann, denn alle Dinge teilen denselben Atem: das Tier, der Baum, der Mensch – sie alle teilen denselben Atem. Der weiße Mann scheint die Luft, die er atmet, nicht zu bemerken. Wie ein Mann, der seit vielen Tagen stirbt, ist er abgestumpft gegen den Gestank. Aber wenn wir euch unser Land verkaufen, dürft ihr nicht vergessen, daß die Luft uns kostbar ist, daß die Luft ihren Geist teilt mit all’ dem Leben, das sie erhält. Der Wind gab unseren Vätern den ersten Atem und empfängt ihren letzten. Und der Wind muß auch unseren Kindern den Lebensgeist geben. Und wenn wir euch unser Land verkaufen, so müßt ihr es als ein besonderes und geweihtes schätzen, als einen Ort, wo auch der weiße Mann spürt, daß der Wind süß duftet von den Wiesenblumen.

Das Ansinnen, unser Land zu kaufen, werden wir bedenken, und wenn wir uns entschließen, anzunehmen, so nur unter einer Bedingung: Der weiße Mann muß die Tiere des Landes behandeln wie seine Brüder.

Ich bin ein Wilder und verstehe es nicht anders. Ich habe tausend verrottende Büffel gesehen, vom weißen Mann zurückgelassen – erschossen aus einem vorüberfahrenden Zug. Ich bin ein Wilder und kann nicht verstehen, wie das qualmende Eisenpferd wichtiger sein soll als der Büffel, den wir nur töten, um am Leben zu bleiben. Was ist der Mensch ohne die Tiere? Wären alle Tiere fort. so stürbe der Mensch an großer Einsamkeit des Geistes. Was immer den Tieren geschieht, geschieht bald auch den Menschen. Alle Dinge sind miteinander verbunden.

Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde.

Ihr müßt eure Kinder lehren, daß der Boden unter ihren Füßen die Asche unserer Großväter ist. Damit sie das Land achten, erzählt ihnen, daß die Erde erfüllt ist von den Seelen unserer Vorfahren. Lehrt eure Kinder, was wir unsere Kinder lehrten: Die Erde ist unsere Mutter. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Wenn Menschen auf die Erde spucken, bespeien sie sich selbst. Denn das wissen wir – die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde. Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint. Alles ist verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer ihr dem Gewebe antut, das tut ihr euch selber an.
Nein, Tag und Nacht können nicht zusammen leben.
Unsere Toten leben fort in den süßen Flüssen der Erde, kehren wieder mit des Frühlings leisem Schritt, und es ist ihre Seele im Wind, der die Oberfläche der Teiche kräuselt.

Das Ansinnen des weißen Mannes, unser Land zu kaufen, werden wir bedenken. Aber mein Volk fragt, was denn will der weiße Mann kaufen? Wie kann man den Himmel oder die Wärme der Erde kaufen – oder die Schnelligkeit der Antilope? Wie können wir euch diese Dinge verkaufen – und wie könnt ihr sie kaufen?
Könnt ihr denn mit der Erde tun, was ihr wollt, nur weil der rote Mann ein Stück Papier unterzeichnet und es dem weißen Manne gibt? Wenn wir nicht die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers besitzen – wie könnt ihr sie von uns kaufen? Könnt ihr die Büffel zurückkaufen, wenn der letzte getötet ist?

Wir werden euer Angebot bedenken. Wir wissen, wenn wir nicht verkaufen, kommt wahrscheinlich der weiße Mann mit Waffen und nimmt sich unser Land. Aber wir sind Wilde. Der weiße Mann, vorübergehend im Besitz der Macht, glaubt, er sei schon Gott, dem die Erde gehört.
Wie kann ein Mensch seine Mutter besitzen?

Wir werden euer Angebot, unser Land zu kaufen, bedenken. Tag und Nacht können nicht zusammenleben – wir werden euer Angebot bedenken, in das Reservat zu gehen. Wir werden abseits und in Frieden leben. Es ist unwichtig, wo wir den Rest unserer Tage verbringen. Unsere Kinder sahen ihre Väter gedemütigt und besiegt. Unsere Krieger wurden beschämt. Nach Niederlagen verbringen sie ihre Tage müßig – vergiften ihren Körper mit süßer Speise und starkem Trunk.
Es ist unwichtig, wo wir den Rest unserer Tage verbringen. Es sind nicht mehr viele. Noch wenige Stunden – ein paar Winter – und kein Kind der großen Stämme, die einst in diesem Land lebten oder jetzt in kleinen Gruppen durch die Wälder streifen, wird mehr übrig sein, um an den Gräbern eines Volkes zu trauern, das einst so stark und voller Hoffnung war, wie das eure.
Aber warum soll ich trauern um den Untergang meines Volkes. Völker bestehen aus Menschen – nichts anderem. Menschen kommen und gehen wie die Wellen im Meer. Selbst der weiße Mann – dessen Gott mit ihm verwandelt und redet, wie Freund zu Freund, kann der gemeinsamen Bestimmung nicht entgehen. Vielleicht sind wir doch Brüder – Wir werden sehen.

Eines wissen wir, was der weiße Mann vielleicht eines Tages erst entdeckt: Unser Gott ist derselbe Gott.
Ihr denkt vielleicht, daß ihr ihn besitzt, so wie ihr unser Land zu besitzen trachtet, aber das könnt ihr nicht. Er ist der Gott der Menschen – gleichermaßen der roten und der weißen. Dieses Land ist ihm wertvoll. Und die Erde zu verletzen heißt ihren Schöpfer zu verachten.

Auch die Weißen werden vergehen, eher vielleicht als alle anderen Stämme. Fahret fort, euer Bett zu verseuchen, und eines nachts werdet ihr im eigenen Abfall ersticken. Aber in eurem Untergang werdet ihr hell strahlen, angefeuert von der Stärke des Gottes, der euch in dieses Land brachte und euch bestimmte über dieses Land und den roten Mann zu herrschen. Diese Bestimmung ist uns ein Rätsel. Wenn die Büffel alle geschlachtet sind, die wilden Pferde gezähmt, die heimlichen Winkel des Waldes schwer vom Geruch vieler Menschen und der Anblick reifer Hügel geschändet von redenden Drähten – wo ist das Dickicht? Fort! Wo der Adler? Fort! Und was bedeutet es, Lebewohl zu sagen dem schnellen Pony und der Jagd:

Das Ende des Lebens – und der Beginn des Überlebens! Gott gab euch Herrschaft über die Tiere, die Wälder und den roten Mann, aus einem besonderen Grund – doch dieser Grund ist uns ein Rätsel. Vielleicht könnten wir es verstehen, wenn wir wüßten, wovon der weiße Mann träumt, welche Hoffnungen er seinen Kindern an langen Winterabenden schildert und welche Visionen er in ihre Vorstellungen brennt, so daß sie sich nach einem Morgen sehnen. Aber wir sind Wilde – die Träume des weißen Mannes sind uns verborgen. Und weil sie uns verborgen sind, werden wir unsere eignen Wege gehen. Denn vor allem schätzen wir das Recht eines jeden Menschen, so zu leben, wie er selber es wünscht – gleich wie verschieden von seinen Brüdern er ist.

Das ist nicht viel, was uns verbindet.

Wir werden euer Angebot bedenken. Wenn wir zustimmen, so nur, um das Reservat zu sichern, das ihr versprochen habt. Dort vielleicht können wir unsere kurzen Tage auf unsere Weise verbringen.

Wenn der letzte rote Mann von dieser Erde gewichen ist und sein Gedächtnis nur noch der Schatten einer Wolke über der Prärie, wird immer noch der Geist meiner Väter in diesen Ufern und diesen Wäldern lebendig sein. Denn sie liebten diese Erde wie das Neugeborene den Herzschlag seiner Mutter.
Wenn wir euch unser Land verkaufen, liebt es, so wie wir es liebten, kümmert euch, so wie wir uns kümmerten, behaltet die Erinnerung an das Land so, wie es ist, wenn ihr es nehmt. Und mit all eurer Stärke, eurem Geist, eurem Herzen erhaltet es für eure Kinder und liebt es – so wie Gott uns alle liebt.
Denn eines wissen wir – unser Gott ist derselbe Gott. Diese Erde ist ihm heilig. Selbst der weiße Mann kann der gemeinsamen Bestimmung nicht entgehen. Vielleicht sind wir doch – Brüder. Wir werden sehen.”

*

Diese Rede wurde 1855 von Chief Seattle, Häuptling der Duwamish-Indianer, vor dem Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika gehalten.

1856 wurde der Stamm aus seinem Wohngebiet, dem Abfluß des Washington-Sees, an die Ostküste der Bainbridge-Insel umgesiedelt, wenig später zur Holderness-Landspitze an der Westseite der Eliot-Bucht.

Wo einst die Jagd- und Fischgründe der Indianer waren, stehen heute Stahlwerke, Maschinenfabriken, Werften und viele andere Großbetriebe, darunter die ausgedehnten Anlagen der Boeing-Werke, die Flugzeuge und Raketen herstellen. Seattle, die nach dem Häuptling benannte Stadt im Staate Washington, ist ein wichtiger Handelsmittelpunkt …

http://www.humanistische-aktion.de/seattle.htm

Quelle: https://h0rusfalke.wordpress.com/2012/11/27/rede-von-hauptling-seattle-1855/

Danke an Marion

Gruß an die Erkennenden

TA KI

WIR SIND DIE ERDE


ier wieder ein Artikel von Vandana Shiva, die einen unermüdlichen Kampf für das Leben führt. Aber gleichzeitig möchte ich noch eure Aufmerksamkeit auf den Artikel auf   ‚Gegenmeinung‘ vom gestrigen Tag lenken: Wichtige Vereinbarung zwischen Syrien und Russland. Das ist ein Meilenstein internationaler Solidarität.

Lebendige Erde

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WIR SIND DIE ERDE

Vandana Shiva
27. Mai 2014

‚Kreative Arbeit als Begleiter des Erdbodens und Mit-Schöpfer eines lebenden Bodens ist kein „Input“ in das Nahrungssystem, sondern der bedeutendste Output einer guten Landwirtschaft‘, schreibt Shiva.
(Public Domain)
The Asian Age

Wir sind aus denselben fünf Elementen  – Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum – gemacht, die das Universum bilden. Wir sind die Erde. Wir sind der Boden. Was wir für den Boden tun, das tun wir für uns selbst. Und es ist kein Zufall, dass die Wörter „Humus“ und „Human“ (im Englischen Mensch) dieselbe Wurzel haben.
Diese ökologische Wahrheit ist in dem herrschenden Paradigma vergessen worden, weil es auf Öko-Apartheid basiert, der falschen Idee, dass wir von der Erde getrennt und unabhängig sind, und auch, weil es Erde als tote Materie definiert. Wenn Erde tatsächlich tot ist, dann kann menschliche Tätigkeit ihr Leben nicht zerstören. Sie kann nur die Erde „verbessern“ mit chemischem Düngemitteln. Und wenn wir die Herren und Eroberer der Erde sind, bestinmen wir das Schicksal der Erde. Dann kann Erde nicht unser Schicksal bestimmen.

Die Geschiche jedoch ist Zeuge der Tatsache, dass das Schicksal der Gesellschaften und Zivilisationen sehr eng damit verbunden ist, wie wir den Boden behandeln – ob wir  mit dem Boden durch das Gesetz des Zurückgebens oder durch das Gesetz der Ausbeutung und Extraktion verbunden sind.

Das Gesetz der Rückgabe – des Zurückgebens – hat sichergestellt, dass Gesellschaften fruchtbaren Boden schaffen und erhalten und über Jahrtausende von lebender Erde ernährt werden können. Das Gesetz der Ausbeutung – des Nehmens ohne Geben – hat zum Kollaps der Zivilisationen geführt.

Zeitgenössische Gesellschaften in der ganzen Welt stehen am Rande des Kollaps, da die Böden erodiert, verschlechtert, vergiftet, unter Beton begraben und des Lebens beraubt worden sind. Die industrielle Landwirtschaft, die auf einem mechanistischen Muster beruht und der Verwendung von fossilen Brennstoffen hat eine Ignoranz und Blindheit gegenüber dem lebendigen Prozess, der einen lebenden Boden schafft, hervorgerufen. Statt sich auf das Erde-Nahrungs-Netz zu konzentrieren, war man auf externe Inputs von chemischen Düngemitteln versessen – was Sir Albert Howard die NPK-Mentalität nannte. Biologie und Leben sind mit Chemie ersetzt worden.

Externe Inputs und Mechanisierung sind zwingend für die Monokulturen. Indem der Boden dem Wind, der Sonne und dem Regen ausgesetzt wird, setzen die Monokulturen ihrerseits die Erde der Erosion durch Wind und Wasser aus. Erde geht 10 bis 40 mal schneller verloren als die Rate, mit der sie natürlich wieder aufgefrischt werden kann. Dies bedeutet 30 Prozent weniger Nahrung in den nächsten 20 bis 50 Jahren. Die Bodenerosion spült die Bodennährstoffe hinweg. Eine Tonne Erdkrume entspricht im Schnitt 1-6 kg Nitrogen, 1-3 kg Phosphor, 2-30 kg Kalium, während erodiertes Land nur 0.1 – 0.5 % Nitrogen aufweist. Die Kosten dieses Nährstoffverlusts betragen 20 Milliarden jährlich.

Fruchtbare Böden enthalten 100 Tonnen organisches Material auf 1 Hektar. Die Reduktion von organischem Material im Boden durch 1.4 bis 0.9 % verringert das Ertragspotential um 50 %. Chemische Monokulturen machen den Boden auch anfällig für Trockenheit und tragen zur Nahrungsunsicherheit bei.

Außerdem absorbieren erodierte Böden und Böden ohne organisches Material 10 – 300 mm Regenwasser per Hektar im Jahr. Das bedeutet 7 – 44 % Verminderung des Wassers für die Nahrungsproduktion, was zur Verminderung der Produktivität um 10-25 % beiträgt.

Keine Technologie kann behaupten, die Welt ernähren zu können, indem sie das Leben im Boden zerstört und ihn nicht auf der Basis des Gesetzes der Rückgabe ernährt. Daher ist die Behauptung, dass die Grüne Revolution oder das genetische Engineering die Welt ernähren könne, falsch.

Diese Technologien erfordern zwangsläufig Monokulturen mit chemischen Inputs, ein Rezept zur Tötung des Lebens in der Erde und zur Beschleunigung der Bodenerosion und Degradierung. Degradierte und tote Böden, Böden ohne organisches Material, Böden ohne Bodenorganismen, Boden ohne Wasserrückhalt-Kapazität schaffen Hungersnöte und eine Nahrungskrise; sie schaffen keine Nahrungs-Sicherheit.

Dies trifft insbesondere in Zeiten des Klimawandels zu. Nicht nur, dass die industrielle Landwirtschaft für 40 % der Treibhausgase verantwortlich ist, sondern sie ist ihm auch stärker ausgeliefert.

Böden mit organischem Material sind widerstandsfähiger gegen Trockenheit und Klimaextreme. Und Vermehrung von organischem Material durch intensive Systeme der Biovielfalt, die in Wirklichkeit intensive Systeme der Photosynthese sind, sind die effektivste Methode, das Kohlendioxyd aus der Atmosphäre zu bekommen und in die Pflanzen und dann in die Böden durch das Gesetz der Rückerstattung.

Im Boden, nicht im Öl liegt die Zukunft der Menschheit. Die Erdöl-basierte, fossile Treibstoff intensive industrielle Landwirtschaft hat drei Prozesse freigesetzt, die den Boden töten und dadurch unsere Zukunft beeinflussen.

Erstens zerstört die Agroindustrie lebende Böden durch Monokulturen und Chemikalien. Zweitens intensiviert das ölbasierte Muster den Input von fossilen Brennstoffen und schafft ein falsches Maß von Produktivität, das ein unproduktives System als produktiv darstellt.

Der Trick liegt in der Reduzierung der kreativen produktiven Arbeit auf „Lohnarbeit“ als Ware sowie die Menschen und die Arbeit als „Input“ anzusehen, aber fossilen Brennstoff nicht als Input zu betrachten. Intensive Brennstoffnutzung entspricht mehr als 300 „Energie-Sklaven“, die unsichtbar hinter jedem Arbeiter auf intensiven industriellen Farmen stehen.

Menschen als Input bedeutet, je weniger Leute auf dem Land, desto „produktiver“ wird die Landwirtschaft. Bauern werden zerstört, ländliche Ökonomie werden zerstört, das Land wird geleert und mit Giftstoffen gefüllt. Die kreative Arbeit der Bauern als Hüter und Erneuerer des Bodens und der Biovielfalt werden ersetzt durch tödliche Chemikalien.

Kreative Arbeit als Begleiter des Erdbodens und Mit-Schöpfer eines lebenden Bodens ist kein „Input“ in das Nahrungssystem, sondern der bedeutendste Output einer guten Landwirtschaft. Sie kann nicht auf „Lohnarbeit“ als Ware reduziert werden. Land ist ebensowenig eine Ware. Lebendingen Boden schaffen, bewahren, verjüngen in einen fruchtbaren und lebenden Boden ist das wichtigste Ziel der Zivilisation. Es ist regenerativer Output.

Drittens überfluten vertriebene Bauern die Städte. Das ist kein natürliches oder unvermeidbares Phänomen. Es ist Teil des eigentlichen Kerns der Agroindustrie. Die Explosion der Städte begräbt den fruchtbaren Boden unter Zement. In jeder Minute wird das Äquivalent von 30 Fußballplätzen von Zement und Beton verschlungen.

Die Save our Soils (SOS) Bewegung, zu deren Förderern ich gehöre, ist von vielen Organisationen gegründet worden, darunter die FAO, IFOAM, Nature and More, um die Menschheit über den Bodennotstand zu wecken, was ein Notstand der Menschheit ist.

Wir müssen menschlichen Fortschritt nicht auf Basis von unter Zement begrabenem Boden messen, sondern wieviel Boden zurückgewonnen und befreit worden ist. Das ist es, was „saugandh mujhe is mitti ki“ bedeuten sollte. Lebendes Saatgut und lebende Böden sind die Grundlage des Lebens und dauerhafter Gesellschaften.

Quelle: http://einarschlereth.blogspot.de/2014/05/wir-sind-die-erde.html

Gruß an das Leben

TA KI