Seidhr und Völva


Kurt Oertel

Der Begriff Seidhr und die damit vorgeblich zusammenhängenden Techniken erfreuen sich im modernen Ásatrú zunehmender Beliebtheit. Allerdings scheint der Begriff anders aufgefasst zu werden, als die originalen Quellen ihn meinen. Dieses Problem versucht der folgende Artikel von Kurt Oertel aus quellenkundlicher Sicht zu lösen.

Der Begriff Seidhr (oder richtig: seiðr) und die damit angeblich zusammenhängenden Techniken erfreuen sich im modernen Ásatrú zunehmender Faszination und Beliebtheit, wobei der Begriff heute aber ganz anders verstanden zu werden scheint, als es die Quellenlage hergibt. Es scheint da einige Missverständnisse zu geben, die ich hier einmal richtigstellen möchte. Natürlich kann man den Begriff heute neu definieren und mit neuen Inhalten füllen. Man muss sich dann aber auch darüber klar sein, dass es sich um eine gänzliche Neudefinition handelt, die nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Begriff zu tun hat und das auch immer deutlich machen, um Missverständnisse bei Quellenkundlern zu vermeiden.

Es hat sich offenbar die Meinung herausgebildet, Seidhr sei eine spezielle Form magischer Praxis, die irgendwie „schamanisch“ geprägt sei, darüber hinaus etwas speziell weibliches an sich habe und ganz eng mit der Praxis der Seherinnen (Völven oder Völvas) zusammenhänge. Das wird dann oft von anderen Praktiken abgegrenzt, wie z.B. der Runenmagie oder dem „Galdr“ (wörtlich: Zaubergesang), die eher in „ritualmagischer“ Richtung aufgefasst werden, wo es also auf Beherrschung genauer Formeln oder strenger Ritualvorgaben ankäme, während Seidhr eher „aus dem Bauch“ heraus funktioniere und vor allem mit Geistreisen und veränderten Bewusstseinszuständen zu tun habe.

Diese Meinung ist schlicht und einfach falsch. Das Wort „seiðr“ ist im Altnordischen ganz eindeutig der völlig umfassende Oberbegriff für Magie insgesamt und fasst genau all jene (oft sehr unterschiedlichen) Praktiken zusammen, die wir auch heute unter dem Begriff „Magie“ verstehen. Es bezeichnet keine spezielle magische Unterabteilung, Sonderdisziplin oder Einzeltechnik. An dieser umfassenden Bedeutung des Wortes gibt es keinen Zweifel und darüber herrscht auch sprachwissenschaftlich völlige Einigkeit.

Gerade die schamanischen Techniken der vielfach bezeugten Seherinnen werden in den Quellen aber durchweg mit dem ganz anderen Begriff „spá“ bezeichnet, der als in scharfem Gegensatz zu „seiðr“ stehend erscheint.

Die Frage, wie es zu diesem populären Missverständnis kommen konnte, scheint dabei relativ einfach beantwortbar zu sein. Sie beruht vor allem auf der immer wieder zitierten Stelle von Snorri aus der Ynglinga Saga, Kap. 7, in der er seiner Meinung über Magie Ausdruck gibt:

„Odin praktizierte und beherrschte die Kunst, die am mächtigsten ist, und Magie („seiðr“) genannt wird, und dadurch kannte er das Schicksal der Menschen und die Gefahren der Zukunft und ebenso, wie man einem Menschen den Tod oder Unglück oder eine Krankheit bringt und wie man die Menschen um Kraft und Verstand bringt und sie jemand anderem gibt. Aber mit dieser Weisheit war so große Schande verbunden, dass die Männer meinten, sie könnten sie nicht ohne Schande ausüben und darum brachte man diese Kunst den Priesterinnen bei.“

In Kap. 4 erwähnt er weiterhin, dass es Freyja gewesen sei, die als Lehrerin der Magie diese erst zu den Asen gebracht hätte. Hier haben wir also in beiden Aussagen einen weiblichen Bezug, der ein weiterer Grund für das Missverständnis gewesen sein dürfte. Bereits aus Snorris Zitat geht aber hervor, dass hier eine große Palette von Magie gemeint ist, die hier (und das ist sehr bezeichnend) auch noch ausschließlich als Schadenszauber verstanden wird, nicht aber auf irgendwelche speziellen Techniken zu reduzieren ist. Wenn es überhaupt stimmt, dass Magie unter Männern verachtet war, dann aus dem Grund, weil der Einsatz von Magie als „Waffe“ gegen Menschen – und vor allem eben als Schadenszauber – ganz klar dem germanischen Ideal der Kriegerehre widersprochen hat, nicht aber etwa deshalb, weil sie mit irgendwelchen speziell weiblichen Mysterien verbunden gewesen wäre, wie es heute manchmal gerne hineingelesen zu werden scheint.

Wer die Ynglinga Saga kennt, wird sich angesichts all der dort von Snorri erzählten Seltsamkeiten sowieso wundern. Die ganze mythische Vorgeschichte ist hier eine solch krause Mischung aus mythologischer Überlieferung (die allerdings einige interessante Details enthält), vielleicht nicht richtig Verstandenem und von Snorri Zusammengeführtem, dass es kaum glaubhaft scheint, dass derselbe Autor auch Gylfaginning verfasst haben soll, wo inhaltlich krass Gegensätzliches behauptet wird. Hier werden die nordischen Götter nämlich als frühe menschliche Könige Schwedens geschildert, die sich mit List und Magie einen solchen Ruf erarbeitet hätten, dass sie als Götter verehrt worden seien. Natürlich könnte man argumentieren, dass Snorri hier rein schwedische Traditionen wiedergibt, die in dem Fall aber ganz erheblich von norwegisch-isländischen Mythen abgewichen sein müssten (was allerdings plausibel sein könnte). Als „Quelle“ ist den Angaben deshalb mit einigem Misstrauen zu begegnen, und zudem macht gerade das obige Zitat (erst recht im Zusammenhang) seine christliche Ablehnung dieser Praktiken klar. Unklar bleibt auch, wer „die Priesterinnen“ sein sollen, für die es in der Form keinen einzigen anderen Beleg gibt. Natürlich gab es Gyðjas, also weibliche Goden, aber es gibt keine einzige Stelle, in der Goden oder Gyðjas mit Seidhr oder Völventum in Verbindung gebracht werden. Vor allem steht die Angabe, dass die Fähigkeit der Zukunftsschau und Weissagung (Spá) ebenfalls dem Bereich der Magie (Seidhr) zuzurechnen sei, im Widerspruch zur Gesamtheit der übrigen Quellenlage. Leider findet sich nun auch in Simeks (sonst sehr empfehlenswertem) „Lexikon der germanischen Mythologie“ unter dem Eintrag „Seherinnen“ der folgenschwere Satz:

„Die in den Sagas beschriebenen Praktiken der Seherinnen werden als Seiðr „Zauber“ bezeichnet und unterscheiden sich nur unwesentlich von solchen des andernorts erwähnten Schadenszaubers“. (S. 347 der 1. Aufl.)

Diese Behauptung ist eine wörtliche Übernahme der oben zitierten Meinung Snorris, und sie ist mehr als problematisch. Wenn man sich nämlich einmal die Mühe macht, alle Stellen genau im Original zu prüfen, in denen von Seherinnen (Völven und „spákonur“) und Zauberinnen/Hexen (seiðkonur) die Rede ist, gerät diese Behauptung erheblich ins Wanken. Dazu später mehr. Zunächst weiter zum Thema Seidhr (Hexerei, Zauberei):

Gerade die Quellen machen klar, dass Seidhr keine rein weibliche Domäne gewesen sein dürfte, denn das Wort „seiðmaðr“ (Zaubermann, also Zauberer oder Magier) ist genauso belegt wie das weibliche „seiðkona“ (Zauberfrau). Richtig aber ist, dass sich der Begriff tatsächlich durchweg auf ausschließlich schadenszauberische Tätigkeiten beschränkt, die sich als psychischer Zwang auf andere Menschen äußert, der zu geistiger Verwirrung und sogar Tod führen kann. Wenn es dagegen z.B. um Beruhigung eines Unwetters, Schutz für einen Krieger oder ähnlich Positives ging, findet sich häufiger der Begriff „galdr“. Die Frage, ob es nun seinerseits eine solche strenge Trennung zwischen Seidhr und Galdr den damaligen Realitäten entsprach, sollte man zwar nicht zu voreilig heutigen Theoretisierungsversuchen unterwerfen, dennoch werden in den Quellen Seidhr-Leute fast durchgängig als boshaft und verabscheuungswürdig dargestellt. Nie wird der Begriff für Heilzauber oder andere positive Techniken benutzt. Als einzige Ausnahme könnte der Fall der Þuríðr sundafyllir stehen, die ihren Beinamen „Sundfüllerin“ deshalb trug, weil sie in Zeiten des Hungers Seidhr anwandte, so dass eine Meerenge im Hálogaland von Fischen nur so wimmelte. Aber auch hier finden wir das in anderen Belegen nachweisbare Muster psychischer Manipulation (auch wenn es hier nicht auf Menschen angewandt wird).

Natürlich liegt die Vermutung nahe, dass die negative Darstellung von Seidhr bereits einen christlichen Einfluss widerspiegeln könnte. Aber Snorris spätere Einschätzung und Ablehnung finden sich auch schon in heidnischen Quellen, so in Völuspá 22, wo von der Zauberin Heiðr gesagt wird: „Sie praktizierte Seidhr, wo immer sie konnte, praktizierte Seidhr und verstörte die Sinne. Stets war sie die Wonne übler Weiber.“ Auch hier also wieder das Merkmal psychischer Manipulation als Merkmal von Seidhr und die eindeutige Aussage, dass der Dichter der Völuspá Seidhr offenbar als negativ und sogar verabscheuungswürdig empfand. Da die Entstehung des Gedichtes auf ca. 1000 n.d.Z. geschätzt wird und der Dichter hier alles Heidnische positiv darstellt, darf man daraus durchaus ableiten, dass sein Verständnis des Begriffes dem in der heidnischen Gesellschaft entsprochen haben dürfte. In dem Preislied Sigurðardrápa des Skalden Kormákr Ögmundarson (ca. 960 n.d.Z.) wird erwähnt, dass „seið Yggr til Rindar“ (Yggr Seidhr gegen Rindr anwandte). Da wir wissen, dass Yggr (Odin) Rindr in einen vorübergehenden Wahnsinn trieb, um sie zu vergewaltigen und Vali zu zeugen, dürfte auch diese Erwähnung nicht unbedingt als leuchtendes Vorbild gemeint sein. Beide Belege sprechen also gegen die Meinung, Seidhr sei eine in heidnischem Kontext positive Bezeichnung gewesen, die erst in den späteren Sagas durch christlichen Einfluss in Verruf geriet.

Die Stellung dieser Seidhr-Kundigen in der Gesellschaft dürfte dabei genauso ambivalent gewesen sein, wie zu allen Zeiten und in vielen Kulturen: Man bediente sich ihrer gerne, wenn man sie brauchte oder sie einem nützlich sein konnten. Andererseits waren sie auf Grund ihres Rufes auch gefürchtet und dadurch auch die naheliegendsten Sündenböcke, wenn einem das Vieh wegstarb, und sie wurden bei entsprechendem Verdacht genauso verfolgt und getötet (vorzugsweise verbrannt), wie die angeblichen Hexen der Neuzeit (nur das zutiefst christliche Mittelalter war weitgehend frei von „Hexenverfolgungen“). Dennoch ist das Gesamtbild eindeutig: Seidhr war nicht Teil irgendeiner religiösen Praxis, sondern zauberisches und im allgemeinen böswilliges Treiben gesellschaftlicher Außenseiter.

Bevor wir uns jetzt dem Thema „Völventum“ zuwenden, muss noch einmal deutlich gemacht werden, dass die „Quellen“ (die auch ich bisher so bezeichnet habe) zum Thema Seidhr und Völventum diesen Ausdruck eigentlich nicht verdienen, denn die spärlichen Hinweise finden sich fast ausschließlich in den Sagas. Das soll nicht heißen, dass die gänzlich ohne Quellenwert sind, aber man darf nie vergessen, dass es sich dabei eben nicht um historische Aufzeichnungen, sondern um „Romane“, um pure Unterhaltungsliteratur im besten heutigen Sinne handelt. So wertvoll und verlässlich sie in der Beschreibung gesellschaftlicher Zustände und Gegebenheiten auch sein mögen, so sind das Thema „heidnische Religionsausübung“ und erst recht die Details zu den uns hier interessierenden Themen stets hoch verdächtig, in vielen Einzelheiten der Fabulierlust der Dichter zu entspringen. Denn die Sagas sind ja erst sehr spät entstanden, als heidnische Praxis nur noch eine ferne Erinnerung war. Aber auch da muss man natürlich nach Einzelfall differenzieren.

Die glaubhaft klingenden Berichte sind an Zahl und Umfang leider sehr dünn. Die ausführlichste Quelle ist der Auftritt einer Völva namens Thorbjörg in der grönländischen Saga von Erich dem Roten (Eiríks saga rauða, Kap. 4), die ihrer Wichtigkeit wegen hier im Wortlaut vorgestellt werden soll. Die nachfolgende Übersetzung von Thomas Grothe wurde von mir noch einmal genau mit dem Originaltext verglichen und die entscheidenden Begriffe in Klammern im Original aufgeführt:

„Zu dieser Zeit herrschte eine große Hungersnot auf Grönland; die Männer, die zur Jagd und auf Fischfang gegangen waren, hatten wenig Beute gemacht, einige kamen sogar gar nicht zurück. Die Frau war dort in der Gegend, die Þorbjörg hieß; sie war eine Seherin [spákona] und wurde kleine Seherin [lítil-völva] genannt. Sie hatte neun Schwestern gehabt, die allesamt auch Seherinnen [spákonur] waren, aber nur sie allein lebte noch. Im Winter war es Þorbjörgs Gewohnheit, sich zu Festgelagen zu begeben, zu denen sie von den Menschen eingeladen wurde, die neugierig darauf waren, wie ihre Versorgung oder die Ernte sein würden. Und weil Þorkell der größte Bauer war, dachte man, man könne an ihm erkennen, wann diese Missernte, die andauerte, aufhören würde. Þorkell lud die Zauberin zu sich ein. Sie wird dort gut empfangen, wie es Gewohnheit war, wie eine Frau empfangen werden sollte. Für sie war ein Hochsitz errichtet worden, auf dem sich ein Kissen befand, das mit Hühnerdaunen gefüttert werden sollte. Und als sie und der Mann, der ihr entgegen geschickt worden war, am Abend eintrafen, war sie dergestalt gekleidet, dass sie einen blauen Mantel trug, der bis zum Rockschoß zur Gänze mit Steinen gesäumt war; sie trug Glasperlen am Hals und auf dem Kopf eine schwarze Lammfellhaube, die innen mit weißem Katzenfell gefüttert war; auch hatte sie einen Stab, auf dem sich ein Knauf befand. Er war aus Messing gemacht und auf dem Knauf befand sich ein Stein. Sie trug einen Zundergürtel, an dem eine große Ledertasche befestigt war, in der sie ihre Zaubergegenstände [töfr] aufbewahrte, die sie zur Zauberei [fróðleiks] benötigte. Sie trug zottelige Kalbfellschuhe mit langen Schnürriemen, an deren Enden sich große Zinnknöpfe befanden. An den Händen trug sie Handschuhe aus Katzenfell, die innen weiß waren. Und als sie eintrat, dachten alle Menschen, sie sollten ihr angemessene Begrüßungen gewähren. Sie nahm diese entgegen, je nachdem wie die Männer ihr nach dem Sinn waren. Der Bauer Þorkell nahm sie bei der Hand und führte sie zu dem Sitz, der ihretwegen errichtet worden war. Þorkell bat sie, einen Blick auf Leute und Vieh zu werfen und ebenso auf die Wohnstätte. Sie sagte wenig über alles. Am Abend wurde Tische aufgestellt, und es ist davon zu berichten, was für die Seherin zubereitet wurde: ihr wurden Ziegenmilchgrütze und Herzen von allen Tiere kredenzt, die dort vorhanden waren. Sie hatte einen Messinglöffel und ein Messer mit einem Griff aus Walrosszahn, eingefasst mit zwei Kupferringen und an der Spitze abgebrochen. Und als die Tische abgeräumt worden waren, trat der Bauer Þorkell vor Þorbjörg und fragt, wie angenehm ihr die Wohnstätten oder die Art und Weise der Männer erschienen, und wie schnell er Gewissheit darüber bekommen würde, wonach er sie gefragt hat und wonach es den Männern am meisten zu wissen verlangt. Sie sagte, sie werde es nicht vor dem Morgen kundtun, nachdem sie zuerst eine Nacht geschlafen hat. Und Tags darauf, am Ende des Tages, wurde ihr diese Vorbereitung erwiesen, derer sie bedurfte, um ihre Zauberei auszuüben [fremja seiðr]. Sie bat auch darum, solche Frauen herbeizuholen, die das Gedicht beherrschen, das Varðlokur heißt, und das für den Zauber [seiðsins] nötig war. Aber es fand sich keine einzige Frau. Dann wurde die Suche auf das ganze Gehöft ausgedehnt. Da sagt Guðríðr: ‚Ich bin weder zauberkundig [fjölkunnig] noch eine Seherin [vísindakona], aber doch lehrte mich Halldís, meine Ziehmutter, auf Island das Gedicht, das sie Varðlokur nannte. Þorkell sagt: “Dann besitzt du hilfreiches Wissen.‘ Sie sagt: ‚Es verhält sich aber so, dass ich nicht vorhabe, Beistand zu gewähren, da ich eine Christin bin.‘ Þorbjörg sagt: ‚Es ist doch möglich, dass du den Menschen hier helfen könntest und dadurch keine schlechtere Frau als zuvor würdest; und Þorkell gegenüber werde ich abwägen, die Unterstützung zu erhalten, die ich brauche.‘ Þorkell bedrängt nun Guðríðr solange, bis sie sich dazu bereiterklärt, das zu tun, was er wollte. Dann zogen Frauen einen Kreis um den Hochsitz, auf dem Þorbjörg saß. Guðríðr sagte dann das Gedicht so schön und gut auf, dass alle dachten, das Gedicht noch nie mit schönerer Stimme gehört zu haben, als jener hier. Die Spá-Frau dankte ihr für das Gedicht und sagte, viele Geister, ‚die uns vorher meiden und keine Untertänigkeit erweisen wollten‘, haben sie nun aufgesucht und ihnen schien es schön zu hören, dass das Gedicht so ausgezeichnet vorgetragen worden war.‘ Aber nun sind mir viele Angelegenheiten offensichtlich, die mir und manchen anderen zuvor verborgen waren. Und ich kann dir, Þorkell, sagen, dass diese Missernte nicht länger als den Winter über dauern und sich der Ertrag im Frühjahr verbessern wird.'“

Auch hier hat man Skepsis bei Details angemeldet und Fabulierlust des Dichters vermutet, aber dafür gibt es kaum plausible Argumente. Nichts an dem Bericht wirkt grell, übertrieben oder gar phantastisch, sondern er ist von nüchterner Genauigkeit und verzeichnet sogar solche Nebensächlichkeiten wie die abgebrochene Spitze ihres Messers. Weitere vernünftig klingende Berichte (wie z.B. in der Vatnsdœla saga) können in Details zwar nicht mit dem Auftritt der Thorbjörg mithalten, bestätigen ihn aber in Details.

Nun taucht allerdings auch in der Thorbjörg-Episode der Begriff „fremja seiðr“ (Seidhr betreiben) auf, was die Argumentation dieses Artikels angreifbar erscheinen lassen mag. Das sagt zunächst aber einmal nicht mehr aus, als dass bei Spá auch der zusätzliche Einsatz von Seidhr möglich war. Und in diesem Sinne hat auch Kveldulf Gundarsson das so zu erklären versucht, dass der Begriff hier gezielt deshalb gebraucht wird, weil Thorbjörg ein spezielles Gedicht benötigt, um externe Geistwesen zu befriedigen, die sich versammelt hatten, um Thorbjörg Wissen zu vermitteln, was er als speziellen Sonderfall einschätzt.

Ich neige zu einer anderen Erklärung: Der Kontakt zu Hilfsgeistern, der ja kennzeichnend für schamanische Trancetechniken ist, dürfte im Gegenteil gerade für Spá kennzeichnend gewesen sein, wohingegen Seidhr als Magie/Zauberei auf ganz anderen Techniken beruhte. Die germanische Magie funktionierte anders, als die orientalische, die so großen Einfluss auf das neuere magische Weltbild Europas genommen hat und Pate bei dem ritualmagischen Magieverständnis stand, das so typisch für die okkult-hermetischen Strömungen des 18. und 19. Jahrhunderts war und wie es praktisch als Konzentrat von einer Figur wie Crowley verkörpert wird. Während letztere häufig Geister, Dämonen oder andere übernatürliche Wesenheiten in den Dienst des Magiers zu zwingen versucht, geht die alte europäische Magie von einer Automatik der Kräfte aus, die die Welt bewegen. Hier ging es um rein handwerkliche Praktiken, mit denen die unsichtbaren Mechanismen beeinflusst werden sollten. Götter oder andere Wesenheiten spielten dabei keine Rolle, diese Magie basierte viel mehr auf quasi naturgesetzlicher Empirik. Sie war äußerst pragmatisch ausgerichtet, hatte also ausschließlich das Resultat vor Augen. Heutige Ansichten von Magie als Weg zu persönlicher Weiterentwicklung oder Welterkenntnis mögen ja gerne ihre Berechtigung haben, mit der germanischen Auffassung von Magie/Seidhr aber haben sie nichts zu tun.

Wenn Thorbjörgs Spá also mit Seidhr in Erwähnung gebracht wird (und das nur in einem einzigen beiläufigen Nebensatz), wird das möglicherweise überschätzt. Zwar sollte man das heute nicht besser wissen wollen, als damalige Zeitgenossen, dennoch sollte man bedenken, dass die grönländische Kolonie damals schon lange christianisiert war und der Bericht darüber noch viel später niedergeschrieben wurde.

Insgesamt lassen die Quellen nämlich vielmehr nur den Schluss zu, dass entgegen Snorris (und Simeks) oben zitierter Behauptung Spá und Völventum gerade eben nichts mit Magie und Zauberei (also Seidhr) zu tun hatten. Im Gegenteil. Die beiden Bereiche scheinen sich sogar gegenseitig ausgeschlossen zu haben. Die nun folgenden Indizien dafür springen in den Quellen geradezu ins Auge.

Alle auftretenden Seherinnen werden entweder als Völva (wörtlich: Stabträgerin) oder aber als spákona (Seherin) bezeichnet, nie aber als seiðkona (also Zauberin). An keiner ernst zu nehmenden Stelle macht eine Völva irgendetwas anderes, als in die Zukunft zu sehen. Nirgendwo wird erwähnt, dass sie weitere Fähigkeiten besitzt, die etwas mit Seidhr zu tun hätten. Umgekehrt üben Personen, die als Seidhr Ausübende geschildert werden, nie die Funktion einer Seherin oder eines Sehers aus, und es wird auch nie von ihnen gesagt, dass sie die Fähigkeiten dazu hätten. Das wird auch durch die Wortwahl in der Thorbjörg-Episode gestützt. Dort antwortet Guðríðr auf die Frage nach Kenntnis des Gedichtes ja bezeichnenderweise, dass sie selbst „WEDER zauberkundig, NOCH eine Seherin sei“, woraus ebenfalls klar wird, dass Seidhr (also Zauberei und Magie) und Spá (Völventum) zwei völlig unterschiedliche Bereiche waren, die sich gegenseitig ausschlossen. Dieses Gesamtbild ist sehr eindeutig, auch wenn es in den sehr späten Sagas aus dem 14. Jahrhundert zwei einzelne „Ausrutscher“ gibt (Örvar-Odds saga and Hrólfs saga kraka), wo gesagt wird, eine Frau sei „Völva UND Seiðkona“. Aber bezeichnenderweise wird ja selbst hier noch genau unterschieden. Wäre die Bedeutung beider Begriffe deckungsgleich (wie es sich heute eingebürgert hat), wäre die getrennte Bezeichnung hier ja gar nicht nötig. Zudem sind es nur diese späteren und zu fantastischer Ausschmückung neigenden Sagas, die Seherinnen zusätzlich als „seiðkonur“ bezeichnen, so dass wir hier eine nachheidnische Übergangsstufe erkennen, die als Endpunkt in jene grelle Verzerrung mündete, wie sie das folgende Zitat aus der Thidreks Saga darstellt:

„Hierauf sammelte sich um König Hertnit ein großes Heer. Und seine Frau Ostacia ging hinaus und rief ihre Götter an, das heißt, sie ging hin zu beschwören, so wie es in der Vorzeit geschah, dass zauberkundige Frauen, die wir Völven nennen, zu beschwören pflegten. Und so weit trieb sie es in der Zauberkunst und Beschwörung, dass sie allerlei Tiere, Löwen, Bären und große fliegende Drachen beschwor. Die zähmte sie alle, bis dass sie ihr gehorchten und sie gegen ihre Feinde hetzen mochte. Und es wird gesagt […], dass ihr Heer dem bösen Feinde selber gleich war und sie selber erschien wie ein fliegender Drache.“

Hier haben wir also die für christliche Zeit typische Dämonisierung, wo die Seherin alter Zeiten mit der Hexe und Zauberin zu einer literarischen Standardfigur zusammengeflossen war, die offenbar mit dem Teufel verbündet ist und als Allround-Magierin daherkommt. Leider sind auch Snorris Erwähnungen in seinen pseudo-historischen Werken von dieser Sorte, wie sein obiges Zitat schon befürchten ließ, das von Unverständnis und christlicher Ablehnung geprägt ist. Und leider haben auch heutige „Hexen“ dieses rein christliche und undifferenzierte Bild übernommen und es lediglich mit positivem Selbstverständnis versehen.

Aus den Quellen geht ebenfalls hervor, dass Seherinnen im Gegensatz zu Seidhr-Leuten geachtete Mitglieder der Gemeinschaft waren und ihre Tätigkeit als „ehrbares Handwerk“ eben im Dienst und zum Nutzen dieser Gemeinschaft betrachtet wurde. Dieser Eindruck aus der Thorbjörg-Episode wird auch aus anderen Quellen deutlich, so in Nornagests þáttr, wo berichtet wird:

„Völven, die man auch als Seherinnen [spákonur] bezeichnete, zogen durch das Land und sagten die Schicksale [ørlög] der Menschen voraus, weshalb viele Männer sie auf ihre Gehöfte einluden, Feste für sie ausrichteten und sie zum Abschied reich beschenkten.“ (Flateyjarbók I, Ólafs saga Tryggvasonar).

In mythologischen Belegen steht das Wissen um die Zukunft mit Frigg und Gefion in Verbindung (Lokasenna, Gylfaginning), von denen gesagt wird, sie würden alle Schicksale kennen, die aber gerade keine Verbindung zu hexerischen Seidhr-Künsten à la Freyja aufweisen. Und wenn mythologische Details als weitere Indizien dienen dürfen, sollte man beachten, dass der Seidhr-kundige Odin entgegen Snorris Behauptung gerade nicht mit der Spá-Kunst in Zusammenhang gebracht wurde. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass er in der Unterwelt eine Seherin aufwecken musste, um Details über Baldrs Schicksal zu erfahren und dass er auch in Völuspá der Dienste einer Völva bedarf. Auch die darüber hinaus in der Edda auftretenden Seherinnen (Baldrs Träume, Hyndlalied) haben keinerlei Bezug zur Magie, der Begriff „Seiðr“ wird in Verbindung mit ihnen sorgfältig vermieden (mit Ausnahme der undurchsichtigen Heiðr in Völ. 22). Sie sehen in die Zukunft, sonst nichts.

Ganz im Gegensatz dazu steht die Beschreibung der Seidhr-Kundigen, die argwöhnisch als gesellschaftliche Außenseiter betrachtet wurden und deren Tätigkeit durchweg als Schadenszauberei dargestellt wird, die teilweise auch noch egoistischen Zielen diente. Trotz der besagten wenigen „Ausrutscher“ aus schon christlicher Sagazeit ist das Gesamtbild also eindeutig, dass es auch schon in heidnischer Zeit einen bedeutsamen Unterschied zwischen der positiv empfundenen Spá-Kunst und der negativ betrachteten Seidhr-Praxis gab. Und es gibt einen weiteren eddischen Beleg, der sehr aussagekräftig ist, und der die strikte Trennung der Bereiche endgültig belegt:

„Alle Seherinnen [völur] stammen von Viðólfr ab, alle Zauberer [vitkar] von Vilmeiðr, und alle Seidhr-Kundigen [seiðberendr] von Svarthöfði“ (Hyndlalied 33).

Hier werden also sogar ganz unterschiedliche Genealogien mit jeweils eigenen Urahnen postuliert, was bei der damaligen Bedeutungsfülle von Abstammungslinien ein deutliches Indiz für das zeitgeschichtliche Verständnis der Unvereinbarkeit (oder zumindest der strikten Trennung) dieser drei Bereiche war, die den Begriffen Spá, Galdr und Seidhr entsprochen haben dürften. Wie die Unterscheidung zwischen Seidhr und Galdr ausgesehen und ob sie lediglich in Schadens- und Gutzauberei oder in weiteren Details gelegen hat, kann und soll hier nicht erörtert werden. Ihre Trennung von Spá aber ist offensichtlich.

Beide Begriffe haben übrigens bis ins heutige Isländische überlebt, und auch heute noch steht „spá“ für Wahrsagung, Prophezeiung und „seiðr“ für Hexerei, Zauberei. Das ist angesichts der häufigen Bedeutungswandel von Begriffsinhalten für sich genommen zwar kein Beweis, im Fall der extrem konservativen isländischen Sprache aber immerhin ein weiteres und gewichtiges Indiz.

Soweit die Quellenlage, die insgesamt sehr eindeutig ist. Natürlich kann man nicht kategorisch ausschließen, dass eine Völva auch in magischen Künsten bewandert war. Genauso wenig kann man ausschließen, dass die Grenze zwischen Völventum, Seidhr und Galdr vielleicht doch nicht so streng war, wie die Quellen diesen Eindruck vermitteln. Aber darum ging es ja ursprünglich auch gar nicht, sondern nur um das heutige Missverständnis, Seidhr sei ein vor allem oder gar ausschließlich mit dem Völventum zusammenhängendes magisches Spezialgebiet, das als Sonderform im Gegensatz zu anderen Formen der Magie stehe. Und das ist so eben in keiner Weise richtig.

Wie eingangs erwähnt, kann man das im deutschsprachigen Ásatrú gerne anders definieren, und das ist ja auch bereits in einem kaum mehr umkehrbaren Maß erfolgt. Das aber beruht vor allem darauf, dass der von Diana L. Paxson neu geschaffene Begriff „oracular seidh“ hierzulande durch geflissentliche Ignoranz des entscheidenden Adjektivs in seiner Bedeutung verfälscht wurde, denn dessen Betonung liegt klar auf dem ersten, nicht auf dem zweiten Wort. Und insofern will sich dieser Artikel auch weder als Haarspalterei noch gar als Polemik gegen heutige Seidhr-Praktizierende verstanden wissen. Man muss sich dabei hierzulande nur im Klaren darüber bleiben, dass ein solches Verständnis in völligem Gegensatz zu den Quellen steht.
Quod erat demonstrandum.

Quelle: http://www.eldaring.de/pages/artikel/seidhr/seidhr-und-voelven.php

Gruß an die Sagen

TA KI

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Wotan


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Geschrieben von: Birka Vibeke
Wotan (altnordisch: Odinn, angelsächsisch: Woden, altsächsisch: Woden, altfränkisch: Wodan) wird heute meist Wotan oder Wodan oder mit dem nordischen Odin bezeichnet. Als die vielschichtigste Göttergestalt gilt er als Hauptgott der Germanen.

 

Wotan (altnordisch: Odinn, angelsächsisch: Woden, altsächsisch: Woden, altfränkisch: Wodan) wird heute meist Wotan oder Wodan oder mit dem nordischen Odin bezeichnet. Als die vielschichtigste Göttergestalt gilt er als Hauptgott der Germanen.
In der germanischen Mythologie gehört er mit seinen beiden Brüdern Vili und Vé (Hönir und Lodur) zu den ersten Göttern überhaupt.
Seine Eltern sind Bur (der „Sohn“ von Buri dem „Erzeuger“) und Bestla (sie ist Riesin und Tochter des Riesen Bölthorn).

Odin ist der Ehemann von Frigg (auch Frija) und ihr gemeinsamer Sohn ist Balder (Baldr oder Baldur). Mit der Göttin Jörd (Erde) hat Odin den Sohn Thor (Donar). Mit der (Riesin) Gridr hat er den Sohn Vidar, welcher nach dem Ragnaröck als Rächer für denVater den Fenriswolf besiegt. Mit der Königstochter Rindr hat er den Sohn Vali, welcher den Tod Balders rächt. Auch Heimdall, Tyr, Brage, Hermod und Hödr sind seine Söhne.

Wichtige Attribute Odins sind sein Speer (Gungnir), sein Ring (Draupnir), die beiden Raben Huginn (Gedanke) und Muninn (Erinnerung), sein achtbeiniges Pferd Sleipnir und seine Wölfe Freki (der Gefräßige) und Geri (der Gierige). Neben seiner Einäugigkeit sind sein Hut und sein (blauer) Mantel für ihn bezeichnend.

Wotan hat eine Unmenge von Namen, weil seine Persönlichkeit so vielerlei Seiten aufweist. Allfodr – Allvater, Atridr – der zum Kampf Vorreitende, Fiolnir – der der viel weiß und viele Gestalten annehmen kann, Göndlir – der Zauberkundige, Hroptatyr – Beschwörer der Mächte, Sigfodr – siegreicher Schlachtvater, Valfodr – Walvater für die Gefallenen; dies sind nur einige dieser Namen, welche uns sein Wesen etwas näherbringen.

Sprachlich leitet sich odr von „wütend, rasend“ ab. Wotan ist Wut! Kurz und treffend wollen wir das als seinen Wesenskern darlegen. Die Wut ist ein Eerregungszustand des menschlichen Inneren, ihr Wesen ein Außersichgeraten, aus sich selbst Heraustreten, Entrückung, Ekstase.

Nicht das er die Wut des Strumes persönlich gemacht hätte (er ist kein „Naturgott“), doch wir werden ihn nie ganz fassen, wenn wir nicht die einsamen nächtlichen Schauer des wutenden Windes, das Ächzen und Schreien in Luft und Wald fernhalten. Die „Wut“ ist das Urerlebnis. Die Wut jagt nicht nur die Seelen der Toten durch die Nacht, sie herrscht auch in der Seele der Lebendigen, sie rührt auf und riß hoch, weit über das Gemeinmenschliche hinaus. Die überirdische Macht, die den gewaltigen Sturmwind draußen entfacht, entfacht ihn auch drinnen, die hohe Erregung erscheint in der Natur wie im Gemüt und befähigt das „Außersichtreten“.

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Hier stehen wir auch schon bei dem Rätsel des Kriegsgottes Wotan. Er ist nicht Totendämon, der mit Leichen zu tun hat. Wäre er nur der Gott der Wal, dann hätte der lebende Krieger ihn zu scheuen, anstatt zu ehren und sich zu ihm zu bekennen. Er ist der, der den kriegerischen Mut in der Brust schwellen läßt. Das Wütende, Berauschte, Besessene des Dreinstürmens und Dreinschlagens der germanischen Krieger kam durch ihn. Sie waren außer sich, rasend. Ihr Mut war Wut. Er ist also der Gott der erhabendsten und wichtigsten Wut, der des Kampfes. Die eines gewaltsamen Endes gestorben sind, gehen Wotan besonders an; Sie kamen ihm aber nicht zu, weil er der Höchste war, sondern weil er in geheimnisvollem Zusammenhang mit ihnen stand, besonders mit den Kriegsgefallenen und den Gehängten.

An die unterweltlichsten Seiten von Wotans Wesen rühren wir, wenn wir hören, daß der Gott mit den Toten Umgang pflegt, sich unter sie setzt und sich Rat von ihnen holt.

 

 

Das führt uns zu einem weiteren wichtigen Wesenszug Wotans, dem Zauberer. Der Germane kannte den erhöhten Zauber des gottbegeisterten Menschen. Er führt ihn keineswegs immer auf Wotan zurück; aber dieser selbst ist Meister und Lehrmeister der Kunst: von dem Sturmwind des Übermschlichen sich durchfahrenzu lassen.Wotan ist Führer des nächtlichen Heeres, man sah und hörte die Seelenjagd im Sturm, in den Lüften. Noch heute ziehen Scharen vermummter und außer sich geratener Menschen mit Lärm und Unfug durch das Land; unter den Verkleidungen spielt die Maske im eigentlichsten Sinn die Hauptrolle.

Die wilde Jagd in den „Zwölften“ ist das Totenheer Wotans. Manche wollen darin eine ganz bestimmte Kultübung, die dem Totenführer und wirklichen Kriegsgott huldigte, sehen. Mit einem Fruchtbarkeitskult läßt sich das Wilde Heer aber nicht erklären.

Die Entrücktheit des Zauberers entfachte die Kampfeswut des Berserkers genauso wie die erhabenste Regung der menschlichen Seele, die Begeisterung eines Künstlers. Die Vorstellung, daß man in dem Schaffen des Dichers eine gotteingegebene hohe Zauberei sah, erhebte unsere Vorfahren zu ungeahnten Geisteshöhen. Diese begründet dann auch, daß das Vermögen, unter Wotans Befeuerung Gedichtete mit Zeichen festzubannen, etwas besonders Hohes und Erhabenes, die Runenschrift eine zauberische Fähigkeit wurde.Wotans Anteil an der Kunst kommt aber nicht von außen, durch seine Geschicklichkeit, sondern von innen; er wirkt auf die Künstlerseele, nicht auf die Künstlerhand. Das wahre Zaubern ist keine Geschicklichkeit, sondern setzt den besonderen magischen Seelenzustand voraus. So hoffte der germanische Zauberer, in Wotans Dienst und Gefolge, zur letzten Höhe der „Wut“ und der Macht emporzusteigen.

Doch diesen Zustand des Außer-sich-seins, der allein befähigt, Wunder zu wirken, mußte sich Wotan mühsam erarbeiten. Er, der keinen Höheren über sich erkennt, hat sich selbst geopfert und leidete die Pein am Mittelpunkt der Welt, am Weltbaum selbst. Er ist erst Herr der Runen geworden durch den Zustand des höchsten Leidens. Erst dem Tode nah, vermag er jenes schöpferische Außersichsein zu erreichen, welches ihn dann zum fimbulthulr, zum obersten aller Magier machte, und ihn befähigte, schreiend, noch voller Qual, die Runen aufzunehmen und sie als das große Zaubermittel zu erkennen und zu nutzen. Diese sind aber nicht nur Zauberzeichen, sondern auch Schrift. Wotan wird damit zum Schöpfer der geistigen Künste.

Auch, daß er sein eines Auge dem Wasser Mimirs preisgab, war ein wichtiges Opfer. Durch einen Schluck aus Mimirs Brunnen ist es ihm möglich geworden Inneres und Äußeres zu verbinden. Nicht nur „Augenscheinliches“ zu sehen, sondern auch die Hintergründe, das Unbewußte mitaufzunehmen. Erst als er auf ein Auge verzichtete, welches für uns das einzige Sinnesorgan zum Sehen ist, wurde ihm ein intuitives Schauen innerer Wirklichkeiten ermöglicht.

Als die Wanen in den Umkreis der Asen treten, vollendet sich die Herrschaft Wotans, als oberster Gott. Es beginnen jedoch auch bestimmte wanische Mythen sich an seine Gestalt zu heften. Er, der furchtbare Totengott, der Vernichter war kein Fruchtbringer, für den das Ende zugleich ein neuer Anfang ist. Bei den Wanen, wo Werden und Vergehen, das Gewesene und das Zukünftige, das Unterirdische und das Lebendige zusammenhängen war in der asischen Denkart nicht nachzuweisen. Die Wanengötter setzten nur Werte um, führten unter die Erde, um Neues zu schaffen, Wotan aber zerstörte auch aus Grausamkeit und riß Leben aus dem großen Vorgang des Wachstums und Lebens endgültig heraus.

Die Übernahme wanischer Verehrungsformen auf Wotan wurde natürlich dadurch erleichtert, daß er Totengott war. Neben den eben erwähnten Unterschieden gab es auch Gemeinsamkeiten.Tobende Umzüge, Vermummung, auch Totenmasken sind bei beiden gemeinsam bezeugt. Eine weitere wanische Überlagerung zeigte sich, als man Wotan für das Gedeihen der Fluren dankte, und ihm dafür zu opfern begann. Später finden wir ihn auch an Stelle der Korngeister und Ackeralten.

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Wotan ist Ase, von Anfang ein Wesen ganz anderen Schlags als die Wanen, ein Herr geistiger Umkreise und ein alter Totengott. Aber ein furchtbarer, ein Vernichter, kein Fruchtbringer. Für manche mochte er „ein und alles“ werden, und so auch Schützer des Ackers. Das liegt aber nicht in seinem Wesen. Wir wollen in ihm, wie Jakob Grimm schrieb,das alldurchdringende Wesen des germanischen Glaubens sehen. Das Große an Wodan scheint uns zu sein, daß in ihm ein Innerliches, Geistiges so ganz zum Siege gelangt ist. Daß dieser alte Verlöscher, dessen bösartige Züge sich nie ganz verloren haben, zu einem großen Entzünder werden konnte. Daß er sich nicht an äußere Gebärde und Geschicklichkeit verlor, sondern in den Mittelpunkt alles menschlichen Werdens und Geschehens vordrang und sich die Seele als Sitz erkor. Er lehrt nicht Hiebe führen und wirft keine Kriegslose, er packt die Seele des Kriegers und füllt sie mit heiliger Wut. Er übermittelt nicht die Taschenspielergriffe des Zauberers, sondern er erzeugt den Seelenzustand, der die Naturkräfte aufhebt. Die Schrift, die er brachte, ist nicht Verständigungsmittel, sondern jedem Zeichen wohnt Macht und Seele inne. Seine Dichtkunst ist kein Können, sondern sie ist Wut, Genie, Ergriffenheit vom Göttlichen.

Daß diese Wut seinen Bekennern in allem das Wichtigste und Letzte ist, daß sie ihnen göttlich wurde, daß der Höchste ihnen zu einem Gott der Wut, des Enthusiasmus, der Seele, des Unkörperlichwerdens heranwuchs, das ist das Ewige und germanische an der Wodansgestalt.

Quelle: http://www.asatru.de/nz/index.php?option=com_content&view=article&id=105:wotan&catid=8:mythologie&Itemid=27

Gruß an die Ahnen

TA KI

Im Rausch der Pflanzen der Götter


 

Christian Rätsch

Im Rausch der Pflanzen der Götter

 

Der Rausch der Götter

Bei dem Wort Rausch denken die meisten Menschen an einen ganz bestimmten Rausch, nämlich den Alkoholrausch. Die Alkoholwirkungen sind sehr gut bekannt. Der Rausch beginnt mit einer angenehmen Heiterkeit und endet in Blackout und Delirium. Doch gibt es viel mehr Arten des Rausches, die ganz anders geartet sind. So bewirkt Opium einen Rausch, der durch Glückseligkeit, geistige Klarheit und Hellsichtigkeit charakterisiert ist. Der Haschischrausch ist durch eine anfägliche Euphorie und folgendem Assoziationsfluß gekennzeichnet. Der Kokainrausch zeichnet sich durch ein maßloses Geplapper aus. Der Rausch, der durch Nachtschattengewächse ausgelöst wird, kann als hypnotische Trance beschrieben werden. Die Räusche, die von Zauberpilzen, LSD oder Meskalin erzeugt werden, lassen sich am besten als visionäre Bewußtseinserweiterung umschreiben.

Gerade die bewußtseinserweiternden Pflanzen stehen seit alters her im religiösen Zentrum vieler Völker, werden rituell eingenommen und meistens »Pflanzen der Götter« genannt. Sie können nämlich unter der sachkundigen Führung eines Schamanen oder Priesters mystische Erfahrungen auslösen und die Menschen direkt mit der Welt der Götter in Verbin dung bringen. Pflanzen und Substanzen, die derartige Kräfte entfalten können, werden Phantastika (»die Phantasie erregend«), Psychedelika (»die Seele offenbarend«), Entheogene (»die Götter enthüllend«) oder Halluzinogene (»im Geiste herumwandern«) genannt. Sie kommen überall auf der Welt vor, doch ist der Grad ihrer Verwendung unterschiedlich. »Zweifellos gibt es nirgends auf der Welt eine solche Vielfalt und eine so intensive Verwendung der Halluzinogene im kulturellen Leben der Ureinwohner wie in Mexiko«, schreiben RICHARD E. SCHULTES und ALBERT HOFMANN in ihrem gerade wieder erschienenem Buch Pflanzen der Götter.

Die mexikanische Kulturgeschichte ist ohne den religiösen und schamanischen Gebrauch der Pflanzen der Götter nicht vorstellbar. Archäologische Funde deuten auf das hohe Alter der kultischen Verwendung. In den den kolonialzeitlichen Quellen werden sie oft genannt und z.T. detailliert beschrieben. Es gibt über hundert bewußtseinserweiternde Pflanzen in Mexiko, die bedeutsamsten sind die Zauberpilze (Psilocybe sp., Panaeolus sp.), der Peyotekaktus (Lophophora williamsii), die Winden (Turbina corymbosa, Ipomoea violacea) und die verschiedenen Stechapfelarten (Datura inoxia, Datura ceratocaula).
Das bedeutendste kolonialzeitliche Dokument der indinaischen Kultur ist eine Textsammlung des Franziskaners BERNARDINO DE SAHAGUN, der aztekische Edelleute und Gelehrte dazu brachte, mit europäischen Lettern aztekische Texte zu verfassen. In dem Kapitel, »in dem die Namen der vielen Pflanzen genannt werden, die einen verwirren, toll machen« heißt es vom Peyotekaktus:

»Dieser Peyote ist weiß und wächst nur dort im nördlichen, Mictlan genannten Gebiet. Auf denjenigen, der ihn ißt oder trinkt, übt er eine Wirkung wie Pilze aus. Auch sieht derjenige viele Dinge, die ihn ängstigen oder ihn zum Lachen bringen. Er beeinflußt einen vielleicht einen Tag, vielleicht zwei Tage, aber genauso läßt er nach. Dennoch fügt er einem Schaden zu, wühlt einen auf, berauscht einen, übt eine Wirkung auf einen aus. Ich nehme Peyote; ich bin aufgewühlt.« (SAHAGUN XI, 7)

Der spanische Arzt FRANCISCO HERNANDEZ schrieb in seiner Natur ge schich te Neu-Spaniens (1615) über den Peyote:

»Dieser Wurzel werden wunderbare Eigenschaften zugeschrieben, wenn man dem Glauben schenken will, was darüber gesagt wird. Diejenigen, die sie nehmen, bekommen die göttliche Gabe der Vorsehung und können künftige Dinge wie Propheten vorauswissen… Die Chichimeken glauben, daß die Kraft dieser Wurzel das ermöglicht«

Die Azteken nannten die nomadischen Stämme des Nordens allgemein Chichimeken. Unter diesen Völkerschaften befanden sich sehr wahrscheinlich die Ahnen der Huichol, die heute in der Sierra Madre leben, und die Tarahumara aus dem hohen Norden. Sowohl die Huichol als auch die Tarahumara haben den in die präkolumbische Zeit zurückreichenden Peyotekult bis heute bewahrt.

Die wichtigste mexikanische Pflanze der Götter neben dem Peyotekaktus ist der Pilz (Psilocybe mexicana) mit dem aztekischen Namen Teonanácatl, wörtlich übersetzt »Fleisch der Götter«. Ein weiterer von SAHAGUN gesammelter aztekischer Text berichtet über die Pilz-Rituale der Indianer:

»Das erste, was man bei derlei Zusammenkünften aß, war ein schwarzer Pilz, den sie Nanacatl nannten. Er wirkt berauschend, erzeugt Visionen und reizt zu unzüchtigen Handlungen. Sie nehmen das Zeug schon früh am Morgen des Festtages und trinken vor dem Aufstehen Kakao. Die Pilze essen sie mit Honig. Wenn sie sich mit ihnen trunken gemacht haben, beginnen sie erregt zu werden. Einige singen, andere weinen, andere sitzen in ihren Zimmern, als ob sie tief in Sorgen versunken wären. Sie haben Visionen, in denen sie sich selbst sterben sehen, und das tut ihnen bitterlich leid. Andere wiederum erschauen Szenen, wo sie von wilden Tieren angefallen werden und glauben aufgefressen zu werden. Einige haben schöne Träume, meinen sehr reich zu sein und viele Sklaven zu besitzen. Andere aber haben recht peinliche Träume: sie haben das Gefühl, als seien sie beim Ehebruch ertappt worden oder als wären sie arge Fälscher oder Diebe, die nun ihrer Bestrafung entgegensehen. So haben alle ihre Visionen. Ist der Rausch, den die Pilze hervorrufen, vorbei, sprechen sie über das, was sie geträumt haben und einer erzählt dem anderen seine Visionen.« (SAHAGUN IX)

Kaum eine andere Zauberpflanze ist so typisch für den schama ni schen und kultischen Gebrauch wie der heilige Pilz. Die mazatekische Heilerin MARIA SABINA sagte dazu:

»Die Pilze geben mir die Macht, alles umfassend zu sehen. Ich kann bis zum Ursprung hinabblicken. Ich kann dorthin gehen, wo die Welt entspringt. Der Kranke wird gesund und die Angehörigen kommen und besuchen mich dann, um mir zu sagen, daß eine Erleichterung eingetreten ist. Sie bedanken sich und bringen mir Schnaps, Zigaretten und ein bißchen Geld mit.«

In der kolonialzeitlichen Literatur ist noch eine andere Pflanze der Götter, die Winde Ololiuqui (Turbina corymbosa), sehr gut bekannt:

»Seine Blätter sind schlank, strickartig, klein. Sein Name ist Ololiuhqui. Es berauscht einen; es macht einen wahnsinnig, wühlt einen auf, macht einen toll, macht einen besessen. Derjenige, der es ißt, der es trinkt, sieht viele Dinge, die ihn in hohem Maße erschrecken. Er ist wirklich geängstigt von der großen Schlange, die er aus diesem Grund sieht.
Derjenige, der Leute haßt, veranlaßt einen, es im Getränk und in der Nahrung zu verschlucken, um einen toll zu machen. Allerdings riecht es sauer; es brennt ein wenig im Hals. Gegen die Gicht wird es nur auf der Oberfläche aufgetragen.«
(SAHAGUN XI, 7)

Der spanische Arzt FRANCISCO HERNANDEZ schrieb in seinem Rerum medicarum Novae Hispaniae thesaurus über Ololiuqui:

»Es gibt in Mexiko ein Kraut, daß heißet Schlangenkraut, eine Schlingpflanze mit pfeilförmigen Blättern, die deshalb auch das Pfeilkraut genannt wird. Der Same dient in der Medizin. Zerrieben und getrunken mit Milch und spanischem Pfeffer, nimmt er die Schmerzen weg, heilt allerhand Störungen, Entzündungen und Geschwülste. Wenn die Priester der Indianer mit den Geistern Verstorbener in Verkehr treten wollen, genießen sie von diesen Samen, um sich sinnlos zu berauschen, und sehen dann Tausende von Teufelsgestalten und Phantasmen um sich.«

Dem spanischen Missionar HERNANDO RUIZ DE ALARCON verdanken wir die detailliertesten Berichte über den indianischen Gebrauch der Zauberpflanzen (Ololiuqui, Peyote) der späteren Kolo­nial zeit. Seine Schriften wurden 1629 unter dem Titel Traktat über die heidnischen Aberglauben, die heute zwischen den Indianischen Eingeborenen Neu-Spaniens lebendig sind (1629) veröffentlicht. Dieses Werk wurde eine Art »Hexenhammer«, die juristische Grundlage der Hexen verfolgung in der Neuen Welt. Über den Gebrauch von Ololiuqui, der mit dem Gebrauch von Peyote gleichgesetzt wird, heißt es darin:

»Das sogenannte Ololiuqui ist ein Samen wie Linsen oder Linsenerbsen, der, wenn er getrunken wird, einem die Urteilskraft entzieht. Und das Vertrauen, daß diese unglücklichen Eingeborenen in diesen Samen setzen, ist erstaunlich, denn, wenn sie davon trinken, befragen sie ihn wie ein Orakel bei allem, was sie zu wissen wünschen, sogar die Dinge, die über das menschliche Wissen hinausreichen, wie die Gründe für Krankheiten; beinahe jeder von ihnen, der an Schwindsucht, Tuberkulose, Durchfall oder an sonst einer hartnäckigen Krankheit leidet, führt diese auf Verhexung zurück. Und um diese Probleme zu beheben, wie auch Fragen über gestohlene Dinge und Angreifer zu beantworten, lassen sie diesen Samen von einem ihrer zweifelhaften Doktoren befragen, von denen einige genau diese Aufgabe haben, nämlich den Samen zu solchen Befragungszwecken zu trinken, und diese Art von Doktor wird payni genannt – wegen dieser Aufgabe, für die er sehr gut bezahlt wird, und sie bestechen ihn auf ihre Art mit Essen und Trinken. Falls der Doktor diese Funktion ablehnt oder sich von dieser Tortur befreien möchte, rät er dem Patienten, den Samen selbst zu trinken oder eine andere Person, für deren Dienste sie genau wie für den Doktor bezahlen, aber der Doktor bestimmt für ihn den Tag und die Stunde, zu der er ihn trinken soll, und er sagt ihm, zu welchem Zweck.
Endlich, ob es der Doktor selbst oder eine andere Person an seiner Stelle ist, um diesen Samen zu trinken, oder einen namens Peyote, der eine andere kleine Wurzel ist, und zu dem sie das gleiche Vertrauen zeigen wie zu den ersteren, schließt er sich in einen Raum ein, der üblicherweise sein Gebetsraum ist, und wo keiner hinein darf, während der ganzen Zeit der Befragung, die so lange andauert wie der Befrager nicht bei Sinnen ist, denn das ist die Zeit, in der, wie sie glauben, das Ololiuqui oder Peyote ihnen das Gewünschte eröffnet. Sobald der Rausch oder der Entzug der Urteilskraft vorbei ist, erzählt der Betroffene zweitausend Schwindel, unter welche der Teufel meistens ein paar Wahrheiten streut, so daß er sie vollkommen getäuscht oder betrogen hat. […]
Sie machen auch Gebrauch von dem Trank, um Dinge zu finden, die gestohlen, verloren oder verlegt wurden, um zu erfahren, wer sie genommen oder gestohlen hat.«

Die Verteufelungskampagne

Als die Europäer in die Neue Welt drängten, begegneten sie erst mals Schamanen, die sie abschätzig als »Zauberer« und »Schwarzkünstler« bezeichneten. Ihre Götter oder Hilfsgeister wurden als Götzen, Idole und Teufelswerk degradiert; ihre heiligen Tränke als Hexengebräu diffamiert. So heißt es in einem kolonialzeitlichen Inquisitionsschreiben von D. PEDRO NABARRE DE ISLA (erlassen am 29.6.1620):

»Was die Einführung des Gebrauchs des Krautes oder der Wurzel namens Peyote […] zwecks Aufdeckung von Diebstählen, Weissagungen anderer Begebenheiten und das Prophezeien zukünftiger Ereignisse anbelangt, so handelt es sich dabei um Aberglauben, der zu verurteilen ist, da er sich gegen die Reinheit und Unversehrtheit unseres Heiligen Katholischen Glaubens richtet. Dies ist sicher, denn weder das genannte noch irgendein anderes Kraut kann die Kraft oder ureigene Eigenschaft besitzen, die behaupteten Folgen hervorbringen zu können, noch kann irgendeines die geistigen Bilder, Phantasien oder Halluzinationen verursachen, auf denen die erwähnten Weissagungen gründen. In diesen letzten sind klar die Einflüsse und Eingriffe des Teufels erkannt, des wirklichen Verursachers dieses Lasters, der sich zuerst die natürliche Leichtgläubigkeit der Indianer und ihre Neigung zur Idolatrie zu Nutzen macht, und dann viele andere Menschen niederstreckt, die Gott nicht genug fürchten und nicht genug Glauben besitzen.«

Durch das inquisitorische Vorgehen der Kirche wurde der indianische Gebrauch der Pflanzen der Götter in den Untergrund gedrängt und seit etwa 100 Jahren wiederentdeckt.

Die wissenschaftliche Forschung

Der sicherlich bedeutendste Naturwissenschaftler, der die mexikanischen Zauberpflanzen erforscht hat, ist der 1906 geborene Schweizer Chemiker Dr. ALBERT HOFMANN. Der mit zahlreichen Ehrendoktortiteln ausgezeichnete Forscher ist zwar bekannter durch die Entdeckung seines »Sorgen- oder Wunderkindes« LSD; aber gerade diese Entdeckung führte ihn direkt zu den mexikanischen Schamanen und ihren Wundermitteln. In den frühen Sechziger Jahren folgte er einer Einladung von dem Pilzforscher GORDON WASSON nach Mexiko. Dort lernte er die mazate kische Schamanin MARIA SABINA kennen und durfte bei einem ihrer nächtlichen Rituale die bewußtseinserweiternden Zauberpilze selbst probieren. Die Wirkung erinnerte den Schweizer an das LSD. Er besorgte sich daraufhin eine ausreichende Probe besagter Pilze und untersuchte sie in seinem Basler Labor. Durch mutige Eigenversuche konnte er schließlich als erster Mensch die »chemische Seele« der Zauberpilze extrahieren und der Welt die Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin vorstellen. HOFMANN untersuchte auch die Samen der Windengewächse und konnte darin einen LSD-ähnlichen Wirkstoff entdecken. Ähnlich wie seinerzeit das LSD wurden auch die Pilz- und Windenwirkstoffe zunächst in der Psychiatrie eingesetzt.
Aber schon seit dem letzten Jahrhundert kennt die westliche Psychiatrie be wußt seins verändernde Drogen. Die erste Substanz, die in der Psychiatrie getestet und verwendet wurde, war das Meskalin. Es wurde um die Jahrhundertwende erstmals aus dem mexikanischen Peyotekaktus extrahiert, chemisch aufgeklärt und synthetisiert. Man interpretierte damals die Wirkung des Meskalin auf eine gesunde Versuchsperson als Zustand, den man sonst nur an psychopathologischen Patienten kannte. Die Idee der pharmakologisch ausgelösten »Modellpsychose« kam auf. Die Wirkung des Meskalins (und die der Pilze oder des Psilocybins) wurde als »Intoxikation, toxische Ekstase, Bewußtseinstrübung, Halluzinose, Modellpsychose, Drogenrausch, Emphase, Tag traum« usw. beschrieben. Verständlicherweise ist der Gebrauch von Drogen, die anscheinend pathologische Zustände auslösen, in der Psychiatrie und Psychotherapie nach wie vor umstritten.
Der Indianer kennt nicht unsere Probleme. Er muß nicht über abstrakte Definitionen nachgrübeln, braucht nicht erkenntnistheoretische Überlegungen anzustellen. Für ihn ist der Fall klar: Trance ist kein »veränderter Bewußtseinszustand«, sondern der Kontakt zur wahren Wirklichkeit, die Verschmelzung oder Begegnung mit einer Gottheit oder die Reise der Seele in die Unterwelt oder jene Regionen, die jenseits der Milchstraße liegen. Die erfahrene Vision ist keine Illusion oder Halluzination, sondern ein temixoch, ein »Blühender Traum«.

Die Pflanzen der Götter in der modernen Welt

Jedes Jahr im Herbst schwärmen die Pilzsammler in den Schweizer Jura. Einige suchen leckere Speisepilze, andere sammeln die »Zwergenmützen«, »Halluzipilze« oder einfach »Pilzli« genannten einheimischen Verwandten der mexikanischen Zauberpilze, die Spitzkegeligen Kahlköpfe (Psilocybe semilanceata). Obwohl der rituelle Gebrauch der heimischen Pilze schon den Alpennomaden bekannt gewesen sein soll, wurde der modernen Pilzgebrauch doch indirekt durch die Forschungen ALBERT HOFMANNs ausgelöst. Die Kraft der einhemischen Pilze steht der ihrer mexikanischen Verwandte in nichts nach. Auch sie bewirken Visionen von anderen Wirklichkeiten, erzeugen mystische Erfahrungen und lassen in den Pilzgenießern eine tiefe spirituelle Verbindung mit der Natur entstehen. Werden sie allerdings in einer unverantwortlichen Weise verzehrt, können sie grauenhafte Horrorvisonen und angstvolle Ichauflösungen erzeugen.
Der englische Philosoph und Schriftsteller ALDOUS HUXLEY führt die religiösen Konzepte von »Himmel« und »Hölle« auf derartige bewußtseinserweiternde Erfahrungen zurück. HUXLEY experimentierte selbst aus giebig mit den mexikanischen Zauberpflanzen und ALBERT HOFMANNs Produkten. Er erkannte in diesen Erfahrungen die »Antipoden der Psyche«; sich mit ihnen auseinanderzusetzen erschien auch ihm wertvoll. In seinem Buch die Pforten der Wahrnehmung schrieb er:

»Jede Erfahrung mit Meskalin, jede in der Hypnose entstehende Vision ist einzigartig; aber alle gehören unverkennbar derselben Kategorie an. Die Landschaften, die architektonischen Gebilde, die zu Büscheln geballten Edelsteine, die leuchtenden, verschlungenen Muster – sie sind in ihrer Atmosphäre übernatürlichen Lichts, übernatürlicher Farben und übernatürlicher Bedeutsamkeit der Stoff, aus dem die Antipoden der Psyche gemacht sind. Warum das so ist, das wissen wir nicht. Es ist eine nackte Erfahrungstatsache, die wir, ob es uns paßt oder nicht, hinnehmen müssen – genauso wie wir die Tatsache hinnehmen müssen, daß es Kängurus gibt.«

Quelle: Natürlich

Quelle: http://www.christian-raetsch.de/Artikel/Artikel/Im-Rausch-der-Pflanzen-der-Goetter.html

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Gruß an die Wahrheit

TA KI